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Full text of "Jahrbuch für romanische und englische Literatur"

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JAHRBUCH 

FÜR 

ROMANISCHE und ENGLISCHE 
LITERATUH 

UNTER BBSONDERER MITWIRKUNG 

VON 

FBKDINAND WOLF 

HERAUSGEGEBEN 
VON 

Dr. ADOLF EBERT, 

PBOFBSSOB AN BEB UNIVERSITÄT LEIPZIG. 

FÜNFTER BAND. 



LEIPZIG: 

F. A. BROCK HAUS. 



1864. 



\ 



THE NEW Y^I^K 
PUBLIC LibKARY 



Das „Jahrbuch für romanische und englische Literatur" wird vom 
sechsten Band ab von Herrn Dr. Ludwig Lbmcke, Professor an der Uni- 
versität Marburg, herausgegeben und wird das nftchste Heft Anfang 1866 
erscheinen. 



Inhalt. 

Seite 

Volksmärchen aus Frankreich; von Reinhold Kohler 1 

Le Perceval de Chrestien de Troyes. Un manascrit inconnu. — 

Fragment unique de ce manascrit; par CA. Potvin .... 26 
Stadien zar Geschichte des mittelalterlichen Dramas. I. Die älte- 
sten italienischen Mysterien; von Adolf Ebert 51 

Kritische Anzeigen: 

Historia critica de la literatara espaflola, por Jose Amador de 

los Rios. Tom. I^II; angezeigt von Ferdinand Wolf . . 80 
Miscellen : 

Zum Eaafmann von Venedig; von Felix Liehrecht 135 

Zum Ossian; von H, J, Heller . . 135 

Zum Cod. ital. Monac. 165; von Adolf Mussafia 136 



Catalanische Dichter. Erste Periode. Von den Anfängen des 

14. bis zu den des 15. Jahrhunderts; von if. Mild y FontanaU, 137 
Antichrist and the Signs before the Doom. Now first publibhed 

from a Cottoni j Ms. by Richard Morris 191 

Li dis des VUI blasons, von Jehan de Batery; herausgegeben 

von Adolf Tobler 211 

Ejritische Anzeigen: 

Le Bresil litteraire. Histoire de la litterature bresilienne suivie 
d'un Choix de morceaux tires des meilleurs auteurs bresi- 
liens, par Ferd. Wolf; angezeigt von A. Ebert .... 222 
Francisci Petrarcae Aretini carmina incognita ex codd. biblioth. 

Monacensis ed. 6. M. Thomas; angezeigt von Karl Witte. 240 
Miscellen : 

Ich bin gehabt = ich bin gewesen; von A. Mussafia .... 247 



Ueber das VerhältniA des Brut y Tysylio zu Gottfried's Historia 

regnm Britanniae; von Friedrich Zamcke 249 

Zur Geschichte der portugiesischen Nationalliteratur in der neue- 
sten Zeit; von Ferdinand Wolf 265 



IV Inhalt. 

Seile 
Ein Motto Confetto des veroneser Dichters Francesco di Vannozzo ; 

von Ju8tu8 Orion 327 

Ueber eine neuentdeckte altfranzösische Bearbeitung des Petrus 

Alfonsus; von A, Wallen/eis 339 

Kritische Anzeigen: 

Irving, The history of scottish poetry; angezeigt von A. Wolf, 345 
The romance of Blonde of Oxford and Jehan of Dammartin by 
Philippe de Reimes, edit. by Le Roux de Lincy; angezeigt 

von Adolf Muasaüa 350 

Miscellen : 

Philipps von Thaun „Li vre des Creatures**; von A, Ebert . . 358 



Volksthümliche Benennungen von Monaten und Tagen bei den 

Romanen; von 0. Freiherm von Düringsfeld 361 

Bribes d'histoire litteralre; par Paul Meyer ........ 393 

J&um Breviari d'anior; von A, Mitssafia 401 

Kritische Anzeigen: 

Etüde sur le role de Taceent latin dans la langue fran^aise, 

par G. Paris; angezeigt von Friedrich Diez 406 

Altfranzösische Gedichte aus venezianischen Handschriften^ her- 
ausgegeben von A. Mussafia; angezeigt von Karl Bartsch, 414 
Ueber die Quelle der altspanischen „Vida de S. Maria egipciaca", 

von A. Mussafia; angezeigt von Karl Bartsch 42 1 

Miscellen : 

Nachwort über die waldensische Sprache; von Grüzmacher , , 424 
Eine Emendation zu Palermo, Ms. Palat. 2, 346; von A, Mussafia, 426 

Bibliographie des Jahres 1862; von A, Ebert 427 

Register 461 

Verzeichnifs der Mitarbeiter und ihrer Beiträge zu den ersten fünf 

Bänden 465 



Volksmärchen aus Frankreich. 

In Frankreich war bisher für die Sammhing der noch 
in den Provinzen im Volksmund umlaufenden Märchen 
mit Ausnahme der Bretagne, wo Emile Souvestre ge- 
sammelt hat, wenig oder nichts geschehen. Um so er- 
freulicher ist es, dafs wir jetzt auf zwei in allemeuster 
Zeit erschienene derartige Sammlungen aufmerksam ma- 
chen können. Herr Cittao Moneaut hat uns mit einer 
Märchensammlung aus der Gascogne, seinem Yaterlande, 
beschenkt*) und Herr E. BecMvais hat einer verdienst- 
lichen Uebersetzung norwegischer und finnischer Märchen 
vier Märchen aus seiner Heimath, der Cdtc d'Or in Bur- 
gund, zur Probe und um zu weitem Sunmlungen in Bur- 
gund anzuregen, beigegeben.*) 

Der gascognische Sammler sagt uns in der Vorrede 
nur, dafs er die Märchen auf dem Land in Gascogne 
gesammelt habe. Näheres über die Erzähler erfahren wir 



^) Contes populaires de la Gascogne par C^nac Moneaut. Paris, 
E. Dentu, 1861. Acht von den Märchexl hatte O^nac Moneaut in seiner 
Voyage archeologiqne et historiqne dans les aneiens comtäs d'Astaffac 
et de Pardiac, soivi d*iui esaai sur la langue et la ILtterature gasconne, 
Paris, Didron, 1856, S. 191- 249 schon erzählt, worin auch S. 137—190 
interessante gascognische Lieder mitgetheilt sind. 

*) Contes populaires de la Nervige, de la Ftnlande et de la Bour- 
gogne, suivis de po^sies norv6giennes imit^es ea vers avee des intro- 
duetions par E. Beaayois, Secr^taire de la Societe d'ethaograjphie de 
Paris, membre de la Sod^te de litterature finnoise a Helsingfors. Paris, 
E. Dentu, 1862. 

Jahrb. f. rom. u.. engl. Lit. V. 1. ^ 




2 Köhler 

leider nicht. Er theilt die zwanzig Märchen in vier 
Gruppen, die von einer Grofsmutter beim Kamin den 
Kindern, von einem Wildschützen den rastenden Feldar- 
beitern, von einer jungen Hirtin ihren Gefährtinnen und 
von einem alten Landmanne dem Gesinde beim Lein- 
und Hanfklopfen erzählt werden. Er erzählt ansprechend 
und bringt zuweilen geschickt acht volksmäfsige Wen- 
dungen an, doch hätte er noch einfacher und kürzer er- 
zählen können und manchen Aufputz, der den gebildeten 
Erzähler verräth, weglassen müssen. Indem ich im fol- 
genden einen möglichst gedrängten Auszug der Märchen 
und Erzählungen gebe, fuge ich zugleich — was der 
franzosische Herausgeber durchaus nicht gethan hat — 
eine Yergleichung verwandter Märchen bei. 

S. 5. Rira bien qui rira le dernier. 

Jean du Boucau trifft vor der kleinen Stadt Andaye 
einen Menschen^ der wie todt daliegt und von den Vor^ 
übergehenden mit Fußtritten mißhandelt wird. Er be- 
stellt einen Sarg und will den Leichnani bestatten. Als 
er ihn aber in den Sarg legen will, erhebt sich der Todt- 
geglaubte und erzählt ihm, dafs er ein sehr verschuldeter 
Mann sei, der sich todt gestellt habe, jim seine Gläu- 
biger zu hintergehen und, da sie ihn ohne Sarg und 
nicht tief eingescharrt haben würden, Nachts zu fliehen. 
Jean gibt ihm eine grofse Geldsumme, mit der Uartia 
seine Gläubiger bezahlt» Nach mehreren Jahren nimmt 
Jean, der auf Korsarenschiffe Jagd macht, ein Schiff mit 
vielen christlichen Gefangenen, darunter zwei Prinzessin- 
nen; Capitain des Käuberschiffes ist Uartia. Jean fuhrt 
ihn ans Land nach Andaye, findet dort jenen Sarg noch, 
den ein Landbauer als Trog benutzt, steckt Uartia hinein 
und wirft ihn so ins Meer. 

Hier haben wir eine der ärgsten Entstellungen eines 
Märchenstoffes, die es nur geben kann, des Märchens 
nämlich von dem dankbaren Todten, über welches ich 
in Anschlufs an Simrock's Buch „Der gute Gerhard und 
die dankbaren Todten" in Pfeiffer's Germania ULI, 199 ff., 
wo ich besonders auf das franzosische Märchen von 



Volksmärchen ans Frankreich. 3 

Jean von Calais au&ierksain gemacht habe, und neuer- 
dings in meiner Anzeige von Campbell's gäliscben Mär- 
chen (populär tales of the West Highlands) ,im zweiten 
Band von Benfey's Orient und Ooeident ssn Nr. 32 der 
Märchen ausführlich gehandelt habe. 

S. 14. La difroquß de la grand^vihre* , 

Moralische Erzählung von drei Enkeln, die durch 
Stucke ^aus dem Nachlass ihrer braven Grolsnuitter an 
die letztere erinnert und dadurch theilweise von Sünden 
abgehalten werden. 

S. 32. Maitre Jean Vhaiile komme, 

Jean schickt am Morgen nach der Hochzeit seine 
einfältige Frau nach Wasser. Sie kehrt nicht zuriick, er 
schickt ihr die Mutter, dann den Yater nach. Endlich 
geht er selbst zur Quelle und tri£% die drei in eifingem 
Gespi^he darüber, woher sie die etwa später nothwen- 
dige Wiege sich verschaffen sollen. Jean zieht nun ans 
und erklärt nicht eher heimzukehren als bis er drei 
ebenso dumme Leute gefunden. Er trifft aber sehr bald 
eine Frau, die ihr Schwein mit dem Prügel auf eine 
Eiche zu treiben versucht, statt dafs sie ihm die Eicheln 
herabschlägt, eine andre, die mit einer. Heugabel statt 
mit einer Schaufel Nüsse in den Speicher zu schaufeln 
sich abmüht 9 und endlich eine dritte, die ihrem alten 
schwachen Manne die Hosen nicht anzuziehen vermag, 
weil sie beide Beine zugleich darein bringen will. 

Ganz ähnlich ist ein Märchen der Sachsen in Sieben- 
bürgen (Haltrich, Deutsche Volksmärchen aus dem Sach- 
senlande in Siebenbürgen, Nr. 66), wo idie Frau und 
ihre Aeltern in ähnlicher Weise sich albern benehmen 
und der Mann auszieht um zu sehen, ob es noch solche 
dumme gibt. Er findet drei und darunter, wie im fran- 
zosischen Märchen, auch eine Frau, die ihrem Manne 
die Hosen zugleich an beide Beine anziehen will. Aehn- 
lich im ganzen sind auch die galischen Märchen Nr. 20 
und besonders 48 bei Campbell und der Anfang des 
Märchens 34 bei Grimm. 

1* 



4 Köhler 

S. 39. Qairette au la chaaie aux maris. 
Clairette sudit einen Mann zu bekommen; es miis- 
glüekt ihr aber, so lange sie nur Aeufserlichkeiten ihrer 
glucklicheren Freundinnen nachahmt. 

S. 50. Le meunier et le marquia. 

Der Marquis von Loubersan , Ecuyer Ludwigs XVI., 
gibt seinem Erzpriester auf seinem Oute vier Fragen zu 
rathen auf, wo der Mittelpmikt der Welt sei, wie viel 
der Marquis werth sei, was er denke und welche Zahl 
in zwei Eiern eingeschlossen sei. Der Müller verkleidet 
sich für den Priester und beantwortet die Fragen. 

Btter haben wir den bekannten Schwank von den 
(drei oder vier) Fragen, die einem aufg^eben werden 
und die ein dritter, der jenes Kleidung anlegt, für ihn 
beantwortet. (Vgl. meine Nachweise im Orient und Oc- 
cident I, 439 und Gampbell^s gälische Märchen Nr. 50.) 

Die drei ersten Fragen beantwortet der Müller in 
der bekannten Weise. Was die vierte, dem gascognischen- 
eigene Frage betrifft, so erklärt er, zwei Eier seien eben 
nur zwei Eier. Der Marquis aber behauptet, wo zwei sei, 
da sei auch eins, eins und zwei mache drei, also seien 
es drei Eier. Wolan, sagt da der Müller, so nehme ich 
die bdden Eier, die da liegen, der Herr Marquis behalte 
das dritte. 

S. 57. Le sac de La Ramee. 

La Ramee, ein wandernder Krämer, erhält von St. Pe- 
ter, der ihm zweimal als Bettler begegnet und dem er 
beidemal ein Almosen gegeben hat, einen ledernen Sack, 
in den er alles hineinwünschen kann. Als er gestorben, 
will ihn St. Peter, weil er den Sack oft gemifsbraucht 
und fremdes Eigenthum durch ihn sich angeeignet hat, 
nicht ins Paradies lassen, aber La Kamee wirft den Sack 
ins Paradies und wünscht sich dann in den Sack. 

Im deutschen Märchen vom Bruder Lustig, Grimm 
Nr. 81 und Bd. III, S. 133, Meier Volksmärchen aus 
Schwaben Nr. 62, erhält der Bruder Lustig von St. Peter 
einen Ranzen, wie La Ramee, und kommt dann auf 
gleiche Weise trotz St. Peter in den Himmel. Ebenso 



Volksmärchen an» Frankreich. 5 

in einem schwäbischen M&rchen, Meier Kr. 78, wo ein 
Handwerksbursch von St. Peter einen Sack erhalt, in den 
aiies^ hineinmufs, zu dem er sagt: Hui in meinen Sackl 
Zuletzt wirft er den Sack in den Himmel und sagt zu 
sich selbst: Hui in meinen Sackl Vgl. auch die Mar* 
chen bei Pröhle, Eändermärchen Nr. 16, Ey Harzmar* 
ohenbuoh S. 118, Zingerle Kinder ^^ und Hausmarchen 
^us Süddeutschland S. 43. 

Ein andalusisckes (Caballero cuentos y poesias popu^ 
lares andalnoes, Leipzig 1861, S. 75; F. Wolf Beitrage 
zur spanischen Volkspoesie aus den Werken F. Caba^ 
Uero's S. 74) und em bohmia^iea Märchen (Waldau boh« 
misches MEvohenbuch, Prag 1860, S. 526) haben den 
eigenen Schlui's, dafs der Besitzer des Ranzen oder 
Sackes, im andalusisehen ein abgedankter Soldat, Juan 
Soldado, im böhmischen ein armer Besenmacher, Pip^ 
ak ihn St. Peter nicht einlassen will, den Hmligen seUbst 
in den Banzen oder Sack wünscht. 

In den meisten der genannten Märehen. ^hat sich der 
Besitzer des Sackes oder Ranzens durch seinen Sack den 
Teufeln sehr gefahrlidi gezeigt imd erhält deshalb zuerst 
keinen Einlafs in der Hölle, worauf er sein Glück im 
Himmel yersucht. So greift das Märchen über in das 
Märchen von dem Schmiede und dem Teufel oder dem 
Tod, worüber man Grimm zu Nr. 82 vergleiche. In un- 
serm gascognischen Märchen fehlen Teufel und HoUe. 

S., 69. Ramonet ou les pichis capitaux. 
Lange, unbedeutende und wohl ziemlich neue Ge- 
schichte von einem alten Fischer , der sich an drei Fein- 
den, einem Gourmand, einem Eingebildeten und einem 
Habsüchtigen rächt, indem er jeden derselben anführt. 

S. 90* Juttw^le-faindant. 
Ein auf seine Klugheit sehr eingebildeter Gutsbesitzer 
fragt, indem er zu Pferde vor der Thür der Meierei 
halt, einen seiner Arbeiter, der im Haus vor dem Heerde 
liegt: Bist du allein im Haus? Jetzt nicht, antwortet 
Juan, denn ich sehe die Hälfte von zwei Vierfufslern ! 
Was machst du? fragt der Herr. Ich koche gehende und 



6 Kohler 

kommende (Je fais cuire des aUuits et des Tenaots). Was 
macht dein Bruder? Er jagt; was er fängt ^ wirft er. weg; 
toflw er nicht fängt ^ trägt er fort. Was macht deine Mut- 
ter? Vor Tages Anbruch btik sie das Brot, das wir «o- 
rige Woche gegessen haben j am Morgen schnitt sie den 
Gesunden die Kopfe ab , um die Kranken gesund zu machen^ 
jetzt schlägt sie die Hungrigen und zwingt die Satten zu 
essen. Was macht dein Vater? Er ist im W*einberg und 
thut Gutes und Böses. Der Herr versteht die Antworten nicht 
und geht erzürnt zum Vater des Burschen, der sie ihm aus- 
legt. Der Bursche sieht hiemach die beiden Beine des 
Herrn und die zwei VorderfiiTse des Pferdes. Er kocht 
Bohnen, die im kochenden Wasser auf* mud absteigen, 
kommen und gehen. Der Bruder laust sich und wirft 
die gefangenen Liäuse weg, die nicht gefangenen trägt er 
mit sich fort Die Mutter bäckt Brot für die I^achbam, 
von denen sie vorher Brot geborgt hatte,- das inzwischen 
gegessen worden ist; sie schlachtdt 'junge Hühner für 
ihre kranke iMutter; sie verscheucht die hungrigen Hüh- 
ner und nudelt die Gänse. Der Vater beschneidet die 
Weinstocke, und indem er dabei manche gute Rebe mit 
wegschneidet, manche schlechte nicht berührt, thut er 
Gutes und Böses. Der Herr gibt nun dem Juan drei 
Au%aben auf; wenn er sie nicht lost, soll er vom Hofe 
weggejagt werden« Erstlich soll er mit einem andern 
Knechte van die Wette essen \ zweitens mit einem dritten 
um die Wette werfen^ drittens eine Eiche so mit einem 
Steine treffen^ dafs sie blute. Juan siegt im Efswett- 
kampf, indem er den Brei nicht ifst, sondern unbemerkt 
in seine Blouse schüttet. Im Werfen siegt er, indem er 
statt eines Steines unbemerkt einen Vogel in die Luft 
wirft. Dafs die Eiche zu bluten scheint, bewirkt er, in- 
dem er ein Ei auf sie wirft.') Trotzdem dals Juan somit 
gesiegt hat, jagt ihn sein Herr doch fort. Aber nach 
einigen Monaten kommt er als vornehmer Herr wieder 

^) D«r andere Knecht sagt zum Herren, als der verlangt, dafs sie 
den Baum blutig werfen sollen: Prenez-vous cet arbre pour un crimi- 
nel digne d*etre lapidö? Songez que Z)tew le baptise toutes lesfotB qu'il 
pieut; il est trop hon chretien pow que le ciel ne prenne pas m defense. 



Volksmärcheii aos Frankreich. 7 

und erklärt er sei ein Verkäufer von StuAen, die nickte 
koaben^ geworden, d. h. ein Dieb. Der Herr verlangt nun 
von ihm, er solle ihm die Nacht eein Pferd etefden. Juan 
führt dies aus, indem er dem Herrn in einigen vermeint- 
lichen Prisen Schnupftabak Schlafjpulver beigebracht hat, 
so daTs dieser, der die Nacht im Stalle auf seinem Pferde 
zubringt, auf dem Pferde einschlaft und Juan ihm das 
Thier unter den Beinen wegstiehlt. 

In diesem Märchen haben wir lose verbundene Theile 
mehrerer sonst nicht zusammengehörender Märchen. Der 
Wettkampf, wer am meisten ifet und am weitesten wvrft^ 
ist aus dem weitverbreiteten Märchen entnommen von 
dem lüesen oder einem ähnlichen Wesen (einem Teufel 
bei Haltrich Nr. 27, einem Ghul in dem persischen in 
Kletke's Märchensaal TTI, 54), der von einem schwachen 
Menschen, zuweilen einem Knaben, meist einem Schnei- 
der, einmal (bei Htdtrich) einem Schulmeister, überlistet 
wird, und zwar findet sieh das Werfen des Vogels statt 
des Steines bei Grimm Nr. 20, Müllenhoff Sagen, Mär- 
chen imd Lieder aus Schleswig S. 442, Kuhn Märkische 
Sagen, und Märchen Nr. 11, Schonwerth Aus der Ober- 
pfalz n, 280, Haltrich Nr. 27. In dem schwedischen 
Märchen bei Hylten-Cavallius und G. Stephens (Schwe- 
dische Yolkssagen und Märchen, deutsch von Oberleitner, 
Nr. 1*) wirft der Biese ein Beil in die Imft, der Hirten- 
knabe wirft sein Beil rückwärts in seinen Sack, während 
der Riese glaubt, er habe es so hoch geworfen, dafs es 
gar nicht wieder herabfalle. Das Essen um die Wette 
kömmt vor bei MüUenhofi, Hylten-Cavallius, Asbjomsen 
und Moe Norske Folkeeventyr Nr. 6, im englischen Mär- 
chen vom Riesentodter Jack bei Halliwell populär rhymes 
and nursery tales S. 67 und in einem gälischen bei Camp- 
iell Nr. 45, in welchen Märchen allen der Listige den 
vorgebundenen Sack oder dergleichen zuletzt sich auf- 
schneidet, um sich zu erleichtern, was der ßiese an sei- 
nem Leibe nachmacht und so umkommt^ ein Zug, der 
im gascognischen fehlt. Eigen ist dem gascognischen 
Märchen die Aufgabe aus einem Baume durch den Wurf 
Blut fliefsen zu machen. Vielleicht ist dies Entstellung 



8 Köhler 

des in den meifiten hierhergehorigen Märchen (Grimm, 
Müllenhaff, Kuhn, SchSnwerih, Meier Volksxn. aus Schwa- 
ben Nr. 37, Haltrich, Etlar Eventyr fra Jyjland S. 29, 
Hylten-CavalKus, San-Marte Beiträge zur breton. Helden- 
sage S. 143) Yorkommenden Zuges, dafs der Riese aus 
einem Steine Wasser hei^ausdruckt, was der Mensch ihm 
mit einem Käse, im persischen Märchen mit einem £i, 
nachmacht. 

Der Diebstahl des Rossee kommt neben andern Auf- 
gaben in mehreren Märchen von gelernten Dieben vor, 
so bei Grimm Nr. 192, Kuhn und Schwartz norddeutsche 
Sagen S. 332, Schambach und Müller niedersächsische 
Märchen S- 316, Vemaleken Mythen Oesterreichs S. 27, 
Asbjömsen Nr. 34, Gan4)bell Nr. 40, ^und zwar meist aus- 
geführt durch Verkleidung und Anwendung eines Schlaf- 
trunkes. 

Zu den räthselhaften Antworten vergleiche man Zin^ 
gerle^s Kinder- und Hausmäreh^a S. 42 und das Gespräch 
zwischen Salomon und Markolf. Markolf sagt zu Salomon, 
der mit seinem Pferde in der Thüre hält, jetzt seien andert- 
halb Mann und ein Rofskopf im Haus. Die kochenden 
Bohnen werden auch dort als die auf- und niedersteigen- 
den bezeichnet. Der Bruder tödtet was er findet (vgl. von 
der Hagen's Narrenbuch S. 236 und das Gedicht von 
Markolf bei von der Hagen imd Büsching S. 52). Im 
Bertoldo kommen ebenfalls „gli ascendenti e discendenti^% 
und der Bruder, der tödtet soviel er findet, vor. Genau 
aber mit dem gascognischen stimmt das griechische Bäthsel 
"0(S^ eXofisv h%QyL&6^a) o<K5' ofv% bXc^ubv (pE^c^vsö^a, welches 
nach der Sage Fischerknaben dem Homer aufgaben (Vita 
Homeri 35, Homeri et Hesiodi certamen, Süidas s. v» 
"O^flQ0g)\ vgl. ein spanisches Räthsel vom Floh: Si la 
tienes, la buscas, si no la tienes, ni la buscas ni la quieres 
(Caballero la «strella de Vandalia S. 67). 

S. 101. Ambroüe le sot. 
Eine Witwe schickt ihren Sohn mit einem Sack Ge- 
treide zur Mühle und eippfiehlt ihm darauf zu sehen, dafs 
der Müller vom Scheffel nur eine Hand voll für sich 



Volksmärchen aus Frankreich. 9 

nehme. Der Bursche sagt nun auf dem Wege komer 
laut: Eine Hand voll vom Scheffel! S&ende beziehen dies auf 
^h und prugeki ihn durch, und als er fragt, was er hätte 
sagen sollen, antworten sie ihm: Gott segne siel Diese 
Worte sagt nun AmbroiBe? wieder vor sich her und wird 
dainr von Leuten, die eine wuthende Hündin ersaufen 
wollen und die Worte auf sie beziehen, geprügelt. Aohl 
die aohone Himdin^ die ereä/uft werden soll! hatte er sagen 
sollen, und diese Worte bezieht dann ein Hochzeitszug 
auf die Braut. Möge es allen so gehen! sagt er dann Tor 
vor sich und bekommt bei einer Feuersbrunst dafür Prü- 
gel. Die Worte Gott lösche das Feuer ! erregen dann den 
Zorn eines Bauern, der in seinem nafsgewordenen Back- 
ofen Feuer anzuzünden sich bemüht. £Xn schönes Feuer! 
ha^te er sagen soll^i, und geht mit diesen Worten an 
der Hausthür einer Alten Torüber, die eben ihren Spinn- 
rocken angebrannt heA und ihn wü^iend damit schlägt. 
Als er sie ganz bestürzt fragt, was er hätte sagen sollen, 
empfiehlt sie ihm zu schweigen. Schw^gend geht er 
nun zur Miihle, hat ab^r deshalb die Worte seiner Mut- 
ter vergessen und sagt zum Müller: Einen Scheffel für 
eine Handvoll! 

Der Schwank von dem Einfiltigen, der Worte, die 
ihm für einen bestimmten Fall gelehrt sind, bei dem er- 
sten besten durchaus nicht passenden Fall anwendet, und 
dann die ihm för diesen empfohlenen wieder bei einem 
unpassenden und so fort, begegnet uns in verschiedenen 
Einkleidungen, aber mit manchen übereinstimmenden Ein- 
zelheiten im Abendland bei Grimm Nr. 143, nebet der 
Variante in den Anmerkungen, Zingerle Kinder- und 
Hausmärchen aus Süddeutschland S. 10, Haltrich Nr. 65, 
Maurer Isländische Volkssagen S. 288 und im Orient, 
was bisher noch nicht bemerkt worden ist, in der Ge- 
schichte des blödsinnigen Xailun in 1001 Tag, über- 
setzt von F. H. von der Hagen, V, 108 ff. 

. S. 107. La flute du berger Meyot. 
Ein armer Hirt erh&lt von einer Fee eine Flöte^ bei 
deren Klang alle tanzen müssen» Er läfst nun den ihm 



10 Kohler 

verhafsten Maire , der iu einem Domengebüsch einen ge- 
schossenen Vogel sucht, tanzen, dann zu Hause seine 
geizige Herrschaft. Deshalb soll er gehängt werden; als 
er aber schon auf der Leiter ist, gelingt es ihm noch 
einmal zu blasen und sich zu retten. 

Vgl. Grimmas Märchen Nr. 110 vom Juden im Dom, 
die in den Anmerkungen angeführten Lustspiele von 
A. Dietrich und J. Ayrer, die dem Grimmschen Märchen 
aufserordentlich ähnliche, von Grimm jedoch nicht er- 
wähnte spanische Vulgärromanze bei Duran Romancero 
general Nr. 1265 und das von Grimm ebenfaUs nicht an- 
geführte flämische Märchen von Jack und seinem Flot- 
chen bei J. W. Wolf deutsche Märchen und Sagen Nr. 24. 
In allen begegnet uns der Tanz im Dombusch und die 
Errettung vom Galgen, das Zauberinstrument ist eine 
Geige oder Flöte. Mit der Flöte öder Geige ist in den 
meisten Ueberlieferungen auch das Geschenk einer sicher 
treffenden Flinte, einer Armbrust oder eines Blaserohrs 
verbunden, und derjenige, der im Dombusch tanzen miifs, 
ist hineingekrochen, um den vom Besitzer jenes Schlosses 
getroffenen Vogel heraus zu holen. Im gascognisehen 
Märchen ist das wunderbare Geschofs weggefallen und 
der Maire sucht im Dombusch den Vogel, den er selbst 
geschossen. 

In einem finnischen Märchen bei Beauvois S. 168 
errettet sich der Held auch vom Galgen durch Blasen 
einer Flöte, die tanzen macht. Eine solche Pfeife, aber 
in anderer Verbindung, kommt auch in Wolfs Hausmär- 
ohen S. 225 vor. 

S. 116. Chourra de Marseillan. 

Geschichte von einem geizigen Ehepaar, das dem 
Knecht nicht genug zu essen gibt, daför aber vom Bru- 
der des Knechts, der diesen einen Tag lang vertritt, eine 
tiichtige und wirksame Lection erhält. 

S. 130. La lune et les vaches. 
Francinette will den etwas einfältigen Menique nur 
dann heirathen, wenn er ihr den Mond schenkt. Als mm 
eines Abends, während Menique^s Kuh in einem vom 



Volksmärchen ans Frankreich. JJ 

Mond beschieneneB Wasser trinkt, der Mond plötzlich 
vou einer Wolke verdunkelt wird, meint Menique, die Kuh 
habe den ins Wdsaer gefcdlenen Mond ffetrunken, nnd 
schlachtet sie, um den Mond seiner Geliebten zu schaffen. 
Man vergleiche die von mir im Orient und Occident 
I, 443 aus Philo's Magiologie mitgetheilte Geschichte von 
den Bauern, die glauben, ein Esel habe den Mond ge- 
trunken, und ihn au&dmeiden, um den Mond zu befreien. 

S. 137. Le roi des pdturagea. 
Ein zartes verweichlichtes Konigspaar verstofst seinen 
etwas ungeschlachten Sohn. Später durch einen Feind 
entthront finden sie den Sohn als Hirtenkonig wieder 
und werden von ihm wieder eingesetzt. 

S. 149- Mowret. 
Eine junge Frau geräth in die Gewalt eines wilden 
Mohren in den Pyrenäen. Nach sieben Jahren flieht sie 
mit dem siebenjährigen Sohne Mouret (Mohrchen) in ihre 
Heimat zurück. Der Knabe wächst zu einem riesenstar- 
kein Burschen heran, verläfst eine 2ieit lang das mutter» 
liehe Haus und kehrt zu seinem Vater ins Gebirge zurück^ 
wird aber, endlich durch ein schönes ihn liebendes Mäd- 
chen gesänftigt und zur Buekkehr zur Mutter bewegt 

S. 165. BernadoUe ou les mains blanches. 
Ein Bauer verspricht seine Tochter demjenigen von 
drei Freiern, der die weifsesten Hände habe. Zwei neh- 
men das wortlich, der dritte aber, ein junger Bauer mit 
sonnverbrannten Händen, füllt sie auf Rath eines Alten 
voll glänzender Thaler und trifft den Sinn des Brautvaters. 

S. 173., Le juBte et la raison. 
Der fünfzehnjährige Capdarmere sollte das einzige 
Paar Ochsen seiner Mutter verkaufen und sich dafür was 
recht und billig ist (le juste et la raison) geben lassen. 
Zwei Kaufleute geben ihm dafür eine Prise^ Tabak uud 
dne Bohne und sagen, das sei rächt und billig.. Di^ er* 
zürnte Mutter sagt scheltend zu ihm, er werde nie den 
Wolf beim Schwanz fangen (qu^il ne prendniit jamais le 
oiip par la queue). Das reizt den Jungen und er geht 



12 Kohler 

in den Wald, wo er einen schlafenden Wolf mit einer 
Schlinge, die er ihm um den Hals wirft, fängt tmd ihn 
seiner Mutter Torführt. Dann schlachtet er einen Wid- 
der, hängt sein Fell dem Wolf um und yerkauft ihn als 
Widder jenen Kaütleuten, in deren Stall der Wolf dann 
grofse Verwüstung anrichtet. Als die Kaufleute zornig 
zu Capdarmere kommen, um ihn zur ßechensohail zu 
ziehen, treffen sie ihn, der sie gesehen hat, wie er seinen 
Hund mit einem Messer scheinbar ersticht und dann 
durch einige Worte wieder belebt. Er sagt ihnen, wider- 
spenstige Thiere, mit diesem Messer erstochen und durch 
jene Worte wieder belebt, würden sanft und fügsam. 
Die Kaufleute kaufen das Messer und der eine ersticht 
seinen Ochsen, der andere sein Maulthier. Enttäuscht 
überfallen sie Capdarmere, stecken ihn in einen Sack und 
wollen ihn ins Meer werfen. Auf dem Weg zum Meere 
kehren sie in einer Schenke ein und lassen den Sack vor • 
der Thür stehen. Capdarmere lügt einem vorübertreiben- 
den Schweinehändler vor, er sei in den Sack gesteckt 
worden, weil er ^e Prinzessin nicht heirathen wolle. 
Der Händler befreit ihn und läfst sich selbst in den Sack 
stecken, jener aber zieht mit den Schweinen fort. Die 
Elaufleute werfen dann den Sack ins Meer, Capdarmere 
aber, der sich versteckt hat, zieht ihn wieder heraus und 
rettet den Händler. Nach einiger Zeit zeigt sich Cap- 
darmere mit seiner Heerde — er hat mit dem Schweine- 
händler getheilt — den Kaufleuten wieder und sagt ihnen, 
er sei wieder emporgetaucht und aus dem mitgebrachten 
Sand vom Grunde des Meeres seien die Schweine ent- 
standen. Die beiden habsüchtigen Kaufleute springen 
ins Meer und wären ertrunken, wenn Capdarmere sie 
nicht noch gerettet hätte. 

Wir haben hier eine manches eigenthümliohe bietende 
Grestaltung eines der verbreitetsten und schon im 10. oder 
11. Jahrhundert im Abendland bekannten Märchens, über 
welches ich in meiner Anzeige von Campbell^s gälischen 
Märchen in Benfey's Orient und Occident beim 89. Mär- 
chen ausiühriioh gesprochen habe. Unter Beauvois' bur^ 
gundischen Märcheni gehört hierher das Märchen (S. 218) 



Volksmärchen aus Frankreich. 13 

von Jean- Bete y in Bezog auf welches ich auf den eben 
erwähnten Aufsatz in Orient und Occident verweise. 

S. 184. Le coffret de la princease. 
Eine Prinzessin fangt einen Floh und zieht ihn in 
einem Kasten zu seltener« Gröfse heran. Als der Floh 
nach Jahresfrist stirbt, läfst sie mit seiner Haut den 
Kasten überziehen und will nur den Freier heirathen, 
der erräth, von welchem Thiere die Haut sei. Kitter 
Montgausy zieht aus die Hand der Prinzessin zu erhal- 
ten und trifft unterwegs Jean-Fine-OreiUe, der wunder- 
scharf hört, Bemard-Bon-Oeil, der ebenso scharf sieht, 
Samson-Taureau, der so stark ist, dafe er einen Baum 
ausreifst, um mit ihm den gefällten Wald in ein Bündel 
zu binden, und Simon-Levrier, den Schnellläufer, der sich 
mit Lasten beschweren mufs , um nicht zu schnell zu lau- 
fen. Der Ritter nimmt die Gesellen in Dienst, und kommt 
mit Hilfe des Horchers hinter das Geheimnifs von der 
Flohhaut. Aber der Konig, der seine Tochter nicht ver- 
heirathen will, gibt vor, der Ritter sei zu nah mit ihr 
verwandt, weshalb erst Dispens vom Papst geholt wer- 
den müsse. Er sendet aber heimlich eine Brieflaube mit 
einem Briefe an den Papst ab, worin er diesen auffordert, 
den Dispens zu verweigern. Aber der Horcher hat den 
Plan belauscht, der Scharfsichtige ' erschiefst die Taube 
und der Laufer holt den Diapens. Nun will der Konig 
seine TocAter dem Ritter f&r so viel Geld abkaufen, als 
Samson-Taureau tragen könne. Als der aber eine Probe 
seiner Stärke gibt, erschrickt der Konig und überläfst die 
Prinzessin dem Ritter. 

Hiermit vergleiche man in Badle^s Pentamerone (I, 5) 
das Märchen vom Floh. Hier hat ein Konig einen Floh 
sehr grofs gefuttert, und, als derselbe gestorben ist, seine 
Hiiut gerben lassen. Wer erräth, von welchem Thiere 
diese Haut sei, soll die Hand seiner Tochter erhalten. 
Sin wilder Mann (uorco) erräth dies , erhält die Prinzes- 
\in, und führt sie in den Wald. Dort trifft die Prinzes- 
sin, als der vrilde Mann einmal nicht zugegen ist, eine 
Jte Frau, die sieben Sohne hat, von denen der eine drei- 
ßig Meilen weit alles hört, der andere durch Ausspucken 



14 Köhler 

ein Seifenmeer, der dritte durch llinwa:fea eines Stück- 
chen Eisen ein Feld voll Scheermesser, der vierte durch 
Spänchen einen Wald, der fünfte durch Ausgiefsen von 
Wasser einen Strom, der sechste durch Hinwerfen eines 
Steins einen Thurm hervorbringt, der siebente endlich 
ein sicherer Schütze ist. Mit -ihrer Hilfe wird der wilde 
Mann getodtet und die Prinzessin entkommt. 
^ In beiden Märchen haben wir die Haut des gemästeten 
Flohs^ durch deren Erkennung die Hand einer Prinzessin 
erlangt wird, und Menschen mit wunderbaren Eigenschaft 
ten^ durch die in dem franzosischen Märchen die Prin- 
zessin dem Freier zu Theil wird, während sie im ita- 
lienischen dieselbe von dem unbequemen Frieier erlosen. 
S. 194. Le plre aveugle. 

Ein Blinder besucht die beiden Freier seiner Tochter, 
einen Bauer und einen Müller, und unterrichtet sich durch 
gleichgiltig scheinende Fragen über Felder und Mühle 
ebensogut wie ein Sehender. 

S. 202. Le marechal'ferrant de Barhaste, 

Ein König von Frankreich verspricht seine sohwer- 
müthige Tochter Longüe-mine dem, der sie zum Lachen 
bringe, und ein schönes ßofs dem, der es zu beschlagen 
vermöge. Ein Hufschmied von Barbaste zieht deshalb 
nach Paris und nimmt unterwegs eine Grille, einen Floh 
und . eine Katte, die sich ihm als Gefährten anbieten, mit. 
Als die Prinzessin ihm in seinem schlechten Anzug mit 
den Thieren, die ihm auf dem Hals, der Brust und dem 
Hute sitzen, erblickt, lacht sie. Mit Hilfe der Thiere 
beschlägt der Schmied auch das wilde Pferd. Ein Prinz, 
der bisherige Freier der Prinzessin, verspricht nun dem 
Hufschmied drei Scheffel Thaler, wenn er die Prinzessin 
nicht berühre. Der Hufschmied berührt wixjdich in den 
drei ersten Nächten die Prinzessin nicht und wird des- 
halb vom König fortgejagt , die Prinzessin aber wird dem 
Prinzen gegeben. Nim bittet der Hufschmied seine Thiere 
um ihre Hilfe und diese begeben sich in das Schlofs und 
plagen den Prinzen in den drei ersten Nächten so, dafs 
er die Prinzessin eben so wenig berührt und vom König 
schimpflich fortgeschickt wird. Jetzt erscheint aber der 



Volksmärchen ans Frankreich. 15 

Gascogner in glänzendem Aufzug, den er sich mit des 
Prinzen Geld beschaffi; hat, wieder und die Hochzeit wird 
nochmals gehalten. 

Auch dies Märchen komien wir wieder mit einem im 
Pentamerone (111,5) vergleichen: Nardiello, ein Einfalts- 
pinsel, hat fiir je hundert Ducaten, für die er Kälber 
kaufen soll, von drei Feen einen anmuthig summenden 
Mistkäfer, eine tanzende Maus und eine schon singende 
GriUe gekauft und wird deshalb von seinem zornigen Va- 
ter aus dem Hause gejagt. Er zieht in die Lombardei, 
wo ein König, Cenzone, seine Tochter MiUa, die sieben 
Jahre nicht gelacht hat, dem zur Frau bietet, der sie 
zum Lachen bringe. Nardiello läfst vor der Prinzessin 
seine Tfiiere ihre Künste zeigen und bringt die Prinzessin 
zum Lachen. Der König erklärt aber, Nardiello könne 
Tochter und Reich nur dann erhalten, wenn er binnen 
drei Tagen die Ehe vollstrecke, was Nardiello aber in 
der That nicht vermag, da er jeden Abend einen Schlaf- 
trunk erhält. Am Morgen nach der dritten Nacht wird 
er in den Löwenzwinger geworfen. Dort will er seine 
Thiere entlassen und dann sterben, die aber sprechen ihm 
Muth zu und hüpfen und springen so lustig, dafs die 
Löwen wie versteinert dastehen. Die Maus gräbt rasch 
ein Loch und so entkommt Nardiello aus dem Zwinger. 
Inzwischen hat der König seine Techter einem Engländer 
gegeben und eben sollte die Hochzeit sein. * Die Thiere 
wissen es nun auf eine Weise, die man im Pentamerone 
selbst nachlesen mag, zu bewirken, dafs der Prinz nichts 
weniger thut, als seine Pflicht zu erfüllen. Er wird des- 
halb fortgejagt, Nardiello aber zurückgerufen und nun 
wirklich Gemahl Milla's. 

Hier haben wir in dem französischen und neapoli- 
tanischen Märchen zwei Fassungen eines Märchens, dessen 
wesentlicher Inhalt der ist, dafs ein Jüngling die Hand 
einer Prinzessin gewinnt, indem er sie mit Hilfe von klei- 
neriy mifsachteten Thieren zum Lachen bringt^ dafs er dann 
die Prinzessin wieder eine Zeit lang verliert und ein an- 
derer sie heirathen soll, der aber durch jene Thiere am 
Vollzug der Ehe gehindert wird. Beide uns vorliegende 



16 Köhler 

Fassungen sind wol entstellt. ^ In der französischen, die 
durch die Tradition entstellt sein mag, ist zu wenig mo- 
tivirt, warum die Thiere mit dem Jüngling ziehen und 
ihm helfen, und schwerlich ist es ursprüngliche üeber- 
lieferung, dafs der Hufschmied für Geld vom Prinzen 
sich seines Rechtes in den ersten Nächten begibt. Viel 
ächter scheint hier das neapolitanische Märchen, wo der 
Jüngling einen Schlaftrunk vom Konig erhält. Dagegen 
wird die burleske Art, wie in den drei Nächten Nardiel- 
lo's Thiere dem Engländer mitspielen, Erfindung Basile^s 
sein, der solche niedere Komik liebt. 

Ein deutsches Märchen (Wolfs deutsche Hausmär- 
chen S. 301) beginnt ganz ähnlich, verläuft aber dann 
anders« Ein armer Geiger bringt durch drei tanz^otde 
Ferkel eine Prinzessin, die noch nie gelacht hat und den 
heirathen soll, der sie lachen macht, zum Lachen. Ehe 
er sie aber wirklich zur Gemahlin bekommt, muTs er noch 
verschiedene Aufgabe» lösen, wobei aber die Schwein- 
chen nichts mehr thun. 

In Bezug auf das Lachen der Königstochter ver- 
gleiche man Benfey^s Pajitschatantra I, 518.- 

S. 213. Le lion pendu. 
Ein Löwe, der sich mit einer seiner Tatzen in einem 
gespaltenen Baumast fe^geklemmt hat, wird von einem 
Wanderer befreit. Er begleitet nun den Wanderer, wird 
aber bald von Hunger erfafst und will seinen Ketter fres- 
sen. Der aber wirft ihm seine Undankbarkeit vor und 
bestimmt ihn wenigstens, die Sache erst einem Schieds- 
richter vorzutragen. Sie treffen zunächst eine alte Hün- 
din, die aber das Schiedsrichteramt ablehnt, da sie selbst 
von den Menschen ungerecht behandelt worden sei. 
Ebenso geht es ihnen mit einem Pferd. Endlich aber 
nimmt ein Fuchs das Amt an. Um recht urtheilen zu 
können, will er selbst sehen wie der Löwe gefangen ge- 
wesen sei, deshalb begibt sich der Löwe wieder in jene 
alte Lage und Fuchs und Mensch lassen ihn so stecken. 
Der Mensch verspricht dem Fuchs zum Lohn am näch- 
sten Tage zwei Hühner zu liefern, bringt aber statt dieser 
dann zwei Hunde mit, denen der Fuchs kaum entgeht. 



Volksmärchen aas Frankreich. X7 

Zu diesem Märchen vom Undank, der der Welt Lohn 
ist, vergleiche man aufser Benfey^s Pantschat. I, 113 ff. 
Pröhle^s Märchen für die Jugend Nr. 2, Birlinger Kinder- 
büchlein S. 56 und Liebrecht in der Germania VlI, 508. 

Dies sind die gascogmschen Märchen und Erzählungen, 
für deren Mittheilung wir dem Herrn C4nac Moncaut zu 
lebhaftem Danke verpflichtet sind.') 

Wenden wir uns nun zu den vier vom Herrn E. Beau^ 
vois erzählten burgundischen Märchen, so dürfen wir fol- 
gende Erklärung des Sammlers (S. 195.) nicht über- 
sehen. Er sagt: Aucune des pieces n^est la transcrip- 
tion litterale des r^cits, que Ton a recueUlis de la bonche 
des paysans. On s^est permis de faire des modifications 
ä Toriginal, parce que Ton n^en a trouvö que des d^bris, 
et que ces restes ötaient en trop mauvais ötat, pour que 
la copie ou la traduction püt pr^enter une image har- 
monique et satisfaisante. Cela tient ä ce que le coUec- 
teur, n'ayant encore pu voyager ä la recherche des con- 
tes populaires , a du se contenter des monuments d^labr^s, 
qui etaient le plus ä sa port^e, c^est-ä-dire de quelques 
traditions qu^il a entendu raconter au lieu de sa naissance, 
dans le pays bas de la Cöte-d^Or. Mais il ne doute pas 
qu^il n^ ait lieu de faire une plus belle et plus abondante 
moisson dons les lieux recules, öü les traditions du passö 
se sont mieux conservees. C^est ce que lui ont affirme 
plusieurs personnes qui connaissent les montagnards de la 
Bourgogne. Die Märchen sind nun folgende vier. 

S. 195. Trop gratter cuit, trop parier nuit. 
Schwank von einem Pfarrer und Kirchenältesten. 
Ersterer wirft eins von den Hühnern des letzteren, die 
immer in seinen Garten kommen, todt und beabsichtigt es 
am Sonntag zu verspeisen. Der Kirchenälteste kommt 
aber dahinter und weifs es schlau zu veranstalten, dafs 
er das Huhn in des Pfarrers Küche ifst; als er aber eben 
fertig ist, wird er überrascht. 



1) Es ist Schade, dafs Herr Cenac Moncaut das hübsche Lügen- 
märchen, das er in der oben erwähnten Voyage S. 225 — freilich nicht 
ToUständig — mittheilt, in die Sammlung nicht aufgenommen hat. 
Jahrb. f. rom. a. engl. Lit. V. 1. O 



18 Köhler 

S. 203. Cadet'Cruchon. 
Cadet-Cnichön soll heirathen und deshalb die Be- 
kanntschaft junger Mädchen machen» Dabei soll er 
nach dem Rath seiner Matter mit ihnen scherzen, sie auf 
den Fufs treten u. dgL und die Augen auf sie werfen 
(lancer des oeillades). Er fängt aber alles plump an, 
ja sticht sogar seinen Lämmern die Augen aus und wirft 
sie nach den Mädchen. Nun soll er die Lämmer und 
eine Henne in der Stadt verkaufen, letztere für zwölf 
Sous, erstere für einen Thaler das Stück* Unterwegs 
spricht er immer vor sich hin: Einen Thaler das Lamm, 
zwölf Sous die Henne. Als er aber über einen Bach 
setzen mufs, wird er gestört und verkehrt die Worte, 
und verkauft so die Lämmer Stück für Stück um zwölf 
Sous und muTs endlich auch die Henne, für die niemand 
einen Thaler bezahlen will, für zwölf Sous hingeben. Er 
kauft nun für die Mutter einen Topf und ein Packet Na- 
deln. Den Topf hat er auf seinen Karren gesetzt; da 
er aber immer schüttert, setzt er ihn auf den Weg und 
meint, er werde ihm mit seinen drei Füfsen schon nach- 
kommen k&nnen. Die Nadeln, die er in den Busen ge- 
steckt hat, wo sie ihm beschwerlich sind, steckt er in 
einen vor ihm herfahrenden Heuwagen. So verliert er 
Topf und Nadeln. Als er nachher zu Hause alles 
schmutzige Zeug in die Lauge thun soll, thut er auch 
die Topfe hinein und will auch seine kranke Mutter 
hineinwerfen. Die aber heifst ihn zornig die Thltf nehmen 
und zu Bette gehen. Er nimmt deshalb die Thür mit 
auf den Heuboden, wo er schläft. Nachts kommen Diebe 
und wollen stehlen. Sie rufen einander zu: Jette, ap- 
porte! Jean versteht: Jette la porte! und wirft die Thür 
herab. Erschrocken fliehen die Diebe und lassen einen 
anderswo gestohlenen Sack mit Geld stehen. Am Mor- 
gen trägt er Leinwand zur Stadt, und da ihm seine Mut- 
ter gerathen, sich nicht mit Käufern einzulassen, die viel 
schwatzen, so weist er alle ab, die nach dem Preis fra- 
gen. Er tritt dann in eine Kirche und betet dort. Dann 
bietet er einem Heiligenbild, weil dies während seines 
Gebetes nicht geschwatzt, die Leinwand an. Als es aber 



Volksmärchen aus Frankreich. 19 

trotz seinem Bitten nicht bezahlen will, zertrümmert er 
es zornig und findet im Innern der zerbrochenen Figur 
einen Schatz.^ 

Der Herausgeber hat, wie er in einer Anmerkung 
sagt, diese Erzählung zusammengesetzt aus verschiedenen 
einzeln umlaufenden Schwanken, die man von Jean^Bete 
erzählt. £r hat deshalb, wie er selbst gesteht, manche 
Nebenumstände modificiren und Uebergänge bilden müs- 
sen. Uns wäre lieber gewesen, er hätte sich dieser Zu- 
sammensetzung enthalten und die Fragmente als solche 
gegeben. Warum er für Jean-Bete den Namen Cadet- 
Cruchon gewählt hat, erfahren wir nicht. 

Nach dem eben gesagten ist es natürlich, dafs wir 
die Erzählung in ihrem ganzen Verlauf nirgends finden, 
wol aber einzelne Züge daraus. 

Wie hier Jean-Bete Lämmeraugen auf die Mädchen 
wirft^ so werfen in deutschen Märchen Einfältige Schaüs- 
und Kälberaugen ihrer Braut ins Gresicht, Grimm Nr. 32 
und Anmerk. III, 62, Zingerle Kinder- und Hausmärchen 
S. 258. Ebenso erzählt man in der Normandie, du Mö- 
ril etudes pg. 472, not. 2. In einem gälischen Märchen 
(Campbell H, 310) misversteht ein Knecht absichtlich 
den Befehl seines Herrn ihm zu einer bestimmten Zeit 
ein Ochsenauge zuzuwerfen d. h« ihn starr anzusehen 
und so einen Wink zu geben, und sticht den Ochsen die 
Augen aus und wirft den Herrn damit. 

Dais der Einfältige Nadeln in ein Heufuder steckt 
und so verliert, kommt vor in dem ebenerwähnten A£är- 
chen bei Grimm Nr. 32, in einem verwandten tiroler bei 
Zingerle Sagen, Märchen und Gebräuche aus Tirol S. 451, 
einem siebenbürgischen bei Haltrich S. 302 und schot- 
tischen bei Chambers populär rhymes of Scotland, 3 ed., 
pg. 251, wo Jock die Nadel in ein Parrenkrautbündel 
steckt. In den genannten Märchen sagt dann immer die 
Mutter zu dem einfältigen Sohn, er hätte die Nadel anf 
ien Hut oder an die Mütze stecken sollen, und er be- 
folgt diese Vorschrift auf die verkehrteste Weise und 
daran knüpft sich noch eine Reihe misverstandener Be- 
fehle. 



20 Köhler 

Das Herabwerfen der Thüre^ wodurch die Diebe ver- 
scheucht werden, finden wir wieder bei Grimm Nr. 59, 
Haltrich S. 308, Kuhn und Schwartz Nr. 13, Zingerle 
Kinder- und Hausmärchen aus Süddeutschland S. 50 und 
Halliwell populär rhymes and nursery tales S. 26- 

Endlich der Verkauf der Leinwand an die Bildsäule 
begegnet uns in einem Märchen des Pentamerone (I, 4). 
Vardiello wird von seiner Mutter mit Leinwand auf den 
Markt geschickt und soll sich nicht mit Personen von 
vielen Worten einlassen. Die Leute, die nach dem Preise 
fragen, scheinen ihm solche Personen zu sein. Als er 
aber in dem Hofe eines unbewohnten Hauses eine Bild- 
säule findet und sie fragt und keine Antwort von ihr er- 
hält, scheint sie ihm endlich eine Person von wenig 
Worten, der er die Leinwand darbietet. Am andern 
Morgen begibt er sich wieder zu der Bildsäule und ver- 
langt Geld fiir die Leinwand, und als die Bildsäule 
schweigt, wirft er mit einem Stein ein Loch in dieselbe 
und findet darin einen Topf mit Goldstücken. Li einem 
siebenbürgischen Märchen (Haltrich S. 291) will ein Ein- 
fältiger vergeblich eine todte Kuh verkaufen. Da ruft 
ihm jemand zu: Fahr sie auf den Schindanger zur dicken 
Eiche, die wird sie dir gut bezahlen. Er fährt sie hinaus 
und fragt die Eiche, wann sie ihm bezahlen wolle. Die 
Eiche knarrt gerade und er denkt, sie antworte „Morgen". 
Als sie nun aber am andern Morgen nicht zahlt, haut er 
mit seiner Axt auf sie ein und findet dabei in einem 
Loche eine Menge Goldstücke. Ueber verwandte Er- 
zählungen von zertrümmerten Bildsäulen und dadurch ge- 
fundenen Schätzen vgl. Benfey's Pantschatantra I, 478. 

S. 218. Jean- Bete. 

Vergleiche hierüber was ich oben S. 11 zu dem 
gascognischen Märchen „le juste et la raison" bemerkt 
habe. Beauvois hat das Märchen imnothig aufgeputzt 
und verändert und nur aus der Anmerkung erkennt man 
die ächte Gestalt. In Bezug auf die von ihm vergliche- 
nen Märchen habe ich im Orient und Occident an der 
oben erwähnten ' Stelle einiges berichtigt. Wir sehen 



Volksmärchen aus Frankreich. 21 

Übrigens aus Beauvois' Vergleichungen, dafs er sehr be- 
wandert in der Märchenliteratnr ist.^) 

S. 239. La petite Annette. 

Ein Mädchen hütet die Schafe und bekommt von 
seiner Stiefmutter wenig zu essen. Da erscheint ihm die 
heilige Jungfrau und gibt ihm einen Stab. Mit diesem 
braucht es nur einen schwarzen Widder zu berühren und 
alsbald erscheint ein Tisch mit Essen. Die Stiefmutter 
fafst .Verdacht und schickt zuerst ihre beiden Tochter 
mit auf die Weide, um die Stieftochter zu beobachten. 
Aber das Mädchen schläfert sie. ein mit den Worten: 
Endors-toi d'un oeil, endors-toi de deux yeux. Bei der 
dritten Schwester aber, die noch ein drittes Auge hat, 
gelingt ihr dies nicht und sie wird entdeckt. Nun stellt 
die Stiefmutter sich krank und verlangt von ihrem Manne, 
dafs der schwarze Widder für sie geschlachet werde. 
Annette hat dies gehört und sagt es dem Widder, der 
sie beruhigt und sie auffordert, seine Leber in dem Gar- 
ten zu vergraben. Als er geschlachtet ist, thut sie dies 
und aw« der Leber wächst ein Baum mit wunderschonen 
Früchten, die nur sie zu pflücken vermag. Der JConigs- 
sohn kommt herbei, sieht den Baum und heirathet Annette. 

Beauvois vergleicht mit Recht das Märchen von Ein- 
äuglein^ Zweiäuglein und Dreiäuglein bei Grimm Nr. 130. 

Ganz eigenthümliche Gestaltungen hat das Märchen 
angenommen bei den Siebenbürgen (Haltrich Nr. 35) und 
im gälischen Schottland (Campbell Nr. 43). In einer 
churrhätischen Sage (Vonbun Beiträge zur deutschen 
Mythologie S. 53) verkehrt ein einäugiger Knabe mit 
einem wilden Fänkenmännchen und erhält von ihm schone 
Gemsenkäse. Immer aber schläfert das Männchen das 
Kind ein mit den Worten „Einäuglein schlaf einl^', be- 
vor er die Käse bereitet. Der neugierige Bruder des 
Knaben zieht einst dessen Kleider an und geht zu dem 
Bergmännchen und belauscht es, da sein anderes Auge 



^) In der Vorrede pg. XXXI verspricht er eine Abhandlung über 
die verschiedenen Gestaltungen des Märchens von Amor und Psyche 
zu liefern. 



22 Köhler 

nicht mit eingeschläfert worden ist, und erregt dadurch 
den Zqrn des Männchens. 

Dies der Inhalt der beiden verdienstlichen Sammlangen. 
Ich darf aber bei dieser Gelegenheit nicht vergessen auf 
Eddiestand du MiriVa Abhandlung „Zö« contes de bonnea 
femmea'^ in seiner neuesten Schrift ^^Etudes sur quelques 
points d^archiologie et d'histoire littSraire^^y Paris und 
Leipzig 1862, Seite 427—502 aufmerksam zu machen. 
Eine nähere Besprechung der ganzen anziehenden und 
belehrenden Abhandlung, welche sich über Märchen über- 
haupt und ganz besonders über die Grimmsche Märchen- 
sammlung verbreitet, wäre hier nicht am Platze, ich 
habe sie hier nur insofern zu erwähnen, als darin auch 
S. 472 ff. über Märchen aus der Normandie gesprochen 
wird. Man erzählt, versichert du Meril, noch heute in 
der Normandie wie in Deutschland die Märchen vom un- 
dankbaren Sohn, Grimm Nr. 145, vom Grofsvater und 
Enkel Nr. 78, von den Boten des Todes Nr. 177, von den 
drei Spinnerinnen Nr. 14, von dem Armen und dem Rei- 
chen Nr. 87, von der klugen Gretel Nr. 77, vom Juden 
im Dorn Nr. 110, von den sechs Dienern Nr. 134, von 
den Sechsen, die durch die Welt kommen, Nr. 71 , von 
dem getreuen Perenand Nr. 126. Leider begnügt sich 
du Meril mit dieser Angabe ohne die normandischen Fas- 
sungen selbst, die ohne Zweifel manche Abweichung haben, 
mitzutheilen. Nur ein Märchen erzählt er ausführlich, und 
die Art seiner Erzählung läfst uns um so mehr bedauern, 
dafs er nicht die übrigen auch erzählt hat. Es ist dies 
die Geschichte von dem armen Misere und seiner nie 
zufrieden gestellten Frau, unser Märchen vom Fischer 
(Grimm Nr. 19), aber vielfach abweichend, i) Misere be- 
gegnet dem Heiland und S. Petem und bettelt dieselben an. 
Christus gibt ihm eine Bohne und heifst ihn zufrieden 
sein. Misere kommt zufrieden mit der Gabe nach H^use 
und ßteckt die Bohne in den Heerd in seiner Hütte. So- 
fort wächst daraus eine Pflanze hervor, sie wächst rasch 

^) Du Meril verweist auch auf ein rassisches Märchen im Athe- 
naeum fran^ais 1855, S. 666, welches ich nicht kenn«. Das Märchen 
vom Fischer aus 1001 Nacht ist nur im Anfange ähnlich. 



Volksmärchen aas Frankreich. 23 

empor durch den Rauchfang und am andern Tage vermag 
man ihre Spitze nicht mehr zu sehen. Die fVau heifst 
nun den Mann suchen ob Bohnen abzupflücken seien, er' 
klettert an der Pflanze empor und, da er keine Bohnen 
findet, immer hoher und hoher, bis er sich vor einem 
groisen goldnen Hause befindet. Es ist das Paradies. 
Sanct Peter offiiet ihm und verspricht ihm auf seine Bitte, 
dafs er zu Hause Essen und Trinken finden solle. Am 
folgenden Tage lafst Mis^re^s Frau ihrem Manne nicht 
eher Ruhe, bis er wieder ins Paradies steigt und Sanct 
Petem um ein neues Haus bittet. Naeh einigen Tagen 
mufs Misere den Heiligen bitten ihn zum König und 
seine Frau zur Konigin zu machen. S. Peter erfüllt 
ihm diesen Wunsch, warnt ihn aber noch einmal zu kom- 
men. In kurzem ist jedoch Misöre's Frau nicht mehr 
zufrieden und mochte, dafs sie die heilige Jungfrau und 
ihr Mann der liebe Gott werde. Als Afis^re mit dieser 
Bitte vor S. Peter kommt, schickt ihn dieser zornig 
fort und der Arme findet xmten auf der Erde seine alte 
Hütte und alles wie vormals wieder. — Der in dem deut- 
schen Marehen vorkommende wunderbare Fisch ist also 
im normändischen durch Gott und S. Peter ersetzt, 
und damit Misere ins Paradies gelangen könne, kam die 
himmelhohe Bohnenpflanze in das Märchen, die ursprüng- 
lich wol nicht hereingehort hat. Sie ist yielleicht herein- 
gekommen aus dem bis jetzt nur als englisch nachge* 
wiesenen Märchen von Jack und dem Bohnenstengel 
(Kleike Märchensaal H, 158; Grimm HI, 321). In Lügen- 
märchen kommen auch Pflanzen, die bis in den Himmel 
wachsen, vor, vergl. Grimm zu Nr. 112. In einer Anmer- 
kung erinnert du Meril (S. 474), dafs das Märchen mit dem 
französischen Volksbuche vom bonhomme Misere nichts als 
den Namen Misere gemein habe» Ich ergreife hier die Ge- 
legenheit noch mit einigen Worten eine auch von du M^ril 
erwähnte neue Schrift von Champfleury ^ dem verdienst- 
vollen Herausgeber der chansons populaires des provinces 
de France, zu besprechen. Sie führt den Titel: De la 
littiratv/re populaire en France. Recherchea sur les ort- 
gines et les variations de la legende du bonhomme Mislre 



24 Köhler 

(Paris, Poulet-Malassis et de Broise, 1861), und enthalt 
zunächst einen Abdruck der ältesten bis jetzt bekannten 
Ausgabe des Volksbuchs von 1719.*) Champfleury nimmt, 
wie auch W.Grimm III, 142, einen italienischen Ursprung 
desselben an, weil die Erzählung in Italien spielt, eine 
italienische Münze, die italienische Stundeneintheilung 
und ein italienischer Wein darin vorkommt, und vermu- 
thet, dals in den italienischen Novellen das Original wol 
noch gefunden werde. Er vergleicht dann Prosper 
Merimee's Erzählung Federigo in dessen Une mosaique 
(Paris 1832), die, wie M^rimee versichert, im Königreich 
Neapel populär sei. Federigo bewirthet Christus und 
die Apostel und erhält deshalb drei Wünsche frei. Er 
wünscht, dafs seine Karten immer gewinnen und dafs von 
einem Orangenbaum und einem Schemel, die ihm gehören, 
niemand ohne seinen Willen herabkönne. Hierdurch ge- 
winnt er im Spiel dem Pluto 12 Seelen ab und schliefst 
zweimal mit dem Tod einen Pact. Sodann erinnert 
Champfleury an das litauische Märchen (bei Schleicher 
litauische Märchen S. 108) vom Schmied und dem Teu- 
fel und an das oben besprochene gascognische vom Sack 
des La Kam^e, theilt hierauf das eben erwähnte nur durch 
den Namen Misere hierher gehörende normandische Mär- 
chen, welches du M^ril früher im Athenaeum 1855 ver- 
öffentlicht und bereits dort mit andern Märchen verglichen 
hatte, vollständig mit, ebenso das merkwürdige bretonische 
Gespräch zwischen dem ewigen Juden und dem bou- 
homme Misere, der in Adams Haus geboren ward und 
bis zum jüngsten Gericht leben wird (Revue de Cal- 
vados 1840; Emile Souvestre le foyer breton, Bruxelles 
1853, I, 93), und erwähnt endlich, dafs in der allegori- 
schen Erzählung von den Abenteuern des Monsieur Tetu 
und der Mifs Patience Misere vorkommt als. ein kleiner, 
lahmer und häfslicher alter Mann, der eine Kette an 
einem Beine und eine Bürde auf den Schultern trägt. Es 
ist zu bedauern, dafs Herrn Champfleury Grimm's Mär- 
chen und das Jahrbuch für romanische und englische 



1) Es gibt, wie Champfleury mittheilt, fünfzehn Ausgaben. 



Volksmärchen aas Frankreich. 26 

Literatur unbekannt zu sein scheinen. Hätte er Grimmas 
Märchen gekannt, so würde er Tor allem auf das 82. 
Märchen und die reichen Anmerkungen, in denen, wie 
schon oben bemerkt, Grimm auch das franzosische Volks- 
buch nicht vergessen hat, verwiesen haben. Mörim^e's 
Erzählung, die mit dem Spielhansel viel Aehnlichkeit 
hat, ist Grimm unbekannt geblieben und ihr Nachweis 
ist daher sehr dankenswerth. Eine andere italienische Er- 
zählung, die der Erzählung vom bonhomme Misere und 
seinem Birnbaum, noch näher steht, hätte Herrn Champ- 
fleury, so gut wie sie es Herrn du Meril (fitudes S. 475, 
not. 1) ist, aus dem Jahrbuch I, 310 bekannt sein können. 
Es ist die Erzählung Cintio's dei Fabrizii von der nie 
sterbenden Invidia und ihrem Apfelbaum, der von Jupi- 
ter, den sie bewirthet hat, die Kraft erhalten, alle, die 
ihn besteigen, fest zu halten, und so auch den Tod fest- 
hält. Hier haben wir also in eine italienische Fassung 
des Märchens von dem wunderbaren Baum, durch den 
der Tod gefangen gehalten wird, ein allegorisches Wesen 
eingeführt, und hierdurch wird die Annahme von dem 
italienischen Ursprung des franzosischen Volksbuchs noch 
wahrscheinlicher. Felix Fraukes Annahme in seiner An- 
zeige der Champfleuryschen Schrift in der BiCvue de Tin- 
struction publique 1861, Nr. 28, dafs dieselbe nothwendig 
ein Erzeugnifs des französischen Volksgeistes im Mittel- 
alter sei, ist nicht überzeugend. 

Wir schliefsen diesen Aufsatz mit dem Wunsche, 
recht bald wieder Märchensammlungen aus den Provinzen 
Frankreichs zu erhalten und erinnern an Wilhelm Grimm's 
Worte (Märchen IH, 399): „In Frankreich mögen die 
Märchen noch in reicher Fülle vorhanden sein. Das Volk 
würde wol geschickt sein diese Ueberlief erungen frisch und 
lebendig zu erzählen. Es käme nur darauf an, dafs man 
sie sammeln und ohne Ueberarbeitung und Zusätze be- 
kannt machen wollte." 

Weimar, November 1862. 

Keinhold Köhler. 



Ch. Potvin 



Le Perceval de Chrestien de Troyes. 

ün manuscrit inconnu. — Fragment unique de ce 
manuscrit. 

Les cours de Plandre, de Brabant et de Hainaut ont 
doim6 successivement ä la langue d^oii ses plus grands 
äcrivains. 

Le Hainaut est le demier en date, mais cette petito 
et brillante cour, — - oü la Reine d'Angleterre, Isabelle 
de Valois, vient de trouver des vengeurs, et le futur roi 
Edouard III, le complre de Jacques d'Arteveld, une 
epouse — produit non-seulement toute une pleiade de 
chanteurs que dominent Raoul de Houdenc, le pröcurseur 
du Dante, et Jehan de Conde, le trouvere qui rappelle 
le mieux Chrestien de Troyes, mais encore Jehan le Bei, 
le pr^curseur de Froissart, et Froissart lui-meme. 

Le Brabant avait d^jä eu ses po^tes et principale- 
ment Adenez-le-roi, dont le chef-d'oeuvre, Berthe aux 
granda pieds^ a une celebritö europeenne. 

Avant Froissart, avant Adenez, dans la seconde moi- 
ti6 du douzieme si^cle, Chrestien de Troyes avait chante 
ä la cour de Philippe d'Alsace; la Flandre, qui allait 
imposer un empereur h, Constantinople, avait dejk donne 
aux langues germaniques le Reinart de Vos; eile voit 
fleurir le plus grand poete de r^poque: TArioste du 
XII* siecle. 

Chrestien de Troyes meritait les eloges unanimes 
que lui prodiguent les ^crivains du XIII® et du XIV® 
siecle „par Tinvention, la conduite et particulierement 
par le style qui Föl^ve au-dessus de tous les poetes de 
son temps."*) 

En effet son style est vif, soutenu, brillant; ses tran- 
sitions sont riches, faciles, gracieuses; sa langue est claire 
et animee d'un souffle poetique. U sait frapper au bon 
coin une maxime, dans un ou deux vers ; il met en scene 



*) Histoire litteraire de France. 



Le Perceval de Chrestien de Troyes. 27 

et fait parier la passion avec une profondeur de verite et 
cme grace, rares en tont temp9, et il possdde ce grand 
art de &ire sortir ses peripeties, non du hasard d'^v^ne-' 
ments arbitraires, faciles h imaginer, mais de les d^duire 
du cboc des passions, des mouvements du coeur, du d^- 
veloppement des caractäres, 

Sans parier de ses autres oeuvreS, ses romans de 
Lancelot et de Tristan et Yaeut ont ämu TEurope pen- 
dant des siecles; ils palpitent eiicore aujourd'hui de cette 
vie du sentiment qui a fait dire au prince de Ligne: En 
toute chose, c^est remotiou qui est sublime. 

Guülavme d^Angleterre a moins de r^putation, mais 
non moins de merite. La, ce n^est plus par des exploits 
de chevalerie que le beros se rebabilite, mab par le tra- 
vail. Ce roman a ete traduit en allemand par M. Kel- 
ler ^), et traji8lat4 en prose fran^aise par M. Leon Faulet.*) 

Perceval'le-gallois^ ou le Conte du Graal, est l'oeuvre 
de longue baieine, le cbef-d'oeuvre de Cbrestien de Tro- 
yes ; il est encore inedit. Les savants en signalent plu- 
sieurs manuscrits: a Paris, ä Berne, ä Londres, ä Edin- 
bourg, ä Montpellier. La bibliotbeque de Mons, dans 
ce pays de Hainaut dont quelques ecrivains beiges pr^- 
tendent que Cbrestien de Troyes est originaire^), en pos- 
s^de un manuscrit du XIII® siecle qui n-'a ete mentionne 
par aucun bibliograpbe. 

En comparant ce manuscrit k ceux qui sont connus 
des savants, on ne peut tarder a acquerir la conviction 
de öon importance. Deux points surtout y attirent Tat- 
tention: L^OBUvre enti^re y est attribuee ä Cbrestien de 
Troyes — et Ton y trouve une introduction et un pre- 
mier cbapitre qu'aucun autre manuscrit ne contient. 



1) Altfranzösische Sagen, 1« partie, Tubingen 1839 (pp. 188—265). 

>) G-aillanme d'Angleterre par Chrestien de Troyes, translate en 
fran^ais moderne par Leon Faulet, avec une introduction litteraire 
sur Chrestien de Troyes par Ch. Potvin. ^ Bruxelles, V« Parent. 1863. 
(Sons presse.) 

s) J*ai expo6^ dans TouTrage cite plus bas Tetat de la question 
sur le point de savoir si Chrestien est ne a Troyes comme semble rin-> 
diquer son nom, ou dans le Hainaut cömme on le suppose en Belgique. 
V. Chrestien de Troyes^ Bibliographie, etc. 



28 Ch. Potvin 

Or, si le cöurt prologue des autres manuscrits peut, 
ä tont prendre, remplacer rintroduction large du manu- 
scrit de Mona, le premier chapitre paraitra ä tout juge 
impartial Tentr^e en mati^re indispensable du poeme; de 
Sorte que tous les autres manuscrits ont une grande la- 
cune et que le manuscrit, inconnu jusquMci, est le seol 
complet. 

J'etudierai ailleurs ce manuscrit et j'en ferai la com- 
paraison avec les autres, dans tous ses details. ^) Je 
public ici tout d'abord le premier chapitre. Je dois les 
notes philologiques qui Taccompagnent au savant biblio- 
thecaire du Roi des Beiges, M. Aug. Scheler, qui acheve 
en ce moment un glossaire de la langue de Chrestien de 
Troyes. 

Voici ce premier chapitre, il commence auvers 485 
du manuscrit: 

Ci endroit comence li contes del Saint Greail. 

1 En le tiere de Gale estoient (p. 6 2) 

Xn. frbre qui moult valoient; 

Cerkier p^ust on la contr^e 

Taut com estoit et longe et lee 
5 Et le pais tot en-viron, 

Mien ensiant, n'i trovast-on 

Nul Chevalier de si haut pris, 

Si rice d'avoir ne d'amis, 

De castiauB et de fremet^s, 
10 De bos, de rivieres, de pres; 

3 Cette acception de „parcourir en cherchant", si frequemment attachee 
au verbe cerkier (= nfr. chercher) chez les. tronv^res , est conforme 
a la veritable etymologie de ce mot, savoir circare, all. herum- 
gehen, sich umsehen. Cp. v. 785 „et cerke le bos et le plain<^ 

6 Mien ensiant, a mon avis, me sciente, La forme ensiant p. escient^ 
comme on trouve ailleurs ensaucier p. essaucier (exhausser). 

7 — 8 Ces deux vers sont intervertis dans le ms. 



1) Cette etude contiendra: une comparaison des divers manuscrits 
— le sommaire des chapitres du manuscrit de Mons — Tintroduction et 
le premier chapitre de ce Ms., textes uniques — trois fragments ine- 
dits qui pourront etre compares aux mdmes passages des autres ma- 
nuscrits etc. etc. — V. Chrestien de Troyes, Bibliographie comparee. 
Bruxelles, Muquart, 1863. 



Le Perceyal de Chrestien de Troyes. 29 

Si estoient bon Chevalier, 
Hardit et combatant et fier; 
Et sovent aloient par terres 
As tomoiemens et as gnerres, 
15 Por los et por pris conqaester. 
Mais jou De tos voel pas conter 



Que sovent mesciet a preudome; 
Car moult i ot de desconfort: 
20 Li -XI- fr^re fnrent mort, 

Que 11 n'en i remest c'uns seiis, 
Qui le ti^re ot et les honenrs; 
De tous esken 11 estoit; 
Et sages et conrtois estoit, 
25 Larges et moult bien emparUs; 
Bliocadrans ert apeUs 
El pais de toates les gens« 
Moult dnrement estoit dolens 
De ses freies qui sont fenis, 
30 Moult en ert momes et pensis. 
Mais tont adi^s ne doit on mie 
Dnel demener, car c'ert folie, 
Ains doit on faire c'iDn soit li^s. 
Tele eure c*on est toaa iries, 
35 Home ki ne se viut retraire (p. 7*) 

De bien quant 11 le viut parfaire. , 

Mais eil ne vaut plus delaier; 
Ses armes fist aparellier 
Et son ceval tr^s bien fierer; 
40 As tomoiemens viut aler. 

Mais sa femme et tout si ami 
Li dient: „Biaus Sire, merci! 
Bemanös ci, n'i aUs mie; 
Car 90U seroit moult grans folie 
45 Se vous i al6s, 90U sacies; 
18 Mesciet, il arrive malheur (tournure impersdnnelle). 
26 D'apres la version de Chrestien de Troies, le p^re et la mere de 
Perceval s'appellent res pectivement Bliocadran et Cammuelle (v. 54) ; 
ces personnages sont, dans notre fragment, tout antrement mis en 
scene que Gamuret et Herzeloyde de Wolfram von Eschenbach. 
32 Le ms. porte bien cert; je suppose qu'il faut lire cest (c'est), a 
moins de prendre, ce qui me semble inadmissible (cp. v. 44), c*ert 
dans le sens de „ce serait'^ 
35 Cet home m'embarrasse; je le prendrais volontiers comme une reprise 
du pronom on des vers pr^c^dents, si la grammaire n'exigeait pas 
au nominatif la forme kom oa kon. 
37 II faut, pour etre correct, lire soit cel ne vautplm (plus ne lui vaut, 
c. a-d. eonvient), ou eil ne vot plus. 



30 Ch. Potvin 

Que Yostre tifere laississies 
Toute seale et desconsillie, 
Vostre gent dolente et irie." 
Tant li ont dit et tant proi^ 
50 Qae il lor a tont otroii^ ' 

Qa'il n*en ira ensi n'ensi. 
Liet en sont quant il Tont oi. 
Li sires remest od sa femme 
(Eammuelles ert bone dame) 
55 Bien largement encor -II- ans 
Qu& ne pearent avoir enfans, 
Ne nul n*en avoient ^u; 
Tant ke Dex les a porv^n 
Si que la dame en^ainte fa; 
60 Grant joie en ont tout eil ^u 
Qni lor signor aiment de rien; 
Et 11 sires, 90U sacies bien, 
En ot moult grant joie a son cner 
Que ne pot gregnor a nul fuer 
65 Avoir, ce sacies de Trete. 

La dame a tant Tenfiant porte, 
Qu*ele £n pri^s del acoucier. 
Qou fu •!• jor apr^s mang^er 
Que li sire apoiies estoit 
70 As fenestres, si esgardoit 
Ceus ki yenoient le cemin. 
Atant es-vöus sor «I* roncin 
•I- escuier errant tout droit, 
Qui grant aleure venoit; 
75 Dedens le conrt en est entres; 
Si descend devant les degres. 
Quant li sires le Tit venit, 
Son ceval comande a tenir, 
Si dist: „Amis, bien viegnes tu<<. (p. 7 2.) 
80 Et eil li a tost respondu 
Come Chevaliers esprov^s: 
„Et vous, soies le bien trov6s 
Fait li valles, „biaus sire ciprs", 
Qui n'estoit mie si laniers 
47 Seule, all. vereinsamt, cp. nir. esseule^ abandonne. 
51 Emi n'ensi == nullement, en aucnn cas. C'est la premiere fois que 

je rencontre cette ezpression. 
61 De Wen, locution adverbiale signifiant tant soit peu. 
66 Apr^s ce vers, le copiste a ins^r^ malencontrensement la phrase: 

„Et tant venu et tant al^<<. 
81 — 82 Ces deux vers sont intervertis dans le ms. 
84 Lanier, Gacbet, dans son Glossaire, est bien contraint par certains 
passages a reconnaitre a cet adjectif la signification de paresseux, 



Le Perceyal de Chrestien de Troyes. 31 

85 De respondre, ain^is fu senes. 

Li sires dist: „Se me cre^s, 

Vons remanr^ annit m^s ci; 

BoD ostel ar6s, je tobs di, 

Et si ferons de tos grant feete.'^ 
90 „Sire, fait il, ce paet bien estre; 

Mais itant me faites doner 

Pain et Tin, si irai disner; 

Gar joa ne mangai encore hai.<< 

Et li sires respont celui: 
95 „Mals ass^ tant con loi plaira«*. 

Un cheralier apielet a, 

Si dist: „Prend^s cest escnier, . 

Faites li tost apareUier 

A disner, et pens^s de Ini; 
100 Gar il ne manga eneore hiii.<< 

Et eil maintenant i'enmena; 

De quanqa*il pot, faonor6 l'a, 

Et si li dona a mangier, 

En la sale Us '!■ Tergier, 
105 Et biele ci^re. Quant il ot 

Ass^s mangi^ tant com il pot, 

La nape comande ä oster 

Qne ne Toloit plus demorer; 

Fors de la cambre en est issns. 
110 Li sire est contre loi venas, 

Si li a dit conrtoisement: 

„Biaus amis, se Dex vons ament, 

De TOS noveles nos cont^s, 

Des plus voires que Tons sav^.*' 
115 „Gertes, sire, jel vos dirat, 

Ja men^ognieres n'en serai'S 

Fait li vall^, „se Dex m'ament. 

Ja n'en mentirai de noient. 

Li rois de Gales a empris 
120 Por trestoas ceus de son pais 

indolent, comme coexistant avec celle de avide, cruel. II la d^dnit 
de Tidee premiere de gloutonnerie. Voici mon opinion a ce sujet. 
II faut distinguer deux homonymes lanier^ Tun signiflant voraoe, 
cruel, et derivant de lanius; Tantre signiflant paresseux et venant 
de lana. Pour ce dernier, nous rappellerons les analogies de lo- 
dier, paresseux, faiueant, vaurien, qni yient da vha. lodo, etoffe 
de laine (voy. cependant Diez, Et. Wort. v. lodier), de poltron^ 
derive de I*all. poister, coussin, du portug. madra^o, paresseux (de 
materas, matelas), enfin da terme allemand bärenhäuter, faineant, 
cagnard, lache, coquin. 
95 Ce lui pour üOMS^est genant. 



32 Ch. Potain 

Et por tous ceas de Cornnalle 

Tomoiement qui ert sans falle 

Vers ceux de le gaste fontaine; 

Ne viut pas que enlui remaingne ; (p. 8^) 

125 Ains envoie par ceste terre 

Por Chevaliers cerkier et querre, 
Qu'il i yiengnent a lor pooir; 
Et le jonr vos dirai por voir, 
Que 11 i soient samedi. 

130 Biaas sire, por Dien, ven^s i;- 
Si yerres le tomoiement, 
Les Chevaliers et le grant gent, 
Quant il i seront tont venu." 
Li sires li a respondn 

135 Qae 11 ira, se Dex le gart. 
Li vall^s atant se d^part, 
Qoi s'en vait trestont son cemin. 
Li sires lait jnsqn'al matin 
Que il mande ses Chevaliers 

140 Et comande ses escuiers, 
K'aler viut an tomoiement. 
Cil s'atoment isnelement. 
Et si sont trestont assambl^; 
Et qnant 11 sont tont aün6, 

145 Bliocadrans en fist grant feste. 
Li sires mais plus nl arreste, 
Ses somiers a fait tost cargier 
Et son harnois aparellier; 
Atant li Chevalier s'en vont. 

150 Cil de la vile proie ont 
A monsignor Blocadroon 
Qu'il remansist en sa maison; 
Et sa femme de euer dolent 
Li repria mont doucement; 

155 Et il li dist: „Dame, taisies; 
De vostre duel vos abaissies«. 
Atant s'en est d'iaus departis, 
Laissies les a tous esbahis; 
Et eil proient au creatour 

160 Que il conduie lor signor. 
Bliocadrans a tant ale 
Et eil qu'il a od lui men^, 
Que il sont ensamble venu 
Au castiel oü 11 tournois fu. 

124 Je ne comprends pas cette expression enluu 

138 Lait, laisse, c. a-d. diff^re. 

156 Vos abaiaaies, ici = relächez-vous. 



Le Perceval de Chreetien de Troye«. 33 

165 Mais a diestre sont herbegie 

£11 •!• ostel moult aaisie; 

Et il Torent bon a talent. 

Li sire et tres'toute sa gent 

A rendemain plas ol estont, (p. S^.) 
170 Au tornoiement venu sont; 

Et qiiaiit U farent tait ensamble, 

Arme se sont , ai con moi samble , 

Et desor les ce^auB monterent, 

Et eil de la moult se hast^rent, 
175 Si vinrent ausi radement 

Comme quariaus quant il defcent 

Et 11 nostre, trestout siere, 

Chevaucierent yers la cite, 

Tout le passet) la 11 8*en vont; 
180 Bliocadran, el premier front,' 

Ayoec lui ot ses Chevaliers » 

Qu'il Yoloit iestre tous preiaiers 

Por le tornoi au comeneier. 

Atant es-Yons, el clef premier, 
185 'I- cheTalier ki tost randone, 

Et Bliocadrans esporonne 

Qui moult Tavoit de lone vise; 

Et eil le r'a bien avis6, 

Si se r'est adrecies vers Ini; 
190 Si s'entrefierent ambedui; 

Mais eil le fiert premi^rement 

Sonr aon escn par mantelent, 

Si ke sa lance brise et froisce; 

Et Bliocadrans, par angoisce, 
195 Le fiert el pis, soi la mamele, ' 

Que, parmi Tar^on de Ja sele, 

Le mist a ti^r« del oeval 

Parmi la crupe contreyaL 

Lors Ta a »I* vallet donnet 
200 Que jusqu'an bamois l'a menet, 

167 Vavoir hon, cp. xaXci)^ Sx.^^^ ^* ®^ allemand es gut haben. 

169 Estont, s'arr^tent; cette forme inaccoutumee de la 3® pers. plur. 
ind. pr^s. du verbe ester est motiv^e par l'aecent tonique, qui 
repose sur la demiere syllabe. C'est par la meme raison qu'a la 
1^® et 3® pers. sg. on a estois, estoit. 

176 Quariaus, nom. sing, de quarel, quarr el, nfr. carreau (dimin. de 
quadrOf cadre). Carreau doit etre pris ici dans le sens de trait 
d'arbalfete, ainsl appel^ k cause de la forme quadrilatere de son fer. 

179 Le passet, au petit pas. 

200 Hamois, signifie en general, comme Tall. Tross, Patlirail neces- 
saire a une expeditlon; cf. v. 668. 
Jahrb. f. rora. u. engl. Lit. V. 1. 3 



34 Ch- Potvin 

La si^le et le frain ont oste. 

Et toat li aatre i ont jonste 

A cele fois motilt durement; 

Gel jor nl perdirent noient. 
205 Bliocadrans si bien Ta fait 

Que tont le loent da cel fait, 

Que moult Tot fait et bien et beK 

Atant vok renir *I* dansel 

Grant et fort et bien a ceval; 
210 Moult estoient andoi vassal; 

De tant con il porent Tiser 

Ne fln^rent d'esporonner, 

Si se vienent entreferir. 

Bliocadrans fiert par air (p. 9^) 
■ 215 Que li escus pe^oie et fent^ 

Mais li hanbiers pas ne desment. 

Et sa lance vole en esclices/ 

Si que eil le voient des lices. 

Cil r'a Bliocadras fem, 
220 Par deseuv Torle del escn, 

Emmi le vis, parmi le ci^re, 

Que par le hateriel derriere 

Parut tons li fiefs de la lance; 

Cil ne pot mais se il balance, 
225 Que il estoit a mort navres; 

A tiere kai jus pasmes; 

Mais li sien Tont tost relere 

Qui pour lui ont grant duel men6. 

Lors li fisent faire une bi^re, 
230 Si Temport^rent en litiere 

El castiel ü il ot este; 

Moult Tont iluec reconfort^, 

Sei coucierent moult docement 

En une cambre loing de gent, 
235 Et si le fisent bien confibs, 

Ne vesqui que •II* jors apri^s, 

Que il moru sans demorer. 

En •!• mostier Tont fet porter 

Si compagnon, grant duel en fisent, 
240 Lor dras et lor caveus detirent; 

Et, quant il fu dedens Teglise, 

Si li fisent moult bei service; 

220 OWe, lat. orula^ dimin. de ora, bord. De orie nous avons fait le 
dimin. ourlet. 

239 Fisent\ la rime exige firent, La 3® pl. du parf. defini de faire 
varie dans les textes entre fistrent^ firent, et fisent 

240 Caveus y cheveuz; plus loin, y. 429 ceviaus. 



Le Perceval de Ghrestien de Troyea. 35 

Puis Tenport^rent entierer. 

De lai ne vos voel plns nomer, 
345 De lui ne deL tomoiement, 

Ains vos Torrai dire coment 

La dame, ki remese estoit, 

A son oBtel se maintenoit 

Apr^s ^on qne il s'en ala; 
250 Qae •im* jours ne demora 

Que la dame ot •!• damoisel, 

Onques nus hom ne yit plus bei. 

Au mostier le fisent porter, 

Sei fönt baptisier et lever, 
255 Et, qaant il fu crestiennes, 

Ses nons fa issi apiel^s 

Con 8*il onques ne fast viuB, 

Ne nonci^s, ne apcrc^us. 

Par •!• yallet que eile avoit (p. 9*.) 
260 A son aignor envoia droit 

La dame, ear savoir voloit 

Com faitement se maintenoit. 

Et k'ele avoit •!• i&l ^u, 

Que onques mais plns bians ne fu. 
265 Et eil qui dire 11 ala 

Mort et enfoui le trova. 

Les noveles k'a aportees 

A a ses Kompagnons cont^es 

Et il en furent tout moult lie, 
270 Mais de lor signor sont iri^, 

Si qu'il ne porent joie faire. 

Atant li valles s'en repaire 

Tout le cemin qu'il ot venu; 

Et eil li ont bien deffendu 
275 Qu*il ne desist, n'a droit n*a tors, 

Que lor sire fust ensi mors; 

Ains desist qu'il estoit aUs 

Au roi ki les avoit mand^s. 

Et si flst il, de v^rit^. 
280 Et tant a le cemin erre 

244 Aowier, ici = faire mention, parier. 

254 Lever, levare de sacro fönte, aus der 'Taufe heben. 

255 Crestienner (trissyllabique), baptiser; expression encore usuelle dans 
Tangl. to Christen, 

256 — 8 Je ne pen^tre pas le sens de cette' allusion au nom de Perceval. 
262 Com faitement, comment. L'expression adjectivale com faxt = 

qualis, repond bien a Tall. ^ie beschaffen on au flamand hoedaen, 

hoedaenig. 
266 Enfoui, enterre. 
275 N*ä droit n*h tors, ni directement ni indirectement. 

3* 



36 Ch. Potvln 

K'en la vile entre a esporon; 

Si descent dal^s le dongnon 

Ü la dame gisoit amont. 

Del vallet moalt grant joie fönt 
285 Tout eil ke il a encontris; 

En la cambre en est entres; 

La dame et trestonte sa gent 

A salue premi^rement, 

Et il fa moult bleu respondns. 
290 „Mesire vos mande salns, 

Fait li yalUs, et biexi sacies 

Que ne fa onqnes mais si lie» 

De nal enfant que de cestui. 

Moult en cremoit avoir anui; 
295 Grant joie a de vostre p6ril 

K'av^s pass6, et de son iil; 

Et si vous di que, s'il p^ust, 

Que moult volentiers vos 6u8t 

V6u; mais li rois Ta mand^ 
300 Ü il en sont trestout ale, 

En Gales, le jor que g'i fui, 

Que a lor movoir, por voir, fui, 

Et tout si compagnon aprbs; 

Devant -VIII- jors ne venront mes. (p. 10 1.) 
305 La dame ki el lit gisoit 

De son signor moult bien qnidoit 

Que eil 11 desist yerit^, 

De son signor qu'ot la trove, 

Por ee qu'il l'afi^it si bien. 
310 Mais il ne li desist por rien 

C'on li avoit bien deffendu- 

La dame a son termine fu 

Tant que tans fu del relerer. 

•VIII- jors apri^s, sans demorer, 
315 Sont li eheyalier assamble 

Qui dou tomoi ^rent al6 

Oü li sire'ot este hocis. 

„Signor, moult somes entrepris*', 

Fait uns cbevaliers, riees bom, 
320 „De coi ke nous dit n'en avon 

A ma dame de son signor 

Qui si est mors a grant dolor. 

Mais une eo^e sacies bien 

Que ne le diroie pour rien. 

289 Notez cet emploi transitif du verbe respondre, limite aujourd'bui 

au terme „lettres repondues". 
309 Aficier, affirmer. 
320 II faut peut*etre eorriger: de ,^ou ke. 



Le Perceval de Chrestien de Troyes. 37 

325 Mais ci pri^s a •!• bon ab^, 
Si li disons, par earite 

Qa'a ma dame viegne parier/* 

Lors fönt les cevaus ensieler, 

Et puis lor a on amen^s. 
330 Par Testrier est cascans montes; 

Tout ensamble d'ilnec s'en vont; 

£n l'abie yenut en sont; 

L'abeit et trestout le covent 

Ont salue premiörement; 
335 Puis ont de lor signor cont^, 
Coment fü mors, la v^rit^, 

Et de chou qne n'en savoit rien 

La dame, ains li celoit on bien; '^ 

Que, por dien, dire li alast 
340 Et apries le reconfortast, 

Que ele en avoit grant mestier. 

Li abes saut sans delaier, 

Et maintenant a Inec mand^ 

Son palefroi , s'a oomand^ 
345 A ceus k'il remaineut enki, 

Tant ke il ait parU a li: 

„ Qne Jon li voel premiörement 

Dire et mostrer tout mon talent; 

Et puis revenr^s apries moi." (p. 10'.) 
350 Cascans respont: „Et je Totroi." 

L'abes et doi serjant s'en vont 

Et 'II* moines ke plus n'i ont, 

Tant ont ce-vauci^ et erre 

Li dui moine od lor abe 
355 Que il sont el castiel venu. > 

Li doi moine sont descendu, 

Contremont les degres mont^rent; 

Li seijant les cevaus gard^rent; 

La dame ont trovee gisant 
360 En la sale en •!• lit atant, 

Et, quant eile venir les vit, 

Encontre Tabe sus salit, 

Si li dist: „Sire bien vignies«. 

la abes fu bien ensegnies, 
365 Moult belement li respondi: 

„Cil Dex qui onques ne'menti 

Vos saut et gart et beneie, 

Et Tons et vostre conpagnle, 

Et maintiegne tous vos amisl« 

342 Saut (de aalir), se Ifeve. Saut est aussi la 3« sg. subj. pres. de 

sauver , ainsi au v, 367. 
345 Enki, voy. Diez, Et. Wtb. L, v. qui. 



3g Ch, Potvin 

370 Lors s'est bien pres de li assiff, 
Et d'autre part li moine andai 
Se sont assis bien pri^s de lui, 
El lit mottlt debounairement. 
L'abes parla presai^rement , 
375 Si a dit par bele raison, 

Commencie •!• monlt bei sermon 
Angola que il vaaist parier , 
Li dist: „Moult par poes amer 
Celui ki vos done sante 
380 fit vos garde d'enfremete , 

Et nos raienst de nos pecies, 
Et fu por nos crueefie». 
Et resmecita au tierc jor; 
Et vous, dame, par soie amor, 
385 Deyeries tout adies penser 
Por iui servir et bonerer, 
fit prendre en bone volonte, 
Dame, quanqu*il vos a donne. 
Et si saves que tuit morront, 
390 Que ja escaper n'en poront 
Que 11 ne nous estnece aler 
La dont ne porons retorner, 
De quele eure qu'a dieu plaira. 
Dame, ne vos celerai ja, (p. 11^) 
400 (?ou saeies, bien le vos puis dire. 
Mors est li preudom vostre sire 
Qui tant fu säges et ames 
De Chevaliers, de clercs, d'abes. 
Or, madame, penses de l'arme, 
405 Que diex vos face preude fame.« 
La dame se pasme a ce mot, 
Quant son signor nommö li ot, 
Qn'il estoit mors et entierea. 
Mais li abes fu moult senes, 
410 Isnelement Va relevee, 

Moult durement l'a confortee, 
Mais li confors li fu moult fiers. 
Atant es-vous les Chevaliers 
381 Raienat, 3 sg. du defini de raiembre = lat. redimere. 
389—90 II faut sans doute cgrriger morrons, porons. 
391 Estuece, 3 sg. subj. pres. de estovoir, falloir (voy. Diez, Wtb. II, 
p. 286). Cp. le Roman de Brut, v. 1385--6. 
Nus hom ne te puet garantir 
Que il ne Vestuise morir. 
404 Arme-, prononcez äme. 

411 On sait que dur chez l^e trouveres est tout bonnement un syno- 
nyme de fort; il en etait jadis de meme de l'all. hart, qui est lit- 
teralement le grec xapxa. 

412 Fier parait signifier ici difficile, penible. 



Le Perceval de Ghrestien de Troyes. 39 

Que li abes avoit laissies; 
415 Lors fu li dius recomenci^^ 
Qae li chevali^ se pafimereat 
Et apres, quant ü reieverent, 
Regretoient tont lor signor, 
Comme se il fast mors le jor. 
4^0 Mais ce sacies voas bleu sans falle 
Que grant dael faire se travaUe 
La dame, ki i met s'entente; 
Sovent se pasme et se demente 
Et se clame: „Lasse, caitive, 
425 Dolante, por coi sai je vive 
Quant j'ai perdu mon bon ami 
Qui si me portoit grant bonor?<^ 
Dont se rescrie a moult haus cris, 
Ses ceviaus ront et bat son pis, 
430 Et maudit Teure que fu nee, 
Ne nourie, ne engenree, 
Por soufrir si mortel dolor. 
Lor oissies et cris et plour 
Qu'il n'est.hom, si dur euer eust, 
, 435 S*il le veist, dolans ne fust; 

Moult i avoit duel et tristrece, 
Iluec n'avoit point de leece. 
L'abes ne vot plus arriester, 
Son palefroi fist i^rester, 
440 A la dame congi6 demande, 

Les Chevaliers a Den commande, 
Mais tant lor a dit et proi6 
Que il aient lor duel laissie. 
Et Tendemain plus a'i atent, (p. U^.) 
445 Fait canter messes plus de cent 
La dame par tot ses mostiers; 
Asses i avoit Chevaliers, 
Borgois et dames, ce sacies, 
Que moult estoient corecies, 
450 De lor signor mat et dolent. 
Ensi a estet longement 
La dame; si se confortoit 
A son fil que mout bei avoit; 
A lui avoit toute s'entente, 
455 Mais de son signor ert dolente. 
Del signor ne voel plus conter, 
Ci lairai la parole ester. 
115 Ditis, nom. sujet ge doel, duel, deuil; cp. voel, volo, tnut, vuit. 
426 La rime oblige ä corriger signor a la place de ami. 
431 On sait que ne, dans les propositions indirectes ou interrogatives, 
a la valeur de et Cp. v. 485. 



40 Ch. Potrin 

De la dame et de son enfanl 

Vous coDterai d'oi en avant, 
460 Et dirai ooment li avint 

Et com ele pnis se cotitint. 
Bien a, 90U m'eet vis, si eat^, 

Puis k'ele Bot la veritö 

De 8on signor ki ert ocis, 
465 La dame 'VII* mois el pais. 

Fu tant ke yint el mois d'aTril, 

Que le dame tenoit son fil 

Dont li solas moalt li agr^e. 

Mainte fois s'estoit porpensee 
470 Coment ele ]e garderoit, 

Que ja cheTaliers ne seroit, 

Que ^armes ne saroit porter, 

Ne Chevalier n'oroit nomer, 

K'en lui fu tous tans seB confors, 
475 Et, s'il par armes estoit mors 

Comme sont si oncle et ses p^re, 

Ele meisme, k^est sa m^re, 

S'ociroit tost de duel apri^s, 

Ne Jamals jor ne vivroit mfes; 
480 Et dist, s'el pooit sans fauser, 

E'en la gaste forest entrer 

Vorra, et si sera par tens. 

Ja nel sara nns hom de sens, 

Ains que ses fius soit auques grans, 
485 Ne sages, ne apiercevans, 

Si que 11 ne v^ist nului 

Fors ceus ki seroient o lui; 

Ensi le quident garder bien. 

Et si ne doute nule rien (p. 12 ^) 

481 öoÄ*, gaste, solitaire (all. vriist), du lat. vasius. 

484 Auquea, du lat. aliquid = un peu. Feu notre ami Gachet s*ever- 
tue, par de nombreuses citations, a demontrer contre Diez Tem- 
ploi ezclusivement adverbial de ce terme, comme si Diez avait 
ignore ce fait. Diez ne s*occnpe qae d'etymologie , et de ce chef, 
il ^tait parfaitement dans le vrai en assimilant auques a Tesp. algo, 
et en le qualifiant de pronom neutre. Seulement il aurait bien 
fait de faire ressortir la finale s, qui caracterise sa fonction ad- 
verbiale, et d'autre part, Gachet, en appuyant tant sur cette fonc- 
tion , n'aurait pas du negliger l'emploi analogue de Toriginal latln 
aliquid (cf. Tall. etwas , et l'angl. somewhat), H etait nn temps 
oü les philologues fran^ais, ne sachant que faire de cet auques^ 
Texpliquaient tout crüment par l'all. aucA, flam. 00k I 

485 Apierecevant , sens absolu, = doue de jugement. 
488 Quident y il faut corriger quide. 



Le Perceval de Ohresden de Troyes. 41 

490 Trestoufl leg jonrs qa*eLe vlTra. 

Un sien serjant apielet a, 

Si a mand6 «I* sien maior 

Que eile amoit de grant amor, 

Quil estoit sages et yallans; 
495 De sa moailler ot •XII* enfans, 

•VJII' fias et qaatre damoseles 

Qui monlt erent cointes et beles, 

Sages et de bone raison. 

Li varJ^s enti*e en la maison, 
500 Que la dame i ot envoyö; 

Le maior trova apoiö 

Par desor le dossei d'nn lit; 

Li valles lores li a dit 

Que il viengne hastinment 
505 Et si ne le^ laist por noient; 

Sa dame mande que il viegne, 

Que nus essoinnes ne le tieene. 

Et il si fist deliyrement, 

N'i ot point de delivrement. 
510 Ensi s'en Tont, si con moi samble, 

Li maire et li valles ensamble. 

Tont ensamble d'iluec s'en vont; 

En la cambre tout droit en vont. 

Quant la dame vit le maior, 
515 Si li a dit par grant amor: 

„Maires, bien soi^s vos Tenns^S * 

Et eil ne furent pas trop mns; 

Ains dist: „Dame,- eil dex tos saut 

Qui partout puet et partot vaut 
520 Et il TOS doinst joie et sante. 

Dame, vous m'av^s ci mande, 

Or me dites vostre talent/< 

La dame par la main le prent, 

492 Maior, major administrateur , r^gisseur, nom. sg. maires, 

504 Basiiument, forme contract^e de hastivement; Elision de e et r^so- 

lution de v en u. 
507 Comme tous las glossaires que j'ai a ma disposition se taisent a 

cet ^gard, je constate a cette occasion que le subst. essoine (afifaire, 

empechement, difficulte, excuse) , * est , dans Chrestien de Troies 

du moins, toujours du genre masculin. Cp. v. 574. 
509 Delivrement doit ötre une erreur de copiste ponr detriement ou de- 

laiement, a moins que ce ne soit le subst. d'un verbe delivrer, 

signifiant delib^rer. 
517 Ce pluriel furent ne concorde pas ni avec dist du vers suiyant, ni 

avec mu8 (nom. maso.); je corrigerais volontiers re/u, „et celui-ci 

de son cöte ne fut pas muet<<. 
519 Le mot puet est ce que j'ai pu reconstruire de mieux des traits 

a moitie effaces du ms. 



42 ^^' Potvin 

En iine cambre Ta menet, 
525 Desor *!• lit sout acostet. 

La dame tout premi^rement , 

Qui moult avoit le caer dolent, 

Li dist: „Maires, por Diu, merci 

Ke Y0118 ai^s de moi tos pri, 
530 Et de mon fil, Maus sire ciers. 

Prendom estes et Chevaliers 

Et si m'av^s estet feeus; 

Pour 90U vous dirai mes conseus. 

Aler m'en voel de cest pais, (p. 12'.) 
535 Ke mes fius ne me soit ocis. 

En le gaste foriest irai 

Et ilueques le garderai 

Tant ke Dien venra a plaisir; 

Et se vous volles venir 
540 Od moi, bon gre vos en sarai, 

Ne ja de vQjas n'en partirai; 

Et si amenes vostre fame 

Et vous, por Diu et por vostre arme. 

Et trestoute vostre maisnie, 
545 Ciertes, jou en serai plus lie.*' 
Tant 11 a dit et tant proye, 

Que li maires a ottroy^ 

Que 11 moult volentiers ira 

En quel liu que eile vorra, 
550 Pour 90U que il set bien por voir 

Qu'il ne poroit pas remanoir. 

Lors dist: „Dame, moult sagement 

L'estevroit faire pour la gent; 

Por 90U, s'il nos apercevoient, 
555 Ja aler ne nos en lairoient. 

Mais se vos homes f^issies 

Tous mander et lor deissies 

Que vostre fil voles mener 

A Saint Brendain d'Escoce orer, 
560 Si lor proies ke bonement 

Se contiengnent et sagement. 

Et apries 90U vos jureront 

Que la ti^re vos garderont 

A oes vo fil, se vous voles, 
565 Qui en sera sire clam^s; 

533 Mea conseus (acc. plur. de conset)^ mes projets. Au v. 572, con- 

sei a le sens de: „entretien prive". 
543 Corrigez vom, 

552 Moult sagement, avec beaucoup de precaution. 
564 A oes vo /i/, dans Tinteret tou pour le bien de votre fils. Voy. 

Diez, I, V® uopo. 



Le Perceval de Chrestien de Troyes. 43 

£t tout a signor le tenront, 

Comme signor le garderont. 

Par mon consel si le feres 

Et a toos le couinander^s.'' 
570 La dame li dist bonement 

Qa'ele fera tout so]i talent. 
A ce mot lor consel fin^rent, 

Fors de la cambre s'en alerent. 

Et la dame sans nul essoine 
575 . . . . ni ot plus £ait d'aloingne; 

Tous les Chevaliers de sa terre 

A fait partout cier et querre, 

Borgois et dames et serjans 

Qui estoient de lui tenans. (p. 13'.) 
580 Li mesagier yinrent ensamble, 

Au quart jor murent, ce me samble, 

Et quant il furent la veuu, 

Lors ont 'L parlement tenn 

La dame et trestoute sa gent. 
585 Si lor dist bei et sagement: 

„Signor, vos estes assamble 

Et Jon TOS ai ici mand6, 

Si ne saves encor por coi; 

Mais jou le vos dirai, par foi. 
590 Pour Qou que j'avoie pie^a 

Cest mien fil ke vos vees 9a 

A Saint Brandain k'est en Escoce, 

Que Dies li doinst honor et force, 

Si le me gart et sanf et sain. 
565 Por 90U i voel movoir demain, 

S'en Toel a vous prendre consel. 

Sei me dones, car je le voel; 

Et demain, par matin, movrai*, 

Le maieur avoec moi menrai; 
600 Et por 90U qu'en toute ma tifere 

Voel ke il n'ait estrif ne guerre, 

Voel jou ke trestout me jures 

Que la tlere me garder^s. 

Or saves mon comandement; 
605 Si me dltes vostre talent.» 

575 Les deux preml^res syllabes du vers sont effacees. 

577 Si der n'est pas un lapsus calami pour crier, nous aurions ici un 

representant francais du latin citare, reste inconnu jusqu'ici. 
590 J'avoue mon incapacite de traduire ce vers; je ne saurais m'en 

tirer qu'en corrigeant favoie en fai voe (j'ai vou6). 
601 Voel ke me fait l'efifet d'etre une faute, amenee par le voel du vers 

suivant. II faut, me semble-t-il, y substituer Tadverbe oncques. 



44 Ch. Potvin 

Quant li Chevalier l'entendirent , 

Saci^s ke tont s'en esbahirent, 

Car li et son fil reteniscent 

Moult Yolontiers se il peaissent. 
610 Si li ont dit: „Dame, por D6, 

Remaoes encor cest est^, 

U nostre sire nos laissie«. 

Si aodui ensamble movi^s, 

Nous seriemes toat desconfit/' 
615 La dame lores, sans afit, 

Lors dit: „Uns chose saci^s 

Que pour noient m*en prieries; , 

Car avecques moi Tenmenrai, 

Comme mon fil le garderai." 
620 Atant Ten ont done congi^: 

„K'ira o vous? et gi6 et giel** 

MonteDt Chevalier et serjant 

Qui estoient forment dolant 

Et de chou qu'ele 8*en aloit (p. 13'.) 
625 Et de son fil k'ele enmenoit. 

La dame avoit »I* sien neveri, 

Bon Chevalier et sage et preu; 

A celui, sans plus demorer, 

A fait la ti^re ass^urer 
630 As barons kl illnec estoient; 

Que son comandement feroient, 

Tant ke Dex lor laist repairier, 

A tous lor a fait affiier. 

Et, quant il orent ^ou jure, 
635 Li Chevalier s'en sont ale 

A lor Ostens por aaisier. 

•I* mois durant trestont plenier, 

615 Sans afit-, cette expression, que pour ma part je rencontre ici pour 
la premiere fois, doit signifier: franchement, sans r^serve. Aucan 
glossaire ne renseigne le mot afit, qu'ü faut se garder de confondre 
avec q/i, confiance ou promesse; il ne peut venir que du.lat. af- 
fecluSy pris soit dans le sens d*6motion, soit dans celui d'affecta- 
tion, dissimulation. 

616 Lora est une faute d'^criture pour lor. 

621 Ce vers depeint vivement Temulation que mettent les Chevaliers 
en s'offrant pour accompagner la reine et son fils. 

622 Montent (s. e. a cheval) ^quivaut a partent 

629 La tiere p. Tadministration de la terre. 

630 As barons, par les barons. 

632 Notez ce datif lor de la personne avec laissier, dans le sens de 
permettre; il faut envisager l'infin. repairier comme le regime direct. 

633 Le ms. porte fautivement, ce me semble, et tous. 



Le Perceval de Chrestien de Troyes. 45 

Ot la dame pris 8on tr^sor, 

Qn'ele avoit grant d'argent et d'or; 
640 De la ti^re Tont envoyet, 

Li serjant ont aparelliet 

Cars et caretes plus de cent; 

De biet, d'avaine, de forment 

Les fönt cargier, et puis errer, 
645 Et bues et vaces fönt mener, 

Cevans et montons et brebis, 

Si con raconte li escris, 

Qae nns hom, ce sacies vos bieoi 

Ne s'aper^ut de nule rien 
650 Qne s'en alast sana repairier. 

Ele ne vot plus delaier, 

An^ois mnt Tendemain al jor, 

Od lui 8on fil et son major, 

Qoi mena tote sa maisnie, 
655 De coi la dame estoit moalt lie. 

Et si ami le convoi^rent 

Qui au partir grant dnel mjBD^rent; 

Mais eile les fist retomer. 

Tant ont entendu al errer 
660 Ca •!• castel vinrent tot droit, 

Qni sor la mer de Gale estoit; 

Et moolt i fist bei et plaisaat, 

Cafle TapiUent paisant 

Et trestot eil de la contrie. 
665 Ilnec a sa gent assambUe 

Qne eile ayoit od li meni, 

Mais n'i ont gaires demor^; 

An^ois mat atont son hamois, 

Pins rice n'ot ne qnens ne rois; (p. 14i.) 
670 Et si gent avoec li alerent, 

Onques nnl jor ne s^jomerent, 

Tant qn'en la forest sont entret. 

Si ont bien «Xn* joors estet, 

Ne virent yile, ne maison, 
675 Ne nule rien, se foriest non. 

Tant ont erre le fort cemin 

Par le gaste foriest 'sans fin 

E'en une lande sont venu 

Dont li arbre ^rent vert et dru; 

638 Pris, recueilli, rassembU. 

S44 Errer y icd = se mettre en route. 

S59 ,flls ont tant presse leur marohe.<* Entendr e = lat. intenderey 

alL sich anstrengen. 
374 Ne virent = qu'ils ne virent. 



46 Ch. Potvin 

680 •€• liues avoit bien de le 

La lande, et desous ot «I* pre 

Qni moult fu bians et avenans, 

Et desous une aige moult grans 

Qui de la foriest descendoit, 
685 Et saci^s ke moult biele estoit, 

Et 90U Yos puis dire la fin 

C'on en peust mlovre un moulin. 

Tout maintenant iluec descent 

La dame et trestoute sa gent; 
690 Enki sont iluec osteU 

Jusqu'al matin qu'il sont ley^; 

Et la dame en apiela 

Son maior, si li demanda 

Se il faisoit bon sejorner 
695 Ilueques por son fil sauver. 

Et li meres (sie) li respondi: 

„Dame, par verite, vos di 

Que 'C' liues chi environ 

N'en a ne yile', ne maison, 
700 N'ome, ne fame, al mien espoir; 

Et ci feroit moult boin manoir. 

Une maison faisons ci faire, 

Si i sera nostre repaire. 

Et mi fil le feront moult bien, 
705 Et nos ayons asses mairien 

De le forest ke chi v^^s." 

„Or en faites vos volentes, 

Fait la dame, et bon me sera." 

Et li maires tantost ala 
710 A ses fius et si lor a dit: 

„Signor, ne metes en respit, 

Mais or penses del essarter 

Et del mairien faire aprester, 

Car vos feres une maison (p. 14^0 
715 Ici u nous herbergeron; 

Car ma dame le viutensi." 

Et eil Totroient sans estri. 
683 Aige, prononcez aigue, — Grans y pour la rime au lieu de grant. 

686 Dire la fin, dire en resume, en un mot.- 

687 C'est bien miovre que porte le ms.; mais je ne sais qu'en faire. 
Faut-il corriger muevre (mouvoir)? 

690 Remarquez la redondance enki -iluec. 

695 Sauver, refugier. * 

700 Espoir y ici = avis; al mien espoir, a ce qui me semble. 

705 Mairien (nfr. merrain), bois de construction, du lat. materiamen, 

712 Penser de faire quelque chose, c'est s'y mettre avec soin. Cp. v. 99. 

717 Estri, p. estri/, contestation, Opposition. 



Le Perceval de Chrestien de Troyes. 47 

Maintenant sont el bos ale, 

£q -XV* joors ont tant oyr^ 
720 Qu*il orent fait une maison 

Close de palis environ, 

Qne moiilt i fa bien herbegie (sie) 

La dame et tonte sa maisnie. 

Et li serjant aparellierent 
725 Le tiere et si le gaaingni^rent ; 

Et, qnant il les orent arees, 

De biet les ont moult bien sem^es. 

Ensi ont longement este 

Et la dame a son fil gard6 
730 Tant ke il sot bien ce?aucier 

Et de gaverlot bien lancier 

Que li fi] au maior faisoient 

Qui moult bien faire le savoient. 
Quatorse ans a la dame este 
735 En la foriest et conviers^ 

Qae hom de m^re nel savoit 

Le liu ou ele conviersoit. 

Et ses gens le faisoient qnerre 

Et cerkier par mer et par terre, 
740 Mais rien aprendre n*en pooient, 

Mais tot ensamble bien qaidoient 

Qne ele et tonte sa maisnie 

Fnscent en mer morte et noie; 

Si Tavoient laissiet atant. 
745 Et la dame fait entendant 

A son fil qn'U n'avoit maison 

N'ome, ne fame, sHluec non, 

El mont, si grant com 11 estoit. 

Et li enfes bien le qnidoit, 
750 Qni monlt aToit de sens petit. 

L^s li s'assist desor «I* lit 

La mere et -C* fois le baisa, 

Biaus fius et signor Tapela, 

Et si li dist: „Fius, vous aUs 
755 En la foriest, si ochies 

725 Qaaingnier, cultiver, rendre productif. 

726 Ce pronom pluriel les r^pond irregulierement au singulier tiere. 

735 Convierser, lat. conversari^ sejourner. 

736 Lisez hom de mere net. 

745 Fait entendant, tonrnure remarquable pour fait entendre, 

762 — 3 Ces vers rappellent ceux de W. von Eschenbach (vv. 3350 — 3) : 

Die küngin des gelüste 

Daz sin vil dicke kuste. 

Si sprach hinz im in allen fliz 

„Bon fic, scher fiz, beä fiz«. 



48 Ch. Potvin 

Cevrieus et cers asa^s BOYont; 
Mais une chose vos deffent: 
Se voas une gens i veries 
Qni sont issi apparellies (p. 16 1.) 

760 Com s'il fuscent de fer coyert, 
Ce sont li dyable en apiert 
Qui sont felon et empene; 
Tost Yos aroient devorä; 
Gardes od eus n'i arrest^s, 

765 Mais tost arribre reven^s 

Et si vos en sainies moult bien, 
Ja en tout qou ne perdres rien; 
Et si dires Yostre credo, 
Bians fius, por Dieu, je ie vos lo; 

770 Ja puis n'ares garde de rien.«^ 
„Dame, fait-il, jel ferai bien; 
Sacies se joa tel gent veoie, 
Moalt tost arriere revenroie, 
Se jou m'en pooie venir, 

775 Et Dex m'en done le loisirl*« - 
Atant d'ilueques se leva, 
Trestonte la nuit demora 
Jasqu'au matin qu'il se leva. 
Isnelement s'aparella, 

780 Au plus tost qu'il se pot haster, 
Son ceval a fait enseler, 
Puis si ert maintenant montes. 
En la forest s'en est entres, 
Ses -III* gaverlos en sa main, 

785 Et cerke le bos et le piain, 
Trestout le jor, c'ains ne fina 
Qne nule bieste n'encontra; 
Et dist que l'endemain iroit 
Asses plus loing que ne soloit. 

790 Atant ert a l'ostel yenus, 
Isnelement est descendus; 
Sa mere encontre lui ala, 
Qui plus de cent fois le baisa, 
Et apries li a demande % 

795 Moult doucement et comand^ 
Qu*il li die que trovet a, 
Et eil de rien menti n'en a: 
„Dame, je fui en la forest 
Et sacies bien que moult me plest 

761 Diable, prononcez di-ahle. 

762 Empene, all. befiedert; de penna, plume. 
770 Garde, danger. 



Le Perceyal de Chrestien de Troyes. 49 

800 L'envDis^ure et li deduit/« 
Ensi OQt est^ cele nuit; 
Sa m^re plus ne li enqaist 
Et li valles plus ne li dist. 

800 Envoiseure, amosement ; deduiiy plaisir. 

802 Enquerre, dans le sens de questionner, est construit avec le datif 

comme demander ; on voit aussi le datif de la chose avec enquerre ; 

p. 16 2 : „li valUs a autres noveles enquiert et demande et entent/« 



Apr^s ce premier chapitre, commence le r^cit, cette 
fois bien preparä, de la rencontre des Chevaliers. En 
voici les premiers vers: 

Ensi come Perchevaus trova en la lande les Chevaliers. 

Ce fa el tans c'arbre fiorissent, 
Faelles, boscage, prä verdissent, 
Et eil oisel, en lor latin, 
Docement cantent aamatin, 
Et tote riens de joie flame, 
Que le fius a la vaive dame 
De la gaste foriest sontaine 
Se leva et ne li fu paine 
Qae il sa siele ne mesist; 
Et son cac^onr, ne presist 
Trois gaverlos et tout issi 
Fors del manoir sa m^re issi, etc. 

On peut dejä rcmarquer le caractere transitoire de 
ce d^but qui rappeile, m^me par la forme grammaticale, 
la fin du chapitre precedent, oü Perceval se propose d'al- 
1er chasser le lendemain: 

Et dist qne Tendemain iroit . . . 

Puis, que signifient ce nom de ßla de la veuve dame 
donne au heros et cette gaste /ortest sotUaine ^), si le premier 
chapitre manque, et si le lecteur n^a pas ^tö mis au cou- 
rant des ev^nements qui ont rendu veuve la mere de 
Perceval et l'ont portee k se cacher dans la ga^te foret^ 
evenements qui sont le fondement meme du sujet. 

Le recit continue de meme, en s^appuyant sur le 



^) Soutaine est interpr^t^ par les philologues fran^ais comme me- 
ridional, comme on derive de aouth, sad. Wolfram en a fait an nom 
propre et le traduit par Soltane. 

Jahrb. f. rom. u. engl. Lit. V. 1. A 



50 ^^* Potvin. Le Peroeval de Chrestiea de Troyes. 

chapitre premier et il renferme plus d^un trait qui man- 
querait d'explicätion süffisante ou qui perdrait tonte sa 
valeur poetique , sans cette indispensable^ entree en matiere. 

Ainsi, tout prouve que les manuscrits qui, apres un 
court prologue, commencent par le second chapitre du ma- 
nuscrit de Mons, ont, d^s le d^but, une grande lacune^ 
que ce manuscrit vient combler. 

C'est la Belgique qui possede le manuscrit le plus 
complet du chef-d'oeuvre de Chrestien de Troyes; le pu- 
bliera-t-elle? 



Ch. Potvi 



I 



Ebert. Die ältesten italienischen Mysterien. 54 

Studien zur Geschichte des mittelalterlichen 
Dramas. 

I. Die Ütesten italienischen Mysterien. 

Die älteste Nachricht yon dem geistlichen Schauspiel 
der Italiener datirt yon dem Jahre 1244 (nicht 1243 wie 
. in der Regel unrichtig geschrieben wird. *) In einem Ver- 
zeichni/s der Regiminea Paduae vom Jahre 1174 — 1364 
finden sich bei den Namen der jährlichen Podestk die 
wichtigsten Ereignisse ihrer Regierungszeit in aller Kürze 
angemerkt. Dort erfahren wir denn, dafs in dem ge* 
nannten Jahre eine Darstellung — repraesentatio — der 
Passion und Auferstehung Christi^) im Prä, della Valle, 
einem grofsen, heute wenigstens mit Rasen bedeckten 
und von Bäumen beschatteten Platze Paduas, am Oster* 
tage selbst feierlich stattfand. In einer andeni Hand-* 
Schrift der Regimines wird dem eolemniter noch ein ordi^ 

^) Man kann hier wieder einmal sehen, wie selten die Quellen selbst 
— obschon man sie in der Regel zu citiren pflegt — in solchen Fällen 
befragt werden, oder weni'gstens mit wie geringer Sorgfalt. Tira- 
bp0chi (1. in, c. 3, § 25), ans welchem die Meisten ohne Zweifel die 
Nachricht schöpften, drücki; sich zuf&r nicht unrichtig aus, inden^ er, die 
Stelle nach der italienischen Version wörtlich wiedergebend, die Worte 
vorausschickt: in cui (Muratori) alC an. 1243 si legge; aber da er 
keine weitere Aufklärung rücksichtlich der Jahreszahl gibt, hat er 
nicht bloXs den Irrthom derer, die ihn abschrieben, Terschuldet, sondern 
er scheint ihn auch selbst getheilt zu haben. Die Stelle lautet nämlieb 
im lateinischen Text: 1243. Idem Dominas GaWanus Potestas Paduae. 
ffoc anno facta est repraesentatio etc. Und doch fand die Darstellung 
nicht 1243 statt; eine Nota, welche dem ganzen Denkmal vorausgeht, 
liesagt nämlich: „Nota, quod tempora Potestatibus aenteseripta dicnnt 
tempus electionis cujuslibet Potestatis sive Consulis. Unde quilifoet 
Bector, sive Potestas tenet medium annum »uae elecHonis et medium 
sequentem^ qaaYum Potestatum fiebat electio circa Feetum Sancti Petri 
de Junio," Muratori, Rer. ital. Script. T. Vin, p. 375. 

*) In der einen Handschrift heifst es nur: repraesentatio, ^össtonw 
ei mortis Christi, in der andern, mit wekher die italienische Version 
übereinstimmt : passionis et resurrectionis ; da aber gerade nach der erstem 
Handschrift die Aufführung in ipsa die Pa9eAee« stattfand, ist nicht zu 
bezweifeln, dafs auch die Auferstehung dargestellt wurde. 

4* 



52 Ebert 

nate beigefügt: „wie es sich gehorte''. Dieser Zusatz 
allein würde bekunden, dafs eine solche Darstellung nichts 
Neues war, wenn nicht schon dafür die Art des Aus- 
druckes im Uebrigen spräche. Ohne Zweifel aber hatte 
die „Darstellung" in jenem Jahre eine besondere "Wir- 
kung gehabt, sodafs sie hier verzeichnet wurde: wie 
andererseits auch die Fassung jener Stelle zu der An- 
nahme nothigt, dafs keineswegs alljährlich schon solche 
Aufführungen statt&nden, zum wenigsten nicht in der- 
selben Art. Sehr beachtenswerth nämlich ist, dafs diese. 
Aufführung im Freien statt&nd, nicht in der Kirche; es 
zeigt sich also in dieser ältesten Nachricht das Mysterium 
bereits von dem Gottesdienst gelost, selbständig; auch läfst 
eine solche Aufführung im Freien* an eine grofsere mate- 
rielle Entwicklung der Spiele denken. Es weist daher jene 
Urkunde auf eine viel frühere Entstehung des geistlichen 
Schauspiels in Italien hin; es hatte dasselbe bereits ein 
paar Perioden seiner Entwicklung durchlaufen. Die 
nächstfolgenden Nachrichten bekunden dies in noch höhe- 
rem Grade. Zwei Decennien später nämlich wird uns 
von der Gründung zweier Laiengenossenschaften (com- 
pagnie) berichtet, unter deren frommen Zwecken die 
Aufführung von Mysterien eine, vielleicht selbst hervor- 
ragende, Stelle einnahm. 1261 wurde die Compagnia de' 
Battuti (Geifselbrüderschaft) Treviso's errichtet, in deren 
Statuten der Verpflichtung ihrer Kirche — denn jede 
solche Corporation war schon -bei ihrer Gründung mit 
einer bestimmten Kirche verbunden, wo sie mindestens 
ihren eignen Altar hatte ^) — gedacht wird, für die Rol- 
len der Maria und des Engels zwei dem gewachsene und 
im Singen wohl unterrichtete Cleriker der genannten 
Genossenschaft^) alljährlich an dem in herkömmlicher 

1) Vgl. Jahrbuch I, p. 47. 

^ diciae scholae heifst es in der Urkunde, s. den Auszug aus der- 
selben bei Tiraboschi, 1. 1. § 28, Note (welche Note aber in der ersten 
Ausgabe fehlt). Schola hatte die aus spät römischer Zeit überlieferte 
Bedeutung von Corporation, Gilde, selbst Zunft; s. Hegel, Gesch. d^ 
Stadteverf. y. Italien II, p. 261. Gerade die Geifselbrüderschaften Ve« 
nedigs werden in den lateinischen Urkunden: scholae battutorum oder 
verberatorum genannt. 



Die ältesten itaUeoischen Mysterien. g3 

Weise an dem Tage der Verkündigung zu feiernden Feste 
zu stellen; doch sollten die Vorstände der Compagnie 
für die Anschaffung des Costums der beiden Cleriker 
Sorge tragen. Dafs aber hier von der Aufführung eines 
Mysteriums die Rede ist, was die Anmerkung zu Tira- 
boschi als zweifelhaft hinstellt, zeigt nieht blofs die eben 
Äuletzt von mir angeführte Stelle der Statuten, sondern 
auch eine andere, in welcher der Aüsdtuck Repraesentatio 
selbst sich findet. Die Sänger, heifst es da, sollen an 
dem Tage der Verkündigung der heiligen Jungfrau, wann 
die „Repraesentatio^^ stattfindet, 10 Solid! jeder haben. 
Drei Jahxe später fällt die Errichtung der Compagnia 
del Gonfalone in Rom, deren vomehmUchster Zweck nach 
Tiraboschi die jährli«he Darstellimg der Passion war, wie 
ihre Statuten zeigen sollen, über die meines Wissens leider 
nirgends eine ausführlichere Mittheilung gemacht ist. ^) — 
Wir sehen also wie in den sechziger Jahren des 13. Jahr- 
hunderts bereits Laien die Aufführung der Mysterien in 
die Hand nehmen, wenn auch noch unter Betheiligung 
des Clerüs, der dann, wie in detn ersten Falle documen- 
tirt ist und sich auch von selbst schon erwarten liefs, die 
Hauptrollen noch besetzte. Dafs der Clerus aber noch 
längere Zeit auch allein solche Aufführungen veranstaltete, 
.erweisen bereits die nächstfolgenden Kachrichten. In der 
Friaulschen Chronik des Julianus, Canonicus von Civi- 
dale*^), wird uns vom Jahre 1298 erzählt: „dafs am 

^) Die Stelle bei Tiraboachi L 1. lautet: L' ultimo argomento che 

si arreca a persuaderci che fin dal sec^ XIII erano In, uso tra 

noi le rappresentaziooi teatrali, si trae dagli Statuti della Compagnia 
del Gonfalone istitoita in Roma Tan. 1264, il cui fine primario era il 
rappresentare ogni anno % Misteri della Pasaione del Redentore* Dieae 
Stelle ist aber keinenfalls so aufzufassen, als wäre ein oder gar der 
Hauptzweck der Gründung der Gesellschaft das Passionsspiel gewesen f 
Yielmehr wurde dasselbe offenbar erst mit der Z<eit einer der „yornehm- 
lichsten Zwecke^*. Die Compagnia del Gonfalone, welche von ihrer 
mit dem Muttergottesbild geschmückten Fahne diesen Namen der 
„ Fahnengenossenschaft << im eminenten Sinne führte, war auch eine 
GeiTselbrüderschaft. Ich hoffe, das Verhältnifs dieser Brüderschaften 
zu dem geistlichen Schauspiel später an einem andern Orte genauer 
darlegen zu können. 

2j BeiMuratori, Rer. ital. Script., T. XXIV, col. 1205 u, 1209. 



54 Sbert 

Ffingsttage imd den beiden ihm folgenden durch den Cle- 
rus in der Curie des Patriarchen in anstandiger und lob- 
licher Woise das Christus^Spiel aufgeführt ward, nämlich 
die Passion, die Auferstehung, Himmelfahrt, Ausgiefsung 
des heiligen Geistes uftd das jüngste Gericht" Vom 
Jahre 1304 berichtet derselbe Chronist über diese durch 
den Clerus ,|Oder das Capitel von Cividale" angeführten 
Pfingstspiele, die nur noch stofflich erweitert erscheinen, 
indem hier, aiifser den genannten fünzelspielen, noch die^ 
folgenden ];iam^ntlich aufgeführt werden ^) : die Schöpfong 
von Adam und £ya, die Verkündigung Maria, die Geburt, 
sowie der Antichrist. Auch diese Aufführung fand, wie die 
erste, in Gegenwart des Patriarchen, eines Bischofs sowie 
vieler Adligen statt. Hier erscheinen 4$o schon groise Col- 
lectivmysterien, die auch das alte Testament in ihrßn Be- 
reich hineinziehen.^) — Noch wird uns. von einer grofsen 
Aufißihrung des Dreikönigsspiels berichtet, welche 1336 am 
Tage der Erscheinung Christi in Mailamd von den Pre-* 
digtmönchen veranstaltet ward, und danach , eine Zeitlang 
wenigstens,, jährlich wiederholt ward*^) Diese Darstellung 
zeigt schon das Streben, mehr durch Schaug^pränge als 

^) Eodem anno facta fnit per Clerum sive per capitulum cividatense 
repraesentatlo, sive ihctae -fuerant repraesentationes infra scriptae [hier 
gibt sich recht die Natur des OolleotiTtitjsters zu erkennen], i]q>rimi8 
de oreatioq^ pnmoriun parentom, 4einde de annuntiatione beatae VirgiaiSi 
de partu, et aliis multis^ et de passione, et resurrectlone et ascensione, et 
adventu Spiritus sancti , et de Antichristo et aliis ; et demum de ad- 

ventu Christi ad Judicium. Ob' und welches Gewicht den von mir 

durch Cursivflchrift hervorgehobenen Worten beizulegen sei, muTs ich 
dahingestellt sein lassen. 

«) Aller Wahrscheinlichkeit nach waren diese Stücke ebenso wie 
die im Prk della Valle gespielten nbch lateinisch; ob auch die der 
Battuti im Anfange? Auch dies scheint mir wahrscheinlicher, als das 
Gegentheil. — Von den im Folgenden erwähnten Spielen aber nehme 
ich an, dafs sie italienisch terMst waren. 

*) Der Bericht findet sich in Galvanei de la Flamma ordinis Prae- 
dicatorum Opusc. de rebus gestio Abaxone etc. v. J. 1326-^1342 bei 
Muratorl, Äer. ital. Script. T. XII, col. 1017 f. Im Eingang des Be- 
richts heifst es da: Isto tempore (1336) fuit liicöeptum föstum trium 
Regum etc.; und am Schlufs: £t fuit ordinatum, quod omni anno i9tad 
festum fieret. Da der Chronist weiter nichts hinzufügt, die Chronik 
aber bis 1342 reicht, ist die Aufführung jedenfalls bis dahin jährlieh 
wiederholt worden. 



Die ältesten itali^mschen Mysterien. ^ 

durch dramatische Mittel zu wirken; es war, mochte man 
sagen, ein geistliches Spectakelstück. Von dem Kloster 
der Mönche zogen die heiligen drei Konige, die goldene 
Krone auf dem Kopfe, in der Hand einen goldenen Be- 
cher mit Gold, Weihrauch oder Myrrhen, hoch zu Rofg 
mit vielem Gefolge und vielen Saumthieren, unter Tnmi- 
peten- und Homerklang aus; allerhand Afien und man- 
nichfache andere Thiere wurden voransgetragen oder ge* 
fuhrt — offenbar um das Morgenland zu charakterisiren. ^) 
Allen voran aber zog der goldene Stern. An den Säu- 
len des heiligen Laurentius liäachte^ der Zug Halt. Dort 
war eine Tribüne aufgeschlagen, wo König Herodes mit 
seinen Weisen und Schreibern- sich befand. Hier spielte 
die erste Seene. Auf die Frage der Konige nach Christi 
Geburtsort werden von den Weisen viele Bücher nach- 
geschlagen, uiid sie dann „nach dem 5 Meilen entfemten^^ 
Bethlehem gewiesen. Sofort setzte sich der Zug nach 
der Kirche des heiligen Eustorgius in Bewegung. Dort 
zur Seite des Hochaltars £Emd sich die Krippe und darin 
das Christuskind, von der heiligen Jungfrau überwacht, 
der Ochs und der Esel daneben. Hier werden die Ge- 
schenke dargebracht. Die Könige legen sich zum Schlum- 
mer nieder. Der warnende Engel erscheint, und heifst 
sie, statt dureh die Strafse des heiligen Laurentius, durch 
das Komische Thor« heimzuk^ren. Auf diesem Wege 
geht dann der Zug zu dem Kloster zurück. — Eine wahr- 
scheinlich ganz ähnliche, ebenso prächtige Darstellung 
wurde über hundert Jahre später von den Bürgern von 
Florenz unter Peter von Medici ausgeführt, der auf dies 
Mittel verfiel um die unruhigen Köpfe der Müfsigen zu 
beschäftigen, da die Vorbereitungen zu dem Schauspiel 
allein mehrere Monate in Anspruch nahmen.^) 

^) Auf dem die Anbetung der heiligen 3 Konige diurgteUenden Tem^ 
peragemälde des Gentile da Fabriano (um 1420), das sich in der Aca- 
demie zu Florenz befindet, ist die Darstellung eine ganz ähnliche; da 
sieht man, aufser den Saumthieren, Kameeie mit Affen, selbst zwei 
Tiger oder Leoparden , deren Kopfe aus dem Gedränge hervorragen ; 
die Könige, die vom Rofs gestiegen, halten auch in den Händen 
Becher^ die ihre Gaben einschliefsen. 

2) Machiavelli, Ist. fior. L. VII. 



56 ^bert 

. Wie schon das Mailänder Spiel zeigt, blieben die 
Kloster in Italien nicht hinter der Weltgeistliehkeit in 
Betreff dieses Schmuckes der kirchlichen Feste zurück; 
die spätere reichlicher documentirte Geschichte des geist- 
lichen Schauspiels der Italiener — seit dem 15. Jahr- 
hundert —- belegt dies noch mehr; nirgends haben die 
Kloster einen so bi&deutenden Aatheil an der Entwicklung 
des mittelalterlichen Dramas gehabt, als gerade in Italien. 
Aus dem 14. Jahrhundert ist nur noch eine Nachricht, 
die auf diesen Antheil hinweist, mir bekannt. Sacchetti 
erzählt in Nov. 72, wie einer seiner Freunde am Tage der 
Himmelftlirt einer Aufführung (festa) derselben durch 
die Mönche des Ordens del Carmine in Florenz beige- 
wohnt, und dabei das langsame Heraufwinden Christi an 
einem Seile nach der Decke zu Späfaen des Publikums 
Veranlassung gegeben habe. In der Kirdie d(^l Carmine 
wurde auch noch nach der Mitte des 16. Jahrhunderts, 
wie wir aus Borghini's Aufzeichnungen wissen^), regel- 
mäfsig die Himmelfahrt dargestellt, wenn auch nicht 
mehr von den Mönchen, sondern von einer Laienbruder- 
schaft, der Compagnia dell' Orciuolo, wie deren in jenem 
Jahrhundeii so manche gerade zu den. Zwecken solcher 
Auffuhrungen bestanden. £s zeigt dies Beispiel zugleich, 
wie solche Bappresentazioni an bestimmten Tagen und 
Orten herkömmlich wurden, und sich ein paar Jahrhun- 
derte hindurch erhielten. 

Auf so spärliche Nachrichten , die genauer zu unter- 
suchen man sich nicht einmal die Mühe gegeben hatte, 
war bis vor kurzem unsere Kunde von den italienischen 
Rappresentazioni der Zeit vor dem 15. Jahrhundert be- 
schränkt: erst 1860 hat Palermo in dem zweiten Bande 
seines Werks über die Manuscripte der Palatina von Flo- 
renz*) durch sehr werthvoUe Mittheilungen aus bisher ganz 
unbeachtet gebliebenen Handschriften das Material för eine 
beträchtliche Erweiterung unserer Kenntnifs geliefert. Zwei 
Mittheilungen sind vor allen andern von besonderm Werth, 



1) Palermo, I Mauoscritti Palatini, T. II, p. 459. 
-2) S. den Titel genauer Jahrb. Bd. HI, p. 439, Nr. 179. 



Die ältesten italienischen Mysterien. 57 

indem die eine von ihnen uns das älteste Mysterium in 
italieniseher Sprache, das uns erhalten ist^ die andere das, 
meines Erachtens wenigstens, älteste Mirakelspiel der Itar- 
liener kennen lehrt. Beide Stücke aber sind, ganz von dem 
Alter abgesehen, vne ich zeigen werde^ von mannichfachem 
und selbst allgemeinem Interesse. Das erstere^ welches 
in dem Codex CLXX sich findet, ist zugleich der ein- 
zige Vertreter, der ersten Entwicklungdstufe des italieni- 
schen Mysteriums, deijenigen nämliclL, wo dasselbe noch 
in engster Verbindung mit dem Gottesdienst selbst er- 
scheint, eine Entwicklungsstufe, von der die andern Län- 
der kein so vollkommenes Beispiel in der Vulgärsprache 
aufzuweisen haben. 

Dieses Stück verdient daher eine besonders genaue 
Berücksichtigung, und es ist sehr zu bedauern, dafs der 
gelehrte Bibliothekar es nicht vollständig publicirt, son- 
dern nur eine Analyse, verbunden allerdings mit sehr 
reichlichen Auszügen, davon g^eben hat*) 

Das Stück besteht aus zwei Abtheilungen, oder wenn 
man will aus zwei Spielen, hier „.Devozioni" (Andachten) 
genahnt, von denen das eine am Grünen Donnerstag, das 
andere am Charfreitag aufgeführt wurde, die aber ihrer 
Composition nach, wie man sehen wird, so zusammenge- 
hören, dafs sie vielmehr den Akten eines Stückes, als den 
Theilen einer Trilogie gleichen. 

Die „Devozion" des Grünen Donnerstags*) beginnt 
mit der Mahlzeit, welche Christus in Bethanien sechs 
Tage vor Ostern im Hause des Lazarus hielt (Joh. 12, 
V. 1), die aber hier auf den Grünen Donnerstag ver- 
legt und dem „Abendmahle" substituirt worden ist.') 
Die Rücksicht auf die heilige Jungfrau hat dies offenbar 

1) 1. 1. p. 272 ff. „Ma prima di ogni altra oosa, e bene in prin- 
cipio esporre esse Devozioni : il che £aremo , arrecando via via i versi, 
che piii giovino a conoscere bene Tindole dell' antico componimento ; e 
co' versi le rubriche, e dichiarazioni, che di continuo vi son tra mezzo, 
a regolar soprattutto il modo dell' azione. E in tutto serbiamo V an^ 
tica scrittara, in coi yedonsi effigiati i dialetti.<< 

2) So heifst es am Schlafs derselben: Qua fenise la Devotione de 
Zobia cTi sancto* 

^ Incommenza lo Convito , che fece Xpisto con la Matre^ lo zobia 



58 ^^^^ 

veranlafst: an die Stelle des mit den Jüngern gehaltenen 
Abschiedsmahles tritt ein solches mit der Mutter ge- 
feiertes; wie dies die eben unten angeführten Eingangs- 
worte des Stückes selbst andeuten. 

Christus tritt auf als von Jerusalem kommend; Maria, 
begleitet von Magdalena und Martha, geht ihm entgegen. 
Sie umarmen sich. Ohne weiteres beschwort Maria den 
Sohn nicht nach Jerusalem zurückzukehren, weil sie ihn 
dort, wie er wisse, todten wollten. Christus antwortet, 
dafs er seinem Vater gehorchen müsse; doch solle sie nicht 
so traurig sein, da er nichts unternehmen würde, ohne es 
ihr zu sagen, ehe er ginge.*) Darauf umarmen sie sich wie- 
der. Indessen trägt man auf. Während dem bleibt Maria 
bei Christus stehen, indem sie immer sagt: ,^Mein Sohn!"^ 
An dem dann folgenden Mahle nimmt auch Lazarus Theii. 
Nach Beendigung desselben ruft Christus Magdalena bei 
Seite (da canto), und entdeckt ihr, während sie vor ihm 
niederkniet, dafs er noch heute nach Jerusalem gehen 
wolle, wo er den Kreuzestod erleiden werde. Er em- 
pfiehlt ihr seine Mutter^ die so tief betrübt sein werde. 
Sie selbst solle indessen diese Mittheilung durchaus ge- 
heim halten, bis er gefangen sei.^) Magdalena verspricht 
es, indem sie Christus die Füfse küfst. Dieser geht dar- 
auf „hinein" wo die Andern sind (dentro dove stano li 
altri), während Magdalena bleibt. Zu ihr kommt Maria 
und will wissen was der Sohn ihr mitgetheilt : Magdalena 
darf es nicht sagen; beide begeben sich darauf zu 
Christus. Maria will niederknien, wird aber von ihm 
aufgehoben. Sie fragt ihn, warum er so bekümmert sei; 
ihr selbst sprängen vor Schmerz die Adern, und vor 



(Giove) di sancto; E primo la Vergine Maria, stando in casa d' Marta 
e de Madalena ■- Mit diesen Worten beginnt die erste Derozion. 

1) Non faria cosa che non lo dicese 

A vui, Madre, ante che partese. 

*) Nach den Worten Christi: „Dito questo se abrazano. E in- 
'terim se mete a la mensa per manzare. E in qnesto mezo la Madre 
sta con Xpisto, e basalo, dicendo sempre: Figlio miol Poi sedendo a 
manzare, uno de li manzaturi sia Lazaro. Fornito lo manzare'* etc. 

') E questo lo tiene fortemente celato, 

Per fin tanto che sero pigliato. 



Die ältesten italienischen Mysterien. 59 

AngBt gehe ihr der Athem aus. ^) Christus sagt nun, dais 
er, zur Erlösung der Welt, zum Tode gehe: worauf Maria 
ohnmächtig zu Boden fällt. ^) Als sie wieder zu sich 
gekommen, beklagt sie ihr Schicksal : „nenn mich kiinfkig 
nicht mehr Maria, seit ich dich verlor, mein Sohn.^^ — 
Am Ende dieser schmerzlichen Unterredung fallen beide 
wie todt zu ßoden. Nachdem sie sich wieder erhoben, 
Umarmung. „Christus geht dann zu sitzen'^ (ya a se* 
dere; ohne Zweifel an dem Tische), Maria aber begibt 
sich zu Judas, vor dem sie niederkniet — ohne von ihm 
aufgehoben zu werden; sie empfiehlt ihm Jesus, Judas 
mioge ihn nicht verlassen, „wenn ihr Sohn unter jenen 
Leuten sein werde^^ Judas tröstet sie mit den doppel- 
sinnigen Worten: „Es ist nicht nöthig, mich zu sehr zu 
bitten, denn ich weifs wohl was ich zu thun habe.^ Ebenso 
bittet Maria dann Petrus, der sie aber nicht knien lä(st; 
und Christus gegen alle Welt zu vertheidigen verspricht. 
Darauf gehen Maria, Magdalena,. Martha und Lazarus 
zu Christus hin, welcher, die Mutter ehrerbietig b&* 
grüTsend (fa reverentia) und umarmend, Miene macht 
wegzureisen (facendo vista de partirse). Magdalena bittet, 
dafs sie ihn bis zu den Thoren der Stadt begleiten dürf^ 
ten: was Christus bewilligt. „Darauf gehen alle zusam- 
men nach Jerusalem hin.^' An einem der Thore ange- 
kommen (e como sono a una delle porte), erklärt Maria 
sich nicht von dem Sohne trennen zu wollen. Jesus gibt 
dies nicht zu; aber er will ihr den Engel Gabriel zum 
Tröste senden, bis er Johannes schicken werde. Jener 
erscheint auch auf der Stelle. Maria segnet den Sohn. 
Beide fallen wieder zu Boden (cadeno in terra). Dann 
erhebt sich Christus und ,9 tritt durch ein anderes Thor 



Dimilo, Filgio, dimilo a mi, 
Perche stai tanto afaoato? 
Amara ml, piena di äiispiri, 
- Perche a mi lo ai eellato? 

De gran dolore se speaano le vene, 
£ de dolgia, Figlio, me esse el fiato. 
Che te aoao, FigUo, con perfecto core, 
Dimelo a mi, o dolce Segnore. 
, Maria cade iu terra, e sta un poco; e Xpisto la leva euso.'^ 



60 Ebert 

in Jerusalem ein^^. Magdalena und Martha richten Maria 
auf und unterstützen sie, während sie „zum Volke redet^' 
(al popölo — zu den Zuschauern, die das Volk vertreten) : 
O mein so liebreicher Sohn, o mein Sohn, wohin bist 

Du gegangen? Durch welches Thor bist Du hinein- 

getreten? Sagt mir, o Frauen, um Gottes Liebe 

willen, wohin ist mein Sohn gegangen?^) Dann ^,zi2m 
Engel gewandt ^^ bittet sie ihn, ihr^le die Leiden Chrisli 
zu erzählen, damit ihr selbst durch den heftigen Schmerz 
der Sohn deu Tod sende.^) Magdalena bittet Marien bis 
zu Johajmis Ankunft nach Bethanien zurückzukehren. 
Maria aber beschwort die beiden Schwestern . sie nicht 
zu verlassen, vor ihnen niederkniend. Darauf kehren sie 
zusammen nach Bethanien zurück;- Maria langsam dahin 
wandelnd (andando piano) redet die Frauen (des Publi- 
kums) wieder an mit einigen rührenden Worten.^) Nach 
dieser Kede „treten alle zusammen hinein^^ (entrano)« 
„Und es beginnt das Gebet Christi auf dem Oelberg. Er 
nimmt zu sich Petrus, Jacobus und Johanna ^^ (nach 
Matth. 26, V. 37) ^), und ermahnt sie zu ruhen aber zu 
wachen, indem er zum Grebete geht. Er kniet nieder, 
nimmt den Kelch in die Hand und die Augen hinaufge- 
richtet, betet er.^) Die Rückkehr zu den Jüngern wie in 

^) O Filgio mio taYito amoroso, 

O Filgio mio , due se' tu andato ? 
O Filgio mio tuto gracioso, 
Per quäle porta ee* tu intarato ? 
Filgio mio asai deletoso, 
Tu sei partito tanto sconsolato! 
Ditime, o done, per amore de Dio, 
Dov' h andato lo Filgio mio? 

2) Azö che per lo mio piangere forte 
Lo mio Filgio me mandi la morte. 

3) Vediti, done, per cortesia y 
Con che cor me poso tornarel 
Azo [Ho] perduto la speranza mia 

E non so dov^e la dibia torvare. etc. etc. 

^) Es schliefst sich diese Scene so unmittelbar in der Handschrift 
an die vorausgehende an, dafs noch in derselben Zeile nach dem en- 
^rano fortgefahren wird mit den Worten: lacomenza la oratione che 
Xpo fece nel monte etc. etc. 

^) E stando inzenochiato, e pil^a lo calice in mano etc. Es ist 



Die ältesten italienischen Mysterien. ßl 

der Bibel; beim zweiten Mal legt isich Christas einen 
Stein unter den Kopf, und schlummert selbst ein wenig ^), 
ehe er sich zum dritten Gebet wendet. Nach dem drit- 
ten Gebet erscheint der starkende Engel (Luc. 22, t. 43). 
Christus weckt dann die drei Jünger auf, „während ~- 
laut der Bühnenanweisung — die Bewaffneten sich rüsten 
ihn gefangen zu nehmen"; Christus begibt sich darauf 
zu den andern Aposteln, die Häscher mit Judas kommen 
heran. „Quem quaeritis?" Diese und die folgenden der 
Bibel entnommenen Reden Christi werden von ihm Icaei^ 
nisch gesprochen. Die Gefangennahme erfolgt Mit einem 
Strick gefesselt, wird Christus hinweggeführt, während die 
Jünger, bis auf Johannes und Petrus, ihn verlassen. Hier- 
mit endigt das erste Spiel. 

Die „Devozion" des Charfreitags beginnt wenn der 
Prediger (predicatore) zu der Stelle gekommen ist, wo 
Pilatus befiehlt, dafs Christus gegeifselt werde; nachdem 
der Prediger geschwiegen, kommt Christus nackt mit den 
Geil'selem^) die ihn mitten durch das Volk fuhren, Frauen 
wie Männer^), ^^<^^ dem bestimmten Orte, wo die Säule 
steht. Johajmes steht neben Christus, die Geifsler geifseln 
ihn ehrerbietig ein wenig (un po devotamente) und hören 
auf als Christus zu Johannes reden will, der vor ihm 
niederkniet. Ihm befiehlt er die Jungfrau zu rufen. Hier* 
auf schlagen und schimpfen die Knechte Christus'^), und 



dies der „Leidenskelch^^ Man sieht hier einmal wieder recht den Ein* 
flafs der kirchlichen Bildwerke auf die Mysterien; in. dem deutschen 
Passionsspiel bei Mone, Schauspiele des Mittelalters, Bd. II, p. 263, ist 
der Leidenskelch wenigstens gegenwärtig , obwol ihn Christus nicht er- 
greift. Es heifst da in der Bühnenanweisung: „und denn gat der Sal- 
?ator von inen und knmpt an den Oelberg, dar uff sol ein Kelch stan/< 

1) e trovali dormendo, e lui se mete una pietra sota el ca- 

po, et fa Tista de dormire. E stando un poco, si se leva 

^ Incomenza la deyotione de venerdi sanoto. Quando lo predi- 
catore ave predicatp fin a quello loco , quando • Pilato commanda che 
Xpisto sia posto a la colonoa, lo predicatore tase, et yene Xpisto nu- 
do con li frustatori; et vano a lo loco diputato, dove sta la oolona. 

*) se si puö fare: ist hinzugefügt. 

*) E Giovanni si parte: e intanto ora uno, ora un altro „de' fru- 
statori««, percuotendo Gesu, con male parole Ip vilipendono: so re/Is- 
rirt Palermo; leidet ist die Stelle selbst nicht mitgetheilt. 



g2 Ebert 

fuhren ihn dann ab. ^) Johannes aber redet die Gemeinde 
an (Signori, done e bona gentel) und fragt sie wo Ma- 
ria sich befinde; er zeigt ein schwarzes Kleid (negra go- 
nella), das er ihr bringen solle, und sucht die Rührung 
des. Publikums zu erwecken indem er die Frauen an ihre 
eignen Söhne erinnert. Darauf kommt Magdalena Ton 
der Frauenseite nach der Bühne (vegna da la parte de 
le done verso lo talamo^ und tritt Johannes gegenüber 
(a&ontase), indem sie über die traurige Neuigkeit, die sie 
vernommen, klagt. Johannes bittet sie, ihn zu Maria zu 
begleiten, da er nicht das Herz habe, allein hinzugehen. 
Indessen kommt schon Maria von der andern Seite*) 
und jene gehen ihr entgegen. Sie klagt, da sie das 
schwarze Kleid gesehen habe. Magdalena theilt ihr die 
Gefangennahme Christi mit, und fordert sie auf, das Kleid 
anzulegen. Nun erscheint Christus, das Kreuz auf dem 
Nacken, mit den Räubern, ^ine Anzahl Frauen folgen 
ihm'), an die er die Worte der Bibel richtet. Unter- 
dessen nähert er sich der Stelle wo Maria mit Magdalena 
und Johannes steht. Maria eilt auf ihn zu, ihn zu um- 
armen, die Juden jagen sie weg. Christus läfst das 
Kreuz zur Erde &llen, Maria ihn bejammernd wiU das 
Kreuz nehmen.*) Die Juden aber treiben sie zurück. 
Sie fällt ohnmächtig hin, während Christus nach Golga* 
tha geführt wird. Maria erwachend sucht den Sohn, 
fragt die „Frauen", und begibt sich dann mit Magdalena 
und Johannes zu der Richtstätte. — Nun predigt der 
Prediger wieder, und auf ein von ihm gegebenes Zeichen 
nageln die „Juden*' Christus an, und richten dann das 
Kreuz auf.*) Christus redet und bittet für seine Feinde. 
Maria spricht zum Kreuze: Neige Deine Zweige damit 

^) e (sia) portato dov* e determinaio, 

2) Dito questo la Madalena se parte da lo talasno, e vano per 
scontrare a Maria cheviene da /' a/^a parte. 

3) et certe done li verano dietro: gewifs wohl aus dem Pablikam. 
^) Derselbe schöne Zng findet sich in den Towneley Mysterien, s. 

Jahrb. I, p. 141. 

^) Et lo predicatore predica: e oomo fa signo che Xpisto sioposto 
in croce , 11 Judei li chivano una mano, e poi V altra. Et chiavato obe 
e, lo levano snso. 



Die ältesten italienischen Mysterien. g3 

Deiu. Schopfer Ruhe finde 1 ^) — Darauf von Neuem der 
Prediger; das Spiel pausirt indeTs^), bds er ein Zeipben 
gibt, worauf das Gespräch mit den Räubern, nach der 
Eibel, folgt. Danach erstehen die Todten (vgl. Mtth. 27, 
Y. 52 f.). Drei reden nach. einander Christus an: die See- 
len in der Hölle erwarteten ihn, die Patriarchen und Pro- 
pheten; einer aber ist auferstanden, um Maria beizustehen 
und ihr zu dienen. — De;r Prediger erklärt dann diese 
Handlung. ^) Indem auf ein von ihm gegebenes Zeioheii 
das Spiel wieder beginnt, bittet die Jungfrau Magdalenen, 
Christi Aufmerksamkeit auf sie, die Mutter, auch einmal zu 
lenken; habe er doch mit de,m Räuber gesprochen, um sie 
sich aber nicht gekümmert."^) Magdalena erfüllt den Wunsch 
und Christus befiehlt nun seine Mutter dem Johannes 
(Joh. 19, V. 26 f.), welcher darauf niederkniend und Ma- 
rias Füfse küssend sie zu trösten sucht. Maria klagt 



1) Diese ebenso eigenthümliche als poetische Red« lautet: 
Indina li toi ravni^ o croce alta, 
£ dola [dona] reposo a lo tuo Creatore; 
Lo corpo precioso ja se spiaata; 
Lasa la toa forza et lo tuo vigore. 
^ Et mentre che predica, non se fiaza niente. 
3) Dito questo (dal secondo morfco), lo predicator dechiara questo 
ato de li morti. E como fa signo, Maria dica etc. 
*) Pregoti, cara filgia Madalena,. 

Che parli un poco a lo mio Filgio, 
Che moito h grande la mia pena; 
Forsi a ti parlera Tamoroso gitlio, 
lo non so* piu Maria de gratia piena! 
Tanto e grande lo mio exilio, 
Che a queso latro sia parlato, 
E de mi aflita non se [s*^] n' curato. 
Menschlich rührend und motivirt: aber vom religiösen Standpunkte 
nicht zu rechtfertigen. Ebenso übrigens in den Coventry - Mysterien, 
nur dafs sich hier Maria direct selbst mit dem Vorwurf und der Bitte 
an Christus wendet: 

O my sone! my sonel my derlyng dere! 
What have I defendyd the? 
Thou hast spoke to alle tho that ben here 
And not o word thou spekyst to me! 
Ludus Coventriae pag. 322. 



64 Sbert 

weiter ^)) umarmt das Kreuz und sinkt ohnmächtig nieder, 
unterdessen wieder Predigt, bis Jesus die Worte spricht: 
Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen! 
(Matth. 27, V. 46). Darauf spricht Gott Vater zu den 
Engeln, welche indessen sich um ihn geschart haben. 
Sie sollen seinen Sohn starken. 2) Die Engel verneigen 
sich, und sich entfernend steigen sie hinab bis zur Mitte.') 
Sie schauen zunächst, wer von den dreien der Sohn sei. 
Indessen kommt der Teufel hervor (ven fura) und gebt 
auf das Elreuz zur Rechten. Einer der Engel aber 
steigt vollends herab und nimmt (piglia) das Blut Christi 
auf.*) Jesus dürstet. Die Juden reichen ihm unter Spot- 
ten Essig mit Galle (Matth. 27, v. 34), und er verweigert 
es zu kosten;^) Maria jammert über diese Bosheit der 
Juden. Jesus: Es ist vollbracht (Joh. 19, v. 30). — 
Hierauf der Frediger. Dann, auf ein Zeichen von ihm, 
redet der Teufel mit demüthiger Stimme zu Christus, in- 



>) O Filgio mio, Filgio amoroso, 

Como me lasi sconsolatal 
O Filgio mio tanto precioso, 
Como rimango trista, adolorata! 
Lo tao eapo e tuto spinoso, 
E la tna faza de saagne bagnata; 
Alsri che ti non volgio per Filgio» 
O dolce fiato, e amoroso gilgio. 
>) ' Da lo mundo ostendo (intendo?) una grande voce 
Che me a moso a grand pietade, 
Che lo mio Figlio grida da la croce. 
3) Dito qaesto, 11 angeli se iuehinano a Dio patre et si se parteno 
et dessendono sin in mezzo. 

*) Ganz entsprechend alten italienischen Gemälden: so erscheinen 
auf einem Frescogemälde von Giunta da Pisa (aus der ersten Hälfte 
des 13. Jahrhunderts), in der Kirche des heiligen Franciscus in Assissi, 
drei Engel, welche in Schalen das Blut des Gekreuzigten auffangen, 
zwei davon das Blut aus den Händen, einer das aus der Seite; auf 
einem Wandgemälde des Campo santo Pisas von Buffalmacco (aus der 
ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts) findet sich, wie in unserm Myster, 
nur ein Engel, welcher das Blut und zwar das aus der Seite, und in 
einem Kelche, auffängt. 

^) Dito questo , li Jude! li dano aceto con fei , como e consueto^ fa- 
cendose befe de lui, e lui non volendo gustare. Der Spott der Juden 
an dieser Stelle findet sich u. a. auch in einem deutschen Mysterium 
bei Mone Schauspiele des Mittelalters, II, p. 323. 



Die ältesten italienischen Mysterien. 65 

dem er ihn zu überreden sucht, die Welt ihm zu über- 
lassen, und sich selbst vom, Tode zu retten. Christus 
weist ihn ab: Da wirst mich nimmer ruhen sehen, bis 
ich Dich nicht vertrieben habe. Der Teufel aber spricht 
nur lauter und drohender, die Herrschaft der Welt ihm 
verheifsend. — Es folgt der Lanzenstofs des Longinus, 
dessen Heilung und Dank. Jesus spricht von Neuem 
zum Vater und befiehlt ihm seinen Geist (Luc. 23, v. 46). 
Der Teufel. wirft sich mit dem Gesicht auf den Boden. 
— Nun wieder Predigt. Darauf klagen Maria und Jo- 
hannes über Christi Tod zu der Gemeinde. Maria fallt 
an dem Kreuze nieder, Joseph und Nicodemus treten auf 
und nehmen Christus vom Kreuze ab, sie bitten Maria 
ihn bestatten zu dürfen: sie willigt ein, nur wolle sie ihn 
noch einmal in ihren Armen halten.') Darauf folgt eine 
Scene von grofser dramatischer Wirkung. Zu dem Haupte 
Christi steht Johannes, Magdalena zu seinen Fiifsen, in 
der Mitte die Jungfrau. Sie küfst die Glieder Christi 
der Reihe nach, so die Augen, die Wangen, den Mund, 
die Seite, die Fiifse, indem sie rührende Worte für sich 
oder zu den beiden Andern spricht, oder diese auch 
zu ihr. So zeigt sie Johannes die zerfleischten Hände, 
„Dies sind die heiligen Hände, womit er alle segnete": 
sagt Johannes. So sagt bei den Füfsen, zu Magdalena 
sich wendend, die Jungfrau: „O meine Tochter, dies sind 
die heiligen Füfse, wo Du so heftig weintest!'* — Der 
Engel Gabriel erscheint dann, Maria zu trösten und sie 
zu bereden, dafs sie Christus begraben lasse. Unter vie- 
len Klagen willigt Maria endlich ein , worauf Joseph und 
Nicodemus ihn ins Grab legen, Maria, Johannes und 
Magdalena aber auf dem Frauenweg sich entfernen (per 
la via de le done). Maria wendet sich noch einmal an 
das Volk die Nägel des Kreuzes zeigend, welche sie trägt. 
Magdalena aber fordert das Volk auf, seinen Feinden zu 



^) Joseph und Nicodemus versprechen dies. Dann heifst es: E 
dito questo se facia sclamacione, secondo ch'e consueio, E poi stando 
Xpisto dov' h ordinato, la Matre se meta in mezo, et Johane al capo, 
e la Madalena al pie; et la Matre se lamenta sopra li membri di 
Xpisto, ad uno ad uno basandoli, e in primo al capo etc. 
Jahrb. f. rom. u. engl. Lit. V. 1. e 



66 ®*>«'^ 

verzeihn, wie Christus gethan hatJ) Hierauf treten sie 
in Jerusalem ein. 

Die vorstellende Analyse ist möglichst getreu mit 
den Worten des Stückes selbst gegeben, sie folgt seinem 
Verlaufe genau, indem zugleich jede in den Bühnenan- 
weisungen verzeichnete Handlung oder Gebärde von. mir 
angezeigt worden ist — natürlich soweit meine Quelle, 
Palermo's Werk, das Manuscript reproducirte; .derselbe 
hat indessen • allem Anscheine nach keine der Bühnenan- 
weisungen weggelassen, vielmehr sich bei seinen Auslas- 
sungen darauf beschränkt, die Reden nur zum Theil 
wortlich zu citiren, zu einem andern blofs ihrem Inhalt 
nach anzuführen.^) Die von mir auf die Analyse ver- 
wandte Sorgfalt war aber um so nothwendiger, als die- 
selbe für die •folgenden Untersuchungen zur Grundlage 
zu dienen hat: versuchen wir es nämlich jetzt das We- 
sen und die Bedeutung des analysirten Stückes zu er- 
örtern und damit zugleich die zu seinem Verständnifs 
nothige Erläuterung zu geben. 

Das Stück ist, wie oben bemerkt, der einzige Ver- 
treter der ersten Entwickelubgsstufe des Mysteriums in 
Italien — und ein Vertreter • wie ihn in solcher Gestalt 
keine zweite Literatur aufweist — jener Stufe nämlich, 
wo das Mysterium aus dem rein liturgischen lateinischen 
Officium sich eben entpuppt hat, ohne gleichsam sich 
von der Schale die es einhüllte, schon voUkonunen los- 
gerissen zu haben. £s zeigt sich hier das Mysterium 
noch in der engsten Verbindung mit dem Kultus. Schon 
der Titel „Devozione" zeigt dies an, ein Titel, der sich 



1) O bona geilte, volgiove pregare 
Che lo mio consiglio vai ascultate: 
Che ad oni homo debiate perdonare, 
E piu noD vogliate star ostinati: 

A la morte de Xpisto debiate pensare, 

"Se volete da Esso essere salvate: 

Lui perdona a chi le dede morte. 

E lor pregando diceno forteu 
Dito questo, cntrano dentro in Jerusalem. Qua fenise la Devozione 
de Venerdi Sancto M". CCC». LXXV. 

2) Vgl. oben Seite 57, Anm. 1. 



Die ältesten italienischen Mysterien. g7 

in der Literatur des geistlicben Schauspiels Italiens nicht 
wieder findet, wie wir ihm auch nirgends sonst begegnet 
sind. Mehr als der Titel aber belqgen die Behauptung 
der ganze Charakter sowie yiele Emzelheiten beider Spiele. 
Beide wurden meiner Ansicht nach') wahrend des Got^ 
tesdienstes dargestellt. In der ^^Devozion^^ ded Charfrei- 
tags tritt dies vollkommen zu Tag. Die Lection an die<^ 
sem Festtag war, wie noch heute, Kap. 18 und 19 des 
Erang. Johannis. Das 19. Kap. aber beginnt mit dem 
Verse: ,,Da nahm Hiatus Jesum und geifselte ihn.^^ Nun 
pflegte die Predigt sich deiki Texte der Lection anzu* 
schlieisen. Solauge die Predigt über das erste der bei- 
den Kapitel sich verbreitete, wurde nicht gespielt; vom 
zweiten aber an begleitete sie die dramatische Darstd- 
lung, indem sich beide dann offenbar ergänzten, wie ja 
angemerkt w;ird, dafs der Prediger einzelne der dai^e- 
stellten Handlungen erklärt, also hier gewissermafsen die 
Rolle des Expositor andrer, namentlich der englischen 
Mysterien spielend.*)' Leider vermag ich das Verhältnifs 
der Predigt zur Darstellung nicht genauer festzustellen: 
dazu wäre vor Allem erforderlich eine vollständige Aus- 
gabe des ganzen Stücks vor sich zu haben.') 

Dafs die Darstellung beider Devozioni in der Kirche statt- 
fand ist allerdings unzweifelhaft; dies zeigen schon manche 
Ausdrückjß der Bühnenanweisungen, wie die Frauenseite, 
der Frauenweg u. s. w. : nur würde dieser Umstand allein 
noch keineswegs für den liturgischen Charakter der Spiele, 
am wenigsten in Italien, zeugen, da dort gerade, selbst 
in ganz später Zeit noch, es durchaus gewohnlich war, 
die Kirchen als Theater für geistliche Schauspiele zu be- 



') Derselben Ansicht ißt auch Ff^lermo, 1. 1. p. 290: • non solo 

eseguite in chiesa, anzi immedesimate con esso lepraüche della chiesa, 

2) So der Chester Plays, wo der Expositor z. B. die vorbildliche 
Bedeutung der alttestamentlichen Stücke darlegt. 

*) Palermo , der überhaupt sehr wenig zur Erläuterung seiner Ana- 
irse beigefügt bat, meint hier, dafs die Aufführung in den Interrallen 
er Predigt stattgefunden habe, „cosicche a vicenda la Devozione rap- 
resenta agli occhi i fatti che il predicatore racconta, e il predicatore 
liarisce i fatti rappresentati/^ Für den ersteren Satz aber bringt er 
einen .Beweis bei. 

5* 



68 Ebert 

nutzen, selbst wenn diese ron ganz weltlicher Färbung, 
fast allein die Tendenz ästhetischer Unterhaitang hatten, 
blofse Festspiele waren, was namentlich von vielen Mira- 
kelspielen gilt. Was nun die scenische Einrichtong im 
Einzelnen betrifft, so war eine besondere Bühne, die 
hier die Bezeichnung „talamo^^ ^) hat, aufgeschlagen — 
wie ich annehme, in dem Mittelschifi der Kirche, wdche 
vielleicht einen Unterchor oder eine Chortenne, die »ich 
über den Boden der Kirche erhob, hatte, so dafs auf die- 
ser die Bühne aufgeschlagen war. Auf dieser Bühne war 
in dem ersten Spiel eine Localitat abgegränzt, welche 
das Innere eines Zimmers darstellte; dort war der Efs- 
tisch zugerichtet; dieses Gemach stellte das Haus des 
Lazarus vor. Vor und in demselben spielt das erste 
Spiel zu Anfang; dorthin kehrt auch Maria zurück, als 
Christus in Jerusalem eingetreten, und es ist wohl dar- 
auf durch einen Vorhang geschlossen worden. An einer 
andern Stelle dieser Bühne befindet sich der Oelberg 
markirt. — Im zweiten Spiele ist die Bühneneinrichtung 
mannichfaltiger. Ein Gerüst ist aufgeschlagen, auf wel- 
chem das himmlische Paradies sich befindet, Gott mit 
seinen Engeln, von welchem Stufen herabführen: nicht 
weit von demselben und den Stufen zur Seite wurden 
die 3 Kreuze errichtet. An einer andern Stelle befindet 
sich die Säule an welcher Christus gegeiiselt wird. Auch 
das Grab ist vorgestellt. Noch mufs eine Localitat, die 
den Eingang der Holle bezeichnete, auf der Bühne vor- 
handen gewesen sein, denn es heifst, dafs der Teufel 
„hervorkomme", von den Todten indessen nur, dafs sie 
auferstehen (reauedtano): sie lagen vielleicht einfach am 
Boden, obschon sie an dieser Stelle sehr wohl auch aus 
der Holle hervorkommen konnten. — Auf dieser also 
eingerichteten Bühne ward aber weder in der ersten noch 
in der zweiten Devozion allein gespielt. Vielmehr be- 
wegt sich öfters das Spiel, wie man bemerkt haben wird, 
noch durch andere Theile der Kirche. Die Bühne bildet 
nur den Hauptschauplatz und Mittelpunkt. Der andere 



I) S. Du Gange, s. v. Thalamus, Gali. Estrade. 



Die ältesten italienischen Mysterien. g9 

Punkt aber, yon wo, oder wohin sich das Spiel bewegt, 
der Jerusalem bedeutet, ist meines Erachtens der Chor 
selbst. Von dort geht im ersten Spiel Christus aus um 
nach Bethanien sich zu begeben, dorthin zurück beglei- 
ten ihn und die Apostel Maria und Magdalena ; die Thore 
Jerusalems sind Chorthüren, Gabriel kommt aus dem 
Chor; Maria langsam zurückkehrend nach der Bühne 
(Bethanien) redet unterwegs die Frauen an: sie geht 
durch das nordliche Schiff, wo deren Plätze sich fanden. 
Denselben Weg nehmen Maria, Johannes und Magdalena 
am Schlüsse des zweiten Spiels. — So bewegt sich das 
Spiel durch die Kirche. Diese Sitte, die sich auch in 
viel spätem, noch in der Kirche gespielten Stücken, z. B. 
den Ton Feo Belcari, zeigt, findet sich auch bereits in 
den lateinischen Officien. Wie in einem derselben die 
Bühnenanweisungen selbst dies genauer documentiren, 
will ich unten, weil es zur Begründung meiner Darstel- 
lung dient, im Einzelnen belegen.^) 

Auch die mimische Darstellung hat manche eigen- 
thümliche Züge, und darunter solche die einen entschie- 
den liturgischen Charakter tragen: so das beständige 
Niederknien bei den Anreden an Christus, auch an die 
Jungfrau und Apostel, sowie das Fufsküssen: während 
andrerseits die Engel sich vor Gott nur verneigen. Hier 
liegt ganz offenbar, zumal die Bühnenanweisungen, wie 
wir sahen, dergleichen so genau vorschreiben, das Cere- 



1) Es ist das „OMcium Peregrinorum'^ Roaen's (Ecclesiae rothoma- 
gensis), zuerst von Du Gange, dann von Du Meril, Origines latines du 
theätre moderne p. 117 fif. veröffentlicht. Es beginnt: Duo de secunda 

sede portantes bacnlos e peras in similitudinem Peregrinornm 

exeant a vettiario cantantes hymnnm. — Venientes lento 

pede per dextram ahm ecclesicie usque ad portas occidentales ^ et sub- 

sUtant et cum cantaverint quidam sacerdos de majore sede 

— - — ferens crucem veniens usque ad eos per dextram alam 

ecclesiae, subito stet inter illos et dicat. Nun folgen die Reden Chri- 

~ti mit den Reisenden. Jener will dann -weiter ziehen, worauf diese: 

lane nobiscum etc. Et ita cantantes, ducant eum usque ad tabemaou- 

um in medio navis ecclesiae^ in similitudinem castelli Emaux praepara- 

um. Quo cum ascenderint et ad mensam ibi praeparatam sederint etc. 

im SchluTs des Office heilst es: etprocessio, factis memoratis, 

edeat in choro, et ibi finiantur vesperae. 



70 Ebert 

monial der Liturgie zu Grunde. ^) Das Ceremoxdenwesen 
der kircihlichen Hierarchie erscheint auf die himmlische 
übertragen. — Von dergleichen findet sich in den spätem 
Mysterien keine Spur. — Auch gehört wohl hierher daa 
Auffangen des Blutes Christi durch die Engel; sowie der 
symbolische Kelch, den Christus, beim Gebet, auf dem 
Oeiberg, ergreift, um sogleich hier noch der wichtigsten 
andern Anzeichen des liturgischen Charakters unserer De- 
vozioni zu gedenken, bemerke ich, dafs die Aufforderung 
zum Stillschweigen oder zur Aufmerksamkeit fehlt, mit 
der die spätem italienischen Mysterien, so gut wie die 
andrer Nationen anhoben: theils verstand sich das Schwei- 
gen beim Gottesdienst von selbst, theils ging eine Auf- 
fordemng zur Aufmerksamkeit schon der Lectio voraus.^) 
Auch das Hereinziehen des Publikums in das Spiel selbst, 
in welchem es hier das Volk vertritt, ist, obschon nicht 
an sich — denn es findet dergleichen auch in ganz von 
der Kirche schon gelosten Mysterien statt 3) — doch in 
der Weise und Ausdehnung, wie es hier erscheint, ein 
Zeugnifs mehr für die Verbindung der Aufführung mit 
dem Kultus. 

Aber auch der Inhalt wie der Stil der Spiele spricht 
nicht minder dafiir. Alle weltlichen Zuthaten sind fem 
gehalten; das Komische ist nur einmal in der Form des 
Spottes, die tragische Wirkung zu erhohen, zugelassen 
und wie es scheint, nur andeutungsweise — als die Ju- 
den Christus am Kreuze den Trank reichen, den er ver- 
schmäht^); die Roheit der Henker wird die Gränze des 



^) Man vgl. z. B. in dorn Cerem. Episcop. I, 22: „Quicunqne ser- 
monem habitorus finito Evangelio ducendus est per cerimoniarium cum 
debitis reverentiis ad osculum manus episcopi, quam, nisi fuerit Cano- 
nicus, genuflexus osculatur; Canonicus autem stam profunde inclinansy 
OBcnlatur manum etc. 

^ Sobald der Lector an das Lesepult getreten, und die Gemeine 
entweder von ihm, oder durch den Priestor begrüTst worden war, ge- 
bot der Diacon allgemeine Ruhe, indem er rief: „LaTst uns mit An- 
dacht zuhören I'< Alt, der christliche Gottesdienst, p. 557. 

') So in den Towneley und den Coventry Mysterien, s. Jahrb. I, 
p. 157. 

*) Vgl. oben Seite 64, Anm. 5. 



Die ältesten italienischen Mysterien. . 71 

Schicklichen nicht überschritten haben*), wird doch ein- 
mal ausdrucklich vorgeschrieben: da/a sie nur ein wenig 
und „andächtig" geifseln sollen. (Dies Wort „devota- 
mente'' ist zugleich für den liturgischen Charakter be- 
zeichnend.) Auch dem Teufel sind keinerlei Ausschrei- 
tungen gestattet, wie wir ihnen in den andern Mysterien, 
selbst in sehr alten bereits*), begegnen, weder Spafse, 
noch Lärmen. Der sprachliche Ausdruck ist im Allge- 
meinen nicht unwürdig, einfach, durch die Einmischung 
dialectischer Formen Tolksthümlich gefärbt, der gewöhn- 
lichen Kanzelsprache wohl ähnlich: mitunter erhebt er 
sich sogar in einer schwungvollen und kräftigen Weise •), 
während er freilich andrerseits auch öfters, an sehr wich- 
tigen Stellen selbst, zur Trivialität herabsinkt. Merkwür- 
dig ist der frühe Gebrauch der Ottava rima, welche ja 
auch später, trotz ihrer acht epischen und damit eben 
antidramatischen Natur, der Vers der Rappresentazioni 
blieb. Doch scheinen in unserm Stücke die Strophen 
sehr selten, wenn überhaupt, durch den Dialog zerrissen, 
wie dies später so gewohnlich ist. Die Wechselgespräche 
sind überhaupt kurz, so dafs oft nur Rede und Gegen- 
rede in je einer Ottave erfolgt. — Rücksichtlich des In- 
halts ist gerade im Hinblick auf die Verbindimg der 
Spiele mit dem Gottesdienst, die freie schöpferische Thä- 
tigkeit, welche die erste Abtheilung des ersten ganz selbst- 
ständig producirte, und in der andern, ebenso wie in dem 
zweiten Spiel über den Stoff auch gar frei schaltete, 
sich manche Zusätze erlaubend, höchst merkwürdig, ja 
&8t befremdend. Ein leitender Gedanke läTst sich indeis 
nicht verkennen, der sowohl über der Schöpfung der 
ersten Abtheilung des ersten Spiels als auch in der gan- 
zen Anlage des zweiten Spiels waltete. Es ist der Ge- 
danke, die heilige Jungfrau zu verherrlichen; wie ihr jene 
erste Abtheilung ganz gewidmet ist, ebenso spielt sie in 



^) Dies vollkommen iu beurtheilen, ist leider durch eine Aus- 
lassung nicht möglich. — Siehe für das Folgende S. 61. 

2) So in dem von Luzarchc unter dem Titel ,,Adam" heräusgege- 
)enen französischen. 

3) Vgl. Seite 64, Anm. 1. 



72 • Ebert 

dör Devozion des Charfreitags eine weit bedeutendere Rolle, 
als ihr nach dem Berichte der Evangelisten zukam. Man 
sieht hier die Wirkung jenes Marienkultus, welcher im 
14. Jahrhundert zur vollen Culmination gelangte. 

Dies fuhrt uns auf die Zeit der Abfassung des Stückes. 
Am SchluTs desselben stehen die oben Seite 66 Anmerkung 1 
bereits citirten Worte: „Hier endigt die Devozion des Char- 
freitags 1375"; diese Worte besagen in jedem Fall, dafs 
die vorliegende Handschrift auf eine Aufführung des ge- 
nannten Jahres sich bezieht. Der alterthümliche, liturgische 
Charakter der Spiele läfst aber allein schon ein höheres 
Alter ihrer Abfassung vermuthen. Nun zeigt femer die 
Sprache, wie bereits Palermo nachgewiesen hat, eine merk- 
würdige Mischung des Paduanischen und Komischen Dia- 
lects, welche indefs leicht erkennen läfst, dafs der letztere 
die Sprache des Originalwerks gewesen, welches hier ziun 
Theil in das Paduanische umgeschrieben erscheint ^) (fin- 
den sich doch in demselben Codex auch die Laude des 
Jacopone da Todi ebenso paduanisirt) : diese Devozioni 
waren also schon länger gespielt. Darauf weist auch ganz 
offenbar der in der Bühnenanweisung häufig wiederkeh- 
rende Ausdruck: como econaueto hin, der als solcher zu- 
gleich fiir den liturgischen Charakter ein neues ZeugniTs 
ablegt, indem er ganz der in der Mefsliturgie so häufigen 
Formel; ut mos est^ entspricht. Dafs in der von mir oben 
angeführten Schlufsstrophe das Volk zur Beil^ung von 
Parteifeindschaften aufgefordert werde, wie Palermo wül, 
ist nicht unwahrscheinlich; vielleicht handelt es sich hier 
ganz speciell um die Zurückberufung Verbannter. Für 
eine genauere Bestimmung des Alters und der Herkunft 
des Stückes, für welche uns das volle Material gebricht, 
möchte jedenfalls jene Strophe zu berücksichtigen sein; 
dafs aber mindestens in die erste Hälfte des 14. Jahr- 
hunderts die Abfassung des Stückes zu setzen ist^ unter- 
liegt für mich keinem Zweifel. 

^) Dies zeigen u. A. die durch die Umsetzung falsch gewordenen 
Beime: wie z. B. a mine, das an die Stelle von a me/te getreten, nicht 
mehr mit pene reimt. 



Dio ältesten italienischen Mysterien. 73 

Als das älteste der uns erhaltenen italienischen Mira- 
kelspiele aber erscheint das folgende, welches zugleich die 
Beziehung dieser Stücke zu den Klöstern aufweist. Es 
ist in dem im Jahre 1485 geschriebenen Codex 445 der 
palatinischen Bibliothek, zugleich jnit 7 andern Feste 
(worunter 4 bereits edirte, so eins von F. Belcari und eins 
von Lorenzo de' Medici) enthalten. Palermo macht uns 
auch mit diesem Stück zuerst bekannt, dessen bisher nir- 
gends gedacht wurde, indem er es zum grofsten Theüe 
wortlich wiedergibt.*) Palermo hält für gewifs, dafs es 
„älter als die ersten Jahre des 15. Jahrhunderts" sei; 
seine Ansicht theile ich vollkommen, es gehört das Stück 
in der Gestalt wie es vorliegt, sicher noch dem 14. Jahr- 
hundert an, ja bei der grofsen Einfachheit, die es aus- 
zeichnet, kann es selbst aus einer noch älteren Zeit als 
dem Ende dieses Jahrhunderts stammen. Es führt in dem 
Codex den Titel: U uno Monaco che andd a aervigio di 
Dio. Mit- dem folgenden ausführlicher^ Titel hebt das 
Stück selbst an : „Qui comincia la Rapresentazione d' uno 
Santo f)adre e d' uno monacho. Dove si dimostra quando 
il monacho ando al servizio di ddio et com' ebbe molte 
tentatione, et era buono servo di ddio; intanto che'l San- 
to padre suo maestro," con chi stava, volendo intendere 
che luogo dovesse avere in cielo, fece oratione a ddio, 
che gli rivelassi in che stato egli era." Dann: „L'Angelo 
annuntia la festa, e dice chosi: 

O voi, ch'avete mutato de fuore 

L' abito , per andar me' pel chanmino , 

Che cci fu schorto dal pio Salvatore; 

Chosi Yogliate, drento, del divino 

Amor vestirvi, avendo humile chore, 

Credendo certamente che *P)*destino 

DeU' alte Iddio ,- ch' ogni cosa prowede , 

E di far salvo chi *1 serve con fede; 

Perö vi fia per chostoro dimostrato 
Un Santo padre , a chni V angiol predisse , 
Che '1 suo buon serro sarebbe ') dannato : 
Onde , per questo , al benfare si misse , 



1) E Tesponghiamo qnasi che intera, poca cosa de* versi lasciando 
solo, ma col recame il discorso. 1. 1., p* 337. 

^ Palermo : cK el. ') Palermo : V arebbe. 



74 l&hert 

Cho meritö gli fossi rivel&to 

Ch' e' ssare* salvo, e che '1 ben far seghuisse. 

Per6 in silentio istarete' attenti, 

Et State sempre di ben far chontenti. 

Dieser in mehrfache^r Beziehung wichtige Prolog zeigt 
also, dafs das Publikum Mönche sind, wie ohne Zweifel 
auch die Spieler, welche, wie man sieht, schon — und 
wohl sämmflich — gegenwärtig sich befinden. In dem 
Schlufs der zweiten Strophe hebt der Engel die mora- 
lische Tendenz des Stücks hervor, worauf ich später 
zurückkomme. 

Die Handlung beginnt, indem ein Jüngling, welcher, 
wie eine Bühnenanweisung uns belehrt, daran denkt Mönch 
zu werden, und doch den Eltern damit zu mifsfallen 
fürchtet, in diese Gedanken versunken auftritt.^) Seine 
Mutter fragt ihn nach der geheimen Sorge, die ihn drücke. 
Der Sohn antwortet: die Liebe zu ihr rufe einen Kampf 
seines Gefühls mit seiner Vernunft hervor, und weil die 
letztere siege, so zeige sich sein Angesicht mit Schmer- 
zen gemalt.^) Er entdeckt ihr dann den Grund dieses 
Kampfes, nämlich seine Absicht die Eltern zu verlassen 
und sich dem Dienste Gottes allein zu widmen. Die 
Mutter ist dagegen, indem sie ihn des Undanks anklagt. 
Der Vater kommt hinzu, und unterrichtet von dem Streite, 
pflichtet er der Mutter bei: sie sind beide alt, und haben 
nur dies eine Kind. In der dritten Scene erscheint dann 
der Gevatter (compare): er schilt auf die Mönche, ihre 
. Gewinnsucht und ihrö ünmäfsigkeit im Essen, und fährt 
seinen Pathen heftig an, indem er ihn, ganz im Wider- 
spruch mit dem Eingange seiner Rede, durch die Ent- 

1) Man sieht auch hier wieder zumal im Hinblick auf die folgende 
Antwort des Sohnes, welche Rolle der Mimik in diesen italienischen 
Schauspielen schon züertheilt wurde. 

2) Se io ti pajo fuor d' uso turbato , 

O dolce madre mia, non n'^ chagione 

Mal ch' i' mi senta, ne perche io se' stato 

Da altri offeso; ma V affetione 

Che io ti porto et ho sempre portato, 

Fa chonbatter chol senso la ragione: 

E perche ragion vince e '1 senso e '1 vinto , 

Si mostra il viso di dolor dipinto. 



Die ältesten ftalienischcn Mysterien. 75 

behrungen des Klosterlebens abzuschrecken sucht. Der 
Jüngling beharrt aber auf seinem Entschlufs: ^r sucht 
nur das ewige Leben, und will deshalb in die Einöde 
(al diflerto), dort Bufse zu thun. — Nun willigen die El- 
tern ein, und nehmen, unter Schmerzen ihren Segen ge* 
bend, Abschied.^) Darauf folgt eine stumme Scene, in* 
dem der Sohn, nach der Trennung Ton den Eltern, sich 
umkleidet, ein Einsiedlergewand anlegt, seine bisherigen 
Kleider dagegen einem Armen schenkt. Unmittelbar da* 
nach begibt er sich in die Einode, wo er einem alten hei- 
ligen Vater begegnet, der ihn auf seinen Wunsch als 
Sohn aufnimmt: denn der Jüngling beharrt, trotz der 
offenen Darlegung der Beschwerden des Einsiedlerlebens 
durch den Alten selbst, in der Hofihung auf Gottes Bei- 
stand bei seinem Entschlufs. In einem hierauf folgenden 
Monolog druckt der Jüngling von Neuem diese Gesinnung 
aus. Zwischen dieser Scene und der folgenden ist eine 
längere, in dem Stück selbst aber gar nicht markirte 
Zwischenzeit von dem Zuschauer zu denken: der Alte 
tritt nämlich — nach dem eben erwähnten Monologe — 
auf^ um den Jüngling zu rühmen, der alle seine Befehle 
freudig vollzöge und ihm eine wahre Stütze geworden sei. 
Nun erscheint auch schon der Jüngling, und verlangt des 
Alten Befehle wieder. Auf sein Geheifs beginnt er dann 
Wurzeln, Kräuter und Früchte für das Mahl zu suchen, 
während der Alte ein in würdigem Stil gehaltenes Gebet 
spricht: er beklagt darin, dafs Gottes Herde blökend 
herumirre und die süfse Weide lasse, da sie von dem 
Hirten schlecht geführt werde ^); bittet aber für die Sünder 
um Barmherzigkeit; schliefslich wünscht er, wenn es keine 
Sünde wäre, zu wissen, welche Stelle im Himmel oben 



1) Auch hier wird ein stummes Spiel besonders angewiesen, zuerst 
beim Vater, worauf es bei der Mutter heilst: E per lo simile 1' abbrac- 
cia, et bascia, et benedicha, chon quegli atü amorevoli et piatosi, che a 
ttale pariito 8* appariiene. 

*) Signor, deh, guarda alla tua inferma greggie, 
Che bela errando, e lascia i dolci paschi, 
Ghuidata male dal pastor de la reggie! 
Piü tosto fa, Signor, che del ciel naschi 



76 S^bert 

seinem jungen Eremiten aufgehoben sei (riservato). Ein 
Engel erscheint mit der Antwort, sein Knecht werde ver- 
danamt werden. ^) Der Alte bejammert nun seinen Vorwitz; 
selbst wenn der Mensch gut handle, sei er also doch nicht 
sicher des ewigen Lebens. Er begibt sich, indem er 
dies redet, nach seiner Wohnung (verso la stanza sua), 
während der junge Eremit, „der indessen die Speisen 
bereitete", damit er während dieser Sorge für den I/eib 
nicht Gottes vergesse, ein geistliches Lied anstimmt, nach 
Art der Rispetti es singend (dicha cosi, chantando con^ 
e^ rispetti). — Man sieht hier, dals auf der Bühne ein 
doppelter Ort markirt ist, wahrscheinlich zwei Eremiten- 
hütten. ■— Das Lied, von einem einfach edlen Ausdruck, 
besteht aus 3 Ottaven, und handelt von dem Unterschied 
der betrachtenden und der sinnlichen Seele, indem jene 
nur von dem Korper befreit zu sein wünscht, um sich 
mit Christus zu vereinen.^) Die volksthümlichen Rispetti 
Toscanas, einstrophige Liebesgesänge^ können bekannt- 
lich auch aus 8 Versen bestehen, wenn auch nicht in der 
Form der Ottave; die Weise konnte also dem Liede an- 
gepafst werden, das sonst nichts mit den Rispetti gemein 
hat. Uebrigens wird durch diese Stelle die toscanische 
Herkunft des Stückes, die ja Sprache und Schrift ohne- 
dies bezeugen, auch documentirt. Doch kehren wir zu 



Chi la rayvii, e rinformi tna leggie, 

Che sopra lor la tua degnia ira caschi. 

Deh, pio Signor, no IIa lasciare perire, 

Pol che per lei ti fu grato il morire. 
Die Stelle ist sehr beachtenswerth , indem sie vielleicht zugleich einen 
Anhalt zu einer genauem Bestimmung des Alters des Stückes bietet. 

1) E tu che yai cerchando el destinato, 
Sappi che 1 servo tuo sara dannato. 

2) Die erste Strophe: 

L' anima sensitiva che ss' inchina 

Nel mondo a tutto quel che IIa diletta, 

Apprezza pocho la leggie divina, 

£ tien civile questa vita prefetta; 

E cosi, stolta, nella gran ruina 

Del baratro infernal chader s' affretta. 

Onde cosa peggior esser non penso, 

Che nel regno deir alma regha il sendo. 



Die ältesten italienischen Mysterien. 77 

dem Stück zurück: der junge Eremit trägt die Speisen, 
die er bereitet hat, auf, es sind Wurzeln und Fruchte, 
Kastanien und Nüsse: da kommt der Alte wieder, recht 
zu gelegener Zeit. Aber sein Gesicht ist ganz verändert. 
Der Junge forscht nach der Ursache. Zögernd erzählt 
jener die Verkündigung des Engels, der Jüngling aber 
tröstet ihn: er werde nur mit um so mehr Liebe Gott 
dienen. Der Alte sieht hierin ein sicheres Zeichen seiner 
ßettung; er speist darauf, und legt sich dann zur Buhe 
nieder. Nach einer Weile erhebt er sich wieder, als wenn 
inmittelst einige Zeit verflossen und es Morgen geworden 
wäre, wie die Bühnenanweisung sagt*), und fordert den 
Mönch ^) zum Gebet auf, während er selbst zu diesem 
Zweck sich zurückzieht. Der Mönch bittet, wenn Gott 
ihn zum Verderben bestimmt habe, um Kraft, in seinen 
heiligen Willen sich zu fügen. Nachdem das Gebet be- 
endet, erscheint in der Gestalt und Kleidung des Gevat- 
ters der Teufel (il demonio), „um ihn unter dem Schein 
der Liebe und der Güte zu betrügen" (Bühnenanweisung). 
Er stellt ihm vor, dafs er sich ja vergeblich jetzt mit 
BuTsethun (penitenza) abmühe, da ihn Gott doch einmal 
verworfen habe, und zwar sei dies geschehen, weil er 
seine Eltern verlassen, die natürliche Liebe gebrochen 
habe (perch^ guastasti Pamore naturale). Er möge des- 
halb nach Hause zurückkehren, und Gott werde seinen 
ürtheilsspruch ändern. Als der Mönch aber darauf be- 
harrlich bleibt , geht ihm der Teufel entgegen um ihn zu 
ergreifen. Nun erkennt ihn der Mönch, beschwört ihn, 
macht mehrmals das Zeichen des Kreuzes und spricht 
verschiedene Gebete, worauf der Teufel mit Schrecken 
entflieht. 'Einen „Schufs" oder einen „Blitz von Feuer" 
wünscht hier die Bühnenanweisung zur Erhöhung der 



^) Doppo questo il padre santo si chonforta, e piglia de' cibi pre- 
parati , e poi si riposa, chome se passasse in mezzo alchuno tempo ; 
et infine chome se si levasse dammattina , si volta inverso il monacho 
e dice. 

^ Als „ monacho << bezeichnet das Stück den jungen Eremiten 
öfters. 



78 Ebert 

Wirkung. *) — Jetzt tritt der Alte wieder auf, geht zum 
„Orte des Gebets" (luogho dell'orazione), — ofltenbar 
ein besondrer Platz der Bühne — und betet für das Heil 
seines Jüngers: da erscheint der Engel von Neuem und 
bringt die trostliche Botschaft seiner Bettung.^) Der 
Alte spricht ein Dankgebet und geht zu dem „gewohn- 
lichen Ort" (al luogho usato) — der Hauptbühne also 
— zurück, um dem Mönche die frohe Nachricht zu 
bringen. Dieser antwortet: Vater, obgleich die mensch- 
liche Intelligenz, mit der Sünde beschwert, wenig ver- 
steht (intende), dennoch fürchtete ich niemals, wenn 
ich gut handelte, zum Feuer verdammt zu werden. — 
Beide stimmen darauf ein Tedeum oder eine Lauda an. ^) 

In dem Epilog (der Verabschiedung, licentid) werden 
die Zuhörer aufgefordert, aus allen Kräften das Fleisch 
zu zügeln imd Werke der Frömmigkeit zu vollbringen, 
um des ewigen Lebens theilhaftig zu werden. 

Das eigentliche Sujet des Stückes ist offenbar eine 
Legende; es ist aber mit einer bestimmten, dem Stoffe 
von Haus aus fremden*), moralischen Tendenz bearbei* 
tet. Dieselbe zielt dahin, zu zeigen, dafs das Mönchs- 
leben als solches mit seinen Entbehrungen und seinen 
äufsern Pflichten noch nicht die Anwartschaft oder die 
Bürgschaft des ewigen Lebens gebe: dafs das äufsere 
Kleid es nicht thue, sondern „die götthche Liebe, in 
welche die Seele sicTi zu kleiden habe'', und die sich 
in Werken der Frömmigkeit und Tugend bethätige, eine 

1) Potrebbesi fare qualche ischoppietto, o baleno di fuocho, o al- 
tro che figurassi lo spavento diabolicho. 

*) O tu, che picchi su la nostra porta, 

Tal che 'nfin drento il tuo romor si stende; 
£ se Ha tua intelUgentia chorta 
De' giudicj di ddio pocho chomprende, 
Non ti dolere; ma presto ti chonforta, 
Che r alto ddio , che ci6 che yuole intende , 
Novellamente ci a manifestato , 
Che '1 tuo buom servo debb* essere salvato. 
3) Fuossi chantare qualche chosa, chome s' e dire il teddeo, o 
qualche lauda, appartenente a detta materia di ghaudio. 

*) In der Legende, die zu entdecken mir nicht gelungen ist, wird 
ohne Zweifel der „padre santo" die Hauptrolle gespielt haben. 



Die ältesten italienischen Mysterien. 79 

Liebe, die nicht um des jenseitigen Lohnes willen han- 
delt, deren Hoffiaung auf Gott aber unerschütterlich ist. 
Diese didactische Tendenz beherrscht das Stück durch- 
aus, welches ein „Klosterspiel" im vollsten Sinne des 
Wortes ist, wie sich meines Wissens kein zweites in 
irgend einer Literatur findet. 



Adolf Ebert. 



gO Kritische Anzeigen: 



Kritische Anzeigen. 



Historis critica de la literatura espaflola, por Don Jo8e Amador de 
los Rio8. Madrid, 1861— 1862. 4o. Tomo I. CVI u. 526 p. — 
Tomo II. Vm u. 634 p. mit 2 Tafeln Fac-similes. 

Die Spanier können mit gerechtem Stolze ihre National- 
literatur eine der originellsten und reichsten nennen; und doch 
sahen sie sich his jetzt bemüfsigt — wollten sie eine einiger- 
mafsen befriedigende Darstellung, eine den wissenschaftlichen 
Anforderungen entsprechendere Geschichte derselben erhalten — , 
zu Uebersetzungen von Werken der Ausländer, wie Bouter- 
wek's, Sismondi's, Ticknor's, ihre Zuflucht zu nehmen. 

Hr. Amador de los Bios hat nun durch das vorliegende 
Werk nicht nur diesem für dea Nationalstolz so verletzenden 
Mangel abzuhelfen, er hat in der Einleitung dazu auch nach- 
zuweisen gesucht, wie es gekommen, dafs die Spanier erst 
von Ausländern lernen mufsten, ihre heimischen Schätze in 
das rechte Licht zu bringen, ihre Nationalliteratur pragmatisch 
darzustellen und kritisch zu würdigen. 

Er schildert nämlich in dieser Einleitung^) den Einflufs 
der kritischen Ansichten, die vom 16. Jahrhundert an in Spa- 
nien herrschend wurden, auf die Nationalliteratur, ihre Auf- 
fassung und Darstellung. Er zeigt, wie durch die lange vor- 
herrschenden einseitigen Ansichten und Geschmacksrichtungen 
der italienisch- und der französisch - classischen Schule die 
eigentlich nationalen Elemente so zurückgedrängt und verkannt 
Vurden; wie daher die wahrhaft volksthümlichen Denkmäler 
der mittelalterlichen Literatur so sehr vernachlässigt, der 
Volksgeist und Nationalcharakter so wenig gewüriligt wurden, 
dafs deren Auffassung und Darstellung mangelhaft und ober- 
flächlich ausfallen mufsten. Erst in unserm Jahrhundert, erst 
seit die Resultate der deutschen Kritik auch in Spanien Ein- 
gang und Verbreitung fanden, auch dort das durch die poli- 
tischen Ereignisse geweckte Nationalbewufstsein stärkten and 
klärten, habe sich auch dort das Bedürfnifs immer fühlbarer 
gemacht,- die echten Erzeugnisse des Volksgeistes gehörig zu 

1) Introduccion. Espiritu, caracter y tendencias de la critica lite- 
raria en Espaila. — La critica en el siglo XIX. 



J. A. de los Rios, Historia critica de la literatura espaftola. 81 

würdigen und sich selbst an einer pragmatischen Darstellung 
derselben zu versuchen. 

Diese Anerkennung des Einflusses deutscher Kritik und 
der Verdienste deutscher Gelehrten um die Geschichte der 
spanischen Literatur mufs uns um so mehr erfreuen, als sie 
uns von einem Gelehrten wird, der ein sehr lebendiges 
Nationalbewuistsein und die umfassendste und gründlichste 
Kenntnifs seiner vaterländischen Literatur mit der nöthigen 
Unbefangenheit verbindet, um darüber auch Urtheilen von 
fremdländischem Standpunkt gerecht zu werden. 

Eben diese Eigenschaften befähigten aber auch Hm. Ama- 
dor de los Bios, dem oben erwähnten Mangel abzuhelfen, den 
Spaniern eine Geschichte ihrer Literatur, von einem Spanier 
im Nationalgeiste au/ge/a/st^ aber vom jetzigen Standpunkte der 
wissenschaftlichen Kritik beurtheUt, zu geben. Er hat daher 
mit Becht sein Werk eine „kritische Geschichte'^ genannt. 

Seit mehr als zwanzig Jahren hat er sich dazu vorberei- 
tet ^) und vier Bände druckfertig ausgearbeitet 

Es gereicht der Konigin von Spanien zur Ehre, dals sie 
endlich die Erscheinung dieses wahrhaften Nationalwerkes er- 
möglicht hat. Denn wegen des grofsen Umfangs, den es sei- 
ner Anlage und der Ausführung in den beiden vorliegenden 
Bänden nach erhalten wird, und bei dem engern Kreise von 
Fachgelehrten, auf den es berechnet ist, konnte wol kaum ein 
Verleger sich dafür finden lassen. 

Der Verf. hat sich nämlich zur Aufgabe gesetzt: die Ge- 
schichte der spanischen Nationalliteratur im weitesten Sinne zu 
schreiben, d. h. die Entwickelung des spanischen Volksgeistes 
und Nationalcharakters in allen ihren Phasen und Formell dar- 
zustellen, insoweit sie sich in der literarischen Cultur und 
Prodnction manifestirt hat. ^) Er beschränkt sich daher nicht 

1) Beweise dayon hat er gegeben in seiner schon in den Jahren 
1841 — 42 zu Sevilla erschienenen „Historia de la literatura espaflola, 
per M. Sismonde de Sismondi; traduccion con nnnierosas anotaciones 
y adiciones<', 2 Bde. 4:^.; — in seinen <'£studi08 histöricos, politicos y 
literarios sobre los Jadios de £spaJla<< (Madrid, 1848. 4*^.); — in seiner 
trefflichen Ausgabe der ,,0bra8 de don liligo Lopez de Mendoza, Mar- 
ques de Santillana" (Madrid, 1852. in-fol.) mit einem sehr gelehrten 
Commentar; — u. s. w. 

^ So gibt er selbst als das Ziel seines Werkes an, pag. XCV : 
„examinar las producciones del ingenio espaflol bajo todas sus faces 
y en todas las edades de su laboriosa y gloriosa vida^^ — Und p. CI: 
Jahrb. f. rom. u. engl. Lit. V, 1. Q 



g2 Kritische Anzeigen: 

auf difl Nationalliterattur im eigentlichen Sinne in d«r casti- 
lischen, oder in den Yulgarsprachen der pjrrenaischon Halb* 
inBel, sondern beruoksicbtigt aach die römische nnd die müteU 
läieiniiche Literatur, insofern Spanier daran tbeilgenommen 
und die EigenthSmiiobkeit ibres Geistes und Charakters datin 
sehon ausgeprägt haben; Ja er hält diese Berücksichtigung für 
nnerlfifslieb, um jene Eigentbfimlichkeit in ihren Ursprangen 
und ihrer Oontinuitat nachweisen zu können.^) 

Er hat demzufolge seine „kritische Geschichte der spa- 
nischen Literatur in zwei grofse Cyklen getheilt, deren erster 
ihre Manifestation in lateiniioher, der zweite die in oastüiacher 
Sprache darstellt ^^ (dividiremos la Hist. orit. de ia lit. esp. en 
dos grandes ciclos, comprendi^ndo el primero la manifestacion 
latina y abarcando el segundo la daeUllana), 

Der erste Cyklus oder Haupttheil (Primera parte) reicht 
bis t\xm 12. Jahrhundert, bis zur Entwickeiung der castilischeii 
Schriftsprache. Er schildert nicht nur den Antheil der Spanier 
an der römischen and mittellateinischen Literatur ^ sondern auch 
die Entwickeiung des spanischen Romanzö aus der romischen 
Schrift- und lateinischen Vulg&rsprache, und der volksthumlichen 



„nnestlros trabajos abtazan la historia de la civill^acion espaflöla, re- 
pregentada pot el arte literariö^^ 

^) Der Verf. hat selbst gefühlt, dat^ mau besorgen könne, er 
^erde dem Beispiele der Brüder Mohedano folgen, die bekanntlioh in 
den nenn erschienenen Qaartbänden ihrer „Historia Uteraria de Bdpafla«' 
nur bis zum Pomponius Mela gekommen sind, indem er sich ausdrück- 
lich dagegen verwahrt, pag. XCVII: „Y no se tema que, seducidos 
por cl egemplo de los Mohedanoft, intentemos remontarnos a tan lejanos 
tiempos, para hacer gala de erudicion inoportünat hay en el genio de 
S6neca y de Lttcano cuaiidades que pertenecen al jfeni^ e^anoi de todits 
las edadeSj bomo han pertenecido siempre a nuesträ Peninsala el dima 
meridional 7 la prodigiosa fertilidad de sus campos. Estas cualidades 
internas, que conviene separar con todo* esmero de las circunstancias 
exteriores, que han podido influir una y otra vez en la edncacion lite- 
raria; que son extraflas a las costumbrea sociales j 4 las creencias 
religiosas, y que Uevan profundamente grabado el seih de ia fiaciona- 
Udad moB ardiente, merecen ser detenida y madnramente estndiadas y 
conocidas con tanto mas razon, cuanto que re»altan vivoMente en ioi 
mda distin^idos poetas de nuestro gran dcio Hterario,*' — Wir aber 
haben um so mehr dißse Stelle im Original hierhergesetzt und den 
Verf. sich selbst vertheidigen lassen, als wir nicht sweifeln, dafs ihm 
diese Ausdehnung des Begriffes „Nationalliteratur« zum Vorwurfe ge- 
macht werden wird. 



JyA.de los Rio8, HUtoria critica de 1« literatura espaflola. §3 

poetischen Formen aus denen der altolassisohen und der latei- 
nisch-christlichen Poesie. 

Dieser erste Haupttheil reicht also nur bis su den Anr 
fangen der castilischen, oder spanischen Nationalliteratur im 
engem Sinne, und enthalt nach dem gewöhnlichen Begriff von 
der Geschichte einer solchen eigentlich nur ProUgomena dazu. 

Den zweiten Haupttheil — die Geschichte der spanischen 
Nationailiteratur im gewohnlichen Sinne — wird der Verf, 
wieder in zwei Cyklen untergetheilt (dos subciclos) behandeln; 
nämlich im ereten die Literatur des spanischen Mittelalters bis 
sur Entwickelnng der classich* spanischen unter Karl Y., und 
zwar in sechs Perioden: 1) von den ersten künstlerischen 
Schöpfungen im castilischen Bomanzo bis ssn Gonzalo de 
Berceo; — 2) von diesem bis zu Alfons X; — dj bis zu 
Heinrieh IL von Castilien; — 4) bis zum Tode Heinrichs HI.; 
— 5) die Regierung Johann's II. von Castilien umfassend; -^ 
6) bis zur Regierung KarFs V. 

Der zweite Cyklus wird in drei Perioden untergetheilt: 
1) von Garcilaso bis Gongora; — 2) bis zu Luzan; — 3) bis 
auf unsere Tage. Dabei sollen auch aulser der castilischen 
die in den andern Hauptmundarten der pyrenäischen Halbinsel 
(die galicisch-portugiesische und catalanische) und die spanisch- 
amerikanische Literatur berücksichtigt werden« 

Die beiden vorliegenden Bände enthalten nun die erete 
Hauptabtkeilung (Primera parte), oder das, was wir Prolego- 
mena genannt haben. ^) 

In dem ersten dieser beiden Bände hat der Verf«- den An« 
theil der Spanier an der romischen und christlich -lateinischen 
Literatur bis zum Untergange des westgothischen Reichs in 
zehn Kapiteln besprochen. 

Wiewol der gelehrte Verf. den AntheU der Spanier an 
der romischen Literatur, unter welchen bekanntlich sehr be^ 
rühmte Namen sind, mit groDser Belesenheit sehr ausfuhrlich 
behandelt und sie im Einzelnen charakterisirt, so müssen wir 
doch das Urtheil darüber competentern Richtern, den classi- 
schen Philologen,^) überlassen und uns begnügen, jene Stellen 



^) Die ebenfalls druckfertig ausgearbeiteten Bände 3 und 4 werden 
die Geschichte der Literatur des spanischen Mittelalters umfassen. 

^ Es ist zu bedauern, dafs dem Verf. so manche Resultate der 
Forschungen unserer Philologen aus der neuern und neuesten Zeit, wie 
SS scheint, noch nicht bekannt geworden sind, sonst hätte er wol 

6* 



g4 Kritische Anzeigen: 

hervorzuheben, worin er den in ihnen schon sich manifesti- 
renden eigenthümlick spanischen Geist schildert oder Parallelen 
zieht zwischen Schriftstellern der classisch- romischen und der 
classisch - spanischen Zeit 

So findet er in dem Geiste, der sich in den spanischen 
Schriftstellern aas der Periode der ersten beiden römischen 
Kaiser ausspricht, schon den eigenthümlich nationalen Cha- 
rakter ausgeprägt (p. 48): „jene Ursprunglichkeit und rauhe 
Einfachheit (cierta originalidad y ruda sencillez), jenes Zur- 
schautragen (ostentacion) eines unzähmbaren Unabhängigkeits- 
sinnes und jene männliche Energie, die so völlig jenes Volk 
kennzeichnen, für welches kein Leben preis würdig war ohne 
Waffen, nur durch Blut und Feuer gebändigt von der Republik 
in einem zweihundertjährigen Kriege". • 

So fafst er am Ende der römischen Periode die charak- 
teristischen Züge, in welchen sich der spanische Geist während 
derselben schon ausgesprochen hat, in folgender Rückschau 
zusammen (p. 193): „In den spanischen Schriftstellern, welche 
in der römischen Literatur glänzen, zeigen sich als hervor- 
ragende Eigenschaften die ausserordentliche Ejraft, womit sie 
jedes Joch abschütteln, und die brennende Liebe, womit sie 
das lebendige Andenken an ihre verlorene Freiheit hegen. 
Diese beiden mächtigen Regungen rissen sie, wie wir gezeigt 
haben, bis zu dem Punkte hin, dafs sie wissentlich die Regeln 
und Vorschriften der Kunst des Horaz und Virgil verachteten 
und übertraten. Aber so entschiedene und glänzende Charak- 
tere gehören nicht etwa ausschliefsend einer bestimmten Epoche 
in der Geschichte der spanischen Literatur an; gleichmafsig 
allen Zeiten angehörend, bilden sie, so zu sagen, die unzer- 
störbaren Pole, auf welche unsere literarische Nationalität sich 
stützt, hinreichend sie zu schützen in Mitten der grofsen Um- 
wälzungen und harten Proben, welchen es der Vorsicht gefiel 
sie auszusetzen. Daher verstehen wir die Geschichte der Lite- 
ratur auf unserem Boden nicht, wenn wir nicht den Blick 
rückwärts wenden, und das, was der spanische Geist war, 
von jenem Moment an betrachten, in welchem es uns gegeben 
ist, seine Schöpfungen zu würdigen, um durch deren Ver- 

schwerlich Florus (den er noch Lucius Annaeus nennt) und Silius Ita- 
liens den Spaniern zugezählt, dem Philosophen Seneca alle unter des- 
sen Namen gehenden Tragödien (mit Ausnahme der Octavia) zu vindi- 
ciren gesucht u. s. w. 



J. A. de los Rios, Historia critica de la literatura espafiola. 85 

gleichung mit denen aus näher liegenden Zeiten mit Grund 
entscheiden zu können, ob die verschiedenen Invasionen, welche 
die iberische Halbinsel erlitten hat, dazu beitragen, diesen 
Geist sich selbst untreu zu machen (a adulterarlo); oder ob 
sich bei den Spaniern jene angeborene und eigenthümliche 
Energie und jener ruhelose Unabhängigkeitstrieb von Jahr- 
hundert zu Jahrhundert erhalten und fortgepflanzt haben, welche 
sie antrieben, den Untergang der bewundernswürdigen grie- 
chisch-romischen Kunst zu beschleunigen/^ 

Nicht minder als durch diese aus seiner Darstellung sich 
ergebenden allgemeinen Resultate hat der Verf. durch die er- 
wähnten Parallelen auch im Besondern die Continuität des 
spanischen Geistes zu zeigen, und zu beweisen gesucht, dals 
zu dessen völligem Verständnifs und erschöpfender Würdigung 
ein so weit zurückgesetzter Ausgangspunkt nicht nur sach- 
gemäfs, sondern auch unerläfslich sei* 

Nachdem er z. B. Parallelen zwischen den Andalusiern 
liucan und Gongora, und den Aragonesen Martial und Lupercio 
Leonardo de Argensola sowol in Bezug auf ihren literarischen 
Charakter als auf ihre Zeitverhältnisse gezogen hat, hebt er 
sogar den in ihnen sich manifestirenden provinziellen Einflufs 
auf folgende Weise hervor (p. 145): „So grofs war der Ein- 
flufs, den auf die Dichter Betica's (Lucan und Gongora) jene 
üppige und vielgestaltige Natur geübt hat; sie erregte lebhaft 
ihre Einbildungskraft, entlockte ihren Lippen reiche dichte- 
rische Ergüsse voll Farbengluth, preiswürdiger wegen des 
Glanzes der Form, der Harmonie der Sprache und der Pracht 
und Grossartigkeit der Bilder, als wegen der Zartheit der Af- 
fecte und der Tiefe der Gedanken. Einen ebenso grofsen Ein- 
fiuis übten auf die aragonesischen Dichter (Martial und Lupercio 
de Argensola) der melancholische Ernst ihres Himmels, das 
finstere Aussehen ihrer felsigen Berge und die glanzlose Frucht- 
barkeit (sombria fertilidad) ihrer Thäler. Die Ersteren, ein- 
genommen von ihrer Umgebung, finden alle Kunstgesetze zu 
enge, sobald sie ihre Gluth zu mäfsigen, den Flug ihres In- 
geniums zu zähmen suchen; die Anderen, nachdenklich, über- 
legend und an dem Autoritätsprincip festhaltend, binden sich 
strenge an die literarische Nachahmung und streben nur im 
Schatten grofser Muster empor (se levantan ä la sombra de 
los grandes modelos). Unter den an den Ufern des Ebro ge- 
bornen Dichtern wird nie ein Lucan oder ein Gongora blühen; 



^ Kritische AnMigtir: 

aber ebenso venijg vrerden an deo Grestaden des Guadalqnivir 
BO nüchterne und strenge Geister emporkommen, wie Martial 
(wenn er etnet ist) and die gelehrten Argensolas. Die Erste- 
ren werden immer geneigt erscheinen, jede Art von Neuerang 
in die literarische Bepablik einzufahren; die Letzteren werden 
Tielleicht dagegen ankämpfen; aber sie werden unterli^^n 
im Streite, omsonst die Gesetze des guten Geschmackes an- 
rufend." 1) 

In der spätem romisch • christlichen und in der west- 
gothischen Periode wird dargestellt, wie sich trotz des Zerfalls 
des Imperatorenreichs und der germanischen Eroberung die 
römische Cultar fortpflanzte und das nationde Element sich 
erhielt in der lateinischen Race, wie sich in dieser das christ- 
liche damit verband und zu dem eigenthumlich spiuuschen 
Katholieismas entwickelte im Kampfe gegen den Arianismus, 
bis es diesen besiegte und auch das Germanische immer mehr 
sich amalgamirte. Er zeigt, wie besonders seit dem dritten 
toledanischen Goncil in den Kirchenvätern und chTistli<^en 
Dichtem Spaniens dieser eigenthümliche Nationalgeist immer 
mehr sich aussprach, und wie aus den altclassischen Formen 
die Rhythmen der lateinisch -kirchlichen Poesie hervoigingeii, 
in welchen die Prototype der volksthumlichen Vulgärpoesie zu 
suchen seien. 

Wir können hier natürlich nicht auf die reichen Einzeln- 
heiten eingehen, die der Verf. mit ebenso umfassender Be- 
lesenheit als groOser Beredtsamkeit darstellt, und müssen uns 
begnügen, daraus nur einige der am meisten cfaarakterisirenden 
oder am wenigsten bekannten hervorzuheben. 

Schon mehr €ds in den Spaniern der heidnisch-römischen 
Zeit flndet der Verfl die diesem Volke eigenthümliche Selb- 
ständigkeit und Unabhängigkeit von allem Traditionellen in 
Prüden tius Clemens ausgesprochen, da trotz dessen formellem 
Anschliefsen an 'die antik-heidnischen Moster sich in ihm schon 
der modern-christliche Geist entfesselt zeigt ^) 



^) Es ist kaum nöthig slvl bemerken, dafs die Urtheile unserer 
Philologen über Lucan und Martial von den sehr patriotisch gefärbten 
des Verf. bedeutend abweichen. — Er hat auch eine Parallele zwischen 
Columella und Hioja angestellt. 

^ Vgl. das damit zusammenstimmende tJrtheil Bähr*8: Die christ- 
lichen Dichter und Geschichtschreiber Roms. Carlsruhe, 1836. 8*. 
S. 46 — 47. 



J. A. de los Bios , Historia criticft de 1» literatara espa&ola. 87 

Maturlieh betont der Verf. die HersteUung der Einheit 
des Glaobens, die Herrschaft des Katholicismas seit dem drit-r 
ten toledanischen ConcU, und die dadurch bewirkte grofsere 
Eiüheit des Reichs und angebahnte Yerschmelzung der beiden 
Hanptracen, der germanischen und lateinischen, als ein Haupt* 
moment der Bildung der spanischen Nationalitat; betont dabei« 
wie billig, das immer mehr sich geltend macbeude Ueber- 
gewicbt der lateinischen Cultur. i) 

Natürlich widmet er dem Haupttrager und Vermittler die* 
ser Coltur, dem Polyhistor jener Zeit, Isidor von Sevilla, gan^ 
besondere AufmerksarnJ^eit« ^). In diesem und in den aus de#* 
sen Schule hervorgegangenen oder naoh dessen Muster gebil- 
deten Prälaten und Geistlichen, wie Braulius, Mazimus, Co- 
nantius» Eugenius, Ildefonsus» Julianus, Paulus Emeritensis 
cu s. w:., sucht der Verf. die Continuität und Tradition der 
lateinisch-byzantinischen Gelehrsamkeit und literarischen Cultur 
ebenso nachzuweisen, wie er die der Kunst in seiner berübm* 
ten Abhandlung: „El arte latino-bizantino en Espafta y las 
Coronas visigodas de Guarrazar*' (Madrid, 1861; fol.) und in 
seinen Beitragen zu den „Monumontos arquitectonicos de 
Espana^ gezeigt hat. 

Das besonders interessante zehnte und letzte Kapitel des 
ersten Bandes schildert die Zustande am Ende des 7. Jabr^^ 
bunderts und kurz vor dem Untergang des Westgothenreichs» 
und die JEntvHckelung einer volksthündleh-l^ieiimohen Poesie 
(Poesia populär latina durante la monarquia visigoda). Der 
Verf. findet eine der Hauptursachen des Verfalls der west* 
gothischen Monarchie und der Verwilderung des Klerus in 
dessen Theilnahme an den politischen Intriguen und Thron- 
slareitigkeiten und, weil dessen Einfluiiai immer ma&gebender 
wurde, in der Competenz der westgothiscben ßace um dif 
ersten geistUoheA Wurden^ yon weleben sie die lateinisehe zu 
▼erdrängen suchte, ohne sich doch ihre Bildung anzueignen, 



>) Er verkennt aber aach nicht, dafs die IJebermacht der katho- 
lischen Hierarchie den Grund legte zum Verfall des westgothischen 
Reichs* und bedauert deren zelotische Verfolgung und Vernichtung aria^ 
nijsKjher Schriften (p. 336—339). — Vgl. HelffeHch, Der westgothische 
Arianiswus und die spanische Ketzergescbichte. Berlin, 1860. 8^ 

*) Nach einer ausführlichen Analyse von dessen Origines gibt der 
Verfasser (p. 365) auch eine Beschreibung der ihm davon bekannt ge- 
wordenen Handschriften in den spanischen Bibliotheken. 



gg Kritische Anzeigen: 

wodurch der Katholicismus seine frühere Kraft und Mission, 
das Band der Einheit und das Mittel. der Cultur zu sein, im- 
mer mehr verlor. Dazu kam noch. die Verweichlichung der 
westgothischen Race, deren ganze Verfassung doch zunächst 
nur auf einen Kriegerstaat berechnet war, durch die Nach- 
ahmung des römisch -byzantinischen Luxus und die Annahme 
so mancher trotz des Katholicismus in der lateinischen Race 
fortlebenden heidnischen Sitten. Zu diesen gehorten nament- 
lich auch die Spiele des Circus und des Amphitheaters, gegen 
welche mehrere Concile, wie es scheint, vergebliche Verbote 
erliefsen und gegen die insbesondere auch Isidor geeifert hat. 
Ja der Verf. glaubt, Isidor habe sein Buch, das den Titel 
Synonyma *) fuhrt, hauptsächlich in der Absicht verfafst, um 
den heidnischen Spielen ein vom Geiste des Christenthnms 
durchdrungenes entgegenzusetzen und es wol gar zur Auf- 
führung zu bringen (tambien escrito de intento para ser 
repreaentado por la juventud, que bajo la tutela del episcopado 
se consagraba al sacerdocio). Dieses weniger bekannte Buch 
Isidor's, das durch seinen sonderbaren Titel wol manche ver- 
leitet hat, es für eine grammatische Abhandlung zu halten, ist 
eine dramatische Allegorie, und als solche wol jedenfalls durch 
das hohe Alter merkwürdig, in welcher der Mensch (homo) 
dargestellt wird, wie er ob seiner Sünden und seines elenden 
Lebens an sich und der Welt verzweifelt; da tritt die Vernunft 
(ratio) zu ihm, tröstet ihn und verweist ihn auf die unendliche 
Barmherzigkeit Gottes ; von ihr geleitet, büfst er seine Sünden 
und wird des einzigen wahren Glücks, der ewigen Seligkeit, 
theilhaftig. 

Ebenso hatten nicht minder unter der gothischen als unter 
der lateinischen Race von dieser aus dem Heidenthume über- 
kommene Sitten oder vielmehr Unsitten sich erhalten, ver- 
breitet und selbst unter der orthodoxen Geistlichkeit Anhänger 



^) Nach dem Vorgange Isidor's hat auch sein Schüler Ildefonsus 
sein Buch „de perpetua virginitate" ebenfalls „de Synonymia^^ genannt; 
der Verf. glaubt, dafs sie durch diesen Titel ihre Werke als rhetorische 
Uebungen, als Producte der Wohlredenheit bezeichnen wollten. — 
XJebrigens führen Isidor's libri duo synonymonim auch den Titel: 
„Soliloquia, de lamentatione animsB peccatricis" und werden nach der 
gewöhnlichen Annahme für erbauliche „Selbstgespräche" angesehen. 
Die im Text davon gegebene Ansicht des Verf. hat jedoch vieles 
für sich. 



J. A. de los Rios , Historia cntica de la literatara espafiols. 89 

gefunden; wie das Treiben der Zauberer und Wahrsager (ma- 
lefici, harioli, salisatores), di€ von den westgotbischen Konigen 
den romischen Kaisern nachgeahmten und bis in die unteren 
Schichten verbreiteten nächtlichen Banquete (comessationes), 
die Hymenäen und Todtenfeiern , oder threni, wie sie Isidor 
nennt, bei welchen Gelegenheiten allen Tänze und Gesänge 
aufgeführt wurden, die immer mehr ein volksmäfsiges Gepräge 
annahmen und eine bedeutend entwickelte Volkspoesie in latei- 
nischer Sprache voraussetzen lassen. Dafs durch diese letztern 
selbst der christliche Gottesdienst entweiht wurde ^ beweisen 
die dagegen erlassenen Verbote des ersten bracarensischen und 
des dritten toledanischen Concils. 

Der Verf. bemerkt mit Recht, dafs die westgothische Race 
so sehr in diese Anschauungen und Sitten der civilisirteren 
lateinischen sich eingelebt ' hatte , dafs sie darüber die ihrer 
Stammväter, die germanischen Mythen und Traditionen ver- 
gab; eine Thatsache, die so manche spätere Erscheinung in 
der spanischen Literatur erklärlich macht. ^) 

Da die Kirche diese Lust des Volks an Tanz und Ge- 
sang^) natürlich nicht unterdrücken konnte, suchte sie wenig- 
stens das Heidnische, ihr Anstofsige darin zu verdrängen durch 
im christlichen Geiste Erdachtes und Hels das Volk nicht nur 
in Kirchengesängen am Gottesdienste theilnehmen, sondern 
ersetzte auch die bei den Familienfeierlichkeiten abgesungenen 
heidnischen Lieder durch christliche. Daher wurde schon durch 
die Beschlüsse des vierten toledanischen Concils das Absingen 
kirchlicher und religiöser Hymnen bei all diesen Gelegenheiten 
eingeführt und dann auch auf politische Feste und Anlässe 
ausgedehnt, wie zur Krönungsfeier, zum Geburtsfeste des Kö- 
nigs, beim Auszuge des Heeres (In ordinatione regis; — In 
natalitio regis; — De profectione exercitus) u. s. w. 

In diesen Hymnen findet der Verf. nicht nur die Gefühle 
ausgesprochen, welche stets das spanische Volk am mächtig- 
sten beherrscht haben, sondern auch die formellen Prototype 
der spanischen Volkspoesie. „Diese Hymnen", sagt er (p. 457), 



1) Vgl. z. B. F. Wolf Studien, p. 408 und 510. 
*) Diese Sangeslust des Volks bei jeder Gelegenheit schildert z. B. 
Eugenius in folgendem Distichon: 

Quum coniux, natus vel servus peccat alumnus, 
Canttca vulgus habet; nos tarnen ipsa latent. 

(Biblioth. Patr. Tolet. I. 66.) 



90 Kritische Anseigen: 

,9 waren ganz vom religiösen Gefahl darchdnuigeD; und ebenso 
waren es auch die Yolksgesange (cantos populäres), die den 
Enthusiasmus der Nation entzünden und unterhalten , welche 
von der Vorsehung berufen wurde, in einem Kampfe von acht 
Jahrhunderten ihren Gott und ihre Altare zu vertheidigen. In 
jenen Hymnen finden Nahrung und Stärkung die verehrungs* 
würdigen Traditionen des Volks des Peiayo und Alfonso VI.; 
in ihnen sind all die Lebenskeime eingeschlossen, die inmitten 
der Conflicte und Wechselfälle eines heiligen Krieges zu 
Früchten reifen sollten; in ihnen endlich sieht man schon den 
Model (molde), in welchen die Volkspoesie gegossen werden 
sollte, die aus dem Bedürfnisse hervorging, so wunderbare 
Ereignisse zu künden und zu feiern.^' 

In dieser* Kirchenpoesie sieht also der Verf. das formelU 
Mittel' und Bindeglied zwischen der heidnisch-lateinischen und 
christlich-vulgären; er sieht aber auch in dem Geiste, von 
dem sie durchdrungen ist, nicht nur den neues Leben und 
Hoffen gebenden, in seinem Glauben alle Bekenner, ob gothi- 
scher, ob lateinischer Race, einigenden und reinigenden des 
allgemeinen, sondern schon den des epecifiech^epani$6hen Kch 
tholicismus. 

Die Wichtigkeit dieser Hymnen für die Geschichte der 
spanischen Literatur veranlaiste den Verf. in einem Anhange 
zum ersten Bande (Ilustraciones. Himnos de la iglesia espaüola 
durante el siglo VII.) die berühmte toledanische Handschrift 
welche die älteste Sammlung derselben enthält, ausfuhrlich zu 
beschreiben, ihren Inhalt zu charakterisiren und zu verzeichnen 
und 18 Proben daraus wiederabzudrucken. Die Handschrift 
stammt nach Florez (Espaüa sagrada, T. IH, cap. UI, p, 94) 
aus dem jLO., jedenfalls noch aus der ersten Hälfte des 11. 
Jahrhunderts und enthält ein Psalterium, Cantica und Hymnen. 
Diese letztem^ 185 an der Zahl, sind noch vor dem Einfall 
der Araber abgefaist, da keine Anspielung darauf in ihnen 
vorkommt; ^) zuerst wurden einige derselben in dem Missale 
veröffentlicht, welches im Jahre 1770 in Puebla de los Angeles 
(Angelopoli) erschien; dann alle von Lorenzana seinem Bre- 
viarium gothicum (Madrid, 1775) einverleibt In der bekannten 



^) Vgl. auch Mone, Lateinische Hymnen des Mittelalters, Thl I, 
p. 87, der als einen Beweis des Alters ansieht, dafs ein Hymnus im 
mozcprabischen Brevier vorkomme, „worin jene Hymnen -stehen, die 
vor .dem 8. JÄhrhundert gemacht sind". 



J. A. de los Rio8, Historie ciittca de la literatnra espaftola. 91 

Sammlung von Ar^valo (Hymnodia hispantca; Rom, 1786) 
finden sich nur zwei, die auch in dem toledanischen Codex 
8tehen, und diese in einer viel Jüngern Redaction und ver- 
stümmelt, wie denn in Arevalo^s Sammlung überhaupt die 
eigentlich kirchlichen Hymnen einer spätem Zeit angehören. 
Der Verf. sucht das Alter dieser toledanischen Hymnen noch 
näher zu bestimmen, und zwar hält er fast alle aUgemeinen 
(9,generales"; denn unter denen zu Ehren bestimmter Heiligen 
finden sich auch hier die altern von der spanischen Kirche auf- 
genommenen, wie von Prudentius, Hilarius, Ambrosius u. s. w.) 
erst nach dem vierten toledanischen Concil abgefafst oder 
doch in die Liturgie dngefnhrt; aber drei: „In sacratione 
Basjlicae (£cce te, Christe, tibi cara semper); — In anniver- 
sario sacrationis Basilic» (Christe, eunctorum dominator alme); 
— In restauratione Basilicae (O beata Jerusalem, priedicanda 
eivitas)^^ glaubt er schon dem ersten Regierung»jahre Becca- 
red's I. (Ö87) zuschreiben zu können und fuhrt dafür jeden- 
falls plausible Gründe an. ^) Mit weniger Wahrscheinlichkeit 
sucht er auch die beiden Hymnen: „In ordinatione regiB (In- 
clite rex, magne regum^"; — und ,^In natalitio regis (Anni 
peracto drculo)^^ auf diesen König zu beziehen, sowie noch 
einigen andern Hymnen ein höheres Alter X^^^ ^^°^ vierten 
toledanischen Concil) zu vindiciren. Dem Canon U und XIII 
desselben Concils zufolge sollten in den Kirchen Spaniens und 
der Gallia gothica dieselben Hymnen auf dieselbe Weise (unns 

igitur ordo orandi atque psailendi pari modo Gallia 

Hispaniaque celebret etc.) gesungen werden. 

lieber die Verfasser der allgemeinen Hymnen wagt auch 
Hr. Amador de los Bios nur als Conjectur auszusprechen, dafe 
wohl einige derselben von den Bischöfen Maximus von Zarar 
goza, Conantius von Pidencia Und Eugenius III. von Toledo 
herrühren dürften, von welchen es bekannt ist, dafs sie kir^ 
liehe und religiöse Gesänge abgefafst haben. 

Jn dem Yerzeichniis der Hymnen werden allerdings bei 
einzelnen die entweder bekannten oder vermuthlichen Verfasser 
angegeben. 

Als Proben hat der Verf. unter den allgemeinen Hymnen 



^) Die beiden letzten dieser drei Hymnen -sind auch in andere 
Hymnarien übergegangen und finden sich z. B. in-Daniera Thesanrus 
hymnologicns, Tom. I, p. 107, XCVI (hier unter dem Titel : „De dcdi- 
catione eccleBise") und Tom. IV, p, HO, wieder abgedruckt. 



92 Kritische Anzeigen: 

die ausgewählt, welche am meisten nationales Gepräge und 
volksmäfsige Färbung haben. ^) 

Unter den dem ersten Bande beigegebenen Facsimiles 
findet sich auch eine Schriftprobe aus diesem toledanischen 
Codex. 

Der zweite Band umfafst die Periode von dem Einfall der 
Araber bis zum Beginn des 12. Jahrhunderts. In dem Vor- 
worte (advertencia) dazu sucht der Verf. die Ausführlichkeit 
seiner Darstellung dadurch zu rechtfertigen, dafe einerseits 
gerade diese Periode am wenigsten bekannt, ja so verkannt 
ist, dafs man sie in Bezug auf die christlich - spanische Lite- 
ratur schlechtweg als eine völlige Barbarei ansieht; anderer- 
seits aber die genauere Kenntnifs und Würdigung derselben 
um so wichtiger ist, als sie eben die Uebergangsperiode von 
der römisch-lateinischen zur castilisch-spanischen Sprache, Cul- 
tur und Literatur bildet, nur darin deren Continuität sich zeigt 
imd die Entwickelung der neuen Elemente aus dem antiken 
sich klar herausstellt.^) 

Das XI. Kapitel (Escritores de la Invasion mahometana) 
schildert die Zustände unmittelbar nach der arabischen Er- 
oberung, und zwar sowohl bei den der arabischen Herrschaft 
unterworfenen Christen, den Mozarabern, als auch bei dem 
Häuflein freigebliebener in den Gebirgen Asturiens. 

Die Mozaraber suchten gegen den Druck der Gegenwart, 
gegen die Angst vor der Zukunft Ersatz und Trost in der 
Vergangenheit; sie waren es, welche die Trümmer der latei- 
nisch -westgothischen Cultur sammelten, die Sitten und Tra- 
ditionen ihrer Vorältern bewahrten, die Schriften der Väter 
ihrer Kirche studirten, sich darnach bildeten und ihren Nach- 
kommen überlieferten; daher bekamen die Werke, die sie selbst 
schufen, eine elegische Färbung, eine ascetische Tendenz. Die 
freigebliebenen Christen hingegen erstarkten immer mehr im 
Kampfe gegen die Gegenwart, ihr Blick richtete sich hoff- 
nungsvoll auf die Zukunft, auf die Neugestaltung, die sie auf 
breiterer. Basis aufführten, ohne Racen-, ohne Standesunter- 



1) Von den 18 hier gegebenen Hymnen finden siqh auch in DanieFs 
Thesaurus aufgenommen: I (IV, 63), HI (I, 107), IV (IV, 110), XIII 
(I, 31), XIV (I, 29), XVI (I, 198), XVn (IV, 117) und XVIII (I, 139). 

^ Viel neues Licht über diese so wenig gekannte und doch so merk- 
würdige Periode verbreitet auch das treffliche Werk Dozy's; Histoire 
des Musulmans d*Espagne, p. 711—1110. Leyde, 1861. 80. 4 Vol. 



J. A. de los Rios, Historia critica de la literatnra espaflola. 93 

schied, auDser dem der bevorzugten Stellung, die Wehrkraft 
und Tapferkeit erwarben; der Krieg ist ihre Lebensaufgabe, 
die Vertreibung der Eindringlinge und die Vernichtung der 
Glaubensfeinde ihr Zweck, die Erhaltung ihrer Freiheit, die 
Wiedereroberung des vaterländischen Bodens ihr Lohn. Dieses 
fortwährend um Existenz und Boden kämpfende, sich neu ge- 
staltende Volk hat allerdings keine Zeit zu Meditationen, zu 
Studien; es kann höchstens, wenn die Uebermacht des Gefühls 
nach Ausdruck drängt, in religiösen oder kriegerischen Hym- 
nen, die seine Geistlichen anstimmen, Gott für den Sieg 
danken, die Thaten seiner Tapferen feiern. Aber in diesen 
Gesängen sprechen sich schon die Grundznge der spätem 
spanischen Volkspoesie aus : Begeisterung für den katholischen 
Glauben, für Vaterland und Unabhängigkeit; in ihrer Ent- 
stehungsweise und Bildung ist der Schlüssel zu dem lyrisch- 
epischen Grundton derselben zu finden. 

Mozaraber und freie christliche Spanier stimmten aber 
vorzugsweise in zwei Punkten vollkommen überein: in der 
Anhänglichkeit an ihren Glauben und in der bis zum Hals sich 
steigernden Abneigung gegen die Araber und Ungläubigen. 

Aus diesem und anderen Gründen erklärt sich auch der 
Verf. gegen den so vielfach überschätzten Einflufs der arabi- 
schen auf die spanische Literatur; ja gerade die Mozaraber 
bestrebten sich, an die vaterländischen 'Muster der vorher- 
gehenden Jahrhunderte, an Isidor, seine Schüler und Nach- 
folger in Gesinnung und Form sich möglich anzuschliefsen. 
Er zeigt dies zunächst an den Schriften von Gixila, Isidor von 
Beja, Etherius und Beatus. 

Das folgende XII. Kapitel (Escritores cristianos del Cali- 
fato) zeigt diesen Gegensatz zwischen den Moslims und den 
Mozarabern in steigender Progression; schildert die von den 
Chalifen von Cordoba zunächst allerdings aus politischen Grün- 
den unternommenen Bekehrungsversuche und Verfolgungen der 
Mozaraber, um sie zu zwingen, in arabischen Schulen ihre 
Sprache und ihren Glauben zu vergessen und sich mit den 
spanischen Arabern zu Einer Nation zu verschmelzen; und 
wie die Verfolgten erst durch passiven Widerstand und dann 
durch das Märtyrerthum ihre Nationalität und ihren Glauben 
zu wahren suchten, bis gie als V^^^ vernichtet wurden. 

Als Protagonisten der Mozaraber in diesem Kampfe, als 
Träger und Wahrer der nationalen, der lateinisch - spanischen 



94 Kritische Anzeigen : 

Onltur und Literatar werden dann besonders aufgefohrt die 
Märtyrer und Schriftsteller Speraindeus, Eulogius^ Alvarns 
von Cördoba, der Abt Samson, die Priester Leovigild und 
Cyprianus. *) 

Insbesondere wird hervorgehoben das Bestreben des Bu- 
logins und Alvarus, die in Vergessenheit gerathenen classischen 
Muster und Regeln der Metrik wieder bekannter zu machen, 
and wie der letztere in seinen poetischen Versuchen an Eu^e- 
nius sich anzuschliefsen beflissen war. Wenn man daher die 
bekannte Stelle des Alvarus, worin er das Vergessen der 
lateinischen Sprache unter den Mozarabern beklagt, so oft als 
Beweis der völligen Arabisirung derselben angeführt hat, so 
hätte man dagegen auch seine und der Obengenannten Werke 
berücksichtigen und als Zeugnisse anerkennen sollen, dafs ge- 
rade durch diese glaubenseifrige, sogenannte fanatische Partei 
zugleich die nationale Tradition, die lateinisch-spanische Cultur 
selbst unter den Mozarabern in der Zeit ihrer grofsten Unter- 
drückung vor gänzlichem Erloschen bewahrt wurden, bis dies 
infolge der Verschleppung und Vernichtung der Mozaraber als 
Volkes natürlich eintreten mufste. 

Wie hingegen bei den freien Christen nicht nur die natio- 
nalen Elemente sich immer mehr stärkten und zum Selbst- 
bewufstsein kamen, sondern auch die literarischer Cultur all- 
mählig sich zu entwickeln begannen , stellt das XIII. Kapitel 
dar (Primeros historiadores de la Reconquista). 

Während ihre Brüder, die sich unterworfen hatten, nur 
passiven Widerstand leisteten, sich vergeblich opferten und 
untergingen, hatten die Flüchtlinge in Asturiens Gebirgen für 
ihre Unabhängigkeit gekämpft, durch ihre Thatkraft sie ge- 
sichert und neue Reiche gegründet. Als daher . mit gesicher- 
tem und geordnetem Zuständen das Bedürfnüs geistiger Ent- 
Wickelung und die Möglichkeit literarischer Beschäftigung wieder 
eintraten, mufeten vor allem die Erinnerung an die vollbrachten 
Thaten und der Drang, sie durch Aufzeichnung zu wahren und 
zu überliefern, für sie richtunggebend werden. Daher wandte sich 
ihre literarische Thätigkeit vorzugsweise der Historiographie zu. 

1) Der Verfasser vertheidigt diese Männer, die nicht nur für die 
Währung des Glaubens, sondern auch der Nationalität kämpften und 
durch ihr Märtyrerthum sie zu retten glaubten, gegen Dozy, der sie 
allerdings zu einseitig und nüchtern als muth willig sich opfernde Fana- 
tiker darstellt. 



J. A de los Rios, HUtoria critica de la literatura espaflola. 95 

Der erste Impuls dazu ging von einem Könige ans, der 
durch seine Thaten sich den Beinamen des Chrofaen erworben 
hat, von Alfons III. von Astarien. Die unter dem Titel 
„Ghronicon Sebastiani Salmanticensis sive Alphonsi Magni^* be- 
kannte Geschichte von Wamba bis zu Ordono*s I. Tod ist, 
wenn auch nicht, wie einige geglaubt haben, des Königs eige- 
nes Werk, so doch jedenfalls von ihm angeregt und auf seinen 
Befehl verfafst worden. In dem dieser Chronik als Einleitung 
dienenden Schreiben des Königs an Sebastian Bischof von 
Salamanca spricht er ausdrücklich den Wunsch aus, dais sich 
diese Geschichte an Isidor's von Sevilla Gothen- Chronik an- 
schlieise; wie sich daher einerseits darin das Bestreben zeigt, 
das Gefühl der nationalen Continuität, des Zusammenhangs 
der neuen Monarchie mit dem Westgothenreich auch literarisch 
zu manifestiren, so hat andererseits diese von dem dritten 
Alfons angeregte Idee durch den zehnten, Alfons den Ge- 
lehrten von Castilien, ihre völligere Entwickelang in der auch 
dem Könige selbst zugeschriebenen Cr6nica generai gefunden« 
So wenig eigentlich historischen und literarischen Werth diese 
Chronik Sebastian's von Salamanca auch haben möge, so hat 
sie doch eben durch die in ihr zum Ausdruck gekommene 
Idee einen ^nationalen, und selbst die patriotischen Ueber- 
treibungen, die gläubig nacherzählten Fabeln, womit sie ange- 
füllt ist» gewinnen als Manifestationen des nationalen und 
religiösen Gefühls eine höhere, literarhistorische Bedeutung. 

Fast gleichzeitig mit dieser Chronik entstand die von AI- 
belda; in gleichem Geiste verfafst, sich ebenfalls an Isidor, 
Ildephons und Julian anschlieisend; hauptsächlich aber unter- 
nommen, um die Thaten Alfon^ des Grofsen aufzuzeichnen 
und der Nachwelt zu überliefern. 

Allerdings erst nach einem Zeiträume von fast hundert 

Jahren sind uns wieder Beweise von der Verfolgang dieser 

Richtung aufbewahrt worden in den Chroniken des Sampirus, 

Pelayo's Bischofs von Oviedo und des Mönchs von Silos. 

Der Verf. analjsirt und charakterislrt alle diese Chroniken 

sehr ausfuhrlich. Er zeigt uns femer, dafs in gleichem Maise, 

wie das Werk der Wiedereroberung fortschritt, die Neugestal- 

.ng an Ausbreitung und Festigung gewann, besonders durch 

le Eroberung von Toledo und Gründung des Königreichs 

astilien, sich auch das Nationalgefuhl immer selbstbewuister, 

imer volksthnmlicher in den gleichzeitigen historischen Wer« 



1 



96 Kritische Anzelgeu. 

ken aussprach, so in den Gesta Koderici Campidocti, in der 
Historia Compostelana, in der Chronica Aldephonsi Imperato- 
ris. Die Gesta Roderici hält auch der Verf. für unbezweifelt 
echt und aus dem Anfang des 12. Jahrhunderts (vor 1126) 
stammend; die Originalhandschrift ist im Jahre 1852 wieder 
für Spanien aequirirt worden von der k. Akademie der Ge- 
schichte von Madrid, die auch eine Copie aus dem 15. Jahr- 
hundert besitzt. ^) Den Charakter des Cid findet der Verf. 
darin in derselben Weise aufgefafst und gezeichnet, wie im 
„Poema del Cid 'S nämlich als den stets sieghaften National- 
helden voll Religiosität und Loyalität. Auch sieht er in der 
Sprache und selbst in der Diction (extructura de la diccion), 
trotz des Bestrebens nach Eleganz und Classicität, den EJinflufs 
des vulgären Idioms. 

Neben den Grofsthaten der Wiedereroberer fanden auch 
die Leiden der Glaubensheiden Berücksichtigung bei den Ge- 
schichtschreibern jener Zeit^ wovon wir als Beispiel das Leben 
des heiligen Dominicus von Silos von Grimaldus ^) anfuhren 
wollen, weil es, wie die Gesta des Cid i^i Poema, in dem 
von Gonzalo von Berceo bearbeiteten bald ein poetisches 
Seitenstück in der Yulgärsprache finden sollte, was bedeutsam 
auf den Zusammenhang der neu entstehenden vulgären Lite- 
ratur mit der lateinisch -nationalen hinweist. Einen noch un- 
mittelbarem und bedeutendem Einflufs auf die Entwickelung 
der vulgären Poesie übte die lateinisch-kirchliche, die, wie die 
Historiographie und im engern Zusammenhange mit ihr, vor- 
zugsweise von der Begeisterung für Glauben und Unabhängig- 
keit eingegeben und durchdrungen, im Laufe des 9. — 12. Jahr- 
hunderts immer mehr eine nationale Färbung und einen volks- 
thümlichen Ton annahm. Von dieser handelt das XIY. Kapitel 
(Poetas y escritores del siglo^ IX al XII). Vor allem waren 

^) Diese Copie wurde in demselben Jahr 1852 von Tomas Mnftoz 
unter den Handschriften Salazar's aufgefunden; — s. Manuel Malo de 
3folina, Rodrigo el Campeador. Madrid, 1857. 8®. p. XXXII, der im 
Anhang XIX zu diesem Werke die Gesta nach der Leoneser Handschr. 
mit Vergleichung der Copie hat abdrucken lassen. Malo de Molina 
aber setzt, wie Dozy, die Leoneser Handschr. zwischen die Jahre 1170 
und 1200 (1. c. p. XXIX). 

*) Des Grimaldus „Vita Beati Dominici confessoris Christi" wurde 
zugleich mit Berceo*s Gedicht und den „Miraculos romanzados*^ des- 
selben Heiligen von Pero Martin (aus dem Ende des 13. Jahrhunderts) 
vom Fray Sebastian de Vergara im J. 1736 herausgegeben. 



J. A. de los Bios, Historia critica de la literatara espaftola. 97 

es die Hymnen, za deren Absingen beim Gottesdienste nach 
dem toledanischen Ritus nicht nnr die Geistlichen verpflichtet 
waren, sondern anch das Volk daran theilnehmen zu lassen 
hatten^ wodorch der Sinn für Poesie erhalten, yerbreitet nnd 
zur Nachahmung angeregt wurde. So kamen zu den seit dem 
vierten toledanischen Concil in die Liturgie aufgenommenen 
neagedichtete von spanischen Geistlichen, wie von dem er- 
wähnten Grimaldus, von Philippus Oscensis u. s. w. ; so wurde 
das allgemeine Hymnarium hispano-latino-visigothicum durch 
viele, man konnte sagen lokale Hymnen bereichert, die, gleich 
den fneros municipales, bestimmten Orten eigen waren ^), ' ihre 
Schutzheiligen feierten, die wunderähnliehe;i, ihrem Einflnfse 
zugeschriebenen, in dieser Gegend vollbrachten Thaten und 
errungenen Siege über die Ungläubigen priesen u. s. w. 

Alle diese auf Spaniens Boden entstandenen Hymnen sind, 
nach des Verfassers Ansicht, mehr oder minder der Ausdruck 
der beiden damals die Nation vorzugsweise beherrschenden 
Gefühle: des religiösen und des patriotischen (de los dos sen- 
timientos fundamentales de la religion y de la patria). Sie 
sprachen sich am allgemeinsten und häufigsten aus in den 
Hymnen an die Jungfrau Maria und an den Nationalpatron, 
den Apostel Santiago von Compostela: in den erstem das 
sanftere Glefuhl religiöser Devotion, in den letztern die kriege- 
rische Begeisterung für Glauben und Vaterland, von der die 
Geisüichen nicht minder erfüllt waren, als die Krieger, deren 
Waffen sie segneten, deren Lager- und Kampfgenossen sie 
oft waren, deren Siege sie nach der Heimkehr in den Kirchen 
feierten. „Nachdem also'*, sagt der Verfasser, „die beiden 
Hanptgefnhle, welche wir als die Grundlagen der Wieder- 
eroberung erkannt haben , durch neue Bande noch enger ver- 
bunden worden waren, vermittelte die geistliche Poesie die 
vielfachen Formen, die sie von der altclassischen überkommen 
hatte, an die heroische Poesie, indem sie ihr gleich bei ihrem 



1) Nicht unpassend vergleicht der Verf. diese lokalen Hymnen mit 
den Fueros municipales, weil sie aus ähnlichen Verhältnissen und Ur- 
sachen im Laufe des Wiedereroberungskrieges hervorgegangen waren; 
die letzteren, um durch Privilegien den neu eroberten oder gegründeten 
Orten besondern Rechtsschutz zu gewähren; die ersteren, um durch 
die Yermittelung eigener Patrone den besondern Schutz des Himmeis 
für den Ort zu erflehen. 

Jahrb. f. rom. u. engl. Lit. V. 1. 7 



98 Kritische Anzeigen: 

Entstehen den Charakter aufprägte, den $ie selbst innerhalb 
der mysteriösen astnrischen Basiliken gßzeigt hatte.'* ^) 

In der Nichtbeachtong dieser Yermitteinng, dieser Con- 
tinuitat zwischen den altclassiscfaen, kirchlichen und volkstbim- 
liehen Formen, glaubt der Verf. den Hauptgrund zu sehen^ 
weshalb die Ursprünge der letsEtern so oft verkannt und un- 
nothigerweise in der Fremde gesucht worden sind. 

Denn, wie die Hymnen, so waren auch die nun entstehen- 
den kriegerischen Gesänge (eantares belicos), zum Preise der 
Nationalheroen, dem Volke und der Geistlichkeit gemeinsam. 
Daher die auch in ihnen sich findenden formellen Anknüpfungen 
und sonstigen, wenn auch noch so entfernten Anklänge an das 
classische Alterthum, dessen Sprache die der Geistlichkeit und 
der Kirche geblieben war. 

Von dieser heroischen Poesie, wie sie der Verf. nennt, 
ist uns allerdings nur Weniges und dieses Wenige meist nur 
fragmentarisch erhalten, wie die Elegie auf den Tod Borell^s HI. 
von Barcelona; das in die Chronik Boderich's von Toledo ein- 
geschaltete Bruchstuck eines Gedichts auf die Eroberung von 
Toledo; das bei weitem bedeutsamste, aber leider auch unvoll- 
ständige lateinische Cidgedicht, das der um die mittellateinische 
Poesie so hochverdiente Du-Meril zuerst herausgab, und das 
einerseits in seinen sapphisch - adonischen Strophen und in 
Anspielungen, wie die der Eingangsverse (Paris et Pyrrfai, 
nee non et Aeneae), deutlich die Nachwirkung des classisdien 
Einflusses zeigt, wiewohl es andererseits, wie Du-Meril mit 
Recht bemerkt hat (Poesies populaires latines au moyen a^e. 
Paris, 1847. 8°. p. 296 u. 301), gerade durch die Wahl dieser 
Strophe und seinen ganzen Ton einen volksthümlichen Cha- 
rakter trägt.*) 



^) . . asi, estrechado^s con nuevos vinculos los dos grandes senti- 
mientos que hemos reconocido ya como bases fundamentales de la re- 
conquista, daba la poesia sagrada sus multiples formas, heredadas de 
la antigüedad, a la poesia heroica, imprimiendole al salir al mundo, el 
mismo caracter que habia osCentado dentro de las mlsterlosas basillcas 
asturianas. 

*) Unser Verfasser stimmt darin, wie auch in den Urtheilen über 
Abfassungszeit und Ort, mit Du-M^ril überein, und widerlegt die von 
Mila y Fontanals angestellten Behauptungen (Observaciones sobre la 
pioesia populär. Barcelona, 1853. 4^ p. 62—64), dafs das Gedicht in 
Catalonien abgefaTst und zum Theil Auszug, zum Theil Uebersetzung 
eines volksmäfsigem , wahrscheinlich castilischen Gedichts sei. — Der 



J. A. de losRios, Historia critica de la literatara espafiola. 99 

Ebenfalls mar fragmentarisch sind uns ans jener Zeit er- 
halten worden die heroischen oder yielmehr historischen Ge- 
dichte auf Bamon Berenguer IV. (1159 — 1162) und auf die 
Einnahme Almeria's durch Alfons VU. von Castilien und seine 
Bundesgenossen. Das letztere, jedenfalls vor 1157 verfafst, 
ist aber nicht zum Absingen besthnmt gewesen und tragt mehr 
den Charakter einer Reimchronik und eines gelehrten Werks, 
das sich nur stellenweise zum poetischen Ausdruck erhebt. 
Es bildet bekanntlich einen Anhang zu der obenerwähnten 
prosaischen Chronica Aldephonsi Imperatoris. Auch in diesem 
Gedichte, besonders in dessen Sprache und Diction, zeigt sich 
auf eine inerkwürdige Weise einerseits die Fortwirkung clas- 
sischer Vorbilder, andererseits der Durchbruch des vulgären 
Idioms bei einer durchaus nationalen Gesinnung. 

Diese Doppelseitigkeit, die sich in jenen historischen Ge- 
dichten immer mehr aussprach, weist schon bedeutsam auf die 
nun bald eintretende schärfere Scheidung der halb gelehrten, 
halb nationalen und der eigentlich volksmäisigen, bis di^in 
traditionellen Poesie (poesia erudita, j poesia tradicional), die 
mit der Befähigung der Vulgärsprache zum literarischen Aus- 
druck und mit der grofsem Verschiedenheit in den Interessen 
und Bildungsgraden der Stände und Schichten der Gesellschaft 
zum völligem Durchbruch kommen sollte. 

Dafs aber neben der gelehrten lateinischen schon in jenen 
Zeiten eine eigentlich volksmäisige Poesie in der lingua romana 
rustica und in den sich daraus entwickelnden vulgären Idiomen 
existirt habe, liegt in der Natur der Sache und bed&rfte nicht 
einmal der historischen Zeugnisse, wenn sich solche auch nicht 
zahlreich anführen liefsen (und vom Verfasser angeführt wer- 
den), welche dies ausdrücklich beweisen; sowie es nicht min- 
der natürlich ist, dafs von dieser traditionellen, nur im Volks- 
munde fortlebenden Poesie keine Denkmäler auf uns gekonmien 
sind. Denn die einzigen, die sie hätten aufbewahren und uns 
überliefern können, die gleichzeitigen Schriftsteller^ sahen da- 
mals noch mit Verachtung auf diese Producte der ungelehrten 
Menge in einer in ihren Augen barbarischen Sprache herab, 
md wenn auch ihre Schriften schon Spuren genug von dem 
Einflüsse derselben tragen, so setzten sie doch gerade in den 



Verf. gibt eine Analyse des Gedichts, worin er zeigt, dafs es ans den- 
elben Quellen wie die Gesta geschöpft habe, und einen Wiederabdruck 
iesselben in der Ilustracion I. No. XXI. 

7* 



100 Kritische Anzeigen: 

Gebrauch der lateinischen Schriftsprache ihren Stolz und grün- 
deten darauf den Haupttitel ihrer Gelehrsamkeit. ^) Ja gerade 
^ie waren es, die eben dadurch die Entwickelung der Vulgär- 
poesie verzögerten, wenn sie auch andererseits wieder fordernd 
darauf einwirkten. So verbreiteten sie durch Epitaphien auf 
Leichensteinen in Kirchen und Klostern, worin populäre Na- 
men gefeiert wurden, und durch Sprichworter in lateinischen 
Versen die Kenntniis poetischer Formen auch in weitern Kreisen 
und regten zu deren Nachahmung in der Vulgärsprache an. 

So wurde in einem andern Gebiete der Poesie, im Apolog 
in ungebundener Rede, ein lateinischer Schriftsteller jener Zeit 
von bedeutendem Einflufs auf die Entwickelung dieser Gattung 
in der spanischen Literatur, in die er zugleich ein neues Ele- 
ment, das orientalische (nicht biblische), brachte. Der unter 
dem Namen Petrus Alphonsi getaufte Rabbi Moseh trat hierin 
mit seiner Disciplina clericalis epochemachend auf, die nicht 
nur bald nach Entwickelung der Vulgärsprachen in mehrere 
derselben übersetzt wurde ^)9 sondern auch zu Nachahmungen 
in denselben veranlagte, wie z. B. zum Conde Lucanor des 
Infanten Juan Manuel.^) 

Noch erwähnt der Verf. eines theils in Prosa, theils in 
Versen geschriebenen lateinischen Werks jener Zeit, des Petrus 
Compostelanus zwei Bücher „de consolatione rationis'S das 
sich handschriftlich erhalten hat (aus den Jahren 1140 — 1157), 
und das insofern berücksichtigungswerth erscheint, als sich 
darin die Anwendung allegorischer Personification, nach Art 
von Isidor^s Schrift de synonymis, und schon sehr complicirter 
Reimkünsteleien neben altdassischen Reminisoenzen zeigen. 

^) Bekanntlich bezeichnete man damals die Gelehrten durch den 
Titel: Grammaiieus. 

^ Aufser den bekannten beiden nordfranzosischen Uebersetznngen 
in Versen und einer in Prosa (letztere aus dem 15. Jahrhundert) haben 
sich auch, wie unser Verf. nachweist (p. 241 u. 294), eine catalanische 
aus dem 13. Jahrhundert (Handschr. der Nationalbibliothek zu Madrid) 
und eine castilische aus dem 14. Jahrhundert erhalten. — Der Verf. ist 
übrigens der Meinung, dafs der Tanfpathe des Petrus Alphonsi der 
König Alfons VI. von Castiiien war, weil nur dieser im Jahre 1106 
den Titel Imperator geführt habe. Er erwähnt noch eines andern, bis 
jetzt unedirten Werkes des Petrus Alphonsi: „De scientia et philo- 
sophia", das metaphysische Fragen von dem katholischen Standpunkte 
aus behandelt. 

') Vgl. Les vieux auteurs castillans. Par M. le comte 7%. de Puy- 
maigre, Paris, 1862. S». Tome IL p. 16—17. 



J. A. de los Bios, Historia critica de la literatura espafiola. 101 

Das XV. mid letzte Kapitel dieses Bandes und der ersten 
Hauptabtheilung (Primera parte) fafst in einem Baek- und 
Ueberblicke die Resultate von der gegebenen Charakteristik 
und Entwickelnng der latemisch-spanüchen Literatur zusammen 
und zeigt ihre Continuität in den Uebergangen v zu der neben 
ihr und nur aus ihr hervorgegangenen vulgären oder eigentlieh 
spanisefaen Nationalliteratur (Consideraciones generales sobre 
la manifestacioh latina. Aparicion de la literatura vulgär). 
Nadidem der Verf. in 'sehr beredter Weise seine Schilderung 
der literarischen Manifestationen des eigenthumlich spanischen 
Geistes in dem Ablauf von zwölf Jahrhunderten recapitulirt 
und als das unter den verschiedensten Verhaltnissen und Ein- 
flüssen darin sich Gleichbleibende, Charakteristische nochmals 
hervorgehoben hat: den energischen Unabhangigkeitssinn , die 
Ueppigkeit der Phantasie und die Liebe zum Redeprunk bis 
zum Hjperbolismus, und trotzdem, dais er, wohl, wegen der 
letztem Eigenschaften, eine Art von Orientalismus, wie er sich 
etwas wunderlich ausdruckt (aquella manera de orientalismo, 
que habia echado raices en el suelo de la Betica), darin ge- 
funden haben will, nimmt er die Frage des arabischen Ein- 
flusses nochmals auf, um sie noch bestimmter und energischer 
zu verneinen, ^) Wir können ihm nur vollkommen beistimmen, 
wenn er als Resultat seiner Untersuchungen des Verhältnisses 
d^r christlichen Spanier zu den arabischen auüstellt: „Die 
Christen, abgesehen von ihrem grundlichen Hasse gegen die 
Araber, waren damals noch gar nicht im Stande, die Cultur- 
elemente zu würdigen, welche durch die Beni-Omeije zu C6r- 
doba aufgehäuft worden waren, und noch weniger konnten 
sie zum Schmucke ihrer Volkslieder die complicirten Formen 



>) Er macht bei dieser Gelegenheit eine Digression (p. 268 — 278), 
um die zur stereotypen Fabel gewordene Behauptung zu widerlegen: 
dafis der Papst Sylvester II. (Qerbert) in den Schulen der spanischen 
Araber studirt und dort die auTserordentlichen Kenntnisse erworben 
habe, die ihm den Ruf der Zauberkunde und Nigromancie zugezogen 
haben. Der Verf. weist "nach, dafs Sylvester vielmehr von dem Abt 
Ton'Aurillac zu Borell II. von Barcelona gesandt und von diesem dem 
Bischof Hatto von Ausona (Vieh) zugewiesen wurde, in dessen Schule 
er sich ausgebildet habe. Weder in Gerbert's eigenen Schriften, noch 
bei einem gleichzeitigen Schriftsteller wird der arabischen Schulen er- 
wähnt, und diese Fabel kam zuerst durch Vincentius von Bcaavais 
auf, wurde durch Piatina und noch Spätere erst verbreitet und seitdem 
immer wieder nachgeschrieben. 



102 Kritische Anzeigen: 

einer KuilBt verweAden, die ihnen so anüpathisch war, als die 
Civilisation ver halst, die sie darstellte. Eben deshalb haben 
wir dadurch, wenn wir von nationalen und ausländischen Kri* 
tikern diesen arabischen Einflufs a priori angenommen fanden, 
der demgemaüs die spanische Ynlgärpoesie ins Leben gerofen 
haben sollte (que debia en este concepto dar vida al arte 
vulgär espafiol), alle Gesetze einer gesunden Kritik verletzt 
gesehen und es für unerlä&lich gehalten, diese Stadien neu 
vorzunehmen und sie mit all der Ausführlichkeit zu behandeln, 
die uothig war, um ins Klare zu kommen/^ — 

Der Verf. erklärt sich daher mit Recht gegen die, trotz 
ihrer Oberflächlichkeit so oft wiederholte, ja bis auf den heu- 
tigen Tag noch nicht gänzlich aufgegebene Behauptung, dafs 
die Spanier den Reim und mehrere ihrer rhythmischen For- 
men, namentlich ihre volksthümlichste, die der Romanzen, den 
Arabern zu danken hätten; er erklärt sich überhaupt gegen 
den Einfluls einer fremdländischen, und insbesondere der ara- 
bischen und provenzalischen Literatur auf die spanische vor 
der Mitte des 13. Jahrhunderts (was wir allerdings nicht so 
unbedingt unterschreiben mochten); denn er findet allein in der 
lateinischen Sprache und Literatur, in der lateinisch-kirchlichen 
und historischen Poesie die Ursprünge und Elemente der vnl« 
gären Idiome Spaniens (wie des castilischen, galicischen and 
catalanischen), ihrer rhythmischen und poetischen Formen, so- 
wohl der noch ganz volksmäfsigen als auch der ersten konst- 
mäüsigern, und der in ihnen sich bildenden Literaturen. Des- 
halb hat er sich bemüht» die Continuität zwischen der spanisdi- 
romischen, spanisch-lateinischen und spanisch-vulgären Literator 
so ausführlich nachzuweisen, den in all diesen Phasen sic^ 
gleich bleibenden eigentbümlich spanischen Geist und Orund- 
charakter so nachdrücklich hervorzuheben; nur dadurch, glaubt 
er, könne die Geschichte der spanischen Literatur eine solide 
Grundlage bekommen, die zum volligen Verständnifs ihrer 
eigeuthümlichen Bildung und Entwickelung ausreicht; und 
darum nennt er eine Geschichte, welche diese Ursprünge über- 
geht, oder doch diese Continuität und Einheit des Geistes 
nicht hinlänglich nachweist und hervorhebt, eine „hauptlose ^^ 
(acefala)! — 

Die vorstehende Anzeige, wenn sie sich auch nur auf die 
leitenden Ideen und einige Hauptzüge beschränken mufste, 
dürfte doch genügen, um von der Wichtigkeit des besprochenen 



J. A. de los Rio8, Historia critica de la literatara espafiola. 103 

Werks y seinem Beichthom an neuen Ansichten, grandlichen 
Untersnchungen und interessanten Einzelnheiten einen Begriff 
zn geben ; noch wichtiger und tiefer eingreifend in die Ge- 
schichte, der spanischen Nationtdliterator im engern Sinne sind 
die dem zweiten Bande (von S. 303 — 620) beigegebenen sechs 
Excnrse (Uustraciones) und sncei Anhange (Ap^ndices). 

. Der erste Excars behandelt aosfahrlich die im Text so 
oft angeregte Frage von den lateinischen Ursprüngen der 
Bhffthmen und Reime in der spanischen Vulgärpoesie (Origenes 
latinos del md^o y de la rima). 

Wiewohl es nach den Untersnchungen von Muzl, Diez, 
Fachs, Jak. and Wilh* Grimm u. A. ^) für uns kaum mehr 
nothig ist, den Beweis zu fahren, da/s und wie Rhythmen imd 
Beim in den romanischen Valganprachen sich durch die Yer- 
mittdang der mittellateinischen Poesie ans der altdassischen 
entwickelt haben, so ist. doch des Verfassers Bemuhuagy dies 
in Bezog aof die spanische ansfahrlich nachzuweisen und histo- 
risch zu belegen, immer sehr beachtenswerdL Doch können 
wir nns darauf beschranken, daraus nur ihm eigenthiimh'che 
Bemerkungen oder neu mitgetheiltes Material Jiervorzuheben. 
So macht er daraaf anfinerksam, dafs, wahrend die Hymnen- 
poesie die kurzem Metra, besonders die acht- und sieben- 
sUbigen und das sapphische (zehn- bis elfsilbige), bevorzugte, 
die historische und didactiscfae ausscfaliefsend sich des beroi- 
sehen oder elegischen Mafses bediente, das auch in Inscriptio- 
nen, Epitaphien, Sprichwörtern häufig angewandt wurde (wir 
werden spät^ sehen, was der Verf. für Conseqaenzen für die 
VuJgärpoesie daraus ableitet). 

So trug nach des Verfassers Ansicht vorzuglieh der mundr 
ajrtliche Volksgesang «dazu bei, die quantitirenden Metra in 
accentnirte Rhytlxmen zu verwandeln, welche erst durch die 
gelehrten und Kunstdichter in der Vulgärspraehe eine syllabi- 
sehe Norm und Regelung wieder erhielten. 2) , 

In Bezug auf den Reim bemerkt er die bei den lateini- 
schen Schriftstellern Spaniens besonders häufige absichtliche 
Anwendung desselben in der Prosa seit der westgothischen 
Periode. So ist z. B. die Prosa des Alvarus von Cordoba 



1) S. die Resultate davon kurz und treffend bei Bemhardy, Grund- 
ri£s der römischen lat. 3te Bearb. Braanschweig, 1867. 8^ S. 316. 

^ VgL Du-Meril, Melanges archeologiqaes et litteralres. Paris, 
1850. 80. p. 355 sq., besonders p. 375 — 378. 



104 Kritische Anzeigen: 

mit Reimen überladen^); — nicht minder das Chronicon Al- 
beldense, die Oesta Roderici Campidocti u. s. w. 

Um die Entwickelang des Reims aas den rhetorischen 
Figuren der Romer, homoeoptoton oder similiter cadens, und 
homoeoteleuton oder similiter desinens, zaerst als onvolikom- 
mener (Assonanz) und dann als vollkommenere Gonsonanz 
ersichtlich za machen, gibt der Verfiisser (S. 320 — 325) eine 
Zosammenstellung blofs bei spanischen Schriftstellern bis zum 
12. Jahrhundert vorkommender Beispiele in drei Tabellen, nach 
den Endvocalen in Reihen gesondert (Romas ladnas, emplea- 
das segun la figura homoeoptoton; — Rimas cometidas por la 
figara homoeotdeuton; — Yarias rimas perfectas que resultan 
del usa de ambas figuras). 

Dann lafst er, chronologisch geordnet (vom 7. bis zum 
14. Jahrhundert), eine Auswahl (in 37 Nummern) von Poesien, 
sammtlich (?) auf der pyrenaischen Halbinsel entstand»!, fol- 
gen, mit Angabe der Daten und Quellen, in welchen sich die 
Geschichte der Metrification und des Reimes veranschaulicht, 
da nur zweifellos echte und urkundlich beglaubigte gewählt 
wurden, und worunter manche von ihm selbst nach den Origi- 
nalen copirte Inschriften und mehrere zum erstenmal gedruckte 
Stücke sich befinden (S. 328 — 360). 

Wir glauben unsern Lesern einen Dienst zu erweisen, 
wenn wir sie auf diese letztem aufinerksam machen. 

So wird in Nr. XVI (p. 339) aus einer Handschrift, die 
dem Kloster von San Millan de la Cogulla gehorte und jetzt 
in der Bibliothek der k. Akademie der Geschichte zu Madrid 
aufbewahrt wird, ein Scholarenlied: „Versus ad pueros'* mit- 
getheilt, das zwar nicht gereimt ist, in dem aber nach dem 
einen Hexameter (mit Ausnahme des eisten und letzten, auf 
welche eigene Pentameter folgen) der Pentameter: 
Gelica dona libens, optime carpe, puer * 
und nach dem andern der: 

Quseque Sophia docet, optime disce, puer 
refrainartig wiederholt wird, sodafs, mit Ausnahme des ersten 
und letzten, alle Disticha mit dem Refrain „puer^' schliefsen. 
Das Lied ermahnt die Jugend, nicht nur die,Gaben der Natur, 



') Bei diesem sowie bei den Mozarabem überhaupt dürfte doch 
auch die so häufig gereimte Prosa der Araber einigen Einflufs gehabt 
haben? — 



J. A. de los Rios, Historia critica de la literat'ura espafiola. 105 

sondern auch die der Weisheit oder vielmehr der Gelehrsam- 
keit zu sammeln und sich eigen 2a mach^i, wobei aaf die 
classischen VorbUder, namentlich anf Vergil ^} und Gato hin- 
gewiesen wird. Unter das mit dem sogenannten isidorischen 
Charakter geschriebene Lied (nnter den diesem Bande bei- 
gegebenen Facsimües befindet sich eine Schriftprobe davon, 
nach der das Lied neumiert ist) ist mit schwärzerer Tinte, 
aber auch noch mit demselben Charakter das Datam: Era 
ICXX (1120, d. i. 1082) geschrieben. 2) Doch halten wir das 
Lied für älter and franzosischen Ursprungs, wahrscheinlich 
durch die frimzosischen Mönche nach Spanien gebracht, wie 
wohl aus dem ersten Distichon hervorgeht: 

Fistula, pange melos puero, meditante Camena: 
Regia Pipino, fistula, pange melos. 
Und aus Vers 27: 

Francia curvat equos proceram, stipata trium^^o. 
Jedenfalls ist aber das Lied sehr merkwürdig. 

Ferner Nr. XXYIH (p. 350) » ebenfalls aus einer Hand- 
schrift im Besitz der k. Akademie der Geschichte zu Mtfdrid, 
enthaltend : „Himnario de Santa Clara de Allariz^% in Galicien, 
eine Sequenz: „In anuntiatione Sanctse Marise^S ^^ anfangt: 
Ave Maria, gratia plena 
Dominus tecum, Yirgo serena.^) 

1) Und zwar wird dem Vergil das Pervigilium Veneris hier bei- 
gelegt: «Pervigil, oro, legas, cecinit quod masa Maronis. 

2) Dieses Datam gibt der Verfasser im. Abdruck des Liedes an; 
in einer Anmerkung des Textes, p. 238, wo er die Handschrift be- 
schreibt, gibt er das Datum: Era ICLX (1160, d. i. 1122). 

*) Doch ist dieses Lied weder ein Hymnus, wie der Verfasser an- 
gibt, noch war es frulier ungedruckt; denn Daniel (1. c. Tom. 11 , p. 92 
und V, p. 131) und Mone (a. a. O. Bd. II, p. 112) hatten diese Sequenz 
bereits nach Handschriften deutscher Bibliotheken herausgegeben, und 
zwar, da sie die Gattung, der das Lied angehört, erkannt, richtiger 
abgetheüt. — Dafs auch dieses Lied französischen Ursprungs ist, geht 
schon aus der Bemerkung DanieFs hervor: „Obiges 'Lied hat die fran- 
zosische Form der Troparien und ist ein halber Kanon derselben. Die 
Franzosen gebrauchten fünffüTsige Jamben vorzüglich in ihren Helden- 
liedern, aber auch in lyrischen Gedichten." — Wir geben zu DanieFs 
Abdruck die Varianten der spanischen Handschrift: V. 28 (6): reformas. 
V. 30 (7): Que es Dei mater et filia. V. 32 (7): Per te bonis fulget 
gloria. V. 33 (8): Virgo maris Stella. V. 34 (8): Verbi. V. 37 (8): 
Ex qua. V. 39 (9): Saluet. V. 40 (9): Castitatis. V. 41 (9): Cum 
etema festula (?). — Der Verfasser setzt dieses Lied in die zweite 



10g Kritische Anzeigen: 

Unter d^ Nummer XXXIY und der Rubrik ^^Versocr 
J0C0S08 y de escarnio^^ (p, 353) werden aus einer in der Ma- 
drider Nationalbibliothek befindlichen Abschrift eines toledani- 
sehen Codex mitgetheilt: 1) Spruche und Epigramme (Prolo- 
quios, Adagios, Epigramas), meist leoninisch gereimt, darunter 
aiich bekannte (wie: In taberna bibo solus etc.); 2) ,,Satira 
del dinero^^ und 3) 9,8ätira de las mujeres"; beide ebenfalls 
leoninisch gereimt; in der erstem Satire beginnen die meisten 
Verse mit „Nummus^^ in der zweiten fast alle mit ,,Foe- 
mina. 0* 

Die zweite ,,Ilu8tracion*' enthält eine Abhandlung ub^ 
die Ursprünge und Bildung der romanischen Sprachen und ins» 
besondere der casHliscken (Sobre los origenes j formacion de 
las lenguas romances. Lengua castellana). 

Auch hieraus wird es genügen, nur die dem Verf. eigen- 
thümlichern Ansichten und Bemerkungen anzuführen, da er, 
von richtigen Principien ausgehend, im Ganzen zu den- 
selben Resultaten kommt, die durch die Arbeiten von Wilh. 
V, Humboldt, Diez, Fuchs> Pott u. s. w. sichergestellt und 
allgemein anerkannt worden sind.^) 

Der Verf. nennt als die neuesten Bearbeiter dieses Gegen- 
standes unter seinen Landsleuten Pedro Felipe Monlau und 
Severo Catalina del Arno, welche in den Jahren 1859 und 
1861 Abhandlungen darüber in der k. span. Akademie gelesen 
haben, wovon der erstere als Thesiö aufstellt: „Solo del latin 
nacio el romance castellano^S der letztere zu beweisen sucht: 
„que si el diccionariö de la lengua castellana tiene mäs de 



Hälfte des 12. Jahrhunderts (auch Daniel sehreibt es dem 12. oder 13. 
Jahrhundert zu) und gibt eine Schriftprobe in den Facsimiles, wonach 
es ebenfalls mit Neumen Yersehen ist. 

1) Unter Nr. XXXV und XXXVI gibt der Verfasser als Proben 
der neben der lateinischen aufkeimenden Vnlgarpoesie das bekannte, 
xnerst von Fauchfst herausgegebene Fragment eines provenzalisehen Ge- 
dichts auf das Leben der heil. Fides Yon Agen, und die nicht minder 
oft angefahrte galicische oder altportugiesische „Qancion de Gonzalo 
Hermi^es a Oaroana<S deren Echtheit aber mehr als zwei£elhaft ist 
(vgL F. Wolf, Studien, S. 694). — Die letzte Nummer, XXXVII, gibt- 
als Muster eines sohon ganz kunstmäfsig gereimten Gediphts desn latei- 
nischen Hymnus zum Lobe des heil. Ildefons, der anfangt „Gelsi eon- 
fessoris", aus dem 14. Jahrhundert. 

*) Vgl. auch hierüber das treffliche Resnm4 bei Bernhardy, a. a. 0. 
S. 323—325. 



J, A. de los Rios , Historia chtica de la literatura espaftola. 107 

Istino que de semitico, la gramatica de la lengua oastellana 
tieae mas de semitioa que de latina^^ 

Wir benutzen diese Gelegenheit, am ans Monlau's Ab» 
handlang ^) eine für die spanische Lautlehre interessante Notix 
mitzutheilen, die selbst Diez unbelcannt geblieben ist« 

Indem er nämlich der so oft wiederholten Behanptnng 
entgegentritt, dsSa die spanischen Kehlaspirate G J X aus dem 
Arabischen herrühren (s. Diez^ Grammatik d. roman. Sprachen, 
2te Ausg., Thl. 1, S. 366), macht er dazu die Bemerkung, es 
lasse sich urkundlich nachweisen ^, dafs die Aussprache meh* 
rerer spanischmi Laute vor dem 16. Jahrhundert veraehiedmi 
von der seitdem üblich gewordenen gewesen sei, und fuhrt 
unter anderm an, dafs / und X (ab eini^cher Buchstabe) im 
Castalischen bis zur angegebenen Zeit ebenso ausgesprodien 
worden seien, wie im Catalanischen, Portugiesischen, Galiei* 
sehen und Asturischen , namUch als weiche Palatal^ oder Zisch 
laute. 3) 

Dies wird bestätigt durch W. H. Engelmann (Glossaire 
des mots espagnols et portugais deriv^ de l'arabe: Leyde, 
1861. B"". p. XXI— XXII), welcher Beispiele anfuhrt von der 
Transscriptioa des arabischen ^ durch spanisches x und ^, 

^) Sie ist abgedruckt unter dem Xitel : „ Del origen y la formacion 
del romance castellano^S in den „DiscarsQs leidos en \9a tecepciones 
pnbUcas que ha celebrado desde 1847 la Real Academia espailola<^ 
Madrid, 1860. 4o. Tomo II, p. 307—367; — auch separat (Madrid, 
1859. A9. — Die hier erwähnte Stelle findet sich in den „Discursos** 
p. 314 — 316; im Separatabdruck p. lÄ — 14). Die „Contestacion« von 
Dr. J. £L H<»ttBenbtt$ch enthilt eine rdohe Sammlung von Beispielen 
romam9cher Formen in lateinischen Urkunden und Schriften Spaniens 
aus den ersten zehn Jahrhunderten n. Chr. — Monktu hatte sich früher 
schon Tortheilhaft bekannt gemacht durch seinen „Dicdonario etimo- 
logico de , la lengua castellana, precedido de unos rudimentos de etimo- 
logia". Madrid, 1856. 4«. ' 

•2) Er sagt nämlich: „Tal (das nachfolgende Factum) resulta, segun 
Tariob autores, no solo de las Gramatieas Cästeüanas y obras grafna- 
tieales sntiguas, eseritas por nacionales y eztranjero^, sino tambien de 
las obras no gramaticale».'' 

3) i,Iia j sonaba «uave, lo mismo que en ciUalan 6 en iranc^: el 
jo de joyoy Terbi gracia, sonaba como en franc^s el jo de joli.^^ 

„La z, en aeabon, madexoy quixada, Quixote, relox (y demas Toces 
que hoy escribimos con j), sonaba como la ch del fraae^s en chapeau. 
Asi Oerrantes pronnnciaba el nombre Quixote oomo lo pconimcian faoy 
los franceses, aunqne no hacia mnda la e final." 



108 Kritische Anzeigen: 

und daxm über die AuBsprache der letztern bmnerkt: „ü resnlte 
de ces ezemples qu'il me serait facile, d'augmenter, qa^au com- 
mencement du XVI® siecle encore (le livre de P. de Alcala 
a ete imprime en 1505; nämlich dessen Vocabnlista arayigo 
en letra castellana [Granada, 1505], worans er Beispiele an- 
geführt hatte) le o; et le ^' (^) avaient un son correspondant 
a celui du chm et du dßm des Arabes. Je ne suis pas de 
meme ä preciser repoqne,~a laquelle cette prononciation , qui 
se perp^tue de nos jonrs dans les Asturies (Yoyez la note de 
M. de Molina, Rodrigo el Campeador, p. XLVI du Discours 
prelimin.), a ete remplacee par la prononciation gutturale.'^ — 

Eine fernere Bestätigung erhält diese Behauptung dadurch, 
dals die Spanier hingegen für die arabische Kehlaspirata ^ 
nicht y, sondern / gebraucht haben (Diez, a. a. O. I. S. 308), 
was sie, wäre j schon damals Guttural gewesen, nicht nothig 
gehabt hätten, was aber nicht geschehen ist, eben weil j, sei- 
ner damaligen Aussprache gemäfs, für die arabische Palatale 
gebraucht wurde, wie Engelmann nachgewiesen hat ^) 

Dazu kommt noch, dafs, wie Delius bemerkt hat (Born. 
Sprachfamilien, S. 31), das Portugiesische (Galicische und 
wir mochten hinzufügen, auch das so nahe damit verwandte 
Asturische) im Ganzen in einer altern Gestalt sich bewahrt 
hat, als das Spanische (Gastilische). 

So wenig es daher den Lautgesetzen entgegen, ja viel 
normaler wäre^ dieselbe Aussprache des G J X auch im Spa- 
nischen früher anzunehmen (JDiez, a. a. O. I. S. 248 — 249), 
so liegt das Anormale und die Schwierigkeit, es zu erklären, 
in dem so späten Uebergange der palatalen in eine gutturale 
Aussprache. Dafs im 16* Jahrhundert ein solcher Uebergang 
stattgefunden habe, wird selbst noch aus des Juan Lopez de 
Velasco im Jahre 1582 zu Burgos erschienener „Orthographia 
y Pronunciacion castellana^' ersichtlich, indem er die Aus- 
sprache des G vor e und i also beschreibt (p. 115 — 116): 
„Formase esta voz con el medio de la lengua, indinada al 
principio del paladar no apegada a el, como para formar la 
c sin cedilla, que se forma alli: ni arrimada a los dientes, 
que es como los estrangeros la pronundan: sino al paladar, 

^) Herr Prof. Muasafia macht uns darauf aufmerksam, dafo die 
spanischen Juden in der Türkei und im Orient noch heutiges Tages 
J G und X in den gegebenen Fällen nicht guttural, sondern wie fraa» 
zösisches j aussprechen. 



J. A. de los Rios, Historia critica de la literatura espafiola. 109 

de manera que pneda salir el espiritn y aliento con que se 
haze: ni tampoco moj meüda en la garganta, porque suena 
alli la x^ con qnien tiene mucha semejanza en el sonido etc.^^ 

Und die Aussprache des X als einfachen Bachstabens 
(p. 240): „Y aonqne la voz antigna desta letra parece aner 
sido la mesma que de la x, chiy Oriega, mny metida a la 
garganta: como los moro8 la pronuncian: la pronnnciacion 
Castellana naturalmente ahorrece este sonido, por ser may Ueno« 
y affeetado: y assi se ha venido adclgazando el de la x, y 
llegandose al medio de la boca, donde se forma el de la g, 
de manera que se ha confundido ya el nno con el otro: en 
tanto qae en muchas palabras apenas percibe la oreja la dif- 
ferencia que ay entre ellos etc/^ 

Monlau bleibt die Präcisimng des wann und Erklämng 
des wie dieser Veränderung in der Aussprache schuldig; denn 
was er darüber vorbringt sind nur Conjecturen, und er will 
sie auch nicht für mehr geben. ^) 

Auch wir müssen uns begnügen, auf dieses Factum auf- 
merksam gemacht zu haben; halten es aber für so wenig be- 
kannt und doch für so merkwürdig, dafis wir dadurch diese 
Digression wohl entschuldigen zu können glauben. 

Um zu unserm Verfasser zurückzukehren, so spricht auch 
er sich für den lateinischen Ursprung der vulgären Mundarten 
der iberischen Halbinsel aus, in denen sich nur wenige Reste 
der Ursprachen erhalten und die sich zunächst aus der lingua 
romana rustica^ oder richtiger dem niedern Redegebrauche ent- 



^) So bedarf es keiner ernsthaften Widerlegung, wenn er eben nur 
als einen Einfall vorbringt: „A la moda introducida por los cortesanos 
de Carlos I. , al aleman modemo, qae tambien introdnjo cierto nümero 
de Yoces en el castellano, debe este idioma, mas bien que al arabe (I), 
el sonido gutural fuerte que tanto distingue ni^estra pronunciacion de 
la de los restantes idiomas aeo-latinos. — Conste, sinembargo, que esta 
es una mera conjectura etc.« 

Daher ruft er am Ende selbst ans: 

„^Cuales fueron las causas de haberse ido alterando la pronun- 
ciacion primitiva del castellano? — Problema es este que no se halla 
todavia resuelto.'* 

„^Cuando empezo, cuando se generalizo, la nueva pronunciacion? — 
El celebre gramatico latino Gaspar Sciopio, que estuvo en Espafla a 
mediados del sigloXVII, atestigua como reciente, en aquella ^poca, la 
mudanza en el pronunciar. Otros varios datos y testimonios hay que 
confirman el de Sciopio.« 



1 



XIO Kritische Anzeigen: 

wickelt haben. Er gibt nur geringen EinflnTs des Grermani 
sehen und Arabischen zu. In Bezug auf das letztere, bemerkt 
er, müsse man wohl unterscheiden zwischen den Mozarabem 
und den freien Christen. Dafs aber selbst bei den erstem 
das Latein sich lange erhalten und dem arabischen EinfluTse 
widerstanden habe, beweisen nicht nur die von den Arabern 
geprägten Münzen aus den ersten Zeiten der Eroberung , denen 
sie für nöthig hielten , lateinische Inscriptionen beizugeben ^), 
sondern auch der in den Schriften der cordobesischen Märtyrer 
sich ausspre<^ende Widerstand und deren Halten an der latei- 
nischen Sprache und Tradition bis zu der Mozaraber Tolligen 
Unterjochung und Zerstreuung im Jahre 1124. Bei den freien 
Christen aber erlangte das Arabische erst einigen Einflufs durch 
ihr Zusammenleben mit den von ihnen unterworfenen Arabern, 
den Mudejares, nachdem sich das Romanzo schon gebildet 
hatte ^); und dieser Einflufs beschränkte sich hauptsächlich 
nur auf die Aufnahme technischer Worter aus dem Bereiche 
der Wissenschaften, Künste, Gewerbe u. s. w. ^ 

Den germanischen Einflufs, der allerdings auch kein be- 
deutender und grofsentheils nur lexikalischer war, schlägt der 



1) Von solchen arabisch -lateinischen Münzen (monedas arabico- 
latinas) gibt der Anhang I. genaue Beschreibungen. 

^ Aus diesem Verkehr entstand eine Mischsprache, Aljamia, wor- 
über der Verf. folgende einer Handschrift der Esoorial-Bibliothek (cod. 
Y. m. 9) entnommene Stelle der „Cronica poetica de Alfonso XI" 
anführt; Alfons sagt nämlich zu dem Boten, den er an den Mauren 
konig Albohacen absendej;: 

Vos, escudero, 

Sabedes bien la arabia: 
Seredes bien yerdadero 
De tornarla en aliamia. 

Departierdes ei lenguaie 
Por oaatellano muy bien: 
Levat delante mensaie 
AI rey moro Albofacen. 
>) Vgl. Engelmann ^ 1. c. p. II — III; und Diez, a. a. O. I. 97, der 
treffend über den aus dem Arabischen entlehnten Wortvorrath bemerkt: 
„Nicht ein einziges Wort ist aus der Sphäre des Gemüthes entlehnt, 
als ob das Verhältnifs zwischen Christen und Mohammedanern sich 
schlechthin auf den äuTsern Veikehr beschränkt, keine herzliche An- 
näherung , wie zwischen Römern und Gothen , gestattet hätte.<< — Unser 
Verf. bemerkt, dafs im Poema del Cid nur 26 Worter unbezweifelt 
arabischen Ursprungs vorkommen. 



J. A. de losRios, Historia critica de la literatura espaftoia. Hl 

j 

Verf. doch gar za gering an, indem er selbst den unbezweifelt 
grammatischen auf die Bildung der Patronymica (auf iz, ez, 
vgl. Schmeüefs bekannte Abhandlong darüber und Diez Ety- 
molog. Wörterbuch der rom. Sprachen, 2. Aufl. S. XV) ver- 
kennt und darin einen „recuerdo de indubitable (I), aunque 
remota (II), influencia helenica^^ sieht! — 

Der durch die Wiedererobemng, besonders nach der To- 
ledo's, sich gestaltenden politischen Bildung gemafs entwickel- 
ten sich, durch die davon hervorgerufenen localen Einflüsse 
modificirt, die drei Hauptmundarten des Romanzo der pyre- 
näischen Halbinsel: im ostlichen Spanien die cataXanisehey im 
centralen die castüuche und im westlichen die gaUdsch-^ortur 
giesische. Der Verf. erklart sich gegen die Behauptung, dafis 
in Aragonien und Navarra die catalanische Mundart die herr- 
schende und dafs die Volkssprache dieser Länder (denn* die 
aragonische Hof spräche war allerdings bis zum 15. Jahrhundert 
die catalanische) überhaupt je wesentlich verschieden gewesen 
sei von der. castilischen; im Anhang I. fuhrt er die Wider- 
legung dieser Behauptung ausfuhrlicher aus und unterstutzt sie 
durch eine Beihe von Urkunden des 13. und 14. Jahrhunderts 
aus Aragon und Navarra. ^) 

Die asturische und leonesische Mundart reiht der Verf. 
ebenfalls der castilischen an; wir mochten aber in Bezog auf 
erstere glauben, dafs sie naher mit dem galidsch- portugie- 
sischen Zweige verwandt seL ^) 

Die dritte „Ilustracion^' sucht spedeller nachzuweisen : wie 
sich die rhythmischen Formen (mit Einschlufs des Reims) der 

^) D. Geronimo Borao, der Verfasser eines „Diccionario de voces 
aragonesas, precedido de una Introduccion fllolögico-historica*« (Zara- 
goza, 1859. 4^), selbst ein Ari^onier, stimmt nnserm Verfasser toU- 
kommen bei; so sagt er z.B. p. 16: „Ko paede dadarse que se hablo 
en Aragon un idioma del todo conforme cuando no mas rico que el 
castellano, pudiendo asegurarse .... que, sobre ser an error filologico, 
es may gratoita la siTposicion de qae los aragoneses usasen el romance 
l^nosin hasta qae recibieron el castellano al advenimiento de D. Fer- 
nando (IV) de Antequera." 

2) Vgl. Vamhagen*s Einleitung zu seiner Ausgabe der „Trovas e 
cantares de um codice do XIV. seculo: ou antes, mui proyavelmente, 
o livro das cantigas do Conde de Barcellos << (Madrid, 1849. in -32. 
pag. XXXV— -XXXIX). — - Der Verf. gibt an, dafs D. . Gumersindo 
Layerde Ruiz geschrieben habe: „Un numeroso glosario de las voces 
pertenecientes al mismo romance, que va ä todo andar desapareciendo 
en los y alles de Asturias." 



112 Kritische Anzeigen: 

spanischen Volgarpoesie, und zwar zanächst der kqnstmafsigem» 
als der zuerst angezeichneten, aus den altclassischen Metren 
und den mitteUateinischen Rhythmen entwickelt haben (Sobre 
las formas artisticas de la poesia vulgär escrita. Metros y 
rimas vulgares). 

Nachdem der Verf. nämlich in der ersten ,,Ilustracion^\ 
gezeigt hatte, dafa die lateinische Poesie alle Elemente ent- 
halte, aus welchen sich die Formen der Vulgarpoesie ent- 
wickeln k(yimten^ fuhrt er in dieser dritten specieller aus, in 
welcher Weise sie sich wirkUch nach jenen lateinischen Mustern 
gebildet haben und wie sich dies durch die uns erhaltenen 
ältesten Denkmäler der Vulgarpoesie noch urkundlich belegen 
lasse. ^) Und zwar hat er dazu gewählt die beiden Gedichte 
von den heiL drei Kdnigen^\ das Leben der heiL Maria Aegyp- 
tiaca^ die „Gronica rimada'^ und das „Poema del Cid", die er 
sämmtlich für älter hält, als die Werke Gonzalo^s de Berceo. 

Der Verf. nimmt drei Entwickelungsphasen der vulgären 
Rhythmen an: 1) die eigentlich volksma/sige^ „in der sie mit 
der Sprache zugleich sich entwickelten und der ungelehrten 
Menge (ä la muchedumbre ajena ä toda aspiracion literaria) 
zum Mittel dienten, ihre Gedanken und Gefühle dem Gesänge 
anzupassend^ (para acomodar al canto sus ideas y. sentimientos). 
2) Die ihrer ersten Aufzeichnung, d. i. „als sie, mit der vor- 
geschrittenen Bildung der Yiügarsprachen gleichen Schritt 
haltend, bereits die Au£aierksamkeit jener erregten, die des 
Schreibens kundig waren, ohne aber eine bestimmte gelehrte 
Absicht damit zu verbinden (los que han aprendido ä escribir 
sin deliberado intento erudito), und sie der Aufzeichnung werth 
hielten, sei es mit Beobachtung ihrer Formen (ora como tales 
metros), sei es wie simple Prosa, ohne einen andern Wunsch 
als den, auf eine dauerhaftere Weise zu erhalten, was bis 
dahin blos dem Gedächtnifs anvertraut war'S 3) Die Phase 

^) Der Verf. hat wohl diese dritte „üustracion" durch die zweite 
von der ersten getrennt (was allerdings nicht ganz pragmatisch scheinen 
konnte), weil er erst das rein lateinische Gebiet völlig absolviren wollte, 
bevor er das vulgare betrat? — 

^ Der Verf. hat nämlich, aufser dem von Pidal zuerst herausge- 
gebenen Gedichte von den heil, drei Königen (Los tres Reys d'Oriente) 
noch ein ebenso altes in einer Handschrift der toledanischen Bibliothek 
aufgefunden, das denselben Gegenstand behandelt, aber von jenem ver- 
schieden ist, und das er „Los Reyes Magos'^ betitelt. Er wird im Ver- 
folg seiner Geschichte es ausführlicher besprechen. 



J. A. de lo8 Rios, Historia critica de la literatara espaflola. flS 

ihrer kunstmäfsigem Ausbildung; „als nämlich die Vulgär- 
sprachen schon bei allen Classen der Gesellschaft Eingang 
gefanden hatten, legten auch die Gelehrten (los doctos) die 
natürliche Verachtung (el desden natural) ab, mit der sie bis* 
her sie angesehen hatten, und nahmen mit ihnen zugleich die 
volksmäfsigen Rhythmen (metros populäres) an, sie nun ge- 
wissermafsen erst sanctionierend und ihnen, wie den Sprachen, 
ihre Sorgfalt widmend ^^ 

Naturlich haben sich nur aus der zweiten Phase Denk- 
mäler erhalten (in castiiischer Sprache die oben erwähnten). 
Von diesen sagt nun der Verf. wortlich: „Ihre Metren (sus 
metros), eine handgreifliche Ableitung (derivacion palmaria) 
aus den lateinischen Hexametern und Pentametern, sowie auch 
aus den jambischen Tetrametem oder Octonarien, haben 10 — 
18 Silben, und zeigen eben darin die Unsicherheit und den 
Mangel an Fixheit der zu verwerthenden Mittel (la inseguridad 
y falta de fijeza de los medios de apreciacion), über welche 
die Volkssänger verfugten , selbst als schon diese zweite Phase 
eingetreten war. Aber selbst dieser aufserordentlichen Ver- 
schiedenartigkeit (variedad), wenn man sie auch für eine Ca- 
price (capricho) des ungebildeten Gehörs (del mal educado 
oido) jener Sänger halten kann, fehlt es nicht an einer ge- 
wissen Gesetzmälsigkeit (cierta ley), welche Aufschlufs geben 
hilft über den speciellen Ursprung der erwähnten Metren, in- 
dem sich von den castilischen eine bestimmte Anzahl um jeden 
Typus gruppirt-, .eben der Natur ihrer Hemistichien entspre- 
chend. Es läfst sich nicht läugnen, dafs viele Verse der in 
Rede stehenden Gedichte dieser allgemeinen Anordnung (dis- 
posidon general) nicht folgen; da sie aber die einzige Be- . 
Ziehung (relacion) ist, die man mit irgend anderen, unserer 
Poesie fremden Versen aufstellen kann, so ist es klar und 
evident, dafs sie hinreichen wird, die Filiation jener Metren 
zu legitimiren, welche eine grossere Regelmäfsigkeit und gleich- 
bleibendere Aehnlichkeit (mas constante semejanza) in den er- 
wähnten Denkmälern zeigen.'^ 

„Auf drei Haupttypen lassen sich die in ihnen vorkom- 
menden zurückführen, von einer fixen, durch zwei theilbaren 
Silbenzahl (fijandose en silabas pares), denn diese ist der 
musikalischen Recitation angemessener und geeigneter zum Ge- 
sang, indem sie beinahe immer auf Hemistichen von verschie- 
dener Natur insistiren ' (insistiendo casi siempre en hemistiquios 

Jahrb. f. rom. u. engl. Lit. V. 1. 8 



J}4 Kritischo Anzeigen: 

de diferente naturideza). Solche sind die Metren von 18 Sil- 
ben, deren Hemisüche von 9 Ticknor (in dem Gedichte von 
der Maria Egipciaca) irrig f&r achtsilbige angesehen hat; — 
die von 16 Silben, welche Lopez de Ayala «versetes de an- 
tigno rinoar» (vgl. Wolf, Stadien, S. 152) genannt hat und die 
im 15. Jahrhundert den Namen apies de romance» erhielten 
(nach Nebrija^s Angabe; s. Studien, S. 448); — und die von 
14 Silben, die, in Hemistiche von 7 getheilt, in der gelehrten 
(erudita) castilischen Poesie groisereB Gluck machten als die 
übrigen, wie sie es auch in der lateinisch -kirchlichen gehabt 
hatten, und auch in der provenzaliscben und franzosischen, 
und bald darnach auch in der italienischen >) erlangten. Wir 
halten es für angemessen zu bemerken, dafs diese Metren, eine 
rohe Nachahmung der Pentameter^ sich mit denen von 10 Sil- 
ben verbinden, hervorgegangen bald aus Hexametern ^ bald aus 
Octonarien, indem sie auch die Verbindung (consordo) mit 15-, 
13- und 128ilbigen zulassen, jede Verschmelzung (amalgama) 
mit 188ilbigen aber verwerfen, welch letztere von der spani- 
schen Muse weniger cultivirt worden sind." — 

Wir haben diese Theorie des Verf. möglichst mit dessen 
Worten wiederzugeben versucht, weil, da ihre Fassung uns 
nicht ganz klar geworden ist, wir durch eine freiere Ueber- 
tragung leicht eine irrige Auffassung und ungerechte Bearthei- 
Inng hatten verschulden können. Haben wir sie aber richtig 
aufgefaiflt, so können wir in zwei wesentlichen Punkten ihr 
nicht beistimmen. Erstens müisten wir uns gegen die unmittel- 
bare Ableitung der vulgären aecentuirenden Rhythmen aus den 
eigentlichen, quantitirenden Metren erklären, und daher um so 
mehr gegen die „handgreifliche Abstammung von Hexametern 
and Pentametern** *); — zweitens sehen wir in dem Schwanken 

1) In Bezug auf die italienischen citirt der Verf. als Beispiel die 
auch von Diez (Altroman. Sprachdenkmale, S. 108) angeführten Verse 
von Ciullo d'Alcamo, die Diez jedoch mit Recht für zwol/silhige erklärt 
hat, wie auch die vom Verf. hier erwähnten provenzalischen und fran- 
zosischen eben die Alexandriner sind. 

3) Nachdem so anerkannte Autoritäten wie Diez, Fuchs, Du-Meril, 
Qoicherat, Litträ sich so bestimmt und überzeugend gegen diese un- 
mittelbare Ableitung ausgesprochen, bedarf es wohl keiner weitem 
Widerlegung mehr; ein tüchtiger Schüler derselben, Hr. Gaston Paris 
(]6tude sur le role de Taccent latin dans la langue fran^aise. Paris, 
1862. 80. p. 105) fafst das Resultat ihrer Forschungen kurz und tref- 
fend in folgenden Worten zusammen: „II est incontestable qu'a Tepoque 



J. A. de los Rios, Historia critica de la literatara espaflola: 115 

zwischen 18 (ja 20 und noch mehr) und 10 Silben der rhyth- 
mischen Langzeilen jener ältesten Denkmäler eben nur die ersten 
rohen Versuche, blos durch eine bestimmte Zahl von Hebungen 
(Accente), noch ohne alle Rücksicht auf Silbenzahl, höchstens 
mit Beobachtung von Einschnitten (Gäsuren), wodurch Hemi- 
stiche (im Gastilischen , dem Sprachgenius gemäfs, meist gleich- 
theilige) entstanden, Verse zu bilden^ auf deren Bildung die 
in andern romanischen Sprachen (der lemosinischen, franzo- 
sischen, galicischen) spontan hervorgegangenen und früher auch 
sm einer syllabisch geregelten Form gelangten epischen Mafse 
nicht ohne Einfiofs geblieben sind. ^) Denn erst in der vom 
Verf. aufgestellten dritten. Pluuse tritt die bewufstere, kunst- 
mäfsigere Ausbildung und Regelung nach Silben ein, wie in 
den Gedichten von ApoUoniofi (de nueva maestria) und von 
Alexander (a silabas cuntadas), worin die Nachahmung des 
franzosischen Alexandriner nach spanischer Messung (12 — 16 
Silben; vgl, Studien, S. 417, Anm. 1) unverkennbar ist, wäh- 
rend schon Diez (Altroman» Sprachdenkmale, S. 117) von 
jenen altern Gedichten, und namentlich von dem Poema del 



oa les longues connnes se cr^rent et prodnisirent leors premieri vers, 
la guaatite n'^tait plos connue qae de quelques »avaats, au moins dans 
la plupart des mots , et les chantres popnlaires etaient tout ä faxt in- 
capables de construire des yers d'apr^s le Systeme classique. Ce fut 
donc Taccent qui domina la versification romane comme il avait dominö 
la laingne; ce fat l'accent qui deTinC le principe de tons les syst^mes 
prosodiques de l'Enrope latlne." — Littre, der die Entwickelung dieser 
nen-lateinischen und romanischen, principiell von der altclassischen v^er- 
schiedenen Versification so schon als treffend dargestellt hat (Histoire 
de la langtie franpaise. Paris, 1863. 8». Tome I. p. XXIV und 266), 
erklärt sich ausdrücklich gegen die Ableitung von Hexameter und Penta- 
meter (p. 258), und gibt eher noch eine Nachbildung des sapphischen 
Verses, vermittelt durch die lateinische Kirchenpoesie, zu (p. 19 — 20). 

1) Vgl. hierüber Gaaton Paris, 1. c. p, 106. — Da der Verf. in 

Bezug auf den erwähnten Einflufs die B'ranzosen, und namentlich Hrn. 

Damas Hinard, der allerdings in anderer Hinsicht zu weit geht, der 

nationalen Parteilichkeit beschuldigt, so verweisen wir ihn auf seine 

Landsleute, wie Mild y Fontanals, De los Trovadores en Espafla. ßar- 

'»'^lona, 1861. S«. p. 511, besonders Anmerk. 6; — und vor allen auf 

^ran, der von den Rhythmen der Cronica rimada del Cid sagt : „Este 

3ema .... debe presumirse obra de un juglar que con pretensiones 

B poeta artistico reduce ä versos largos, de forma francesaf los redon- 

illos de la nuestra nacional" (Romancero gen. 2. ed. T- I. p. 482), 

eich treffendes ürtheil von allen diesen Gedichten gilt. 

8* 



X\6 Kritische Anzeigen: 

Cid, sehr richtig bemerkt hat: „es ringt offenbar nach^ dieser 
Form (der Alexandriner), kann aber, wenn es auch die Paase 
wahrt, die regelrechte Silbenzahl nicht erreichen; die rhyth- 
mische Kunst ist hier noch ganzlich in ihrer l^indheit^S ^) 
Wir halten noch immer für das einzige indigene, aus dem 
Sprachgenius organisch entwickelte castilische Mafs die versos 
de redondilla mayor y menor, und geben höchstens einigen 
EinfluTs des trochäischen Tetrameter, wie er schon mehr blos 
accentuirend durch die Hymnenpoesie vermittelt wurde, auf die 
versos de redondilla mayor zu (vgl. Diez, a. a. O. S. 123 und 
127, und Studien, S. 429). 

Wir können uns daher ebensowenig mit dem Verf. ein- 
verstanden erklaren, wenn er auf die noch gar nicht mafs- 
haltende und noch weniger mafsgebende Silbenzahl jener rohen 
Rhythmen die Eintheilung in ^^Haupttypen" gründet und dar- 
aus Schlüsse zieht, wie z. B. es wären wirklich im Spanischen 
ISsilbige Verse zu bewufster Anwendung gekommen; oder über- 
haupt in ihnen Muster von 13 — iSsübigen Versen findet; denn 
man kann darin ebenso gut 19-9 ^0- und noch mehrsilbige 
nachweisen.. 

Der Verf. geht dann zum Reime über und zeigt, wie auch 
dieser zunächst nach mitteUateinischen Mustern anfangs als As- 
sonanz und in leoninischer Weise gebunden, aber auch schon 
als Gonsonanz und Endreim in jenen ältesten Denkmälern der 
castilischen Poesie vorkommt, indem er aus ihnen Beispiele 

1) S. die Nach Weisung der Nachahmung der Formen der Chansons 
de geste im Poema del Cid bis ins Einzelne durchgeführt und wohl 
begründet bei /)oi»uw fitnar(^ Po^me du Cid. Paris, 1858. 4^. p.XXXÜL 
suiv. — Dafs aber eine geregelte Form des epischen Langverses /raher 
im Provenzalischen und Franzosisfehen sich ei^twickelt hatte als im Casti- 
lischen, würde, wenn auch alle historischen Daten nicht dafür sprächen, 
sich schon daraus ergeben, dafs er in jenen zuerst in seiner eigentlich 
romanisch-organischen Form» der zehnsilbigen^ auftrat, woraus erst später 
die Abart des zwölfisilbigen oder Alexandriner hervorging, während 
im Castilischen nur dieser (in roher Nachahmung und später in ge- 
regelter Form) und der zehnsilbige als epischer gar nichts als lyrischer 
vor dem 16. Jahrhundert (in dem er als Novität und als Endecasilabo 
aus dem Italienischen wieder eingeführt wurde) nur in vereinzelten 
Versuchen und offenbar durch lemosinischen oder galicischen EinfluTs 
vorkommt (vgl. Studien, S. 191 und 412). Die vom Verf. oben er- 
wähnten zehnsilbigen in jenen ältesten Denkmälern, „hervorgegangen 
bald aus Hexametern (!), bald aus Octonarien«, sind wohl eben nur 
rohe Nachahmungen der Alexandriner? — 



J. A. de los Rios, Historia critiea de ia literatara espaflola. 1X7 

dieser verschiedenen Beimweisen anfuhrt^) Im Ganzen stim- 
men wir dieser Darstellung bei; nur halten wir in den meisten 
Fällen die vom Yerf. als leoninisch gereimt g^ehenen Lang- 
zeilen für kurze Reimpaare; auch hätten wir gewünscht, dafs 
er zwei wesentliche, in jenen Denkmälern noch vorkommende 
Merkmale der volksmafsigen Beimweise ausdrucklich hervor- 
gehoben hätte: die Geltung der noch nicht beabsichtigten (un- 
kunstmäisigen) Assonanz als (rohe, unvollkommene) Consonanz; 
und die noch stets, unmittelbare Bindung der Beime. Dafii 
übrigens die mittellateinische Poesie zur Bildung des Beims in 
der romanischen wesentlich beigetragen habe, kann man zu- 
geben, ohne damit in Abrede zu stellen, dafs er der Natur 
einer blos accentuirenden Bhythmik gemäfs sich jedenfalls auch 
organisch hätte entwickeln müssen.^ 



^) Aas dem nOch unbekannten Gedichte „De los Reyes Magos^' 
führt er folgende Verse an, die wir nach seinem Vorgänge als Lang- 
zeilen schreiben, wiewohl sie unserer Ueberzeugung nach paarweise 
gereimte versos de redondilla mayor sind, allerdings in noch ungenauer 
Messung. Es beginnt: 

Dens Criador quäl marauelal | non se qaal es achesta strela: 

Agora primas la e ueida: | poco tiempo a que es nacida. 

Nacido es el Criador, j que es de las gentes Senior , . . 

Non es uerdad, nin s^ qu^ digo: | todo esto non ual uno figo, etc. 
Und dann, als sich die heil, drei Könige dem Herodes vorstellen: 
Key unic es nacido, | ques Senior de terra; 
Qui mandara el seclo | en grand pace sines gnerra. 

— Es assi por vertad? | — Si es, Rey, por caridat. 

— E ouemo lo sabedes, | et aprouado lo anedes? etc. 
Auch die Verse ans der „Vida de Santa Maria Bglpciltoa»' f&hrt 

der Verf. immer paarweise in eme Langzeile vereint an. — S. dagegen 
Studien, S. 432—433. 

Von der Versification der „Cronica rimada del Cid" sagt der Verf. : 
„estriba principalmente en el octonario latino 6 pie de romanoee^* (und 
hierin hat er Recht; Tgl. in der vorigen Anmerkung Durands noch tref- 
fendem Ausspruch). — Und voq der des „Poema del Cid«<: „si bien 
abunda en pies de trece, quince, diez y seis, diez y siete y aun diez 
y ocho siläbas, reconoce por mas oonstante modelo de su versificacion 
el pentdmetro latino'* (!). 

^ Der Verf. polemisirt hier nochmals gegen Hrn. Damas Hinard, 
'!er Sanchez scharf getadelt hatte, weil er in den Versen des Poema 
iel Cid eine Nachahmung des altclassischen elegischen Mafses finden 
trollte; denn unser Verf. — wohl vor allem sein Continuitatsprincip 
m Auge habend — sieht in der unmittel- oder doch mittelbaren Nach- 
"^ildung altclassischer Metren „die einzige Seinsbegründung'' (la nnica 
azon de ser) der castilischen ; — aber wir sind hierin spanischer als 



]Xg Kritische Anzeigen: 

In die Darstellung der tuistUisehen Versification in der 
dritten FhaBe, d. L ihrer kumtma/sigem Ausbildang im 13. und 
14. Jahrhundert^ fahrt uns der Verf. mit folgenden Worten 
ein: „Die Ton den gelehrten Knnstdichtern dieser Phase vor- 
sngsweise begonstigte Form ist die des Pentameters, ohne dafs 
sie die Nachahmung des lateinischen Octonarius deshalb yer- 
worfen hatten; aber sie nahmen bei ihrer Constraction nicht 
mehr die unvollkommene und veränderliche Modulation des 
Gesanges zu ihrer Fuhrerin an, wie es ia jenen Denkmälern 
der vorhergehenden Phase geschehen, sondern schlössen sich 
unmittelbar an die Master der kirchlichen Literatur an, welche 
sich stets befiils, die Tradition derdassischen Kunst zu wahren/^ 

Es genügt wohl zu bemerken , dais hierunter die in dieser 
Phase herrschend gewordene vierzeilige, einreimige Alexandri- 
ner-Strophe gemeint ist, welche die Spanier selbst „versos 
franceses^^ genannt haben; dais aber unser Verfasser, seinem 
Systeme gemäls, die Behauptung zu widerlegen sucht, sie seien 
franzosischen Ursprungs. Er fuhrt als Beispiel zwei Strophen 
von Gonzalo de Berceo an, wovon die eine (Vida de S. Do- 
mingo Nr. 1) die normal-sparUsche, vierzehrisilbige Alexandriner- 
Strophe ist, die andere (Vida de S. Millan Nr. 1) aus drei 
dreizehnsübigen und einem zwolfsilbigen Alexandriner besteht^) 



die Spanier und glauben , wie die Entstehung der Sprache, so auch die 
des Bhythmus und Keims vor allem in der organischen Selbstentwicke- 
lung suchen zu sollen. 

^) Abgesehen von der oben erwähnten Benennung der Alexandriner : 
i^yersos fr^cesef , wofür wir keine ältere Autorität anzufahren wüTs- 
ten, als Luis Alfonao Carvaiio „Cisne de Apolo** (1602), zeigt sich ihre 
Fremdartigkeit im Castilischen schon darin, dafs hier nicht nur das 
normale Mafs, das der Spanier nach den üanos bestimmt dem Genius 
der Sprache gemäfs, dad lieübige^ d. i. mit weiblicher Cäsur und weib- 
lichem Ausgang, wurde, sondern dafs man auch, ganz unrhythmisch, 
beiden Ver&hälften gkitendtn Ausgang gab , also 16silbige Alexandriner 
machte (vgl. Diez, a« a. O. S. 108). — Wie man aber zwischen zolchen 
Versen und dem Pentameter auch nur die entfernteste A^hnlichkeit 
finden kann, begreifen wir nicht. — Vgl. über die verschiedenen Com- 
binationen, des spanischen Alexandriner von 12 bis zu 16 Silben das 
Schema bei Sarmiento, Memorias para la bist, de la poesia y poetas 
esp. p. 189. — Es ist daher natürlich und spricht ferner für unsere 
Ansicht, dafs wie die Spanier nur einmal einen Langvers aus indiyenen 
Bestandtheilen gebildet hatten, die seit dem 14. Jahrhundert üblich ge- 
wordenen Versos de arte mayor, . sie die fremdartigen Alexandriner völlig 
aufgaben (Studien , S. i27). 



J. A. de los Rios, Histori« critica de la literatura espafiola. IXQ 

Er bemerkt daza, dafs Berceo daneben auch den Octonarius 
in der Uebersetzung des Epitaphs auf die heil. Oria und 8 — 
9silbige volksmä/sige (a la manera populär) Verse in dem be- 
icannten Jadenliede gebraucht habe. 

Dann bespricht der Verf. die noch in diese Phase fallende 
knnstmälsigere und reichere Entwickelang in verschiedenen, 
auch lyrischen MaTsen, wie sie yorzüglich durch Alfons X., 
den Infanten Juan Manuel and den Erspriester von Ilita b&> 
wirkt wurde. So habe Alfons X. unter andern auch die versos 
de arte mayor and die endecaeilahos eingeführt, wofür Belege 
aas dessen in galioiacher Sprache gedichteten Cäntigas ange- 
führt werden, wodurch die Anzweifelung der Echtheit der 
ihm zugeschriebenen „Querellas^^ und des poetischen „Tesoro", 
wenn blos deshalb^ weil sie schon in castilischen versos de arte 
mayor abgefafst sind, wegfallt In Bezug aaf den Ursprung 
. derselben kommt der Verf. um so mehr auf seine schon früher 
(in den Estudios bist, polit. y lit sobre los judfos de Espafia, 
p. 352 — 353) gemachte Bemerkung sniruck, dftfs sie mit einer 
sehr früh und sehr häufig im Hebräischen vorkommenden Vers* 
art eine bedeatungsvolle Analogie zeigten, als sie gerade von 
Alfons, der viel mit gelehrten Joden verkehrte, zuerst ange- 
wendet worden wären. ^). Wir berufen uns dagegen auf das 
in den „Studien" (S. 412 — 413 und 427) über den Ursprung 
und die wahre Natur der versos de arte mayor Gesagte. Uebri- 
gens sieht man aus den vom Verf. noch angefahrten Ver- 
gleichen des Nebrija und Endna, von denen der erstere die 
versos de arte mayor den „adonicos doblados^, oder den „tri«- 



^) Der Verf. vertheidigt sich etwas empfindlich gegen den von uns 
(Studien, S. 427) gebrauchten Ausdruck: „gelehrte Grille«, von dieser 
Ableitung oder doch Zusünmenstelluiig ddr „yersos de arte mayor << 
mit den hebräischen Mafsen. Indem wir bedauern, einen leicht zu 
mlfsdeutenden Ausdruck gebraucht zu haben, wollen wir zu unserer 
Entschuldigung anführen, dafs Wir, eben weil wir die Gelehrsamkeit 
des Verfassers sehr hoch anschlagen, doch in dem gegebenen Falle 
bemerken zu müssen glaubten, er sei dadurch verleitet worden, zwi- 
schen einem so durchaus indigenen, organischen Producte, wie die 
„versos de arte mayor«, und dem einer so heterogenen Sprache, wie 
die hebräische, einen Oausalnexus anzunehmen, was uns um so mehr 
unnötbig, gesucht (und in sofern grillenhaft) erschien, als schon Ren- 
gifo, Sarmiento etc. den wahren Ursprung derselben aus der Verdop- 
pelung der volksmäfsigen versos de redondilla menor, und Santillana 
ihre erste Anwendung im Galicischen richtig nachgewiesen haben. 



120 Kritische Anzeigen: 

metros yambicos 6 senarios^S der letztere den „asclepiadeos^ 
ahnlich findet, wozu wir noch Niebahr (Lydia, S. 3 £) an- 
fahren können, der von den Versen eines von ihm aufgefunde- 
nen, wahrscheinlich der letzten Zeit des weströmischen Reichs 
angehorigen gereimten lateinischen Gedichts sagt: „unsere Yers- 
art hat eine so auffallende Aehnlichkeit mit den coplas de arte 
mayor, dafs ein gemeinschaftlicher Ursprung mir unver- 
kennbar scheint ^^, was man alles herausbringen kann, wenn 
man die Gegenstande nicht mit unbefangenem Blicke und ihrer 
Natur gemäfs, sondern von einer vorgefafsten Meinung ge- 
blendet und nach einer angenommenen Schablone, sei sie auch 
di^ altclassische, auffa&t! — 

Dafs Alfons seine galidschen Endecasilabos wohl diesem 
in der Troubadourspoesie herrschenden Mafse (als Dekasyl- 
laben) nachgebildet habe, gibt auch der Verf. zu. Bekanntlich 
fand dieses Versmafs im Castilischen vor dem 16. Jahrhundert 
nur wenig Eingang. 

Ferner zeigt der Verf. an Beispielen aus des Alfons Cän- 
tigas die Anwendung und kuustmäXsigere Ausbildung der echt 
nationalen sechs- und achtsilbigen Redondilien, und zwar 
schon mit überschlagenden Reimen (redondilla encadenada), 
auch siebensilbiger Verse und die Mischung mit Halbversen 
(pie» quebrados). *) 

Dafs diede von Alfons im Galidschen angewandten Rhyth- 
men und noch manche andere, mehr lyrische Mafse und stro- 
phische Combinationen auch im Castilischen schon seit dem 
14. Jahrhundert neben dem „antiguo rimar^S den Alexandriner- 
strophen sich entwickelten und einbürgerten, beweisen die in 
des Infanten Don Juan Manuel Conde Lucanor vorkommen- 
den Versgattungen und noch mehr die Poesien des Erzpriesters 
von Kita, der bekanntlich damit auch beabsichtigte, Proben 

1) Vgl. „Studien«, S. 193; — und Mild y Fontanals, De los Tro- 
Tadores en Espafia, p. 496 — 497, der die in Alfons' Cantigas sich 
zeigende formelle Ausbildung sehr gut charakterisirt: „En cuanto a la 
forma no podemos yev en ella, como se ha supuesto, una derivacion 
de la poesia artistica provenzal (a excepcion de un corto nümer» de 
composiciones, eben der in Dekasyllaben oder nach spanischer Messung 
Hendekasyllaben), ni tampoco el empleo de metros exclusi^amente na- 
cionales, sino mas bien un sistema especial inspirado por las practioas 
de la poesia eclesidstica y de la populär y que generalmente ofrece una 
marcada analogia, aunque no identidad, con la forma posterior de los 
gozos (cantlcos religiosos lirico-narratiTOs).*« 



J. A. de los Bios, Historia critica de Is literatara espaflola. 121 

von allen damals ablieben, oder von ibm selbst eingefnbrten 
oder erfundenen rbjtbmiscben Gombinationen zu geben , wovon 
auch unser Verf. Beispiele mittbeilt und erläutert.^) 

In der vierten „Ilustracion^' sucht der Verf. nachzuweisen, 
daJfs nicht nur die kunst-, sondern auch die volkgmä/sigen, die 
eigentlich nationalen Bhythmen und Formen der castiUscheD 
Poesie, selbst in der*6estalt, wie sie mannichfach modificirt 
auf uns gekommen sind, noch Spuren ihres Zusammenhangs 
mit der lateinischen Poesie genug tragen, um in dieser ihren 
Ursprung und ihre Vorbilder zu sehen (Sobre las formas de 
la poesia populär. Los Romances). ^) 

Der Verf. beseitigt vor allem in dieser Frage nach dem 
Ursprung der Bomanzenform — denn natürlich handelt es sich 
um diese — die, vorzuglich seit Conde, so oft wiederholte 
Behauptung ihrer arabischen Abstammung. Selbst nachdem 
Duran, Dozy u. A. die Haltlosigkeit dieser Behauptung gezeigt 
haben, ist noch immer von Gewicht, auch das Urtheil einer 
solchen Autorität, wie unser Verf., darüber wenigstens summa- 
risch anzuführen. 

Auch unser Verf. erklärt sich nämlich um so mehr gegen 
die Nachahmungen so kunstlicher Formen , wie die der arabi- 
schen Poesie^ durch die Volkssänger jener ersten Zeiten, als 
anch — und das mochten wir besonders betonen — in den 
ihre Lieder „charakterisirenden Ideen, gläubigen und sittlichen 
Ansichten sich kein anderer orientalischer Einflufs zeigt; als 
etwa der der biblischen Schriften^* (tampoco, descubren en las 

*) Leider sind uns von Juan Manuel nur die wenigen versificirten 
Spruche („tJteso«*«, d. i. refranes oder adagios, und nicht „versos*', wie 
Argote de Moliua irrig gelesen und alle Späteren ihm nachdrucktea, 
bis die neue von Qayangos nach allen bekannten Handschriften besorgte 
Ausgabe der Werke des Infanten im 51. Bde. von Ribadeneyra*» Blbl. 
de aut. esp. erschien und diesen Lesefehler berichtigte) am Ende der 
Beispiele im Conde Lucapor erhalten; dessen „Libro de las Cantigas«* 
und „Libro de las reglas del trovar" aber bis jetzt noch nicht wie- 
der aufgefunden worden. — Von den Poesien des Erzpriesters von 
Hita sagt Mild (1. c. p. 512) kurz und treffend: „La obra miscelanea, 
ä lo menoB en su forma» del mismo Arcipreste, nos da pruebas de la 
existencia (por otra parte tan natural), de una antigua poesia lirica 
castellana, que hemos de suponer altamente nacional y populär, no sin 
algun resabio 6 probabilidad de influencia provenzal.**^ 

*) Dieser Excurs ist eine Umarbeitung eines schon im Jahre 1840 
in der Academia Sevillana de Buenas Letras gelesenen „Discurso sobre 
los Romances castellanos*«. 



122 Kritische Anzeigen: 

ideas, creencias y costambres que los caracteman^ mäs direeta 
inflaencia oriental qne la qne legitimamente emanaba de los 
sagrados libros). „ Aber nur", fährt er fort, „wenn man sich 
gegenwartig halt die enge Verbindung zwischen dem spanischen 
Volke und der katholischen Kirche während des letzten Jahr- 
hunderts der westgothiscben Herrschaft; nur wenn man sich 
ins Oedachtnüs ruft, wie die von Peläjo und seinen Nach- 
folgern angeführte Schaar (grey) in die Kirche zieht, um dem 
Ootte ihrer Väter zu danken für die ihr verliehenen Siege 
über das Maurenthum (morisma); nur wenn man die Be- 
ziehungen fest im Auge behält, die wir gelegentlich nachge- 
wiesen haben zwischen den religiösen und den Volksgesängen, 
zugleich berücksichtigend die langsame Entwickeluug der konst- 
mä&igen Formen, sowohl in der lateinisch -kirchlichen als in 
der vulgären Schriftpoesie (vulgär escrita), kann und wird man 
es veimeiden, in neue Widersprüche (wie jene der Arabisten 
und der Parteigänger des provenzalisch-franzosischen Einflusses) 
zu verfallen, und festen Fufses dem gewünschten Ziele zu- 
schreiten." 

Daraus geht wohl zur Genüge hervor, dafs der Verfasser 
dieses „Ziel", die Auffindung des Ursprungs der volksmäisigen 
Formen, ausschliefslich in denen der lateinischen, und be- 
i^nders der lateinisch - kirchlichen Poesie gesucht — und ge- 
funden hat. Er stellt daher als Resultat auf: „Die Grundlage 
der Romanzenform war der lateinische Octonarius, oder jam- 
bische (?) Tetrameter, der, seine Herrschaft theilend mit dem 
Hexameter und dann auch mit dem Pentameter, endlich den 
speciellen und charakteristischen Namen pH de romances er- 
halten hat (d. h. von Nebrijal)." 

Der Verf. beruft sich dann zur Bekräftigung dieser Theorie 
und zur Vergleichung mit der Romanzenform auf die Beispiele 
von solchen Octonarien und Quaternarien, oder 16- und 
8silbigen Versen, die so häuüg in der lateinischen und kirch- 
lichen Poesie, besonders in dem westgothiscben Hymnarium, 
vorkommen, in welchen sich auch schon die den Versen der 
„maestria real" (d. i. der Bedondilien) eigenthümliche rhyth- 
mische Bewegung erkennen läfst (revelando .... el movimiento 
de los metros de maestria real). 

Wir haben schon oben bemerkt, dafs wir die Redondilien, 
namentlich die achtsilbigen in der Romanzenform, für ein 
naturwüchsiges 9 aus dem castilischen Sprachgenius organisch 



J. A. de los Rios, Historia critioa de la literatura espaflola. 123 

entwickeltes Product halten; gestehen aber immerhin der 
Theorie des Verf. einige Berechtigang zu, um so mehr, als 
aaoh er in den accentuirenden Octonarien (nur wurden wir 
die mit troehäi4ehem Fall zur Vergleichung gewählt haben) der 
kirchlichen Lieder die nächsten Vorbilder der Romanzen sieht, 
auf deren Ausbildung jene jedenfalls EinflnÜB gehabt haben 
mögen. ^) 

Völlig aber stimmen wir dem Verf. bei, wenn er die As- 
sonana» (d. i. die ans Roheit noch unvollkommene Consonanz) 
für die ursprüngliche und volksmä/sige Reimweise erklärt (aso- 
nante, forma propia de la poesia vulgär; — consonante, gala 
exclosiva de la erndita que solo por acaso admite ya la aso* 
nancia); wejin er eben die Assonanz für ein Kriterium des 
Alters der Romanzenform erklärt; und es verdient um so 
mehr mit Anerkennung hervoigehoben zu werden, dafs der 
Verf. überhaupt die Volkspoesie als die „erstgeborne Tochter^' 
(hija primogenita) , als die Vorläuferin der Kunstpoesie an- 
sieht, als diese bei uns schon längst nicht mehr bezweifelte 
Ansicht unter den romanischen B^tikern noch keineswegs gang 
und gäbe geworden ist. ^) 

Ebenso waren wir sehr erfreut, durch die Resultate der 



1) Der Verf. sagt selbst in einer Anmerkung (p. 467) und in B«* 
fsng auf das bekannte lateinische Trinklied: „In tabema bibo solas, etc. 
Estos versos, construidos ya, more hispano, manifiestan hasta qu^ punto 
habia desaparecido de -las esfera« populäres la idea de la mosical pro- 
sodia greco-latina, y cömo pudo infloir la poesia eclesiastica, nacida 
para el canto y accentuada conforme a esta ley suprema, en la for- 
maeion de los metros populäres, probando que los octonarios eclesias- 
ticos faeron sin dada el modelo mas directo e inmediato de los ro- 
mances.'^ Und, unserer Ansicht noch näher kommend, p. 471: „Ä la 
verdad, cuando reparamos en la sencillez y espontaneidad de los ro- 
mances, forma po^tica tal vee la mas populär de aquellos dias entre 
cuantas, resistiendo el embate de los siglos, se han trasmitido hasta 
nosotros; cuando consideramos la natural rudeza de sus cultivadores, 
ayunos de toda nocion artistica y de todo aprendizaje escrito, no 
juzgamos desacertado el suponer que aquella no interrumpida enseflanza 
de la Iglesia, trasmitida de padres a hijos, Uega a hacerse connatural 
en el pueblo cristiano, apareciendo en consecuencia la expresada com- 
binacion como /ruto propio de su ingenio, en la estimacion de nuestros 
padres.*< 

^ S. K. B. Discursos leidos ante la Beai Academia Espafiola en 
la recepcion publica del sefior D. Juan Valera^ el dia 16 de mftrzo de 
1862, p. 28—30. 



124 Kritische Anzeigen: 

UntersachoDgen des Yorf. die der unsero (Stadien , S. 443 fL) 
bestätigt zu. finden, indem auch er einen Beweis für die ur- 
sprüngliche Geltang der Assonanz als (nar aas Roheit noch 
onvollkommene) Consonanz darin sieht, dais die ältesten, aas 
dem 15. Jahrhundert stammenden kunstmafsiger an^ebildeten 
Romanzen in der That eine vollkommene Consonanz anstrebten, 
wofür er, aufser den apch von uns citirten Belegstellen von 
Encina and Aionso de Faentes ^), eine sehr merkwürdige aas 
Nebrija'e ans leider anzagänglich gebliebenem sehr seltenen 
Werke: „Arte de la lengua castellana^' (Salamanca, 1492. 
Cap. VI.) anfahrt, die wir deshalb hierher setzen wollen: 
„Naestros majores no eran tan ambiciosos en tassar los con- 
eonantee; y harto les pare9ia qae bastaba la semejanza de las 
vocales, aunque non ee coneiguiesee la de las consonantee. E 
assi fjAZian consonar estas palabras santa, morada, alva, etc., 
como en aqael romance antigao: 

Digas tu, el hermitafio, | que fa9e8 la yida Santa, 
Aqnel ciervo del pie blanco | i donde fa^e su morada? 
Por aqui passo esta noche | ana ora antes del alna. *) 
Der Verf. bemerkt daza^ dafs daher die von den Kunst- 
dichtem* des 16. Jahrhunderts in ihren Romanzen gebrauchte 
Assonanz keine Neuerung, sondern nur eine Wiederherstellung 
der ursprunglichen Formen gewesen sei (no como una faz 
nueva, j si como una restauradon de las indicadas formas); 

^) Der Verf. rügt bei dieser Gelegenheit als einen von uns und 
Dozy begangenen Lesefehler, dafs wir in des Aionso de Faentes „Epis- 
tola*<: „consonantes mal dotados^, statt: „mal dolados^^-y d. i. „no 
limadoB^S „no perfectos" gelesen haben, wie auch in der von ihm 
gebrancbten Ausgabe des „Libro de los cuarenta cantos^S Sevilla, 1550, 
stehe; allein uns .war nur die Ausgabe von Alcala, 1587, zur Hand, 
und wir können versichern, dafs diese ganz deutlich ^^dotados^^ hat, 
was wir keine Veranlassung hatten, zu verbessern, da, wie der Verf. 
selbst sagt, „esta leccion no es enteramente absurda«'. 

*) Dadurch wird zugleich das Alter dieser Romanze von Lanzarote 
festgestellt (s. Primavera y Flor de rom., T. II, Nr. 147, p. 69); — 
Nebrija citirt daraus die beiden ersten Verse nochmals (Cap. VIII), 
aber schon mit, wahrscheinlich von ihm verbesserter Consonanz, wie 
im Canc, de rom,: 

Digas tu, el ermitafio | que hazes la santa vida, 
Aquel ciervo del pi^ blanco | ^d6nde haze su manida? 
Unter den Kunstdichtern des 15. Jahrhunderts, von welchen Romanzen 
sich erhalten haben, nennt der Verf. auch die minder bekannten: Fray 
Ifligo Lopez de Mendoza und Pedro Manuel de Urrea. 



J. A. de los Rios, Historia ciitica de la literatura espafiola. 125 

was ganz richtig ist; nur mufs man dabei hervorheben, dafs 
die Assonanz in den Kanstromanzen sich wesentlich , d. h. 
principiell von jener der Yolksromanzen unterscheidet, indem 
sie in diesen die Stelle einer eigentlichen Consonanz vertrat and 
der Yolksgesang, wie überall^ sich mit dieser rohen, unvoll- 
kommenen begnügte, wahrend die Kunstdichter ahsicktlich die 
Consonanz durch die Assonanz verdrängten und diese ihrem 
Principe gemafs künstlerisch ausbildeten, weil sie die einreimige 
Consonanz zu schwerfallig und für das gebildete Ohr zu lästig 
fanden (vgl. Studien, S. 450). 

Der Verf. theilt aber über die frühere Geltung ^ der As- 
sonanz als Consonanz noch eine wichtige ^ vor ihm nicht be- 
achtete Stelle mit. Nämlich aus dem prosaischen „Libro del 
Tesoro", das auch Alfons X. oder seinem Sohne Sancho lY. 
von Castilien zugeschrieben wird, aber nach Sarmiento (1. c. 
p. 286, Nr. 636) nur eine Uebersetzung von Brünette Latini^s 
gleichnamigem Werke ist; und zwar aus Parte IH, cap. X 
folgende Stelle: „Ca el que bien quiere rimar^ conviene contar 
los puntos et sus dichos en tal manera que sean acordados 
en cuento et que los unos non ajan mäs que los otros: et 
convienele mesurar que las dos postreras sjlabas sean se- 
meiantes, et al menos la vocal de la sylaha que vd ante la 
postrimera; et conviene que contrapasen los acentos et las 
voces, asy que en las simas se acuerden en sus acentos, ca 
magüer que las letras se acuerden, syn facer las sylabas eortas, 
la rima non serd derecha, si el acento desatmerda^^ *) Durch 
diese Stelle wird aber nicht nur die Geltung der Assonanz 
als Consonanz, sondern auch unsere Ansicht (Stadien, S. 444) 
bestätigt, dafs , wie in der Yolkspoesie überhaupt, so auch in 
der spanischen, und namentlich in den Romanzen der Reim, 
oder sein Aequivalent (Assonanz) ursprünglich stumpf oder 

^) Diese Stelle ist um so merkwürdiger, als sie, wie es scheint, in 
der span. Uebertragung eigenthümliche Zusätze enthält; die italienische 
des „Tresor" gibt sie wenigstens bedeutend at)weichend (nach der Aus- 
gabe von Venedig, 1839, 12o., Vol. H, p. 266): „Chfe chi vol bene 
rimare, dee ordinäre le sillabe in tal modo, che e' versi siano accorde- 
voli in numero, e che Tuno non abbia piu che Taltro. Appresso cio 
gli convien misurare le due diretane sillabe del verso, in tal maniera, 
che tutte le lettere delle diretane sillabe sieno simili, ed almeno le 
Yocali della sillaba che va dinanzi alla diretana. Poi li conviene con- 
trappesare la intenzione. Che se tu accordi le lettere e le sillabe per 
rima, e non sia diritto alla intenzione, si discorderä/« 



126 Kritische Anzeigen: 

männlich war, und dafs gerade dies Veranlassung zur spätem, 
kunstmäfsigen Ausbildung der AssonaQz gab. 

Bei dieser Gelegenheit kommt der Verf. nochmals auf eine 
zwischen ihm und uns stattgefundene Controverse zu reden; 
nämlich auf unsere Behauptung: auch in der spanischen volks- 
mäfsigen Poesie fände sich die Bindung einsilbiger mit zwei- 
silbigen stumpfen Reimen oder Assonanzen (mit unbetontem 
Vocal) meist «^ in der zweiten Silbe); daher sei das Verfahren 
einiger Herausgeber der Romanzen^ in diesem Falle auch allen 
einsilbigen stumpfen Reimen, selbst gegen alle Etymologie, ein 
e anzuhängen (von Nebrija e paragogica genannt), eine Ver- 
achtung oder Vericennung dieses Factums, ein Product der 
„WiUkühr oder der Unwissenheit" (vgl. Studien, S. 446—449). 
Dagegen hat der Verf. zuerst Nebrija's Autorität gegen uns 
geltend gemacht und dann in dem Briefwechsel, den wir mit 
ihm über diesen Gegenstand in Folge der Replik in ungern 
„Studien" führten, das Verfahren jener Herausgeber sehr ein- 
gehend vertheidigt und es als ein sprachlich und historisch 
begründetes und daher sehr beachtens- und anerkennenswerthes 
dargestellt, weil: 1) die zweisilbigen weiblichen Ausgänge und 
Bindungen (graves, Uanos) die dem Genius der spanischen 
Sprache gemäfsen und daher die für das Versmafs normalen 
geworden sind; — 2) die Melodien sie fordern; — 3) die 
ältesten Musikschriftsteller, wenn sie solche Volksmelodien auf- 
zeichneten und die Texte beigaben, in dem gegebenen FaUe 
ebenso e paragögiccts darin anbrachten, wie jene Herausgeber; 
— daher 4) zu schliefsen, dafs auch die* Volkssänger selbst 
schon beim Absingen den einsilbigen Bindungen solche e an- 
gehängt haben. Der Verf. hat nun diesen Briefwechsel im 
zweiten Anhange zum vorliegendem Bande abdrucken lassen 
(Sobre las rimas agudas de los antiguos romances populäres), 
und wir fühlen uns dadurch nicht nur hochgeehrt, sondern 
auch sehr erfreut, die Veranlassung zur Bekanntmachung sei- 
ner scharfsinnigen und gelehrten Untersuchungen und zur Mit- 
theilung sehr schätzbaren und seltenen Materials (vorzüglich 
der Romanzenmelodien aus den älteren Musikschriftstellem) 
über einen so interessanten Gegenstand gegeben zu haben. 
Auch bekennen wir gerne, dafs uns seine Gründe bestimmt 
haben, unser hartes Urtheil über das Verfahren jener Heraus- 
geber zurückzunehmen; ja auch wir gestehen ihnen das Lob 
zu, darin einen merkwürdigen Zug der Vortragsweise der 



J. A. de los Rios, Historia critica de la literatnra espafiola. 127 

Romanzen erhalten zu haben, und müssen nun ihrem Verfah- 
ren in sofern Berechtigung zugestehen, als die Melodien dazu 
Veranlassung gaben, die wieder in dem durch den Sprach- 
genius gegebenen Normalmafs begründet waren. ^) Hingegen 
scheint selbst nach des Verfassers Ansicht unsere Behauptung 
aufrecht zu bleiben: dafs die Bindung einsilbiger mit zweisilbi- 
gen stumpfen Reimen stattfand; denn er sagt selbst (p. 613): 
„usaron asonantes graves en correspondencia eon los agudos^'; 
und (p. 615): „esa frecuente mezcla de rimas graves y agudas 
en un mismo romance^^; und ebenda: „el nso de las eee pa- 
ragogicas en los asonantes agudos de las poesias tradicionaies 
principalmente con relacion al canto es un hecho hi8t6rico^^ 
Er weicht nur darin von unserer Ansicht ab^ dafe er, von 
der normal gewordenen und allerdings im Sprachgenius be- 
gründeten Messung nach den graves ausgehend, die agudos 
für eine Anomalie und ihre Verwandlung in graves für eine 
Restauration anzusehen scheint; daher sagt er (p. 616): „En 
el e^emplo de los primitivos poemas de ia poesia castellana, 
donde es por demds freciiente el liso promiscuo de rimas graves 
y agudas en unas mismas tiradas de versos, skndo mas na- 
tural en todos sentidos el que las agudas pasaran d ser graves 
que no el hecho contrario ^^ Und wir stimmen ihm auch 
hierin bei, dais (eben durch den Einfluis d«r Kunstpoesie) die 
einsilbige in die zweisilbige, weibliche oder klingende Bindung 
überging (pasaran), die maisgebende im Spanischen wurde und 
daher, gebraucht man auch blos eiiiailbige, stumpfe Bindungen, 
diese dann im geregelten Versmais als zweisilbig zu gelten 
haben. Hingegen aber sind wir noch immer der Ansicht, dals 
auch im Spanischen, wie in allen romanisofien und germani- 
schen Sprachen, der stumpfe (ein- oder zweisilbige) An- oder 
Einklang die ursprüngliche, wahrhaft volksm^fsige Reimbindung 
war; denn es liegt in der Natur der Sache, dafs das noch 



^) Diez (Grammatik, 2. Aufl., II, S. 159) bemerkt darüber ganz 

richtig: „Das häufige e in der Endung are (cantare), dessen sich die 

alten Romanzen bedienen, ist nur eine ausfüllende musikalische Silbe 

"nd kommt im Innern des Verses nicht vor." Dies gilt natürlich noch 

lel mehr von solch unetymologischen Formen, wie z. B. han-e^ van-e, 

orazon-e, son-e, etc. Doch wollen wir nicht verschweigen, was der 

/erf. mitBocht bemerkt, dafs nämlich im Asturischen (Dialecto Bable) 

ind Galicischen sich viele Worter mit weiblichen Ausgängen erhalten 

laben, die im Castilisch'en nur mit stumpfen sich finden. 



128 Kritische Anzeigen: 

minder fein gebildete Ohr sich anfänglich mit dem Gleich- 
klang des letzt betonten VocaU begnügt ^) , der nicht gestört 
wurde, wenn auch noch eine Silbe darauf folgte, nur mulste 
sie dann eine unbetonte sein, wie eben in den zweisilbigen 
stumpfen Reimen (wenn z. B. auf hochtoniges a oder o eine 
Silbe mit unbetontem e *) folgte). Selbst die oben angeführte 
Stelle ans der spanischen Uebersetzung von Brunetto Latini's 
„Tesoro" scheint, wenn wir sie recht verstanden, gerade 
durch den ihr eigenthümlichen Zusatz unsere Ansicht zu be- 
stätigen und damit eben jene im Spanischen gebräuchlichen 
zweisilbigen stumpfen Reime im Auge gehabt zu haben, indem 
sie ausdrücklich bemerkt: „ca magner que las l^tras se acuer- 
den, syn facer las aylabas cortas (das heifst doch wohl: wenn 
die auf den accentuirten Yocal folgenden Silben nicht kurz, 
oder unbetont gemacht werden?), la rima non serä derecha, 
si el acento desacuerda*^. 

Wir glauben daher, dafs ein kritischer Herausgeber der 
alten Volksromanzen die in den ältesten Drucken derselben 
vorfindliche Mischung ein- und zweisilbiger stumpfer Reime 
beibehalten müsse, weil sich eben darin eine Eigenthümlich- 
keit der ursprunglichen volksmäisigen Reimweise erhalten hat 
(ebenso wie in den alten, auf gleiche Weise gereimten Ge- 
dichten, z. B. in dem von der „Maria Egipciaca^S ein An- 
fügen solcher e unkritisch wäre); wiewohl wir nun in Bezug 
auf das erwähnte Verfahren der späteren Herausgeber dem 
Verf. vollkommen beistimmen, wenn er unsere Gontroverse 
mit folgenden Worten schliefst: „Las eee paragogicas de las 
rimas agudas en los romances y cantares populäres, no son 
fruto de la ignorancia de los editores del siglo XVI, sino 
hijas de la indole especial de la lengua espa&ola (castellana) 
y de la imperiosa necesidad del canto, que sirve de funda- 
mento y norma constante ä la poesia de la muchedumbre/' 



1) Vgl. Wolf, üeber die Laie, S. 171; — Dtez, Altrom. Sprach- 
denkmale, S. 83; — Gaston Paris, 1. c. p. 115 — 116. — Und über die 
Natur dieser stumpfen Ausgänge im Romanischen, Fuchs, Die rem. 
Sprachen, S. 234. 

^ Der Verf. gibt in der Uebersetzung der Stellen aus ansem 
„ Studien <<: „tonlos^* durch: sordo oder gar mudo, statt: durch: no 
acentuadOf durch welches Misverstandnifs er zu Rügen veranlafst wurde, 
die wir nicht verschuldet hatten. Wir haben daher nun vorgezogen, 
statt „tonlos", unbetont zu gebrauchen. 






1 



J. A. de los Rios, Historia critiea de la literatura efpaflola. 129 

Sf hr dankenswertb sind auch die vom Verf. beigegebenen 
Melodien (Tonadas) von Yolksromanzen, wie eie nocb jetzt 
in Astarien, Andalusien, Castilien nnd Catalonien gesnngen 
werden nnd wie sie ihm von den Musikmeistern Saldoni 
and Jos4 Ineenga j Castellanos aufgezeichnet worden sind, 
von denen der letztere seit Jahren sich beschäftigt, eine 
,,Coleccion de cantos j bailes populäres de Espafla" vorzu« 
bereiten. 

Der Verf. geht dann zn den Romamengattungen nach ih-^ 
rem iw^em, besonders stofflichem^ Charakter aber nnd classificirt 
sie, ihrer i^t^fort^e^^n Eutwickelung gemafs, in: Romances kis^ 
t&rieosy oabaUereseos, marisöos, paetorilee y vulgares. Wir ver^ 
weisen auf das in unsern „Studien^* (S. 482) Gesagte, wor^ 
ans sich ergibt, in wiefern wir im Ganzen dieser Eintheilnng 
anstimmen, und beschränken uns hier nur auf Bemerkungen 
über das Einzelne. ^) 

Da, wie Lemoke treffend sagt, die historiaeken Volkslieder 
das erste, unmittelbarste poetische Product einer sich bilden- 
den Nationalität sind, so mufften auch die Romanzen dieser 
Gkittung nicht nur die am frühesten entwickelten, sondern aueh 
die den Nationalobarakter am reinsten aussprechenden sein, 
nnd es prägten sich daher in ihnen, wie unser Verf. mit Recht 
bemerkt, die Grandzüge dieses Charakters, der Unabhängig' 
keitssinn nnd der gläubige Math, vor allen aus (siendo per 
tanto poUiicos y religiosos, como lo era la gran necesidad qne 

los habia creado ponen de resalto, con las costumbres 

de aquellos siglos de hierro, el amor al suelo ä tanta Costa 
defendido, el extrcmado cariilo ä la libertad desastrosamenta 
perdida, y la confianza sin limites en el trionfo de una canaa, 
que tenia ä Dios por bandera y por eifecudo). 

Die Entstehung der Ritterromanzen setzt der Verf. in das 
14. Jahrhundert und glaubt die Ursache dieser spätem Ent- 
stehung und ihrer geringern Verbreitung darin zu ünden, dajts 
das eigentlich feudale Ritterthum in Spanien nie recht Warc»& 

1) Wir ' verweisen auf die for die Yolksdichtang äberhanpt onA 
daher auch für die Romanzenpoesie geltende treffliebe genetisch - b!st6<^ 
rische Entwiokelnng und der gemäfse Kintheilung der Haaplgattttngeik 
in dem ebenso fein- als scharfsinnigen Aufsatse Lerncke*»: „Ueber 
einige bei der Kritik der traditionellen schottischen Balladen zu be- 
obachtende GhPandsätsM'S in dietem ,,Jafarbaefa«<S Bd. IV, besonders 
S. U8 — 157. 

Jahrb. f. rom. u. engl. Lit. V. 1. Q 



J^gQ KritUche Anzeigen: 

fabte und erst in jener Zeit sich einigermeisen nationalisirte. 
Wir sind mit dieser Ansicht einverstanden, nnr mochten wir 
glauben, dafs die Sagen von Karl dem Grolsen and seinen 
Pairs, besonders von deren Kämpfen gegen die spanischea 
Sarazenen, schon viel früher Gegenstand von Volksromansen 
geworden sind, und weniger durch literarische Yermittelung 
als durch mündliche Tradition. Gedenkt doch schon die Cro- 
nicageneral der „Cantares de gesta" — und darunter darf 
man wohl auch Volkaromanzen verstehen (der Verf. vindicirt 
fogar diese Benennung ganz besonders für die historischen 
Romanzen) — von Karl dem Grossen und seiner Sippe, and 
schon der Verfasser des lateinischen Gedichts von der Erobe- 
rung Almerias (1147) und Berceo sprechen von „Roldan^^ 
^ad „Olivero^^ als von allbekannten Helden. ^) 

Ganz mit Stillschweigen hat aber der Verf. anderwärts 
sowohl als hier, wo sie sich am naturlichsten ein- and jeden- 
fSalis den historischen zunächst anreihen, jene Romanzen über- 
gangen, welche sagenhafte Züge aus dem Familienleben der 
hohem Stände und der ritterlichen Gesellschaft zum Gegen- 
stände haben, die, wie Lemcke so treffend nachgewiesen hat, 
der zweiten Entwickelungsstufe der Volksdichtung angehören 
fnd jedenfalls zu den genuinsten zählen. Wir haben sie in 
Ermangelung einer besaern Bezeichnung „novelescos^^ ge- 
nannt und in unsern „ Studien ^^ (S. 503 — 505) charakterisirt 

*) Vgl. „Studien«', S. 485 und 497; — Mild y Fontanala, 1. c. 

509 — 510 Dieser (p. 473) und Helfferich (Entstehung und Geschichte 

des Westgothen- Rechts. Berlin, 1858. S^. S. 378) erwähnen einer Es- 
6brial-Handschrift, worin eine Abhandlung a. f. T.: „Incipit opuscnlum 
rcrerendissimi ac prudentis virl Ildefonsi recordationls alte, Regis Dei 
gratia Roraanorum ac Castelle; de iis que sunt necessaria ad stabilimen- 
tum Castri tempore obsidionis, et fortissime guerre et mnltam vicina", 
upd darin heifst es: „Item sint ibi romancia, et libri gestornm, vide- 
licet Alexandri, Karoli et Rotlandi, et Oliverii, et Verdinio, et de An- 
telimo lo Danter, et de Otonell, et de Bethon, et de Comes de Man- 
latl, et libri magnorum et nobilium bellorum, et prelioram, que facte 
sunt in Hispania*^ — Sollte diese Abhandlung auch nicht von Alfona X. 
^rühren, und sind auch die darin erwähnten „Romaticia*< anbezweifelt 
keine Romanzen, sondern „Romans'« oder Chansons de geste im fran* 
sosiscben Sinne, so ist sie doch alt genug, um für die frühe Verbrei- 
tsDg dieser Sagen in Spanien za zeugen. Auch spricht dafür, dafe 
diese Sagen hier eigentbumliehe, echt nationale Zweige getrieben 
haben, wie von Bemardo del Carpio, Montesino«, Gidmaltos, Gid* 
feros u. s. w. 



J. A. de los RioB, Historia eritie« de 1« literatora aspafioU. 181 

(Daran gibt sie anter der Rabrik: „CaballereiöOft «Quitos y 

varios")-*) ' - 

Unter der Rubrik ^^Ramances morisoos*^ begreift anser 
Vert sowohl die ecbten historischen Yolksromanzen «o» den 
granadischen Grenzkriegen (Romanoes front^aos), als aadi 
die kanstmälsigen im maarischen Costfim (die gewohnlieh so* 
genannten moriscos). Dafs wir die Vereinigung so prineipiM 
heterogener Producte in eine Klasse nicht billigen können, 
haben wir in den „Stndien^^ (S. 519 fT.) ausführlich motivirt; 
and wir wandern uns am so mehr, dafs unser Terf. sie also 
vermengt hat, als schon Durands Vorgang ihn davon hatta 
abhalten können, und als auch historisch nachweisbar fast ein 
Jahrhundert zwischen der Entstehung der fronterizos and der 
Mode der moriscos liegt üebrigens erklart auch der Verf. 
sich mit aller Bestimmtheit in Bezug auf die letsteren gegen 
die Annahme arabischer Originale«^) 

Eine andere Art künsüichen Modeproducts sind die Sehä/er* 
romanzen, durch den EinfluTs der aus Italien stammenden, im 
16. und 17. Jahrhundert auch in Spanien so cultivirten arka- 
dischen Schäferpoesie veranlabt Auch unser Verf. betrachtet 



') Der GT&f.Puymaigre gibt (l. c. T. 11, p. 329—423 und 453 — 
491) eine gute Charakteristik dieser „Romances detach^**, wie er sie 
nennt, nebst einer reichen Auswahl in Uebersetzung und mit vielen 
Parallelen aus der Volkspoesie anderer Nationen. 

<) Wie himmelweit von diesen gemachten Moderomansen die alten 
volksmäfsigen aus den Grenzkriegen verschieden sind» und wie» nad 
warum sich gerade in den letztern der primitive Bildungsprocefs der 
Volksdichtung als historischer erneute, hat Lemcke (a. a. 0. S. 152) treff- 
lich dargestellt: „Vorübergehende analoge Zustande, etwa partielle Nach- 
spiele des grofsen Nationalbildungskampfes können auch wohl später» 
hin noch einen Aufschwang der Stimmung ereeugen, welcher einzelne 
spate Blüthen dieser Gattung treibt, die erfreulich an ihre längst ver- 
welkten Schwestern aus dem Lenze erinnern. So sehen wir z. B. auch 
in der spanischen Volksdichtung, nach langer Unterbrechung durch 
eine sogenannte romantische (besser: nichthistorische) Perlode, den 
echten Volksgesang für einige Zeit in den sogenannten Romances fron* 
terizos wieder aufleben»«^ *^ Ja wir möchten nebst dam gehobenen 
Nationalgefühle durch Granada's Eroberung gerade diesen unmitteU 
barsten Producten desselben, diesen Fronterizos die Wiedereinführung 
der Romanzen in die höhern Kreise, ihre Wiederbeachtung und Cultl- 
virung durch die gelehrten und Kunstdichter zuschreiben, was sich 
eben vom Ende des 15; und Anfang des 16. Jahrhunderts da6rt un4 
ehronologiseh naehweisbar ist 

9* 



1S2 KHtiBck« Anzeigen : 

•ie nüUif diMem Oecdchtspankte nnd hat ihnen wohl nur d<^- 
halb eine besondere Stelle in seiner Classificimng eingeranml 
-» die ii« sonst kaam verdient hatten — , weil er sie 1Ü9 eine 
MäoifeaCationsforai der politisch -socialen Zustande Spameos Ifi 
jenen Zeiten ansieht. £r glaubt nämlich — und diese An- 
sicht ist ihm gewifs eigentbümlich — dafs die damals politisch 
oad religiös geknechteten Spanier sich in dieses fingirte Arka- 
dien gefluchtet hätten 9 nm nnter dieser Maske sich geistig 
freier bewegen und durch den Gegensatz dieser idealen Welt 
ihrem Unmuth ober die realen Zustände Ausdruck geben zu 
können. Der Yerf. unterstützt diese Ansicht durch die seit 
den Coplas de Mingo Bevulgo in . Spanien gebräuchlich ge- 
Y^ordene Anwendung der pastorilen Form zur politischen Sa- 
tire. ,9 Die Bomances pastoriles^S sagt er, „bilden eine Art 
ron Paren&ese in der Geschichte der Volksdichtung, indem 
sie, obgleich auf eine indirecte Weise, den Zustand der 
Küeehtschaft manifestiren , in welche das spanische Yolk ver- 
sunken war." 

Die Absonderung der verschiedenen Gesellschaftsklassen, 
die, so lange die patriotische Begeisterung sie vereinte, nur 
Ein Volk ausmachten, diese Trennung, die sich schon in den 
Schäferromanzen zeigte, erscheint als eine vollendete in denen, 
die mit Recht den Namen der vulgären tragen. Der Verf. 
charakterisirt sehr beredt und treffend diese Gattung oder viel- 
mehr Abart der alten Volksromanzen. So sagt er: „Nachdem 
dem spanischen Volke alle Wege verschlossen waren, die zu 
Macht und Ansehen fahren; beherrscht von dem Fanatismus, 
welcher wissentlich die gewaltthätige Spürkraft der Inquisition 
nährte; gewöhnt an die Scenen voll Schreck und Blut bei den 
Antoa de fe, die sich in den ansehnlichsten Städten der Mon- 
archie so oft wiederholten; ahgetonderi für immer von jener 
Aristokratie^ die grofeentheile aus seinem eigenen Schoo/se her- 
vorgegangen war, brach es den alteh Bund, den es mit ihr 
geschlossen in Mitte der Kämpfe, und in sich selbst sich zu- 
rückziehend, trachtete es nur Innerhalb seiner eigenen Sphäre 
zu leben, und verachtete die Groisthaten der Adeligen, w^ 
es nicht mehr Pathenstelle dabei vertreten durfte. So sein^a, 
den Eindrücken sich hingebenden und irregeleiteten Instincten 
aberlassen, weihte es seine Liebe und seine Zuneigung einem 
andern Gescblechte von Helden, bis dahin der spanischen 
Poesie fremd geblieben; Helden, mit welchen es am Ende 



J^ A. de los Kios, Historia ciitica de la Uteratara espafiola. 138 

derselbe Glaube, dieselben Gefahle und Sitten verbanden; aber 
deren Ursprung die Leichtfertigkeit (liviandad), deren l&r* 
Ziehung das Verbrechen und deren Ende das Schaffot war. 
So entstanden in der Mitte des 17. Jahrhunderts die sogenann«' 
tea Vulgär 'Bomanzen, diese letzte Entartung der historisoheDf 
obgleich, wie diese, bestimmt, den Zustand der spanischen 
Nation zu offenbaren/' — Der Verf. bemerkt dazu, dafs, da 
das spanische Nationaltheater stets in der engsten Verbindung 
mit der Romanzendichtung stand, sich auch der Einflufs dieser 
vulgären darauf geltend machte, wie denn selbst ein so hoch- 
stehender Dichter, wie Calderon, sich dadurch veranlaGst £and, 
Bandoleros zu Helden seiner Comedias zu machen.^) 

Wir können uns begnügen, der fön/ien „Ilustracion: Sobre 
los ßefranes, considerados como elemento del arte. Sa in* 
fluencia en la poesia popular^^ hier blos zu erwähnen, da ihr 
jedenfalls sehr beachtenswerther Inhalt den Lesern dieses 
„Jahrbuchs ^^ ohnehin durch die darin (Bd. II, S. 46 — 81) 
abgedruckte vollständige deutsche Uebersetzung derselben be- 
kannt ist, und ans dem, was wir bei den beiden vorhergehen- 
den Excursen über den Ursprung und die Entwickelung der 
apanischen JRbythmen bemerkten, sich von selbst ergibt, in 
wiefern wir mit der hier grofsentheils nur wiederholten Theorie 
des Verf. darüber einverstanden sind. 

Die sechste und letzte „ Ilustracion^' handelt von dem 
Eirifiasse der Troubadourspoesie auf die älteste castilische (Sobre 
la influencia de los Trovadores provenzales en la primitiva 
poesia castellana). ^) Der Verf. widerlegt mit einem ^o/sen 
Aufwand von Gelehrsamkeit und Beredtsamkeit die von einigen 
italienischen, französischen und selbst spanischen Kritikern 
aufgestellte Behauptung: dafs die castilische Poesie (denn nur 
von dieser bis zur Mitte des 13. Jahrhunderts oder bis zu 
Alfons X. kann hier die Rede sein) sich nach ihrer altern 

1) So vielfach berechtigt auch diese Auffassung der vulgären Ro- 
manzen und der sie veranlassenden Zustände ist, so wird es doch 
gerathen sein, um nicht allzu einseitig zu urtheilen, die von einem 
andern Standpunkte darüber gewonnenen Ansichten Durands un4 Huberts 
da|)ei zu berücksichtigen; vgl. „Studien«, S. 543 — 544. — Unser Verf. 
betrachtet die Zt^et/ner-Romanzen (rom. de germania) nur als Unterart 
der vulgären. 

^ Der Verf. hatte einen grofsen Theil dieses Ezcurses seiner im 
Jahre 1850 gedruckten akademischen Thesis einverleibt: „La poesia 
espafiola no debe su nacimiento a la lemosina«. 



134 Kritische Anzeigen: J. A. de los Rlos, Historia eriUc» etc. 

Sehwester, der provenzalischen, oder genauer der echten ho- 
fischen Troubadonrspoesie gebildet habe; er zeigt, wie grund^ 
▼erschieden diese beiden in Bezog auf Inhalt und Geist sind, 
dafs die Aehulichkeit der Formen sich nur auf die epischen 
beschränke, was aber nur davon herrühre, dafs beide gemein- 
samen Vorbildern, den lateinisch -kirchlichen, namentlich den 
Kirchenprosen hierin gefolgt sind. Auch wir stimmen mit 
diesen Ansichten im Ganzen vollkommen überein, um so mehr, 
als wir stets die echt volksthümliche Grundlage, die Sponta- 
neität und Originalität der castilischen Poesie anerkannt und 
verfochten haben; dem thut auch keinen Abbruch, wenn wir 
in einigen einzelnen Zügen, namentlich in formellen nicht nur 
prbvenzalischen; sondern auch nordfranzosischen Einflufs an- 
nehmbar und nachweisbar finden , und wir sind um so weniger 
besorgt, dadurch eine Ungerechtigkeit zu begehen, oder auf 
einer vorgefafsten Meinung zu beharren , als ein so unbefange- 
ner, gelehrter spanischer Kritiker, wie Hr. Mild y FontanaU 
(1. c. p. 507 sg., wo er ganz dieselbe Frage behandelt), nun 
sich in gleichem Sinne ausgesprochen und dies durch schla- 
gende Belege erhärtet hat. 

Wenn wir aber hierin und in manchen andern Puncten 
dem geehrten Verf. nicht unbedingt beistimmen zu können an- 
verhohlen erklärten, so wird man um so eher an die Auf- 
richtigkeit unserer Anerkennung der grofsen Verdienste des 
Verf. glauben, und unseres Wunsches, dafs es ihm gegönnt 
sein möge, ein Werk zu vollenden , das durch Wichtigkeit und 
Reichthum des Inhalts, Fülle von Gelehrsamkeit und patrio- 
tischen Geist ein wahres Nationalmonument zu werden be- 
stimmt ist 

Ferdinand Wolf. 



Miscelien. 135 

Miscellen. 

Zum Kanfinann von Venedig. 

Oben, Bd. II, S. 330, habe ich das in diesem Schauspiel 
vorkommende Gleichniss von den vier Kästchen and dessen 
muthmafislichen Ursprung besprochen. Hier lasse ich eine 
ähnliche Parabel folgen^ die sich in Westafrika findet und 
von dem Engländer Hutton in seiner Reise nach Aschanti 
(1820) so erzählt wird: „II y a parmi les Achantis une tra- 
dition qui veut que des les premiers jours du monde, Dien 
ait cree trois hommes blancs et trois noirs avec un nombre 
^gal de femmes, et pour que ces crcatures n'eussent point 
lien de se plaindre ä lui dans la suite, ii leur donna le choix 
du bien et du mal. Une grande boite on calebasse fut mise 
ä terre avec un morceau de papier scelle sur un des cot^s. 
Dieu donna d^abord le choix aux noirs; ils prircnt la boite 
s^attendant h y trouver quelque chose de bon, mais en Tou- 
vrant ils n^^^irent qu'un morceau d^or, un morceau de fer 
et plusieurs autres pieces de metaux dont ils ne savaient pas 
Tusage: les blancs ayant ensuite ouvcrt le papier, y apprirent 
tout. Dieu laissa alors les noirs dans les bois; mais il con- 
duisit les blancs an bord de Teau, communiqua avec eux 
chaque nuit, et leur montra a bätir un petit vaisseau qui les 
emporta dans un autre pays (car tout ceci se passe en Afrique), 
et ils en revinVent longtemps apres^'*. S. Albert -Montemont 
Bibliothäque universelle des Yoyages etc. vol. .28, p. 407. 

LSttich. Felix Liebrecht. 

Zum Ossian. 

Das alte Manuscript, dessen ich in meinem Aufsatze: 
„Das Neueste zur Ossian-Frage" (Jahrbuch Bd. II, S. 183 ff.) 
Erwähnung gethan und dessen theilweise Veröffentlichung ich 
für sehr wünschenswerth erklärt hatte, ist jetzt vollständig im 
Druck erschienen, unter dem Titel: The dean of Lismore's 
Book, ö' Selection of Ancient Gaelic Poetry. Translated by the 
Rev. T.iPLauchlan, with an Introduction by W. F. Skene, Esq.; 
Edmonston and Douglas, Der Verfasser hat zuerst die phone- 
tische Orthographie des Mannscripts, ihr gegenüber die jetzige 
Schreibweise des Hochschottischen und endlich eine englische 



138 ^^^^ y FontanaU 

aber wegen des Inhalts sowie der Formen seiner Poesien 
ein besonderes Stndinm verlangt. Deshalb und weil wir 
einen Einfluss von ihm auf die spätere poetische Schule 
nicht bemerken, unterlassen wir es, ihn in diese Au&äh- 
lung oder Uebersicht einzuschliefsen. 

Ehe wir sie beginnen, müssen wir einige häufig ge- 
brauchte Formen anzeigen, die wir in Parenthese anfuh- 
ren werden, wenn sie nicht der mitgetheilte Text an- 
gibt. Die gewohnlichste ist die Octava oder Stanze 
(Strophe) von 8 zehnsöbigen Versen *) (dem italienischen 
oder castflischen Endecasflabo) mit einer Cäsur (pauza) 
und Versaccent auf der vierten Silbe (Leys d'amors 
I, 114 u. 132), indem die welche den letztem auf der 
dritten haben, sehr selten sind. Die Stanze kann sein: 
1° croada (crozada L. A. I, 170 u. 240), nämlich mit die- 
ser Reimstellung: ABBACDDC. UP encadenada (L. A. 
I, 170 u. 238): ABABCDCD. lU«^ mig croada e mig 
encadenada (crotz- encadenada L. A. 1, 240) ABBACDCD. 



Aso ay de lati en romans tomat 

A honor de la Comtesse que' Dens guart 

D' ampuries (1) Marchessa a nom 

£ fo fiyla d' an gran ric hom 

Qui fo vescompte de Cabrera 

£ lexa esta hereteyre 

De Montsoriu e del vescomdat 

Tot qaant avia la laxat. 

De Catalunya porta flor 

D^ensenyament e de valor 

De franquea, de gai parlar, 

D'umilitat crey no a par 

De Deu li plats soven parlar 

Molt deiunar e molt horar. 
Diese „Marchessa«, scheint es, kann keine andere ^ein, als die Toch- 
ter von Pens Vicegrafen von Cabrera und Grafen von Urgel, ver- 
mählt 1243, wann ihr Vater starb, mit 6. de Peralta (Monfar Condes 
de Urgel I, 526). » 

1) Wir wollen für diese Arbeit unser italienisch - spanisches pro- 
sodisches System aufgeben, welches, wie wir glauben, das musika- 
lische Mass des Verses {la medida mmccU) besser feststellt und ausser- 
dem die ungeeignete Anwendung des klassischen Ausdrucks „ Cäsur << 
vermeidet, und wollen die Silben nur bis zur letzten betonten, diese 
eingeschlossen, zählen, nach dem franzosischen System, das allgemei- 
ner angenommen und auch das der Leys d*Amors ist. 



Catalanisohe Dichter. J39 

IV° aperiada la meytcU oder dos (riam) derrera appariats^) 
(crotz- oder CQdena-cai^dada L. A. I^ 242 u. 244), nämlich 
die 4 letzten Verse gepaart. Die verschiedenen Strophen 
können unter sich unabhängig sein: obra solta {rims «m* 
gulara oder cobla amffular L. A. I, 166 u. 212); oder 
2) sie können dieselben Reime in jedem correspondirenden 
Verse aller Strophen wiederholen: uni^nant, (^unüeonan 
L. A. I, 270; oder 3) es wird das Ende jeder Strophe 
mit dem An£Euige^ der folgenden verknüpft: cobla capcau- 
dada (oder capeoada L. A. I, 168, 236), indem der Beim 
des letzten Verses der ersten Strophe in dem ersten der 
zweiten sich wiederholt und so fort: z.B. ABBACDDC — 
CEEC etc., oder auch (ein Fall, welchen die Leys nicht 
vorsehen) ®) die beiden letzten Reime der ersten in den bei- 
den ersten der zweiten, z. B. ABBACDDC— DCCD etc., 
was wir capcaudada von 2 Versen nennen wollen. Es 
gibt Gedichte von einer einzigen Strophe, cobla esparßa 
(L. A. I, 252') und estrampe oder obra estrampay nämlich 
Gedichte von versos sueltoa oder Obres, ohne dafs sie alle cars, 
d. h. von seltnen Ausgängen sind (L. A. 150, 208). Die 
meisten Gedichte haben das Geleit, tomada^ mit dem vom 
Dichter angenommenen Merkzeichen oder Wahlspruch'), 

') Wir wollen uns für alle Reimpaare {pareados) dieses Namens 
bedienen, trotzdem wir ihn bei den Alten nur gebraucht finden, wenn 
die Beimpaare einen Theil einer Strophe bilden, wie im vorliegenden 
Falle. Die L. A. geben den Reimpaaren (aber auch den Reihen von 
3 Monorlmen) den Kamen rima caudats. J. Roig nennt immer noves 
rimades sein Gedicht in Reimpaaren von Viersilblem. 

*) Ebenso wenig ist in den L. A. der Fall vorausgesehen, wenn 
der erste Vers der zweiten Strophe sich mit dem vorletzten der ersten 
reimt (wie in „Tots jorns«* von Jordi), eine Strophe, die wir auch 
capcaudada nennen wollen, trotzdem dafs wir anerkennen, dafs im 
Sinne der L. A. dieser Namen nur gegeben werden soll, wenn die 
Verse welche reimen, unmittelbar auf einander folgen. 

*) In den L. A. senhal; bei J. March divis, eine Bezeichnung, 
die wir adoptiren wollen, obgleich wir die: senyal auch in dem Conort 
Farrer's finden, welcher von den Dichtern, die sich ihm darboten, 
redend, sagt: 

No n'i ach hu qu*ab son senyal 
No-m fos present de conaxen^a 
Si be n'i viu que-us fas creenpa 
Que no'ls conech sino per fama. 

10* 



X40 ^il^ y Fontanals 

gebildet aus dem ersten Hemistich des ersten Verses; 
auch zwei tornadas finden sich (L. A. I, 388) , oder eine 
tomada und endressa (Adresse), ein Ausdruck, welchen 
man erst später, und ohne Zweifel von den Catalanen 
ihn entlehnend, in Toulouse gebrauchte (Joyas del gay 
saber, p. 47, ein Gedicht v. J. 1459). Vgl. auch Bartsch 
im Jahrb. Bd. II, p. 286 - 7. 

Aufser diesen kunstreichen Formen finden sich ziemlich 
häufig auch andre, Tolksthümlichere angewandt. Erstens 
die Reimpaare appariats^ s. die vorige Seite, Anm« 1 (das 
Metrum der provenzalischen Novas^ novo» rimadas^ L. A- 
I, 138, rims eaudatSy ib* 168), von lauter Acht-^), Sechs- 
oder auch Viersilbern ; zweitens andre Reimpaare, in wel- 
chen Vier- und Achtsilber alterniren: AAbBcCdetc, eine 
Form, die sich bei N. de los Pirineos im Anfange des 
XIV. Jahrhunderts findet (Bartsch, P.D. 75, anonym 114; 
Lunel de Monteg oder Moncog 1326) und die in der 
catalanischen Poesie zu allen Zeiten angewandt ist; man 
gibt ihr den Namen eodolada^ analog, wie man sieht, den 

Töulousisohen Bezeichnungen *). Drittens -folgen mitunter 

... — i — . — » , . ■ ' " ' 

1) Trotz des Vorgangs der lateinischen Volkspoesie und des sehr 
singbaren Charakters des Verses von 7 Silben (des castilischen Acht- 
silblers), zogen die Sprachen von Oil und Qc, die so reich an beton- 
ten Endungen (männlichen Ausgängen) waren, im Allgemeinen unter 
den kurzen Versen den Achtsilbler und auch den Sechs- und den Vier- 
silbler vor (der letztere meist als der gebrochene Vers des Achtsilblers), 
alle von jambischem Rhythmus. Dennoch pflegten die toulousischen 
und catalanischen Tanzlieder (danzas) den Siebensilbler anzuwenden. 

2) Von coda (cauda oder coa). Vielleicht wandte man ursprüng- 
lich die Bezeichnung auf alle Reimpaare an, auch von gleichen Ver- 
sen (vgl. rims caudats L. A.). Als Beispiele von codoladas können 
wir aus demselben XIV. Jahrhundert einige disparate Verse (versos 
diaparatados) anführen, welche sich unvollständig finden (im Verein 
mit den beiden Gedichten von maritimen Inhalt, von welchen wir so- 
gleich Nachricht geben) , darunter die folgenden : • 

Qui-m donas .1. caderniu 

Ab escabeix 
Nom plaguera tant, fe que-us deig 

Com .1. molto. 
Gran plaser m'avench sela saho . 

Si que la mar 
Snbraxia, vaien puyar 

Tro al tinel etc. 



Catalwiisclie Dichter. 141 

dem kurzen Verse zwei andre lange mit demselben Reime : 
AAbBBcCCd etc., eine Form, welche wir mit dem Namen 
y^cadolada von zwei langen Versen" bezeichnen wollen 
und die schon fast vollständig ein Gedicht des alten Trou- 
badour E. Miraval (Bartsch, P. D. 128) ^ zeigt; endlich 
viertens findet sich noch eine andre Form, in der der 
langen Verse 3 sind: AAAbBBBcCCCd etc. *) 

Aus dem XY. Jahrhundert aber das Testament von Serradell, einige 
theils religiöse, theils satirische Verse, welche mit dem vorausgehen- 
den in einem Manuscript der Bibliothek von Barcelona sich befinden, 
und viele andre in den Kunstpoesien zerstreute Beispiele. Aus dem 
Beginne des XYI. Jahrhunderts , aufser den , welche der vorigen Klasse 
angehören, eine Erzählung von den Kriegen der Gemeinden (comuni- 
dades) von Mallorca. Ferner von ungewisser 2^eit „Lo Uibre del ven- 
turos pel^gri«* (eine allegorische Eeise), und die „Relacio de la vida 
dels pastors" welche der gedruckten Volkspoesie angehören. Es fin- 
det sich auch eine lange Codolada in dem „Entrem^s d'£N! Lldrens 
mal casadis^S gedimckt 1853 in Mallorc», wo noch immer die Ahiai^- 
Ting von Poesien in dieser Form sehr volksthümlich ist. -^ Verschie- 
den von der wahren Volkspoesie, welche mit Bestimmtheit die musi- 
kalischen Perioden markirt, trennen in diesen Werken (wie es auch 
bei vielen Reimpaaren von gleichen Versen der Fall ist, übrigen» »loht 
bei allen , noch bei den ältesten) die Sinnpaust»! in der Begel die beiden 
reimenden Verse, was sich nicht für eine gesungene üfichtung pafst, wohl 
aber für eine recitirte und von einem der Conversation ähnlichen Tan. 
1) Diese Form eignet sich für die elegische Poesie und man hat 
auch eine Aehnlichkeit zwischen ihr und der von J. Manrique gebrauch- 
ten Copla finden wollen; in dieser ist aber die Ordnung natürlicher 
und zugleich musikalischer, auch läfst sie die Strophen getrennt: 
ABcABc etc. 
*) Diese Form pafst für die Dichtungen von feierlichem und doc- 
trinärem Ton (de sono solemne y doctrinal), S. ein Beispiel (worin die 
gröfseren Verse unregelmafsi^ sind) : Aquest libre s*apella medicina del 
cor; 90 es de la ira e de la paciencia . . . Aquest servens conte en 
sententia tot lo libre de la ira dit desi atras: 

tu xstia qui est ven^ut de la ira 

En aquest servents e libre mira 

Quants m»ls tal vici en lo cor tira 
Ardidament. 

De tot mal la ira es fonament etc. 
Servents qui cont^ en sententia tot lo libre de la paciencia: 

Qui völ apendre de faaver paciencia " ' 

De aquest tractat mir be la senteäcia 

Demostra sa bondat e exellencia 
E sa valor. 

Aquesta vertut fa Tom rey e senyor etc. 



142 ^^^^ y PontanaU 

BttDOn Muntaner. 
Der mit Recht berühmte , ivenn auch mehr poesie- 
Yoile als sorgfaltige Chronist Muntaner sandte im Jahre 
1323, als der Konig D. Jaime Q. und die Infimten, seine 
Sohne, die Vorbereitungen zu dem Zuge gegen Sardinien 
und Corsica trafen, ihnen durch Yermittelung des Juglar 
Comi (cap. CCLXXI u. II) einige Rathschläge in einrei- 
migen Strophen von 20 Alexandrinern (die letzte weist 
solche auf, wie wir sie in unsrer alten Poesie kennen), 
von welchen der zweite sagt: 

En son de Gui NantuU faray «i- bell serxno. 

Der Infiuit EH Pere. 
Derselbe Chronist erzählt uns, dafs bei der Krönung 
Alfons^ m., des Sohns und Nachfolgers Jaime^s IL., 1327, 
sein Bruder, der Infant D. Pedro (1304—80) die Feier- 
lichkeit durch verschiedene Poesien erhöhte, die er ver- 
Mst. „E lo senyor infant en Pere, ab dos nobles qui 
ab eil se tenien ma per ma e eil el mig, veng primera- 
ment cantant una danpa novella que eil hach feyta^ e tots 
aquells (doce nobles) qui aportaven lo menjar responien 
li a cascun menjar que portd deya una danpa*) no- 



Man findet dieselbe Form in den Vaticinio8 von B. Mogoda (wie 
man annimmt aus dem 13. Jahrhundert.), worin die groXseren Verse 
Sechssilbler. In den Sentenciaa des Turmeda ist der gröfsere Vers un- 
regelmäfsig, aber öfters von 8 Silben; der kleinere Vers ist frei. — 
Die Form der citirten Serventa des Pseudo-Mogoda ist strenggenommen 
capcaudada und hat einige Analogie mit der einiger provenzalischen 
Dichtungen, wie der des Chastel cfAmor^ deren wir alsbald gedenken 
werden. 

1) Von dieser Klasse der Ronstdichtung, bei welcher man so scharf 
ausgeprägt den volksthümlichen Ursprung sieht, bietet die provenzalische 
Poesie manche Beispiele dar , wie die verschiedenen von Bartsch (Prov. 
Leseb. u. Denkm.) gesammelten und einige andre. In den L. A. hat 
die danza eine sehr bestimmte Form (welche sich schon in einigen der 
provenzalischen findet): die Verse dürfen nicht 9 Silben überschreiten; 
es gibt respos (tema oder semi-estancia inicial)» drei Strophen und 
Tornada. Die ersten Verse aller ßtrophen müssen von ein und dem- 
selben compds sein und die letzten mit dem tema und der tornada reimen. 
Es findet also eine Widerholung der Eeime nur am Ende der Strophen 
statt und nicht mit Nothwendigkeit ein wahres estribillo (L. A. I, 340, 
198 , 296, 548). Von dieser Klasse sind die 8 Danzas d'amor de Nos- 



Catalaniche Dichter. X4g 

vella qu'ell mateix havia ftiita. (öap. COXCVIU) 

£ com foren tuyt assegul«, EN Romaset jutglar cania 
ahes vens un serventesch *) davant lo senyor rey novel 
qn'el senyor infant EN Piere hach feyt a honor del dit 
senyor rey : e la sentencia del dit serventesoh era aytal, 
qu'el dit senyor infant li dix en aqnell, que significava 
la Corona e el pom e la yerga, e segons la sigiüfican^a, 
lo senyor rey qne debia fer>^ Das serventeioh besagte nach 
Mnntaner, dafs die Krone durch ihre Rnndang Gott be- 
deute, der auch nicht Anfang und Ende habe, und dais 
mit ihr der Fürst die Krone der himmlischen Glorie ge- 
"vnnnen sollte; das Scepter (vara) aber bedeute, weil es 



trs Dama, welche sich in den Joyas del Gay Saber finden, alle Ton 
Versen von 7 Silben und in dieser Ordnung: ABABCDCDAB etc. und 
eine catalanische (obgleich von 4 Strophen) vielleicht aus dem Ende 
des XnL oder dem Anfange des XIV. Jahrhunderts. 
Resp6s. Flor de lir, Verge Maria 

Xantaray fort de bon cor 

Vostre laus ab alegria. 
1^ estancia. Verge de gran alegran^ 

Can rängel del Salvador 

Vo8 aportet salndan^ 

De Dien qui es payre e senyor 

Don conceb^s sens feania 

Veray sol de gran claror 

Poder6s sens maestria. 
Tomada. Per nos pregau, Verge pia, 

Vostre fiU lo Salvador 

Que-ns meta en bona via. 
In den danzas des Infanten £N Pere sieht man,' dafs das reapos 
(vielleicht ein estribillo) im Chor gesungen wurde. Mit estribillo oder 
nur mit der Gorrespondens der Reime werden wir modernere catalanir 
sehe Beispiele finden. Mit der Form der alten danzas bieten vielfache 
Aehnlichkeit die castilischen Letrillas und Villancicos und vor allem un- 
sere Goigs (Gozos : lyrisch erzählende Gedichte) dar. In den letzteren hat 
sich noch mit ihrem eignen Namen die Tomada erhalten. Mit,unter hat 
die Strophe diese Ordnung, welche ihre beiden Theile verknüpft: 

CDDCCBBA. 
^) Nach dem, was aus den Worten des Chronisten geschloäHen 
werden kann, durfte man dem Namen serventesch hier nicht die klassisch. 
provMizalisehe Bedeutung geben, sondern eine andre, volksmäfsigere und 
weitere. Das vorher citirte Servents ist auch von moralischem Inhalt 
(vgl. £. du Meril, Jahrbuch I, 9). Später werden wir jenen Namen 
einem Gedicht von Puig in Form einer danza gegeben finden. 



J44 ^^* y PontaDsls 

gerad und fest sei, die Gerechtigkeit, und der Apfel, den 
der Konig in der Hand trüge, die Reiche, die er mit 
Wahrhaftigkeit, Gerechtigkeit und Milde regieren sollte. 
„E apr^s com lo dit Romaset hach dit 16 dit serventesch, 
EN Com! dix una canso novella que hach feyta lo dit 
senyor infant EN Pere e per 90 com EN Coml canta 
mills que null hom de Catalunya donala a eil que la cantas. 
E com la hach cantada, callä e Ueva-s EN Növellet 
jutglar e dix en parlant DCC versos rimats^) qu'el dit 
infant en Pere haviä novellament feyts. E ia tenso e el 
regiment öot© tot al regiment*) qu'el dit senyor deu fer 
a la hordinaciö de la sua cort e de tots los seus offidals 
(cap CCXCVIII)." 

Der König EN Pere. 

Von dem Konige D. Pedro IV. (R. 1335—87) el 
ceremonioso oder el del punyalet^ welcher in seiner Ju- 
gend, wie es scheint, Liebesgedichte verfafste (D'amor 
no xant axl com far solia) sind uns die folgenden Dich- 
tungen erhalten: 

I. Arch. Ar. Sig. secr. 129. Cobles fetes per lo 
senyor Rey. Vetlan ^1 lit suy'n un penser cazut. — 
Zwei „estancias croadas unifonants'' mit regelmafsiger 
tornaday obgleich es nicht der Titel besagt. Rathschläge 
für die, welche den Ritterschlag empfangen wollen, von 
wem und wo sie ihn nehmen sollen. Er schrieb dies Ge- 
dicht schon im Alter (me trop en anys avant empes), 

II. Ib. 133. Mon car fill per sent Anthoni. — 
17 Verse in .volksmäfsiger Weise (de tono vulgär)^ alle 
in oni oder in at^ im Jahr 1379 an seinen Sohö D. Juan 
gesandt, ihn wegen seiner Vermählung mit t)* Violante 
de Bar tadelnd.^) 



1) Es mochten Keimpaare (pareados), novas rimadas, sein, eine 
Poesie, auf welche man einen specielleren and ehrenvolleren Namen 
nicht anwenden konnte. 

^ Diese Stelle ist (lunkel und gibt keine Aufklärung über den 
Inhalt der canso. Steht temo- hier für raao^ 

*) Es gehören auch in diese Regierung die Verse, welche der Pfau 
(pavo real) bei dem Bankette zur Krönwiigsfeier der D* Sibila mit- 



CslalaniBche Dichter. X45 

Währesd dieser Kegiertmg beginnt str^ig genommen 
die Schiüe unsrer secundären Troubadours (trovadorea 
seoundarios)^ welche man catalano-lemosinische nennen 
kann, wdl der Grund ihrer Sprache zwar catalanisch ist, 
sie sich aber bemühten (ohne Zweifel um ihren Dich- 
tnngea duen mehr literariöohen Charakter zu gehen), 
häufig Lemosinismen (Provenzalismen) ^) anzuwenden, -r- 
Während dieser Regierung wurden 1356 in Toulouse 
Ton Molinier die Leya d'amora yerfafst^ von denen man 
in Catdloni^i eine Abschrift erhielt, femer das Compen- 
dium eines Theils von ihnai von Castellnou, dem In- 
fanten EN Pere, Onkel des Königs^ den wir als Dichter 
kennien lernten, gewidmet; der Dictionari des J. March, 
die Glosa des Castellnou oder Verbesserungen zu dem 
Dootrinal in Versen des Bamon Comet, gewidmet dem 
Dalmau de Bocabert^, und vielleicht noch andre Abhand- 
lungen, wovon sich Nachricht erhalten. Von da an seh^i 
wir die von der Toulouser Schule bevorzugten metri- 
schen Formen gebraucht, einen wissenschaftlichen und 
fast mechanischen Bau des Satzes und de» Verses^ und 
Bezeichnungen entlehnt dem Buche des Molinier. 

Hessen ^) Jacme March. 
Die ältesten Personen diese(\ Namens, die wir in der 
Geschiphte kennen lernen, . sind Pedro und Berenguer, 

brachte, und welche aufforderten, ritterliche Wunsche nach' der Sitte: 
De leB gratis corts d^Inglaterra e de Fransa darzubringen (s. meinen 
Aufsatz: De sJgunas re^resentaciones catalanas, in der Mevista 4e Ca^ 
taluna, Tomo 11, p. 72). 

^) Wie heu oder eu (wenn es sich auch einmal in catalanischer 
Prosa findet , so ist es eine Ausnahme) ; jo oder yo — aycel : aquel oder 
aguell; — ley: ella; — Dteu: Deu; — mayre: mare; — Peyre: Pere; — 
mi-dons oder mi dona: ma dona; — razo: raho; — plazer: piaer; — 
guazanyar: guanyar ; — croiz: creu; — seser: seure; — layre: ladre; — 
provechj amech (im Catalani sehen findet sich caechj stech und einige 
andere): |)roüa, ama; — vey.veig; — emisom; — pauch (i^roY. pauc): 
poch etc., der Gebrauch des euphonischen z und die Anfügung des » 
an Nomina im Singular, obwohl zuweilen unrichtigerwöise in den Casi- 
bus obliquis. 

2) Massen^ wofür sich auch Mosen findet, Contraction von Monsenyer, 
ein Titel, welchen man damals den Rittern gab, der spater aber weiter 
ausgedehnt wurde und zuiftzt sich auf die Geistlichen beschränkte. 



146 ^^1^ y Fontanals 

die den König D. Jaime auf seinen Kriegen gegen die 
Moren von Valencia begleiteten, wo sie mit Erbgatem 
bedacht wurden (Ribera: Prim. cent dellnst. de la Merced, 
p. 533). Ihre Nachfolger müssen die theils catalanischen, 
theils Valencianischen ^) Dichter dieses Namens sein. Der 
Dichter Jacme Maroh kann nicht der ,Sr. de Alampmnä 
(Eramprunya) sein, welcher so besondre Auszeichnungen 
von D. Pedro IV. erhielt und eine Erzählung von seinem 
Ritterschlage schrieb, denn er war 1376 gestorben (Id. 
20 u. 534, Peliu: Anales II, 272). Es wird vielmehr der 
Ritter (vielleicht der Sohn und Nachfolger des vorigen) 
der Waffenträger (ugier de armas) desselben Königs sein, 
der ihn 1378 mit königlichen Auftr%en (reffios negociados) 
nach Mallorca sandte, oder auch (wenn es nicht derselbe 
ist) das Mitglied des in Barcelona residirenden perma- 
nenten ständischen Ausschusses Cataloniens ^, als dessen 
Schuldner für eine gewisse Summe der Konig D. Martin 
sich erkennt (Torres Amat), und der in demselben Jahre 
starb (Fei. II, 342). Von diesem Ritter oder von einem 
der beiden andern konnte die Ghaillermina d^Esplugues 
die Gemahlin sein, welche als Wittwe 1400 starb und 
in einem Kloster von Valencia begraben wurde (Fuster). 
Es ist nicht glaublich, dafs ein andrer Ritter desselben 
Namens, Vertreter des Ritter -Armes auf den Cortes von 
1413 (Compromiso Caspe III, 107), der Dichter wäre. 
Wie dem auch sei, dieser lebte 1371, in welchem Jahre 
er den Dictionari verfafste, und 1393, wo D. Juan I. ihn 
und Luis de Aversö zu Magiatros et Defemores (maestros 



1) Ohne die geringste Bedeutung iler Frage beizulegen, behaupten 
wir, dafs Auzias unzweifelhaft Valencianer war, Pere sein Vater scheint 
es zu sein; Jacme scheint mehr wohl ein Catalane, von Amau aber 
wissen wir nichts. Zur Zeit des Gil Polo (Canto del Turia in der 
Diana) galten alle schon für Valencianer. Gerda y Eico, in den An- 
merkungen zur Diana p. 291, will sogar die catalanische Abkunft der 
Familie leugnen, indem er sagt, aus dem Bepartimiento de Valencia 
erhelle, dafs die Marchs aus Jaca stammten. In dem Rep. (Doc. 
Arch. Ar. XI, 156) finden wir i. J. 1237 unter den Leuten Yon Jaca 
einen J. de Mar^ (sie) 

^ „General de Catalufla'S s. darüber Obert, Quellenforsch. aus 
der Geschichte Spaniens, p. 87. • D. Üebers. 



CataUnisehe Dichter. X47 

mantenedores) der Qaya Gieneia ernannte, damit man ver- 
mittelst der letztem in Barcelona jährlich das Fest der 
.Jungfrau Maria im Monat März feierte. ^) 

I. C. P.2) 128. (Strophen von 10 Versen: 4 croats, 
2 appariats, 4 croats, uni9onants) Jacme March, cobles 
de fortuna. 

1. Qaant heu cussir*) | en los fets mtmdanaU, 
Totes les gents | vey regir per fortuna, 
Segons lo cors | del sol e de la lnna: 
Les plenetes | fiin obres diyinals 



^) Arch. Ar. Div. 3 Joan I und auch T. A. jedoch mit dem MiTs- 
verstandnifs : Marti für Marchu Die Ernennung erfolgte auf das Ge- 
such der beiden Dichter : supplicantibus nolns . . . vobis . . . Jacobo Mar- 
chi milite et Ludovico de Averceno cive Barchinone. Von Aversö kennt 
man nichts weiter als den „Torcimany del Qt^y Saber«'. Er mnfs der 
„honorable EN Luis de Aversö eiutada de Barcelona« sein, von dem 
Parlament dieser Stadt 1410 ernannt, die Edicte (bandos) von L^rida zu 
recognosciren, und der 1411 „missatger** desselben Parlaments bei den 
Jurados und dem Consejo general von Mallorca war (Compromiso Caspe 
I, 248—345; H, 199; HI, 69). 

*) Can^oner de Paris. Auszüge von Tastu, ver^entlicht von Torres 
Amat und später von Ochoa. In den kurzen Fragmenten und den 
Varianten, die wir copiren, werden wir das Blatt (foiio) nach Tastd 
anzeigen und seiner Lesart folgen, indem wir nur die offenbaren Irr- 
thümer corrigiren. 

S) Cu88ir für cosHr (considero). Nach der (Ton uns an einem 
andern Orte festgestellten) Regel der mitunter eigenthümlichen Aus- 
sprache Cataloniens tritt das a an die Stelle des e und das u an die 
des o in den unbetonten Silben. Dieser Gebranch infiairte auf die 
Handschriften: axir für «xtr, daver für dever, matrete für metretz und 
so sehr viele andere; « für Ao (hoc), wovon man auch im Provenzalischen 
ein Beispiel findet, cusair für couir und manches andre. Dies brachte 
Unsicherheit namentlicfa im Gebrauche des a und des e hervor, und 
man schrieb in das entgegengesetzte Extrem verfallend mitunter e wo 
man a setzen mulste: pertit für partitf ebrieh für cUfrich, eytal für aytcU, 
me für ma etc. — Ebenso rief die Unterdrückung des r in Wörtern, 
in welchen der claesische Gebrauch es forderte, z. B. smyoe iür genyors, 
durch dae natürliche Reaction den Gebrauch hervor, es mitunter da 
zu setzen , wo es nicht stehen durfte ; cars für c<u (von ctuaus)^ predor» 
fax precios (von preiiosus). Jedoch diese und andre Anomalien, wie U 
für /: leyall für leyal, cabaü für cabal (sp. caudal; nicht mit cavall: 
caballo zu verwechseln), und der capriciöse Gebrauch des « bei den 
Nominibus des Singular müssen den Abschreibern vielleicht mehr als 
den Dichtern zur Last gelegt werden. 



148 ^i^^ y Fontanals 

Ffass^n^) lar prou | o lor dan a vegades, 

Axi qne *1 mon | es pertit per jornades. 

Mas Deu no vol | Tarma sia sotmesa 

Fforeivolment | aytal astre segnir *) , 

Ans la raho | pot e den ben regir 

Lo cors , don han | entre si grau comptesa. ^ 

Aber in der Welt entsprechen das Glück und das 
,IIeil nicht dem Verdienst. 

E sino fos I com dins mon cor m'albir 
Qu'atre mon^ es | mellor per avenir , 
Hagre del tot | la mi' arma malmesa. ^) 

Also darum, Freunde, bekämpft das Schicksal, liebt 
die Freunde und dienet Gott. — Es sind zwei Tomadas. 

1. Dens en cuy es | tota virtuts compresa 

E s^) ha format | los als (cels?) e'ls fa irogir.*) 
Pot si li play | astre mal convertir 
E tot affan | tornar en gran bonesa. , 

2. Columba pros | supliquem la nautesca') 
De Deu que-ns gaart | d'arrar e de fallir 
Volent nos aut | en lo cel acullir 

Qu'es guauigS) sens fi | e complida riquesa. 

II. M. 5. Bibl. Colomb. (Cerdä notas al GU Polo). 
Libre de concordances, de rims e concordans, apel- 
lat Dictionari, e primerament tracta de les vocals, e apres 
de les müdes segnen Forden (?) del A. B. C. 

1) Wir setzen den Accent bei den Wörtern, welche den Ton auf ^ 
der letzten Silbe haben und in einen Vocal, 8. oder n eines Verbam 
endigen , und bei denen, welche den Ton auf der Yorletzten haben und 
in einen Consonanten endigen, der kein s oder n eines Verbum ist. 

2) Die Planeten machen göttliche Werke, indem sie mitunter ihren 
(der Menschen) Nutzen, mitunter ihren Schaden Tcrursachen, so d&fs 
die Welt in gute und böse Tage zerfällt; aber ißott will nicht, daCs 
die Seele gewaltsam dem unterworfen ist, einem gewissen (d. h. eiii;em 
bestimmten) Gestirne zu folgen. 

«) contienda, lucha. 

*) hubiera echado a perder, destrozado mi alma. 

^) Das 9 kann drei Geltungen haben: s suelta = euphonischem x^ 
ohne Bedeutung; -s = reflexivem se; 's = es, 3. Person Sing. Ind. 
von esser. 

*) dar vueltas. Vogit ist noch immer eine Art von Achse, ein 
Stuck der Maschinen, welches dreht (da vueltas). 

^ altura, prov. nauteza. 

^ guauig (T. A. guanig), guaig, gaug, goig: gozo. 



Catalanische Dichter. J49 

Presentaciö e Prolec del libre de concordances apel- 
lat Dictionari, ordenat per EN Jacme Marc a instancia 
del molt alt e poderos Senyor EN Pere per la gracia de 
Deu Rey Daragö: e feu (1. fon) fet en lany M. CCC. LXXI. 

(Appariats.) 
Den e raho ha mos cinch senys forzats, 
E mon Senyor, a cuy me son donats, 
Qu'al siey senrir, cullirs (1. oallis) de töts los sims 
A flor a flor concordances de rims, 
E qu'en fases de tot an exemplari, 
Lo qnal compost a nom Dictionari. 
Pero no yuU que s a mi Jacme Marc 
Sia notat, que de tot fay-me carch: 
Car ja d'altres n'avien molt tractat, 
Mas al meu seny yo The mes ampliat, 
E diviset, seguint la dretxa via 
Del A. B. C. si com far se devia; 
E tot primer e (es?) le (lo?) comensaments, 
Yocals, fioaU e müdes precedents, 
Puix es apres de les müdes finals. 
Mas del comenz del libre perqn'es tals 
VuU que sapia la rahö mon Senyor. 

L'Esprit (1. Esperit) Sant que (qu'es ?) ych ^) per nostra honor, 
Qui-s Yolch mostrar en semblant de colomba^ 
Auzell sueu (suau?) e pur ab blanca plomba, 
Beneslra sil play nostres dictats, 
Si que per tuyt ne sera mays presats,- 
£ mais grasits, car sens Den nuUa re 
No podem far qui fenescha en be. 
La altra raho ^) es per dret de natura. 
Colomba es auzell de molt gran cura 
De SOS pach- (1. pauchs) fills, que fort soven noyrex, 
Si que'n breu temps son linatge molt crez. 



1) ycA, obgleich man ihm sonst auch begegnet, halten wir für 
einen Latinismus = hie; ebenso wie wir später nunquam finden und 
noch adhuc sagen. 

^ Wie schon Gerda vermuthet hat, mnfs sich in dem Codex eine 
Tau6e gemalt finden. 

*) Der Dichter gibt drei Gründe dafür an , das Emblem der Taube 
gewählt zu haben; der erste ist ein religiöser, der zweite der natürlichen 
Fruchtbarkeit der Taube entnommen, der Vervielfältigung der Reime 
vergleichbar, womit das Dictionari vermehrt werden konnte, und der 
dritte, da das Wort Colomba das divia ist, welches derselbe Dichter in 
seinen Gedichten (wie wir in der That in dem vorausgehenden sehen) 
gebraucht und das er so lange er lebt, zu gebrauchen beabsichtigt. 



150 ^^^^ y Pontanals 

Aquest dictst, si hom be 8i apriina>), 

Fora cr^zer axi de rima en rima 

Car tot sauber no cap en una testa, 

Segons que trob en una ley *) que'y (1. qu'ey) lesta : 

Perqu^ aycells qni aso leg^ran, 

E mais de'rims de aquets trobaran, 

No repten mi, si be no'ls he tots vists 

Car Dens es sols qui s en tots faits avists ^. 

Enapr^s dich que la colomba y mis 

Per zo com es aquest lo meu divis, 

Que tinch ai cor e als pits a vegades: 

Et enquer mays que (qu'en?) les mies tornades 

De mos dictats sapiats que no-m oblida, 

Ne fara may tan cant sia ma vida. 

Per zo, Senyor, que tots tems que lijats 

Aquets dictats, de me siats memhrats, 

Qui-us suy de cor hnmil en vos servir. 

Dens prech que-m (1. qne-us) larg en tot fayets 

(1. fayts) a venir 
Tot en axi com vostre cor desira, 
Ab salut gran y engrat (e-us gart?) de mal e d'ira, 
E-us do honor de vostres enemis. 
Et en apr^s cent anys en paradis. 

lu demselben Werk gibt er als Beispiele drei Stro- 
phen; eine von ihnen, die ein Beispiel von einer cobla 
derivativa sein soll und verschieden von denen, welche 
die L. A. (I, 186, 274) geben, ist, lautet also*): 

Si a Deus plagues que m*agues format bell 

Per leys servir qui me 's sus tota (1. totes) bella 

Fora sus tots los aymadors isneil 

Tant cant ill es sus les altres isnella. 

E pus nol plats, es drets que me no playa (play?) 

Mas ges per zo de Hey servir no-m tull; 

Ans la supley qu'ella de mi no-s tulla 

Sino sera-m de tot mortal la playa. 



^) se aplica con sutileza. Aprimar von prim: delgado oder sutil. 

^ Dies Gesetz, welches der Dichter gelesen, ist ohne Zweifel die 
Stelle von B. Vidal: „greu trobar^s negun sahen tan fort ni tan pri- 
mament ditz que us hom prims no i saubes melhurar o maüi metre.<' 

>) avieta wahrscheinlich für avis. Vgl. fr. aviaer, 

*) Man beobachte die besonders provenzalisirende Sprache dieser 
Strophe (obschon mit einigen 'catalanischen Formen). Das provenzali- 
sche (und beinahe deutsche) Wort imell findet sich in catalanischen 
Schriften wenig. 



Catalaniflcbe Dichter. }5l 

in. C. Z.J) (in Tant mon voler de Tirroella) 192. 
Parle Mos. Jacme Marcb. 

Vn soptos pler m'es vengut per lo veure 

Fent^me pensar e conzebre desigs 

Qui no-s pertra de mi ho (1. o) no-m (no-u?) poch creura 

Pu8 calitat veig star en lo migs 

E a-m (1. ha-m) creseut un tan strany voler 

Qui per son nom es nomonat amor 

Que-m toll lo seny, dentiment he (1. e) saber 

E fan que may he gustat tal sabor «... 

Der König ES Pere, Jacme March und der Vefoomte 
de Socaberti. 

Der Dichter Vizegraf von Bocaberti muf» derselbe 
sein ^), welchem Castellnou seine Glosa widmete. Er hiefs 
Dalmau und war der Sohn eines andern Dalmau, welcher 
1323 das Schlofs Caller belagerte (Zurita II, 49). ») Es 
scheint, daTs nicht der von Sardinien, sondern der Sohn 
der sein muTs, welcher um 1362 in den Kriegen Arago* 



1) Cancionero de Zaragoza. Obgleich der ausgezeichnete Professor 
und Schriftsteller Borao und vor allem unser vortrefflicher Forscher 
Aguilo sich mit diesem Codex beschäftigt haben (und der letztere auch 
mit dem Jardinet de brats), so hat man doch keine andere Nachricht 
davon als die der Anmerker Ticknor's und die viel ausführlichere und 
instruetivere des D. V. Ralaguer (zuletzt gegen Ende des 3. Bandes 
seiner Geschichte von Catalonien wieder abgedruckt), welche — in dem 
Theil, den sie erreicht und zwar vermittelst der Rectification verschie- 
dener Punkte — uns die Arbeit bei der Untersuchung des Codex er- 
leichtert hat. — Als der Yerüasser der Note bei Ticknor den Codex 
untersuchte, hatte seinen Rand noch nicht ein unwissender Buchbinder 
beschnitten und man las noch die Namen der Verfasser von Poesien, 
welche jetzt als anonym erscheinen; indessen haben wir durch sorg- 
föltige Untersuchung der untern noch übrigen Partie manches Titels 
und durch Beobachtung der divis oder senyals den grölsten Theil 
der Dichternamen wieder herstellen können. 

^ Tarawa (Cron. dels Cav. cat M. S. Bib. bare. f. 86 u. 87) zählt 
nur zwei Vizegrafen Rocaberti mit dem Namen Dalmau in dem 14. Jahr- 
hundert, und ihnen gehen voraus und folgen zwei Jofres. Da das 
Gompendi von Castellnou einem Dalmau, Sohn eines andern Dalmau, 
gewidmet ist, so mufs dies der zweite sein. 

') Nach Tarafa irrthümlich zur Zeit der Expedition Pedro's IV. 
1454. Ebenderselbe glaubt, dafs es der Vater war, welcher Dugues- 
clin folgte. 



152 Mila y Fontanals 

niens eine Rolle spielt (Fei. II, 272) und der vor 1369 
mit Dugnesclin nach Castilien gegen D. Pedro zog (Frois- 
sart, Lib. I, Chap. CCXXXII). Der Sohn war es, wel- 
cher 1382 von dem Konig von Aragon znm General der 
nach dem Orient gesandten Armada und zum Vizekonig 
der Herzogthümer Athen und Neopatria ernannt vnirde 
(Fei. II, 304), und der in kurzer Zeit den Artal de Ala- 
gon nothigte, die Belagerung des Schlosses von Agosta 
aufzuheben, wo Roger von Moncadä und die Infantin 
und Konigin von Sicilien, Maria, eingeschlossen waren 
(Cron. de D. Pedro, 397; Fei. ib.). Später aber schlofs 
er sich dem Infanten D. Juan an, der durch seine Ver- 
mählung mit Dona Violante bei seinem Vater in Ungnade 
gefallen war (Fei. 11, 311). Nach dem Tode D. Pedro's 
war der Vizegraf der Günstling der neuen Herrscher. 
1379 und 80 finden ;peir ihn in Frankreich; es handelte 
sich darum, zwischen dessen Konig und dorn von Aragon 
ein immer engeres Bündnifs herzustellen, und man be- 
schlofs sogar eine Zusammenkunft (1389). Die Königin 
schreibt ihm häufige indem sie ihm Neuigkeiten (novells, 
novells ardits) mittheilt, und darum bittet, worauf sie 
sehr erpicht war. ^) 

Cod. bare. ^) Questio entre lo Vepcomte de Rocha- 
bertl e Messen Jacme March sobre lo depertiment del 



i) Im December 1388 : „ . . . qae pus d'escriure los (novells ardits) 
nos sots caresti6s e pereös, vingats d'aquells ben carregat e ple per 
tal que'ls nos recitets de peraula" (Arch. Ar. Cur. sig. sec. I. Reg. 
lolandae, f. 85). Ein andres spätres Schreiben sagt noch: „E rescri- 
vets nos com pus soven porets de tots novells ardits que aqui sien car 
cosa es en que recebre gran piaer <*; und in einem andern dankt sie 
ihm, „per los novölls", welche er ihr mittheilt, „majorment per les 
festes e solemnitats fetes per nöstre frare molt car lo rey de Ffranca." 
In einem andern Schreiben findet sich das Wort ardit allein in dem- 
selben Sinne von Nachricht (noticia). 

2) Dieser Codex, der im Besitze eines Privatmanns, wurde von 
dem Canonikus Ripoll copirt und von T. A; (art. J. March y Rocaberti) 
veröffentlicht. Im C. Z. findet sich dies Gedicht unter dem Titel: 
„Tenso moguda per lo ve^comte de Rocaberti a Mos. Jacme March. << 
Und die 3 Strophen des Königs fuhren die Titel: „Lo rey ... La 
sentencia ... La condempnacio. " 



Catalanische Dichter. 153 

estiu e del ivern. Mossen Jacme 8i-us platz vullatz 
triar. — 13 Stanzen tmifonants, und nur mit 2 Keimen 
(ABABBAABB), die Strophen zwischen den beiden Strei- 
tenden wechselnd. — Sentencia dada sobre la dita questiö 
e depcrtiment per lo senyor Rey EN Pere. 3 Strophen 
von derselben Form. 

MoMen Pere Maroh. 

Mossen Pere March, Schatzmeister (teaorero) des 
Duque real von Gandia, war im Jahre 1395 mit Leonore 
Ripoll, einer Enkelin von Francisco Juan Ripoll, Herrn 
von Genoves, vermählt, wie aus einem Codicill von die- 
sem Datum, in Xätiva aufgenommen, hervorgeht. Pere 
March machte vor einem Notar derselben Stadt am 
22. December 1413 sein Testament, worin er als Sohn 
den Auzias nennt. Santillana, Proemio XIII: ,,Pero March 
el Viejo valiente y honorable caballero £90 asaz fermosas 
cosas: entre las cuales escribio proverbios de gran mo- 
ralidat."!) 

I. C. Z. 204 — C. P. 126. (Croada. uni^onant). 

1. AI pant c'om naix | comence de morir 
E morint creix | e creixen mor tot dia, 
C'un pauch momeat | no cessa de far via, 
Ne per menjar | ne jaser ne dormir, 
Tro per edat | mor 2) e descreix amassa, 
Tan qu'aysi vay | al terme ordenat 
Ab dol, ab gnaig | ab mal^, ab sanitat; 
Mas pus ayan | del terme null hom passa. 



') Dieser Pedro Marcb kann nicht der sein, welcher seit seiner 
Jugend Alfons V. diente und 1420 sein Schatzmeister war (Ribera 535), 
und ebenso wenig sein Sohn, denn es findet sich keiner dieses Namens 
in dem Testamente jenes. 

^ Es scheint es müsse heifsen mort^ indem der Sinn sei: „hasta 
que por edad, [causas de] muerte y degeneracion amontona. << Indes- 
sen könnte man vielleicht lesen: „mor e descreix a massa/* Massa: 
demasiado; bei 6. Riq.: ab massa de . . . — C. Z. mor, destruix e z 
amassa (s'amassa?). 

3) C. Z. ab guaig, ab mal, ab pler. 

Jahrb. f. rom. u. engl. Lit. V. 2. JJ 



X54 ^>1^ y Fontanals 

2. Trop es cert fayt | que no podem gandir ') 
A la greu mort | e que no-y val ibetgia, 
Ffor^a ne giny') | ricat ne senyoria, 

E trop incert | lo jorn que deu venir, 

Com, quant ne hon | que tot arn^s trespassa; 

£ no-y te prou*) | castell, mur ne fossat, 

£ tan leu pren | lo neci co*l senat^) 

Car tots hem uns | e forjats d*una massa. 

3. Be sabem tots | que hich havem de exir^) 
O tart o breu | que no-y val maestria ^) ; 
Breu es tot cert | qui pensar bo sabria, 
Mas lo foU hom | no s'en dona cossir: 
Que remiran | sa cam bella e grassa 

£*1 front polit | e lo cors ben tallat, 

Ha tot lo cor | e lo sen applicat 

Als fayts del mon | que per null temps no-s Uassa. 

4. V Si be volem | un petit sovenir 

Com som tots fayts | d'avol merxentaria 
£'1 sutze ^ loch | hon la mayre-ns tenia, 
£ la viltat | de que-ns hac a noyrlr, 
£ nexent nos | romas la mayre lassa, 
£ nos ploram (ploran?) | de fort anxietat 
Bntram al mon | ple de gran falsedat 
Qu'ades al^iu^ | e ades nos abrassa. ' 

5. O vell poyrit •) | e que poras tu dir 
Qui-t Teus nafi&at | tot jorn de malaltia? 
Missatge ^O) cert | es que la mort t'envia 
E tu no Yols I entendre ne auzir^i); 

Mas com a^*) porch | qui jats en la gran bassa 
De fanch pudent | tu-t bolquesi*) en peccat, 
Dis^n, tractan | fieiss^n tot mal barat i<) 
Ab lo cor falp | e la ma trop escassa. 



1) huir, evitar, lit. garantir. 

«) ingenio. C. Z. seny. 

>) no tiene en ello provecho; no aprovecha. 

*) y tan fäcilmente toma (arrebata) al necio como al sensato. 

«) hich C. P. ych. exir C. Z. axir. 

') astuda, C. Z. e que no-y mestria. 

^ sucio. 

•) que ya mata, ya abraza (acaricia). Al^iu = aupiu = occin. 

«0 C. P. podrit. 
**•) Mensaje. 
») C. P. hoyr. 

12) Obgleich im Prov. coma geschrieben zu werden pflegt, folgen 
wir dem catalan. Gebrauch. 
^') te revuelcas. 
") cambio, trato. C. P.: molt mal barat. 



Gatalanische Dichter. 155 

6. De cor pregon >) denriem advertir 

En Testat d'om | qui tot jom se cambia, 
Que'l ric es baix | e'l baix pren manaatia ^ , 
£1 fort es fiac | e*l iSac sab enfortir; 
El jove sa | dolor breament Tabrassa') 
E mor ten leu | co'l vell despoderat 
E'l Teil mesqni | fay leho de son gat *) 
E pense -poch | en la mort qui*l manassa. 

7. Den sap perque | lexa mal hom regir 

O folls o pechs I e los bons*) calnmpnia, 

Que tal es bo | com no te gran batllia 

Qa'es fer e mals | si-n (si-n?) pot aconseguir; 

E tal hnmil | qaant es monge de Grassa 

Qu'es ergullos | quant a gran dignitat, 

E tal regeix | una nobla ciatat 

Ffora millor | a porquer de Terra^a. «) 

8. Qui be Yolgues | a Dieu en grat servir 
Ez en est mon | passar ab alegria 
Tot son Yoler | a Dien lexar deuria 

E no pas Dieu | a son yoI^ convertir; 

Gar Dieus sab mils | a qui tany colp de massä 

Per acabar | o qui tenir plagat 

Per esprovar | o fer ta Tolnntat 

De 90 del sieu^ | e que-s raho que-s fassa. 



1) profundo, de lo hondo del corazon. 

^ manentia (riqueza). 

8) C. P. la (lo?) cassa. ^ 

*) hace leon de su gato. Wohl sprichwörtlich, um unbegründete 
Hoffiiungen zu verspotten. 

^ C. Z. Ila9 bens. Die Lesart des 0. P. ist vorzuziehen. — los bons 
calumpnia: los buenos hiere, aflije. 

•) Cjrasa in dem Rosellon, Terrasa in Cat. Vielleicht eine An- 
spielung auf bestimmte Personen. Der Dichter mochte nicht die Er- 
hebung geringer Personen: „Ney (sie) hom trop baix pux*en granda 
baylia" (Tots grans). 

^ Obgleicb vol als Nomen „vuelo" bezeichnet, scheint es hier 
für voler (3. pers. pres. vol): querer, voluntad, zu stehen; mills : 
mejor (que nosotros); tany: toca, es entspricht atafle. C. P. aqui-s 
tany. 

^ de lo que es suyo. (7o de N, bezeichnet immer: propie- 
dad de N. 



11 



« 



J56 ^ilc^ 7 Fontanalfl 

Tomada. 

Del Payre Sant | ay ausit qaan trespassa ») 
D'aycest exill | al juhi destinat ^ 
Que ditz: „er fos | eu un bover*) estat 
Qu'onor del mon | a peccatz embarassa. " *) 

Endre^a. 
Heu Peyres Marcb | pregui *) Den que luy plassa 
Donarme cor | e voler e8for9at 
Que-8 ab plaser | pendra Tadversitat 
£ sens erguU | lo be que breument passa. 

IL C. Z. 105 v^. (Croada uni^onant). 

1. Cest fals de mon | no'l presi hun pug^s^) 
Car tot lo trop | ple de mals e d*engan, 
De Tanitats | de dolor e d*affan, 
Has qu*en faray | com fa *1 rey d*un pages ^ 
Que Tol lo sieu | e no yol sa paria, 
E pressa '1 pauch | mas que s'en vol servir 
E quant lo pert | no s'en dona cusir 
Si com de re | que (1. de) tan pauca valia. 

Endressa. 
Mayres de Dieu , | humils Verges e pia 
Per servidor | me tuII a vos oflfrir 
Per que d'est mon | eu (en?) pusca desrenclir^ 
Tot lo que vos | desplagues si-u fasia. 

Tomada. 

Mas val donar | que mandicar tot dia, 
£ comendar | que mandament sofrir, 
Pero ben lleu | pot hom en tot fallir: 
Deu nos laix £ar | 90 que millor nos sia. 



') Man sieht, dafs er im Allgemeinen Ton dem Augenblick des 
Todes der Päpste spricht, und nicht von einem bestimmten, wie Tastii 
glaubte, vielleicht von der Lesart verführt, die er aus dem CC. P. gibt: 
„ Del payre hom aussi quan trespassa**, welches in diesem Falle ireapaaad 
lauten müfste, was nicht in das Metrum des Gedichts pafst. 

2) C. Z. a juhi de Trinitat. 

3) bover: guardian de bueyes. 
<) enreda para pecar. 

») C. Z. En Peyres March pregats — Donarli. 
^ Moneda pujesa = pictavina 6 picta; de poco valor como las 
meajas (mallas) y dineros (Salar, Mon. de Gas. 115 y 116). 
^ aldeano, labrador (de pagvm), 
®) abandonar (derelinqnere). 



Catalanitche Dichter. ]^57 

III, C. Z. 203) C. P. 125. (Croada uni^onant). 

Jo-m merayell i) com no-s vea qui huUs ha. 

Es findet sich Tornada und Endre^a: 

Tornada. 
Prengae xascüs | segon la su'abtesa 
D'aycest dictat | algun milloramen , 
No guardan me | ne mon defallimen ; 
Car tal sab dir | qui ha pauca bonesa. 

Endre9a. 
Verges hnmils | Corona de noblesa , 
Mayres de Dien | per nostre salvament, 
Preyats per mi | vostre fill axellent 
Qu*en tot be far | me do gran fortalesa. 

IV. C. Z. f. 107. (Croada e appariada la meytat uni^onant). 

1. Tots grans senyors | qui be vol avenir*) 
En far sos fayts | los passats dea membrar, 
E los presents | ab consell dispensar 
E 'sser prenst | al (1. als) qai han a vemr; 
£ so que pot | espetzar ') en un dia 

No dar da (tarde?) pus | qu'en (qu'nn?) pauch de res des via 
Lo temps e 1s faits | e'l cor d'om examen: 
E'l fay es cert | e'l farai es nien ^) . . . m 

V. C. P. 127. (Croada uni9onant). 

1. Gert qui so fay | don li den seguir dan 
AI arm' e '1 cors | per sola voluntat, 
Que no'l constreny | pnnt de necesitat, 
E (1. Es) foU o pech | o parent de tiran 
E si per 96 | Deu li dona dampnatge; 
En cors o bens | Deu (ben?) li deu trop grasir, 
Car mes li val | say lo deia punir 
Que si dellay | pren Tinfern per statge .... 



1) C. Z. Jo 80 meravellat, equivocadamente haciendo el verso de 
12 silabas. 

^ concertar, mantener en concordia. 

^ despachar, terminar. 

*) El hago (presente) es cierto, el hare (futuro) no es nada. — 
Wir setzen keine Tomada, weil, obgleich in dem Mscpt. die Zählung 
fortgeht, ein Blatt fehlt. 



158 ^'^^ y FontBnals 

Er spricht von der in der Welt unter den clercha, 
.Cdballers^ lauredors^ marchan und m^n^^^rab festgestellten 
Kangordnung. 

Tornada. 

Rey den haver | tot bon cor de paratge^), 
Sauver de clerch | per los faits descemir, 
Cos de pages | per tot affany soffrir, 
Ffay mal trencar | a* ytal rey bomenatge. *) 

Jaome nnd Pere March. 

C. P. 103 v^ Cobla equivocada ') feta per Mossen 
Jac. March a Mossen P. March. — Ib. 104. Kesposta feta 
per Mossen P. March a Mossen Jac. March. — Coplas 
clnicas. (T. A.) 

Lorenz MalloL^) 

I. Cod. Bare. (Croada capcaudada), Vers figurat*) 
fet per EN Lorenz Mallol. — Sobre '1 pus alt [ de tots los 
cims d'un arbre. — Der arbre ist la vera crotz; das Vog- 
lein, auzelety ist ihus lo salvayre etc. Es sind zwei Tor- 
nades: die erste an „Unsre IVau", Mon rieh thesaur; die 
zweite lautet: 

O vers si-t play | vay-t' en al consistori*) 
Del gay saber | qui^s nomne per lo mon, 
E en (En?) sopleyan | als senyös set qui-y son 
Que-t Yullyen dar | esmenda y adjutori. 



1) nobleza. 

^ Mala cosa es romper a semejante rey el bomenaje. 

^ Cobla equivocada ist in den L. A. (I, 278) die, deren Verse in 
bomonyme Wörter endigen; fi (fino): fi (fin). 

*) Nacb der Spracbe und weü sie sich in demselben Codex als 
die Tension von Rocaberti und J. March finden, glauben wir Mallol 
und die folgende anonyme Dichterin annäherungsweise ans derselben 
Epoche als jene. 

») In den Joyas del Gay Saber (p. 33) finden wir einen „Vers 
figurat et declaratiu« von 1453. 

*) Das Consistorium von Toulouse und nicht das von Barcelona, 
dessen „mantenedores" nach E. de Villena nur vier waren. Folglich 
kann das Gedicht vor 1391 gesetzt werden. 



Catalaoische Dichter. (59 

IL Ib. (Croada solta). Escondit*) fet per Lorenz 
Mallol. — Molt (1. Moltes) de vetz | dompna-m cuy — pre- 
sentats. Er vertheidigt sich, gesagt zu haben ^ dafs er 
von der Dame geliebt würde. Von der dritten bis zur 
vierten Strophe beginnen alle: Si^u digui may: wenn ich 
es sagte, so mag mich Gott nicht begnadigen, Ihr mich 
verachten; ich sei aus den Cortes gestofsen; ich mag 
altern arm und einsam; bei dem Damen- oder Schachspiel 
(si juego a taules 6 aquaca) mag ich verlieren, und mag 
fluchend die Würfel zerbrechen, so dafs Alle mich von dem 
V^uer auf der Hohe des Castells eingeschlossen sehen; 
meine Feinde mögen mich vernichten; bin ich Notar, so 
mag ich tälschen; bin ich Cleriker, sei ich Simonist; ver- 
heiratbe ich mich, so sei^s mit einem hä&licheu Weibe 
und von übelriechendem Athem; jage ich, so mag ich 
den Falken verlieren und die Wölfe mögen mir die Hunde 
auGGressen; reise ich, so mag ich mich in die Wildnifs 
verirren; werde ich Mönch, so sei ich von meinen Freun- 
den verabscheut und böser Künste augeklagt u. s. w. *). 
Die Tornada, obgleich an die Dame gerichtet, hat das- 
selbe divi8 als die des vorigen Gedichts: Man rieh thesaur. 

Eine anonyme Dichterin. 

Cod. Bare. (Croada solta). Ab lo cort trist enviroUat 
d^esmay. Ein sehr gefühlvolles Gedicht auf den Tod 
ihres Geliebten. Es endigt mit einer Halbstrophe, ohne 
Ueberschrift (sin titulo) und ohne mit den vorhergehen- 
den Reimen zu correspondiren: Mon doU amich* 

Domingo Masco. 
Ein berühmter valencianischer Jurist, von dem Fuster 
Nachrichten gibt, denen man hinzufügen kann, dafs er 1411 
in Barcelona sich befand und zwischen den Parlamenten 



1) Escondig: ein Gredicht, worin der Verfasser gegen falsche Be- 
schuldigungen sich vertheidigt. (L. A. 348.) 

*) Merkwürdig ist die Aehnlichkeit zwischen dem „leu m'escondic« 
von B. de Born (Mahn I.), der Canzone Petrarca's „Si'l dissi mai** 
(Parte prima, XV), dem gegenwärtigen Gedichte Mallofs und einem 
andern späteren Romeu LuU's. 



IgO Mila y Fontanals 

von Catalonien und Valencia vermittelte (Compr. Caspe 
II, 379). Er starb 1447. Puster. Regles d'Amor i par 
lament d'un home y una fembre fetes per Miser Domingo 
Masco a requesta de la Carrosa Dama del rey D. Juan 
(Joan?) I., y carta amorosa de esta al Rey i sa resposta. 

Man legt ihm auch noch bei: „L^Hom enamorat y 
la fembra satisfeta^^, eine Tragödie, welche auf dieselbe 
Liebschaft anspielt, dargestellt im königlichen Paläste von 
Valencia 1394. 

Anonyme. 

Von ein und demselben Autor sind wahrscheinlich 
zwei im Inhalt wie Stil ähnliche Gedichte, welche in ein 
und .demselben Codex auf der Bibl. Bare, sich vereinigt 
finden (mit der Chronik von Desclot). 

Das erste ist eine Satire auf das Leben des See- 
manns in Form einer Frage an den Schiffer Vilaruhir. 

(Appariats.) 
Oar say que caminant 
Per terra navegant 
Avets sercat lo mon, 
Vivent ab gran sejorn 
E a les vetz desayre^, 
Perque podets retrayre 
E respondre al pertit ^) 
Melor dejüs eserit, 

Donchs no*m vlate (1. vulats) mentir, 
Amich Vilaruhir, 
Ans vos prech que-m digats 
Qual vida mais tos plats, 
De la terra ho (1. o) la mar; 
Car moltes veus lauzar 



^) An einem andern Orte stellten wir die Conjectnr auf, dafs diese 
beiden Werke ein einziges sein könnten (ob in Prosa oder in Versen 
wissen wir nicht), indem wir es aus der Vergleichung der von Fuster 
und von Lamarca, Teatro de Val., p. 9 u. 50, gegebenen Nachrichten 
deducirten. 

^ Sejorn: descanso (vergl. Fr. sejourner); desayre: molestar. 
Ebenso bei P. Galvany : guerres, dols, affanys e desayre. Dieses Wort, 
welches sich nicht .in dem L. R. findet, ist prov.: „E mal e desayre«* 
L. A. I, 250. Im Castilianischen hat es sich mit einem verwandten 
Sinne erhalten in: dar 6 recibir.un desaire. 

^) Man sieht, er fingirt ein Joe partit vorzuschlagen. 



Catalanische Dichter. 161 

Vo8 e (i. he) hoida la terra, 

E major ment si gerra (1. guerra) 

Ere, deyets qne (1. que'n) Vieh 

Fariets vostre brich (1. vostr' abrich) 

Tos temp de yostra yida. 

Mas yey qne be-us oblida, 

Car Yos ets si girats 

Que de lay ^) les tres parts 

Ffets vostro domissili 

£n la mar, que navili ^ 

No gaardats al ne bo 

Ab que ayats dins pro, 

Nuyl peril aguardant, 

Sol qne vostron infant 

Pugats be aretar') 

E l'arme infernar 

Ffaent bomba e bebany ^). 

Die satirische Beschreibung des Schifferlebens fahrt 
fort, und wie es scheint nicht im Munde des befragten 
Vilaruhir,' sondern in dem des Dichters selbst, und 
schliefst dann: 

Suma, volets conort 

Tot azi com de mort, 

Con dix EN Servari «) 

De male fembre qui 

En destret toI tener, 

Ne castel def ender 

Hon no age riande, 

Ne forsar aigae grande, 

Ne d'om pobre leyal, 

Perque yo.men cayl. 

Das zweite Gedicht" bezieht sich auf eine geschieht* 
liehe Thatsache, auf die Vorbereitungen, welche 1393 in 
Barcelona zu der Seeexpedition gemacht wurden, die 
Konig Johann gegen Corsica unternahm. Unter den von 
dem Konige zur Ausrüstung des Geschwaders Bestimm- 
ten befanden sich ausgezeichnete Personen, wie der Bi- 
schof von Lerida, Gilaberto de Cruilles, Galceran Mar- 



1) Ohne Zweifel sagte er: de lany (die drei Viertel des Jahres). 
*) No mirais si la nave es de alto bordo (alt) y si es buena. 
^ Con tal que heredeis bien a vuestro hijo. 

*) Das bbmba ist das franz. bombance und das bebany das proT. bevanda. 
*) Serveri von Gerona in «einer Satire gegen die bÖsen Weiber: 

Volets qu' eu 's en conprt 

Toi axi con de mort etc. 



IQ2 Milä y Fontanals 

quet und verschiedene Bürger Barcelona^s, unter denen 
auch einer Namens Berenguer Simon (Fei. 11, 329). An 
diesen wendet sich in boshafter Weise unser Dichter, in- 
dem er annimmt, dafs derselbe auf die Ehre^ in solcher 
Gesellschaft sich zu finden, sich viel einbilde: 

Per so com mariner 

Sota hoc e mercader 

Segons c'om veu e diu 

E avets senyoriu 

Sobre 'Is homens de mar 

E vuy que avets privats 

Cavallers e prelats .... 

Avets altre virtut 

Que vivets gay e cast 

Per so sou i) de tal past 

Avinent e adorn; 

EN Berenguer Simon, 

Prech vos que-m vulats dir, 

Car nit e jorn cossir 

En esta tal empresa, 

E de tan gran despesa 

Qu* exi com solem fer 

Les ancores de fer, 

Eres les fan d'argent *) , 

£ veg que molta gent 

Ne porten ya al col. 

Wir müssen unter die Anonymi, welche wahrschein- 
lich dem Ende des 14. oder dem Anfange des 15. Jahr- 
hunderts angehören, auch die Verfasser' der Gedichte des 
Mscpt. von Carpenträs rechnen,^ von welchem Hr. Cam- 
boliu Nachricht gibt 8); es sind die folgenden Gedichte: 

I. Ein Auszug aus der Erzählung von den „Sieben 
weisen Meistern von Rom'' (Benalts, Enalts, Bentuls...). 

Senyor, s! entender volets 

Holte bon ezemplis auzirets 

E tals que-us poran profitar 

Si be los volets escoltar. 
Die Verse sind appariatsy ohne dafs Sinnpausen die 
Verse, welche miteinander reimen, unterbrechen. 

1) Man beachte diese Form aou für sota, 

^ In diesen Versen schimmert ein Geist der Opposition oder der 
Beschwerde gegen die übertriebenen Ausgaben durch, welche die See- 
rüstungen verursachten. 

3) Essai sur Tbist. de la litt. cat. p. 42 ff. 



Catalanifiche Dichter. 163 

II. Liebesunfalle eines Ritters, erzählt, wie es scheint, 
von demselben. 

m. Coplas bezüglich der Unruhen von MBÜoiea. 
Com per alguns homs de Mallorca ai estat preg^A que 
fas (sie) e ordenas un tractat de la divisio del regne, 
supös que lo meu enteniment es grosser e no sotil en 
Fart de trobar, empero per dar alguna satis&cciö a lurs 
prechs, he fetes algunas coplas grosseres en parlar ca- 
tala ^) seguns que veurets. 

IV. Cobles fetes per lo preciors cors de Jhesu Xrist 
per alguns homens de Valencia. Die erste cansö beginnt : 
Actor de patz, tot lausar e honor (mig croada e mig en- 
cadenada; uniponant): eine kunstmäfsige Dichtung (poesia 
artistica), welche aus einer späteren Epoche als die vor- 
hin erwähnten scheint.^) 

Fra Änselm Tnrmeda. 
Ein Franziskaner von Montblauch, der, wie man 
glaubt, zugleich mit dem Bruder Marginet, Mönch 
von Pöblet, dem Kloster entfloh^ nach dessen Conver- 
sion 1413 Turmeda nach Tunis ging, wo er seinen 
Glauben abschwur; später bereute er und predigte das 
Evangelium, woför ihn der Konig von Tunis 1419 ent- 
haupten liefs (T. A.; s. auch Pinestres bist, de Pöblet)* 



1) Man beachte den Gegensatz, der sich zwischen dem ort de tro- 
bar und den Coplas grosseres en parlar catald darstellt. 

S) Der Bibliothekar von Carpentras beschäftigt sich gegenwärtig 
mit der Herausgabe eines ausführlichen Katalogs dieser Bibliothek, 
welcher ohne Zweifel grossere Notizen Ton diesen Manuscripten geben 
wird, unter denen sich auch: Fra Anselm, La vida d& los marine- 
ros, und ein Dialog in Prosa findet: „De que es fondat lo castell 
d'amor? — Lo fonament es de deztrs, las parets son de sospirs, las 
torres de dolzor, la plassa de ben amar, la porta d' esperanza. — 
Qual es la clau que'l castell pot desfermar? — Pregar continuada- 
ment etc." Vgl. das proY. 6ed. (Anon. in Vat. 3,206) Chastel d'(amor): 

Las portas son de parlar 

AI ensir (1. eissir) e al entrar 

Qui gen no sap raszonar 

De fors li yen a estav; 

E las Claus son de preiar: 

Ab cel obron li cortes 

— Dedinsz la clausor qui es? etc. 



1Q4i ^il^ 7 FontanalB 

M. S. Bib. Bar. ^) En nom de Den iota via que-ns 
vuJla guiar ab la gloriosa humil Verge Maria. Llibre 
compost per Frare Anselm Turmeda^) de alguns bons 
amonestaments; ja sia qu^ell los haja mal seguits pero 
pense^n aver algun mörit per divulgar los ä la gent.... 
En nom de Den Omnipotent 
Vall comensar mon parlament; 
Qui aprendre voll bon nodiiment 

Aquest seguescba. 
Primerament quant seras batejat etc. 
Von seinem Buche redend, sagt er gegen das Ende- 

Y no ll'e dictat en lati 
Perque lo vell e lo fadri 
L'estranger y lo cosi 

Entendre'U pugaen 

Aqo fou fet lo mes d'abril 
Temps de primavera gentil 
Novantavuyt tres cents y mil 
LlaTors corrien. 

In dem Escorial gibt es noch ein andres Gedicht 
von ihm unter dem Titel: De les coses que han de esde- 
venir segons alguns profetes, e dits de alguns estrolechs, 
tant dels fets de la esglesia e regidor de aquella, e de 
lurs terres e provincies etc. (T. A. u. Andre). *) 



^) Dies Bueb, welches wir nocb zum Unterriebt im Lesen "gebrau- 
chen sahen, ist wiederholt gedruckt. Wir besitzen die Ausgabe von 
Cervera: En la Ymprenta de la Universität. Any 1818. 

2) In dem Druck ist hinzugefügt: en Tünez per lo Reverent Pare 
Fra Anselm Turmeda, en altra manera nomenat Abdala. 

3) Ueber die Berühmtheit, welche dieses Buch erlangte, s. eine 
merkwürdige Stelle bei Monfar II, 453: „Valiase la condesa (Marga- 
rita de Monferrat) para animar mas a su hijo (el ultimo Conde de 
Urgel pretendiente de la corona cuando se eligiö a Fem. I) de unos 
vaticinios y profecias de un fray Anselmo Turmeda que habia pasado 
a Tunez y renegado de la fe y de fray Juan de Rocatallada y del 
Abad Joaquin de Merlin y de una Cassandra y otros que habian com- 
puesto unas poesias y las llamaban profecias y mudando los hombres 
6 las (1. los nombres a las) personas que en aquella sazon gobernaban 
el mundo (mas adelante di«e que al Papa le llamaban el seÄor de 
las abejas, al rey Lancesiao ei Antecristo de Oriente, al de Inglaterra 

el seüor de la colmena dulce, a Benedicto de Luna el gallo etc.) 

decian cien mil disparates, con terminos y frases anfibologicas y am- 



Catalanische Dichter. 165 

Pere de Queralt. 
Er wurde zum Ritter geschlagen 1399 bei der Krö- 
nung D. Martin's (Fei. IE, 354), welcher ihm in dem- 
selben Jahr sowie 1401 sehr wichtige Aufträge an den 
Konig von Tunis gab; „cui esf — sagt D. Martin von 
diesem Ritter — ,,amica familiaritate - acceptus. " Man 
glaubt, dafs diese Freundschaft also entstand: nachdem 
Pere in die Gefangenschaft der Maaren gerathen war, 
wünschten diese sich davon zu überzeugen, ob seine 
Tapferkeit dem Namen, den Alle ihm gaben, cor de rowrey 
auch entspräche, und so liefsen sie ihn mit einem Löwen 
kämpfen, den der catalanische Ritter mit einem Dolche 
tödtete, — welche That ihm die Freiheit verschaffie. 
Sie wurde an drei verschiedenen Stellen des Klosters 
de la Merced de Santa Coloma de Queralt dargestellt 
und veranlafste die erlauchte Familie des Helden, das 
neue Wappen eines springenden Löwen, die Brust von 
einem Dolche durchbohrt, plattirt in rothem Felde, anzu- 
nehmen (Rib. 416 u. 17). 

I. C. P. 111 v°. Messen P. Queralt, cavaller (Croada*). 

Sens Yos tardar | me ve de vos partir. 

Tornada. 

AI Dieu d'amor 2) | suppley ab reveren^a 
Qa'en breu de temps | siats pus freturosa 
De servidors | que vos non sots bastants^ 
E no trobets | qui-us aport benvolen^a. 



bignas a imitacion del oraculo de Apolo." — Bekannt ist, dafs ausser 
seinen poetischen Werken Tnrmeda schrieb oder ihm beigelegt wurde 
ein Buch, gedruckt in Barcelona 1519, unter dem Titel (nach T. A.): 
„Disputa del ase contra frare Enselme (?) Tormeda sobre la natura 
et nobleza (?) dels auimals. <* 

*) Wir zeigen nicht an, ob dies Gedicht Queralt's soUa oder cap- 
caudada, weil T. A. nur die erste Strophe und die Tornada gibt, was 
wohl genügt, die uni^oncmts zu erkennen, nicht aber die, welche es nicht 
sind, zu unterscheiden. 

3) Diese klassische Personificatiou, def wir zum ersten Mal in der 
catalanischen Poesie begegnen, hat, wie bekannt, nicht allein in der 
italienischen, sondern auch in der provenzalischen und französischen 
Poesie ihre Vorgänger. 



166 Mila 7 Fontanals 

II. C. P. (In dem Conort von Farrer 158 flf.) (Croada). 

Si-8 pogu^a fer | que tot qnant ne agut . . . 
Perque in*en leix | e dix vos que prou basta, 
Yostr' ainistat | e no-us pensets d'uy may 
Yo xant per vos | can^o danpa ne llay ^) • • . 

Pau^) de Bellvinre. 

Santillana, Proemio XTTT, setzt diesen Dichter zwi- 
schen G. de Bergadan und P. March, und sagt, dafs es 
unter den in der Pasion von Jordi compilirten Dichtungen 
auch welche von ihnen gebe. Bei Auzias March lesen wir: 

En recort es | aqaell Pau de Bonviure (sie) 
Qae per amar | sa dona-s toma foll. 

In dem Conort von Farrer findet sich diese Strophe 
von Pau de Bellviure: 

Per fembra fo | Salomö enganat, 

Lo rey Dayiu | e Samsso exament, ' . 

Lo payra Adam | ne trenca '1 manament, 

Aristotill | ne feu com encantat, 

E Virgili | fou pendut per la tor, 

E Sent Johan | perde lo cap per llor, 

E Ypocras | mori per llar barat. ^ 

Doncbs si avem | per dones folleiat 

No smayar | tenir (1. tenint) tal companyia. 



1) Dieses Wort findet sich auch bei den Troubadours, eine poeti- 
sche Schöpfung zu bezeichnen : „ E d*EN G. vers e chansos . . . E d*au- 
tres vers e d'autres lays (R. Vidal: Abril)"; in dem lärmenden Concerte 
Flamenca's hörte man lay8 von bretonischem Ursprung spielen nnd 
singen. Später 'werden wir catalanische Gedichte ron elegischem Ton 
mit dem Namen lay bezeichnet sehen. Da dieser Name sich weder in 
den Titeln der provenzalischen Poesie noch in den L. A. (nur relays 
p. 348) findet und aufserdem bei uns der Name virolay existirte, wie 
das bekannte von der heil. Jungfrau v. Monserrat gesungene und noch 
erhaltene, so haben wir diese Namen vielleicht von den Franzosen 
empfangen. 

2) Pablo. 

3) Hippocrates und Virgil finden sich als romanhafte Personen schon 
in dem Gabra juglar erwähnt, jedoch ist es möglich, dafs Bellviure 
französische l^rzählnngen kannte, wie das bekannte Lai von Aristote- 
les, worauf er auch anspielt. 



Catalanische Dichter. 167 

Andre alte Dichter des Conort yon Fanrer. 
Diese CoUectivdichtung legt eine Strophe in den Mund 
andrer Dichter verschiedner Epochen, sämmtlich Catala- 
nen (mit Ausnahme des Troubadour B. de Ventadom): 

Yo fin mos grata als pns antichs 
£ *l8 altres tots molt largament. 

Es ist schwierig, bei allen das Datum zu bestimmen; 
aber nach der Sprache und einzelnen historischen An- 
zeichen glauben wir, dafs die folgenden der Periode an- 
gehören, mit der wir uns beschäftigen: 

Messen Berenguer de Vilaragut. Von diesem Na- 
men, dem wir in früheren Epochen begegnen (Fei. II, 
von p. 88 an), linden wir einen unter der Regierung Juan I. 
(Fei. n, 320 u. 8), der vielleicht derselbe ist als der wäh- 
rend des Interregnum von dem Parlamente von Vinaroz 
an das von Barcelona abgeordnete, welcher den König 
Fernando nach Perpinan 1416 begleitete und 1430 ernannt 
wurde, einen Tractat mit Castiüen zu unterzeichnen (Fei. 
n, 426 u. 434; Zur. III, 173). Dies wird der von Farrer 
als „bo e conegut" citirte sein, welcher ahm eine Strophe 
von 10 achtsilbigen Versen (zwei rims croats und ein 
appariat) beilegt: 

A Dien prey me fira Tarn ') 

Si eu am dona tan meysopressa .... 

Messen Pröxida (sie). Seit dem berühmten Juan 
de Pröxita, dem „Anti-anjuino^^ finden sich in unsrer 
Geschichte häufig Glieder seiner FamUie, die in Valencia 
angesessen war, wo ihm schon 1281 D. Pedro lEE. ver- 
schiedne Flecken (mllas) gegeben hatte (Zurita I, 236; 
Fol. n, passim). Ein Juan de Pröxita wird neben Vila- 
ragut in dem oben genanntem Tractat von 1430 erwähnt. 
Die Strophe des Dichters dieses Namens in dem Conort 
ist eine croada: 

Trasit m*avets dona desconaxent 

Per foll amor qui-us gira lo voler .... 



') Wohl eine dichterische Freiheit für arma (alma), wenn er nicht 
sagt: „que-m tira (für tire) l'am«* (me eche el anznelo). 



"H 



16g Mila y Fontanals 

Frare Basset (Croada und appariada die Hälfte): 

Per grau rays6 dona cmel mal?ada 
Fas clam de vos e maldich vostra vida. 

Er nennt sie sogleich: 

Mayres d'arguU, mayastre del Satan. 

Der „Mercader mallorqiii": 

Cercats d'uy may ja siats bella e pros 
Que'ls vostres pres e laus eris (sie) plasents 
Car yengut es lo temps que m'aurets menys. 
No m'au^ira Yostre sguard amoros 
Ne la semblanpa gaya 

Car trobat n'ay 

Altra qui-m play 

Sols qu'a luy playa; 
Altre sens vos perqu^ li*n volray be 
E trindre 'n, car s'amor qu'exi-s conv6. 

Hossen Aman ICarch. ^) 
I. C. P. 93 v°. (Croada capcaudada). Cansö d'amor 
ten^onada feta per Mossen Aman March e ha-y senten* 
cia donada per eil mateix, la cual no es acl per mana- 
ment de la senyoja reyna Dona Margarida*) a eil fet. — 
Parle lo seny. — Presumtuos | cors ple de vanitats ... — 
Streit zwischen dem Verstand (seny) und dem Herzen 
(cor, cor9)^ 7 Strophen: in den beiden ersten spricht der 



1) Gil Polo in seinem Canto del Turia erwähnt diesen Dichter, 
welcher später dem Gerda (s. p. 295) unbekannt war und von dem 
Fuster nicht spricht. 

^ Wie es ziemlich wahrscheinlich ist, wurde dies Gedicht ver- 
fafst während der Regierung der Doika Margarita, vermählt am 7. Sep- 
tember 1409 mit dem König D. Martin, der den 13. Mai 1410 starb, 
indem das Datum der Abfassung zwischen diese beiden Zeitpunkte zu 
setzen ist. In jedem Fall mufs es älter als 1426 sein, wo (und viel- 
leicht noch früher) die Königin schon Nonne war (Ribera 586). In 
der Zwischenzeit lebte sie in Barcelona, in Perpignan und Valencia 
mit einem gewissen Rang, trotz der Dürftigkeit, über welche sie be- 
ständig sich beklagt. Es scheint, dafs sie gegen die Literatur und die 
Künste nicht gleichgültig war: so bittet sie in zwei Briefen sehr drin- 
gend um ein „ libre apellat Titua livius '<, welches sie einem' Canonicus 
von Barcelona geliehen hatte, und in einem andern (F. 83) empfiehlt 
sie den „Rodrigo de la gnitarra ministrer<( (des Königs Martin). Ihre 
Briefe finden sich „Arch. Ar. n® mod. 2355. S.«* aiifserdem Compr. 
Caspe und Moufar. 



CatolaniBche Dichter. Jg9 

Verstand, welcher das Herz tadelt, an so hober Stelle 
zu lieben; in der dritten behauptet das Herz, dafs es 
besser ist, mit grofsen Hofinungen sich zu nähren als 
in einer gemeinen Weise zu leben. Es findet sich auch 
eine Tomada des Senj/ und eine des Cbr. In der letzten 
spricht das Herz ohne Zweifel von berühmten Liebenden 
und schliefst: 

Si mort son celis | la lur fama vinra, 
Perqne m 's bo | sofferir tals affants. 

II. C. Z. 87. Mossen Amau March de Nostra Dona. 
— Qui pora dir | lo misten ten alt . . . Strophen von Zehn- 
und Sechssilblern: ABBAccDEEDX; der letzte Vers einer 
jeden Strophe ist ein Vers des Evangelium, wie Ecce 
concipiea etc. Schluss: 

Verges humils | a vos clam e desir 
Qai tota sots | ipisericordiosa 
Preguets per mi | qu*en la vall tenebrosa 
M' arma no-y pas | 8on co»tiimat maityr. 

in. C. Z. 310 (Mig croada e mig encadenada). Vers 
de la Nativitat de Ihxpst per Mossen Amau March seguint 
lo Evangeli de Sant Joan : 

1. IIa noyell fruyt | exit de la reba^a ') 
D'etemitat | humanal cam vestit 
Lo fiU de Den | nat per aquesta nit, 
S'es demostrat | en la temporal plasa, 
Peregrinant | nostre cami passible, 
Lo cors huma | seguint la Deitat, 
Per que '1 Satan | ne fos mils enganat, 
Lo Salvador | s'es fet a tots visible .... 

Sofort glossirt er in jeder Strophe einen Vers des Evan- 
gelium und schliefst mit der Endressa: 

Lo Sperit Sant | prech que mon cor encena 
De gran ardor; | tostempei puxa servir 
L'infant qu'es nat | e puls volgue morir 
Per nostr' amor | rement l'infernal pena. 

IV. C. Z. 193 v^». (Torroella: Tant mon völer). Paria 
Mos. Amau March: 



1} cepa, tronco. 

Jahrb. f. rom. h. engl. Lit. V. 2. ]^2 



170 ^*** y Föntanais 

-^ Tot hom se gnart de mi 
De si avant | tteua pus no tindria 
^ Ne pau ne bona fi 

Bon' amistat | no la conseryaria 

Qu'amor vbl que seu sia 
No guardant dret | mas sola voluntat 
E jo me so | ab tal pacte donat. 

Arnan de EriU (?). 

Der berühmte Name Erill ist der eines der neun 
Kämpen des fabelhaften Otger Catalon, des, ersten Wie- 
derherstellers pataloniens. Die drei Bruder Arnau, Fran- 
cesöh oder Franci und Ramon Roger (J'Erill waren wahr- 
scheinlich Sohne eines andern Arnau oder Arnau Roger, 
welcher unter der Regierung D. Pedro's lebte (Fei. II, 
228 — 73, Monfar II, 251), und (wenn nicht schon von 
dem Sohne die Rede ist) zu Anfang der D. Juan I. 
(Fei. II, 320). Die drei Brüder spielen während des 
Interregnum eine Rolle. In den Streitigkeiten von Lerida 
zwischen Comes und EN Sanso de Naves nahm Franci 
für den letztern Partei, \<^elcher fora de 'pau e de treua 
War. Nachdem Arnau die Stelle eines Capitan de§ Valle 
de Aran abgelehnt hatte, um in der Stadt Barbsiötro' zu 
bleiben, von welcher er es seit 20 Jahren war, übertrug das 
Parlament von Barcelona jene Stelle dem Franci. Arnau 
wurde zum allgemeinen Parlament Aragoniens in Alcaniz 
berufen, wo er auch einer der Gresandten des Herzogs von 
Gandia war (Compr. de Caspe I, 294; II, 39 — 63. Zurita 
III, 15 — 75)* Als D. Fernando Konig war, blieben die 
drei Brüder ihm treu und Franci wurde von denen, welche 
den Anspruch des Grafen von Urgiel begünstigten, ver- 
folgt. Am letzten Mai des J. 1413 brachen einige Ge- 
wappnete aus den Gütern des Grafen, hervor, da er- 
hielt er aus Tärrega einen Brief seines Bruders Ramon 
Roger, des Cömendador von Berbens, ^^scrita ab cuyta^^^ 
welcher ihm seine bevorstehende Vereinigung mit ihm an- 
kündigte (Compr. de Caspe, apend. 66—71). Franci .wurde 
hernach von dem Grafen von Urgel bei Magajef geschla- 
gen und zeigte als Fiscal sich wenig nachsichtig in dem 
Procefs, welcher gegen diesen unglücklichen Fürsten folgte 



.Catalaniscbe Dichter. J'JI 

(Monfar 539 ff.)- Spater ^nden wir Ramim Roger in Rho- 
du8 als einen der Johanniter, die Zeugen des 1413 zwischen 
den Gesandten des Königs von Aragonien und den des Sul- 
tans von Babilonien und dem Konig von Xaraf abgeschlos- 
senen Vertrags waren (Zurita III,206v«; Fei. 11,450). 

Das folgende Gedicht ist gegen Ramon Roger d'Erill 
von dem Orden von S. Johann, Comendador von Berbens, 
gerichtet und wird (unsres Erachtens ohne Grund) einem 
Aman von Erill, seinem Oheim, zugeschrieben.*) Alle 
Strophen beginnen: O tu traidor. 

C. Z. 206 v^ (Croada e appariada la meytat solta). 2) 
O tu traidor | que tan sovint renegues 
Ihesuxrist Den | e Senyor etemal .... 
Tu vas fugent | no aussas far batalla; 
Por has de foch | la coha tenß de paTIa.^ 
O tu traidor [ que tots joms proferles *) 
D'entrar en eamp | per cobrir ta faUen^a 
Ben has mostrat f aver por e t^mensa 
Despny trobist | qui-t provech tes Caloies . . . . • 
Tu t*e6t confes | per ta carta pubblica ') . . . 

1) Die Anmerker Ticknor*8 zählen unter den Dicbtem des C.Z, 
den Arnaldo de Vill (1. Erill) auf, einen Neffen (sobrino) des Fray 
Ramon Boger de Vill, Comendador von Berbens, in dem.Kloster S. Jo- 
hann Ton Jerusalem. Von dem Titel des Gedichts liest man noch jetzt: 
„ . . . . nabot fra Ramon Roger d^Erill comenador de Berbens del orde 

de S. lohan de Ihrm. lo cual deya que U avia una sna filla 

monge del monestir del Guayre". Indem wir diese beiden Angaben 
vergleichen, schlieTsen wir, dafs der Titel in der That besagte, daTs 
das Gedicht Ton Aman d'Erill war und dafs er es gegen seinen Neffen 
(9u sobrino) Ramon Roger geschrieben hatte, von dem er sich beleidigt 
nannte. Aber trotz der Autorität des Codex war Arnau, zum minde- 
sten der Aman, welchen wir in jener Epoche eine Rolle spielen sehn, 
ein Bruder und kein Onkel des Comendador; auTserdem finden sich 
in dem Gedicht auch Ausdrücke, welche der Verwandtschsft zwischen 
dem Verfasser der Invective und dem Angegriffenen widersprechen (si 
fossen bons mort t*agren tos parents . . . morta s*en fos cella qui t'a parit). 

^ Dies Gedicht, geschrieben in einer sehr provenzalisirten Sprache 
und in einem Versmafs, einem von G. von Bergadan ähnlich, zeigt 
auch, ohne einen gleichen Grad von Cynismus, einen den Invectivcn 
des alten Troubadour ähnlichen Geist. 

*) miedo tienes del fuego, tienes cola de paja. Dieser letzte Aus- 
druck ist noch immer sprichwortlich. 

♦) ofrecias. Das Volk sagt immer noch proferta für o/erta, 

^ Ans diesem Verse sieht man, dafs öffentliche Anklagen in Be- 
treff des Punktes, der die Feindschaft verursachte, stattgefunden hat- 

12* 



]72 ^^^^ y FoiitanaU 

O tu traidor | ab lo le6 sei» testa >) 
Od pots anar | ab aytal entresenya? 
Consell te do | que vages en Serdenya; 
Car los arauts | portaran sobrevesta 
D'aitals armes | com dits aycesta daoca 
Dias en Rodes | ez enqner en Costan^; 
Per tot lo mon | te cridaran no fages, 
Pus de mal far | bo veu hom que t'enuges. ^ 
O tu traidor | mal guardist la comanda ^ 
E les dones | qui son dins en Alguayre; 
Tu t'est desdit*) | mae no ti») dones guayre, 
Tal por aguist | qnant ausaiat la demanda 
Que-t dech Taltrir^ | aycell de Masdovelles: 
No-t plague res | aucir aytals novelles 



ten. Weiter nnten ist von dem Brief und der Schrift die Rede, auf 
welche Ramon Roger die Antwort schuldig blieb. 

1) Das Wappen der Erill war in der That ein gekrönter goldner 
L5we (Garma, adarga cat. II, 312). Die Annahme, dafs der Schild 
des Ramon Roger einen Löwen ohne Kopf trüge oder tragen müfste, 
wird eine Anspielung auf die Sitte sein, auf den Wappenschilden zur 
Sfcrafe derjenigen, die sie führten, die Thiere su zerstückeln oder zu 
entehren (desmembrar 6 difamar) (id. 179). Unter dem „aytal entre- 
senya" des folgenden Verses mufs derselbe „leo sens testa" verstan- 
den werden. 

") Diese Verse sind nicht ganz klar, obgleich grammatisch ver- 
standlich. Es scheint, dafs der Dichter seinem Feinde rath, nicht nach 
Rhodus oder Constancia zu gehen, wo er mehr gekannt sein mufste 
(Rhodus war ja der Hauptsitz des Johanniterordens) und wo die Herolde 
seine Schande offenbaren würden durch Anlegung eines Ueberkleids 
mit einem solchen Wappen als diese danza (Gedicht) besage, nämlich 
mit der ausgedrückten entresenya^ dem kopflosen Löwen; er möge viel- 
mehr nach Sardinien gehen, vielleicht weil dort, als in ein^r Colonie 
oder erobertem Lande, die Abenteurer zusammenströmten. Und er fugt 
hinzu, nicht allein in Rhodus und in Constancia, sondern in der gan- 
zen Welt würde man ihm zurufen, er möge nicht ausreifsen, wie man 
es bei denen zu machen pflege, welche, wie er, nicht müde würden. 
Böses zu thun. 

^ Die Comthurei von Berbens. Der folgende Vers möchte den 
Titel, welchen das Gedicht in dem C. Z. führt, veranlafst haben. 

*) te has desdecido, has vuelto atras la palabra. 

») Man könnte lesen: fi (t'hi), te das a ello; da aber kein Object 
da ist, worauf sich das Relativadverb bezieht, so verstehen wir: no te 
das, no te das por culpable 6 por vencido', ö bien no das tu persona, 
no te pones a mi alcance. 

*) antes de ayer. Masdovelles, ohne Zweifel ein Verwandter der 
Dichter dieses Namens. 



Camanificlie Dichter. (73 

Qiian te remi ^ | oors a oors de combatr«, 

Judes malvat, | perque-t lexes abatre. 

O ta traidor | be t'est mes al berney *) 

Vituperat | et ab pauca vergonja .... 

O tu traidor | retallar <) te deoria 

£ qae-t nomens | Ali de Barbaria .... 

No has armes | de qai-t puxea fiar 

Ayso faven | per lo teu faU jorar. *) 

No-m has tengut | la carta ne 1 gcrit .... 

No has gossat | a la plasaa venir . .*. . 

O tu traidor | coraata e dos joms 

Agnist compiite | per anar vuyt jornadas ; <) 

Mas ton flach cor | te bat dins las coradas *).... 

Del jutge dius ^ | de que-t den bom rependre 

£ d'altra pari | tu mateix te fos pendre. 

O tu traidor | e com poguist donar 

Per suspitos | lo prlncep de valor ? ^) 

Car de boatats | es vuy cabdels e flor: 

Ta malyestats | te fa guinerdeiar .... 

O tu traidor | pus veus que jo-t apell 

Per tan tUI hom | com no serqnes senyor 

£ jutge gran | que^ preu de sa honor 

Hon io e tu I provem la nostra pell? 

Car jo-t promet | que-t eeguire dins Fran^, 

Per ^o qufn hau | molt millor la usansa 



*) Von remetre (remitir, enviar de nnevo) und nicht von redimir, 
prov. redemer, reemer, welchem das catal. remut (redimido) entspricht. 
Masdovelles möchte der Träger der Herausforderung sein. 

*) Te has puesto a la verguensa, al ludibrio de todos. Vgl. fr 
6erite:^manta, acto de mantear; btmer mantear, bnrlarse de alguno 
Heute sagen wir in einem analogen Sinne: estar en berlina. 

•J" circuncidar. 

^ no tienes armas de que te puedas fiar, lo cual te sucede per tns 
falsos juramentos. 

^ estas ocho jornadas mediarian entre los dos enemigos. 

*) entrafias. Heute bezeichnet coradelia cat. und corada cast. die 
Eingeweide der Thiere, die gegessen werden. 

7) Es scheint, dafs Ramon Roger den Kampfrichter recusirte und 
man konnte aus dem folgenden Verse schliefsen, dafs er sich gefangen 
setzen liefs, um sich nicht an ihn zu wenden. ^ 

^ Es ist schwer zu errathen, wer dieser ^um Richter erwählte 
Fürst sein mag. Wenn das Gedicht vor der Unterwerfung des Grafen 
von Urgel (1413) verfafst wurde, so könnte es dieser sein; wenn später, 
der Prinz Alfons (hernach Aifons V.). 



- ^ 



}74 Mil4 7 Pontsnftls 

De fayt d*armes | moatrant cavelleria, 
Per 90 voll eu I seguir aycella Tia. *> 
O tu traiddr | ouant m'auras agut jatge 
E'^sertament | aure de leys jomada , *) 
'No-t fallire | a la taula *) jurada 
Ans mon martell | ferra dessüs Teiiclasa 
Ab gran plaser | ez ab trop gran desdnyt, 
Mas tu m'auras | tot primer sal-conduyt^) 
£z ab aysö | lo gatge-s ^ complirar 
Alli Teurem | qui bon dret mantendra. 
£ que '1 arnes 1 sia de nostre grat 
Sens refusar | e sens tornar a mida,*) 
Lanpa, coltell | spasa ben fabrida 
Atxe pesant | o que 'n sie laugera .... 
O tu «raidor | be saps que Ferriol ^ 
T'a ensenyat | man bei colp e repich 
Mas lo teu cor | flach , cohart e manich ^) 
Non ha soffert | c'om ne veses un vol. 
Dins lo palau | de la flor Margarita*) 



^) Man sieht, dafs er. ihm anheim gibt, einen andern Richter zu 
wählen und ihm zeigt, wie leicht der Kampf in Frankreich sich ausfuhren 
liefse, wo, wie er versichert, diese barbarische Sitte eher zugelassen 
war. — Guinerdeiar ist obrar como la zorra (goiper prov., guineu cat.). 

^ Jornada, d. h. dia sefialado. 

^ Diese „ taula << wird Bezug haben auf die „enclusa^* (yunque) 
und den „martell" des folgenden Verses. 

^) Dieses Verlangen sicheren Geleits scheint anzuzeigen, dafs der 
Herausforderer feindliches Gebiet zu passiren hatte, und bestätigt die 
Vermuthung, dafs der Dichter ein Parteigänger des Grafen von Urgel 
war .und sein Feind ein Diener Ferdinands. 

^) nuestro compromiso se öumplirä. 

®) d. h. sin escusas y sin volver a medir el arnes (um den Kampf 
zu verschieben). 

^ Wahrscheinlich ein maestro de armas. 

*) pero tu corazon ddbil, cobarde y maniatico no ha permitido 
(ha sido causa de que no) que se haya visto un vuelo, es deöir, una 
muestra de tus pasos de armas. 

^) Der palau menor, zuletzt ^a/au genannt, und vor kurzem abge- 
rissen; er wurde, wie Aguirre bemerkt (Palacio real de Barcelona), 
palau de la reina Maryarita genannt, und später palau de la condesa, 
weil der König D. Martin ihn seiner Gemahlin Margarita angewiesen 
hatte. Man glaubt, dafs die Templer und später die Johanniterritter 
dieses Gebäude besessen hatten, und vielleicht bewahrten sie noch ei- 
nen Theil davon. Die hofliche Art, wie von der Königin gesprochen 
wird, läfst vermuthen, dafs diese noch lebte und erinnert an die Ga- 
lanterie, welche G. de Bergadan in seinen gemeinsten Gedichten affec- 
tirt, wenn er von Damen spricht. 



Cataiaoiflche Dichter. 175 

Gran fiissaig ») fist \ pero dnptant la dita , *) . 
No est gosat | exir de Barcbinona, 

ßacallar ^ fat, | com est tan vill persona 

Ara-m p{net | eom te fLn cavaller *).... 
Si fossen bons | morts t'agren tos parens .... 
O tu traidor | si U M^tre ^) sabia 
Com es traidpr, | certes no pens ni creu 
De9i avant | tu portassas la creu .... 
O tu traidor | per XXXVIII vegades 
T'apell traydor | en aycest pauch coem •)...'. 
Mas eu DO puch | traura tu d'Aragö; 
Remauras say | muUas ^ degvergonyit: 
Morta s*en fos | cella qui t'a parit. 

Hosen Jordi de Sant Jordi. ^) 

Der Zuname Sant (oder Sent) Jordi war 1436 be- 
kannt und erhielt sich in Valencia bis in. unser Jahrhuu- 



^) ensayo, muestra (de su pericia en el manejo dö lits armas). 

^ Man gebraucht dita im Sinne von haeer poatura 6 propotieioii 
ei) emgresas (> negocios; so wil*d;es proposicion, ofrecimiento sein Qder 
vieUeicht einfach dicbo. 

^ Obgleich dieses Wort unter andern einen militärischen Grad 
(grado militar) bezeichnete, wird es hier wie an andern Stellänf in 
herabwürdigendem Sinne genommen. ■ i . 

*) Dies ist dier einzige Vers , der uns zu dem Glaubea verleiten 
könnte, dafs ein Verwandtschaftsverhältnifs zwischen den beiden Fein- 
den bestand. Te flu cavaller: te hice caballero. Nach dem Konig 
EN Pere (Pensan el lit) muTste man die Ritter würde von dem Lehns- 
herrn, oder von einem ausgezeichneten Ritter, oder von dem Haupte 
der Familie empfangen. ' 

*) Der Grofsmeister des Ordens. Ebenso ruft G. de Bergadan den 
König oder den Erzbischof gegen seine Feinde an. 

^ cuaderno. Man sieht, dafs das Werk nicht zum Gesang bestimmt, 
sondern ein wahres ehrenrühriges Libell war. 

^ Aumentativo de mul (mülo). 

8) Indem der C. P. verschiedene Male „Mossen Jordi" ohne Hin- 
zufügung des Zunamens setzt, so findet sich darunter einmal von moder- 
ner. H&nd (wie Tastü eingesteht) del Rey hinzugefügt, um die Vor- 
datirung eines Dichters dieses Namens vor Petrarca zu begründen , so- 
wie das folgende Plagiat des letztern (wie Beuter, dem viele Andre 
folgten, annahm). Man sagt, der Jordi del Rey, Dichter des 13. Jahr- 
hunderts und Gefährte des Königs D. Jaime, sei in dem Reparti- 
miento von Valencia genannt (in der ed. Bof. finden wir nur in die- 
sem Jahre einen A. Jorda). Mag dem sein wie ihm woUfe, es kann 
niemand daran zweifeln, dafs die Poeßien des C. P. und C. Z. von 
einem einzigen Jordi sind. 



176 ^^1^ y Fontatiftls 

dert (Fuster). Als 1416 die Konigin Maria, Gemahlin 
und Stellvertreterin Alfons' V. , den Bischof von Valencia 
und die Äbtissin von la Zaydia dringend ersuchte, eine 
Schwester des Jordi de Sant Jordi als Nonne aufzuneh- 
men, nennt sie den letztem in diesen Schreiben „cambrer 
del senyor Key'' und erwähnt „los agradables serveys que 
dit Jordi fa al dit senyor Rey" (T. A.). Jordi begleitete 
Alfons auf den Kriegszügen, die dieser in demselben 
Jahre 1416, dem ersten seiner Regierung, untemahnci, 
und wurde, wie wir in dem folgenden Gedichte sehen, 
zum Gefangenen gemacht. — Santillana, welcher eine 
„Coronacion" oder, Art von Apotheose auf den Tod uns- 
res Dichters schrieb (Rios: Obras, 332), sagt in seinem 
Proemio XTII; „en estos nuestros tiempos floresoio Mosen 
Jorde de Sant Jorde Caballero prudente: el cual cierta- 
mente compuso asaz fermosas cosas que el mismo aso- 
naba: ca fue müsico excelente/' Er spricht dann von 
seiner „cancion de opösitos'', d. h. Antithese (Tots joms) 
und von der „pasion de amor en la cual copilö muchas 
buenas canciones antiguas asi destos que ya dije (Ber- 
gadan, P. March, P. de Bellviure) como de otros", was 
eine CoUectivdichtung sein würde, wie die von Farrer 
und Torroella. 

I. C. Z. 96v° — C. P. 96 (Croada unifonant). 

1. Desert d'amichs | de bens e de senyor, 
En strany *) loch | e'n estrany' encontrada, 
Luny de tot be, | fart d'enuig e tristor 
Ma volentat^ | e pensa cativada, 
Me trob del tot | en tal poder sotzmes 
No Teig negüs) j que de me s'aja cora, 
E soy guardats , enclos *) \ ferrats e pres 
De qu'en fau grat | a ma trista Ventura. 



*) strany. Dies ist eins von den vielen Beispielen, welche bewei- 
sen, dafs 8 ein Silbe bildet, d. h. dafs man lesen muTs, wie wir heute 
aussprechen: estrany, — encontrada: comarca. 

«) C. P. voluntat. 

*) C. P. no vuy algu. 

*) C. P. en dos. Man könnte lesen: en clos (guardado en un lugar 
cerrado), aber vorzuziehen ist: enclos. 



J 



CtktüamiBche Dichter. 177 

2. Heu hay Yi«t temps | qne no-m plasia res 
Are-m content | d'a^o qni'm fay tristara, 
£ los grillons | leitgers ara preu mes 
Qu'en lo passat | la bella*) bordadnra; 
Ffortuna yey | qu'a (1. qa'ha) mostrat *) son voler 
Sus me TOlent | qti'en tal pnnt vengat sia 

Pero no cur | pns hay fayt mon daver 

Ab tots los bons ^) | qne-m trob en companyia. *) 

3. Car prench conort | de com sny presoner 
Per mon senyor | servint tan com podia, 
D'armes sobrat | e per major poder 

No per deffalt ^ ) gens de Gavallaria. 
£ prench conort | c'om no pot conqnerirj 
Honor en res | sens qae treball no senta, 
Mas d'altra part | cayt de tristor morir 
Com yey qne '1 mon | d^ revers se contenta. *) 

4. Tots aquets mals | no son res de sofirir 

£n esguart d'u | qai del tot me destenta , ^ 

£-m fay tot jorn | d'esperan^a partlr *) 

C*om no yeyrets | que-ns ^^ ayans d'una spenta ^ ') 

£n acun^ar^') | nostre desiinramen, 

£ mes com ^') yey | 90 qn-ns demana forpa 

Qae i<) no soffer | algun rehonamen; 

De que lengneix | ma yirtut e ma for^a. 



1) C. Z. bona. 

*) C. Z. que-m mostra. 

») C. P. bens. 

*) con todos los bnenos en cuya compafiia me hallo. £r schreibt 
companya^ aber man mofs companyia lesen. 

*) C. Z. defant jes. Vencido por las armas y por un poder mayor, 
no por falta de hechos de caballeria. 

«) Vielleicht mnfs man yerstehen: cnando yeo qae el mundo se 
contenta con lo opuesto (nach dem erhabenen Grundsatz, dafs die £hre 
Arbeit (trabajo) y erlangt); oder yielleicht einfach: se contenta de nuestro 
reyes (desgracia). 

7) C. P. al cor. 

^ me hace perder el tiento, el juicio. Vergl. cast.: desatentar, 
desatentado. 

9) separarme de la esperanza. 
^^ que-m. 

^^) spenta: empuje; proy. espenher oder empenher: empujar. Heute 
gebrauchen wir eapenta als Nomen und empenyer als Verbum. 

^^ C. Z. acunsar. £8 muTs dem proy. acuyndar, acoindar, acoirUar 
entsprechen in dem Sinne yon disponer, arreglar : ein Sinn, in welchem 
wir coindar gebraucht sehen. L. B. II, 406. 

^*) C. P. que — y mas cuando yeo lo que nos exige la Fuerza 
la cual no consiente ningun razonamiento. 

1*) C. Z. Qui. 



178 Mila y FontMuds 

5. Perque no say | ni yuj res al presen 

Que-m puixa dar | en valor d'una soor^a ^) 

Mas Deu tot sol | de qui prench fnndamen 

E de qui fin ^ | hi 'b qui mon cor 8*esfor^ , 

£ d'aitra part | del bon rey liberal 

Qui 3) socorra ^) | per gentiiesa granda , 

Lo qui-ns ^ ha mes | del tot en aqaest mal ; 

Qu'ell m*en treara«) | car suys jus sa comanda. 

Tornada. 
Rey virtuos, | mon senyor natural, 
Tots al present | no-us fem altra demanda 
Mas que-us record | que vostra sanch reyai 
May defalli | al qui fos de sa banda. 

II. C. Z. 98 vo (Estramps). 

1. Jus lo front port | Yostra bella semblan^a 
De que mon cors | nit e jom fa gran festa 
Que remiran | la molt bella figura 

De vostre fa^ | me 's romasa Temprenta; 
Que ja per mort | no s'en partra la forma 
Ans quant serai | del tot fores d'est segle 
Cells qui lo cors | portaran al sepulcre 
Sobre me (l. ma) fa^ | venrän lo vostre signe. 

2. Si com l'infant | quan mira lo retaula, 
E contemplant | la pintura ab imatges, 

Ab son net cor^ | no Ton poden gens partre, *) 
Tan ha plasser | del aur qui-U environai 
Atressi-m pren | denan Tamoros sercle 
De vostre cors | que de tants bens s*anrama, ®) 
Que mentre '1 vey | mes que Deu lo contemple 
Tan hay de joy | per amor qui-m penetre. 

3. Axi-m te pres ( e liatz en son car^re 
Amors ardents | com si stes en hun cofFre, 
Tancat jus claus | e tot mon cor fos dintre, 
On no pusques | mover per null encontre ; ^^ 



^) corteza. 

^) C. Z. suy. — hib für y'b, oder nach den, wenigstens in der 
Schrift, gebräuchlicheren Formen: e ab. 
8) C. Z. Qui'n. 
*) C. P. socorech. Sinn gibt nur die Lesart des C. Z. 

^) Vielleicht los quins, d. h. sooorrera a aquellos que. 

«) C. P. m*entenra. 
7) limpio, inocente corazon. 

^) no le paeden separar de la contemplacion del retahlo (cuadro). 
^ für enrama (se adorna). 
^^ moverme por ningun eneuentro (accidente). 



Catalsniflche Dtebten 179 

Cartftnt es grans ] Tamor qae«4is «i e fei^me 
Que lo meti cor | no-s part punt per angoxa, 
Bella de tos | ans esay ') ferm com torres , 

£n söl amar | a vod, blanxa colomba. 

4. Bella sens par, | ab la preveasa noble 

Vostre bei oors | bell feoh Deu sobre totes 
Gays e donös | Una pus qne fina pedra, 
Amoros, bels, { pus penetrans qn'est^ia, 
Don qnant vosrey | ab les antres ab flota 
Les justametz >) | si com fay lo canrondes 
Qae de virtnts | les fines pedres paasa 
Yos etK sus ley (1. leys) | oom l'estors sas Tesmirle. 

ö. L*amor que-ns ai | en totes les parts mascle , ' 

Qnan (qiiar?) non ameöh | pös coralment nuls homens 
Tant fort amor | com sesta que 'i cor m'obre, 
Ne foncbf jamays | en nol cors d'om ne arme 3) 
Mas sny torbats | que no foncb Aristötüls*) 
D'amor qui m'art | e mos sinch senys desferme. 
C'ol monjos bos *) | qui no*iB part de la setia 
No-s part mon cor | de tos' tant coin'dit d*ungle. ^) 

6. Ho (1. Oh) cors d'onors | net de fran e <delicte^ 
Prenets de mi | pietat bela dona, 
£ no snfiräts | qnez aman tos peresca, 
Perqu' eu tos am | may qne null» hom afferrae. ^) 
Perqu-us snppley | a tos qu'ets le ^ bells arbres 
De tots los fruyts | hon Talor girans pren sombre 
Qne-m retenyäts | en vostre valent cambre 
Pus Tostre suy | e seray tant com visque. 

Tornada. 

Mon rieh balays, ^ | cert tos portats le tiitibre 

Sus ^uantes son | ^1 mnndanal registre <^ / 



>) esay hat hier den weiten Sinn Ton mantenerse, resistir. 

^ Vielleicht: just'aTetz(?): las teneis cerca; oder es bedeutet wohl: 
dais ä conocer su Talor, las jnstipreciais (?). 

3) arma (alma). 

*) Aristoteles vencido del amor. - i 

') el buen monje. 

^ como el dedo no se aparta de la ufia. 

^ afirma, es decir, mi amor es en realidad mayor de lo que dicen 
otros (de este amor 6 del suyo). 

^ lefür lo. 

^ balaja, piedra preciosa. 

^^ Dieses Register wird sich auf [die Adelsbücher (Ubros nobilia- 
ffos) beziehen, worin sich die timbres und biasones der erlauchten Fa- 
milien befanden. 



180 Mili 7 PoBiamOa 

Gar totfl Jörns naix | en vos ^) cors e reoida ^ 
Bondatfly tirtuto | nies qu*eii Pantaailea. 

III. C. Z. 84 V® (Encadenada capcaudada). 

1. Axi com 8on | sub l'eapera ^) los signes 
Per instroir | los scientals astrolechs, 
Son en mi-dons*) | totes virtots insignes 
Qae divissar ) pusqnen alguns teoleehs; 
Les qoals hi mes | Dien qne n'a fet retaules 
Perque cascü | miran sa bella talla 

Yeja d'onor | cap, pes, mas es spadles^) 
£ quo pensan | en leys ha mes <) no faUa. 

2. Axi com dech | a Moyses (1. Moises) les taules 
Dien per gardar | de fallir lo seu pobles, 
Nos ha tram4s | sens monsongaes ne faules 
Per nostre be | de say lo sieus cors nobles, 
Be qu'el es tals | que tot lo mon abarca 

Le renoms sieus, | tan es valenz e casta, 
Perqu'eu Tapell | archius de prets e barca 
E fruyt deleyt ') | del quäl nagii no tasta. ») 

3. Si com saWech | Noe lains en Tarca 

Tot so que-y mes | en lo temps del diUuvi 
Salva mi dons | ley e eells de sa marca 
Ab son engeny | del yergonyahle flavi •) 
Qui per mon cor | on trop negat per £ama> ^^ 
Gar leys es tals | que no consent la taca, 
De Parlament | ne de faits ne de fama 
Perque'n lo preu | d'onor son pretz estaca. ^i) 

4. Si com deffes | Dleu lo fruyt de la rama 
Que non manges | lo primer pare nostre, 
Deffin mi dons | als qui per sieus reclama 
Qu'en fayts ni'n dits | alguns vlltats no-s mostre; 



1) Yos, scheint ein Gallicismus für -vostre. Vielleicht hiefs es: 
en vos creix(?). 

^ se anida (?); renace (?) 

*) espera wie im Prov. und Ital. für esphera. 

*) mi dama, wie im Prov. 

^ Es sollte heifsen: espaules (von espcU^iee) wegen des Reims. 

*) ha mes = james? 

^ prov. deleig oder deliet (deleitoso). 

^ nadie prueba (gusta). 

^ del rio de la vergüenza: hat einen Dante'schen Beigeschmack. 

1^ Dieser dunkle Vers scheint zu bedeuten, dafs in jenem Strom 
der Dichter sein Herz verliert und seinen guten Ruf (fama) ertränkt 
findet. Die unmittelbare Wiederholung des Wortes fama könnte den 
Argwohn erregen, dafs der Vers corriunpirt sei. 

^1) fija, clava; M. S. estancha. 



Catalaaisehe Dichter. Igi 

Ne teme ges | de perdre la persoaa 
Per far s'oaor | en montany» ne plaMa 
£ *8 en aycests ^) | ella 8*ami8tat dona 
£z als Tolpells ^ | ab vergonya 'Is manassa. 
5. Perqn' eu ayssi | com celifl qui 8'abandoaa 
Lansant-se en mar, | vai^n perda^ la fasta 
E preya Dien | qae 'I desllmra del hona, 
Me ren a ley | on gpran valor s'ajusta 
Sopleyant-la | qae-m retraga dels yieis 
Qui-m poden far | perdre Fonor del segle, 
Qu'eu en tal pnnt | en vey mos artificis 
Qu*en pcrill YMcb ( si per ley no m'arregle. 

Tomada. 
Reyna d'onor^) | tots homens tench per nicis 
Qui*n8 Tol d'amor | sopplear ne requerre, 
Car faom no-s pot j trovar en tos indicis 
Perque deiats | causa semblant soferre. 

rV. C. Z. 97 V**.*) (Croada e appariada la meytat; 
solta e retronchada per dos bordös). •) 
1.^) Pas que tan be | sabets de oambiar 
£ couaizets | moneda com sie ^ val 

^) seil, a los que obran con honor. 

*) cobardes. 

*) perda far perdre. — la fasta: el baque. 

*) Diese so ehrerbietige Prodaction möchte der Konigin Maria, 
der Beschützerin des Dichters, gewidmet sein, wie auch das divis an- 
zuzeigen scheint. 

*) Dies allegorische Gedicht (in welchem der Dichter eine Frau 
angreift, indem er sie mit einem Wechsler vergleicht), unedel von In- 
halt, obgleich etwas reservirt in den Ausdrücken, ist, abgesehn von 
der Gewandtheit der Ausführung, merkwürdig durch die Aufzählung 
alter Münzen: dineroa (kleine Kupfermünzen), florines (der von Arago- 
nien galt etwas weniger als der von Florenz), dueados (der del rey 
genannte galt soviel als der venezianische), doble esctido (er war einen 
Florin und 9 Gran schwer) , cruzado (was später real hiefs) , malla (ein 
halber dinero) , dinero jaques (in Jaca geschlagen) , cruzado maliorquin, 
dinero melguriense (maluyre, von Melgor) und de cabeza. S. Monfar 
II, 289 ff., Ribera 629—31 etc. 

®) Wir nehmen diese Bezeichnung aus den.L. A. Hernach werden 
wir „ab nn retronx<< von dem C. P. gebraucht sehn, wann das estri- 
billo von einem Verse ist. 

^ Der Conort von Farrer (C. P.) legt diese Strophe dem Mossen 
Jordi in den Mund, und zwar mit folgenden Varianten: pus que tant: 
pus axi; sie: sse; tenits: tenlu; perroquians: parroquians; guassanyets 
ab me: que guanyets ab mi. 

^ s'ic? Das Reflexiv verbindet sich auch heute noch mit dem 
Verbum valer in der gewöhnlichen Redensart: tant se val. 



1 



1^2 ^^^ f Foatanals 

Assat tenito [ prou eovinesi cabal ^) 
Si dnra taat J la taula d^esmer^ar % 
Perroquiaas | no-ii8 faltan per bon bus 
Mas io no crech | gaassanyetz ab me pus ;• 
Ja no matrets [ vostres diners mannts 
Ab mos florins | de pes ben conaguts. 

2. Flori de pes, | dacat [e] doble scut 
E mitj flori j^croat malla diner 
Masclat auretz | en lo vostre carner') 
Que contar may | no voletz per mannt*) 
£ creu que«u fatz | per franquesa de cor, 
Mas jur vos Den | que per aqueixa por ^) • 
Ja no matretz etc. 

3. Un bon flori | say qne val per tot loch 
D'aycest pais | honze sous o lo pes 

£ datz-lo Yos I per un diner jaques ^ 
£ no curats | si val mol mes o pocb; 
Cert ara fetz | lo guany de NA Peix-frit ?). 
Pero no cur | de vostre bon par tit^) 
Ja no matretz etc; . .i 

4. Un fin ducat | ^o que val hom be sap 
£ d'un escut | e doble qu'es d'or fi; 
Cambi fetz vos | ab croat melorqui 
£z ab diner | maluyres e de cap. 
Qni-us trametres | en Flandes per esmer^ 
No cregats Dieu | que'n hi volges lo ter^ ; 
Ja no matretz etc. 

5. Mas pus lo toch | dels matals fer sabets 
Prou destramen | que autre be no-us say 
£z avetz fayt | dels bons lo bon assay 

E com ets tals | que '1 millor vo '1 trietz. 
No-us pensetz vos '| que-us bo dia per me 
Qu aicest traut | no>us vull far per ma fe 
Ja no matratz etc. 



1) caudal, capital. 

^) tabla 6 mesa de cambios. Im Allgemeinen ist esmer^ar nego- 
ciar, dar empleo al diner o. 

9) Entspricht dem französ. chamier. 

*) no OS contentais de contar al pormenor y creo que lo haceis 
por generosidad. 

5) por este miedo (por miedo de lo que haceis?). 

®) M. S. de jaques. 

^ Wahrscheinliph ein berühmtes Fischweib. . 

8) Für partit (trato). 



Catftiftnische Dichter. Ig3 

Torbada. / 

EN Cftmbiador | tan aots de bona f e . 
' Que tot. es hu | en vo3 lo mal e U be; 
Ja no matretz etc. 

V, C. P. 97 v<>. Setje d'amorO fet per Messen Jordi 
(Encad^nada). 

Aiofitat vey | d'amor tot lo poder 
.. ; E sobre me | ja posat son^ for siti, ^) 

8i qae no-m val | for^a, giny ne »aber 
Tänt suy destrets ') | que no-m tinch gens per qniti *) 
De- perdr'el cor», | l*arm» e tbts-los bes 
Gar jo no paob | soffrir la Tid'ftstretay •., ) 

;Nel tresmuytar; | tan for cirreg ay.pres, ^ 

Perque la (a la?). fi | me convendra que-m reta. ^) 

Torimda. 
Reyna d*onor | en loch de Capitan 
Me doa a vos | e-m Tirdins vostra teuda 
Ab qne-m salvetz | la vida ftens engan 
£ sl no-u fets | non aurets bon' esmenda. ^ ' '• ^ 

Bndressa. 
Amors, amörs | no veig qu'eiats fer tan .' ' 

De vencre hom | ven^uts que (l. qo'a) vos se renda^ 
Maa «Tordi'-s ret | qui yos abs.al lo dan 
Fins cojn es morts | qu'en. algun temps se renda.* 

VI. C. P. 98 v**. Enyörament enuig dol e dispit 
(Encadenada). Beklagt die Abwesenheit. 2 Tornadas; 
in der ersten das divis : NA Ysabel. 



>) Dieser Titel, welcher den Inhalt des Gedichts anzeigt, ent^ 
spricht keiner Bezeichnung der L. A. Tastu, welcher bei Petrarc^ii 
eine neue Reminiscenz aus Jordi zu entdecken wünsqht, hebt aus dem 

Sonett XCI hervor: Amor E *1 suo seggio maggior nel mio 

cor tenne. Dies seggio bezeichnet: sede, asiento, und das setje des 
Jordi: asedio cerco. ... 

^ siti bezeichnet dasselbe als das setje. oben. Beti oder #tli:cat/, 
w^e sitio past. und siege fr. bedeuten zugleich sede oder asiento und 
asedio oder cerco. 

*) estrechado, apremiado, districtus, wie schon T. A. bemerkte. 
i Im Vida del marinere finden wir es als Substantiv : mala dona . . . en 

i destret vol teuer. 

*) libre fr. quitte^ cast. quito, Cf. Cron. rim. del Cid: que el rey 
quitase a Castilla. 

*) me rinda, von retre, 

^) Bezieht sich auf das Lösegeld, das die Gefangenen zahlen. 



184 Mila j FontftMls 

VII. C. P. 110. Da ¥er lo nom | e lo drei tal d'aymia 
(Encadenada). Wenige Damen so vollkommen wie die 
seinige. Tornada mit dem divia: Reyna d'onor. Endre^a: 
A dones prou (prous) — worin er bittet, dafs sie ihn nicht 
verwünschen wegen dessen, was er gesagt hat. 

Vin. C. P. 110 v*^. Ära hoiats | domnas que-us fan 
saber (Encadenada). Dieser Vers hat die Form des pre- 
gon. Er läfst die Frauen, von welchem Stande oder Glau- 
ben sie auch seien, wissen, dafs wenn er ihnen Liebe zeigt, 
alles Trug sein werde. In den Tomadas: Reyna d^onor.... 
Qu'eytal com vos, scheint er eine Ausnahme zu machen. 

IX. C. P. 102. Comiat^) de Messen Jordi. Sovint 
sospir I dona per vos de luny (Encadenada capcaudada 
von 2 Versen). Er beklagt den bevorstehenden Abschied, 
zu dem er genothigt sein werde. Er sagt, dafs er lie- 
ber sterben wollte. „Com fech Sent Pehir (Peir') o Sant 
Johan Babtista.^^ 

X. C. Z.; C. P. 112. Tot joms aprench | e desaprench 
ensemps. Jeder Vers enthält eine oder zwei Antithesen 
(Encadenada capcaudada: ABABCDCD— CEetc). Es 
finden sich 3 Verse und 3 Hemistichen aus Petrarca über- 
setzt. In der Tomada nennt er dies Gedicht vers reversat 
d^68oriptura und sagt, es könne dienen, möge man sehen 
aZ dret o al revers. 

XI. C. P. 129. Altra obra feta per Mossen Jordi 
de Sant Jordi uni^onant e aperiada la meytat En mal 
podiers ^) | enqueres en mal us. Er beklagt sich über 
die Liebe. 

XII. C. P. 97. Un cors gentil | m'ä tan enamorat. 
Lo cor e Is ulls e mon fin pensament (Encadenada). Die 
drei streiten, wer am meisten liebte. 2 Tomadas. NA 
Ysabel En bona fe. 

Xni. C. Z. 94. Cobla esparsa de Mossen Jordi de 
Sant Jordi (Croada e appariada la meytat). 



>) Ist das prov. comjat oder conjat, das sich indessen nicht als 
Titel eines Gedichts findet, 

^ podier für poder moTs ein solcher ProvenzaUamns sein, wie 
auch das a im Casus obliquus des Singular. 






Cfttalanische Dichter. Ig5 

No-m asssut d'bom ^) \ qu'en tots affers no sia ' 
Leyals e prous | com la fina balansa^, 
Ne-m assaut d*hoin | qne sincb jorns la semana 
.... en 808 dits | e vol ab drnts *) paria ^ 
No-m assaut d'hom | que-m len ploma ni palla 
De mon ^68^1 | ne-8 jacte de batalla, 
Ne-m assaut d'hom | que no aia vergonya 
Car de tot part | fa gorga com sagonya. *) 

XIV. C. Z. 99 V«; C. P. 121. 

Lo enuigs ^) de Mo86eii Jordi (Verse von 8 und 4 Silben) 
Enuig enamichs de jovent . . . 

Tornada. 
Tal senyor hay | on puix dir tan de be 
Qu*el jorn qu*el vey ( no-m pot falir en re. 

XV. C. P. 198 v^ (Taut mon voler von Torroella). 
Paria Mossen Jordi: 

Jarnos gnasanye tan en re 

Com quant perdi m'aymia 
Car perdent leys goasanye me 

Cni eu perdut avia; 
Petit giiasany fa qai pert se 

Heu creu guasany li sia 
Que m'era donat per ma fe 

A tal qui m'ansisia^ 

No se rabo perque. ^ 

1) Er zählt die Personen auf, die ihm nicht gefallen. Eine der 
Strophen von „Jo-m meravell" yon P. March bat dieselbe Form als 
diese esparsa und beginnt: No m*azaut d'om qu'aje us d'alacra (alacran, 
cast. ; franz. scorpion). 

^ fina balansa; aus dem Reim sieht man, dafs es heifsen müfste: 
fina romana (especie de balanza), ein von dem Abschreiber nicht ver- 
standenes und schlecht ersetztes Wort. 

«) drut; galan favorecido, wie im Prov. 
^) Le crece la garganta por todos lados como a la ciguefia. 
B) Das ennuigs war eine poetische Gattung (enuegz L. A. I, 348). 
Das obige ist von Bartsch in diesem Jahrb. II, 288 ff. herausgegeben; 
8. dort auch über die Aehnlichkeit dieses Gedichts mit einem andern 
des Mönches von Montaudon. ^ 

•) ausisia für aucia? Etwa auciria? Vielleicht sollte der Vers eine 
Silbe weniger haben und es einfach heifsen aucia. Wenn man wie 
oben liest, gibt es l^einen Sinn. 

7) In dem Canc. gen. von Antwerpen (Fuster I, 65) werden dem 
Jordi diese Verse beigelegt, ohne Zweifel das Thema einer danza: 
Esperanza res non (1. no-m) dona 
A ma pena confortar 
L'ora que vinch a pensar 
Qui ofent nnnca perdona. 
Jahrb. f. rom. u. engl. Lit. V. 3. ]^3 



Xgg Mila y Fontanal s 

Serradell. 

Testament d'EN Serradell de Vieh. Die Sprache 
dieses Gedichts scheint dem Datum (1419) zu entspre- 
chen; am Ende trägt es die Testamentsformel und es 
wäre nicht unmöglich, dafs sein Verfasser wirklich den 
Namen Serradell führte. M. S. Bibl. Bare. (Codolada). 

Un jorn cansat de treballar 
£ desitjös de rapansar 

Quant vespre fo 
£u retorn6 a la mayso 

Volent sopar . . . 

Er fühlt sich krank, beruft einen Beichtvater. Komi- 
scher Zwischenfall ; läfst einen Notar holen ^) , dictirt das 
Testament. 

En qui de fonts hay nom Bemat 

De Serradell, 
En tot mon seny si be-m sou vell . . . 

An einer andern Stelle nennt er sich lo Prom EN Serradell, 
Er gründet ein Hospital auf der Spitze des Monseny (mit 
Schnee bedeckt im Winter), von welchem er zum Director 
seinen Neffen, den „corredor" Jacme Planes, ernennt und 
ihm erlaubt, jeden Sonntag im Februar alle die, welche Lust 
haben zu diesem Ort hinaufzusteigen, zu bewirthen. Andre 
komische Zwischenfälle. Serradell fühlt sich schlecht. Es 
folgt ein geistlicher Abschnitt mit der Beschreibung des 
Paradieses: 

La flayra dol9a qui exirä 

Segons ay dit 
Del [sagratj cors de Jesuxrist 

E d'autres sants 
Sera plasent als adorants 

Axi fortment 
Que flors e ambre son nient 

A llur esguart; 



^) Er sagt , dafß er ihm ein Geschenk macht cTaicest pixer de fin 
argent. Der pixer (cantara, jarro) findet sich wieder im valencianischen 
pitxer, im catal. pitxell, im Patois pitcherro (anch im engl, pitcher) 
und im ital. bicchiere. 



Catalanische Dichter. I37 

£ dich TOS qae qni Is presentas 

Tots los jojells 
Viles, ciutatB, borchs e castells 

Q'om pot mirar 
Ells no porien sepparar 

D'aqaell esguart 
Tan flamegaat qae tots los art 

Per fin' amor. 

Er verlangt in den Himmel. 

Qaez an fill mea poga^s trobar 
Qai era mort. 

Es findet 8i()h anoh eine Beschreibung der Holle. ^) 

Pere Galvany. 
Dieser Dichter gehört dem Anfange des 15. Jahrh. 
an, da er sich auf das Schisma des Abendlandes wie 
auf ein gleichzeitiges Factum bezieht. Obgleich dieses 
Schisma rechtlich mit der Wahl Martins V. durch das 
Concil von Konstanz (1417) auf horte, hatte der Gegen- 
pabst Benedict XIII. (Pedro de Luna) in Aragonien noch 
Anhänger bis zu seinem Tode 1223, und an seiner Stelle 
wurde noch Gil Munoz gewählt, welcher erst 1227 nach- 
gab. Es scheint, dafs das Gedicht vor dem Tode Bene^ 
dicts geschrieben sein muTs. 

C. Z. 226. Pere Galvany per lo cisme (Croada). 
1. Pub yey lo mon es vengat en tal cm 
Qae leyaltat non es de fill a payre 
Pere, Joan volgr' aver mort son yratr«, 
£ Tereter l'aratador al v<u *) 
Anteerist es qui ve de pas a pas 
Gaerres bastint, dols, affanys e desayre 
Deus nos aiat e la Verge sa Mayre 
Sino del dot nos te '1 Satan al ras. 



>) Serradell citirt die bretonischen ^rzahlangen : 
Tristany ne fora combatut 

De Leonis . . . 
De Lan^alot ni Gobernal 
Mai s'es Uegit. 
2) Pedro y Jaan (este y el otro, fnlano y zatano) quisieran ver 
mnerto a sa hermano, y el heredero al heredador (al qae ba de de- 
jarle la berencia) en el sepalcro. 

13* 



Jgg ~ Mila y Frontanais 

2. Per aqnest mala ha Dens perm^s lo ccta 

Que 'Is cardenals han fayt lay al Sant Payre etc. 
Jaquint lo ver eliegint un llur fayre etc. 

Jeder entsprechende Vers aller Strophen endigt mit 
demselben Worte cas^ payre etc. Diese Spielerei ist in 
den Leys d'amors nicht vorgesehen, die als erstes Muster 
von coblas retronchadas eine Strophe hinstellen, deren 
Verse alle mit demselben Worte endigen (I, 280). 

Ramon 9ftvall. ') 

Es gab einen Rath von Barcelona von diesem Namen 
1393 (Fei. 11,342). Im J. 1411 wurde Ramon ^avall von 
dem Furstenthum Catalonien an den Infanten Fernando 
von Castilien, spätem Konig von Aragonien gesandt, mit 
der Bitte, aus jenem Reiche die castilischen Truppen her- 
auszuziehen. Nach diesen Daten, welche mit der Sprache 
des Gedichts in Einklang stehen, mochten wir den Dich- 
ter in den Anfang des 15. Jahrhunderts setzen, trotzdem 
die „Bauernbanden" auf die Erhebung der pageaos de 
remensa zur Zeit Juan II. bezogen werden könnten. 

C. Z. 226. Strophen von 7 Versen ABBACCA — 
ADDAEEA etc. Die erste beginnt: De mal saber | ab 
verinös coratge. Die zweite lautet: 

Pensar no pux | que 'Is homens de peratge ^ 

Haguessen rey | si fos a lur voler; 

So qn' eis fig | mes e 'Is fa lo cor doler 

Es temps de pau | com non han sous ne gatge: 

Los ciutadans fan | stament reyall 

En lur vestit | meten guay e caball ') 

En breu fondran | e mudaran penatge. *) 



*) Die erste Silbe dieses Zunamens ist der Artikel es, sa oder ^a, 
ces (gebildet aus ipse, ipsa) auf den Balearen in Gebrauch, in Cata- 
lonien aber fast verschwunden, ausgenommen in den Ortsnamen: Des 
(Del)-Pujol, Ca(La)-Roca, Ces (Les) - Gunyoles. 

2) ¥xa paratje, Hombres de paraje, de solar; solariegos: welche 
den Infanzones Aragoniens und den Hidalgos Castiliens entsprechen. 

') 1. guany e cabal, es decir no solo la ganacia (6 venta) sino tam- 
bien el capital. 

*) plumaje. 



Catalaniache Dichter. 189 

Die Kaufleute zu Pferde bilden zahlreiche Cavalca- 
den; die Handwerker gefallen sich zu klatschen, essen 
viel und arbeiten^ wenig; die Bauern (pctgesos) werfen sich 
auf die Schlächterei (a carnatffe)^ Banden bildend (menant 
bandositats) und „pentinats van ab los coUars brodats/^ 

Tornada. 
Dona del mon | qui fes lo pariatge 
De Deu e hom | per qui fom reperats 
Pregats per nos | qui som descaminats 
Lo vostre fill | qui 'n vos feu son hostatge. 

Endressa. 
Mete-8 cascü | la ma en son coratge 
E Vera si | d'aycel mal es tocats 
£ si-u ven dar | lunye-s de taU barats: 
Prenets mos dits | per peres e formatge. ^) 

Es folgt in dem C. Z. (vielleicht von demselben 
^avall) eine Coble ab resposta. 

Vostre dona 's ablatiua 
Que-us fa esser vocatin .... 
Mi dona 's indicatiua 
Qui-m fa esser obtatiu. *).... 

N Andrea Fabrer. - 

T. A. (Bibl. Esc). Comenza la comedia de Dant... 
trasladada per 'N— Andren Fabrer, Algutzir del molt 
alt princep et victoriös senyor lo rey D. Alfonso d'Aragö, 
de rims vulgars toscans en rims vulgars cathalans. — 
Completum fuit die prima mensis Augusti a nativitate 
Domini MCCCCXXVIII »). Santillana: „Messen Fehler 



1) tomen mis dichos por peras y queso. Es wird sein wie im 
Castil.: estas son tortas y pan pintado. Der Dichter will sagen, dafs 
er in seinen Invectiven sich hätte stärker ausdrucken können. 

^ La beutat nominatiua 

Che avets e'l gran valor 

Dona de pretz genetiua 

Mal cuia de ma dolor etc. (Mahn Ged. I, 165). 

*) Vgl. auch Jahrb. V, 56. Der junge D. C. Vidal hat eine Abschrift 

dieses Codex zur Veröflfentlichung vorbereitet. Dieser Aufzählung 

der Dichter, die wir für die ältesten unter den catalanischen halten, 
fügen wir hinzu, dafs wir in dem C. Z. 112 unter dem Titel: „Lo 
jutge d'auren^a** (Aurenga? Orange) die folgende Strophe finden, die 



X90 ^^ y Fontansüs, Catalanische Dichter. 

fi^o obras nobles: e alguns afinnan haya traido el Dante 
de lengua florentina en catalan, no menguando punto en 
la orden de metrificar e consonar.^^ 

In der Collectivdichtung des Torroella (Tant mon voler) 
findet sich eine Strophe: „aquell lay que dixFebrer^^ 

C. Z. 206. O Deu a qui dir^ (dir?) ma langor 
Qui-8 planyera do mon greu plant 
Qni pendra part de ma tristor 
Sera mill (1. mills) tant leyal amant, 

Qui de mon zant 

Qa' en la mort xant 

Mostre semblant 

D'ayer dolor. 

Barcelona, December 1862. 

M. Milä y Fontanals. 

(Aus der Handschrift übersetzt von dem Heraasg.) 



alt scheint und dieselbe Form und Reime zeigt als die des „No sap 
cantar qui 1 so non di <* von J. Budel : 

Hanch diable no s'adormi 

Ne james no s'adormira, 

Ans vetla contra mi en va 

£ no repausa ne ha fi, 

Per 90 'm (90 om) deu vellar atressi 

Qu'a m*ala nit no ladra ca. 



Morris, Anticrist and tbe Signs before the Doom. 191 



Anticrist and the Signs before the Doom. 
Now first publißhed from a Cottonian Ms. 

The following short poem on Antichrist and the signs 
of the Doom is, now for the first time, transcribed &om 
the Cursor Mundi (Cottonian Ms. Vespasian A iii), a col- 
lection of Scripture narratives, legends etc. in verse, writ- 
ten in the Northern or Northumbrian dialect. The lan- 
guage presents several f eatures of considerable interest to 
the philologist, and affords a good opportunity of studying 
some of the peculiarities of the dialect of Northumber- 
land as spoken in the latter part of the XIII^^ and the 
beginning of the XIV"* Century. Early literature makes 
US acquainted with three leading English dialects, the 
Southern (or West Saxon) , the Midland (or Mercian) and 
the Northern (or Northumbrian). These dialects were 
during the XIIl*^ and XIV*** centuries spoken within 
certain well deiined geographical limits. They had much 
that was common with respect to vocabulary and gram- 
matical structure, but there were differences of inflexion and 
idiom which have exercised an influence upon the literary 
dialect and are still to be traced in the English language 
as now spoken and written. The Southern dialect is 
remarkable for the tenacity with which it clung to the 
forms and inflexions of the Anglo- Saxon speech. 

Not only do we find it retaining inflected demonstra- 
tives, plurals in en (as houaen, honden^ peasen)^ and the 
genitive plural of nouns (as clerken^ of clerks, thomene 
of thorns, wermene of worms), but also the accusative 
of adjectives (as godne, gratne etc.) and the inflexion 
of the verb upon the model of the old West -Saxon 
idiom: 



192 Morris 

Iiitinitire Mood lov^- 

Preaent Teoae (Ifldic. Mood). 
SiDguJar. Plural. 

^love laveth 

lovest loveth 

loveth loveth 

Faät Tenae« 
loved loven 

lovedat loven 

loved loven * 

Imperative (PI.) l<roetk 

Imp. Partie, luvend^ lovinde: Perfect Part, y-lov&d. 
The Midland dialect, while rescmbliiig the Soutbern 
in manj^ respects, coDJugated its verbs as follows: 
Infinitive Mood loven. 

Pres CD t Tense. 

Singalar. Plural. 

love loven 

lovest loven 

loveth loven 

Fast Tense. 
loved loveden 

lovedat loveden 

loved loveden 

Imperative (PI.) loveth 
Imperf. Partie, lovend^ lovond 
Perfect Partie, y- loved, 

The Northumbrian is distinguished for its absence of 
inflexion and the simplicity of struetnre and grammatical 
forme. In it we find very few'plurals in en\ no inflexions 
of adjectives, and the yerb had the following uniform 
conjugation. 

Infinitive Mood love. 

Present Tense. 
loves loves 

loves loves 

loves loves 



Anticrist and tBe Signa before the Boom. 193 



Fast Tense. 




loved 


loved 


loved 


loved 


loved 


loved 


Imperative. 




2. Sing, loves 




2. PL loves. 





Imperf. Partie, lovand 
Perfect Partie, loved. 

The Northombrian pronouns are unlike the Southern 
ones. 

Sonthem. Northern. 

!■* pers. (sing.) ich Ic, I 

3^ pers» sing. fem. JieOj ho sco^ sho 

3** pers. pl. hiy he thai^ tha 

heoTy hör (here, ha/re) thair^ thar 
heom^ hont, hem, harn tham^ thaim. 
So for ilk^ whilk, swilk the Southern dialeet prefers ech 
(ichy uchjy which (whuch)^ swich (swuchj zuich). 

The Northumbrian vocabulary contains a large num- 
ber of words unknown to the dialeets of the South of 
England, many of which are of Norse origin. 

Few forms are more common than the foUowing: 
at = that (conjunction); a* = to, at say = to say; 
thivy ther == these; slike = such; fra = from; omell = 
among. 

The Old English dialeets have, as yet, received 
but little attention from English phüologists, certainly 
not as much as they deserve, when we consider that 
many peculiarities of grammar and vocabulary still in 
existence are only to be explained by supposing that all 
these dialeets contributed to form the language now spo- 
ken by the English people. 



194 Morris 



Fat anticrist o danis sede, 

Sum thing of him es for to rede ^) ; 

He {>at saa fild o godds gram^, 

Quarfor he sal ha suilk a nam, 
5. Ffor|>i es he cald anticrist, 

Ffor he sal he gains Jhesa Crist, 

Agains Crist, |)at es to say, 

Ffor gain his werc ha sal werrai ^. 

Crist come meke ai in his tide^); 
10. He sal cumme reth^^) raisand in pride; | 

Crist come at^') do the lagh^) to rais, 

]pe siuful for to mak rightwyse; 

Bot he sal cum the meke to feile ^), ^ 

Sinful rais, sa sais |>e spelle*); i 

15. Alle god theus ^<^), wit might and maiu, { 

He sal warrai^ al thaim again; ! 

J>e gospelle and al hall writt. 

He sal fordo, wa worth his wiit; 

He sal do rise alle maumentri i ^) , 
20. And clepe ^') him godd seif al mighty. 

}>is anticrist has had ful feie ^^ 

]^at has til his servis ben lele. 

Als antioche and domiciane; 

And nu {>ar es wel maui an ^^), 
25. Ffor quatkin man sum-ever it es, 

Ute o |>e rule o rightwisnes, 

Oi|>er land or relegion, 

Or clerc, or manc, or canon. 

And warrais |>at |)at pal suld wer ^^) 
30. Of anticrist |>e nam mai bere. 

Nu sal yee her i wil you rede **), 

Hu {)at anticrist sal brede, 

Nathyng sal I fene yow neu, 

Bot |)at I find in bokes treu. 
35. firi7) Clerkes telles ^sX er wise, 

{>at he o Juus king sal rise; 

And o |>e kind man clepes ^^ dane, 

{>at prophet mas ^^ o |>U8 his nam. 

Dane he sais neder in strete, 
^0. Waitand hors to stang*®) in fete, 

To do J)e rider falle bi |)e way. 



*) to be told 2) anger ') war *) time *) wrath ^) to ^ law 
^) to put down ') Story *^ customs ^^) idolatry ^^) call **) many 
>*) one 1») Protect i«) toll ^^) these ^^) makes >») sting 



Anticrist and the Signa before the Doom. 195 

{>at als nedder sal he sitt, 

{>at alle |>aa >) men {>at he mai witt ^ 

Ridand in {>e reule o right, 
45. He sal f>am smeit and dun ^am light. 

He sal ^am give fnl attre^) dint*), 

Ute of f>air troath {mm for to stint. 

O fader and moder he sal be born, 

Als other men es bim biforn '), 
50. Bituix a man and a woman, 

And aoght of a maiden allan*), 

Als it es foli tald o sinn; 

Nogfat tnix a biscop and a nnn, 

Bot of bismer brem and bald, 
55. And geten^ ofaglotnn scald^, 

}>at |>ar mai be na foler tuin^. 

Geten in sin, and born in plight^^*), 

Over alle he sal be maledlght. 

In his getingii) {>e feind of helle 
60. Sal crepe in his moder to duelle; 

Maistnr of ermr and of pride, 

{>ar-in he sal his birth abide, 

J>of 1*) he be in prisnn banden i*), 

Als it in hall writt es fanden >^), 
65. |>at Seint Gregor seif has wroght; 

{>ar*for he sais, he lies noght, 

pe kind o strenght |>at he had ar>^), 

t>of {>an his might be laten mare, 

{>at his might es noght sal bee knaun; 
70. Ur laverd has don it als for his aan, 

Ffor is he moght, al wald he quelle >*) 

Ffor^i, he banden has {>at feile i^^. 

He sal be lesed ^^ |)an o band^*). 

And mikel wa'<^ sal werc in land. 
75. |>is es he {)at sorfuPi) dring**), 

We rede of in bok o sceuing *») ; 

An angel he sais i sagh lendand *^) , 

Wit a mikel cheigne in band. 

And bar |>e kai |>e mikel pitt 
80. Als sais Sant John in hali writt. 

To pe dragon suith»*) he wan**), 

}>at men calles devel and sathan, 

And in pat pitt him sperd^^ fast, 



^) those *) know ') poisonous *) biow ^) before ^ alono 
^ couceived **) scold •) combination ^^ sorrow ^^) conception 
ia)thoagh i») bound i*) found ") formerly, before i«)kill i7)wretch 
>*) let loose 1*) bond *0) woe *!) aorrowful ^^ chieftain ^^ book of 
revelations **) descending ^5^ quickly **) went 27^ gj^ßt 



196 Morris 

For to be laisd ^) at f»e last 
85. To-qulls a thasand yeir at |>e last; 
Quen ^at thusand yeir war past, 
To walk bis forth^ fra f>at quile'), 
And mani man for to bigile ; 
Right sna {>e devil sal descend 
90. In anticrist moder lend <), 

To fiUe ^at caitif ^) ful unclene , 
And umbelai*) hir al bidene, 
AI in bis weild^ bir to receive, 
And do bir ^oru a man conceve, 
95. {>at al |)at birtb |)at ^ar es born, 
Be wick«) and fals and felun lorn*), 
Ffor|>i bis nam es cald wit right, 
Sun o tinsel ^^ , |>at maledigbt ; 
Ffor al J)at be may wire ^ar-to, 

100. AI manskind be sal fordo i^). 
Of bis geting i tald yow ar, 
Of bis birtb I teile you quar i^; 
Ffor als |>at crist bim-selven cbese ^^ 
Be born in betbleem for ur ese, 

105. His maidenbede for to bring in place, 
{>at be tok for us wit bis grace, 
Rigbt sna sal |>e feind bim |)is 
Cbese i") bim stede i*) o birtb iwise **), 
{>at best es titeld til bis stalle, 

110. Quar^^ es {>e rote of ivels alle; 
{>ar left o godd men makes sin in, 
J>at es, tun o babilon wit-in; 
{>is tan was qoilom ^^ cbefe o pers, 
O mani otber alsna divers, 

115. A tun o selcutb 1^ mikel pride, 
Hefd ^^) o maumentri |>at tide; 
Betbsaida and Corazaim, 
}>ir taa^^) cites sal foster bim. 
Ur laverd snaips ^O) |)ir tua tnns , 

120. And |>us be sais in bis sermuns: 
„Corozaim ai be ye waa 
And sua be ye Betbsaida, 
And Capbarnaum ai wa ye be! 
{>e sinfal san sal regne in |>e; 

125. {>of ^oa |>e rais np until beven, 
To belle depe sal |)ou be driven." 



1) =loused=let loose *) way *) time *) loins •) wretch *) lie 

witb 7) power" ^) wicked ^) lost lo) perdition ") ruin **) where 

1') cbose 1*) stead, place '*) certainly *®) formerly ^^) wonderful 
>8) bead *») two '^ curses 



Anticrist and the Signs before the Doom. |97 

Norys him aal enchaunters, 

O nigranci and o jugulors, 

Of alle maner o craftes *) ill« % 
130. Of alle falshed {>ai sal him fille, 

l>e wicked gastes •) his wiers *) 

Him folaand in al his afers. 

To Jurselem sal he ßij)en*) fare«); 

Alle |)at he cristen finds {>are, 
135. K |>ai wil noght tnrn til his lare^, 

He sal |>am sla witaten spare; 

And in pe temple o Salamon 

{>an sal bat traitur sett his tron, 

J>at al Was feld lang si|)en gan ^ ; 
140. He sal do rais it eft«) o stan ><0. 

Circumcise him ]^ar he sal, 

And goddes snn him do to calle. 

^e grett kaisers and |)e kinges, 

And alle suilk ") laverdinges ^*), 
145. Turn |>ai sal til him titesti^j, 

And si|)en |)aas '*) other at his list **), 

Overalle |>ar crist was wont to ga, 

He {>aim sal over-gang ^^ alsna. 

Bot first he sal do alle destrn 
150. J)at halud was of nr laverd Jhesu; 

Si|)en over J)i8 werld wide, 

He sal send sand ^^^ wit mikel pride, 

His prechars for to spelle !•) his wille, 

Alle for |)e cristen lagh to spüle !•). 
155. Ffra est to west, fra north to soth, 

He sal do mak his sarmans cuth><^; 

He sal do mani signe to scene'i) 

^at nan ne haf of forwit**) sene; 

Thoner23) o-loft «*) fal sal he gar 2«), 
160. And tres brathli blomes ><^ bere; 

Brathli to do |)e se be reth *^, , 

And brathli to do it be smeth 2^); 

O thinges sere^^ J)air natars 

Turnid to be in sere figurs; 
165. Cains kind and wit devils craft, 

J)e bums»«) for to rln»') obaft^S); 



1) works ^ bad ') ghosts, spirits *) protectors *) afterwards 
6) go ^ lore, teaching *) long since gone ^ again i") stone ") such 
'2) lordings, lords ^') the soonest >*) those ^*) pleasure ^•) over-go 
^^ message ^^ preach !•) destroy »^ known *^) to appear, shine 
*«) before «») thunder **) aloft ^6) cause ««) flowers «?) fierce 
28) smooth 29) divers '<>) streams *') run ^S) out of straight course 



198 Morris 

{>e wind to do rngbli^) to rise, 
pe stormes do man sare to grise^; 
To rais pe ded fra mans sight, 

170. Sua selcuthli') to scea his might. 
Bot it-be moght nr laverd chossing, 
He sal [alle] unto his errur bring. 
Bot alle sli^) thinges wroght wit art, 
O sothfastnes ^) sal ba na part; 

175. With jugulori Jiai sal be wroght, 
And fantum be and «lies noght. 
Als Symon Magus in his quile 
Bight sua sal he {>e folk bigile. 
Als he did wit sli craf^ til an, 

180. He slog^) a scep, wend^) him ha slain 
{>e godmen sal snilk se be wroght, 
{>ai sal be studiand in |>air thoght, 
Qae][>er f>at he be crist or nai 
t>at pai of here ^e scriptur sai. 

185. It^) es na land« |)at man can iMven^, 
Under pe rof of cristes heven, 
{>at he ne sal do |>am to be soght, 
To bring f>e cristen men to noght. 
He sal him seif al do to rise 

190. Again f>e lele on thrin ^^ wise, 
|>at es to say, wit gift or au") 
And wit signes for to scau. 
pai ^at in his trou|> wil bebold, 
Sal plente haf o silyer and gold; 

195. Ffor alle J)e hordes i«) J)ar i«) ar hid, 
Sal hali^^) in his time be kid^^); 
paas ^at he ne mai wit giffces drau 
Until his trou^, he sal wit au; 
And |)ai f)at he mai noght wit dred 

200. fe signes sal he fand i*) to spede*^; 
And qua ^^) wil noght bileve him sua, 
He sal {>am wirc ful mikel wa, 
Mani sorful pain to drei^»). 
And si|)en drerili ^o) to dei. 

205. {>an sal I>ar rise in {>at siquar 
A soru, suilk was never ar, 
Sin man was made bituixand {)an, 
And si|)en |)e werld first bigan. 



1) roughly ^ to terrify, frighten ^) wonderfuUy *) such *) truth 

«) slew 7) thought s) there 8) name lO) three ") awe=fear ^2) trea- 

sures >') pat? ") whoUy ^*) made known ^^) try *^ prosper 
18) who 1^ suffer ^o^ sorrowfuUy 



Anticrisf {m4 tbe Signs before the Doom. 199 

{>an sal {>ai fle |)at wald be hidd, 
210. And to |>e feiles i) sal I>ai bidd^); 

"Felles falles apon us dun, 

To hiden us fra f^is felun"») 

And he {>at in hns *) es stadd, ^) 

{>at time sal he be radd;^ 
215. Never sal him reck qtiar ute to win 7) 

To bileve«) al his werlds win») 

To funden be; sa sal he sterck i**) 

Over hogb ^^) to lepe his hals ^^ to brek. 

{>an sal alle |)ai, scortli ^3) to sai, 
220 ,pat es fanden lele in cristen lai'^, 

Oither to Jhesu Crist forsake "), 

Or underli !•) sa waful wrake^^, 

Wit ime, or fire, or atter beist, 

Hn f>at |>ai mal {)e hardest; 
225. And sua wit sere manere o pine, 

In crist J)a sal haf blisful fine i«) 

J>is dreri ^*) time |)at yee of here, 

Sal lastand be half thrid yere'<)) 

Ffor his derlinges, {>e stori sais, 
230. ür layerd sal do scort^i) J>e dais, 

Ffor if I)e dais ne scorted were, 

Unnethes suld ani flexs be fere^»). 

|>e time o |)is anticrist come^*), 

And of ur laverd dai o dorne, 
235. Sant Panle |)U8 sais in his sarmuns, 

To |>e folk of 1)6 Tessaluns: 

Bot-if dessenciun bitide, 

And he be cum men {)e chlld o pnde, 

{>at es bot-if discord and striif, 
240. Over al I)is werld be runnen riif, 

{>ora {>e sarrezins and |)e anticrist; 

His tome^^) sal be ur laverd crist. 

We wat bath ^oru stori and wers, 

|)at |)e kingrikes**) o grece and pers, 
245. War hefd kingrikes^*) in form-tide, 

Wit pottste*«) Aorist mast o pride; 

And 8i|)en was rome at pe last, 
/ Of alle {)aas oJ)er over-mast 27), 

{>at |)ar suld be na lede ^^) o land 
250. J>at rome ne suld haf over-hand^»); 



J) hills *) pray ^ wretch *) house *) placed ^ afraid ^ go 
ö) to deposit ®) possessions ^^) endeavour ") = how, hill i^ neck 
1») briefly i*) law i«) deny i«) undergo i^) vengeance ^^ ending 
19) ßorrowful 20) two and a half years 21) störten 22^ gafe 23^ coming 
**) time 2«) klngdoms *^ pow^r ^tj uppermost ^sj people 2») upperhand 



200 Morris 

{>at alle folk to rome sald heild i) 
And trouage*), als til hefd yeild 
Sant Paul sais for ^is resun; 
{>at flrst sal be dlssenciun, 

255. Ar anticrist sal cum in land, 
|>at es |>us-gat at understand; 
Bot 3) alle kingrikes |)at rome was under, 
Fra laverdhed^) o rome |)am sundre, 
{>at arst war under romes au, 

260. J>e anticrist him sal noght scaa ^. 
|>i8 tidd noght yeitt o romani, 
Ffor |)of it armd es grete parti, 
AI quils |)e frankis kinges es; 
J>at agh«) J)e imparnr o rome to wiss;^) 

265. O rome Imparre {>e dignite, 
Ne mai na wai al perist he, 
Ffor in |)aa kinges sal it stand 
AI to-quils^ {)ai ar lastand. 
Ur maist^rs telles o ^is chance, 

270. t>at {>ar sal be a king o France, 
{>at of |)e romani sal Impire 
Hali laverd be and sire; 
He sal be, in pe last dais, 
{>e mast^ king of alle it sais; 

275. Bath |>an sal he be mast^ 
And of other alle |>e last. 
J>is king sal be umset^^^) wit sele'*), 
Efter fat^*) he has regned wele. 
{>an bis regning es til end 

280. To iarselem |>an sal he wend; 

{>ar sal he bath yeild up of band, 
His coran and bis king wand^'), 
To Jhesu Crist ur dere drightin^*); 
Sua sal [^is] cristcn kingrike fine,' 

285. And alsna of |>e Imperi of rome. 
{>an sal wel sone |)e anticrist come, 
Efter Sant Paule |)e Apostel sais; 
He sal him son al in |)aa dais, 
{>at sinful man wituten mak>^, 

290. {>at soruful sun and ful o wrak^^, - 
J>e warlau 17) aun child to wille, 
His Werkes wrangwis to fulfille; 
He sal be cald his aun sun, 
AI wickednes in him to won; 



') bow 2) fealty ^ except *) lordship *) show •) ongfat 
^ direct «) whilst •) greatest i^^) surrounded *i) bliss i*) according 
as »») sceptre i*) lord i*) eqnal i«) yengeance ^^ wizard 



Anticrist and the Signs before the Doom. 201 

295. AI falsbed and feloni i), 

And al tresun sal in him lii; 

He sal him rais sud hei on hight, 

t>at men sal wen p&t he es dright^; 

He seif sal do to ra«en bim 
300. Oyer godds alle o pe ald tim, 

Over Jabiter and Apoline, 

{>at godds war o sarazine, 

Heier |)an ^aim he sal bim bere 

For he sal be weil >) mightier. 
305. He sal man do him for to ros *) , 

Over-al •) t)at man to wirscep «) dos , 

Ute-oyer |)at hali trinite, 

|>at aght over-alle^ wirsceped be. 

In J[>e temple sal he sitt, 
310. And do men falsli for to wiit, 

{>at he es |>at ilk crist to lete, 

{>at hight ^ J>am was thom prophete. 
> {>ar sal he do him circnmcise, 

And sceuing^ make of bis maistris, 
315. „lam {>at Crist <S I>An sal he sai, 

„That you was hight ^ for mani dai; 

Nu am I comen al for yur hele". 

}>ns sal he to |)e Jnas mele*): 

„Cnmen I am to gedir you 
320. pat has ben scaild ^^ ai to nu<<. 

The luns sal scort {>am {>air consail, 

And tum {>am tille bis tronth al hail; 

t>ai sal wene crist at nnderfang > *) , 

And sal receiTe |>e gerard sträng, 
325. Als crist has to |>aa Inas bald, 

In bis gospell« forwit^^ tald. 

„I come in mi fader name, 

And yee me seke with mekil gram i^), 

If anoither cum in bis aun, 
330. Fful snn yCe sal til him be draun<<. 

Als sibil sais in hir spelling><), 

{>at in time o I>is forsaid king, 

Constans man sal him clepe ^^ in lede^^, 

He sal half mikel laverdhede 
335. Of romanie and alle |>e impire, 

And o grece he sal be sire'^; 



*) crime ^ lord ^ much *) praise *) everywhere •) honour 
^) promiscfd ^ manifestation ») teil lo^ deceived ") reeeive ^*) be- 
fore 1») wrath 1*) Story i») call »«) land *?) lord 

Jahrb. f. rom. u. engl. Lit. V. 2. J4 



202 M<>"*» 

A mikel man o statar hei, 
Ffair in faciun for to sei, 
Lnyed wel wit-aten lame^, 

340. Wit-nten last*) al his lieam.*) 
Mikel riches f>an sal be, 
^e erth sal give o frnt plent^; 
{>e mett^) o quete, als it es tald, 
Ffor a peni it sal be sald; 

345. Wine and oyle [of] I>at ilk pris. 
{>an sal fra noght a folk ris 
{>at Alexandre spred in gog. 
And in a land {>at hight^) magog; 
{>at fnle folk nan nith may mele 

350. O {>air nnmbre f>at es sa feie. 
{>is ilk forsaid unlaus^ lede, 
Over-alle landes sal |>ai sprede. 
And do {>e men to drede ful sare, 
To fellis^ fle to hide |>am |>are. 

355. Man flezs sal |>ai noght spare. 
Es na mete {>ai sal yem mare; 
Hors and ass, woman and barn, 
Sal nan ha might |>air might to warn^; 
Bot at {)e last the romain king 

360. Sal of his ost mak gret gadering; 

He sal bring {»am alle to |>e gründe, 
And at I>e last |>am alle confnnde, 
Gains Sarazins grett werrenr, 
Bath destrui {>am tnn and tur, 

365. And o {>e maumentri |)air temples alle, 
And to {>e baptime he sal I>am caile, 
At^ tarn to crist |>at scedd his blöde, 
In temples he sal rais the rode. ^^ 
Quen |>at I>is ilk dughti^i) dring i^ 

370. Sal haf an handret hinter king 
Ben and tneWe, {>an sal he fare 
To iorsalttn, als tald eS^are, 
And yeild np {>are his diademe, 
To |>at layerd |>at ai sal deme, 

375. }>e cristen kyngrik up to yeild 
To Ihesu I>at has al to weld ^S). 
Tua prophetes |>an sal cum in hü, 
{>at es enoch, and als ^*) heli, 
I>at gain ^>) |)e saut^«) of anticrist, 
380. Sal do |>e lele to be wamist. 



>) fanlt *) fault «) body *) measure •) called •) unloosed 
') hüls •) forbid •) to ^^ crop *') powerful i*) chief '») rule 
'*) also 1») against ^•) attack 



Anticrist and the Signa before the Doom. 203 

He sal |Mun teche, he sal j^ani rigfat. 

And strength |>am again {>at fight; 

^e laus sal convert, aU it sais. 

Alle |>at fanden bes |»aa dai8, 
385. Qaen ^ai falfiUed has |>air servis, 

J>e anticrist sal gain') {»m rise; 

The bok o spelling scaus sua, 

t>at he sal |>an bath {»am sia. 

Quen |)ai ha lien tna dais, 
390. Til liif ur laverd sal |>am rais, 

J>aas o|>er alle he mai orer-reke ^ 

Wit suerd he sal apon |>am wreke^, 

Or do |>am for to crist renal ^) , 

If {>ai sal bere ^air liif away. 
395. Alle {>at he trujn him sal ger, 

In frunt |>ai sal {>e taken ber. 

Bot quen |>at ilk warlan bridd, 

His caitivt^ has tua yelr kidd ^), 

Tua yelr and a half ^Kt-io, 
400. Wit alle |)e droving") he mai do, 

Over al {>is werld on leng|> and brede^ 

Nameli^ again |)e cristen lede^ 

}>at alle {>at wille, him sal witstand, 

Sal coronnd be to liif lastand; 
405. t>an sal ur laverd apon him send, 

}>is dome {>at sal him drive til end; 

Ffor crist com sal be sa bright 

Him sal of stand sa mikel an'), 

{>at alle {>e filthe« of his mangh ^o) 
410. Sal brist ^1) ute at his hindwin i*), 

Ffor dred he sal haf of drightin. 

Sua sal he peris, al be-seeten, 

Bath wit driten and soru-beten, 

And o|>er maisters ma for|>i. 
415. }»at folns |»e word o gregori, 

Sais Sant Michel sal him qaelle, 

In papilon, that mikel feile ^'), 

In ^at stede in his aon stal; 

{>at f>is be soth^^) fal wel mai falle. 
420. Ffor if Sant Michel cum to place, 

To dome befor ur layerd grace, 

Him sla it sal noght his vertu, 

Bot elles wit bidding ^^ o Ihesu; 



') against ') over-reach ») take vengeance *) deny ^ known 
«) trouble, vexation breadth «) especially «)dread ^^ maw ^^) Ijurst 
^*) anus ^5) hill ^*) truth '^j command 

14* 



204 



Morris 

And stabili agh i) we tru «) als stan , 

425. t>at als-saith^) als he bes slan, 

Crist sal noght cum bis dorne to del, 
Bot als we find in Daniel, 
Ffourti dais he sal (tham) yate*), 
^at fallen ar ute of |>air State, 

430. ^oru foluing o |>at fals prophet, 

{>at |>ai mai f>am wit penance bete^), 
Quen {>air penaunce til end es wroght. 
I understand alle in mi thoght, 
p&t es na man sa wise |>at mai 

435. Teile quen sal be J)e last dai. 
Bot he ^at al has for to yeme; 
Alle es in bis wille to deme. 
{>e last dai |)at alle sal end, 
He give us laverd wit bim to lend. 

440. Of anticrist wrang and wogb^) 
Me thinc {)at I haf redd inogh, 
Bot i mai nagat bot i mene ^ 
{>aa cruel dais and {>aa kene, 
Ffore domes dai |>at sal be sene, 

445. Wit sorful signes {>aa fiftene; 

If yee o J)am wille list») a thrau»), 
I sal yow teile o t)aim soth-sau^^ 
^ar es na man in erth sa feile, 
J)at herken herteli wil J)is spelle, 

450. O J)is wreched werlds end, 

J>at be ne bis liif agh to mend. 
Gret signes sal nr laverd make, 
Ffor to sceu J)e wie * ^) his wrak , 
Als il es tald o Jeremi, 

455. Zorobabel and o Ysai; 

Ala Jerome sais |>at man wel truns ^^, 
Sais he fand i^) in |)e bok o Juus. 
Que|>er |)ai sal hal on rau i^) bitide, 
Or enterwal bituix |)am bide, 

460. }>at undos he us nour-quar, 

J>of he was mikel clerc o lare i*). 
J>e iugement a little are^*), 
}>at nan sal of |>e feluns spare, 
Sal ur laverd his migbites scau , 

465. {>at nan it sal in erth knau. 
Hider nu I bidd |)am drau. 
Alle |)ai |>at of bim Standes au, 



*) ought ä) belle ve ') directly, immediately f) grant ^) amend 
«)wickedness 7) teil 8) listen ») a short time lo) true-saw »i) wicked 
i^ trows »3) found ^*) lore ") before 



Anticrist and the Signa before ihe Doom. 205 

And herken soa that i sal sai, 

{>at he wenid ^) noght he fles awai ^. 
470. Soa sorful sight was nerer a 

^at |>ai sal bide sal teile owa. 

{>e first dai sal i of rede, 

Ffal mikil it es al for to drede, 

Ffor I)ar sal falle dun fra |>e liift *) 
475. A blodi rain» a dreri drift. 

{>e erth sal be al rede of heu, 

Ne sagh i never suilk a deu. 

Childer in moder wamb to lii, 

Wit-in {>air wambs sal |>ai cri, 
480. Wit hei not and lüde Steven *) , 

„Mierci nu laverd king of heyen, 

Ffor to be bom ha we noght mint^), 

{>ou do it laverd us for to stint*); 

Quar to snld we be bom to dai, 
485. Quem al thinges sal turn to waiV*' 

Gretand^ |>ai sal calle on Ihesu, 

„Lanerd ha merci on alle na.<< 

{>e to{>er^ dai to bide iwisse, 

It sal be welle war^ {>an {>iB. 
490. I>e Sterns ^<^ wit J)air lemanc^^i) leven *^ 

Fful saddli i*) falle sal ptA dun fra heven, 

Es nan sa wel fest o {)am alle 

{>at it ne sal dun |>at dai falle: 

And titter 1^) sal {>ai rin on grnnd, 
495. j^an fire-slagh ^^) dos quen it es stund. 

{>ai sal on erth rin her and |>ar, 

Wepand als {)of {>ai men war. 

Na Word {>an sal Je quether*«) sune i'), 

Til |>at |>ai be alle fallen dune, 
500. Unto {)e abime wit-uten sight. 

And {>ar {>ai sal haf tint ^^ |>air light, 

And worth^^ al blak snm ^^ ani cole; 

Loverd how mai, we I)an ^is thole*^), 

{>at es sua sulwed ^^) in ur sin, 
505. And als we wonden war I>am in! 

Efter |>e tua fnles |)e {>rid. 

An uncuth>S) dai {>an es it kidd, 

{>at {)e mone, Jat es sa scene'^) 

Quen it es in |>e waxand sene. 



1) weni8 = thinks *) let him that believes not flee away *) sky 
*) voice 5) mind «) cease ^) weeping ^ second ») worse i«) star» 
»») gleaming >*) light ") heavily ^*) quicker i») lightning i«) wea- 
ther 17) sound ^^) lost »») become 20) as «>) suffer »«) soiled 
'») Strange «*) bright 



1 



Morris 

510. Sal becum rede als ani blöd, 

{>ortt dred of him [that] was don on rode. 

On ertb don it sal descend, 

Bot {>ar [it] ne sal na wigbt lend >), 

Bot to |>e see {>an sal it rin, 
515. And f>ar sco ^ sal hir bide f>ar-in, 

Ffor to fle |>e dai of au, 

Quen crist sal com bimself to scan. 

{>e fer|> signe efter ]^e t>re, 

Sal be fiil griseli>) on to see, 
520. }>at |>e sun |>at es sa brigbt, 

And ser?is al |)is werld o ligbt, 

It sal becum |>an fnl unfair^) 

Dune ^) and blak sum ^ ani bair; 

Quen it es f>e falrest on to loke, 
525. At middai time, als sais pe bok, 

Blacken it sal I>at ilk time, 

J>at nan |>ar-wit sal se a stime'). 

AI laTerd ful wa sal be |>at man 

t>at ne sal have na mercy |>an. 
530. To |>am J^at he bis wretb ^ sal ky tb >) 

Ne sal |>ai never fra ^an be blitb. 

Uggeli 10) sal be |)e fift dai, 

Mare ]>an ani tung can sai; 

Alle bestes dnmb under ^e lift, 
535. Up |>an sal I>air hefeds lift, 

Apon nr layerd for to cry, 

If |>ai moght spek at ask merci. 

Rigbt to I>e air al sal |>ai ria 

Ffor dredness^^) |>ar to bide |>am in, 
540. And |>an cry sal wit 8tiJ)er i*) steven, 

{>an nu mal do ten or elleven, 

Alle for dred of bis cuming, 

}>at dome sal deme of alkin tbing. 

I>e sext dai es redd i') in rune i*), 
545. Quen al |>is werld batb dale and duneH), 

Even ilik ^^ be sal wortb all«, 

^e daJs uprise, {>e felis dunfalle, 

And al |>i8 ertb nu under heven, 

Sal be |>at dai ilike al even, 
550. Ffor drednee o {>at demster ^^. 

{>e pes sar al tum into were ^^, 

{>e ertb sal quak, never ar sa fast, 

Tur and tun al dun to cast; 



^ 1) stay s) sbe >) dreadful «) dark ^ dan *) as *P^^ 
•) wratb •) Show *«) horrible ") fear »•) stronger »») told 
") Story ««) bin ") alike i7) judge i8) war 



Anticrist and the Signi before the Doom. 207 

{>aii «8 na werc sa sträng, or walle, 
555. {>at it ne dun ^at dai sal falle; 

Wodd and walle al dun sal dran 

O denuter |>at dred-fdl an. 

Sorfnl sal be {>e signe sevend, 

Mar |>aii sex |»at i ha neyend i). 
560« |>e tres foreasten sal I>aDi pain 

For to right j^am up ogain, 

Dun ^6 eroppe, npward {m rote, 

mnrthes |>an es nan to mote*); 
Ungainfnlli |»an sal |>ai quak, 

565. t>at alle |>e erth it sal do scak; 

Nof^t a leif o |>ani sal last 

Quen |>at J^e gref) of ^am sal brast, 

Larerd! qnar sal we |>an rest 

Qnen nan sal wite^) qnar {»am to nest 
570. Alle wanes ') fiat time sal us be wane *) 

Bot we ne haf I>e grace of ane. 

{>an behoves alle folk to die, 

"poTVL sorfnlnes |>at |>ai aal drei ^. 

}>e aghtand^ signe it has na mak*), 
575. Nan forwit^^ o sa mikel wrak; 

Of hir Chanel |>e see sal rise 

To hide it, bot it may na wise 

It sal brest over dale and dna ^ ^) , 

Alkin thinges for to drnne, 
58b. Bot he ne us fall |>at bas it tald, 

t^at waa Moses f>at ald i^). 

Up to |>e lift^^ rise sal {»e se, 

{>ar wit strenght to get entre. 

t»e fixses |>at |>ar in er Stade ^<), 
585. {>at we mak us oft of glade, 

Til erth [o] wai |>an sal |>ai fle, 

And wene |>at God |>am mai noght se; 

Again |>e se |>an sal it drau, 

Don fra the lift unto |>e lau^^), 
590. Until hir chanel |>an sal sco turn, 

And alsua to''|>airs ilk bum^^. 

The neuund^^) sal be cruel and kene, 

Was nan suilk o |>aa forwit^^ sene, 

Wit speche sal al thing |>am mene^*) 
595. Als it wit mans muth had bene; 

1 dran to warand Saint Austine, 
{>at spekes hu |)is werld sal fine^^'). 



1) named *) discuss *) tears *) know *) walls *) wanting suffer 
•) eighth »)equal i«») föreknows ")hill ^^^oldman i»)sky i«)placed 
") pit ") stream ^^ =:neynd, ninth "^before ") mention *<>) end 



208 Morris 

{)ai sal cri on ur layerd dright, 

„Haf mercy on us for {»i might, 
600. Laverd Godd |>at lastes ai, 

J>ou sal as do to wite ^) awai, 

To turn again als noght we war; 

Laverd {»oa lat us noght forfar*).^ 

{>e tend>) ntenemes^) es for to neyen, 
605. t>at es na halas under {>e heven, 

And he^en seif it sal be ferd^), 

Qain him {>at wrogbt middelerd. 

Als at ns teils Saint Jerome, 

And Gregor |>at was pape of Rome; 
610. J>e seif angels sal quake unqneme*) 

Ffor dute of him {)at alle sal deme; 

For |>an sal quak sant, Cherubim, 

And alsua sal do seraphim; 

Na creatur sal I>an list plai, 
615. Sant Petre sal be dumb {>at dai, 

{>at he a word ne sal dnr speke; 

Ffor dute o demester J>e wreke ^. 

Ffor heven he sal se part in sundre, 

And he sal here it cri to wonder, 
620. Bath cri and brai for dute and drede, 

„Ha merci larerd' for nu es nede.<* 

{>an sal ^ai |>at in helle es cropen, 

Quen sal seine {>e hevennes open, 

paa warlaus ^) alle sal walk |>an ate , 
625. Sant Faule sais, it es na dute; 

Herkens nu quat |>ai sal sai, 

Ffor dred ^ai sal haf o |>at dai; 

„Ihesu Crist, laverd {>at wroght ns a 

In heven, and si|>en it tok us fra, 
630. We haf it tintt wit gret foli; 

In J)is gret nede to f)e we cri, 

J)in wrethe havd werc in wa 

|>at ^ou ute-wandre us suflers sua, 

Caitives {>at nu sorus mare, 
635. |>an ever in helle we won war ar; 

{>an yeild us gain ur ostel nn, 

{>at US es reft, and we ne wat*) hu, 

We wald it underfang'O) ful fain^^), 

If we moght havö ur erd again. «* 
640. pe signe o {>e dai elleft, 

It es na skil that it be left; 

') vanish *) come to ruin ^) tenth *) chiefly *) frightened j 

•) disquieted »7) Tengeance *) faithbreakers *) know ^^ receivc | 

») terrify ] 



Antierist and the Signa bdfore the Doom. 209 

Sair t>Bi sal do for to grise, 

Windes on ilk side sal rise, 

Sa fast gain oj^er sal j^i blau, 
646. ^ar es na tang ^at it may scau; 

^e erth {)ai sal do for to rifti) 

And up ont of |>e sted to lift. 

{>e devels nte sal be fordriven, 

O |>at erth {)at sal be riren; 
650. Bers |>air bodis in f>at air, 

pat sight it sal be fol unfair^. 

J>an sal {>e rainbow descend 

In ha') o galle it sal be kend^) 

Wit |>e wind sal it melle^), 
655. And drive |>am dnn alle antil helle, 

And damp<>) |>e devels |)ider in, 

In |>air bale alle for to brin'), 

And sal {>am bidd to bald |>am {)ar, 

Aboven erth to cum na mar. 
660. {>e term es ciimen haf we ^ sale ^) , 

|>e income to be in yur bale. 

|>an sal |)ai bigin to cri and calle, 

„Laverd godd ur fader of alle, 

{>oa lat US ander erth be hidd, 
665. {>at we ne be here na langer kidd.'* 

pe twelft signe es of soras sere, 

{>ora might of him {>at alle can stere. 

{>at es na man in erth wroght, 

{>at agh to lat it ute o tboght, 
670. And for to mend bis lyf |>e nuire, 

To Ihesu |)at nr levedi bar. 

Heven it sal be loken again, 

Sal nan be |)an ^at thai ne sal qaaini<>) 

Ha-gat here na mai we lend ^^). 
675. Qaen alle thinges draos |>as-gat til end, 

pe angels {>at in heven sal be, 
' Sal knele dnn befor cristes kne, 

And sal cri merci to {)air king, 

t>at |>a se bun i') til alle thing. 
680. Ffor |>at rethnes i«) sal |)ai be radd^*), 

^ai se overal ^^) |>e werld sa stadd i^; 

Quen angels sua sal dred {)at pas, 

O sinful quat sal worth i^) alias? 

J>e thrittend sal be to *®) snelle *•) 
685. Mar {>an man wit tang mai teile. 



1) rend ^ dark ') hew *) seen *) mix ^ dash ^ bun ^) yef 
*) shall ^^ whine ii) remain ^^ ready ^') fierceness, wrath i<) afraid 
15) everywhere i») placed ") become ^^ very **) quickly 



210 Morris, Antiierist aad the Signa b«lore the Doom. 

O |>at sorfnl grisli dai, 
J>at Crist sal til Mb seaftes^) scau 
Quen alle |>e stanes |>at are made, 
linder ^e lift in werld brade, 

690. Abore I>e erthe and bine|>en, 

Right an[t]o {>e abime fra be{>en'), 
Sal smitt togedir wit all maght>), 
Als thoner dos wit firen^) slaght^, 
Wit herd dintes mone «) ptd kyeth^), 

695. t>an nan has heven to be blith. 

Wit thran[g]ing ^ sal Jai samen •) threst lo) , 
{>at al to pieces sal |>ai brest^i). 
^is sal be lastand al a dai, 
t^e.signes o |>is sorful plai. 

700. {>e men {>at |>at dai sal o^erbide, 
Under a feile |>ai sal |>am hide. 
{>e dai fourtend sal be ful il, 
Til al Je werld it sal be grillt); 
A stormi dai, a stret of an, 

705. Bath o frost and hall and snau. 

J>an sal |>ar cum bath thonder and levin ^^)y 
And drove^^) al that es under heyin; 
{>e cludes to the se sal rin, 
Ffor to hid |>am |>ar-in, 

710. Ffor to fle f>at dai sa bremei«), 
J>at ur laverd sal deme. 
Quat sal |>e fiftend dai? 
Als I haf fnnden i sal it sai; 
Men sais and soth al be mai falle, 

715. ^ai it salle ending be of alle. 
{>i8 midel erth ful wall [a]wai, 
AI to noght sal brin awai; 
The se that umlukes ^^ |>e land, 
And watres alle that rivers in Strand, 

720. AI sal turn again to noght. 

Als {>ai war first, ar al was wroght, 
Heyen and erth to be mad neu, 
t>at ever sal be {>an last and treu. 



*) creatures ») hence ») might *) flery *) flash •) shah ') make 
known »j pressure, foroe »)together i<7thmst ii)bur8t '^jjjreadful 
18) ligbtning »*) trouble ") flerce i«) Surround 

London. 

Richard Morris. 



Tobler, Li dis det YIII blsMiu. 211 

Li dis des VIII blasons. 
Von Jehan de Batery. 

Ch'est li dis des .Ym. blatonB. 

Ensi comme auentore mainne 

Ciaas qa*elle tient en son demainae, 

Qni 8*en ceurent par le pays, 

Fui Tautre ionr moult esbahU 
5. De mes seigneurs que i*ai pierdnf, 

Dont dolans fui et yrascas 

Et en ai au euer grant contraire. 

Mes antre cose n*en puis faire 

Fors que tant seulement prijer 
10. A dieu le pere droitnrier, 

Qui faice a leur ames pardon 

Et si leur doinst saluatlon 

Lassns en sa saintisme gloire. 

Mol ceminant en teil memoire 
15. Parmi le pays de Barry 

Con cils qni ot le euer marry, 

M'en ving au giste en le rille; 

Descendus, ce n'est mie gille, ^) 

Puis fui^ menes en rne salle 
20. Qui ne fu pas orde ne salle, 

Ains estoit noblement paree 

Et moult cointement paintnree 

De Couleurs de pluiseurs manieres 

Qui estoient nobles et cieres. 
25. La auisai ge maint blason 

Et maint escu de grant regnon 

Que ml gentil seigneur portoient, 

Qui de leur biens me confortoient 

Au tamps qu'il estoient en nie; 
30. Caseuns d'iaus auoit grant enrie 



1) Kichtelision des stummen e yor einem Vokale, wie im vorher- 
gefaenden Vers, ist nicbt selten, vgl. 110, 212, 305. Die Stelle scheint 
aber sonst verdorben; vielleicht ist zu lesen: M^en ying au giste en 
vne ville, Descendi etc.; vielleicht aber steckt in au giste der Name 
einer Stadt von Berry, vielleicht in Descendus, welches leicht etwa 
aus D'issoudun entstehen konnte. 

') Hdschr. fu menes 



212 Tobler 

D'escoater biax mos et Maas dis; 
Ihücrist leur doinst parradis, 
Car maintenant plus n*en dirai, 
Vne autre fois em parlerai, 

35. Quant il sera tamps et saison. 
Kant i'ou soupe en le malson 
Dont ie uous ai au deuant dit, 
Coucier alai sans contredit 
Et m'endormi en grant pensee. 

40. Mes ains que le nuit fust passee, 
Vieh en dormant tel exemplaire 
Qui doit a oir cascun plaire. 
£n Celle salle y ie gisoie 
Et ou lit on ie me dormoie, 

45. Me fu visablement auis 
Que iou ueoie vis a vis 
.VIII. dames douces et piteuses 
Qui toutes estoient songneuses 
De dire moi leur uolente, 

50. Et cascunne par uerite 

Par grant humelite portoit 
.1. escu qui moult biaus estoit 
Et moult plaisans a regarder. 
La ne me poi onques garder 

55. Que les dames ne saluasse 

Et que ie ne leur demandasse 
Comment elles auoient non. 
— Amis, et nous le te diron, 
Puisqu'il le te piaist assauoir. 

60. II a passe mout lonc tamps uoir 
Que ne fusmes si tourmentees. 
Nous sommes dou tout esgarees, 
Se hardemens ne nous radrece. 
Compains, on m'apielle Proecce; 

65. Mes i'ai pierdu mon cier ami 
Qui auoit grant fiance en my, 
Et ie rauoie flaute 
En lui et loial amiste; 
Car onques iour ne me menti, 

70. Mes tout adies se combati 

Pour garder m'onnour et mon droit. 
Se ie le plains, i'ai tresboin droit , 
Car ie uoi proecce enterrer 
Et ceualerie arrerrer ') 



^) Hds. arrer. 



Li dis des VIII blssons. 213 

75. Contre droit et contre raison. 

Yrai diens, qaant aerrai le saison 

Par qaoi ie soie radrecie 

Et qne ma basiere drecie 

Soit ensi com il le portoit 
80. Par les cans ou se deportoit 

Si biel et si conrtoisement ; 

Qu'il ^) n'estoit painne ne toorment 

Qu'il ressoingnast, se diex m'ayoie; 

Mes tont adies tenoit^ sa noie 
; 85. Oa 11 sauoit ses anemis. 

Ensi mes tresloians amis 

I S'est portes sa nie et son temps. 

II n'estoit ^erre ne contens 

Ne biax fiais ne toumois ne ionste 
90. Qne il ne fost adies de ionste 

y en la presse tont denant, 

De ceste cose bien me nant. 

Et uolentiers auoit Fonnonr, 

Fnst en toumoi v en estour 
95. y en ionstes ▼ en bataille. 

Est il donqnes raison c*on faiile 

A mettre ses fais en escript? 

Nennil, par le donc IhQcrist. 

Car il n'est menestrel de bonce 
100. Qui ia y doie anoir repronce; 

Car cascnns se poet bien nanter 

Es fais don prince raconter 

De qnoi ie te faic mensciön. 

Je croi a mon entention, 
105. James ionr ne recounerrai 

Teil ceualier a dire nrai. 

Et pour Tamonr de lui ie porte 

Cest escu, dont ie me deporte, 

Et m'est anis qnant ie le tieng 
110. Qne ie uoie en son maintieng 

Encore en nie le bon roi 

Qni le portoit en son arroi. 

Regarde, il est escartelles 

De genles et si est bnlles 
115. D'argent snr asnr, ce me samble; 

Et sour les geules ha ensamble 

.II. lions d'argent, conronnes 

De fin or, et si sont ongles 

D*or et s'ont les qneues fonrchies. 



1) Hds. qui ^ Hds. de uoir 



214 Tobler 

120. Qui noblement y sont coucies. 
Sur les quartiers buUes d'argent 
A .II. lions qui sont moult g^nt, 
De geales, coaronnes sont d'or 
Et oDgles par les pies encor. 

125. Or t* auise bien sour ce point, 
A fin que tu ne mentes point. 
Car on doit rimer et escrire 
Cose c'on ne puisse desdire. — 
Et qnant j'ouy Proaiche adonques, 

130. Mes si ioians ie ne fui onques, 
Pour Tonnenr, ponr le reuerencbe 
Ke Proaice par ezellenche 
Me disoit par loial amonr. 
La m*agenoillai sans demour 

135. En disant: — Ma tresciere dam«, 
Ou il n'a orgoeil ne diffame, 
Je uous 1) rencb grasces et miercbi 
De cou que uous m'aues dit chi. 
Car a tous les boins conterai 

140. Ses fais et les ramenteurai ^ 

En quelconques lieu que ie soie. 
Mes, dame, se diens me doinat ioie, 
Dites moi comment a a non 
Celle dame.de grant regnon 

145. Qui la porte par grans delis 
Cel esca point a fleur de lis, 
Bordes de geules tout en tour. 

') 

— Amis, dist eile, et tu Torras, 

150. Et ie croi que mieus en nauras. 
Compains, on Tapielle Francise, 
Yne dame de bonne guise. 
Or ua a lui si le salue 
Comme dame de grant ualue. — 

155. Adont a lui parier alai, 
A mon pooLr le saluai 
Et lui dis: — Dame grascieuse, 
Je pri la yierge glorieuse 
Qu'elle uous doinst bonne auenture. 

160. Proaice, qui aime droiture, 

M'a dit qu« de uous m'aprooaise, 
Dame, et que ie uous demandalse 
Toute la propre uerite 
De cou que mes cuers a pense 



>) Hds. uois? >) Hds. Et ses fais et ramenteuerai -^ 
3) Hds. Raum für eine Zeile. 



Li dis des VUI blasons. 215 

165. Et pen86 encore iour et niiit. — 

— Amis, dUt eile, ne t'amdt. 
Cest eicu a flenr de lis pamt 
Qae tu uois deaaat moi empaint 
Granti) ezemplaire segnefie 

170. Je 8Qi>) pries d'estre deaeonfie 

De mon pouoir et de m*oimour, 

Se Ihncrist par uk doucour 

ProcaiDnement ne me radrece; 

Vinre me faut en gmat destr^ce, 
17&> S'aucnns bona chenalier uaUlant 

Qai a honnour ne soft laillant 

Ne me retoarne*) a hardement 

Asprement et Tigrensement. 

Tu uois qne c'est oose notaire; 
180. Ponr cou a tant ie m'en uoel iaire 

Et noel sooffrir ma patience 

Et grant doeil et en peatilence. — 

Ensi Franchise a moi parla 

Et sa uolente me compta, 
185. Et me sembla que ie le vi^) 

Parier ensi eon ie uons di. 

En .1. autre liea regardai 

Et yne dame y anisai, 

Qu! fa GentiUecce nommee 
190. Et portoit, c'est cose pronnee, 

.1. escn Yermeil bien tailliet 
' A .m. peus qai forent nairiet 

D'argent snr asur de recief, 

Et de fin or estoit le cief. 
195. Geste dame par sa bonte 

Me dist tonte sa nolente. 

— Amis, dist eile, entent a moi. 
Ses tn la raison et poar.quoi 

Je porte en ma main cest eacu? 
200. Plains estoit de boine viertu 

Ciens qni le portoit sans dontance, 

Et si fn nies dn roi de France. 

Je, c'on appielle Gentillece, 

Demoorai en Ini et largece 
205. Et tonte ioie et tonte honnour. ^) 

Le siemimea sans deshonnonr; 



1) Hds. Quant ^ Hds. foi ^ Hds. retoument 

^) Vielleicht zu lesen: que ie Toi 

») Vielleicht ist der Punkt nach V. 204 statt nach V. 205 zu 
setzen und in diesem Falle zn lesen: En tonte i. 






216 Tobler 

Mes il a dare poi de temps, 

Dont ie sui en mon euer doubtans ^) 

Que iames si boin ne recoeure 

210. Qu'il estoit en fais et en oeare. — 
Apries Tne autre dame vint 
Si doucement qne il couuint, 
Qui^ auoit a non Loiaute, 
Et .1. escu de grant biaute 

215. Doucement portoit en sa main, 
Et si jaous dl tout de ciertain , 
L'escu fu d'or, ce n'«st pas fable, 
A .1. lion rampant de sable. 
Loiaute fort se dementoit 

220. Et moult souuente fois dlsoit: 
— He, gentils cheaalier loiaus. 
Tu ies or') mors pour les roiaus 
Et pour loiaute maintenir. 
Or ne me sai mes v tenir; 

225. Car loiautes est adiree, 

Qui par toi estoit honnouree. 
He, mi lasse, que deuenrai? 
Loiaute, en quel part yrai? 
Car mes plus souffissans amis 

230. Sont mort ensi con m^est auis, 
Si ne sai mes quel part aler. 
Je croi qu'il me couuient finer. — 
J'anisai en .1. autre lieu 
Vne dame a .L euer pieu, 

235. Qui bien sambloit iestre esploree; 
Sobrietes estoit nommee. 
.1. escu portoit deuant li 
De fin or, pour uoir le vous di; 
Vne bende y auoit sans doubte 

240. De geules, .III. aigles en route 
D'argent sur le bende seans, 
Qui bien y furent aferans. 
Sobriete par grant tristece 
Disoit: — Frans dus plains de largece, 

245. Ciertes, eil ne m'amoient mie 
Qui si tost t'osterent la uie^ 
Cil qui t*ont mort par leur outrage 
M'ont fait a ceste fois damage. 
Je prie a dieu que il te doinst 

250. Paradis et qu'il te pardoinst. 



*) Hds. fui e. m. c. doubtemps ^ Hds. quil ') Hds. es pries 



Li dis des VIII blasons, 217 

Se il lui pl«st, tous les pecies 

Dont ta ins onqnes entecies. — 

Pnis vi uenir de*aier8 senestre 

Vne dame qui en sa destre 
255. Main portoit .1. moult rice escu 

D'asur, dont ie fui yrascn. 

Et a fin que cascuns Tentende, 

D'argent y aaoit vne bende 

Et si anoit d'or .II. cotices ^) 
260. Potencies sens nal malices. 

Hardiece trop se*) plaignoit* 

Et en disant se complaignoit: 

— He, gentils ceoaliers hardis, 

Qai onqaes ne fastes tardis 
265. Des biaus fes d'armes radrecier, 

Caseims doit ton non essancier, 

Et plas a le mort qn'a le Tie. 

n n*estoit bonne compaingnie , 

Toomois ne iouste *) ne cembiaus 
270. Que tes gens corps hardis et biax 

Ne uansist iestre en tous boins fes. 

Se ie te piain, ie n'en pnis mes. 

Or te doinst diex neoir sa face 

Et de tes mans pardon te face. — 
275. Tantost ^) apries, se dies me gart, 

D*autre part toumai mon regart. 

Karite Tic viers moi nenir 

Humlement sens desconnenir, 

Qui estoit em bon apareil 
280. Et portoit .1. escn vermeil 

A .II. saumons et a eroisetes 

D^argent, qui forent naitelletes. 

Mes trop fort regretoit le conte 

Et disoit, pour uoir le vons oonte: 
285. — Jeban de Biteri, biau sire. 

De la mort dou conte grant yre 

Hiraut et menestrel aront, 

Kant le uerite en saront. 

Car nolentiers les confortoit 
290. Et as gens d*armes departoit 

Des biens que dieus li ot prestes. — 

Pour cou le plaignoit Carites, 



! 1) Hds. concices ») Hds. le ») Hds. ioustes 

I *) Tantos 

. Jahrb. f. rom. u. engl. Lit. Y. 2. 1^5 



218 Tobler 

Qu'il estoit dous et caritables 

Et en tous ses fais ueritables. 
295. Puis vic uenir, quoi que nuls die, 
, Aussi con de uiers Normendie 

Vne dame de tous biens cointe, 

Qui fu d^obedience aoointe. 

.1. escu de geules portoit 
300. Ouquel .11. faces d'or auoit; 

Mes trop faisoit mauuaise eiere. 

Je me retrais .1. poi arriere 

Et nie pingnonciaus et banieres 

Et timbres de pluiseurs manieres. 
305. Mes trop a faire y aroie, 

Se deuiser les uous uoloie, 

Et seroit mon dite trop grans. 

Sar ce polnt m'esueillai engrans 

De faire .1. dite de mon songe 
310. V il n*a goute de mencongne. 

Mes touteuois ie prl a dieu 

Qu'il doint em parradis leur lieu 

As rois, as cheualiers, as contes 

Pour qui prononcies est eis contes, 
315. Tant qu'en le gloire celestial 

Soient tout par espescial, 

Et toutes armes ensement 

Doinst li dous IhüB sauuement 

Et nous aussi sans contredit. 
320, Jehan de Batery son dit 

Plus gentieument ne poet trouuer, 

Et a fin c*on puist mieus prouuer 

Que ce soit ueritable coze, 

Vous trouueres escript en gloze 
C 
325. L'an.mil.III.XLVI. 

Que nos seigneurs furent occis 
En le bataille de Crecy. 
Ihücris leur face miercy, 
Et nous doinst tous bien uiure au siecle 
330. Li rois des rois qui sans fin siecle. 
Amen, explicit. 

Vorstehendes Gedicht von Jehan de Batery (V. 320) oder 
Biteri (V. 286), das erste, das meines Wissens von diesem 
Dichter bekannt gemacht wird, ist der nämlichen Handschrift 
der casanatensischen Bibliothek entnommen, aus welcher im 
zweiten Bande des Jahrbuches Jehan's de Condet dit dou 
roagnificat und in der Bibliothek des Stuttgarter literarischen 



Li dis des VIII blasons. 219 

Vereins weitere Dichtuogen desselben mitgetheilt worden sind 
und deren Inhalt an beiden Orten verzeichnet worden ist. 

Ueber die bei Grecy (den 26. August 1346) gefallenen 
Adelichen des franjEosischen Heeres , deren Andenken der 
Dichter feiert, geben Froissart und Villani hinreichenden Auf- 
schlufs. Ans des ersteren Chronik führe ich hier folgende 
Stellen an: 

„Le vaülant et gentil roi de Behaigne, qui s^appelait mes- 
sire Jean de Luxembovirg, car il fut fils de Tempereur Henri 
de Luxembourg, .. . alla si avaot sur ses ennemis que il ferit 
un coup d^epee, voire trois, Toire quatre, et se combattit moult 
vaiUamment; et aussi firent tous cenx qui avec lui etoient pour 
Taccompagner; et si bien le servirent et si avant se bout^rent 
sur les Anglois, que tous y demeurerent, ni oncques nul ne 
s^en partit; et furent trouves lendemain sur la place autour de 
leur seigneur/^ (Ausg. von Bnchon, II, 361 — 363. Die Gra- 
fen von Auxerre und von Sancerre werden S. 362 unter die- 
sen Begleitern angeführt.) 

„ Et fut la mort sur la place le dit comte fde Harcourt) 
et aussi fut le comte d'Äumalle son neveu. D'autre part le 
comte d^Alengon et le comte de Flcmdre . . . furent la occis sur 
la place. Le comte Louis de Blois et le duc de Lorraine 
son serourge . . . demeurerent sur la place. Aussi fit le comte 
d' Auxerre et le comte de Saint Pol'^ (ebend. S. 368, 369). 

„Encore ne savoit le dit roi (de France) la grand perte 
des nobles et des prochains de son sang qu'il avoit perdus. 
Ce dimanche au soir on lui en dit la verit^. Si regretta gran- 
dement messire Charles son frere le comte d^Alengan, son neveu 
le comte.de Blois ^ son serourge le bon roi de Behaigne, le 
comte de Flandre, le duc de Lorraine et tous les barons et 
les seigneurs, Tun apr^s Tautre^^ (ebend. S. 382). 

Uebereinstimmend damit berichtet Villani (Istorie Fioren- 
tine, Vin, 8. 177. Milano 1803): 

„Intra gli altri notabili signori vi rimasono morti il re 
Giovanni di Buemia, . . . il conte di Lanzone (Alen^on) fra- 
tello del re di Francia, il conte di Fiandra, il conte di Brois 
(Blois), il duca di Loreno, il conte di Sansurro, il conte ä*Alli' 
Corte, il conte d'Albamale (Aumale) e'l figliuolo." 

Noch grofsere üebereinstimmung als die Stellen aus Villani 
und Froissart zeigt mit unserm dit das Gedicht von Colin de 

15* 



220 '^^^^^^ 

Renaot, welches Buchon im vierzehnten Bande seiner Ausgabe 
der Chronik Froissart's nach der Handschrift 6271 ^) der kai- 
serlichen BibKothek zu Paris — nicht sehr sorgfaltig — be- 
kannt gemacht hat. Dort wie hier erzählt der Dichter einen 
Traum, in welchem allegorische Gestalten — bei Colin sind 
es Renom, Nature, Largesse, Loyant^, Prouesse, Honneur — 
ihm erscheinen und den Tod der bei Crecy gefallenen Edeln 
beklagen. Unter diesen wird namentlich des Königs von Böh- 
men mit Ruhme gedacht, aufser ihm der Grafen von Alen9on, 
von Blois, von Flandern, von Saumes, von Harcourt und 
von Saussojre, und des Herzogs von Lothringen, woran 
sich die Namen einer grofsen Zahl weniger hoch Gestellter 
schliefsen. 

Von den acht Schildern, die auf die angeführten Gefalle- 
nen zu vertheilen sind, ist der erste beschrieben V. 113 — 24; 
er enthält die vereinigten Wappen von Böhmen und von Znixem- 
burg (buUes V. 114 und 121 = bureles der jetzigen heraldischen 
Sprache), gehört also dem König Johann; daher V. 111 roü 

Der zweite, beschrieben V. 146, 147, 167, ist derjenige 
des Grafen Karl von Alen^on; wenigstens gibt J.-F. Jules 
Pautet du Parois, „Nouveau Manuel complet du Blason on 
Code heraldique", Paris 1854, S. 306, folgende zutreffende 
Beschreibung des Wappens dieses Hauses: seme de France, 
a la bordure de gueules. 

Der dritte, beschrieben V. 191—94, gehört dem Grafen 
Karl von Blois. Pautet du Parois S. 323 : de gueules , a trois 
pals de vair, au chef d'or; daher V. 202 : nies du roi de France. 

Den vierten, dessen Beschreibung V. 217, 218 zu derjeni- 
gen von Pautet S. 300 stimmt: d^or au lion de sabje, arme 
et lampasse de gueules, trug der Graf von Flandern; den 
fünften (V. 237-- 41) der Herzog (daher dus 244) Baoul 
von Lothringen. 

Der V. 265 — 60 beschriebene sechste ist nach Pautet du 
Parois (S. 301: d'azur ä une bände d'argent accompagnee de 
deux doubles cotices potencdes et contre-potencees d'or et de 
treize pieces) derjenige des Grafen von Äumale. 



1) Es findet sich daselbst von Aegidius de Musis (seit 1331 Abt 
von Saint Martin de Toumay) in sein im übrigen lateinisch geschrie- 
benes Chronikon Flandri» eingeschaltet. 



Li 4i8 des VIII blasoas. 221 

Welchem gräflichen Hanse (conte Y. 283, 286) das siebente 
V. 280 — 82 beschriebene Wappen angehöre, ist mir bei der 
Dürftigkeit der mir zn Gebote stehenden heraldischen Hnlfsmittel 
nicht möglich zn entscheiden. 

Das achte und letzte (Y. 299, 300) ist dasjenige des nor- 
mannischen Grafen von Hareourt (daher Y. 296 de uiers Nor- 
mendie), welches Pautet da Parois S. 314 so beschreibt: de 
gneules ä denx fasces d'or. 

Solothurn, August 1863. 

Adolf Tobler. 



222 KriUsehe Anzeigen: 



Kritische Anzeigen. 



Le Br^8il litUnUre. Histoire de la litterature- bresilienne snirie d'un 
Choix de morceaux tiris des meiUeurs aatears br^UieoB; par 
Ferdinand Wolf, Berlin, Asher & Co. 1863. (XYI, 242; 334 S. 
gr. 8.). 

Der Wissenschaft der allgemeinen Literaturgeschichte, so- 
wie der besondern der romanischen Sprachen ist durch das 
vorliegende Werk ein neues, zum grofsen Theü bisher un- 
dnrchforschtes Gebiet erobert worden. Im Znsammenhange 
und selbständig war die Geschichte der Literatur Brasiliens 
noch von keinem Gelehrten Europas dargestellt worden; nur 
sporadisch, bei Gelegenheit der portugiesischen Literaturge- 
schichte, war wohl auch einzelner Werke der Brasilianer, und 
zwar blofs aus dem Gesichtspunkt, dafs sie einen integriren- 
den Theil jener ausmachten, gedacht^); selbst in Brasilien ist 
die Geschichte seiner Literatur bislang nur fragmentarisch, 
skizzenhaft oder in kurzen Uebersichten , welche nicht einmal 
die neueste wichtigste Periode umfafsten, behandelt worden. 
In unsrem Werk aber sind nicht blofs alle literargeschichtlich 
nur einigermafsen bedeutenden, in portugiesischer Sprache yer- 
fafsten Erzeugnisse geborner Brasilianer vorgeführt, sondern es 
wird, was weit wichtiger ist, die Entwicklung dieser Literatur zu 
einer selbständigen nationalen Bedeutung dargelegt. Brasilien, 
so sehen wir am Schlufs, ist nicht nur ein vollkommen un- 
abhängiger Staat geworden, sondern es hat sich auch geistig 
von dem Mutterlande emancipirt, bis zur Schopftmg einer eig- 
nen Nationalliteratur, die, gro&tentheils allerdings ein Werk 
der Gegpnwart, die portugiesische heute an Eigenthnmlichkeit 
wie an Reichthum überragt.^) 



1) Allerdings macht Ferd. Denis, dessen Werk wir uns leider hier 
nicht Terschaffen konnten, in einem gewissen Sinne eine Ausnahme. 
Wolf sagt von demselben: „Ferdinand Denis est le seul litterateor 
enrop^en qui ait ajoute a son resiime de Thistoire litteraire da Por- 
tugal un appendice sur la litterature de la grande monarchie am^ri- 
caine (Paris 1826), et encore cet ouvrage a-t-il paru a nne ^poque 
on le d^yeloppement dont nons avons parU, ne faisait que commencer.^* 

^ Man sehe den Artikel : Futur o litter ario de Portugal e da Brazil 
von Herculano, bekanntlich einem der ausgezeichnetsten Gelehrten und 



Ferd. Wolf, Le Bresil ütteraire. 223 

IHefte Eotwicklong bietet ein grofses Interesse, und oft 
von einem imiversellen Cbarakter, du*. Das kleine Portngal, 
nor ein Abschnitt der pyrenäischen Halbinsel, ohne besondre 
physikiJische Eigenthümlichkeit, konnte nnr ausnahmsweise 
gleichsam, in einzelnen Epochen und in gewissen Gattungen, 
zn einer vollen literarischen Selbständigkeit gelangen^ nament- 
lich seitdem eine solche in hohem Grade in dem Centrnm und 
Hauptlande der Halbinsel sich entwickelt hatte. Das castili- 
sehe Spanien, welches die eigenthumliche Literatur der Ost- 
knste, Cataloniens nämlich, seit der politischen Vereinigung 
beider Reiche ganz absorbirte, dehnte wenigstens seine Herr- 
schaft, bald mehr bald weniger, absolut, auch über die Lite- 
ratur der Westküste der Halbinsel aus. Selbst in der frische- 
sten Blüthenperiode der portugiesischen Dichtung sehen wir 
ihre bedeutendsten und originellsten Vertreter, wie einen Gil 
Vicente, neben der Muttersprache mit fast gleicher Vorliebe 
auch der spanischen sich bedienen; wann aber die spanische 
Literatur selbst auswärtigen Einflüssen, wie dem franzosischen, 
unterthan wurde, folgte ihr die portugiesische noch unter- 
würfiger nach, um sich viel später und mit weit geringerer 
Energie und Erfolg davon loszuwinaen. Die portugiesische 
Poesie wurde aber nach Brasilien verpflanzt oder dort zuerst 
cultivirt zu einer Zeit, wo sie bereits im vollen Niedergange 
begriffen von der spanischen nichtr blois beherrscht, sondern 
im eigenen Lande beinahe verdrängt war. Dort in Brasilien 
wuchs dann die anfangs so schwache Pflanze zugleich mit der 
geistigen und materiellen Entwicklung der Colonie auf, mehr 
and mehr gleich dieser erstarkend und zu dem Bewufstsein 
selbständiger Eigenthümlichkeit gelangend, welches denn auch 
die Frucht äofserer Unabhängigkeit reifte. Die Grofsartigkeit 
und Pracht der Natnrschonheit der neuen Heimath, die Be- 
ziehungen zu den Eingefoomen, die theils gewaltsam verdrängt 
werden muisten, theils sich mit den Colonisten vermischten, 
gaben der Phantasie . nicht blo£s neue Stoffe, sondern eine 
eigenthumliche Auffrischung und Anregung. Ueberhaupt aber 
war der Antrieb zu einer regern geistigen Thätigkeit dort 



Schriftsteller Portugals heute, in der Revista universal lisbonense 1847, 
abgedruckt in der bei Brockhaus erschienenen Ausgabe der Cantos von 
Biaz. — Üebrigens werden wir im nächsten Hefte des Jahrbuchs einen 
Aufsatz über einige neue bedeutende Erscheinungen der portugiesischen 
läteratur aas Wolfs Feder bringen. : 



224 Kritische Anzeigeii: 

Starker als in dem Mutterlande, und je mehr dies doreb eine 
unverstandige Politik die Entwicklung der Colonie hemmte, 
um so eher erwachte nur das Streben nach politischer Selb- 
ständigkeit und bürgerlicher Freiheit in ihr. Die Poesie aber 
erscheint dort bald als Hauptfactor der allgemeinen Cultur, 
enge verknüpft mit den Schicksalen des Landes. Wie die 
Jesuiten vor Pombal die Träger und Verbreiter der Bildung 
in Brasilien waren, dort durch würdigere Ziele zu einer an- 
dern, sittlichem Thätigkeit geführt als in dem Mutterlande, das 
vielmehr ihre Herrschbegier demoralisirte: so gehören auch die 
ältesten brasilischen Dichter fast alle jenem Orden an, und 
wurden zum Theil auch von den Verfolgungen des portugie- 
sischen Reformators getroffen. Später ist es gerade ein Kreis 
von Dichtern^ die Schule von Minas, wo zuerst das Streben 
nach nationaler Unabhängigkeit zum vollen Bewufstsein kommt; 
mehrere von ihnen waren die Hauptschuldigen jenes „Hoch- 
verraths von Minas ^S welcher in den achtziger Jahren des 
achtzehnten Jahrhunderts schon Brasilien von Portugal los- 
reifsen wollte. Und selbst in der neuern und neuesten Zeit 
findet sich dieses Bündnüs der Poesie und Politik wieder): 
bedeutende Staatsmänner glänzen zugleich unter den Namen 
der ersten Dichter des Landes. 

So kann in der That von einer Nationalliteratur Brasi- 
liens im vollen Sinne geredet werden. Wie der Ableger einer 
Pflanze, in einen andern Boden und ein andres Klima v^- 
pflanzt, wenn er Wurzel falst und gedeihet, sich zu einem 
eigenthümlichen Gewächs mit der Zeit entwickelt^ zu einer 
besondem Species, obschon dieselbe das Qenus, wozu sie ge- 
hört, nicht verläugnet: ebenso die Literataren zugleich mit 
den Nationen selber. Natürlich müssen die Verhältnisse ein 
neues frisches, selbständiges Wachsthum begünstigen, da sonst 
auch nur verkrüppelte und verkümmerte Exemplare entstehen 
können. So ist bis heute von den romanischen Literaturen 
nur der portugiesischen, und zwar in Brasilien, von den ger- 
manischen nur der englischen, und zwar nur in den Vereinig- 
ten Staaten Nordamerikas, die Gunst zu Theil geworden, eine 
selbständige Tochterliteratar — wenn wir diesen Ausdruck bil- 
den dürfen — entstehen zu sehn. In den spanischen Colonien 
finden sich, soweit wir wissen, nur erst schwache Ansätze 
hier und da zu einer literarischen Unabhängigkeit, und erst 
seit neuester Zeit. Bis dahin erscheint ihre Dichtung, wie uns 



Ferd. WoK , Le Bresil Kttiraire. 225 

Hwrn Gatierrez lehrreiche Abhandiang froher zeigte (vergl. 
Jahrb. III, p. 177 ff. n. 245 ff.)) ^^^ ^^ ^^^ matter oder auch 
vei^robernder, die Fehler allein kraftiger reprodudrender Ab- 
klatsch der Spaniens, indem zugleich seltsamerweise gerade 
das Gebiet vor allen andern, ja nicht selten ganz allein cnl- 
tirirt ward, wo die Poesie des Mutterlandes selber von Beginn 
nachahmend, nie etwas Eigenthümliches nnd Bedeutendes zu 
erzeugen im Stande war, wir meinen das Gebiet der in der 
Ottaya rima Terfafsten romantischen Epopöe. Und auch das 
ist sehr charakteristisch, daüs in diesen Epen, ganz im Ge- 
gensatz zu denen Brasiliens, das Moment der Erzählung das 
der Beschreibung weit überwiegt; das Land, der Boden der 
neuen Heimath , tritt hier meist ganz in den Hintergrund; es 
bandelt sich nur um die Thateu, welche die über das Meer 
gekommenen EuropiLer dort vollbrachten; die Helden werden 
als Spanier verherrlicht, nicht als die Vorfahren und Grunder 
eines neuen Volkes, das sich mit dem von ihnen eroberten 
Lande nunmehr eins fühlt, in ihm die Wurzeln seiner Lebens- 
kraft findet. 

Natürlich ist auch in Brasilien die selbständige literari- 
sche Entwicklung nur eine sehr allmälige gewesen. Unser 
Verf. unterscheidet fünf Perioden, von denen er die erste von 
der Entdeckung Brasiliens bis zum Ende des 17. Jahrhunderts 
rechnet; die zweite Periode umfafst dann die eine^ die dritte 
die andre Hälfte des 18. Jahrb., während die vierte vom An- 
fange des 19. Jahrb. bis zum Jahre 1840, die letzte Periode 
endlich von da an bis heute gerechnet wird. Dieser sorgfalti- 
gen Periodisirung , welche den Vorzug hat, den Stoff sogleich 
vollkommen gegliedert vorzulegen, läfst sich unsers Erachtens 
zugleich der Vortheil grolster Uebersichtlichkeit leicht gewäh- 
ren ^ wenn man die beiden ersten Perioden als zwei Abschnitte 
einer Epoche und ebenso die beiden folgenden betrachtet, wäh- 
rend mit der fünften Periode dann eine dritte Epoche anhebt. 
Die erste Periode nämlich charakterisirt sich als die Zeit der 
E^führung der literarischen Onltur überhaupt durch die Jesui- 
ten, und der ersten späriichen literarischen Versuche der Co- 
lonisten, die selbstverständlich noch blofse, servile Copien por- 
tugiesischer und spanischer Muster sind — man erinnere sich 
in Betreff der letztern, was wir oben über das Unterthänig- 
keitsverhätnifs angedeutet haben, in welchem zu Spanien Ja- 
mals die portugiesische Literatur, zugleich mit dem Lande 



226 Kritische Anzeigen: 

selbst, stand. In der zweiten Periode breitet sich diese ein- 
geführte literarische Cultur aus und fafst Wurzel: war dieselbe 
bis dahin nur von einzelnen besonders begabten und zugleich 
wissensehaftlich gebildeten Männern, zumeist Oeistlichen und 
Rechtsgelehrten,' gepflegt worden, so wird sie jetzt, wo Bahia 
der Sitz eines Yicekönigs geworden , unter dem Patronate die- 
ses glänzenden Hofes von der hoher gebildeten Gesellschaft 
cultivirt. Der Vicekonig Yasco Fernandez Cezar de Menezes 
selbst gründete im Jahre 1724 in Bahia die erste poetische 
Akademie, die der „VergeDsnen*' (dos Esquecidos). Wie schon 
dieser Name ahnen läfst, war es eine literarische Gesell- 
schaft im Stile der italienischen Akademien, die am Ende des 
17. Jahrhunderts in der damals gegründeten bekannten Arcadia 
eine neue, sehr einfluTsreiche Vertreterin, deren eigenthümlicher 
Kunstgeschmack später auch nach Brasilien hinüberwirkte, ge- 
funden hatten. Die Literatur verbreitete sich also in weitern 
Kreisen, ind^m sk als ein Mittel der Unterhaltung und des 
Glanzes hochgeachtet wurde. Die hofische Gel^«>nheitspoe8ie 
aber, die dort erblühte, konnte schon weil sie innerlich unfrei 
war und gerade die höchsten Stufen des socialen Lebens am 
wenigsten für eine nationale Entwicklung empfänglich sein 
mufsten, sich der Banden der Abhängigkeit vom Mutterlande 
keinenfalls entledigen. So sehen wir, wie in diesen beiden 
Perioden, die wir als Abschnitte Einer Epoche betrachten 
können — welche Epoche also von der Entdeckung des Lan- 
des bis zur Mitte des 18. Jahrh. reicht — der Sinn für lite- 
rarische Production geweckt wird, und Brasilien sich schon 
bestrebt, darin mit dem Mutterlande zu wetteifern, welches in 
jener Zeit ja auch nur, zuerst die Spanier, dann die Franzo* 
sen copirend, eine rein akademische Dichtung prodocirt In- 
dessen finden sich auch in dieser Epoche schon in Brasilien, 
wenn auch »ur erst schwach und vereinzelt, Spuren einer 
e%enthümlichen nationalen Richtung. Sie zeigen sich hier zu* 
erst in dem patriotischen Interesse, womit in einzelnen Dich- 
tungen die landschaftliche Schönheit der Ueimath gefeiert wird, 
welche von da an für immer eine Hauptquelle nationaler diehr 
terischer Begeisterung geblieben ist. Sogleich der erste brasi- 
lische Dichter, welcher seine Werke selbst herausgab (zu 
Lissabon 1705), Manoel Botelho de Oliveira (1636 — 1711), 
hat ®^ Sylva, wie er deren nach dem Vorgänge Gongora's 
verfafste, einer ins Eineeine gehenden, allerdings etwas pro- 



Ferd. Wolf, Le Bresil litteraire. 227 

sakch trockenen, aber wie es scheint sehr getreuen Beschrei- 
bung der Insel Mare bei Bahia gewidmet, welches Gedicht zu 
seinen vorzüglichsten gehört; diesem Master folgte gegen Ende 
dieser Epoche ein andrer Dichter in der Beschreibung der Insel 
Itaparica in Ottaven nach. 

Mit der dritten Periode, die unser Verf. aufstellt, der 
zweiten Hälfte des 18. Jahrb., tritt schon Brasilien auf litera- 
rischem Gebiet entschiedner hervor, und gewinnt hier selbst 
bereits ein uniyersalgeschichtUches Interesse. Der Aufschwung, 
den das geistige und materielle Leben Portugals durch Pom- 
bal ehielt, wirkte auch günstig auf Brasilien hinüber, obwohl 
dies keineswegs einer Regeneration in demselben Grade ab 
das kläglich herabgekomniene Mutterland bedurfte. Rio de 
Janeiro wurde jetzt der Sitz des Vicekonigs und somit ent^ 
stand ein neuer Mittelpunkt der Bildung dem Lande. Neue 
Akademien traten nun dort ins Leben, unter denen die Area* 
dia ult|*amarina , nach dem Muster der oben erwähnten römi- 
schen gegründet, den gröfsten unmittelbaren literarischen Ein- 
flnis hatte. Auch in materieller Beziehung nahm die Golonie 
einen Aufschwung. Was Pombal dafür that, findet sich in 
aUer Kürze trefflich zusammengestellt und beleuchtet in der 
Greschichte des 19. Jahrhunderts von Gervinus (III, p. 452). 
Pombal bereitete sogar in einem gewissen Sinne die Selbstän- 
digkeit des Landes vor, indem er die Stellung und Lage der 
Eingeborenen bedeutend hob, so dafs „die Gehässigkeit der 
gesetzlichen Unfähigkeiten der Farbe, denen die Racen in 
spanisch Amerika erlagen, in Brasilien verschwand. ^^ In die- 
ser Periode Jlndet sieh also dort schon ein reges und in man- 
nichfacher Beziehung bedeutendes literarisches Leben. Einmal 
treten in Jose Basilio da Gama und in Santa Rita Duräo zwei 
Epiker auf, deren Gedichte nicht blofs ihrem Gegenstande 
nach national, sondern auch im Stil bereits von einer eigen- 
thümlichen Färbung, die sie den Einflüssen des brasilischen 
Vaterlandes verdankten, und dabei zum Theil von nicht ge- 
ringem ästhetischen Werthe sind — Werke, denen wenigstens 
Portugal damals nichts Ebenbürtiges zur Seite zu stellen ver- 
möchte. Unter beiden aber verdient den Vorrang sicher Ba- 
silio's Dichtung, Uruguay (in den siebziger Jahren verfa&t), 
welche zugleich ein besondres Zeitinteresse h^tte. Den Ge- 
genstand bildet nämlich der Kampf der spanischen und por^ 
tugiesischen Truppen gegen die von den Jesuiten, die sie be- 



1 



228 Kritische Ansteigen: 

herrschten, aufgereizten Eingebornen Paraguay's in Folge des 
Vertrags von San Sacrameoto im Jahre 1756. Obschon der 
Dichter, sagt unser Verf. mit Recht, 'den Sieg der portugiesi- 
schen und spanischen Waffen besingt, lenkt er doch das Haupt- 
interesse durch Charakter- und Sittenbilder, durch fesselnde 
Episoden und prachtvolle Beschreibungen auf die Eingebomen, 
so dafs sich die Sympathien den Besiegten, den Opfern der 
Verfuhrung, zuwenden; — die Jesuiten selbst allerdings wer- 
den von dem Dichter, der in seiner Jugend selber diesem 
Orden angehört hatte , ganz im Geiste seines spätem Gönners 
Pombal auf das heftigste angegriffen. Es ist hier das In- 
teresse für die heimische Erde, den Boden Südamerikas^ auf 
seine ursprunglichen Besitzer, die gleichsam auch als eine 
Frucht desselben erscheinen, übertragen. Dafs das Werk be- 
reits einen brasilisch nationalen Charakter und zuerst in einer 
bedeutenderen Weise offenbart, bezeugt am besten ein Aus- 
spruch des berühmtesten der neuern Dichter des eifersüchtigen 
Portugal; Almeida-Garrett sagt: Dem Jose Basilio verdanken 
die Brasilier die beste Krone ihrer Poesie, welche bei ihm 
wahrhaft national und legitim amerikanisch ist. Wie das Ge- 
dicht schon in seinen Stile — soweit wir nach den im An- 
hange des vorliegenden Werks gegebenen Proben selbst ur- 
theilen können — bei allem Glänze der beschreibenden Stilen, 
doch durch eine gewisse mafsvoUe Eleganz sich auszeichnet, 
so hat auch der Dichter dem Reimpomp der Ottave entsagt, 
und wohl nach dem Vorgange der Italiener seiner Zeit^ eines 
Cesarotti und Parini, den reimlosen Elfsilbler gewählt, der 
zumal bei einer so harmonischen Behandlung dem epischen 
Stile trefflich zusagt. Auch hierin ist Basilio den späteren 
Dichtern ein Vorbild geworden. Freilich der gleichzeitig dich- 
tende Duräo schlug nicht diesen Weg ein, indem sein Cara- 
muru in Ottaven verfaßt ist; wollte doch der Dichter auch 
mit Camoens wetteifern. Wie dieser die Eroberung Indiens 
durch die Portugiesen, so wollte Duräo ihre Entdeckung und 
Colonisation der Bai von Bahia besingen, indem er den durch 
Volkssageff zu einer halbmythischen Person gewordnen Diogo 
Alvares zu seinem Helden machte. Obgleich seine Dichtung 
in Betreff der Composition hinter der Basilio's sehr zurück- 
steht, zeichnet sie sich doch nicht minder als diese durch 
schone Episoden, die Land und Leute aufs lebendigste schil- 
dern, aus. 



Ferd. Wolf, Le Brasil litteraire. 229 

Neben dem Epos blühte in dieser Periode vornehmlich 
die Lyrik, msnnichfach und bedeutsam vertreten in der oben 
genannten Schale von Minas. Die Bedeutung dieser Lyrik 
aber war von andrer Art als die jener epischen Dichtung. 
Ein nationales Kolorit läfst sich hier kaum erkennen ; ja nicht 
einmal der Inhalt zeugt von dem glühenden Patriotismus jener 
Dichter, die meist das Streben nach der Selbständigkeit und 
Unabhängigkeit ihres Vaterlandes mit einem frühen Tode in 
der Verbannung auf der unwirthlichen ungesunden Küste Afri- 
kas bezahlten, wenn sie nicht etwa, einer solchen Strafe zu 
entgehn, ihrem Leben freiwillig ein Ende machten. Mit selt- 
nen Ausnahmen sind ihre Gedichte allein der Liebe ge¥ridmet, 
verfaTst theils in der neubelebten Form des Petrarkischen So- 
nettes, worin namentlich Claudio Manoel da Costa Vortreff- 
liches leistete, theils in freien lyrischen Rythmen und in schä- 
ferlicher Einkleidung, wie beides die romische Arcadia aufge- 
bracht und von welcher Dichtuugs weise danach der melodische 
Metastasio reizende Muster gegeben. Der eben genannte da 
Costa war selbst in Italien gewesen und Mitglied der dorti- 
gen Arcadi« geworden. So sehen wir die italienische Dichtung 
selbst in einer Nebenperiode des Uebergangs bis auf die andre 
Hemisphäre ihren Einfiofs erstrecken. Andrerseits wirkte diese 
brasilische Dichterschule durch ihre Koryphäen auf Portugal 
selbst zurück, indem dieselben dort nicht minder geehrt und 
hochgefeiert unter die Zahl der portugiesischen Classiker ein- 
gereiht wurden. So erwarb diese Dichterschale schon damals 
Brasilien eine Stellung in der Weltliteratur. Nach da Costa, 
welchem schon unser Bouterwek hohe Anerkennung zollte, ist 
Thomas Antonio Gonzaga, mit seinem Dichternamen Dirceu, 
der bedeutendste und berühmteste dieser Poeten. ^) In den 
Liebesliedern, in welchen er, nach Petrarca's und Anacreon*s 
Vorbild, seine Marilia feiert, erscheint er, was den Schmelz 
des Ausdrucks und die Melodie des Verses betrifft, als ein 
würdiger Nebenbuhler Metastasio's, indem sich hier zugleich die 
ganze Weichheit und Biegsamkeit der portugiesischen Sprache 
zeigt. Die tiefe Wahrheit der Empfindung aber, die nament- 



^) Allerdings war Gonzaga in Portugal, und zwar in Oporto ge- 
boren; aber seine Eltern waren Brasilier, die' sich nur ganz vorüber- 
gehend dort aufhielten; in Brasilien erzogen, verbrachte dort Gonzaga 
auch den gröfsten TheiK seines Lebens. 



230 Kritische Anzeigen: 

lieh in der zweiten, im Kerker und der Verbannung geschrie- 
benen Abtheilung' seines Liederbuches hervortritt, verleiht die- 
sen Gedichten auch inhaltlich einen unvergänglichen Reiz. 

Die vierte Periode, welche unser Verf. annimmt, schlielst 
sich nun, wie angedeutet, ihrem allgemeinen Charakter nach 
ganz an die dritte an: nur tritt das nationale Element in der 
Dichtung inhaltlich immer mehr hervor, selbst auch auf dem 
Gebiete der lyrischen Poesie; denn während dieser Zeit ent- 
wickelte und coQSolidirte sich ja unter innern und äufseren 
Kämpfen die Selbständigkeit des brasilischen Reiches zugleich 
mit der bürgerlichen Freiheit Jetzt bildet nicht mehr allein 
der heimische Boden mit seinen eigenthümlichen Reizen die 
Basis der Vaterlandsliebe des Brasilianers, sondern es ver- 
binden sich mit ihm die besondern politischen Institutionen, 
welche das Reich als eine selbständige Grolse in die Staaten- 
familie der civilisirten Welt einführten und ihm die Aussicht 
auf eine mannichfache weite Entwicklung eröffneten. So fin- 
den wir denn auch in dieser Zeit nicht blofs unter den Dich- 
tern die angesehensten Staatsmänner vertreten, sondern auch, 
wie die Anthologie unseres Verfassers mehrfach zeigt, Gedichte 
von rein politischem Charakter: so des bekannten Ministers 
D. Pedro's L, Jose Bonifacio, an seine Wähler, die Bürger 
Bahia's, aus der Verbannung gerichtete Strophen (AosBahianos), 
die auch mehr politisches Interesse als poetischen Werth haben; 
SQ des Marineministers Vilella Barbosa Gedicht auf den Tod 
Pedro's L; so die Poesien eines andern Ministers, des Grafen 
von Caravellas, Manoel Alvos Branco, von dem eine Ode auf 
die Freiheit ans dem Jahre 1820 hier mitgetheilt ist, und der 
in einer Reihe von andern unter dem Titel: Ao dia dois de 
Jtdho, die am 2. Juli von den portugiesischen Truppen voll- 
zogene Räumung Bahia's besang. ^) — Daneben mangeln auch 
in dieser Periode keineswegs die von Patriotismus erfüllten 
Naturschilderungen, xlenen wir hier nicht nur auf epischem, 
sondern weit mehr als früher auch auf lyrischem Grebiete be- 
gegnen. — Dafs das Interesse für Poesie zugleich sich immer 
mehr ausbreitete, die Menge der Dichter und der Leser an- 
sehnlich wuchs, wie denn die Zahl der Gebildeten und der 
Bildungsanstalten in dem Reiche, seit der Uebersiedlung des 



^) Auch ein andrer brasilianischer Dichter, Ladislao dos Santos 
Titara, feierte diesen Tag durch ein Dutzend Lieder. 



Ferd. Wolf, Le Brasil litteraire. 231 

Hofes aus Lissabon, sich ungemein gemehrt hatte, bezeugen 
die „Blumensammlnngen'' und „Parnasse^^ Brasiliens zur Oe- 
nüge. In Bezug auf den Kunststil aber schlofs sich diese 
Lyrik Qoch ganz an den älteren brasilischen und portugiesi- 
schen, welcher selbst nur ein modificirter italienischer oder 
spanischer war, an; während die episch -beschreibende Dich- 
tung, die in dieser Periode auch mehrfach vertreten ist — am 
bedeutendsten durch Jaauario da Cunha Barboza's Nictheroy — 
sich im Allgemeinen in -Vers und Stil an Basilio^s Uruguay 
anreiht, nur dafs in manchen ihrer Erscheinungen die breite 
Einmischung der antiken Mythologie einen wahren Rückschritt 
^egen das eben genannte Werk bewirkte. 

Ein paar eigenthümliche Erzeugnisse dieser Periode mögen 
noch besonders erwähnt werden. Einmal eine geistliche Dich- 
tung^ die Himmelfahrt der Jungfrau Maria {A Ässumpgäo da 
Santisaima Vir gern) von Säo Carlos, einem Priester, der sich 
auch durch seine Kanzelberedtsamkeit einen bedeutenden Na- 
men machte, wie denn überhaupt diese Gattung der Eloquenz 
in Brasilien recht gedieh; — jene im Jahre 1819 herausgege- 
bene, in acht Gesängen verfafste Dichtung schildert einmal 
wieder den Kampf von Himmel und Holle — indem Lucifer 
dem Triumphe der Jungfrau sich widersetzt — sowie das Pa- 
radies, die Wohnung der Seligen, zu dessen Ausmalung der 
Dichter seinem Yaterlande die glänzendsten Farben entlehnt 
hat. Hat dies Gedicht durch den Gegenstand ein universelle- 
res literargeschichtliches Interesse, so ein andres Epos, von 
ganz entgegengesetztem Charakter, durch denselben ein be- 
sondres nationales. Es ist „Baldo's Fest" (A Festa do Baldo)^ 
ein heroisch -komisches Gedicht in acht Gesängen, über wel- 
ches leider unser Verf. nur nach einem Bruchstück in einer 
Anthologie hat berichten können, da eine vollständige Aus- 
gabe ihm zu beschaffen nicht möglich war. Dies Gedicht, das 
Werk eines brasilischen Diplomaten, Alvaro Teixeira de Ma- 
cedo, welcher zuletzt in Belgien Gesandter und ein grofser 
Freund der englischen Literatur war, soll sehr getreu und 
wirksam das öffentliche und sociale, sowie das Familienleben 
Brasiliens, namentlich des Bürgerstandes, von seiner komi- 
schen Seite her abconterfeien. Die Satire des Dichters ist 
aber vornehmlich gegen die Demagogie gerichtet, welche auch 
das prächtige, zur Feier eines Familienfestes angestellte Gast- 
mal des Gerichtschreibers und seiner würdigen Ehehälfte, die 



232 Kritische Anzeigen: 

durch den Schulmeister sich plötzlich zu Epikurs Lehre hatte 
bekehren lassen, zerstörte. In der That scheint dies Gedicht, 
nach den mitgetheilten Proben zu urtheilen, und bei seiner gan- 
zen witzigen Anlage, einer besondern Beachtung werth zu sein. 
Die fünfte Periode unsres Verf. umfafst die Literatur der 
Gegenwart; sie bildet zugleich eine neue Epoche, und zwar 
von allen die wichtigste. Nicht blofs erfahrt die Dichtung 
eine bedeutende Wandlung jetzt, sondern es roUendet sich 
auch Hand in Hand damit ihre Emancipation von der Poesie 
Portugals. Diese Epoche hebt nämlich mit der Einführung 
des Romantismus an, welcher denn, wie der Verf. sehr richtig 
aufweist, dem Nativismus die ideelle Weihe und Berechtigung 
verleiht, ja man kann sagen ihn als nothwendige Voraus- 
setzung forderte. „Denn", sagt der Verf., den Begriff des 
Wortes und seine Herleitung von romanisch erklärend, „der 
wahre, berechtigte Romantismus ist ja nur der von jeder blofs 
Conventionellen Schranke befreite Ausdruck des eigenthum- 
lichen Volksgeistes." Diese Epoche rechnet der Verf. vom 
Jahre 1840 an, indem sich ihm wahrscheinlich diese Zahl als 
eine runde, ein Decennium anhebende, empfahl; wir mochten 
dagegen dem Jahr 1836 als Anfangstermin den Vorzug geben, 
da in diesem Jahre das Werk erschien, das die neue Bahn 
zuerst brach , wahrhaft Epoche machend gewirkt hat. Es sind 
die Suspiros poeticos e Saudades des Domingos Jose Gon^al- 
ves de Magalhäes. Magalhäes, 1811 zu Rio de Janeiro ge- 
boren, hatte sich bereits 1832 durch eine Sammlung: Poesias, 
die aber, obschon nicht ohne einen originellen Qeiai zu be- 
zeugen, noch im herkömmlichen lyrischen Stile verfaist wa- 
ren, bekannt gemacht, als im folgenden Jahre eine Reise nach 
Europa, namentlich nach Frankreich, ihn den eben dort in 
junger üppigster Blüthe aufwuchernden und bereits zur vollen 
Herrschaft gelangten Romantismus kennen lehrte, der alsbald 
in ihm einen ebenso begeisterten als befähigten Anhänger fand. 
Namentlich war es Lamartine, der Schüler Chateaubriand^s, 
Saint-Pierre's und Byron^s, der durch seine damals so aulser- 
ordentlich gefeierten „Meditations poetiques" (1820 — 23) und 
„Harmonies poetiques et religieuses" (1830) auf ihn wirkte. 
Diese besondre Einwirkung offenbart sich vornehmlich in dem 
christlichen Zuge der Begeisterung, sowie in der damit zusam- 
menhängenden elegischen Stimmung der Lieder. Was das erstre 
betrifft, so bezeichnet Magalhäes selbst in der Vorrede der 



Ferd. Wolf, Le Bresil litteraire. 233 

Suspiros als sein Ziel, die Poesie zu der Quelle zu erheben, 
der sie entflossen, zu dem Idealen, dem Gottlichen, und zwar 
wie sich dasselbe in der christlichen Religion nns offenbare. 
Das „Meditiren'% das philosophische Betrachten aber lag in 
des Dichters Natur, und eben deshalb zog ihn Lamartine so 
an. Daher sind auch seine Gedichte, wie selbst wenige Bei- 
spiele schon uns zeigen, nichts weniger als blofse Nachahmun- 
gen Lamartine^scher Poesie^ indem sie überhaupt den Stempel 
der Originalität in nicht geringem Grade an sich tragen. Sie 
zeichnen sich sogar vor jener durch Kraft und Tiefe aus, 
während zugleich das Kolorit in seiner Eigenthümlichkeit und 
Frische den Sohn der tropischen Natur Brasiliens überall be- 
kundet. Nur indem Magalhäes ein wirklich origineller Dichter 
war, konnte er auch bahnbrechend wirken. In formeller Be- 
ziehung folgte er dem Beispiele Lamartine's darin, dafs er 
nicht blofs aus den Schranken der herkömmlichen Dichtungs- 
formen heraustrat, sondern, die subjective Freiheit über die 
objective Gesetzmäfsigkeit stellend, in ein und demselben Ge- 
dicht je nach der Stimmung Yersform und Strophenbildung 
beliebig zu ändern unternahm — ein Verfahren, das allerdings 
eine Gonsequenz des Romantismus , aber keineswegs ästhetisch 
zu billigen war, zumal in der Ausdehnung, wie es Magalhäes 
anwandte. Jenen Suspiroe^ welche 1859 eine zweite verbes- 
serte Auflage, wie die erste zu Paris, erlebten, folgten noch 
zwei lyrische Sammlungen Magalhäes': die erste (Paris 1858) 
ein in sich abgeschlossener Cyklus von Trauergesängen auf 
den Tod zweier Kinder des Dichters: Os Mysteriös; di^andre, 
erst unlängst (Wien 1862) unter dem Titel Urania herausge- 
kommen, umfafst Lieder maunichfaltigen Inhalts, namentlich 
aber der früher von dem Dichter selten besungen'fen Liebe 
gewidmet. 

Auch das Drama strebte Magalhäes zu reformiren, zu- 
gleich der erste der brasilischen Dichter überhaupt, der durch 
Originalwerke einen Bühnenerfolg erzielte. Vor Magalhäes 
wurden auf den Theatern Brasiliens neben der auch noch 
heute, wie es scheint, durchaus vorherrschenden italienischen 
Oper nur Dramen portugiesischer Dichter, vornehmlich aber 
Uebersetzungen aus dem Französischen, seltner auch aus dem 
Englischen, gegeben. Das portugiesische Trauerspiel aber war 
nur ein Abklatsch des französisch -klassischen; noch war es 
nicht durch Garrett reformirt. Da verfaiste Magalhäes seine 

Jahrb. f. rom. ii. engl. Lit. V. 2. Jg 



234 Kritische Anzeigen: 

erste Tragödie: „Antonio Jose oder der Dichter und die In- 
quisition", in welcher er den auch durch Ferd. Wolf zuerst 
unter uns, und wohl überhaupt, literaturgesehichtiich zur Aner- 
kennung gebraxjhten Verfasser der „Opern des Juden", einen 
der originellsten Dramatiker Portugals, bekanntlich ein Opfer 
der Inquisition, zum Helden erwählte. Der Gegenstand hatte 
noch das besondere Interesse, dafs der Held, wenn er auch 
seiner Bildung und schriftstellerischen Thätigkeit nach allein 
Portugal angehorte, doch ein geborner Brasilier war.*) Die- 
sem Stück, welches 1938 in Rio de Janeiro zur Aufführung 
kam, liefs unser Dichter schon ein Jahr später ein zweites 
Trauerspiel, Olgiato, folgen, dessen Gegenstand aus der Ge- 
schichte Italiens genommen ist. In diesen Dramen aber ist 
MagaJhäes der romantischen Schule Frankreichs in ihrer Re- 
gellosigkeit und ihren Uebertreibungen nicht gefolgt, vielmehr 
hat er einen Mittelweg eingesehlagen; ohne das Gesetz der 
drei Einheiten . pedantisch zu beobachten, hat er doch die Ein- 
heit der Handlung streng gewahrt, alle Einmischung des Ko- 
mischen vermieden und im Ausdruck die einfache Energie 
Alfieri's wie Corneille's erstrebt. Wenn auch, wie es scheint, 
unser Dichter nicht als ein bedeutendes dramatisches Talent 
sich bewährt hat, hat er doch ohne Frage auf diesem Gebiet 
auch den ersten und zwar nachhaltigen Anstofs zu einer neuen 
Entwicklung gegeben. 

Den gröfsten Beifall aber endlich bat bei der Masse sei- 
ner Landsleute wenigstens Magalhäes als Epiker geerntet; ob- 
gleich jer einen neuen Weg hier nicht eröffnete, erreichte er 
doch höhere Ziele als seine Vorgänger. In der Epopöe: 
A Confederagäo dos Tamoyos (Rio de Janeiro 1857) besingt 
er die Kämpfe der Eingeborenen Brasiliens, an deren Spitze 
die Tamoyos stehn , gegen die erobernden Portugiesen, nament- 
lich deren Ansiedlung in der Bai von Rio de Janeiro. Das 
Gedicht ist in 10 Gesängen und in reimlosen Elfsilblern ver- 
fafst. Wie sich in der Wahl des Stoffes und in seiner Aus- 
fuhrung die nationale Selbständigkeit Brasiliens Portugal ge- 
genüber bekundet, welch ein patriotisches Interesse die Dich- 



^) Aus dem letztern Grunde auch allein hat unser Verf. ausnahms- 
weise jenen in den Sitzungsberichten der pfailosoph..historischen Clause 
der k. Akademie der Wissensch. 1860 zuerst erschienenen Aafsatz über 
D. Antonio Jose da Silva dem vorliegenden Werke einverleibt. 



Ferd. Wolf, Le Brasil litteraire. 235 

tnng besitzt, wie sie schon darin ihre Vorläufer überflügelt, 
hat unser Verf. treffend nachgewiesen. Aber auch in ästheti- 
scher Beziehung erhebt sie sich über jene. Der Inhalt ist 
reich und mannichfaltig ; zu den äufsern Conflicten gesellen 
sich innerliche. Das lyrische Moment tritt zwischen dem epi- 
schen hervor und verleiht dem Ganzen jenen dramatischen 
Charakter, der der Epik unsrer Zeit so eigenthümlich ist. 
Auch in diesem Gedicht verläugnet sich Magalhäes als Roman- 
tiker nicht. Die Naturschilderungen sind reich und glänzend, 
doch mit besonnenem Geschmack ausgeführt; Vers und Sprache 
von reizendem Wohllaut. • . 

Der nächste Nachfolger Magalhäes* auf dem Felde der 
nationalen Romantik war sein Freund und Schüler, der Maler 
und Architekt Porto- Alegre, der, wie sich dies von einem 
bildenden Künstler von vornherein erwarten liefs, vornehmlich 
in der dichterischen Beschreibung sich auszeichnet, obschon 
er sich in den verschiedensten Dichtungs- und Stilarten ver- 
sucht hat. So sind seine Brasilianas^ eine Reihe von Poesien, 
„die die grofsen Scenen der Natur, die Sitten und Phänomene, 
welche Brasilien eigenthümlich sind, zum Gegenstand haben", 
am berühmtesten und am wirkungsvollsten geworden. In der 
einen dieser Dichtungen wird die Ausrodung der Urwälder 
zur Gewinnung von Ackerboden , in einer andern die Aussicht 
von dem Corcovado zugleich mit den Empfindungen, die sie 
erweckt, durch den Dichter geschildert. Üeberall durchglüht 
sie das Feuer patriotischer Begeisterung. Dies hat auch sei- 
nen Antheii an dem Plane einer Epopöe: Colombo^ mit wel- 
cher Porto-Alegre beschäftigt ist und von der bereits grofeere 
Bruchstücke in brasilischen Zeitschriften veröffentlicht sind. 
Eins wird danach auch von unserm Verf. mitgetheilt. 

Bedeutender als Porto - Alegre , und überhaupt als ein 
Dichter von nicht geringer Begabung erscheint uns Antonio 
Gon^alves Dias, der beträchtlich jünger als die beiden Vor- 
gänger — er ist 1823 zu Cachias in der Provinz Maranhäo 
geboren — von ihnen allerdings beeinflufst und angeregt wurde. 
Sein Genius ist vorwiegend lyrischer Natur, obschon — ganz 
abgesehen von seinen lyrisch -epischen, balladenartigen und 
romanzenhaften Gedichten — er auch eine Epopöe zu schrei- 
ben begonnen hat. Der Grundton seiner Poesien ist ein ele- 
gischer, wie der der Dichtung des Magalhäes, aber darin un- 
terscheiden sie sich, wie unser Verf. mit Recht hervorhebt, 

16* 



236 Kritische Anzeigen: 

von dieser, dafs in ihnen Empfindung und Pathos vor der 
Speculation und Reflexion durchaus in den Vordergrund treten. 
Auch scheint dieser Dichter mehr als ein andrer seiner Lands- 
leute den mannichfaltigsten Einflüssen der Weltliteratur sich 
hingegeben zu haben: dies zu erkennen, braucht man nur auf 
die nicht blofs aus Lamartine, Chateaubriand, Victor Hugo, 
aus Petrarca sowie den neuern Italienern, aus Byron und 
Shakespeare, sondern auch aus Schiller und Goethe, und selbst 
aus Kleist genommenen Motto^s seiner Gedichte einen Blick 
zu werfen. Aus dem Studium dieser und andrer Dichter, zu 
denen gewifs^uch Thomas Mqore gehören mochte, ist aber 
der Dichtung aes Dias kein Nachtheil erwachsen, denn er ist 
darum nicht zum blofsen Nachahmer irgendwo geworden; viel- 
mehr verdankt seine Dichtung diesem Studium einen gewissen 
* universellen Charakter und sicher zum Theil auch die reiche 
Mannichfaltigkeit der Motive und Formen, die sie auszeichnet. 
Andrerseits bewährt sich Dias deshalb nicht weniger als ame- 
rikanischer, brasilischer Dichter. Die Natur, die dem Dichter 
die Farben leiht, ist vor allem die der Heimath. Eine 
grofsere Anzahl Gedichte , unter dem Titel Poesias Americanas 
in der Sammlung hervorgehoben , sind besonders der Verherr- 
lichung der Heimath gewidmet, indem sie die Reize ihrer 
Natur besingen oder das in der Dichterphantasie poetisch 
verklärte Leben der früheren Herren des Landes, der Einge- 
bornen zum Gegenstand nehmen. Nur zum Theil hat Dias 
der oben berührten Formlosigkeit Magalhäes^ gehuldigt; sehr 
viele seiner Gedichte befolgen vielmehr mit Recht das Gesetz, 
der ersten Strophe eines Gedichts alle andern gleich zu bilden. 
Gar mannichfaltig aber und stets in schönem Einklang mit 
dem Inhalt ist die Vers- und Strophenbildung. Die Geschmei- 
digkeit der portugiesischen Sprache zeigt sich da in einem 
glänzenden Lichte. Nachdem in den Jahren 1846, 1848 und 
1851 Gedichtsammlungen von Dias in Rio de Janeiro erschie- 
nen , kam eine vollständige, von dem Dichter selbst veranstal- 
tete Sammlung 1857 in Leipzig (bei Brockhaus, 1860 eine 
dritte Ausg.) heraus, wo dann auch die vier ersten Gesänge 
seines Epos: Os Tymbiros, Poema americano^ 1867 erschienen. 
Eine ganz andre Dichternatur als Dias ist offenbar Joa- 
quim Manoel de Ma9edo, den die Leser des Jahrbuchs bereits 
kennen gelernt haben , da wir einen ihn betreffenden Abschnitt 
aus der Handschrift des vorliegenden Werks im vorigen Bande 



Ferd. Wolf, Le Bresil litteraire. 237 

(p. 121 fF.) mittheilten. Die dort gegebene ausführliche Ana- 
lyse seines lyrisch -epischen Gedichts, Nebulosa, zeigte eine 
Gluth und Ueberschwenglichkeit der Phantasie, die sich in 
das Mafslose und Ungeheuerliche verlierend die Excentricitäten 
Victor Hngo^s ins Gedächtnifs ruft; aber diese Dichtung legt 
zugleich ein vollgültiges Zeugnifs von der energischen Natur 
dieses Genius ab, der in seinen Fehlern wie in seinen Vor- 
zügen hier so recht als ein Kind der tropischen Sonne er- 
scheint Daher erklärt sich denn auch der aufserordentliche 
uneingeschränkte Beifall, den dieses Werk in Brasilien fand. 
Wenn nicht jede Vergleichung hinkte, so moch^n wir sagen^ 
dafs der Dichter der Nebulosa zu Dias, wie Hugo zu Lamar- 
tine sich verhalte; Dias besitzt aber zugleich einen feinern und 
mehr universell gebildeten Geschmack als Macedo. Wie bei 
letztrem, im Zusammenhang mit der grofseren Energie der 
Phantasie, schon in der Nebulosa das lyrische Moment zum 
dramatischen wird, so hat er auch auf dem Gebiete des Dra- 
mas selbst wohl vor allen andern Dichtern Brasiliens die 
grofsten Erfolge erzielt. Seine Tragödie, Cobe^ so genannt 
nach ihrem Helden, einem Häuptling der Tamoyos, der als 
Sklave verkauft in seine weifse Herrin sich verliebt, ist, nach 
der von unserm Verf. gegebenen Analyse, ein ebenso origi- 
nelles als ergreifendes Stück, das zugleich in Stoff und Aus- 
führung ein entschieden nationales Gepräge hat. Noch grofse- 
ren Beifall fanden seine komischen Opern, dem Vaudeville 
der Franzosen nachgebildet, in welchen sich ein reicher Witz, 
nur eben auch in etwas excentrischer farcenhafter Weise zeigt. 
Früher aber noch als durch die erwähnten Werke hatte sich 
Macedo als Romanschriftsteller bekannt und beliebt gemacht. 
Auf diesem Felde brach er selbst zuerst in Brasilien die Bahn. 
Seine Romane^ deren Basis das gesellschaftliche Leben der 
Heimath ist, zeichnen sich vornehmlich in der Charakterzeich- 
nung und Sittenschilderüng aus. Allerdings läfst sich oft, un- 
serm Verf. zu Folge, ein Einfluis französischer Muster, inson- 
derheit des Pigault- Lebrun, nicht verkennen. 

Nach den von uns hier vorgeführten Koryphäen der bra- 
silischen Dichtung der Gegenwart wird von dem Verf. noch 
mancher andern Poeten zweiter Ordnung gedacht, welche 
recht den Beweis dafür liefern, wie reich und mannichfach 
der brasilische Parnafs heutzutage bebaut wird. Da ist vor 
andern der fruchtbare Joaquim Norberto d^ Souza Silva zu 



238 Kritische Anzeigen; 

nennen^ der vornehmlich als lyrisch-epischer Dichter sich aus- 
zeichnete. Die meisten seiner Gedichte hahen ihren Stoff ans 
der Geschichte Brasiliens genommen und ednd ebensowohl von 
patriotischer Begeisterung^ als liberaler Gesinnung erfüllt Lite- 
rargeschichtlich am bedeutendsten sind wohl seine Balladen 
(balatas)^ welches Wort hier in dem englischen und deutschen 
Sinne gebraucht wird. Von dieser Gattung gab Norberto in 
Brasilien die ersten Beispiele, die um so mehr Lob verdienen, 
als Form und Ton oft wahrhaft volksmäfsig ist. Norberto 
hat sich auch als Dramatiker und Novellist versucht, und als 
Gelehrter mehrfach, namentlich auch um die Literaturgeschichte 
seines Vaterlandes verdient gemacht. Ein andrer, fast ebenso 
fruchtbarer Schriftsteller, Antonio Gon9alves Teixeira e Souza^ 
bat lyrische Gedichte, Epen und Romane herausgegeben. Aach 
er zeigt sich überall als ein durchaus nationaler Schriftsteller, 
wie denn eins seiner Epen die Unabhängigkeit Brasiliens zum 
Titel und Gegenstand hat, allerdings noch im Stil der altem 
romantischen Epopöe, sogar noch mit mythologischer Auszie- 
rung verfällst; während ein zweites: „Die drei Tage eines 
Neuvermählten", in modernerer Form, eine indianische Legende 
zur Grundlage hat. Bedeutender als diese Dichtungen sind 
seine Romane, die unser Verf. für noch nationaler als die des 
Macedo erklärt. Stehe er auch in Betreff der Charakterzeich- 
nung, meint er, und der geistvollen Lebendigkeit des Dialogs 
gegen jenen zurück, so übertreffe er ihn doch in der glück- 
lichen Schürzung und überraschenden Auflösung des Knotens. 
Eigenthümlich sei ihm die Vorliebe für tragische Katastrophen. 
Seine Romane erinnerten öfters an die der Eiigländer, nament- 
lich James. — Sehliefslich ist noch der Werke zweier Lyriker 
zu gedenken, die originell genug sind. Der eine, ein früh- 
reifes Genie, der sein Leben schon im 21. Jahre beschlois, 
Manoel Antonio Alvares de Azevedo, hat sich vornehmlich 
nach dem Muster Byron's gebildet; wie dieser ein Dichter 
des Weltschmerzes, zeigt auch er jene schroffen Uebergänge 
von der zartesten Sentimentalität zu dem rohsten Cynismus. 
Der andre, Luis Jose Junqueira Freire, auch nur 23 Jahre 
alt geworden, war in ein Kloster gegangen, erkannte aber 
sehr bald, wie wenig dad Mönchsleben in Wirklichkeit dem 
idealen Bilde, das er sich von ihm entworfen,' entsprach. Li- 
dessen war Freire eine ebenso geistliche Natur, wenn man so 
sagen darf, als Azevedo eine weltliche. „In seinen Poesien 



Ferd. Wolf, Le Brasil litteraire. 239 

sehen wir EÜcht^ wie In denen des Azeyedo'', sagt treffend der 
Verf., „den Kampf des Idealen and der Sinnlichkeit, begleitet 
von der ganzen Gkith unbefriedigter Leidenschaft. Vielmehr 
finden wir hier den Kampf des Bndlichen mit dem Unend- 
lichen, dem der Dichter traurig und resignirt beiwohnt." Der 
innere Kampf spiegelt sich unverfölscht in seinen Gedichten 
wieder, die den Reiz der Originalität, sowie wahrer and tie- 
fer Empfindung haben. 

Blicken wir auf die Leistungen dieser Epoche, der letzten 
fünfundzwanzig Jahre zurück, so sehen wir die brasilische 
Literatur nicht blofs zu einer eigenthumlicfaen nationalen Aus- 
bildang und einer selbständigen Stellung im Kreise der Lite- 
ratur der Kulturvölker gelangen, sondern auch ein so frisches 
jagendlicbes Wachsthnm entfalten, dafs sie auch far die Zu- 
kunft noch eine reiche Entwicklung verheifst. 

Das Resume, das wir von dem vorliegenden Buche uns- 
res verehrten Freundes gegeben haben, wird, hoffen wir, die 
Bedeutong desselben erkennen lassen; es wurde sich für uns 
an dieser Stelle am wenigsten passen, der Ausführung des 
Werks Lob spenden zu wollen: die Art der literarhistorischen 
Darstellung des Verfassers, der objective Pragmatismus, der 
allen seinen Arbeiten eigenthümlich ist, findet sich auch hier, 
wie sich erwarten lafst, wieder. Als ein besondrer Vorzug 
dieses Buchs ist von andrer Seite (Literar. Centralbl. Nr. 34) 
schon gerühmt worden^ dafs das biographische Moment, so 
wichtig oft für eine objective Beurtheilung und das rechte 
Verständnifs der dichterischen Werke, mit besondrer Sorgfalt 
und Ansfuhrlichkeit behandelt worden ist; wir aber mochten 
noch auf die Verbindung der reichhaltigen Anthologie mit der 
Literaturgeschichte speciell aufmerksam machen. Dafs eine 
solche Sammlung im vorliegenden Falle von aufserordentlichem 
Werth ist, liegt auf der Hand, denn nur sehr wenige der aus- 
gezogenen Werke sind den meisten Gelehrten überhaupt er- 
reichbar: aber das Princip selbst, mit einer Literaturgeschichte 
eine solche Beispielsammlung zu verbinden, die dem Leser 
nicht blofs die Möglidikeit verschafft, sich ein eignes Urtheil 
zu bilden, sondern, was im Allgemeinen noch wichtiger er- 
scheint, die von dem Verf. ausgesprochnen Ansichten zu be- 
legen und aufs lebhafteste zu veranschaulichen vermag, — 
dieser hier zur Anwendung gekonmiene Grundsatz erscheint 
uns neu und von nicht geringem "Werth und Bedeutung; denn 



240 Kritiflche Anseien: 

es ist etwas ganz andres, eine Anthologie mit einer Litera* 
tui geschiebte, als literargescfaiohüiche Uebersichten und Aus- 
fährungen mit einer Anthologie za verbinden, von welchem 
letztern nicht minder anerkennenswerthen Verfahren wir ja 
mannichfache gelungene Beispiele schon besitzen. 

Nor eins müssen wir schliefslich bedauern: dafs dem Verf. 
es nicht vergönnt gewesen ist, das Werk in deutscher Sprache, 
in welcher es verfafst wurde, zu veröffentlichen, so dicht der 
franzosische Uebersetzer auch, Hr. Dr. van Muyden, an das 
Original sich zu halten bemüht war. Allerdings sind die 
Gründe der Yerlagshandlung , welche dem Werke eine sehr 
würdige Ausstattung hat zu Theil werden lassen, leicht denk- 
bar und begreifUch; auch liegt es im Interesse der deutsehen 
Wissenschaft selbst, in den Landern, deren Läteratur sie zum 
Gegenstand ihrer Forschung und Darstellung macht, auch in 
weiteren Kreisen bekannt zu werden: aber das Vaterland hat 
auch seine Rechte, und so hoffen wir, dafs später auch noch 
das deutsche Original seine Veröffentlichung finden werde. 

A. Ebert. 

Francisci Petrarcae Areüni carmina incognita ex codieibns bibliothecae 
Monacensis in lucem protraxit, ipsoromque ad instar manascripto> 
rum edidit Georg. Mart Thomas. Monach. 1859. (Auch u. d. Titel: 
Monumenta saecularia, herausgeg. v. d. kon. Akad. d. Wissensch. 
zur Feier ihres hundertjähr. Bestehens. I. Classe). 

Schon im Frühjahr 1858 machte Herr Dr. Thomas der 
konigl. baierschen Akademie der Wissenschaften „zur Vorfeier 
ihres 99sten Stiftungstages" die demnächst gedruckte Mittbei- 
lung, dafs er in einem früher Weiserischen Manuscripte der 
münchner Bibliothek (627. Ital. 259) eine grofse Anz^l noch 
unbekannter Gedichte des grofsten italienischen Lyrikers auf- 
gefunden habe. Das Jahr "darauf folgte als Festschrift zur 
Säcularfeier der genannten Akademie und in deren Auftrag 
der wortliche Abdruck der 114 Sonette und einer aus einem 
andern Codex (Ital. 230) entnommenen Canzone. Die „Pro- 
legomena" (39 Seiten) verheiJfeen (p. XL) eine zweite wohl- 
feile Ausgabe, in der die Gedichte lesbarer gemacht und an- 
gemessen geordnet werden sollten (carmina bene distincta et 
lucide dispositüy und zwar, wie es weiter heilst, obscuritate 
sermonis et scripturae discussaj. Diese abzuwarten schien aller- 
dings rathsam; da sie aber innerhalb einer Zeit von mehr als 



Petrarcae carmina incognita ed. Thomas. 241 

vier Jahren nieht eracfaienen ist^ darf meines Erachtens die 
Bespreehong des mnnchner Fandes nicht langer versehohen 
werden. 

Unsre Ausgaben des Petrarca^schen Canzoniere bieten 
wenig über dreihundert (3J7) Sonette. Sind also die von 
Hm. Thomas bekannt gemachten wirklich acht, so bereichem 
sie unsern Yorrath um mehr als ein Drittbeii. Diese Aecht- 
heit, die ich entschieden verneinen zu müssen glaube, soll nun 
im Folgenden geprüft werden. Ein auTseres Zengnifs für den 
Verfasser der Sonette fehlt, da die ersten Blätter der Samm- 
lung in der münchner Handschrift verloren gegangen sind. 
Die Canzone („ Tenebroaa, crudele, amara e lorda^') schreibt 
das Manuscript, dem sie entlehnt ist, allerdings dem ,>Mes8er 
Francesco d^Arezo'^ zu; es liegt aber für jetzt nicht in meiner 
Absicht, mich mit ihr zu beschäftigen. 

So beschränkt sich denn die Beweisführung des Herrn 
Herausgebers im Wesentlichen darauf, die zahlreichen Bei- 
spiele von Yerwandtschait in Gedanke und Ausdruck hervor- 
zuheben, die allerdings unverkennbar zwischen den von ihm 
publicirten Gedichten und manchen unzweifelhaft Petrarca an- 
gehörigen besteht. ^) Diese Argumentation erscheint überhaupt 
als eine bedenkliche; denn gewiljs mindestens ebenso gut, als 
daTs ein bedeutender Dichter so viellach mit wenige veräbder- 
ten Worten das Gleiche wiederholt haben sollte, läfst sich an- 
nehmen, dafs ein mechanischer Nachahmer jenes Dichters sich 
dessen Gedanken und Redeweise mit mehr oder minder Ge- 
schick angeeignet habe. Nun ist es aber eine allgemein be- 
kannte Thatsadie, dais eben an Petrarca's Sohlen sich im 
fünfzehnten und sechzehnten Jahrhundert eine ganze Schaar 
solcher Nachtreter — die sogenannten Petrarcheschi — ge- 
heftet hat, ja dafs italienische Sonettenschmiede noch heute 
ihren Ruhm darin setzen, sich dem Schwan von Yaucluse so 
nahe als möglich anzuschliefsen. — Um das Bedenken zu he- 
ben^ dem die Yoraussetzung unterliegt, derselbe Dichter habe 
sich so vielfach fast wörtlich wiederholt, vermuthet der Her- 
ausgeber (p. XY, XYI, XYII), der münchner Codex enthalte 
Petrarca's frühere jugendliche Yersuche , einzelne Gedanken in 



1) Uebrigens fehlt es auch nicht an Remioiscenzen aus Dante. 
Einzelne davon hebt der Herausgeber p. X, XI selbst hervor. Andre 
finden sich p. 7, Z. 5 und p. 15, Z. 14 vgl. mit Inf. XXIV, 138, und 
p. a3, Z. 11 vgl. mit Purgat. XXXIII, 54. 



242 Kritische Anzeigen: 

Versen anszasprechen , welche der Autor dann spater in dasr 
zierlichere Gewand gekleidet habe, welches sie in dem längst 
bekannten Canzoniere tragen. Dieser Annahme widerspricht 
aber ein ausdrückliches Zeugnifs der neu herausgegebenen 
Sonette, laut dessen (p. 33) der Dichter schon im Greisen- 
alter stand. 

So viele dieser Gedichte nennen die Geliebte entweder 
direct „Laura**, oder spielen in Petrarca's bekannter Weise mit 
Vavra oder lauro, dafs es viel kürzer ist, diejenigen aufzuzäh- 
len, in denen sich dergleichen nicht findet (1 — 18, 21, 33, 37, 
43, 44, 50, 51, 54, 55, 56, 58, ^9, 65, 70, 72, 74, 75, 94, 98, 
113, 114). Mit Recht hat der Herausgeber auf diesen Um- 
stand kein besonderes Gewicht gelegt, da, abgesehn von der 
Möglichkeit blofser Nachahmung, ein zufälliges Znsammen- 
treffen des Namens leicht möglich jst, wie denn auch Bürger 
und Schüler ihre Laura besungen haben. Jedenfalls aber zeugt 
ein so übermäfsiges Häufen jenes Spieles (im 41. Sonett kommt 
Laura acht mal, im 91. gar vierzehn mal vor) von einer Ge- 
schmacklosigkeit, deren Petrarca wenigstens in diesem Mafae 
nicht fähig gewesen wäre. 

Desto gewichtiger erscheint Herrn Dr. Thomas die Er- 
wähnung des Cola Rienzi^ die er gleich im ersten Sonette zu 
finden glaubt. Da dies kleine Gedicht die damaligen Zustände 
in harten Worten schilt, so verlegt der Herausgeber seine Ent- 
stehung in die Zeit kurz vor dem Sturze des romischen Volks- 
tribunen, hält es also für ungefähr gleichzeitig mit dem be- 
kannten Anklageschreiben an diesen (26. Nov. 1347). Der 
Inhalt des Sonettes beschränkt sich auf einen einzigen Ge- 
danken: Italien wird angeredet und ihm mit dem höhnischen 
Schlufssatze godi adunoha (unleidlicher Barbarisäius für adun- 
que^ vorgeworfen, dafs es sich von den hohen Sorgen frühe- 
rer Zeit zu aller Art von Schlechtigkeiten verkehrt (volta) habe. 
Diese Schlechtigkeiten werden in dreizehn Zeilen aufgezählt; 
die vierzehnte lautet aber in der Hdschr.: 

Volta mia itälia orensi godi aduncha, 
Herr Thomas glaubt nun, ,,orensV^ sei zu lesen: o Eienzi. 
Dagegen ist zuerst zu erinnern , dafs die italienische Form des 
Namens des Tribunen nicht Bienzi, geschweige denn Rensi, 
sondern Cola di Renzo, oder di Eienzo ist. Sodann hielt 
Petrarca den Cola bis zuletzt immer noch viel zu hoch, um 
ihm zurufen zu können, er möge sich freuen , dafe Italien sich 



Petrarcae carmina incognita ed. Thomas. 243 

nun allen Lastern zugewandt habe. Endlich aber wird das 
ganze Sonett, in solcher Weise geschrieben, völlig sinnlos. 
Während ihm nämlich das Zeitwort, auf das sich die voran- 
gehenden dreizehn Zeilen stützen sollen, völlig abgeht, redet 
es in der vierzehnten zwei sprachlich anverbundene Personen 
(Italien und den Volkstribunen) an, auf welche sich dann der 
Nachsatz im Singular zurnckbezieht. Offenbar steckt das feh- 
lende Verbum in dem sinnlosen ,^orensi^% das vermuthlich in 
^^ora sei'' zu berichtigen ist. Dann wird das Gedicht leicht 
verständlich; es lautet nämlich, wenn man die wortreiche Aufn 
zählang aller der einzelnen Schlechtigkeiten, zu denen Italien 
sich gewandt haben soll, fortläfst^ einfach dahin: 
Da st alte eure a pensier pravi ecc. 
Volta, mia Italia, ora sei; godi adunque. 

Weitere Argumente zu Gunsten der Autorschaft Petrarca's 
finde ich in den Prolegomenen nicht. Ihre Widerlegung hat 
zum Theil schon selbständige Argumente geboten, namentlich 
Beispiele von Geschmacklosigkeit und von incorrecter Sprache, 
die auf Norditalien, vielleicht die venezianische Terra ferma, 
hinweisen. Jene Beispiele liefsen sich auiserordentlich verviel- 
fachen. Unter anderm gehört hierher auch das vom Heraus- 
geber p. X ohne Zweifel richtig entziflferte Baxon statt ragione 
(p. 9). Ebenso ist das y,disuicid'' (p. 12) jedenfalls ein arger 
Barbarismus, möge es nun disviticchiato , oder was soijst im- 
mer bedeuten.^) Reime, wie quella und querela, afflitta und 
vita, scettro und tetro^ sferza und quercia, scherzo und guercio, 
collo und polo, fönte und aggiunte, brama und Jiammay Etiopi 
und zoppi^ tempo und Olimpo, occhi und pochiy eletta und 
acqueta sind häufig; in den Terzetten des 70. Sonettes ist aber 
gar ein Reim ganz ausgefallen. Als Belege für die Geschmack- 
losigkeit des Dichters mögen aber noch das 40. Sonett mit drei 
lateinischen Zeilen und das 43. mit nur zwei Reimen dienen. 
Nach solchen Beispielen wird, wie ich glaube, wer für die 
nur zu anspruchsvolle Eleganz Petrarca's irgend ein Ohr hat, 
über die Unmöglichkeit, dafs solcherlei Verse aus Messer Fran- 
cesco's Feder geflossen seien, keinen Zweifel hegen. 

Die achtzig oder mehr Sonette zum Lobe der schönen 
Laura enthalten natürlich keine historischen Anspielungen, die 

^) Ueber Petrarca's Orthographie vergl. meine Prolegomeni critiei 
zur Divina Commedia, p. LVII, Nota 1. 



244 Eritisebe Anzeigen: 

über die Zeit der Entstehung der ersteren Aufischlafs geben 
könnten. Dennoch bleibt eine, wenn auch kleine Anzahl von 
Gedichten übrig, die deutlich auf geschichtliche Ereignisse hin- 
weisen, und diese zu ermitteln, dadurch also für die Zeitbe- 
stimmung eine feste Grundlage zu gewinnen, war sicher eine 
unabweisliche Aufgabe des Herausgebers. Leider hat er die- 
selbe völlig unberührt gelassen. Ich zweifle nicht, dals sich 
auf diesem Wege sehr bestimmte Aufschlüsse (unter anderm 
auch über die mehrerwähnten Persönlichkeiten Giovan Lodo- 
vico und Fabrizio) erzielen lassen; doch fehlen mir zu ein- 
gehenderen Studien aufser der Mufse auch die Hülfsmittel. 
Nur was sich mir auf den ersten Anlauf ergeben hat, will 
ich mittheilen. 

Das 11. Sonett voll heftiger Invectiven ist an Genua 
(Janua) gerichtet. Die coda desselben lautet: 
Apri hen gli occhj e leggi 

Ch* hai negata la croce, e adori un angue 

Che si nutrica e pasce del tuo sangue. 
Entsprechend heifst es im 15. Sonett: 
quel verme 

Che Janua abborre, e con Etruria regge. 
Im 12. wird dagegen statt des angue oder verme gesprochen von 

La vipera del sangue umano ingorda. 
Es springt also in die Äugen, dafs von dem Wappen- 
thiere, welches die Visconti's schon zu Dante^s Zeit führten 
(Purgat. VIII, 80), mit andern Worten von einem Visconti ge- 
sprochen werden soll. Nun heifst es in dem einen Sonett, 
Genua bete diese Schlange an, in dem andern, es verab- 
scheue dieselbe, was schwerlich anders ausgelegt werden kann, 
als es habe sich einem Visconti unterworfen, trage aber un- 
willig dessen Herrschaft. Wir wissen aber, dafs Filippo Maria 
Visconti auf besonderes Anstiften der genueser Ausgewander- 
ten (der Adorno's u. s. w.) am 2. Nov. 1421 Genua besetzte 
und es bis zum Ende des Jahres 1436 behielt, dafs aber die 
Unzufriedenheit mit der mailänder Herrschaft schon seit dem 
schlechten Empfange der Huldigungsbotschaft begann und sich 
seitdem bis zum Aufstande des Jahres 1435 fortwährend stei- 
gerte. Wir haben also das abborre nicht minder als das adora. 
Der den Genuesen gemachte Vorwurf, das Kreuz verleugnet 
zu haben, findet seine volle Rechtfertigung in der Thatsache, 
dafs sie zuerst unter allen christlichen Staaten mit den Türken 






Petrarcae carmina incognita ed. Thomas. 245 

in freundlichen Verkehr traten, dnrch welche sie die venezia- 
nische Macht in der Levante zu brechen dachten , was ihnen 
bekanntlich nur allzuwohl gelungen ist. War doch schon im 
14. Jahrhundert die osmaniscbe Flotte grofsentheils mit genue- 
sischen Seeleuten bemannt — Die weitere Angabe des 16. So- 
nettes „0 con Etruria regge^^ ist undeutlich; jedenfalls deutet 
sie auf eine Herrschaft des Visconti in Toscana, oder doch 
auf sein Bestreben, eine solche zu erwerben hin. Seit 1422 
war aber Florenz im Kriege mit Filippo Maria und im Jahre 
1430 hatte dessen Feldherr Piccinino, als Bundesgenosse ge- 
gen Florenz, Lucca inne. 

Eine noch genauere Zeitbestimmung gestattet das zuletzt 
erwähnte Sonett in Folge seines sonstigen Inhaltes. Es er- 
wähnt, dafs die schwachen Kräfte des Stellvertreters Christi 
genothigt gewesen seien, fremden Wohnsitz aufzusuchen. Es 
weist dies darauf hin, dafs Eugen IV. durch die Intriguen 
Filippo Maria^s, besonders durch Fortebraccio , im Frühjahr 
1435 genothigt ward, sich von Rom nach Florenz zu flächten. 
Gegen diese dem Kirchenfursten angethane Gewalt verweist 
indefs das Sonett auf einen durch den Löwen, der das adriar 
tische Meer zügelt, berufenen Heerführer, den es ermuntert, 
des Beispiels der alten Kreuzfahrer eingedenk zu sein. Offen- 
bar ist damit der, solchen Vertrauens allerdings nicht beson- 
ders würdige, Francesco Sforza gemeint, den die mit dem 
Papst verbündeten Venezianer und Florentiner im Jahre 1435 
zu ihrem Feldherrn ernannten. 

Ein zweites der oben gedachten Sonette, das zwölfte, 
dürfte nur ein paar Jahre jünger sein. Es berichtet^ wie jene 
blutdürstige Schlange den Benacus schon dreimal mit Men- 
sehenblut gefärbt habe. ') Fast unwillkührlich denkt man da- 
bei an den Kampf um den Gardasee, der in den Jahren 
1439 und 40 zwischen Gattamelada, dem Feldherrn der Vene- 
zianer und dem des Filippo Maria Visconti, Piccinino, geführt 
wurde, in welchem die kühne Unternehmung des Candioten 

^) Ne (di sanyue umand) . ha tinto tre volle Benaco, — Hinter N' ha 
tinto steht in der Udschr. „tn nybro^*, was ich nicht zu erklären weifs ; 
,yin ro880^^, das der Sinn zunächst vermuthen läfst, liegt den Buchsta- 
ben zu fern. Wahrscheinlich ist Insuhro das Richtige. Das Fehlen des 
sprachlich nothigen Artikels (N*ha tinto tre volte VInsubro ßenaco) kann 
bei einem so incorrecten Schriftsteller, wie der Poet des münchner 
Codex, kein Bedenken machen. 



246 Kritische Anzeigen: Petrarcae carmina incognita ed. Thomas. 

Sorbolo, venezianische Galeeren über die Abhänge des Monte 
Baldo za fuhren, eine so denkwürdige, aber doch nicht ent- 
scheidende Episode bildete. Die Kämpfe anf dem See wiederhol- 
ten sich noch einige Zeit, so dafe man, um 1440 wohl sagen 
konnte , seine Flathen seien dreimal von Blut gefärbt worden. 
Das 17. Sonett feiert einen von Gott zum Träger seines 
Scepters erwählten Hirten: 

Per cui del (lies dal) cartier tenebroso e ietro 

Buanzia uscisse neue ausoniche acque. 
Es handelt sich also um eine auf Anlafs des Papstes unter- 
nommene Seereise eines byzantinischen Machthabers nach Ita- 
lien. Man konnte an den Besuch des Johannes Cantacuzenus 
(1369) oder seines Sohnes Manuel Paläologus (1400) denken; 
die weiteren in dem Sonett erwähnten Umstände sind aber 
nur mit der berühmten Reise des Johannes Paläologus zum 
Concil von Ferrara (später Florenz) vereinbar, wodurch die 
Entstehung des Gedichtes in die auf 1438 zunächst folgende 
Zeit verlegt wird, und der gefeierte Papst sich als Engen IV. 
(seit 1431) ergiebt. Ohne Zweifel ist dieser auch des gespen- 
deten Lobes würdiger als Urban V. und Bonifaz IX. In der 
zweiten Quartine und weiterhin vnrd nämlich der Papst ge- 
feiert, weil er dahin wirke, daJGs derjenige, der stets dem 
Weltall nuTsfallen habe (der türkische Sultan) nach drei Lastren 
sich zur Flucht wende und den ägyptischen Meerbusen (wo der 
Ruhm Gottfrieds von Bouillon erwachsen sei) um Christi willen 
mit seinem Blute färbe. — Als Anfangspunkt jener 15 Jahre 
türkischer Uebermacht wird das Obsiegen Murad II. und die 
erste Belagerung von Konstantinopel (1422), oder der Frieden 
von 1424 anzunehmen sein, was gleichfalls an das Ende der 
dreifsiger Jahre führt. Seit dem Besuche des Paläologen und 
der wenigstens äufserlichen Wiedervereinigung der beiden Kir- 
chen hatte Eugen ein BündnÜB gegen die Türken angestrebt. 
Nach den ersten Siegen des Johann Hunyades (1442) gelang 
es ihm, Ladislaus von Ungarn und Polen, Philipp den Guten 
von Burgund, Georg von Servien und andre zu einem Kreuz- 
zuge zu verbinden, für den Indulgenzen, geistliche Zehnten u. s.w. 
die Mittel beschaffen sollten. So- wurden die Siege von Nissa 
und Cunowitza (1443) erfochten, welche die glänzendsten Hoff- 
nungen zu rechtfertigen schienen. Diesen setzte alsdann der 
Friede von Segedin (Sommer 1444), dem also jenes Sonett 
vorhergegangen sein mufs, Schranken. 



Miscellen. 247 

Dieser Verherrlichang des Papstes gegenüber schmähen 
ihn einige andre Sonette. Es liegt nahe, vorauszasetzen, dafis 
sie sich auf einen andern Papst beziehn. Eines derselben, das 
sechste, redet einen ^yspirto gentil^\ von dem Hülfe erwartet 
wird, an und sagt: 

Mira d'Itali la piü nobil parte 

Volta in 'resia e fatta un lupanario 
Per celebrare gli olocausti a Marte. 
Dieser Marte, dem die der Ketzerei zugewandte Hälfte Italiens 
Weihrauch streut, dürfte unbedenklich Papst Martin V. (Otto 
Colonna) sein. Die Gründe des Hasses gegen den Papst weifs 
ich nicht anzugeben, vielleicht sind sie in der im Jahre 1426 
zwischen ihm und Filippo Maria Visconti getroffenen Einigung 
zu finden. Das Datum selbst aber wird durch das Sonett 3 be- 
stätigt, in welchem zwei gegenüberstehende Eirchenhirten (dui 
pastori) erwähnt werden, was also auf den Fortbestand des 
mit 1378 beginnenden grofsen Schisma's hinweist, das 1429 
durch die Entsagung Clemens YUI. beendigt ward. 

Diese Nach Weisungen werden, wie ich glaube, vollkom- 
men genügen, um darzuthun, dafs die Publication des Herrn 
Dr. Thomas uns weder Gedichte Francesco Petrarca^s, noch 
auch nur eines seiner Zeitgenossen , sondern mehr als ein hal- 
bes Jahrhundert nach dessen Tode entstandene Arbeiten eines 
norditalienischen, vielleicht venezianischen, Dichters bietet. 

Karl Witte. 



Miscellen, 

Ich bin gehabt = ich bin gewesen. 
In meinen „Beiträgen zur Geschichte der romanischen 
Sprachen" (Wien 1862, S. 24ff.)^) besprach ich jene Fügung, 
nach welcher das Participium von habere zur Bildung der 
Conjugatio periphrastica von esse dient. Ich führte Beispiele 
aus Bonvesin und Pietro da Bescape an, dann aus einer noch 
ungedruckten afr. Handschrift der k. k. Hofbibliothek, deren 
Sprache vorwiegend burgundisch ist. Mir war damals diese 
Fügung sonst unbekannt: genaueres Nachsuchen liefs mich je- 
doch dieselbe auch in anderen Gebieten auffinden. Es sei mir 
gestattet, hier das Versäumte nachzuholen. 

1) Separatabdrack aus dem 39. Bande der Sitzungsberichte der 
phil. bist. Classe der k. Akademie der Wissenschaften. 



248 Miscellen. 

1. In den catalanischen Versen bei Keller, Romv. 699, 
liest man: 

. . . gran be qui conagat 
No fora si no fos haut 
Peccat e pena per peccat. 
Es dürften sich in dieser Sprache manche andere Beispiele finden. 

2. Unser verehrter Meister, Friedrich Diez, schreibt mir: 
„Es fehlt selbst im Provenzalischen nicht an Beispielen. Drei 
finden sich bei Raynouard Lex. Rom. 2, 157^ ^), dazu fuge 
ich noch: Sirvens suy avutz et arlotz Chx. 4, 462'. 

3. In Schnackenbarg, Tableau synoptique etc. (Berlin 
1840), findet sich S. 64 folgendes: 

„Dans le departement da Haut-Rhin, dans quelques par- 
ties de la Franche-Comte et sans doate dans plusieurs autres 
contr^es, le langage a consacre des meprises bizarres, telles 
que vos ates avü ce qui signifie litteralement vous "Stes eu et 
ce qui doit signifier: vous avez 4te,^^ 

4. In der jüngeren Redaction des Girart de Rossillon, 
die in burgundischer Mundart verfaTst ist und von Mignard 
(Paris 1858) herausgegeben wurde, begegnet man: 

V. 346. Et maintes grant tresour y sont hiu trove*), 
wozu der Herausg. bemerkt: „Y ont ^te; nos pajsans boar- 
guignons parlent encore comme on vient de lire^S und an einer 
anderen, von Littre (Hist. del. I.fr9. 2,416) besprochenen Stelle: 
Si 8ont heu trop foul de faire le conti-aire. *) 
Wir können demnach diesen Gebrauch in den aneinan- 
der gränzenden Gebieten Provence, Catalonien und Nordwest- 
Italien*), dann auch in dem mehr nordwärts sich über die 
Loire erstreckenden Gebiete von Burgnnd nachweisen. 
A. Mussafia. 

^) eron avug = avaient ete ; fos agatz = eüt ete ; es avatz == a ete. 
Wenn Baynouard sagt: „II (le verbe aooir) forma aussi ses temps com- 
poses en employant i'auxiliaire esser<<, so scheint er sich nicht ganz 
genau auszudrücken. Es liegen in den angeführten Beispieleu keine 
vergangene Zeiten von „haben", sondern von „sein" vor. 

^ Dieses Beispiel ist lehrreich; es zeigt, dafs die Substitution 
stattfindet nicht blofs wenn „sein" als Verbum substantivum, sondern 
auch wenn es als Auxiliare gebraucht wird. 

') Dazu sagt Littre: „il ne me souvient pas d*avoir rencontre 
aillears . . . la locution que je Signale ici". 

*) Derselbe Gebrauch findet sich auch im Alt-Waldensischen. 
S. Jahrb. IV, p. 386, Anm. 1. Der Herausg. 



Druck Tou F. A. Brockhaus in Leipsig. 



Zarncke, Ueber das Verbal tnifs des Brut y Tysylio zu Gottfried. 249 



üeber das Verhältnifs des Brut y Tysylio zu 
Gottfried's Historia regum Britanniae. 

In der Geschickte der Artussage nimmt kein zweites 
Werk einen bedeutungsvolleren Platz ein als die Historia 
regum Britanniae des Gottfried von Monmouth. Vorwärts 
wie rückwärts ist die Wichtigkeit dieses Werkes unschätz- 
bar. Für die europäische Literatur des Mittelalters war 
Gottfried geradezu der Vater der Artussage. Ohue ihn 
wäre Artus Name schwerlich über den engen Kreis sei- 
ner Stammesgenossen in Wales und in der Bretagne be- 
kannt geworden, ohne ihn wäre es schwerlich einem frem- 
den Dichter jener Zeit, am wenigsten einem hotischen, in 
den Sinn gekommen, in einem grofsen Epos den Artus 
zu besingen, wäre es sicher nicht Sitte geworden, aus 
den Ländern keltischer Zunge sich Stoffe zu holen, die 
an Artus und seine Tafelrunde anknüpften oder sich doch 
leicht anknüpfen lielsen. Gottfried aber hatte in seiner 
glänzenden Schilderung der fabelhaften britischen Konige 
in der Charakteristik des Artus zum ersten mal' das Bild 
eines ritterlichen Helden zu entwerfen gewufst, wie es 
als Ideal bereits damals (im Beginn des 12. Jahrh.) in 
den Kreisen normannischer Herrschaft aufzuleben begann, 
nach den drei Seiten kriegerischer Tüchtigkeit und Ge- 
wandtheit, romantischer Neigungen und ausschweifender 
Freigebigkeit. Bei (Jottfried war dies ideale Bild zwar 
noch nicht Selbstzweck gewesen, es war nur die Glorie, 
mit der er den Haupthelden seiner nationalen üeberliefe- 
rung verherrlichte; Artus blieb bei ihm in erster Linie 
immer noch ' der ruhmgekronte Befreier seines vorher 
und nachher unterdrückten Vaterlandes, hierauf liegt öas 
Hauptinteresse seiner Darstellung; die französischen und 
die ihnen nachfolgenden Dichter aber liefsen den kymriscben 
Nationalbelden fahren, sie hielten sich nur an das glän- 
zende Bild ritterlicher Herrlichkeit, mit dem Gottfried 
jenen ausgestattet hatte, und dies genügte zum idealen 
Helden ihrer Gedichte. So war der Stoff so zu sageü 

Jahrb. f. rom. u. engl. Lit. V. 3. 17 



260 Zarncke 

courföhig geworden und zum zweiten male wanderte der 
Name des Artus über den Kanal, diesmal aber nicht blofs 
zu einem blutsverwandten Stamme, sondern über die ganze 
gebildete Welt, über den ganz^i Oöcident bis tief hinein 
in den Orient. 

Und wichtiger fast noch als Gott&ied^s Werk nach 
vorwärts geworden ist für die Verbreitung und Weiter- 
entwickeluug der Artussage, ist es für uns rückwärts als 
Quelle tür die zu seiner Zeit vorgefundenen nationalen 
Ueberlieferungen. Dals er aus solchen geschöpü;, bedarf 
für kundige Leser keines JBeweises, auch wenn man die 
ausdrückliche Angabe Gottfried^s, dafs ihm ein aus der 
Bretagne herübergebrachtes wälsches Buch vorgelegen 
habe, für eine Fiction halten wollte. Aber wie er seine 
Quellen benutzt, wie weit er von ihnen abgewidien ist, 
in wie weit sie noch wieder zu erkennen sind in seiner 
Darstellung, das ist eine schwer zu lösende Frage. Denn 
abgesehen davon, dafs Gottfried nachweislich und einge^ 
standeuerma&en auch noch andere Quellen benutzt hat, 
wie den Beda, Gildas und Nennius, gewinnt man aas 
seiner glatten und tendenziösen D^steUung sehr bald das 
Urtheil, dafs es ihm nicht auf Treue und wahrhafte Wie- 
dergabe des ihm Ueberlieferten ankam, sondern dafs er 
seine Quellen nur benutzt hat als Material zur Herstel* 
lung des glänzenden Geschichtsbildes, mit welchem er der 
altbekannten Eitelkeit seiner Stammesgenossen schmeicheln 
wollte. Mit ihm völlig frei zu schalten hielt er sich für 
berechtigt, wie er denn z. B, aus den via: von Gildas als 
gleichzeitig erwähnten Fürsten der Britten vier nachein- 
iuider ein ganzes Jäirhundert hindurch regierende Könige 
gemacht hat. Wir können daher zur Reoonstruction sei- 
ner Quellen sein Werk nur sehr eingeschränkt benutzen. 
Und das ist um so bedauerlicher, als kein älterer Schrift- 
steller über dieselben Gegenstände sich verbreitet; denn 
was bei Nennius über Artus gesagt wird ist nur ein Ent- 
wurf und höchstens dadurch von Interesse, dafs Nennius 
ebenso wie die seinem Werke in einigen Handschrifben 
angehängte D^scriptio Britanniae deaa Artus nie rex^ son- 
dern ausdrücklich nur mil^ nennt, während daneben von 



Ueber das Yerhältnifs des Brut y Tysylio za Gottfried. 2öl 

andern als Königen die Rede ist. Ebenso wenig können 
meiner Ansicht naoh die angeblichen Barden des 6. Jafar- 
honderts, Aneurin, Taliesin, Llywarch Hen u. a. herbei- 
gezogen werden, in deren, wenn auch durch die Kritik 
schon sehr zusammengeschmolzenen Werken ich schon 
wegen ihrer überkünstlichen Beimweise unmöglich Ge- 
dichte so alter Zeit erkennen kann. 

Um so wichtiger würde es für uns sein, wenn sich 
die Annahme bestätigte, dals wir jenes von Gottfried als 
die Quelle genannte wälsche Buch wirklich noch besäfsen. 
Kicht wenige Gelehrte h^gen diese Ansicht wirklich, und 
bei uns in Deutschland ist sie durch San Marte, der sie 
in seiner Ausgabe des Gottfried vertreten und zu bewei- 
sen gesucht hat, wohl zur herrschenden geworden. £s 
ist mir wenigstens nicht bekannt geworden, dafs sich von 
irgendwoher ein Widerspruch erhoben hätte. Dennoch 
theile ich dieselbe nicht, und ich hoffe im Folgenden den 
Beweis erbringen zu können, dafs das in Bede stehende 
Werk erst aus dem Gottfried^s entstanden ist 

Wir haben die von Gottfried behandelte Geschichte 
zweimal in wälscher Sprache, einmal in dem Brut y Gruf- 
fudd ap Arthur, der in mehreren Handschriften (minde- 
stens 6) erhalten, und im zweiten Bande der Myvyrian 
Archaiology abgedruckt ist. Es ist offenbar eine wälsche 
Kückübersetzung des Werkes Gottfried's und als solche 
auch allgemein anerkannt. Dagegen das für die Quelle 
Gottfried^s gehaltene Werk ist der weit kürzer und skiz- 
zenhafter abgefafste sogenannte Brut y Tysylio, der eben- 
falls in dem zweiten Bande der Myvyrian Archaiology of 
Wales abgedruckt ward und auch, wie es scheint, in 
mehreren Handschriften erhalten ist, von denen eine das 
rothe Buch von Hergest ist, bekannt durch die aus dem- 
selben herausgegebenen Mabinogion. Die Ansicht, die 
z. B. der Verfasser der Britannia after the Romans hegt, 
da& diese Chronik ein Werk des Bischfs Tysylio (von 
660 — 720) sei, isl von San Marte in der Vorrede zu sei- 
ner Ausgabe des Gottfried (S. XVI fg.) ausreichend wi- 
derlegt, ebenso die, dafs sie von einem Britten des Con- 
tinents um 930 verfafst sei, wie der Graf Villemarqu^ 

, 17* 



"1 



252 Zarncke 

meinte. Sie kann, wie auch S. Marte zugibt, nicht vor 
der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts geschrieben sein, 
das ergibt sich aus den Anspielungen, wie es auch aus 
den bereits ganz ritterlich gefärbten Schilderungen her- 
vorgeht. Aber dafs dies Werk die Vorlage Gottfried's 
gewesen sei, hält auch S. Marte fest. 

Eigenthümlich sind die Schlufsworte: „Ich Walther, 
Archidiaconus von Oxford, übersetzte dieses Buch aus 
dem Wälschen ins Lateinische, und im höheren Alter 
übersetzte ich es zum zweiten male aus dem Lateinischen 
ins Wälsche." Bekanntlich ist Walther, Arch. von Oxford, 
derjenige, der dem Gottfried seine Quelle aus der Bre- 
tagne mitbrachte. Auf mannichfaltige, aber stets vergeb- 
liche Weise hat man diese Worte mit Gottfried's Angabe 
in der Hist. regum Britanniae in Verbindung und Ueber- 
einstimmung bringen wollen; Hr. v. ViUemarqu4 scheint 
sich sogar eine der bei wälschen Forschem gar nicht 
seltenen Fälschungen haben zu Schulden kommen lassen, 
indem er behauptet, in dem reihen Buche von Hergest 
stehe, Walther habe es übersetzt, „aus dem Bretönischen 
ins Kymrische", so dafs diese seine wälsche üebersetzung 
die Quelle Gottfried^s geworden sei. Andere Gelehrte be- 
streiten diese Behauptung entschieden. Jene Worte füh- 
ren uns also nicht weiter und wir sind zur Entschei- 
dung der Prioritätsfrage auf die beiden Werke selber 
angewiesen. 

Der erste Eindruck ist der Priorität des Brut nicht 
eben günstig. Wir gewinnen durch die Lecture des Gott- 
fried bald den Eindruck, dafs der Verf. ein geistvoller, 
gewandter Mann war, der sich unmöglich bei Herstellung 
seines Werkes in spanische Stiefeln einschnüren liefs. 
Sollte aber der Brut seine Quelle sein, so würde er ETa- 
pitel für Kapitel derselben gefolgt und fast nur, nament- 
lich im Anfange, stylistischer Ausputz und hier und da 
Aenderungen würden seine Arbeit sein. Das widerstrebt 
dem Urtheil, welches wir uns über Gottfried's Art und 
Kunst gebildet haben. Ueberdiefs wird auch im Brut so 
manches erzählt, das nur von einem Gelehrten herrühren 
konnte, das den Gesichtskreis einer Volkssage so ganz 



TJcber das Verhältni£s des Brut y Tysylio zu Gottfried. 253 

Übersteigt (z. fi. die chronologischen Notizen, die aus 
Nennius herübergenommen sind), dafs, wäre der Brat 
wirklich das Original, sein Werth als Sagenquelle doch 
betrachtlich gemindert wäre, da dann der Verdacht be- 
gründet wäre, dafs bereits sein wälscher Verfasser sich 
ähnlich gelehrt umarbeitend zu seinen Ueberlieferungen 
müfste verhalten haben, wie wir dies bei Gottfried ganz 
^klärlich finden, wie es aber bei einer selbständigen Ar- 
beit in der Vulgärsprache kaum wahrscheinlich ist, da 
dem Gelehrten in jener Zeit die lateinische Sprache offen- 
bar näher lag. Wenigstens wurde ein von gelehrten Sta- 
dien zeugendes selbständiges prosaisches Werk in der 
Lsmdessprache um jene Zeit, so viel ich weifs, ohne Ana- 
logie sein. 

Doch über solche Grründe mag sich streiten lassen, 
wir wollen sie nicht als entscheidend ansehen. 

S. XIX seiner Ausgabe des Gottfried sagt San Marte, 
das von ihm angenommene Verhältnifs beider Werke zu 
einander werde sich durch genaue Vergleichung dersel- 
ben sehr einfach herausstellen, und S. LXXII wird end- 
lich diese Vergleichung angestellt. Es sind fünf Grande, 
mit denen S. Marte seine Ansicht stützt: 

1) „Ueberall fast, wo der Brut Erklärungen gewisser 
wälscher Ausdrücke oder Uebersetzimgen darin ins Säch- 
sische oder Englische gibt, wiederholt Gottfried diese in 
gleicher Weise; wo sie aber im Brut fehlen, vermissen 
wir sie auch bei Gottfried/^ Erstaunt fragt man sich, in 
wiefern aus dieser einfachen Uebereinstimmung irgend et- 
was über die Priorität der beiden Werke folgen solle. 
S. Marte fährt fort: „ja, wo er sie auf eigene Hand ver- 
sucht, sind sie mitunter unrichtig, so dafs sich sogar die 
Vermuthung aufdrängt, dafs Gottfried selbst das Wälsche 
nur unvollkommen verstanden habe>^ Diese Vermuthung 
ist durchaus unstatthaft bei einem Manne, der in Wales 
geboren und erzogen war, der dort sein Leben beschlofs 
und der die volle Nationaleitelkeit der Walliser zur Schau 
tragt und in ihrem Sinne ein Werk schreibt. Wenn sich 
ihm falsche Etymologien nachweisen lassen, so theilt er 
diesen Fehler mit manchen viel Gelehrteren, und wenn 



254 ZanJcke 

er keltische Beinamen zuweilen nicht ins Lateinische über- 
setzt, sondern die keltische Wortform beibehalt, so dür- 
fen wir ihn deswegen nicht znr Rede stellen, da solche 
Beinamen gar wohl auch als Eigennamen behandelt wer- 
den durften; und wenn die Form des Namens meist nicht 
die rein keltische ist, so hat überhaupt Gottfried stets 
die latinisirte oder doch diejenige Form des Namens vor- 
gezogen^ die in den nicht stockwälschen Kreisen, in de- 
nen er sich zu bewegen hatte, in den anglonormannischen, 
gebräuchlich waren, üeberdies müssen wir hierbei noch 
die Ueberlieferung in Betracht ziehen; Gottfried's Werk 
b^and sich natürlich meistens in den Händen solcher 
Schreiber, die des Keltischen nicht mächtig waren, was 
beim Brat nicht der Fall war. Was S. Marte an Spe- 
cialitäten zur Erläuterung seiner Ansicht bringt, beweist 
nichts anderes. Man vergleiche sie a. a. O. 

2) „Die zierlichen Orakelverse in L. I, c. 11 ent- 
sprechen dem eleganten Stil Gottfried's. Der Tysylio 
hat einfache Prosa. Hätte die wälsche Sprache das Ora- 
kel in Verse gefafst gehabt^ so würde sie der Brut gewifs 
aufgenommen haben." Der letztere Schlufs ist keines- 
wegs gerechtfertigt, denn man dürfte auch annehmen, 

dafs der Verfasser des Brut sie nur nicht gekannt habe. 
Aber was in aller Welt hat dieser Schlufs überhaupt mit 
der Prioritätsfrage zu thun? Mochten nun wälsche Ora- 
kelverse existiren oder nicht, was folgt daraus für die 
Frage, ob Gottfried den Brut übersetzt oder der Ver- 
£Etöser des letztem den Gottfried? Ja, wenn man hieraus 
durchaus einen Schlufs in dieser Frage ziehen wollte, 
würde nicht mit viel mehr Wahrscheinlichkeit daraus 
folgen, dafs der Verfasser des Brut das Werk Gottfried's 
vor sich hatte und es übersetzte, aber sich nicht die 
Mühe nahm, die lateinischen Hexameter in wälsche Verse 
zu übertragen, sondern sich mit Prosa begnügte? 

3) „Gottfried übergeht die von Tysylio wditläuiig 
erzählten drei Plagen der Insel, die Einäscherung von 
Circencester durch Sperlinge, und die Sage, dafs auf den 
Fluch des heil. Augustin die Kenter mit Thierschwänzen 
geboren wurden, vermuthlich weil wenigstens die erste 



Ueber das Yerhältnils des Brut y Tysylio zu Gottfried. 255 

und leiste Sage ihm nicht historisch g^ing erschienen. 
Dem Brut als Auszug aus Gottfried würde es wider** 
sprechen, diese Geschichten als Zusätze hinzuzufügen.^^ 
Warum? Was steht denn dem entgegen, dafs der Verfasser 
des Brut, wenn er 'Gottfiried's Werk vor sich hatte und 
es im AUgemeinen auch nur au^ugsweise wiedergab, 
doch hin und wieder auch Zusätze aus seiner eigenen 
Kenntnifs maciien durfte? Er übersetzte doch nicht, wie 
unsere heutigen gelehrten Uebersetzungen, um eine treue 
Wiedergabe des Originals zu gewahren, sondern um den 
Inhalt dessdben, die Kenntnifs der alten Geschichte von 
Wales, weiter zu verbreiten. Was sollte ihn abhalten, 
wenn er dazu fähig war, an den Stellen, wo seine eigene 
Kenntmfs weiter ging, seine Vorlage zu interpoliren ? 
S. Marte's Behauptung ist um so naiver, wenn man sieht, 
wie der Brat an unzahligen Stellen in Kleinigkeiten, ja 
zuweilen sogar in der Erzählung der BegcJ^enheiten ab- 
weicht, so dafs wer ihn für eine Bearbeitung ans dem 
Werke Gottfried's erklart, doch ihn ganz ungenügend 
charakterisirt, wenn er ihn einen blofsen Auszug nennt. 
S. Marte ficht also nur mit Worten, und zwar mit eigea- 
mädbtig und ungenau gewählten. 

Ebenso wenig kann ich irgend etwas Entscheidendes 
darin finden, wenn im Brut die Schlnfsworte des 10. Ka- 
pitels des 11. Buchs, „haec alias refibram, cum libmun de 
exulatione eorum transtulero^^, feU^ai. Der Verfasser oder 
Uebersetzer des Brut hatte einmal nicht die Absicht, das 
Angedeutete zu erzählen, Gottfried aber hatte me. Ueber 
das Verhältuifs der Werke zu einander ist hieraus gar 
nichts zu entnehmen. 

Ganz gleich verhält es sich mit einigen anderen, 
nichtssi^enden Zusätzen resp. im Bmt und bei Gottfried, 
so z. B. wenn der Brufc zusetzt: „Dieses ist alles, was 
von Arthur^s Tod. hier gesagt wird. Constantin, Sohn 
des Cador, folgte nach Arthur's Wunsch auf den Thron. 
Hier endet die Geschichte von Arthur und Me<kavd." 
Einen solchen Zusatz konnte jeder Abschreiber, ge- 
schweige ein Uebersetzer und Bearbeiter, Bnachen. — 
Wran zu Anfang von XI, 1 Gottfiried versichert, „dafs 



256 Z»rncke 

er zwar nicht die Liebesgeschichte des Modredas und 
der Gunhumara, wohl aber erzählen werde von Arthur'^ 
Knegstibaten, was davon in Walther^s Buche stehe ^^, und 
wenn S. Marte triumphirend hierauf hinweist mit den 
Worten: ^^Und in der That erzählt er auch nicht ein 
mehreres davon, als der Brut enthält ^^, so ist dies völlig 
imbegreiflich. Denn die wenigen angedeuteten und an- 
geführten Stellen ausgenommen enthält ja der Brut über- 
all dasselbe, was bei Gottfried steht, also dieser auch 
nicht mehr als der Brut. 

4) Der Schlufs des Brut weicht in nicht uninteres- 
santer Weise ab von Gottfried. Der Brut sagt: „So 
verlor die ursprüngliche Nation ihren Namen und wurde 
abwechselnd dem Druck der Sachsen und ihrer eigenen 
Fürsten unterworfen.^^ S. Marte fuhrt aus, dafs auch im 
Anfiuige des 12. Jahrh. ein Walliser so zu sprechen Ur- 
sache hatte und dai's er es in seiner Landessprache schon 
wagen konnte, was beides man auch wohl ohne besondere 
Ausführung glauben würde. Bei Gottfried lautet die ent- 
sprechende Stelle: „Gualenses nunquam postea monar- 
chiam insulae recuperaverunt , immo nunc sibi, nunc 
Saxouibus ingrati consurgentes , intemas atque domesti- 
cas clades incessanter habebant^S ^^^ ^^^^ milder gegen 
die Sachsen. Mit Kecbt macht S. Marte geltend, dafs 
Gottfried, der sein Werk einem anglonormannischen Für- 
stensohne widmete, sich vorsichtiger ausdrücken mufste, 
selbst, fügen wir hinzu, wenn er im Herzen anderer An- 
sicht gewesen wäre. Aber was haben diese verschiede- 
nen Bücksichten, die die Verfasser beider Werke ihrer 
Lage nach zu nehmen hatten, mit der Priorität ihrer bei- 
den Werke zu thun? Durfte nicht auch der Verfasser 
des Brut, selbst wenn er Gottfiried^s zahmere Worte vor 
sioh hatte, sich in seiner Landessprache, seinen eigenen 
Empfindungen gemäiser, derber ausdrücken? 

5) „Die Prophetia, die Gottfried ausdrücklich fiir 
sein Werk ausgiebt, fehlt auch im Brut.^^ Genau ausge- 
drückt ist dies nicht, denn Gottfried giebt die prophetiae 
Merlini nicht in höherem Grade für sein Werk aus als 
die ganze Historia; er sagt auch von jener ausdrücklich, 



lieber das Verhäitnifs des Brut y Tysylio zu Gottfried. 257 

er habe sie aus dem Britannischen ins Lateinische über- 
setzt, aber, und das will S. Marte auch wohl nur ss^en, 
er giebt sie ausdrücklich fiir ein besonderes Werk aus, 
das er sogar selbständig yerö£Fentlichte, mit einer beson- 
dem Dedication versah, und nur später unter die Bücher 
seiner Historia mit aufiiahm. Allerdings dürfen wir wohl 
annehmen, dafs es in dem wälschen Buche, das ihm Wal- 
ther verschaffte, nicht stand. Aber ebenso leicht ver- 
ständlich ist es, dafs jemand, der die Historia auszüglich 
in der Landessprache wiedergab, dieses, die Geschichte 
störend unterbrechende Buch, das gewÜs die meisten 
Leser noch heute bei der ersten Lecture überschlagen, 
ansliefs, und wir brauchen ^ar nicht darauf hinzuweisen, 
dafs es nachweislich auch Handschriften des lateinischen 
Originals gab, die die prophetiae Merlini gar nicht ent- 
hielten undj deren eine dem Bearbeiter des Brut voi^e- 
legen haben kann. 

Man sieht, alle diese Gründe sind im besten Falle 
ganz nichtssagend, einige von ihnen aber sprechen sogar 
mehr für das Gegentheil von dem, was S. Marte durch 
sie beweisen will, und man kann sich nur wundem, dafs 
ein so gelehrter und mit den einschlagenden Studien so 
genau vertrauter Mann eine so wichtige Frage so leicht 
hat nehmen und mit so wenig Nachdenken für erledigt 
hat halten können. 

Wenn ich nun dazu schreite, die Gründe geltend zu 
machen, die mich zu einer der S. Marte's ganz entgegen- 
gesetzten Ansicht gefuhrt haben, zu der nämlich, dafs der 
Brut eine verkürzende Uebersetzung des Werkes Gott- 
fried's sei, sehe ich davon ab, die Beweisgründe zu häu- 
fen; ich will mich auf einen beschränken, der meiner An- 
sicht nach hinreicht, die Frage endgültig zu entscheiden. 

Da , wie wir nachweisen können und wie S. Marte in 
seiner Ausgabe mit dankenswerthemFleifse durch verschie- 
denen Druck dem Auge sofort erkennbar angedeutet hat^), 



^) Dabei ist freilich za bedauern, dafs kein Unterschied gemacht 
ist zwischen wirklicher Entlehnung und ganz gewöhnlicher Benutzung. 
Um sich ein eigenes Urtheil zu bilden, mufs man also stets die Worte 
der Quelle selber nachlesen. 



268 Zarncke 

• 
Gottfried andere Schriftsteller, namentlich den fieda, Nen- 
nius und Gildas für sein Werk benutzte (ohne, jedoch 
eigentlich längere Stellen wortlich aus ihnen zu entlehnen, 
woran ihn schon das Bedürfnifs eines elegantem Stiles hin- 
derte), so mufs sein Verfahren, falls ihm der Brut als Quelle 
vorlag, dies gewesen sein, dafs er an solchen Stellen sei- 
ner Uebersetzung und Bearbeitung des wälschen Buches 
die äätze aus den genannten Schriften einschob. In sei- 
ner wälschen Vorlage konnte etwas Aehnliches stehen, 
aber unmöglich etwas mit Nennius und Gildas wortUch 
Gleichlautendes. Denn dies konnte nur durch eine dop- 
pelte Annahme erklärt werden, von denen die eine ge- 
radezu lächerlich sein würde. Einmal nämlich mufste 
bereits der Verfasser des Brut den Nennius und Gildas 
benutzt haben, was zwar nicht umnoglich wäre, da, falls 
der Brut Originalwerk ist, er auch ohne das, wie schon 
oben angedeutet, einen gelehrten Verfasser voraussetzt, aber 
sicherlich unwahrscheinlich, da einem gelehrten Werke die 
lateinieche Sprache natürlicher war. Sodann aber müiste 
Gottfried jedesmal, wo im Brut Stellen aus jenen Schrift- 
stellern benutzt waren, dies bemerkt, seine sonstige Weise 
zu übersetzen aufgegeben und die betreffende Stelle aus 
den lateinischen Originalen fast wörtlich abgeschrieben 
haben. Zu einer so künstlichen Annahme würde man sich 
nur verstehen] können, wenn sie durch sehr zwingende 
Gründe nothwendig gemacht würde, wie deren kein ein- 
ziger vorliegt. Völlig unmöglich aber wird diese An- 
nahme in solchen Fällen, wo bei Gottfried die lateinischen 
Worte jener Quelle mit seinen eigenen zusammengefögt 
sind. Wenn auch da der Brut dasselbe Satzgefüge ent- 
hält, so ist keine andere Erklärung gestattet als die, dafs 
er das Satzgefüge Gottfried^s vor sich hatte, dafs er also 
aus Gottfried^s Werke übersetzte. 

Ich will nun einige der Hauptstellen, in denen bei 
Gottfried und im Brut eine Benutzimg des Nennius uad 
Beda vorliegt, hier anfuhren. San Marte hat auf dies 
Kriterium gar keine Rücksicht genommen, so wenig, dafs 
er nicht einmal gemerkt zu haben scheint, dafs der Brut, 
wenn er Originalarbeit war, die genannten Scbriflsteller 



Ueber das Verhältnifs des Brut y Tysylio zu Gottfried. 259 

mufste benutzt haben. Denn S. Marte spricht stets nur 

von Benutzung derselben durch Gottfried. 

Gleich der Anfang des Brut ist bezeichnend. Hier 
ist Nennius als Quelle benutzt, dessen Worte so lauten: 
Aeneas post Trojanum beUum cum Ascanio filio soo yenit ad Ita- 
liam et superato Tnrno aceepit Layiniam filiam Latini, filii Fanni, flUi 
Fiel, filii Satumi, in coniagium: et post mortem Latini regnum ob 
tinuit Romanoram vel Latinorum. Ascanins antem Albam condidit et 
postea uxorem daxit et peperit ei filinm nomine Silrium. Silvius duxit 
nzorem et gravida fait et nnnciatam est Aeneae, qnod nnms sua gra- 
vida esset; et misit ad Ascanium filinm snnm, nt mitteret magnm suam 
ad considerandam nzorem et exploraret, quid haberet in ntero, si mas- 
cnlnm vel feminam; et magns consideravit uxorem et reversus est. 
Fropter hanc yaticinationem magns occisns est ab Ascanio, qnia dixit 
Ascanio qnod mascnlom haberet in utero mnlier, et filius mortis erit, 
quia occideret patrem snum et matrem suam et erit exosus omnibns 
homlnibns. Sic eyenit; in natiyitate illius mulier mortua est et uutri- 
tus est fiUns et yocatum est nomeü eins Brato. Post mnltum inter- 
vallum, juxta yaticinationem magi, dum ipse ludebat cum aliis, ictu 
sagittae occidit patrem suum, non de industria sed casu. 

Im Brut lautet die entsprechende Stelle nach San 
Marte's Uebersetzung : 

Nachdem die Stadt genommen war, flohen Eneas und sein Sohn 
Ascanius zur See nach Italien, wo Latinus, zur selben Zeit König von 
Italien, ihn ehrenvoll aufnahm. Und nachdem Eneas mit Turnus, dem 
Könige der Butuler, gefoehten und ihn erschlagen hatte, beirathete 
Ascanius die Lavinia, Tochter des Latinus, und nach dem Tode des 
Eneas erlangte er grofse Macht und. Konig geworden ^ erbaute er eine 
Stadt am Ufer der Tiber. IJier ward sein Sohn Sylhys geboren, der 
nachmals eine leichtsinnige Sinnesart bewährte, da denn die Nichte van 
ihm schwanger ward. Und ais Ascanius hörte^ dafs sie so sei, befragte 
er die Wahrsager darüber, welche antworteten, dafs sie yon einem 
Sohne wurde entbunden werden, der für Vater und Mutter Ursache 
des Todes sein und nach langer Umfahrt grofsen Ruhm erlangen würde. 
Und sie hatten sich nicht geirrt. Die Mutter starb im Kindbette. So 
tpdtete er seine Mutter. Das Kind war ein Knabe, ward Brntus g«- 
naimt und erhielt eine Amme, Und als er futrfgehn Jahre alt war, be- 
gleitete er seinen Vater auf die Jagd. Und einen grofsen Hirsch auf- 
jagend, schofs er nach demselben und sein Ffeil fuhr in des Vaters 
Brust. So todtete er auch seinen Vater. 

Bei Gottfried lautet die Stelle folgendermafsen: 

Aeneas post Trojanum bellum, urbis excidium cum Ascanio 
diffugiens, Italiam navigio adiyit. Ibi cum a Latino rege honorifice 
receptus esset invidit Turnus Rutulornm rex et cum illo congressns est. 
Dimicantibns Ulis praevalnit Aeneas, pereraptoque Tnrno, regnum Italiae 



260 Zaracke 

et Laviniam filiam Latini est adeptas. Denique suprema die ip9iu8 
8uperveniente, Ascanius regi^ poteaiate sublimatus, condidit Albam supra 
Tyberimy genuitque filium, cui nomen erat Sylvias; Yl\c furtivae Veneri 
indulgens, quandam Laviniae neptem uxorem duxit eamque fecit praegnan- 
tem, Gumqae id patri Ascanio compertum esset, praecepit magis suis ex- 
phrare, quem sexum puella concepisset. Certitudine ergo rei com- 
perta dixerunt magi ipsam gravidam esse puero , qui patrem et matrem 
interficeret, pluribus quoque ierris peragratis in exilium ad summum tan- 
dem culmen honoris perveniret. Nee illos fefellit vaticinium suum. Nam 
ut dies partus accessit, edidit mulier puerum etinnativitate eius 
mortua est. Traditur . autem iUe nutrici vocaturque Brutus. Postremo 
cwn ter quini anni elapsi essent, comitabatur juvenis patrem in vencuido 
ipsumque inopinato ictu sagittae interfecit. 

Die Abweichungen von Nennius, in denen der Brut 
und Gottfried übereinstimmen, sind cursiv gedruckt. Man 
sieht, während sie mit geringen sachlichen Abweichungen 
(z. B. daTs Ascanius statt des Aeneas die Wahrsager fragt) 
dem Nennius folgen, stimmen sie in den Zusätzen und 
stilistischen Umwandlungen wortlich überein. Von wem 
sind nun diese Umwandlungen ausgegangen? Vom Ver- 
fasser des Brut oder von Gottfried; wer von beiden hat 
sie von dem andern entlehnt? 

Nehmen wir an, San Marte's und der gewohnlichen 
Annahme entsprechend, Gottfried habe den Brut über- 
setzt^ der Brut sei also das Originalwerk, so will ich 
nicht zurückkommen auf die schon ^ geäufserte Unwahr- 
scheinlichkeit, dafs ein Werk in der wälschen Landes- 
sprache lateinische Autoren selbständig sollte benutzt 
haben, auch will ich kein Gewicht darauf legen, dafs im 
Brut fälschlich steht, Ascanius habe die Lavinia gehei- 
rathet statt des Aeneas, während Gottfried das Richtige 
bat. Das kann handschriftliche Verderbnifs sein, die un- 
schwer geheilt werden könnte. Aber die wortliche Ueber- 
einstimmung Gottfried^s mit Nennius zeigt offenbar, dafs 
er diesen Schriftsteller vor sich hatte. Die Gleichheit des 
Anfangs, Aeneas post Trojanum beUumt ist gewifs nicht 
zufallig, noch weniger die Worte in nativitate eius mortua 
est. Im Brut heifst es ganz allgemein: er befragte die 
Wahrsager darüber^ bei Gottfried: quem seamm puella 
concepisset^ welcher speciellere und aus dem Brut nicht 
zu entnehmende Ausdruck nur eine Umschreibung der 



üeber das Verhältnifs des Brut y Tysylio zu Gottfried. 261 

Worte des Nennius ist: quid haberet in utero ^ n mascu- 
tum vel feminam. Cbenso ist der einfache Anschlufs Gott- 
fried's an Nennius in den Worten ictu sagittae interfecit 
um so bedeutungsvoller, da im Brut dieser Unfall farben- 
reicher erzählt ist. Nehmen wir den Brut für die Vor- 
lage und Gottfried fiir den Uebersetzer, so bekommen 
wir von dessen Art zu arbeiten ein so complicirtes Bild, 
dafs demselben alle Wahrscheinlichkeit abgeht, zumal 
wenn wir die glänzende Leichtigkeit in Erwägung ziehen^ 
mit der Gottfried die lateinische Sprache handhabt, des- 
sen Stil überall wie aus einem Gusse ist, am wenigsten 
mühsam zusammengeflickt; während umgekehrt alles in 
Ordnung und ohne Schwierigkeit ist, sobald wir den 
Brut für eine abkürzende, hier und da auch Ifrei ver- 
ändernde Uebersetzung Gottfried's erklären. Sehr naiv 
sagt S. Marte in den Anmerkungen zu diesem Kapitel: 
„Gottfried's Quelle ist in der ersten Hälfte dieses Ka- 
pitels Nennius." Er von seinem Standpunkte mufste sa- 
gen: des Brut's Quelle. Aber so flüchtig hat er den 
Gegenstand ins Auge gefafst, dafs er das letztere nicht 
einmal beachtet hat. 

Je weiter wir im Brut vorwärts rücken, um so skiz- 
zenhafter wird die Darstellung, so dais sich schliefslich 
kaum noch Stellen auffinden lassen, denen ihre Quelle 
in überzeugender Weise nachgewiesen werden konnte. 
Ich will auch von solchen Stellen noch eine hervor- 
heben. 

Gegen Schlufs heifst es im Brut (San Marte S. 579) : 
Cadwallader selbst gab die Welt aus Liebe zu Gott auf und kam 
nach Rom und begann ein religiöses Leben. Er starb und seine Seele 
ging zum Himmel ein am 12. Dec. 688. 

Bei Gottfried lautet die Stelle so: 

Tunc Cadwaliadrus abjectis mundialibus propter Deum regnumque 
perpetuum venit Romam et a Sergio' papa confirmatus non multo post 
inopino etlam languore correptus est, duodecimo autem die Kalendarum 
Majarum anno ab incam. dorn, 689, a contagione carnis solutus coe- 
lestis regni aulam ingressus est. 

Die cursivgedruckten Stellen stimmen wortlich über- 
ein mit Beda H. E. V, 7. 



1 



262 Zarncke 

Kurz vorher heifat es im Brut (bei San Mftrte S. 576): 
Und Penda umstellte ihn an einem Orte, Namens Himmelsfeld. 
In dieser Lage richtete Oswald ein Kreuz auf und ermahnte seine Ar- 
mee niederzuknien und fromm den Allmächtigen anzuflehen, dafs er sie 
von dem grausamen Penda befreien möchte, sagend, dafs es ihr ein- 
ziger Wunsch sei, Freiheit zu erlangen. Am folgenden Tage griff, Gott 
Tertranend, Oswald seine Gegner an und war an dem Tage Sieger. 

Bei Gottfried (XII, 10): 

At Oswaldus, dum a praedicto Peanda in loco, qui vocaiur Heven- 
feld, i. e, coelesHs campvs, qnadam nocte obsideretur, erexit ibidem 
crucem domini et commilitonibus suis indixit, ut suprema voce in haec 
verba clamarent: „Flectamus genua omnes et Deum omnipotentem vivum 
et verum in commune deprecemur, ut nos ab exerciiu super bo Britannici 
regis et eiusdem nefandi ducis Peandae de/endat: seit enim ipse, quia 
insta pro salute gentis nostrae bella snscepimus." Fecerunt ergo omnes, 
ut iusserat: et sie incipiente diluculo in hostea progressi iuxta auae fedei 
meritum victoria potiti sunt. 

Auch hier stimmen die cursivgedruckten Worte genau 
mit der Quelle, hier Beda III, 2, oder sind doch, wenn 
auch in der Stellung etwas verändert, aus ihr entnommen. 

Auch hier wieder, sobald wir annehmen, dafs Gott- 
fried der Uebersetzer war, jene verzwickte Manier zu- 
sammenzuflicken, die in Gottfried's Art und Kunst so gar 
nifht passen will, auch hier gar keine Schwierigkeiten, 
sobald wir den Brut Tysylio wie den Brut Gruffudd ap 
Arthur für eine wälsche Bearbeitung des Gottfried halten. 

Von weiteren Gründen will ich absehen, da ich den 
entwickelten für durchschlagend halte; beiläufig sei nur 
erwähnt, dafs auch ganze Kapitel im Brut fehlen, z. B. 
das zweite des ersten Buchs, und dafs in diesem eben 
dieselbe Anlehnung an die Quellen und Mischung mit den 
Worten derselben sich zeigt, wie in den übrigen Theilen 
des Werks, so dafs Gottfried's Weise eine ganz überein- 
stimmende bleibt, sobald wir das ganze Werk von ihm 
gleichmäfsig verfafst annehmen, nicht aber ihm die Arbeit 
zuweisen, die in einer wälschen Vorlage aus gelehrten 
QueUen entnommenen Stellen erst ängstlich und getreu- 
lich mit dem Original verglichen und danach interpolirt 
zu haben. 

Wir sehen von neuem aus dem Resultate dieser Un- 
tersuchung, wie bemüht die Walliser waren, alles was 



Ueber das Verhältnifs des Brut y Tysylio za Gottfried. 263 

auf den Kahm ihres Landes und dessen Helden Bezug 
hatte auch ihrer Landessprache, die sie von jeher hoch 
gehalten haben und noch gegenwärtig mit besonderer 
Kunst üben, einzuverleiben. Von Gottfried's Werken 
giebt es, wie wir jetzt sehen, zwei ganz verschiedene 
Uebersetzungen, die längere, der Brut GrujBhdd ap Ar- 
thur, und eine kürzere und freiere, der sogenannte Brut 
y Tysylio, beide in vielen Handschriften erhalten und 
vielleicht beide in mehrere Recensionen zerfallend; die 
Untersuchung der wälschen Handschriften scheint leider 
noch sehr im Argen zu liegen. Zugleich sehen wir, wie 
man in den Werken in der Landessprache die Umstel- 
lung ins Wälsche völlig durchführte, also z. B. auch die 
latinisirten und anglonormannisirten Namen wieder rein 
keltisirte, aus Wal wein wieder Gwalchmai, aus Iwein 
wieder Owein machte u. s. w. Ich glaube, dafs uns dies 
Resultat wohl noch nach einer andern Seite hin ein Fin- 
gerzeig sein kann. Doch will ich hierauf nur andeutungs- 
weise eingehen. 

In derselben Handschrift, die, wie es scheint, die beste 
Ueberlieferung des Brut y Tysylio erhalten hat, in dem 
rothen Buche von Hergest, befinden sich bekanntlich auch 
die meisten der sogenannten Mabinogion, von denen, wie 
bekannt ist, drei mit allgemein verbreiteten Gedichten des 
Chretien von Troyes, mit dem Iwein, Erec und Parzival, 
mit den ersten beiden beinahe ganz genau, mit dem letz-* 
tem in vielen wesentlichen Punkten und meist im Gange 
der Erzählung übereinstimmen. Würden wir diese Ma- 
binogion ohne Rücksicht auf ihre Abfassung in wälscher 
Sprache ins Auge fassen, wir würden sicherlich nicht 
anstehen, sie für spätere prosaische Wiedererzählungen 
der franzosischen Epen zu erklären. Die Abweichungen 
sind der Art, dafs sie sich leicht erklären theils aus un- 
genauer Erinnerung, theils aus Nachlässigkeit in der Auf- 
fassung, theils aus den verschiedenen Anschauungen und 
Sitten des Wiedererzählenden und aus den verschiedenen 
Culturverhältnissen des Kreises, für den er das Aufge- 
nommene wieder vortrug. Eine treffende Vergleichung 
gewährt die nordische Thidrekssaga, die nach deutschen 



264 Zarncke, lieber das Vcrhaltnifs des Brut y Tysylio zu Gottfried. 

Gedichten wiedererzählt ist, die an vielen Stellen diese 
noch wörtlich erkennen läfst, und die dessen ungeachtet 
von ihren Originalen weit mehr abweicht als die Mabi- 
nogion von den franzosischen Epen. Was uns so geneigt 
macht, an ihre wälsche Originalität zu glauben, ist nur 
der Umstand, dafs die Epen der Artussage aus wälschen 
und bretagnischen Quellen entstanden sind, und dafs die 
Namen (und noch einiges andere) so rein wälsch erschei- 
nen, während sie in den franzosischen Epen französirt 
sind. Aber ein Blick auf die wälschen Bearbeitungen 
des Gottfried zeigt uns, wie wir gesehen haben, voll ent- 
sprechende Analogie. 

Ich will es nicht für eine Unmöglichkeit erklären, 
dafs die Mabinogion die Quelle des Chretien von Troyes 
gewesen sein können. Aber für weit wahrscheinlicher 
mufs ich es halten, dafs die grofsen Epen dieses Dich- 
ters, die bis in den fernsten Norden zahlreiche Ueber- 
setzungen fanden, auch ins Wälsche übertragen wurden. 
Sollten die Walliser, die den Gottfried mehrmals über- 
trugen, jene ihren Nationalhelden feiernden, durch ganz 
Europa berühmten Epen nicht auch ihrer Landessprache 
einzuverleiben gestrebt haben? Wie nahe sie sich mit 
andern Werken, die eben solche Uebersetzungen sind, 
berühren, beweist jene Handschrift, das rothe Buch von 
Hergest, welches aufser ihnen nicht blofs den als Ueber- 
setzung eben erwiesenen Brut y Tysylio, sondern auch 
eine Erzählung von Karl dem Grofsen, ohne Zweifel eine 
Uebersetzung, ferner eine Uebersetzung der sieben wei- 
sen Meister und andere von aufsen importirte Stücke 
enliiält. 

Ganz abschliei'send kann eine Untersuchung über die 
Mabinogion erst geführt werden, wenn wir den Conte 
del Graal des Chretien vollständig gedruckt haben und 
die Abweichungen der verschiedenen Becensionen unter- 
sucht sind. Meine Hindeutung soll daher auch nicht mehr 
als ein Fingerzeig sein. 

Leipzig. 

Fr. Zarncke. 



Ferd. Wolf, Zur Gesch. d. port. NfttionalHteratur in d. neuesten Zeit. 265 



Zur Geschichte der portugiesischen Natio- 
nalliteratur in der neuesten Zeit. 

Unter den" europäischen Nationalliteraturen der Jetzt- 
zeit 'ist wohl die portugiesische eine der am wenigsten 
auiserhalb des Heimathlandes, und namentlich in Deutsch- 
land be]E:annt gewordenen. Kaum mehr als dem Namen 
nach kennt man bei uns die Koryphäen der neuesten 
Epoche: A. F. de Castilho, Almeida Garrett, A. Her- 
culano, Jose da Silva Mendes Leal, Jose Freire de Serpa. 
Und doch wirkt der Tcm ihnen gegebene Impuls zn ^ner 
selbetäudigeren, volksthümlicheren Entwicklung bis auf 
den heutigen Tag fort und bildet gewifs ein beachtens- 
wQrthes Moment in Europas Literaturgeschichte über« 
haupt; und doch sind unter den Schülern und Nach- 
folgern dieser Manner so manche, die nicht mir eiipen 
relativen Werth als Mitwirkende an jener Entwicklung 
im Yaterlande haben, sondern auch aufserhalb desselben 
um ihrer selbst willen gekannt zu werden verdienen. 

Auch hat von dieser neuesten Epoche der portu- 
giesischen Literatur bereits ein einheimischer Kritiker^ 
A P« Lopea de Mendon^a^ wenn nicht eine eigentliche 
Geschichte, so doch werthvoUes Material dazu geliefert 
'in seinen „Memorias de Utteratura contempo^anea^^ (Lisr 
boa 1805, 8.). Wir müssen uns begnügen, darauf zu ver- 
weisen luid wollen hier nur drei der neuesten und berf 
deutcndsten Werke ausführlicher besprechen, die , UUA 
vorliegen imd hinreichen dürften, um einige der in die* 
ser Epoche eingeschlagenen Hauptrichtungen zu charak- 
terisiren. 

1. 

Luiz AuGüSTO Palmeirim gilt für den volhthümlich- 
8ten Lyriker der Gegenwart. 

Schon zu Anfang dieses Jahrhunderts hatte Jose 
Bocage und seine Schule, die sogenannten Elmanistea 

Jahrb. f. rom. u. engl. Lit. V. 3. IQ 




Ferd. Wolf 

oder ,,ültima Arcadia^^ einen yolksthümlicheren Ton an- 
zuschlagen und die portugiesische Poesie von den Fesseln 
des; Psmdo-Glassicisihusy die avf ihr mehr wie auf einer 
anderen ro])[xanischen lastetei), frei zu machen gesucht. 
Selbst Francisco Manoel do Nasciniento (Pilinto Elysio), 
der sich noch furchtsamer an die hergebrachten Formen 
anschmiegte, hatte wenigstens die !BigentbümlieUceit des 
portugiesischen Sprachgenhis in ihrer früheren Reinheit 
und echten Classiciti.t wieder herzustellen und vor den 
eingedrungenen GalKcismen zu bewahren gesucht Aber 
erst Almeida Garrett hat mit dem vollen Selbstbewufst- 
sein del* Nationalität ihr Ausdruck gegeben und ist bahn« 
brechend und epochemachend aufgetreten. Er ist aber 
auch der erste, der die heimische Völkspoesie zu würdi- 
gen und zu verwerthen, und durch diesen reinsten Quell 
gekraftiget, auch der portugiesischen Kunstpoei^ie neues 
Leben und eiihte Volksthümlichkeit wieder einzuhauchen 
Wuftfe. Er hat nicht nu!* den «o lange vemacUäsisigten 
Schatz der portugiesischen Volksromanzen zu heben, er 
hat ihn in seinto eigenen Schöpfungen künstmäfsig aus- 
zuprägen und wieder in Umlauf zu bringen verständen. 
Allerdings hatte auch auf ihn schon der durch die fran- 
zösischen Romantiker geweckte tmd entfesselte Oeist na- 
tionaler Unabhängigkeit und volksthümlicher Selbständig- 
keit bedeutenden Einflttft geübt, und trug bei seinen 
Nachfolgern noch tnehr bei, auf der von ihm gebroche- 
nen Bahn fortzuschreiten; ja die minder selbständigen 
unter denselben Wurden von den Extravaganzen, zu de- 
nen steh "die französischen Romantiker bald hinreifsen 
lieftenf, verleitet, ihnen auch auf diesen Abwegen zu 
folgen. 

So ehtstanden fast gleichzeitig, zwischen den Jahren 
1839 und 1842, Dichterschulen zu Lissabon und Goimbra^ 
die von diesem neuerwachten nationalen Leben zeugten. 
So hatten Joäo de Lemos Seixas Castello Branco und Jose 
Freire de Serpa (dessen Soläos oder elegische Romanzen 
den volksmäfsigen Ton sehr gut getroffen haben) ^) in 

^ NetisK Freira haben sich noch Goiito Monteiro und Pereira da 
Cnnha.darch ihre Romanzen im Volkston ansgezeichnct. 



Zur Gesch. der portug. NatioiiaUiterfttur in der neuesten Zeit ^^7 

Coimbm einen poetisobeQ Kireis iim sieh gebildet und 
gaben ihm im „Trovador*^ (Jornal poeti<;o de Coimbra^ 
da9 in den Jahren 1843 Und 1844 erschien) ein Organ, 
da3 die Principien dieser neuen Schule sowohl praktisch 
als theoretisch gegen die alten Vorurtheile verfooht. So 
s^^hloi» ai^b damals den schon früher berühmt geworde* 
nen A. F. de Castilho und Alexandre Herculano, in Im* 
aabon Jose da Silva Mendes Leal junior an, um in glei-r 
chem Geiste zu wirken und bald neben ihnen einen Platin 
im ersten Bange einzunehmen (vorzüglich durch seine 
dramatischen Dichtungen). 

Unter diesen jüngsten Lyrikern Portugab ist, wie 
gesagt, Palmeirimi der volkstbümlichste geworden' und 
man hat ihn den „portu^esischen Berangcr^^ genannt* 
Er wurde 2.u Lissabon den 9. August 1825 geboren. 
Sein Vater, der Generallieut^^ant Luis Ignacio Zavier 
Palmeirim, bestimmte, auch ihn zum Militärstande und 
lieia ihn in dem königlicheiii Militär- CoUegium erziehen. 
Er wurde aber, nadiidem er einige Jahre im Heere g^ 
dient hatte, in dem Ministerium der öffentlichan Arbeiten 
ajägestellt und zum Mitglieds der Akademie der Wissen- 
schaften zu Li^f^bon gewählt. 

Er ^ab seine lyrisohen. Gedichte (Poesias) zuerst ge- 
sammelt zu Lissabon im Jahre 1851 heraus, die zweite 
Ausgabe erschien ebenda, im Jahr^ 185^. und die drii^, 
unfi^ vorliegende, ebenda 1859 in einem. Oct^vbandew 

Auisierdem hat, er einige Comodift«^ Novallenj^ politi- 
sche und biographische Aufsätze ged^hriebon^ ^) 

Dafs Palm^irim ein geborner Dichter ist, d&is ein 
inner^er Drang ihu bestimmte, dem was er erlebt, gefühlt, 
gedacht, p<;^etischen Ausdruck zu geben, davon zeugen 
seine Gedichte überhaupt; sie habem jeniefl (Gepräge des 
Spontanen, Wahren, Natürlichen, waa die echte Poesie 
von der angelernten, erkünstelten, auf den ersten Blick 



^) S. das Verzeichnift seiner Schriften und die biographischen No- 
tizen über 'ihn in Innoeencio Francisco da Silva* s Diccionario bfbliögra- ^ 
pbico portngÄtz. Lisboa 1860. 8. T. V, pag. 228. 

18* 



268 **««*• Wolf 

unterflcheidet. Aber als nationalen, als Volksdichter im 
höheren Sinne charakterisiren ihn seine patriotischen und 
▼olksmafsigen Lieder, Lieder in des Wortes eigentlicher 
Bedeutung, för den Gesang gemacht^ und viele davon 
schon vom Volksmunde gesungen. Denn sein Genius 
trieb ihn, auszusprechen, was die Nation begeisterte, in 
Freude oder Leid aufregte, Gemeingefuhl geworden war; 
denn sein Sinn für das Yolksmäfsige, seine Liebe zum 
Volke machten es ihm möglich, in dessen einfacher Weise 
nachzusingen, was er ihm abgelauscht, so dafs es sich 
nur selbst zu hören glaubte und willig sich aneignete, 
was ihm so homogen war. 

Er ist sich auch selbst dessen bewufst geworden, 
indem er in dem Vorwort zur ersten Ausgabe seiner 
„Poesias^^ von denselben mit wahrer Bescheidenheit sagt: 
„Mich blendet nicht die Eitelkeit. Ich weifs, dafs mein 
Buch beim Volke gute Aufnahme findet (que o meü livro 
e acceito pelo povo); aber ich kenne auch die Ursachen, 
die ihm diese unverdiente Gunst erworben haben. Ein- 
gegeben (inspirado) und geschrieben fast immer unter 
schwierigen und aufsergewohnlichen Umstanden, solche 
welche schmerzliche Erinnerungen im Gemüthe des Vol- 
kes zurücklassen, galten (valeram) diese Gesänge, so ge- 
ringen oder keinen Werth sie auch sonst haben mögen, 
dann wie ein Trost im Augenblicke des Schmerzes, oder 
wurden beifallig aufgenommen (applaudidos) wie ein Auf- 
schrei des Enthusiasmus, wann das Volk voll Hoffiiung 
oder dessen Entmuthigung grofs war (quando era muita 
a esperan^a, ou grande o desalento populär). ^^ 

Ebenso betont er in dem einleitenden Gedichte: „A 
Poesia", dafs Dichten ihm angeborenes Bedürfiiifs sei (foi 
minha sina), dafs er stets das Unwahre (mentira) gemie- 
den, seine einfachen Lieder so naturwüchsig (sem cul- 
tura) entstanden, wie „die Lilie am Meeresufer ^^; dafs er 
aber bald nicht blofs die Geschlechtsliebe, sondern vor 
allem die zum Vaterlande und zum portugiesischen Volke 
zum Gegenstande derselben gewählt habe; das Vaterland 
sei seine Geliebte geworden; dessen frühere Grofse, ge- 



« Zur Gesch. der portag. NationalUteratar in der neuesten Zeit. 269 

genwärtige Leiden und HojBfnungen auf bessere Zukunft, 
was Um zum Singen begeistert. ^) 



1) Wir können uns nicht versagen, den Dichter selbst dies aus- 
sprechen zu lassen in den folgenden Strophen dieses schonen Gedichts : 

Cantei, em trovas sentidas, 
Como cantou Bernardtm,* 
Todas as juras mentidas 
Que me fizeram a mim! 
Fui poeta dos amores; 
Como 08 demais trovadores 
Uns lindo» olhos cantei; 
Como o Tasso despresado, 
Ainda nSkO sei, coitadol 
Como a vida me voltei! 

Mas Toltei; tinha saudades 
Da minha terra infeliz, 
Esqueceram-me as maldades 
D^esta nova Beatriz. 
Tinha prisoes mais doiradas: 
Eram as cren^as herdadas 
Da minha terra natal-^ 
Eram os contos vi^sos, 
N'outros tempos mais ditosos, 
Contados de Portugal. 



Nascera-me dentro d*alma 
Um mais forte e puro amor, 
Que a todos levaTa a palma, 
Que tinha maior valor. 
Eram cantos decorados, 
Doe altos feitos marcados 
Com o cunho portnguez; 
Eram as Qainas erguidas, 
Nas arestas denegridas 
De Ceyläo, Ormuz e Fez! 

Sou um poeta-soldado , 
Näo sei a missäo mentir; 
N'este canto magnado, 
Disse tudo sem flngir. 



* Bernardim Ribeiro, der berühmte Minnesanger aus dem Ende des 
15. Jahrhunderts. 



270 Ferd. Wolf 

In der vorliegenden dritten Ausgabe sind die Ge- 
dichte in drei Bücher abgetheilt: „Livro I. Poesias lyri- 
cas; — Livro II. Poesias populäres; — Livro III. Recor- 
da^öes da Peninsola.^^ 

Allerdings gehören eigentlich alle Gedichte der lyri- 
schen Gattung an, und die in dem ersten Buche zusam- 
mengestellten unterscheiden sich von den übrigen nur 
durch ihren rein lyrischen Ton, ihre kunstmäfsigeren For- 
men und einen höheren odenartigen Schwung. 

Die der portugiesischen Poesie eigenthümliche elegi- 
sche Grundstimmung (saudades) spricht sich auch in die- 
sen Gedichten aus; um so mehr als die patriotischen die 
gefallene Grofse Portugals klagend feiern, ein Schmer- 
zensschrei über die Wirren der Gegenwart und ein Sehn- 
suchtsruf nach besserer Zukunft, nach dem Wiederauf- 
erstehen der einstigen Macht und des früheren Ruhmes des 
Vaterlandes sind. So feiert und beklagt er in dem Ge- 
dichte: „D. Sebastiäo" das räthselhafte Verschwinden 
dieses zur mythischen Person gewordenen Helden von 
Alcacer Quebir, mit dem zugleich Portugals erobernde 
Grofse unterging; und in dem: „O Sebastianista" sucht 
er Trost und Hofinung auf das Wiedererstehen des alten 
Glanzes in den Prophezeiungen von dem Wiedererschei- 
nen dieses portugiesischen Artus. Mit welcher Wehmuth 
feiert er in dem Gedichte: „Luiz de Camoes" das An- 
denken an den Sänger, der durch die Leier Portugal 
ebenso weltberühmt gemacht hat, wie die in seinen Lu- 
siaden gepriesenen Conquistadores durch das Schwert. 
Durch dieses Gedicht, das bald auf allen Theatern decla- 
miert und von Angelo Prondoni in Musik gesetzt wurde, 
hat Palmeirim seinen Ruf und seine Volksthümlichkeit be- 
gründet; es wurde mit Enthusiasmus aufgenommen, denn 



Poeta da lib^rdade, 
Fiz d'esta nova deidade 
A dama do meu pensar; 
Pro8trei<me aos p^s da donzella, 
Heide com ella^ e por elia, 
A minha terra cantar. , 



Zur Gesch. der portug. NatiojiaUiterfttiir in der neuesten Zeit. 271 

er liat auck darin j^ener GrutidstiinJMing 4c3 Nlttioiial- 
gefuhls, jener elegischen Erinnerung . vuid nvtehmutUg* 
stolzen Feier einstiger Grofse ebenso innigen als poeti- 
schen Ausdruck gegeben. ^) Diese Erinnerung, diese 
Wehmuth wird in dem ^, Portugal" überschriebeuen Ge- 
dichte durch den Hinblick auf die traurige Gegenwart 
und die schwache Hoffiiung einer besseren Zukunft fast 
zur bittern Ironie, indem darin um Almosen für das 
Vaterland gebettelt wird, damit esi aus seiner Versunken- 
heit, aus seinem Grabesschlafe sich aufraff«^ und wieder, 



^) Wie schön spricht sich diese Stimmung in dea nachstehenden 
Strophen aus, wenn er von Camoes sagt: 

A Sorte fel-o poeta 
Das cinzas da pobre Ignez: 
mundo fel-o propheta 
Do destino portuguez! 
Poeta da desventura, 
Previu a sorte fntura; 
Escreveu com mäo segura 
A prophecia que fez! 

Dens, que deu aos portoguezes 
D'alem-mar as regio^s; 
Que nos livron dos rerveases, 
Deu-nos o rei das ean^oes. 
Fomos o pOTO escolhido, 
O nos so tiome temido,( 
Hoje ... so e conhecido 
Pelos cantos de Camoes! 



Que Poeta! e que soldado! 
Que trovador täo leal! 
De todos atbandonado 
So achou . . . um hospital ! 
Mas a fama portugueza, 
N'este sec'lo de torpeza, 
So tem por toda a grandeiui 
A Camoes por pedestal! 



272 ^^^ Wolf 

seiner Vergangenheit würdige den Völkern der Zukunft 
sich anreihen könne. ^) 



') Dieses Gedicht ist für den Verfasser und dessen Vaterland zu 
bezeichnend, als dafs wir es nicht ganz hersetzen sollten: 

Portugal. 

Houve nm reino que ao mimdo absorto, 

Den outr'ora costumes e leis. 

Esse reino, coitado, esta morto; ' ' 

Mais com Yida tidTcz nlo fereis. 

Era grande — podVoso — gtgante, | 

Hoje pobre mendiga a pedir. 

Dae-lhe a esmola de um bra^o possante, 
Talvez possa da campa surgirl 

Esse reino, que as ondas domava, 
Que entre todos se erguia senhor; 
Esse reino, que altivo encarava 
Das procellas do mar o fragor; 

Jaz por terra, gigante abatido, 
De seus filhos a sorte a carpir; | 

Dae-lhe a esmola de um peito sentido, j 

Talvez possa da campa surgir! 

Esse reino, que em praias distantes 
O estandarte da Cruz arvorou; 
Que depois, n'essas luctas gigantes, 
Nunca o rosto nas luctas voltou; 

Eil-o pobre, täo pobre, que o mundo 
Nem se lembra do seu existir. 

Dae-lhe esmola de um brado profundo, ; 

Talvez possa da eampa surgir! | 

Esse reino, que teve subidos, 

Täo lustrosos eternos padroes; 

Qu*inda falla nos cantos sentidos | 

Do seu vate — do grande Camoes. ' 

Hoje fraco, sem vida, sem brilho, 
Nem se lembra sequer do porvir. 

Dae-lhe a esmola que deve um bom filho, 
Talvez possa da campa surgir! 

Aqui foi capitolio das artes, 
Das conquistas a sede tambem: 
Este reino dos mil estandartes, 
Hoje pobre näo lembra a ningnem. 



Zur Gesch. der portog. NfttionaUiterstnr in der neaesten Zeit. 273 

Aber trotz dieser bitteren Vergleiche der ärmlichen 
Gegenwart mit der gro&en Vergangenheit, nimmt der 
Dichter den lebendigsten Antheil an den Bewegungen 
und Eämpfen des Tages; er ist fortgerissen und begei- 
stert von dem Schicksal und Streben seiner Parteigenos- 
sen, der Progressisten, und ist in mehreren seiner Ge- 
dichte mit grofser Energie als ihr poetisches Organ auf- 
getreten. Am berühmtesten unter diesen ist das Gedicht: 
,,0s Desterrados^^ geworden. In Folge einer Militar- 
revolte im Interesse der Volkspartei zu Porto im Jahre 
1847 wurden nämlich 40 von den Theilnehmern nach 
Afirika verbannt. Dies Urtheil erregte unter ihren Ge^ 
Sinnungsgenossen eine bis zur Bachsucht sich steigernde 



Kern nm bra^ dos sens ja Ih^ yalel 
ik profondo o seu largo dormir; 

Dae-lhe a esmola que ao poTo 86 cabe, 
Talvez possa da campa surgirl 

liinha patria, qaem sabe se ainda 
A ser grande oatra vez voltaras! 
A memoria de um povo näo finda, 
Os teas filhos ainda acharas. 

Alva estrella, que ao longe desponta, 
Hade em terras da patria lazir. 

Dae-llie a esmola qae a lave da affironta, 
Talvez possa da campa surgir! 

Talvez possa da loisa quebrada, 
Despertando, bradar — aqui estou! 
Ao convite dos povos chamada, 
Oh! mal haja a na9äo que faltou! 

Hasteada, tremüla a bandeira 
Que hade os povos do mundo remir. 

Dae-lhe a esmola de entrar na fileira, 
TaWez possa da campa surgir! 

£^prasados os poYos da terra, 
Ao convite nenhum faltara; 
Yoltaremos c'roados da guerra, 
Que bem perto de nos soara. 

Oh! despcrta, na^&o abatida! 
Vem o brado dos povos ouvir. 

Dae-lhe a esmola de um sopro de vida 
Talvez possa da campa surgir! 



1 



274 F«d. Wolf- 

Indignation und T^aalafste folgende von tmtm Augen- 
zeugen, Lopes de Mendon^a^ geecfaild^rte Scene: ^,Da9 
Theater von S. Jo&o war gedrängt voll Volkes; maa 
horte nnr das ängstliche Aufkthtnen der Menge und das 
wie in dumpfem Gemurre losbrechende Bachegef&U, wo- 
von selbst die am wenigsten Exaltierten erfüllt wahren. 
Plötzlich erhebt sich über den Köpfen der Menge ein 
blasses Antlitz, mit in Unordnung gekommenen Haaren, 
mit vor nervöser Aufregung zuckenden Lippen, mit Zorn 
und Begeisterung sprühenden Blicken, und st)richt in ei- 
nem Gedichte klar und umfassend aus, was in vagen Gre- 
danketi all diesen von Schmerz und Rachsucht betattbtfeli 
Menschen vorgeschwebt." Der poetische Dolmetseher die- 
ser Volksstimmung war Palmeirim, und das Product sei- 
ner damaligen Begeisterung ist das erwähnte Gedicht. 
Sehen wir in dessen Genesis nicht di^ der echten Volks- 
'poesie überhaupt? — Auch kam dieses Gedicht in der 
That bald in den Volksmund und wurde von den Blinden 
gesungen. Er beklagt darin das harte und seiner Partei- 
ansicht nach unverdiente Loos der Verbannten und des Lan- 
des, in dem solch ein Urtheil statthaben konnte, und macht 
in sehr energischen Worten der Königin (Maria da Gloria) 
Vorwürfe über ihre Verblendung und Ungerechtigkeit. ^) 

1) Es wird genügen, bei der doch mehr ephemeren Bedeutung 
dieses Liedes die ersten vier Strophen davon herzusetzen: 
De teus irmäos d'armas 6 povo lamenta 
De8gra9a da Sorte, castigo immoral. 
Dos olhos o pranto furtivo rebenta, 
Ao ver tfio abaixo descer Portugal! 

Mal hajam os tygres, de saugue sedentos, 
Que algemam o povo com rijos grilhoes: 
Mal hajam fero^es algozes cruentos 
Que intentam, com ferro, comprar cora9Öes. 

Seu crime e ser livres! e säo destenrados!« 
Deixando äs esposas, ttäo chortim por si; 
Säo esses os mesmos valentes soldados, 
Que em lucta renhida luctaram por ti. 

E tu os desterras! rainha, que fazes? 
Pretendes d'amigo, d^esposa e d'irmäo, 
Firmar-lhes as cren^f^s, pro por-lhes as pazcs, 
Tirando-lhe a vida, negando-lhe o päo? 



Znr Gesch. der portng. Natioonlliteratur in der neuesten Zeit. 275. 

•So dicbtete er im Jahre 1846 während der Militär* 

reTolte genannt von Maria da Fönte ein Soldatenlied: 
„Medita^äo^^, nämlich Betraehtong des in den Kampf zie- 
henden, Ton den Seinen Abschied nehmenden Soldaten, 
welches ebenfalls bald so volksthümlich, nnd besonders 
beim Heere unter dem Titel: „Amores do soldado^^, so 
beliebt wurde, da& man es zu Volksweisen (toadas popu- 
läres) sang. 

Einen edleren Kampf, den gegen fremde Usurpation, 
besingen die [zwei Lieder: „O Guerrilheiro ", die nicht 
minder vom Volksmunde nachgesungen wurden. 

Wenn diese und manche andere Lieder des ersten 
Buches*) volksthümlich geworden sind, so hat sie Pal- 
meirim doch für das Volk im höheren Sinne, für das 
politische^ die Nation gedichtet. Die des zweiten Buches 
aber, die eigentlich volkamä/sigen^ poesias populäres, hat 
er absichtlich im Geiste und in der Weise des Volkes 
gedichtet, das man gewohnlich im Gegensatze zu den 
Hohergebildeten, mit der Kunstpoesie Vertrauten also 
nennt. Diese Lieder haben für uns ein um so grofseres 
Interesse, als sich in ihnen die nationelle Eigenthümlich- 
keit objectiver ausspricht, als sie, wie gesagt, die ein- 
fache Naivetät des Volksliedes treffend nachgeahmt, ja 
mehrere echte Volkslieder zu Grunde gelegt haben. 

Zu diesen letzteren gehört das Lied: „Os desejos do 
infante", dessen erste Quadra einem Wiegengesange aus 
der an Volksliedern besonders reichen Provinz Alemtejo 
wörtlich entnommen ist; wie einfach, und doch wie tief 
ist das Liedchen, das die dem Menschen angebome Sehn- 
sucht nach der Zukunft, seine stete Unzufriedenheit mit 
der Gegenwart, die dem Meere gleiche Unerschopflich- 
keit seines Wünschens, die mit jedem Monde neu er- 



1) Wir übergehen die erotischen Lieder, Reflexionspoesien u. s. w., 
da sie, wenn auch darin ein angeborenes Dichtertalent sich ausspricht, 
doch minder bedeutend und charakteristisch sind; ja einige lasi^en so- 
gar in Rücksicht auf Formyollendnng so manches zu wünschen übrig, 
um den strengeren Anforderungen zu genügen, die man an diese Gat- 
tung zu stellen berechtiget ist, wenn mui sie über das gewöhnliche 
Mafs erheben soll. 



276 F«rd. Wolf 

wachende Sehnsuchtsklage mit der Naivetat eines Kindes 
ausdruckt!^) 

Ebenso ist das äufserst anmutfaige Liebeslied: ,9An- 
ninhas^S einer Volksweise von Riba-Tejo nachgeahmt, 
dessen Reiz durch die Beibehaltung des volksmäisigen, 



^ Wir glauben den Dank der Freunde volksmäTsiger Poesie zu 
verdienen, wenn wir es ganz hierher setzen: 
Deizae-me crescer 
Da Ina ao luar, 
Que sou pequenino 
£ näo posso andar. 

Se morro täo cedo 
Näo posso chegar, 
A ser homemzinho 
A ir commungar. 

Näo verei de perto 
As aguas do mar, 
Nem tantos peixinhos 
Nas ondas boiar. 

E a mäe o levava 
Ao coUo a mostrar, 
De perto, mui perto, 
As aguas do mar. 

Desejos n&o pode 
Do filho matar; 
Quizera ser homem 
Crescer sem parar! 

Deizae-me crescer 
Da lua ao laar; 
Que sou pequenino 
Mal posso fallar. 

Cresceu e cresceu, 
Sem nunca parar; 
Chegou a ser homem 
D*acceso pensar. 

Mas sempre nas qneixas 
Do lindo troyar, 
Sandades suspira 
Da noite ao luar. 



Zur Gesch. der portag. Nationalliteratur in der neuesten Zeit. 277 

in der portugiesischen fi^unstpoesie aber über Gebühr 
yemachläfsigten Refrains noch erhöht wird. ^) 

1) Auch dieses, gewifs Viele ansprechende Liedchen wollen wir 
ganz hersetzen: 

Anninhas. 
Toada populär do Riba-Tejo. 
Anninhas, Anninhas, 
Toma bem cautela; 
Tna m&e n&o brinca 
Tenho medo d'ella. 

Tenho medo d*eUa, 
Mais sim, ou mais ai, 
Toma bem cautela,. 
Ö meu zigue-zai. 

Anninhas, Anninhas, 

Isto assim nfto dura; ' 

Anda fazer queiza 

Ao teu padre cura. 

Ao teu padre cura, 
Mais sim, ou mais ai, 

Anda fazer queixa, 
Ö meu zi^e-zai. 

Ö meu zigue-zigue, 
Fujamos da aldea, 
Ha sezoes na terra, 
Podes ficar feia. 

Podes ficar feia, 
Mais sim, ou mais ai; 

Fujamos da aldea, 
Ö meu zigue-zai. 

So fnjo comtigo 
Depois de casada; 
Na terra em que vivo 
Sou bem reputada. 

Sou bem reputada, 
Mais sim, ou mais ai: 

Fug^rei casada, 
O meu zigue-zai. 

Ficavas mais livre 
Fugindo solteira: 
Contavas da festa 
Näo sendo festeira. 

KSo sendo festeira, 
Mais sim, on mais ai; 

Gosavas solteira, 
6 mea zigue-zai. 



n 



278, ^'«rd- Wolf 

Von den übrigen, worunter mehrere baUadenart^ 
sind, wie „A Bomaria^S „Ga^ada Real^S „O TroTador'^ 
(ein soläu), auch mit Benutzung des Volksaberglaubens 
an Wehrwolfe (lubishomem) , schwarze Trauben (uvas 
pretas), wie in: „A minha ama^^, und an den Einflufs 
der Feen, wie: „As Padas", und „As tres encantadas", 
ist am beliebtesten geworden das Lied der Marketende- 
rin: „A vivandeira", das von Miro in Musik gesetzt 
wurde, wozu es auch durch seine Frische, seinen leben- 
digen Rhythmus und die gluckliche Anwendung des Re- 
frains ganz geeignet war. 

Das dritte Buch: „Recordapöes da Peninsula", ist 
den Erinnerungen an den Unabhängigkeitskrieg gegen 
Napoleon geweiht. Die in den Mund von Soldaten ge- 
legten Erzählungen: „Gomes Freire^', „O Veterano" und 
„O Granadeiro", suchen allerdings den solchen entspre- 
chenden treuherzig-einfachen Ton anzuschlagen und sind 
so beliebt geworden, daJGs sie auf den öffentlichen und 

Quem da taes conselhos 
Näo ama deveras; 
So forja mentiras, 
So sonha chimeras. 

So sonha chimeras, 
Mais sim, ou mais ai: 

Näo ama deveras, 
meu zigue-zai. 

Anninhas, Anninbas, 
Quem ama näo foge: 
Da>me ca um beijo, 
Casemos ja hoje. 

Casemos ja hoje, 
Mais sim» ou mais ai; 

Quem ama näo foge, 
meu zigue-zal. 

Anninhas, Anninhas, 
Toma bem cautela; 
Tua mäe näo brioca, 
Näo no saiba ella. 

Näo no saiba ella 
Mais sim, ou jpa&is ai: 

Toma bem cautela, 
meu zigue-zai. 



Zur Gesch. der portug. Natiooalliteratar in der neuesten Zeit. 279 

PrilriiitbfiliaeiQ Portugals häufig daelamirt wurden; aber 
m sind viel zu breit uxmI seBtunßntal g^alten ujod ateben 
bei iveitem den denselben Gegenstand behandelnden JKo- 
manz^n des Spaniers Antonio de Trueba nach. 

Palmeirim's Stärke ist im eigentlich sangbaren natio- 
nalem und volkamaXsigen Liede, in nvelcher Crattung er 
nii^ht^ nur in di^r y4t€>rläa^disohen , sondern in der Literar 
tur ubethaupt.eine ansgezeichnetfe Stelle verdient» 

IL 

BekwnÜieh haben die Poürtugiesen stets eine gro&e 
Vorliebe fui*^ das Kunstepos gehabt; aber wie sehr auch 
bei ihnen diese Form sich überlebt, bis zur Selbstironie 
herabgekommen war, sieht man an Jos6 Agostinho de 
Macedo's Epopöe: „O Oriente", wodurch er, ein sonst 
begabter Dichter, im Ernste die Lusiaden zu verdrängen 
glauben konnte; aber recht eigentlich nur eine Parodie 
derselben und der ganzen Gattung schrieb. Auch im 
Epischen hat Almeida Garrett zuerst den rechten Weg 
eingeschlagen, um es zeitgemäfs zu erneuern, theils in 
romanzenartigen Gedichten, wie in der „Adozinda", theils 
in poetischen Erzählungen, Novellen in Versen und iu 
mehr lyrisch-dramatischer Form, wie in der „D* Branca". 

Zu dieser letzteren Art gehört auch das jüngst er- 
schienene, uns vorliegende Gedicht: „D. Jayme ou a 
Domina^äo de Castella. Poema por Thomaz Ribeiro. 
Com uma conversa^äo preambular pelo senhor A. F. de 
Castilho." (Lisboa 1862, 8.). 

Antonio Feliciano de Castilho, die gröiste Autorität 
unter den lebenden Dichtern Portugals, hat dieses Ge- 
dicht mit fast überschwenglichem Lobe eingeführt; er 
findet es würdig, der Gegenwart die Lusiaden zu er- 
setzen^ ja statt deren der Jugend in die Hand gegeben 
zu < werden; die Nachwelt werde es mit dem Namen: 
„epopeia nacional^^ beehren und es reiche hin, dem Dich- 
ter die Unsterblichkeit zu sichern. *) 

^) Castilho's „conversa^äo preambular" ist in der That für jeden 
Empfänglichen eine reizende Conversation mit einem geistreichen lie- 
benswürdigen Dichter, der, wie es nur ein solcher kann, gegen die 



n 



280 ^^^' w®*^ 

Auch hat das Gedicht bald nach seiner Erscheinung 
in Portugal und Brasilien grofse Sensation erregt und ist 
nicht nur von dem Publikum, sondern auch Ton den 
Kritikern mit aufsergewohnlichem Beifall au%enommen 
worden. 

Eine solche Erscheinung verdient jedenfalls, auch 
aufserhalb des Vaterlandes und Sprachgebietes, dem sie 
angehört, beachtet und näher betrachtet zu werden. 

Doch bevor wir uns mit dem Gedichte beschäftigen, 
wird es zweckmäfsig und för die Genesis desselben nicht 
unwichtig sein, die von Castilho gegebenen biographi- 
schen Notizen über dessen Verfasser hier mitzutheilen. 



jetzt tonangebenden Realisten und Mi^terialisten die Würde, den abso- 
luten Werth und die Zukunft der Poesie yertheidigt, ein Panegjrikus 
selbst voll Poesie, bald durch sein anmuthiges Sichgebenlassen bezau- 
bernd, bald durch den Schwung nicht affectierter Begeisterung hin- 
r^send. Als schlagendes Argument für seine Widerlegung der Be- 
hauptung Peiletan*s (und wir haben leider in Deutschland auch solcher 
Pelletan genug I — ): dafs die Poesie in gebundener Rede für unsere 
Zeit wenig mehr tauge, für seine Ueberzeugung, dafs diese auch jetzt 
wirksam sei, eine Zukunft habe, führt er eben das Torliegende Gredicht 
an und wird dessen begeisterter Lobredner. So sagt er, indem er auf 
dasselbe näher zu sprechen kommt: „£ra agora o lauQo proprio de en 
dar conta do poema, verdadeiro alvo a que vinha desde o principio 
ordenada esta Conversa^äo; mas boas razoes me aconselham de 
subito que o näo fa^a. Para indicar, mas que fosse de corrida, as 
excellencias de que este livrp se compoe massi^mente, era mister 
commetter mais de um flagicio. Fora logo o primeiro: desfigurar em 
prosa deslavada o que saira em tela viva de poema, täo animado de 
cores, como perfeito no desenho, original e arrojado na inven^äo, 
harmonico e perfeite no complexo; e era destrnir ao mesmo tempo a 
impressfto da noTidade, a maravilha do inesperado, que eu experimen- 
tei ser um dos mais certos encantos d'esta esplendida epopeia nacional. 

„ Quando epopeia nacional Ihe chamo , mais näo fa^o que ante- 
cipar-lhe o nome com que a ha de saudar a posteridade.« 

Nichts destoweniger giebt er dann eine ausführliche Würdigung 
desselben in Hinsiebt auf Erfindung, Charakterzeichnung, Form, Yer- 
sification, Sprache u. s. w., worauf wir noch zurückkonunen werden. 
Sollte man sein überschwengliches Lob auch herabstimmen müssen, 
seine Ansichten nicht immer theilen können, so ist doch sein Urtheil 
von grofsem Gewicht, und jedenfalls zeigt seine neidlose Anerkennung 
und enthusiastische Einführung eines jüngeren Kunstgenossen von sei- 
nem edlen Herzen und der reinen Begeisterung für seine Kunst. 



Zur Gesch. der portag. National literstur in der neuesten Zeit. 281 

Thomaz Antonio Ribeiko Fkrreiba wurde dea 
1. Juli 1831 zu Parada de Gonta^ einem Dorfe am Ufer 
des Pavia in der Nähe von Vizeu, geboren, wo seine 
Aeltern und Vorältern angesessene Landeigenthümer wa- 
ren und in hohem Ansehen standen. Die Fluren des 
Pavia liegen zwischen dem anmuthigen Thale von Bestei- 
ros am Fufse des Caramulo und der majestätischen Serra 
de Estrella, eine der reizendsten Gegenden Portugals, die 
auch historisch berühmt geworden ist durch den dort ge- 
borenen Viriatus. So begünstigten Naturschönheit und 
Erinnerung an vaterländische Grofsthaten als mächtige 
Jugendeindrücke die Entwjickelung seiner dichterischen 
Anlagen. Gefordert wurde dieselbe durch die sorgfö.ltige 
Erziehung, welche er und sein Bruder Henrique Bibeiro 
Ferreira Coelho, jetzt Abt von Santa Maria de Silgueiros 
und ebenfalls als Dichter bekannt geworden, erhielten. 
Thomaz erhielt die wissenschaftliche Vorbildung auf dem 
Gymnasium von Vizeu und bezog dann die Universität 
von Coimbra, um sich den Rechtsstudien zu widmen. 
Schon dort gab er Proben seines Dichtertalentes und 
machte sich bei den poetischen Uebungen und Productio- 
nen bemerkbar, welche die Zöglinge dieser Hochschule 
abzuhalten pflegen. Virgil war sein Lieblingsdichter ge- 
worden; unter den vaterländischen natürlich Camöes. Mit 
der spanischen Sprache und Poesie war er durch die Vor- 
stellungen bekannt gemacht worden, welche eine Truppe 
spanischer Comedianten zu Vizeu gab, und mit einem 
derselben, der selbst Dichter war, D. Jose Maria Leon, 
trat er in engere Verbindung. Dadurch machte er, wie 
Castilho sagt, „sich mit dem entzückenden, üppigen und 
reichen Idiom unserer feinsinnigen Nachbarn vertraut; kein 
kleiner Vortheil für den, der ihn wohl zu schätzen weifs."') 

1) „Por all, o namorado, vi^oso e o{)ulento idioma dos nossos 
argntos visinhoe se Ihe veiu a tornar familiär; vantagem näo pequena 
para quem bem sabe aprecial-a.'< Die folgende Bemerkung, die Castilho 
bei dieser Gelegenheit über das Yerhältnifs des Spanischen zum Portu- 
giesischen macht, verdient beachtet zu werden: „Na leitura do castelha- 
no, se hoje em dia a frequentassemos , como cumpria, bem facil e 
bem agradavelmente poderamos nos retemperar ainda boje o bom fal* 
lar vernaculo, qne assim se nos vai desbaratando.*' 

Jahrb. f. rom. u. engl. Lit. V. 3. IG 



1 



282 ^^^* w**^^ 

Uiiter den spanischen Dichtem zog ihn vorzüglich Zorrilla 
an. Eine Frucht dieses spanischen Einflusses war das 
Drama: „A mäe do engeitado" (die Mutter des Ausge- 
stofsenen), das in spanischer Uebersetzung und mit Musik 
von D. Ramon do Prado ausgestattet gegeben und bei- 
fällig aufgenommen wurde. 

Mit den besten Zeugnissen über die absolvierten 
Rechtsstudien versehen, verliefs er im J. 1855 Coimbra, 
um in seine Heimath und zu seiner Familie zurückzu- 
kehren. 

Thomaz Ribeiro wurde gemeinderäthlicher Admini- 
strator (administrador de concelho), Advocat, ui\4 ist nun 
zum Deputierten gewählt worden; dabei blieb er aber 
immer der Dichtkunst getreu. 

Durch das vorliegende Gedicht, womit er zuerst vor 
die Oeffentlichkeit getreten ist, hat er seinen Beruf be- 
währt, seinen Ruf begründet. 

Es wird gut sein, wenn wir vor allen ihn selbst über 
die Genesis und den Zweck desselben sich aussprechen 
lassen, wie er sich darüber gelegentlich in den Anmer- 
kungen dazu mit wahrer Bescheidenheit äufsert. 

So sagt er gleich in der ersten Anmerkung: „Dieses 
Gedicht entstand in dem kleinen Dorfe Parada de Gonta, 
Pfarre von S. Miguel do Oiteiro, Gemeinde von Tondella, 
District von Vizeu, Das will sagen, dafs es völlig pro- 
vinciell ist, ein Beiraner nach allen Seiten und ein Dorf- 
ling vom reinsten Wasser (provinciano chapado, beiräo 
dos quatro costados e aldeäo sem mistura). Indem es 
sich nun der grofsen literarischen Welt vorstellt, hat es 
sich beflissen, mit all der Sauberkeit (aceio) zu erschei- 
nen, die ihm seine Kräfte zuliefsen und seine Erziehung 
anrieth. Es will aber seinen Ursprung durchaus nicht 
verbergen. Es hält ihn in Ehren und fühlt sich dadurch 
geehrt; ja es setzt gewissermafsen einen Ruhm darein, 
auch nicht einen Moment den mindesten Zweifel über seine 
Herkunft zu lassen. Sein Jiochster Wunsch ist, treu zu 
erzählen, was sein Geburtsland betrifft und dessen Weise 
(o seu maior desejo e contar sinceramente as coisas da 
sua terra, e ä moda da sua terra). Es entstand weit ent- 



Zur Gesch. der portug. Nationalliteratur in Jer neuesten Zeit. 283 

femt von den Häfen des Meeres j wie sollte es daher eine 
andere Welt kennen und lieben als sein Portugal, dies 
vor allen und fast mit Ausschlufs alles Uebrigcn." 

Femer in einer Anmerkung zum ersten Gesänge: 
„Flores d'aldeia" (Dorf blumen) , sagt er, dafs er sich 
bestrebt habe, altportugiesische Sitten und Charaktere 
mit möglichster Treue zu schildern, indem er hinzufügt: 
„Winzig (poucochinhos) sind allerdings die Bilder, die ich 
gezeichnet habe; aber ich rühme mich, dafs sie alle wahr 
und gewissenhaft sind. Ja ich glaube selbst den Dichter 
den Anschauungen (intuitos) des Historikers geopfert zu 
haben; aber ich bereue es nicht. Ich kenne nichts Poeti- 
scheres als die Natur, nichts Anziehenderes als die Wahr- 
heit, im Gesänge wie im Gemälde, mit der Leier wie mit 
dem Pinsel." Ebenso versichert er ausdrücklich, dafs 
alle Oertlichkeiten, grofsentheils aus der Umgegend sei- 
nes Geburtsortes , ja selbst bis auf einzelne Häuser, topo- 
graphisch und historisch treu geschildert sind. 

Endlich sagt er in der Schlufsanmerkung: „Wifst 
Ihr, warum ich dieses Gedicht geschrieben habe? Um 
auf die Annexionagelüste (äs aspira^ues annexionistas) 
Spaniens zu antworten^ ein Echo zu sein jenes erschüt- 
ternden (iNeinfi^ was selbst Napoleon I. erzittern machte, 
als er einen portugiesischen Edelmann frug, ob wir uns 
mit Spanien vereinen wollten." 

Der Dichter hat nämlich die Zeit unmittelbar vor 
der Abschüttelung des spanischen Joches im Jahre 1640 
und den damaligen Zustand Portugals zum historischen 
Hintergrunde seines Gedichtes gewählt. Die eigentliche 
Fabel desselben ist hingegen ganz von seiner Erfindung. 

D. Martinho de Aguilar lebt seit der Besiegung des 
Kronprätendenten Antonio, Priors von Crato, durch die 
Spanier, in dessen Heere er gedient hatte, zurückgezogen 
auf seinem Edelhofe bei dem Dorfe Parada de Gonta, 
blofs der Erziehung seiner beiden Söhne Jayme und Ger- 
mano sich widmend, die seine früh verstorbene Gattin 
ihm hinterlassen. Auch hatte er Anninhas, die Tochter 
eines Kriegsgefährten, der ihm das Leben gerettet, nach 
dessen Tode an Kindesstatt angenommen. Als der Anninhas 

19* 



n 



284 Fer<J- Wolf 

Vater eben von der KrAnkheit befallen wurde, der er 
erliegen sollte , hatte Martinbo seinen älteren Sobn Jayme 
nach Vizeu gesandt, um einen Arzt zu holen. In dessen 
Hause lernte dieser eine adelige Familie aus Castilien 
kennen, den D. Cesar de Aragon, dessen beide Sohne, 
D. Diego und D. Juan, und dessen Tochter Estella; sie 
waren Verwandte des damals allmächtigen Grafen-Herzog 
von Olivarez, und daher vom spanischen Hofe begün- 
stigt. Der Vater und die Sohne waren hochmüthige Pol- 
trone; die Tochter hingegen ebenso liebenswürdig als 
schon. Durch die Anmafsungen der ersteren, die sich 
selbst erlaubten, seinen Vater der Feigheit zu zeihen, 
wurde Jayme,' ein stolzer muthiger Jüngling, so weit 
getrieben, dafs er die Sohne D. Cösar's forderte, wäh- 
rend ihn die Reize und die Sanftmuth der Tochter so 
bezaubert hatten, dafs er in heftiger Liebe zu ihr ent- 
brannte, die bald Erwiederung fand. Jayme hatte sich 
zur bestimmten Stunde bei der Hohle des Viriatus (Cava 
de Viriato) eingefunden, wo der Zweikampf stattfinden 
sollte; aber statt seiner Gegner kslm ein Page mit einem 
Schreiben, worin sie ihr Wegbleiben dadurch zu beschö- 
nigen suchten, dafs sie in Erfahrung gebracht, er habe 
Meuchelmörder gedungen, sie zu überfallen, und worin 
sie init Hohn jede Herausforderung von seiner Seite ab-. 
weisen. Er überzeugt den Pagen von der Unwahrheit 
der Beschuldigung und eilt rachedürstend nach der Be- 
hausung der Spanier. Dort findet er Estella allein; sie 
überlassen sich den Wonnen der Liebe und setzen heim- 
lich ihre Verbindung fort, deren Folgen Estella dem Ge- 
liebten nicht verbirgt. Jayme wirbt auf den Kath seines 
Vaters, dem er alles mitgetheilt, um Estella's Hand ; wird 
aber von D. Cesar und dessen Söhnen stolz abgewiesen. 
Estella selbst beschwört ihn nun, sie ihrem Schicksal zu 
überlassen und sich durch die Flucht der Rache der Ihren 
zu entziehen. Sie haben ihn als Hochverräther bei der 
spanischen Regierung angegeben, vor deren Verfolgung 
Jayme sich allerdings verbergen mufs; doch hält er sich, 
den Seinen und selbst Estella unbewufst, in der Nähe auf. 
Estella ist unterdefs Mutter geworden und hat mit ihrem 



Zur Gesch. der portag. Nationalliteratur in der neuesten Zeit. 285 

Kinde sich in die Waldhutte eines Einsiedlers (quinta 
do bosque) zurückgezogen. Ihre Bruder aber hatten das 
Gerücht verbreitet, sie sei nach Spanien zurückgekehrt 
und habe sich dort vermählt. Dieses Gerücht hatte auch 
Jayme vernommen; aber sein Herz strafte es Lügen. Er 
erkundet auch wirklich Estella^s Aufenthalt, eilt zu der 
Hütte und wie er in dieselbe eindringt, stofst er auf die 
Brüder; er greift sie an, gleitet aus, da der Boden von 
Blut durchnä&t ist, stürzt und fallt auf eine Leiche; — 
es ist die Estella'sl — Die Brüder hatten sie gemordet 
und ihr das Kind geraubt. — Da giebt sich Jayme, die 
Leiche der Geliebten umklammernd, den Dolchen ihrer 
Brüder preis; der Tod ist ihm willkommen. — Bald dar- 
auf sah man die Hütte in Flammen aufgehen, die das 
Verbrechen mit ihrer Asche verdecken sollten. Doch ge- 
lang es dem Einsiedler, die Leiche Estella's zu retten, 
welche er in der Nähe begrub. Auch war Anninhas her- 
beigeeilt, hatte den für todt liegen gelassenen Jayme ins 
Leben zurückgerufen und seine Wunden verbunden; denn 
jener Page hatte aus Freundschaft für Jayme, dem er 
auf dem Wege zur Hütte begegnet war, die Seinen von 
der Gefahr unterrichtet, die ihm dort drohte. 

Jayme muJfete nach seiner Wiederherstellung sich 
abermals flüchten und im Verborgenen aufhalten; die 
Noth zwang ihn, Bandit zu werden. Auch D. Martinho 
und Anninhas wufsten nicht, wo er sich umhertrieb; und 
doch wurden Martinho's Güter confisciert, er von Haus 
und Hof vertrieben und endlich gezwimgen, in Mem 
Rodrigo's, ebenfalls eines alten Waffengefährten, arm- 
licher Hütte, die dieser von Anninhas^ Vater geerbt hatte, 
eine Zuflucht zu suchen und von dem Almosen zu leben, 
was dieser für ihn erbettelte; weil er nicht angeben 
konnte, auch wenn er es gewollt hätte, wo Jayme sich 
aufhielt, dessen Auslieferung die spanische Regierung 
von ihm gefordert hatte. Martinho wurde darüber wahn- 
sinnig. An einem Jännerabend wird die Thüre von Mar- 
tinho^s Wohnung au%erissen und ein Beutel mit Silber 
hineingeworfen; er kam von Jayme's Hand und es war 
am Jahrestage von Estella's Ermordung; er hatte ihr 



1 



286 Ferd. Wolf 

Grrab besucht, dem Andenken an ihren Tod und an den 
Verlust seines Kindes ihn weihend, nach welchem er ver- 
geblich die Umgegend durchforscht hatte. Diesen Besuch 
wiederholt er jedes Jahr an diesem Tage. So hatte sich 
zum zwölften mal dieser traurige Jahrestag erneut, als 
an diesem Anninhas zur Quelle am Feigenbaum (fönte 
da figueira) geht, die Wasserkriige zu fiillen; auf dem 
Ruckwege begegnet sie einem Kriegsmanne, der sie bit- 
tet, ihm zu trinken zu geben; es ist Germano, dessen 
sie eben, wie so oft, mit liebender Sehnsucht gedacht. — 
Germano war nämlich, wie so viele portugiesische Edel- 
leute, gezwungen worden, im Heere des Königs von 
Spanien zu dienen, das dieser aufgeboten, um die rebel- 
lierenden Catalonier zu bändigen. Anninhas und Ger- 
mano, als sie mit einbrechender Nacht heimkehren und 
an dem Grabe EstelWs vorbeikommen, treffen dort mit 
Jayme zusammen. Dieser verwundert sich, den Bruder 
hier zu treffen, da er ihn doch erst vor zwanzig Tagen 
beim Heere in Spanien gesehen zu haben glaube, und 
fragt ihn, ob die Campagne schon beendet sei. Germano 
verneint dies und sagt, er habe eigenmächtig das Heer 
in Catalonien verlassen; denn ein Soldat habe ihm ein 
Schreiben gebracht, angeblich von Anninhas, mit der 
Nachricht, Jayme sei gefangen und müsse das Schaffot 
besteigen^ Martinho und sie schmachteten im Kerker; er 
möge kommen, sie zu sehen und ihnen beizustehen. Da 
habe er sich dem Könige zu Füfsen geworfen und um 
ihren Pardon gebeten, und als dieser verweigert wurde, 
um Urlaub, um die Seinen wenigstens noch einmal sehen 
zu können. Als ihm auch diese Bitte abgeschlagen wurde, 
habe er mit den Waffen in der Hand sich den Weg durch 
die Trabanten gebahnt und sei entflohen, nachdem er 
zwölf Jahre dem Könige treu gedient habe, nun nicht 
mehr sein Soldat, sondern ein als Verräther geächteter 
Bandit. 

Dieses erschütternde Wiedersehen nach „zwölf Jah- 
ren der Agonie" (Doze annos de agonia ist die üeber- 
schrift des Gesanges, der dies beschreibt) erfüllt die 
unglückliche Familie nur noch mit tieferer Trauer und 



Zur Gesch. der portog. Nationaliiterstiir in der neuesten Zeit. 287 

vermehrt ihre Trostlosigkeit, da sie in dem verrätheri- 
schen Schreiben, das auch Germano ins Verderben stürzte, 
die nicht rastende Bachsucht der Spanier, D. C^sar's und 
seiner Söhne wohl erkennen konnten. 

Im nächsten Gesänge (überschrieben: Latet auguis) 
führt uns der Dichter nach Lissabon und beschreibt mit 
bitteren Ausfallen gegen Spanien dessen Zustand kurz 
vor dem Ausbruch der Revolution vom 1. December 1640. 
In einer Versammlung portugiesischer Edelleute sondiert 
der Dr. Joäo Pinto Ribeiro, eines der Haupter der Ver- 
schworung und Agent des Hauses Braganza, deren Ge- 
sinnung, und wendet sich namentlich an D. Jorge de 
Aguilar mit der wie Spott klingenden Frage, was aus 
seinem Neffen Germano geworden sei, der ja auch im 
spanischen Heere gegen die Catalonier gekämpft habe 
Weder dieser, noch sonst jemand weifs darauf Antwort 
zu geben, auTser ein unter dem Namen Buy Vaz o Engei- 
tado (der Ausgestofsene) bekannt gewordener Abenteurer, 
der sich nim Aivaro Correa d'Aragäo nennt. Dieser rühmt 
ironisch, wie beliebt Germano durch Tapferkeit und Ga- 
lanterie beim spanischen Heere geworden sei; preist eben- 
so ironisch Spaniens Herrschaft und Volk, und wendet 
sich dann an einen eingetretenen Diener des Miguel de 
Vasconcellos, des spanischen Staatssecretärs in Portugal 
und Günstlings des Grafen -Herzogs von Olivarez, der 
trotzdem, dafs er ein geborener Portugiese war, sich 
zum Werkzeug der spanischen Unterdrückung gebrauchen 
liels ^)y indem er sagt, er habe Depeschen aus Casülien 
für den Minister, die er aber nur ihm selbst übergeben 
wolle. Dann entfernt er sich mit dem Diener, den Por- 
tugiesen und besonders dem Dr. Ribeiro zurufend: sie 
würden eines Tages den Abenteurer schon näher kennen 
lernen! — 

Vom Minister vorgelassen, übergiebt der Abenteurer 
ihm Depeschen; es sind Schreiben von dessen Freunden, 
den S5hnen D. Cesar's. Während der Minister sie liest, 
hat sich der Abenteurer in einen Stuhl geworfen, es mit 



J) Vgl. Schäfer, Geschichte von Portugal, Bd. IV, S. 454. 



288 Ferd- Wolf 

seiner Ermüdung entschuldigend, ja diese vermöge ihn 
zu der Bitte, ihn auf dem Fufsboden einer kurzen Ruhe 
geniefsen zu lassen; zugleich übergiebt er dem Vascon- 
cellos sein Schwert und seinen Dolch. Dieser heifst ihn 
sich auf die Kissen hinlegen, bewacht jedoch den bald 
in Schlaf versinkenden argwohnisch. Als Vasconcellos 
sich von der Wirklichkeit seines Schlafes überzeugt hat, 
durchsieht er aufmerksamer die von ihm gebrachten Pa- 
piere und findet darunter ein Signalement (senha) des 
üeberbringers, mit der Anzeige, dafs der Abenteurer — 
der geächtete D. Jayme de Aguilar sei, auf den die 
Justiz seit langem vergeblich fahnde, und den der Mini- 
ster nun dem Henker überliefern wolle. Aber Vascon- 
cellos verschmäht es, das Werkzeug der Rache der Ce- 
sares zu sein; auch in der Brust dieses Vaterlandsver- 
räthers ist noch nicht aller Edelsinn eines portugiesischen 
Fidalgo erstorben i); er hält es unter seiner Würde, einen 
Menschen, der sich ihm vertraut, der sich ihm wehrlos 
überliefert hat, dem Henker zu übergeben. Vielmehr ent- 
fernt sich Vasconcellos leise und kehrt mit einem Korbe 
voll Efswaaren zurück. Als Jayme erwacht und noch 
halb im Traume ausruft: „Endlich hat der Himmel meine 
Wünsche erhört; ich sehe mich am Ziele meines Lebens; 
das Schaffet sei mir willkommen ! " — ladet Vasconcellos 
ihn ein, nun, nachdem er geschlafen, auch zu essen, und 
dann sich davon zu machen; und auf den Einwurf Jay- 
me's, dafs er ja selbst den Uriasbrief mit seinem Todes- 



^) Der Dichter selbst hält es für nothig, diesen Act der Grofs- 
muth, den er hier dem Vasconcellos beilegt, der Ton allen einheimi- 
schen Historikern: mit den schwärzesten Farben geschildert wird, in 
einer eigenen Anmerkung wahrscheinlich zu machen; theils dadurch, 
dafs Vasconcellos kein böser Mensch gewesen und zum Verrath am 
Vaterland nur aus kindlicher Pietät und Rachsucht getrieben worden 
sei, denn er sah als Knabe seinen Vater Tom Pöbel in Lissabon grau- 
sam ermorden, weil er ein Anhänger der spanischen Regierung war 
(vgl. Schäfer^ a. a. O.) ; theils — und das ist wohl eher ein plausibler 
Grund — weil Vasconcellos bereits unterrichtet war, dafs die Cesares 
bei OUvarez in Mifscredit (desacreditados) gekommen waren , was durch 
eiu von Pinto Ribeiro mitgetheiltes Schreiben des Diogo Soares an 
Vasconcellos urkundlich belegt wird. 



Zur Gesch. der portug. Nationalliteratnr in der neuesten Zeit. 289 

uitheil ihm übergeben, wiederholt der Minister seine Ein- 
ladung. — ,,Al8o abermals eine getäuschte Hoffnung ^^ 
ruft Jayme, ,, statt der ersehnten Todesruhe von neuem 
die Mühen und Leiden des Lebens!*' — Während er nun 
der dringend wiederholten Einladung zu essen folgt, ge- 
denkt er dabei einer Mahlzeit, einer Orgie, deren Erinne- 
rung ihn fast wahnsinnig mache; ;,ja'', ruft er, „da mein 
Schicksal sich noch nicht erfüllt, so will ich essen, will 
leben; aber weh ihnen, oder weh mir!" — Nach geende- 
ter Mahlzeit wird Jayme von Vasconcellos au%efbrdert, 
ihm diese räthselhaften Worte zu erklären und zu erzäh- 
len, wie er, den man längst untergegangen glaubte, sich 
erhalten habe. 

Es folgt nun Jayme^s ausführliche Erzählung seiner 
Erlebnisse seit dem Tode Estella's (sie bildet den sechs- 
ten Gesang mit der Ueberschrift: Duas vingan9as). Er 
sei, wie ein Salamander den Flammen entstiegen, für die 
Liebe todt, nur der Rache lebend; habe sich unter wech- 
selnden Verkleidungen herumgetrieben, die Spur der Ce- 
sares verfolgend, um sich an ihnen, an den Spaniern 
überhaupt zu rächen; denn, wiewohl ein Einzelner, habe 
er dem ganzen stolzen Spanien den Kjrieg erklärt und 
mit allen Gräueln geführt. So habe er in den Sierren 
als Bandit, in den Dörfern als Landmann, in den Städ- 
ten als Bettler oder Mönch Castüien durchzogen; den 
Tod auf den Fersen, die Kache im Herzen; bald scheu 
das Tageslicht fliehend, bald mordend, um weiter zu 
kommen. *) Einst, als Bettelmonch verkleidet, wird er 
in finsterer Nacht und bei tobendem Ungewitter von Ban- 

1) Declarei, sozinho, a guerra 

a toda a Hespanha orgulhosa; 
e guerra, fiz-lh'a horrorosa! 
hontem, bandido na serra; 
hoje, semeador na herdade; 
amanh&, frade, mendigo, 
nas ruas d'uma cidade. 
Mas sempre a luctar commigo 
a dor da minha sajidade. 
Entrei por Castella a dentro; 
de porta em porta^ escutei 
aquelles povos ferozes; 



290 *'erd. Wolf 

diten überfallen, die aber, von sekier Verkleidung ge- 
täuscht, statt ihn zu berauben, ihm befehlen, in ihre 
Höhle mitzukommen, um des Einen eben gestorbenen 
Mutter die letzten Ehren zu erweisen. Dort angelangt, 
giebt er sich den Banditen als Genosse zu erkennen und 
gewinnt sie, ihm bei der Ausführung seines Rachewerkes 
behülflich zu sein. Sechs Tage darnach halten D. Ruy de 
Luna de Orviedo y de Medina, D* Angelina de Valla- 
dares y Ossuna, dessen Gemahlin, D. Leopoldo de Espi- 
nosa y Cadaval und ein Page ihren Einzug in Madrid 
und treten mit so grofsem Luxus auf, dafs sie bald Auf- 
sehen erregen. Dies sind die Banditen Montera und Gil 
Bras, des ersteren Geliebte Gazella, und Jayme als Page. *) 
Die Leiden und die Mühen des wüsten Lebens hatten 
den kaum mehr als zwanzigjährigen Jayme zum alternden 
Manne gemacht und sein Aussehen so verändert, dafs 
sein eigener Bruder Germano ihn nicht erkannte, mit dem 
er in Madrid zusammentraf, damals noch ein schmucker 
Krieger und Liebling der Damen in voller Jugendblüthe, 
nun auch ein geächteter Bandit, weil er das Unglück hat, 
der Sohn eines portugiesischen Edelmanns, der Bruder 
eines Hochverräthers in den Augen der Spanier zu sein. 
Jayme weifs es zu veranlassen, dafs die Cesares, die er 
^endlich hier gefonden, mit den Pseudo-Cavalieren be- 

^ morte, a seguir-me os passos; 
ea, fare)ando os algozes 
da mulher qne tanto amei; 
e na idea que ea seguia, 
ora furtando-me ao dia, 
ora matando, passei. 
^) Der Dichter sagt mit scharfer Ironie: 

Ja vedes que tinham nomes 
dos melhores de Castella! 



Tinham cavallos e pagens, 

trens de ca^a os mais custosos, 

sedas, oiro e carroagens, 

de atormentar InYejosos. 

Trinta mastins para a serra, 

sangue inglez em cada galgot ... | 

Com taes dons, em toda a terra, \ 

qualquer bandido e fidalgo. 



Zur Gesch. der portng. Nationalliteratur in der neuesten Zeit. 291 

kannt werden und bald mit ihnen, die wenigstens der 
Gesinnung nach ihnen ebenbürtig waren, in vertrauten 
Umgang treten. Beide Sohne Cesar's hatten sich seitdem 
vermählt mit edlen, reizenden Andalusierinnen. 

Da hat die Stunde der Rache geschlagen. Die Ce- 
sares hatten nebst ihren Gemahlinnen die Einladung der 
Pseudo-Cavaliere zu einer nächtlichen Orgie angenommen. 
Ein schwelgerisches Mahl vereint sie ; feurige Weine und 
die noch feurigeren Blicke Gazella's berauschen die Män- 
ner; die sülsen leckeren Speisen, und die noch süfseren 
Galanterien der Banditen — denn jeder Spanier ist ein 
geborener Cavalier — bezaubern die Frauen. Gesund- 
heiten auf das Wohl der Geliebten werden mit zweideu- 
tigem Sinne gegenseitig ausgebracht und reichlich zuge- 
trunken. Da bringt Cadaval (Gil Bras) das Gespräch 
auf Estella und erkundigt sich nach ihr; sie habe sein 
Herz erobert, sei ihm unvergefslich geblieben, ja, er 
werbe nun um ihre Hand. Die Brüder sind genothigt 
zu gestehen, dafs sie vor einem Jahre gestorben sei und 
dai's ein armer portugiesischer Landjunker, D. Jayme 
d^Aguilar, sie mit seinen Liebesanträgen verfolgt habe, 
aber von D. Juan dafür gezüchtigt und im Duell ersto- 
chen worden sei, wofür ihm die Schwester Dank gewuist 
habe. Gadaval fragt nun, wo EstelWs Grab sei ; er wolle 
hin, um es mit Blumen zu bekränzen. Die Brüder geben 
vor, sie sei im Dome von Vizeu begraben. Cadaval be- 
zweifelt es; denn er habe dort von ihrem eigenen Vater 
gehört, sie sei mit den Brüdern nach Spanien zurückge- 
kehrt. Zu deren Erstaunen mengt sich nun der Page, 
der beim Mahle aufgewartet, ins Gespräch; er wisse, wo 
Bstella begraben, wie sie gestorben sei; und erzählt, trotz 
der Forderung der Cesares, den frechen Diener fortzu- 
jagen, den wahren Hergang. Die Frauen fahren entsetzt 
auf; die Brüder stürzen sich auf den Pagen, um ihn zu 
züchtigen; aber sie werden von den Banditen entwaffiaet 
und gebunden, die sich nun als solche zu erkennen ge- 
ben, so wie der Page als Jayme d'Aguilar. — Dieser 
sieht sich am Ziel seiner Rache; aber, ruft er den Cesa- 
res zu, es genüge ihm nicht, durch ihren Tod den Estel- 



n 



292 Ferd. Wolf 

la^s ZU sühnen; er wolle sie früher noch zu Zeugen von 
der Entehrung ihrer Frauen durch die Banditen machen. 
Sie beschwören ihn, dieser zu schonen, bei allem was er 
noch liebe, bei seinem Vater, seinem Bruder, seiner Tock" 
ter^ die noch lebe! — Diese Nachricht von dem Leben 
seiner Tochter läfst Jayme auf alles, selbst auf die Aus- 
führung seines Racheactes vergessen; er giebt die Ossä- 
res frei, die allerdings entehrt, wie sie nun waren, Casti- 
lien verlassen mufsten und deren Frauen sich von ihnen 
trennten. Jayme aber beginnt von neuem sein wüstes 
Wanderleben, um die Spur seiner Tochter zu verfolgen, 
von der ihm die Cesares Andeutungen gegeben. So hat 
er zwölf Jahre vergeblichen Suchens, todtlicher Pein zwi- 
schen Furcht und Hoffnung verlebt, von Zeit zu Zeit 
durch Botschaften der Cesares hingehalten, die sich, im- 
mer verrätherisch erwiesen und auch seinen Bruder ins 
Verderben trieben. Endlich habe er vor kurzem in einer 
Höhle bei Sevilla wieder Botschaft von den Ossäres ge- 
fanden, worin sie ihm künden, dafs seine Tochter in Por- 
tugal sich aufhalte, und der einzige Mensch, der darum 
wisse, Miguel de Vasconcellos sei, an den möge er sich 
wenden und sich bei ihm als Ueberbringer der Papiere, 
die sie ihm mitsandten, Zutritt verschaffen; er werde dann 
bei ihm gute Aufnahme finden. — Das, so schliefst Jayme 
seine lange Erzählung, habe er gethan, wohl wissend, dafs 
seine unversöhnlichen Feinde ihn dadurch dem Schaffet 
überliefert hätten; aber das wünsche er selbst; er sei die- 
ses peinlichen Lebens satt; er bitte Vasconcellos noch- 
mals um den Tod und nur noch um die Gewährung ei- 
nes Priesters, der ihn absolvire, und eines Uieseaschaf- 
fots (cadafalso gigante), damit alle Welt erfahre, dafs 
y^auf dem entehrenden Blocke nun ein Königreich geschlach- 
tet werdey nicht ein einzelner Mensch; denn der arme Aben- 
teurer ist das Symbol einer Nation I'' *) 

1) Que digam ao mundo inteiro, 

que sobre o cepo infamante, 
se mata naquelle instante 
um reino ! . . . que um hörnern , näo ! ! 
porque o pobre aventureiro, 
symbolisa uma na^äo! — 



Zur Gesch. der portug, Nfttionalliteratur in der neuesten Zeit. 293 

Vasconcellos hat Jayme^s Erzählung mit wachsender 
Aufmerksamkeit angehört und wird davon so tief ergrif- 
fen, dafs er, von Reue über sein eigenes Treiben über- 
mannt, ausruft: „Ihr habt Recht, D. Jayme, Verrath 
war^s, der Euch dem Tode entgegengesandt. Lissabon 
ist das Schaffot, der Schar&ichter bin ich! — Ich, ein 
Sohn dieser edlen und kräftigen Erde! — Ein Renegat 
an dem Lande, in dem ich geboren! Verflucht von der 
Mutter, die mich zur Welt gebracht!... Leset die Be- 
fehle, die dieses Spanien absendet; auf diesen Tischen 
seht Ihr sie zerstreut. Sie werden Euch vor Grauen er- 
zittern machen! — Ihr werdet sehen, dafs nichts seinen 
Hunger stillt; nicht Confiscationen, Proscriptionen, Ge- 
fangnifs und Galgen, Spionage, Verrath, verruchte Com- 
plotte; nicht die in Bordelle verwandelten Familien; nicht 
die in Satumalien entarteten Feste, nicht das in Schmerz 
verkehrte Lachen."*) — Dann aber setzt er hinzu: der 
ftirchtbare Eindruck der Ermordung seines Vaters durch 
Lissabons Volk, die er, noch ein Knabe, geschaut, der 
Hafs gegen dieses und die portugiesische Partei, und die 
Begierde, seines Vaters Tod zu rächen, die mit ihm ge- 
wachsen seien, haben ihn zum Werkzeug der spanischen 



1) — — — Tinheis razäo D. Jayme 1 

foi a trai^äo que vos mandou a morte! 
Lisboa 6 cadafalsol o algoz, sou ea! 
eul filho d'esta terra nobre e forte! 
renegado da patria onde nasceral 
maldito desta m&e qae a laz me deul 
LMe 08 mandados que essa Hespanha envia; 
por essas mezas os yereis disperses! . . . 

Heis de tremer d'horror! 
Vereis qne nada a fome Ihe sacia; 
confiscos, proscrip^oes , pris&o, patibulos, 
espionagem, trai^oes, tramas perversas, 
as familias tornadas em prostibulos, 
a festa em satnrnal , o rizo em der ! . . . 

Diese Philippika gegen Spanien nimmt sich im Mande des Vas- 
concellos allerdings sehr wunderlich aus; aber als Probe von der lei- 
denschaftlichen Energie, mit welcher der Dichter seiher Abneigung 
gegen eine Wiederyereinigung Portugals mit Spanien Ausdruck [giebt, 
ist sie jedenfalls sehr merkwürdig. 



294 Fe'd- Wolf 

Regierung, zum Verräther am Vaterlande gemaebt, das 
ihn verfluche; dies möge seine Stellung erklären, ent- 
schuldigen; er sei dadurch nicht minder unglücklich ge- 
worden, als Jayme; beide seien sie Opfer ihrer Begierde, 
geliebte Ermordete zu rächen; darum biete er ihm nun 
seine hülfreiche Hand an; in Spanien werde man der 
Aussage der Cesares glauben, dafs Jayme durch ihre 
List dem Gefängnifs und Schaffet überliefert worden sei; 
Jayme möge aber nach Almeida entfliehen, dort werde er 
ihn gegen ihre Verfolgungen sichern. 

Der nächste Gesang, „A Guarda^^ überschrieben, 
fahrt uns in die Festung dieses Namens, an der Granze 
Andalusiens. Mit den lebendigsten Farben wird das Trei- 
ben der dort sich häufig einfindenden Andalusier geschil- 
dert, wie sie durch ihre Anmuth und ihre reizenden 
Nationaltänze die portugiesischen Frauen bezaubern, die 
Männer aber mit herausforderndem Stolz, Hohn und Ver- 
rath behandeln. ^) Durch die Menge dieses Lagers (arraial) 

1) Wiewohl der Dichter dem anmnthigen reizenden Wesen der 
Andalusier volle Gerechtigkeit wiederfahreii läfst, so ermangelt er 
auch hier nicht, vor den Spaniern zu warnen und seiner Abneigung 
gegen eine Vereinigung der Portugiesen mit ihnen sehr energischen 
Ausdruck zu geben, indem er, in eigener Person sprechend, hinzufügt: 

E fui pensando commigo, ' 

que entre Hespanha e Portugal 

näo havia um peito amigo 

em todo aquelle arraial! 

por que o fei d'um odio antigo, 

amarga e queimal e fatal! 

Quando o amigo traiQoeiro, 

com ademan carinhoso, 

passeia o nosso quintal, 

se aquece ao nosso brazeiro, 

e alta noite, farto e quente, 

se transforma de repente 

cm nocturno salteador, • 

o seu inerme hospedeiro, 

da-lhe a rir o seu dinheiro, 

suas baixellas de prata . . . 

mas logo que pode, mata! 



Entre Hespanha e Portugal 
fica este marco fatal! 



Zur Gesch. der portag. Nationalliteratar in der neuesten Zeit. 296 

drängen sich Yermumnite, besprechen sich heimlich mit 
einander; alle behaupten ihn, den sie suchen, gesehen zu 
haben, hier am selben Tage in so verschiedenen Gestal- 
ten, dafs es ans Wunderbare zu gränzen scheint. Diese 
Vermummten sind die Ossäres und ihre Gehiilfen; — der, 
den sie suchen und hier gesehen zu haben glauben, ist — 
Jayme. Dieser war in der That auf seiner Flucht nach 
Almeida hier angekommen und hatte, als er sich verfolgt 
sah, wie gewöhnlich zu wechselnden Verkleidungen seine 
Zuflucht genonunen. Er hatte in einer abgelegenen, durch 
Buhlwirthschaft verrufenen Kneipe (lupanar) sich zu ver- 
bergen, und im Verkehr mit Dirnen, im Genufs des Wei- 
nes wenigstens augenblickliches Vergessen seines qual- 
vollen Lebens gesucht. Er berauscht sich absichtlich in 
feilen Küssen, im Wein, während die Verfolger ihm schon 
auf der Spur sind, ihm schon auflauem. In diesem 
Schlupfv^inkel der Sünde findet Jayme ein Mädchen, die 
Aufwärterin Gniomar, deren ganzes Wesen so sehr das 
Gepräge der Unschuld trägt, dais es selbst dem Berausch- 
ten, aber von dem angebomen Gefahle einer edlen Natur 
noch nicht gänzlich Verlassenen Scheu und Achtung ein- 
flofst Er erfährt, dafs sie eine vater- und mutterlose 
Waise sei; das erschüttert ihn; er gedenkt seiner Toch- 
ter; alle seine Erinnerungen an vergangene Leiden wer- 
den wach gerufen; die trunkene Begierde 15st sich in 
namenloses Weh auf; er beweint sein, der Seinen trauri- 
ges Geschick; den darob verwunderten. Dirnen, in de- 
ren Augen er als der reiche spanische Wüstling Correa 
d'Aragäo gegolten hat, schärft er ein, sie mochten, wenn 
der Alcalde ihm nachforsche, sagen, es sei Pedro der 
Weber, der diese Nacht bei ihnen zugebracht. 

Als die Dirnen sich entfernt hatten, fordert Jayme 
Gniomar auf, ihm ihre Lebensgeschichte zu erzählen. Er 
erfährt nun von ihr, dafs sie, ein ausgesetztes Kind, in 
der Höhle des Viriatus bei Vizeu von einem Einsiedler 
gefunden und von ihm aufgezogen worden sei; aber nach 
zehn Jahren habe sie auch ihren Ziehvater verloren und 
sich, von allem verlassen, in die weite Welt hinausge- 
stofsen gefunden; sie habe viel Kummer und Noth aus- 



296 ^®'^- w<>^f 

gestanden und sei endlich dadurch gezwungen worden^ 
hier in Dienst zu treten. Sie habe noch zwei Schrift- 
stücke aufbewahrt, die sich unter ihren Einderkleidem 
gefunden haben; das eine, ein Legat schrecklicher Ver- 
wünschung (legado de horror), das andere, ein Vermacht- 
nifs der Liebe (legado de amor). Das erstere lautet: 

„Tochter blutschänderischer Liebe 1 Kind des Ver- 
brechens! Dein Dach sollen die Zweige dieser Ulme sein. 
Die Liebe, die dii* das Dasein gab, wird dich nicht 
schützen gegen die dräuende Gefahr, die du zu fürchten 
hast. Unter /diesem eisigen Himmel, der auf dir lastet, 
wirst du die Jännemacht nicht überstehen. Du hast der 
christlichen Liebe nichts zu verdanken; denn du gehst 
ungetaufb in die Ewigkeit! — Du stirbst, Tochter Ade- 
licher, ohne Adel; damit du ihnen nicht zum schande- 
bringenden Pasquill werdest; du stirbst, Tochter Reicher, 
in der Armuth; denn du hast zur Behausung nur einen 
alten Stamm, zum Bette die fahlen Kräuter der Haide, 
zum Wiegengesang das Pfeifen des erzürnten Windes, und 
statt der gedeihlichen Muttermilch den frostigen Thau, 
die Thränen des Winters." — 

Jayme kann nicht länger zweifeln, dafs Guiomar seine 
Tochter ist. Die Freude, die so sehnlich, so lange ver- 
geblich gesuchte endlich doch gefunden zu haben, wird 
ihm aber bald verbittert durch die Erinnerung an den 
Zustand, in dem beide sich finden, an die Urheber die- 
ses Elendes, die Cesares, gegen die Jayme neuerdings 
zur Rache aufgestachelt wird durch den Fluch, womit 
sie die Neugeborne schon dem Verderben geweiht hatten. 
Er droht ihnen schmachvolle Rache, wenn er sie morgen 
in Almeida treffe. Da zeigt ihm Guiomar das „Ver- 
mächtnifs der Liebe", die letzten Woi-te der Mutter, mit 
ihren Segenswünschen, mit ihren Bitten, Gott woUe ihr 
Band schützen, sie einst mit ihm wieder vereinen, und 
worin sie ihren Verfolgern verzeiht. Bei diesen Wor- 
ten der Mutter, bei ihrem Andenken beschwort auch 
Guiomar den Vater, den Rachegedanken zu entsagen. 
Er giebt ihren Bitten nach; schon hat auch er das 
Wort der Verzeihung ausgesprochen, als die Thore 



^ur Gesch. der portug. Nationalliteratur in der neuesten Zelt. 297 

des üausee aufgerisseai werden und es sich mit Bewaff- 
neten föUt. 

Sechs Tage darnach ist ,ftiif dem Marktplätze^ ein 
Schaffet an%erichtet; ein Mann besteigt es festen Trittes 
nnd mit heiterer Miene dem Tod entgegensehend; — es 
ist Jaym€, begleitet von der in Thränen zerfliefsenden 
Guiomar und einem Pater. Von diesem erbittet er sich 
das Gelöbnifs, die Tochter zu seinem Bruder Germano 
zu führen und den Seinen die letzten Grüfse Ton ihm 
zu bringen. 

Noch hing Jayme^s Leiche am Ghdgen, als die Glochen 
aller Kirchen Portugals zum Dankfeste ertönten für die 
Befreiung vom spanischen Joche im December 1640. — 
Der Galgen wurde ihm zum Monument, die festliche Be- 
leuchtung zur Begräbnifsfiickell — 

Mit einer Apostrophe an die Spanier^ nach ,,solchem 
Henkergruhme" keine Ansprüche auf eine Wiedervereini- 
gung mit den Portugiesen zu machen; an diese ,,m]t 
Schrecken'' sich der Leidensjahre jener Voreinigung zu 
erinnern, und mit dem Wunsche, dafs „sein Gesang in 
der ganzen iberischen Halbinsel Wiederhall finden möge'', 
schliefst der Dichter. ^) 

Durch diese wiederholt ausgesprochene Absicht, in 
der das Gedicht verfielst wurde, und durch den außer- 
ordentlichen Beiiall, den es in Portugal und Brasilien ge- 
funden hat, ist es jedenfalls igchon in politüeher Hinsicht 
bedeutungsvoll und eine nicht zu überhörende Stimme 
der Zeit für jene Utopisten, die von einer Vereinigung' 
der Spanier und Portugiesen unter einem gemeinsamen 



') Er ruft den Spaniern zu : 

Que mais qnerem de noe? aposi tamanba 

galhardia d'algoz, 6brio8 de gloria, 

apagaram acaso a luz da historia? 

näo leem seus feitos? . . . Qne nös qaer a Hespanha ? . . . 

Quer insnltar a lapide funerea 

qae peza sobre tos, heroes de Ourlquel 

Estremecei de horror! filhos de Henrique!... 

Repercutl meu canto, eccos da Ibeiia! 

Jahrb. f. rom. u. engl. Lit. V. 3. 20 



1 



2J?8 Ford. Wolf 

Herrsoherhaufie, oder gar toh eioer iberisohaii Bepublik 
träumen! — 

Aber bei dieser, vom Dichter so stark betont^i Ab- 
sicht muTs man sich doppelt wundem^ in politischer und 
poetischer Hinsicht, dafs er seinen Helden nicht zum 
activen Theilnefamer an der Befreiung seines Vaterlandes, 
dafs er ihn zum mehr passiven Opfer von Privatleiden- 
schaften gemacht hat; dafs er seinen Handlungen und 
Schicksalen nicht die edleren, eriiebenden Motive der 
Vaterlandsliebe und des für das nationale Interesse sieh 
aufopfernden Heroismus, sondern die beschränkten und 
egoistischen eines gewöhnlichen Liebesverhältnisses und 
der daraus entspringenden gemeinen Bachsucht unterge- 
legt hat. Er leidet ebenso wie alle Portugiesen unter 
der spanischen Herrschaft, und das Mehr, was ihn trifft, 
hat er durch sein Verhältnifs zu den Cesares selbst her- 
vorgerufen. — Warum hat er Jayme, sollte er wahrhaft 
tragisch enden, nicht den Heldentod beim E[ampfe im 
Palast von Lissabon am 1. December 1640, sondern den 
verdienten Verbrechertod als Bandit und Mörder auf dem 
Schaffet finden lassen? Verliert der Held dadurch an 
höherem, politischem Interesse, so wird man dafar durch 
das rein stoffliche, an der Fabel selbst, an der Ver- und 
£ptwickelung nur wenig entschädigt; denn die Fabel ist 
dürf^ und unwahrscheinlich in der Erfindung, verbraucht 
in der Verwickelung, abstofsend und doch wenig über- 
raschend in der Elntwickelung. — üebrigens war die 
vorstehend davon gegebene und den eben ausgesproche- 
nen Tadel wohl hinlänglich rechtfertigende Analyse keine 
leichte Arbeit; denn, abgesehen davon, dafs weder die 
Composition noch der Ton episch oder auch nur lyrisch- 
episch sind und die Erzählung in eine Reihe dramatisch 
oder lyrisch gehaltener Scenen eingekleidet ist, sind diese 
oft so lose aneinander gereiht, wird die Erzählung so 
sprungweise weiter geführt, häufig durch Episoden, Be- 
schreibungen, lyrische Ergüsse und ganz subjective Re- 
flexionen unterbroehen, und oft plötzlich in Dialoge iiber- 
gehend, deren Sprecher man meist errathen mufs, dafs man 
nur mit Mühe den Faden der Erzählung festhalten kann. 



Zar Gesch. der portug. N*lionaUitei&tar in der neuesten Zeit. 

Ttot2 all di«6er Mangel hat das Gedicht nidit nur 
naiiondies, sondern anoh poetisohea Interesse in hohem 
Grade erregt, hat emen Dichter, wie Contilho, zum be* 
geisterten Lobredner gemacht, ja so bezaubert, dafs er 
es den Lusiaden fast gleich stellt, und wird selbst auf 
einen Ausländer, wenn er nur überhaupt poetischen Sinn 
hat, den Eindruck eines achten, bedeutenden Dichterwer- 
kes machen. Castilho, wenn er auch in seiner Begeiste- 
rung oft zu weit geht und blind fiir die Schwächen der 
Composition und Charakteristik ist, hat doch Recht, wenn 
er ausruft: ,,]& poesia, e magnifica poesial^' — Dafür 
zeugen die mit dramatischer Lebendigkeit dargestellten 
Scenen, die mit allem Zauber der Poesie ausgestatteten 
Beschreibungen, bald reizende Idyllen, bald durch süd- 
liche Farbengluth fesselnde Gemälde, dafür spricht der 
Reichthum an schonen Einzelnbeiten, wie die treffenden 
Bilder und Vergleiche, die zahlreichen lyrischen Stellen, 
bald energisch und schwungvoll, bald elegisch -süTs. 

So ist der ganze erste Gesang *) eine reizende Idylle 
und z. B. die darin vorkommende Beschreibung einer 
alten, von Epheu umrankten Burg ebenso malerisch als 
durch den sinnigen Vergleich am Schlufs überraschend.*) 



1) Das Gedicht besteht ans neun Gesängen; .1. Flores d'AIdeia; — 
II. A Ben^äo da despedida; — III. Sombras; — IV. Doze annos de 
agonia; — V. Latet anguis; — VI. Duas vingau^as; — VII. A Gaar- 
da; — VIII. ebrio; — IX. Em fim. 

2) Um dia ... quando, nfto sei; 
fui' yer as gastas ruinas 
d'nm velhissimo castello 

qne ao desamparo eooontrai, 
mas que apesar de esqnecido 
na solidftOy era hello. 

Acbei-o todo vestido 

de tenaz hera yi^osa; 

e ornado do verde brilho, 

lembrou-me um yelho casquilho 

qne espera noiva formosa. 

Vi-lhe 08 muros oorcovados 
sobre o abysmo pendarados, 
porem suspenso« do ar. 

20* 



300 »erd. Wolf 

Wie energiaoh und schwungvoll sind £. B. die den 
seobsten Gesang e&nlettenden Strof^en gegen die Ra^- 
8%icht, als Folge der von Egoismus, Intrigue und Lei- 

BarbacAns, desamparadas ; 
as torres, deseonjantadas; 
; co»o folhaa dcBligadaa 

da flor que se val finar. 
E perganUi: — „Que portento, 
pedräs que baloi9a o vento 
ja sem prnmo, e sem ehn^to, 
T06 tem suspensas no ar?^' 

A hera, filba do muro, 
foi-se eneostando, e cfesceu; 
a cada csütinho esouro 
eada raiz se {a-endeu; 
entre cada feada estreita 
uma yergontea se ajeita; 
do muro em toda a largura 
oontorce a activa espessura, 
gira, enrosca-se e yenceul 
E vai recebendo alento, 
redobra em vi^o e vigor, 
nem ja rajadas do vento 
Ihe podem oauaar temor; 
seus rebentöes melindrosos 
ja säo brapos musculosos 
que ensaiam for^a e valor; 
e conhecendo seus brios, 
aos largos muros adustos 
metteram hombros robustos, 
ergueram rochas ao ar. 
Subiram as barbacans; 
recurvaram as ameias, 
ligaram rijo pilar, 
com mil adustas cadeias. 
£ o castello bospitaleiro 
ja sem medo ao paroxismo, 
yin, vd, vera sobranceiro 
as profundezas do abysmo; 
que a bera robustecida 
de lembrada e generosa, 
da vida, a quem Ihe deu vida; 
for^a, a quem Ihe deu vigor. 
— Sfto eomo a hera vi^osa 
os fillios do noaso ainor. 



Zur Gesch. der portug. Naiionalliteratur iu der neuesten Zeit. 301 

'daeisGhait aufgeregten und zerwühlten socialen Zu- 
stande! ^) — ' 

Wie zart und voll elegischer SüTse ist das Lied dov 
Waise Anninhäs, das sie sich und ihrem zum wah^sinni-r 
gen Bettler gewordenen Ziehvater D. Martinho zum Troete 
singt) in welchem sie der auch dem Aermsten gabeospeurt 
deaden Natur dankend und hoffend gedenkt ^ mit dem 
wehmüthigen Nachklänge daCs eben der zu bedauern idt> 
dessen Kkge kein Echo fiüdet in dem Herzen eines Ya-^ 
ters oder einer Mutter**) 



^) Ai do homem qoe em dis de mau fado^ 

desejando aealipar esta fadiga 

que se cüama viver, 
qtiz afogar a dor qne a tanto obrtga, 
e ao . BOcial T^anqnete festejadp 
foi pedir de beber! . . . 

O jantAT social, i uma orgia; 
cada logar, um leito de impureza; 

cada riso, am baldSo! 
Onde faz de bacchante, uma Duqueza; 
onde faz de comparsa a mediania, 

e um Bei faz de estriäol 

Preside a mesa o söfdido egoismo, 
cortejando as paixoes doa sevs convivas 

na torpe baechanal, 
onde trasborda em gottas corrosivas 
o veneno lethal do mundanismo, 

das ta^s de cristal. 

O monstro sanguinario da ymgan^a, 
disfar^adas as garras e a cabe^a, 

lern logar d'honra ali. 
Qual do inferno de Dante a porta espessa: 
— Ö voa que entrais, deixae cdfora a esp^ran^a, 

ou näo entreis; fugi! etc. . . . 

^) — Bem hajas 6 luz do sol 

dos orphäos gasalbo e manto, 
immenso, eterno pharol, 
d'este mar largo de pranto. 

Bem bajas agoa da fönte 
que n&o desf^resas ningnem! 
Bem haja a.urze do monte 
que e lenha de qaem näo tem! 



302 Ferd. Wolf 

Selbst im achten Gesang: ^O ebrio^^, der, wie schon 
seine Ueberschrift (der Trunkene) sagt, die gewifs ge- 
wagte und abstofeende Au%abe sich gesetzt hat, den 
Helden so tief gesunken zu schildern, dafs er in dem 
Lethe eines Lupanar Vergessen seines Elendes sucht, 
und dort ^- die so sehnlich gesuchte Tochter endlich 
findet, selbst in diesem Nachtstücke voll Grausen und 
Ekel, in dem man den Einflufi der franzosischen Pseudo* 
Romantiker, und besonders Victor Hugo's nur zu sehr 
merkt, wird durch die wirklich poetische Auffiassung und 
durch die, freilich nicht sehr wahrscheinliche Charakte- 
ristik Guiomar's, der auch im Sumpfe rein gebliebenen 
Lilie, der widrige Eindruck doch bedeutend gemildert 

So ist z. B. die Scene ergreifend, wie der trunkene 
Jayme, im Begriff der sich straubenden Guiomar Gewalt 
anzuthun, plötzlich ernüchtert wird durch den Zuruf, 
dafs sie eine arme verlassene Waise sei, und dadurch 



Bern hsjam rios e relvas 
paraizo dos pastoresl 
Bern hajam aves das seWas 
musica dos lavTadoresl 

Bern haja o reiDo dos eeos 
qne aos pobres da gra^ e luzJ 
Bern haja o tetnplo de Deus 
que tem Sacramento e crnzf 

Bern haja o cheiro da flor, 
que alegra o lidar campestre; 
e o regalo do pastor 
a negra amora silvestre. 

Bern haja a briza ligeira 
que faz visita ao casal, 
a beijar a costureira, 
e a refrescar-lhe o dedal. 

Bern haja o repooso a s^sta 
do lavrador, e da enxada, 
e a madre- Silva modesta, 
que espreita a beira da estrada. 

Triste de quem der am ai, 
sem achar ecco em ningaemf 
Felizes es que tem pae, 
mimosos os que tem mAel — 



Zar Qesch. der porttig. Nattonalliteratur in der neuesten Zeit. 303 

an seine Tochter erinnert, nun voll Mitleid das Loos der 
Verwabten beklagt. ^) 

Nicht minder als durch schone Einzefaifadten ist das 
Gedicht in Rücksicht anf Sprache, Stil und Metrification 
ausgezeichnet und musterhaft. Castilho, der hierüber 
gewifs ein competenter Richter ist, rühmt die Reinheit 
und Classicitat der Sprache.^) Nicht minder classisch 

1) — Viver na terra, engeitada, 
tendo po patria mn deaerto I . . . 
Folha erguida na rajada 

de vento abrazadol incerto!. . . 
Näo conhecer mäe nem pae ! . . . 

Aü... 
Ser o seu ber^o d'infancia, 
d'affectos campa mortoaria! . . . 
Ver morrer vi^o e fragrancia 
como a rosa solitaria I ^ . . 
Näo conhecer m&e nem pae!. . . 

All. .. 
Qaanta yez a horas mortas, 
rez votada ao sacrificio, 
vai batter do alcoice as portas 
a filha do amor . . . do vicio ! 
como a casa de seu pae! . . . 

Aü... 
Branca roseira plantada 
num täo exposto canteiro, 
onde te cresta a geada 
d'um frio escuro Janeiro 
sem calor de mäe nem pae 1 . . . 

Aü. .. 
O rio, e filho da serra! ... 
do masgo , e pae o granito ! . . . 
as plantas, nascem da terra!. . . 
as estrellas do iniinito ! . . . 
So tu , n&o tens mäe nem pae ! . . . 

AÜ... 
Qne tristezal que sapplido 
6, pergnntar num deserto: 
— men tecto natalicio 
onde estara? . . . longe oa perto?! . .^ — 
sem responder m&e nem pae! ... 

2) „Neste particular", sagt er von der Sprache des Gedichts, 
„^ o D. Jayme obra classica e mais classica do que outras mnitas 
amentadas com louvor nos catalogos dos diccionaristas e grammaticos; 
e um espelho cristalino e moldarado d*oiro, do dizer, do ingenuo e 
nativo dizer da nossa Beira.<^ 



1 



304 Ferd. Wolf 

findet er den Stil, inuner mit grofser Yirtiiositit den 
Personen und Situationen angepafst, von dem einfach« 
nairen Ton conTerBirender Landleute bis zum leid^ischaft- 
lieh erregten des tragischen Pathos, der bitteren Ironie, 
der fulminanten InvectlTe , . edel und würdig in der Re-^ 
flexion. *) 

Besonders merkwürdig aber ist das Gedicht durch 
seine Metrification. Der Verf. hat es verschmäht, sein 
Werk in einem der in der romanischen Poesie herkömm- 
lichen epischen Mafse abzufassen, ja überhaupt nur eine 
bestimmte Vers- und Strophenart zu gebrauchen; er hat 
es gewagt, hierin eine 7ieue Bahn zu betreten, nämlich 
den Vers - und Sirophenbau zu variieren je nach den zu 
schildernden Gegenständen, Situationen, Personen und 
Stimmungen, und zwar nicht nur in den dramatisch ge- 
haltenen, lyrischen und reflectierenden Partien, sondern 
auch in den blos erzählenden. Und in der That ist diese 
Proteusform seiner Auffassungs - und Behandlungsart auch 
ganz entsprechend; ja, wir mochten sagen, er sei durch 
diese zu jener gezwungen worden. Immer hat er sich 
als Meister im harmonischen Vers- und Strophenbau be- 
währt und meist hat ein richtiger Tact und ein feines 
Gefühl ihn bei der Wahl geleitet^); doch, scheint uns. 



^) Castilho resümiert sein Urtheil über den Stil des Gedichtes, 
nachdem er dessen Vorzüge im Einzelnen angegeben hat, folgender- 
malsen: „No estilo, como na linguagem, segunda yez pomos por tanto 
este livro entre os dos uossos classicos mais iseguros.*' 

') Wir verweisen auf die gegebenen Proben und berufen uns auch 
hier auf das competenteste Urtheil, das des Meisters der portugiesi- 
schen Versification, Castilho's, der unter anderen in Bezug auf die 
Metrification Ribeiro's sagt: „que em nenhuma ontra coisa mostrou o 
nosso autor com maior evidencia o seu instinvto de acerto, e a sua 

graca original de verdadeiro poeta O que e innegavel e quo 

em todas as especies e yariedades de metros» Thomaz Ribeiro apre- 
senta a maior naturalidade e melodia, sendo difficil decidir quäl seja 
o verso mais cougenito a indole musical do seu ouvido. Depois, que 
cheio e recheio em todos ellesi Como a idea Ihes entra Toluntaria e 
facil! Como facil e rica, riquissima quasi sempre, Ihes acode a rima! 
Säo todos estes uns primores de que em väo se procuraria o minimo 
yestigio em toda a nossa antiga poesia; e bem poncos se encontraram 
mesmo na moderna. " 



Zur Gesch. der portag. Nationalliteratar in der neuesten Zeit. 305 

kat ihn eben seine Virtuosität auch manchmal zu un- 
passenden und allzu gewagten Künsteleien verleitet^) 



i) Z. B. im Bingange des achten Gesanges:. „0 ebrio'S wo uns 
der Dichter in ein Lupanar einführt und von dem Loose der Unglück- 
lichen, die oft nur durch die eiserne Noth sich in solchen Pfuhl ge- 
schleudert sahen, eine Schilderung giebt, die allerdings sehr ergreifend 
und auch in schonen Versen abgefafst ist, deren allmählige Abnahme 
bis auf eirutilbige aber doch den Eindruck einer nberkünstlichen Spie* 
lerei macht: 

Ai! qtfe profundos misterios 
se envolvem na negra vida, 
da triste mnlher perdida, 
que ali se gasta a morrerl 
A'historia dos suicidios, 
quantas lendas singulares, 
se furtam nos lupanares 
onde e punhal . . . o prazerl . . . 

Quem sabe que martyrios 

o rosto mais sereno 

no lubrico veneno 

vai afogar all! ... 

Quem sabe que miseria, 

que extremo d'agonia, 

no fumo d'uma orgia 

se esconde . . . ate de si! ... 

Quem julga os indomitos 

motejos da sorte, 

sem ver mais que o norte 

dos sonhos que tem, 

e periido arbitro 

nas penas que escreve; 

näo pode, näo deve, 

sorrir de niagnem! 

Ao nauta placido, 
pode, um momento 
de mar e vento 
trazer a dor; 
fazel-o naufrago! 
e num desmaio, 
a luz do raio 
mudar-lhe a cor. 



306 Ferd. Wolf ^ 

Aus alle dem geht wohl hervor, dafs Bibeiro ein 
bedeutendes Dichtertalent, dais Auisergewohnliches von 
ihm zu hoffen ist; wir sagen zu hoffen^ denn das vorlie- 
gende Gedicht zeugt wohl von schöpferischer Kraft, ge- 
nialer AujSassnng, reicher Phantasie und einer ungemei- 
nen technischen Fertigkeit; aber es ermangelt noch jener 
Beherrschung des Stoffes und der Form, jenes Mafshal- 
tens, jener edlen Einfachheit und Naturwahrheit, die den 
vollendeten Meister bewähren. 

Wenn aber Castilho den D. Jayme neben die Lusia- 
den stellt,' so kommt uns dies vor, wie ein geist- und 
phantasiereiches, aber von Manier und Caprice nicht 
freies Genrebild neben einem grofsartig concipierten und 
in gleichmäfsig-erhabenem Stile ausgeführten historischen 
Gemälde. 



1 



Almas impiasi 
Risos tredosi 
dos segredos 
d'ancias taes, 
fngi! ide-Y08l 
estas scenas, 
querem penas, 
pranto e ais! 

Os reprobos 
do Inferno, 
no eterno 
*8tertor, 
nas furias 
diaturnas , 
das furnas 
da dor, 

martyres 

taes, 

säo. 

Miseros 

mais, 

näo. 



Zur Gesch. der portug. NatioiiaUiteratar in der neuesten Zeit. 307 

m. 

Als Ersatz für die echten Volksepen, die aber die 
Volker nur in ihrer glaubig -naiven und heroischen Ju- 
gendzeit erzeugen konnten, und für die Kunstepopoen, 
die eben als kunstliche Nachahmungen jener echten nur 
in üebergangsperioden, die noch durch so manche Bande, 
durch noch frische Erinnerungen mit jener Jugendzeit 
verbunden waren, Geltung erlangen konnten, aber mit 
dem Eintritt der modernen Zeit zu Parodien (wie die ita- 
lienischen), oder zu ausgelebten hohlen Formen werden 
mulsten, gilt dieser der Roman. 

In Portugal ist zwar früher, wie in Spanien, der 
Ritter- und Schäferroman, und bald nach Erscheinung 
der Celestina auch diese Form des dramatischen Romans 
cultiviert worden; aber die seit Beginn des 18. Jahrhim- 
derts herrschend gewordenen , eigentlich modernen For- 
men des Romans haben sich dort ebenso wenig, wie in 
Spanien, und aus ähnlichen Ursachen *) eingebürgert. 

Erst in der neuesten Zeit hat der moderne Roman 
auch in der portugiesischen Literatur Eingiuig gefimden; 
in den drei jüngst verflossenen Jahrzehnten haben die 
Portugiesen nicht nur englische und franzosische Romane 
übersetzt und nachgeahmt, sondern auch zahlreiche, und 
darunter sehr beachtenswerthe Originalwerke dieser Dich- 
tungsgattung geliefert. • 

Gleich den Spaniern haben auch sie vorzugsweise 
den historischen Roman cultiviert, der aber auch durch 
so begabte Dichter, wie Almeida-Garrett (O arco de Sant^ 
Anna) und Herculano (O monge de Cister) mit grofsem 
Erfolg eingeführt worden ist. So verdienen unter ihren 
Nachfolgern genannt zu werden: Antonio d^Oliveira Mar- 
reca (O conde soberano de Castella, Femäo Gonpalves), 
Joäo de Andrade Corvo (um anno na Corte), Camillo 
CasteUo Branco (O Anathema, und A filha do Arcediago), 
und Antonio Coelho Lousada (A Rua escura, Tradi^äo 



1) Vgl. meinen Aufsatz: „Ueber den realistischen Roman und das 
Sittengemälde bei den Spaniern in der neuesten Zeit^^ in diesem 
Jahrbuch, Bd. I, S. 347 ff. 



308 Ferd. Wolf 

portuense); vor allen aber Luis Augüsto Rebello da 
Sylva, dessen Roman: „Die Jugendjahre Johannas V. *' 
(A mocidade de D. Joäo V, Romance. Lisboa 1851 — 53- 
4 Bde. 8.) uns vorliegt. 

Rebello da Silva wurde den 2. April 1821 zu Lissa- 
bon geboren. M^ährend er in den ersteren Studienjahren 
sich, wie er selbst sagt, nur durch eine unüberwindliche 
Faulheit (pela mais constante e invencivel preguipa) aus- 
zeichnete, wurden seine geistigen Kräfte erst im Jahre 
1838 in dem Vereine mehrerer junger Leute, der Socie- 
dade Philomatica, geweckt und zur Nacheiferung an- 
gespornt. Dort gewöhnte er sich auch, öffentlich zu 
sprechen und legte schon damals den Grund zu jener 
Fertigkeit, durch die er nun zu einem der berühmtesten 
öffentlichen Redner seines Vaterlandes geworden ist. Ja 
damals fing er erst mit Ernst zu studieren an und ver- 
öffentlichte in dem Journal dieser Gesellschaft, dem 
„Cosmorama Litterario", seine ersten schriftstellerischen 
Versuche, worunter schon der Anfang eines historischen 
Romans, die „Einnahme von Ceuta".*) Im Jahre 1839 
bezog er die Universität von Coimbra, wo er sich fast zwei 
Jahre aufhielt; aber weder an der Art, wie man dort das 
Studium betrieb, noch an der akademischen Disciplin 



1) „A tomada de Genta" erschien zuer&t im Jahrgang 1840 des 
„Cosmorama Litterario, jornal da Sociedade Escholastico-Philomatica" ; 
von neuem im Jahre 1856 in dem Feuilleton des Journals: „A PÄtria", 
und auch' besonders abgedruckt unter dem Titel: „Contos do serfto. 
NovellBs afrioanas. Epocha 1* A Tavola redonda* A Tomada de Ceuta'^ 
Aber auch hier erschienen nur die Einleitung und die ersten fünf Ca- 
pitel davon, da das Journal einging, und bis jetzt hat der Verfasser 
dieses Werk unvollendet gelassen. Der Verf. sagt ja selbst — bei 
Gelegenheit einer Besprechung von Lope de Mendon^a^s Werken in 
der „Revista peninsular <' (Lisboa 1855. 8. Tomol, p. 24) — von die- 
sem und ähnlichen Werken der Jugend , die mit der ihr eigenen Keck- 
heit unternommen und mit anspruchsvollen Hoffnungen veröffentlicht 
werden: „Temos d*essas culpas, tambem, e näo hesitamos em as con- 
fessar. Ha dois romances infantis, absurdos, e depioraveis, a Tonia 
de Genta e Gon^alo Hermiguezy que nos accusam do seio do esqueci- 
mento em que jazem, gra^as a Dens; e que, entretanto, fizeram bater 
com alvoroQo o cora^äo do anctor, a primeira vez que sairam a lume, 
enfeitados de typos novos nas columnas de um semanario. *' 



Zar Gesch. der portug. Nfttionaüiteratur in der neuesten Zeit. 309 

Gesehmack finden konnte; auch zwang Um eine schwere 
Erkrankung, die ihn dem Grabe nahe brachte, im Jahre 
1841 schon wieder nach Lissabon zurückzukehren und 
«ich jeder geistigen Anstrengung zu enthalten. Nach sei^ 
ner Herstellung trat er wieder mit einem historisch^i 
Komane auf: „Verführung aus Blutrache^ (Raüsso por 
homisio), den er in der „Rerista universal ^^ (von 1842 
und 1843) veroffenüiebte. £r w«r nämlich von seinem 
Freunde Hercalano ermuntert worden, auf dieser Bahn 
fortzuschreiten, imd bewies in der That durch jenen Ro- 
man seinen Fortschritt. Auch widmete er sich von nun 
an mit Entschiedenheit dieser Dichtungsgattung', zu der 
Neigung und Beruf ihn hinzogen, wofür er nun die ernste 
haftesten Studien machte, und durch die steigenden Er- 
folge seiner Werke belohnt wurde. ^) 

Im Jahre 1845 wurde er als Official in der Secre* 
taria do Conselho d^Estado angestellt und im Jahre 1849 
zum Secretar befordert. Ganz neuerlich ist er zum Pro- 
fessor der vaterländischen und Universalgeschichte an dem 
durch Decret vom 3. October 1858 errichteten „Curso 
superior de Letras^^ ernannt worden. Seit 1854 ist er 
Mitglied der k. Akademie der Wissenschaften von Lissa- 
bon und seit 1848 ist er wiederholt zum Deputierten bei 
^en Cörtes erwählt worden, wo ihm Gelegenheit ward, 
sein glänzendes Rednertalent zu bewahren. Auch wurde 
ihm durch einige Zeit die Redaction des „Diario do Go* 
vemo^^ und des „Boletim do Ministerio das obras pu- 
blicas^^ anvertraut, und er hat aufserdem in mehreren 
Journalen eine Masse politischer Artikel veröffentlicht. 

^) Aufser den erwähnten hat Rebello da Silva noch folgende histo- 
rische Romane geschrieben: 

ffOdio velbo nfto can^a'S zuerst in dem Journal „Epocba^ (1848) 
und auch separat (Lisboa 1849. 2 Tom. 8.); dann überarbeitet in der 
Zeitschrift „Panorama" (1852). 

„A pena de taliäo"; begonnen im „Panorama" (1855). 

„Contos e iendas. Üma arentnra d'el-rei D. Pedro"; im „Archiv© 
nttiversal" (1860). 

Auch im Dramatischen hat er sich versucht, wie: 

„O Infante Sancto, drama em tres actos« (1859), und Ueber- 
Setzungen und Bearbeitungen von Dramen Shakespeare's (Othello), 
Victor Hugo's, Ponsard's u. s. w. 



1 



310 ' l^w-d. Wolf 

Von Beinen vielen, theils in Zeitsahriften, theils in 
selbständigen Werken veröffentlichten wissenschaftlichen 
Arbeiten,) besonderjs im Fache der politischen nnd der 
Literaturgeschichte, wollen wir hier nnr einiger erwäh- 
nen, die zugleich als Beweis von den Vorstudien gelten 
können, die er fikr seine historischen Romane, und na- 
mentlich für den hier zu besprechend«! gemacht hat; wie 
die „Historia de Portugal nos seculos XVII e XVIII" 
(davon erschien 1861 der erste Band); — sein Aufsatz 
über Diogo de Mendon^a Corte-real, den Secretar der 
Gnaden unter D. Pedro IL. und Minister des Auswärtigen 
unter Johann V., einen der hervorragendsten Staatsmänner^ 
welche Portugal damals besafe, und der auch in unserem 
Romane eine grofse Rolle spielt (im Panorama, Tomo XII 
unter dem Titel: „Estadistas portuguezes"); — über die 
„Arcadia Portugueza", eine Reihe von Artikeln in den 
von der konigl. Akademie zu Lissabon herausgegebenen 
„Annaes das Sciencias e Letras" (Tomo 1) und „Poetas 
da' Arcadia" (im Panorama, Tomo IX e XII); — und 
die ihm von der k. Akademie übertragene Fortsetzung 
des vom Visconde de Santarem begonnenen hochwichti- 
gen Werkes: „Quadro elementar das rela9066 politicas e 
diplomaticas de Portugal etc." (vom XVI. Bde. an). *) 

Das Werk, welches wohl am meisten zur Verbrei- 
tung des Rufes Rebello da Silva's beigetragen hat, ist 
der vorliegende Roman. Um ihn nicht nur gerecht, son- 
dern auch billig zu beurtheilen, muft man vor allen den 
Verfasser selbst hören, wie er sich über die Absicht, in 
der er ihn unternommen, und über die Ausfuhrung aus- 
spricht. 

So sagt er in dem Vorworte: „Die Idee, die mir 
vorschwebte, als ich es unternahm, in meinen MuTse- 
stunden die Scenen dieses unvollkommenen Gemäldes zu 
entwerfen, war: in einer Art von Trilogie mit lebendi- 
gen Farben die wesentlich dramatische Epoche zu schil- 
dern, die Johannas V. Namen an der Spitze tragt, eines 

') S. die biographischen Notizen und das vollständige VerzeichniTs 
der Werke Rebello da Silva's in /. Fr. da 8iiva*s Diccionario biblio- 
graphico portuguez, Tomo V, p. 228 — 32. 



Zur Gesch. der portag. NationalUteratur in der neuesten Zeit. 311 

Königs, der trotz seines Absolutismiis so populär gewor- 
den ist. Die Vorzüge und Schwächen dieses Monarchen, 
seine Prachtliebe, seine Gbrolsmuth und die Passionen, die 
ihm zugeschrieben werden, bezeichnen ihn als jen^i nn- 
ter unseren Konigen aus der modernen Zeit, dessen sich 
das Volk mit dem meisten Interesse erinnert* Stolz, wie 
Ludwig XIV., und ein Freund von Abenteuern, wie der 
Chalife von Bagdad, ging Johann V. aus allen Begeg* 
nissen als vollkommener Cavalier und grofsherziger Sou- 
verain hervor. 

„Dessen Jugendzeit^ die ich nun veröffentliche, ist 
kaum mehr als der Prolog dieses ganzen Dramas. Die 
beiden andern Abtheilungen, viel umfänglicher (mais ex- 
tensas) und vielleicht viel lebendiger in der Action und 
Färbung, sollen dieser Exposition — im Fall sie Beifall 
findet — folgen und das Gemälde vervollständigen, das 
nun damit beginnt, den Konig zu schildern in der Per- 
spective seiner ersten Jugend, und mit einem noch [wenig 
ausgebildeten Charakter, wie man ihn eben seinem jugend- 
lichen Alter gemäls ihm geben mufs (come^udo pelo rei, 
que na moddade apparece de longe, e com o .caracter 
pouco assenie, que a verdura dos annos ainda exigia que 
se Ihe desse). 

„Was dem berühmten schottischen Romandichter ge- 
lungen ist aus seinen Helden zu machen, war der Ver- 
fasser bestrebt, ihm einigermafsen nachzuthun (imitar de 
longe) in Bezug auf die Figuren dieses Versuchs. Sein 
Wunsch war, ihnen solches Leben einzuhauchen, dafs sie, 
Portugiesen in ihren Zügen, in ihren Ideen, in ihrer Le- 
bensart, bei dem Publikum leicht Eingang finden und von 
ihm aufgenommen würden mit der Intimität wie Freunde, 
wie alte Bekannte. ^^ 

Im Nachworte (Nota geral) endlich sagt der Verf., 
dafs er seine Schilderungen und die historischen Charak- 
tere den Quellen gemäfs gezeichnet habe, von denen er, 
um die Leser nicht zu ermüden, nur ein paar Stellen 
anfuhrt, wie z. B. zur Eechtferdgung seiner Zeichnung 
des Chai-akters von Diogo de Mendon^a Corte Real, und 
sucht mehrere Mängel des Werkes, die ihm nach dessen 



1 



312 Ferd. Wolf 

VoUendung selbst aufgefaUen sind und die er in einer 
neuen Auflage verbessern wolle, dadurch zu entschuldi- 
gen, dais er den Roman Kapitelweise für ein Journal 
verfafflt habe. *) 

Beurtheilt man demgemafs den Roman im ganzen, 
so wird man anerkennen müssen, dafs er von einem mit 
der geschilderten Zeit sehr vertrauten Verfasser herrühre, 
der es verstanden hat, seinen Personen eigenthümliches 
Leben einzuhaachen und sowohl durch Charaktere als 
Situationen Interesse und Spannung zu erregen, auch in 
Sprache und Stil sich als Meister der Beredtsamkeit zu 
beweisen; man wird es begreiflich finden, dafs in diesem 
Romane, als Theil einer Trilogie, der eigentliche Held, 
Johann V., nur in schwachen Umrissen und mehr im 
Hintergrunde erscheint; man wird endlich manche Flüch- 
tigkeiten, manche üebertreibungen, Caricaturen und Aus- 
wüchse, namentlich in den komischen Partien, durch die 
Abfassungsweise des Romans entschuldigen, und die ein- 
gestandene Nachahmung von W. Scotts Manier, nament- 
lich in den seine noch an Ausführlichkeit überbietenden 
Detailschilderungen, um so mehr dem Verfasser zu gute 
halten, als eor eine grofse Virtuosität hierin zeigt und 
durch seine sonstige Originalität hierfür entschädiget. 
Kurz man wird den ungewöhnlichen Erfolg dieses Ro- 
mans gerechtfertigt, und ihn, trotz aller Mängel und 
Schwächen im einzelnen, als das Werk eines begabten 
Dichters und gelehrten Geschichtskenners allgemeiner 
Beachtung werth finden. 

Die Fabel des Romans ist sehr einfach und gründet 
sich auf eine, auch sonst schon poetisch bearbeitete Volks- 
sage*), nacA welcher Johann V. mit einer Novize oder 

1) Er erschien zuerst in der „Revista universal Lisbonense"; aber 
noch, so viel wir wissen, in keiner neuen Separatausgabe, wiewohl 
die erste langst vergriffen ist, wie /. Fr, da Silva^ I. c. p. 230, bemerkt 
(Acha-se ha annos exhausta). Derselbe führt ebenda an, dafs man aus 
diesem Romane und unter demselben Titel ein „Comedia-drama'' 
in fünf Acten gemacht habe, das im Jahre 1857 zu Lissabon in der 
Druckerei des „Panorama'* erschienen ist. 

*) z. B. Ton Palmeirim in den schwankartig gehaltenen Romanzen : 
„Ca^da Reai<» (Poesias, p. 211 — 216). 



Zur Gesch. der portug. Nationalliteratur in der neuesten Zeit. 313 

Kostgängerin des Nonnenklosters von Santa Clara zu 
Odivellas ein Liebesverhältnifs unterhalten haben soll. 
Dnser Verfasser fafst dieses Verhältniis aber auf als eine 
ideale Leidenschaft, als die erste, sehr ernst gemeinte 
Liebe des Kronprinzen Johann in seinen firubesten Jüng- 
lingsjahren (mocidade) zu einem in jenem Kloster erzoge- 
nen (educanda) adelichen Fräulein, Cecilia da Gama, 
der er nicht nur sein Herz, sondern auch seine Hand 
anbietet, die, so lange sie seinen Stand nicht gekannt, 
seine Liebe leidenschaftlich erwiedert; als sie aber die 
Wahrheit erfährt, und nachdem Johann seinem Vater in 
der Regierung gefolgt ist, grofsherzig genug ist, ihm zu 
entsagen und ihn zu vermögen, seine Liebe der Staats- 
raison zmn Opfer zu bringen. Unter den zur Ver- und 
Entwickelung dieser Haupthandlung beitragenden Perso- 
nen spielt die bedeutendste Rolle der Jesuit Ventura, ja 
man kann ihn als den eigentlichen Helden dieses Romans 
ansehen, in dem Johann noch mehr als eine Nebenfigur 
erscheint. Auch diesen Jesuiten und den Orden über- 
haupt hat der Verfasser von einem idealen Standpulikt 
aufgefafst; es ist kein Jesuit nach der gewöhnlichen 
Schablone, kein niederträchtiger Heuchler und herzloser 
Intrigant, sondern ein Mann, der in seinem Orden nicht 
nur ein weltbeb errschendes, sondern auch ein weltbe- 
glückendes Institut sieht'), das zu erhalten und zu heben 
er sich zur Aufgabe seines Lebens gemacht hat und wo- 
für er dieses zum Opfer zu bringen nicht scheut; mit 
dieser Gxofsartigkeit der Auffassung seines Berufes ver- 
bindet er die eminentesten Eigenschaften des Geistes und 



1) Es wird für gewisse Kritiker gut sein zu bemerken, dafs dies 
nicht die subjective Ansiebt des Verfassers ist, sondern nur die des 
von ihm geschaffenen Charakters, der gewifs poetische Berechtigung 
hat; denn Ventura sieht in seinem Orden die vollendetste Theokratie, 
die durch geistige XJeberlegenheit und Energie, durch geschickte Be- 
nutzung der menschlichen Leidenschaften und Schwächen , durch Heran- 
bildung der Jugend zu ihren Zwecken die Geschicke der Welt leitet zu 
dem einen grofsen, ihr allein heilbringenden Ziele: die gläubige Unter- 
werfung unter die Herrschaft einer ^einzigen , wahrhaft katholischen 
Kirche, die Anerkennung und Verbreitung ihrer Dogmen über den 
Erdkreis. 

^ahrb. f. rom. u. engl. Lit. V. 3. Ol 



1 



314 Ferd. Wolf 

Herzens, die Feinheit des Benehmens und die vollendete 
MenschenkenntniTs eines Weltmannes mit Billigkeit, Milde 
und Mitgemhl in der BeurtheUung und Behandlung auch 
jener, deren Laster und Schwächen er allerdings in maio- 
rem Dei gloriam auszubeuten und sie, wie alles, wie sein 
eigene» Leben und Heil, als Mittel zur Forderung des 
einen grofsen Zweckes zu gebrauchen nicht verschmäht. 
So begünstigt er die Leidenschaft des Jünglings Johann, 
lun den bald zu erwartenden Thronfolger Pedro's ü. eben- 
so fest an den Orden zu fesseln, wie seinen Vater; und 
doch ist er voll Mitgefühl für CecUia, das Opfer dieser 
Leidenschaft, stärkt und unterstützt sie in ihrem grofs- 
heorzigen Entschlüsse, weder die Hand des Geliebten an- 
zimehmen und ihn an einer standesgemäfsen Vermählung 
zu hindern, noch die Maitresse des Königs zu werden. 
So bewährt er seine Superiorität selbst einem so schlauen 
Diplomaten gegenüber, wie Diogo de Mendon^a, und 
weifs ihn 7 indem er sich durch allerdings nicht sehr lau- 
tere Mittel zum Herrn eines Geheimnisses macht, wovon 
dessen Stellung und Leben abhängen, ganz in seine Hand 
zu bekommen; aber nachdem er ihn aus einem Feinde 
zu einem VerbMudeten des Ordens gemacht hat, bahnt er 
ihin selbst den Weg, Minister des Auswärtigen unter dem 
neuen Konige zu werden. Die Scene zwischen Ventura 
und Mendon^a, worin der Jesuit den Diplomaten über- 
zeugt, dafs ihm nichts übrig bleibe, als sich dem Orden 
in die Arme zu werfen, ist meisterhaft geschildert. So 
hat der Verfasser, der in der Darstellung der gewählten 
Epoche es kaum umgehen konnte, Repräsentanten des 
damals in Portugal eine grofse Rolle spielenden Jesuiten- 
ordens einzuführen, es verstanden, für den Charakter des 
Padre Ventura, der sich am Schlüsse als den Jesuiten- 
general Miguel Angelo Tamburini zu erkennen giebt, nicht 
nur ein steigendes Interesse, sondern auch jene Sympa- 
thie zu erwecken, die man für jeden fühlt, der als un- 
eigennütziger Vorkämpfer fiir eine grofsartige Idee auf- 
tritt; ja er hat, unseres Erachtens, gerade darin seine 
Superiorität über die der Tagesströmung folgenden Ko- 
manschreiber bewiesen. 



Zur Gesch. der portug. Nationalliteratur in der neuesten Zeit. 315 

Wenn der Verf. diesen Charakter mehr als Dichter 
aufgefafst und geschildert hat, so hat er in der Zeichnung 
des Diogo de Mendon^a und des Königs D. Pedro IL 
sich als gründlich unterrichteter und wahrheitsgetreuer 
Historiker bewährt. 

Wir wollen zum Beweise dessen und zugleich um 
eine Probe von dem Komane zu geben, eine Scene hier 
mittheilen, die nicht nur einige merkwürdige Züge zur 
Charakteristik jener beiden Personen enthält, sondern 
auch ein drastisches Bild giebt von der Wirthschaft an 
D. Pedro's Hofe. 

„S. Majestät (D. Pedro IL) befand sich da ganz allein. 
Es wurde dunkel, und nachdem er befohlen hatte, Licht zu 
bringen, und einige male ungeduldige Blicke nach der Ein- 
gangsthüre geworfen hatte, öffnete er ein in Pergament ge- 
bundenes Buch, in welchem sich die Rechnungen des Hof- 
haushaltes eingetragen befanden. Er begann die Zahlenreihen 
zu prüfen, welche die Blätter anfüllten. In diesen arithmeti- 
schen Uebungen fand ihn noch der endlich eintretende Vor- 
steher des Hofhanshaltes (vedor da casa real). 

D. Pedro blickte den alten Edelmann streng an und 
reichte ihm mit Kalte die Hand zum Kuss, indem er den 
Kopf schüttelte und die Stirn runzelte. Die Rechnungen, die 
er vor sich hatte, machten dabei die Wirkung eines kausti- 
schen Mittels; sie steigerten seine Erbitterung. 

«Da ist's kein Wunder, dafs kein Geld vorrathig ist», 
rief der Konig, indem er mit geballter Faust auf das Buch 
schlug. «Fernäo de Sousa, man macht aus meinem Hause 
einen Fichtenwald (um pinhal), alle berauben mich, und du 
lassest sie rauben.» 

«Eure Majestät geruhen zu wissen')... 

«Tch weifs, sage ich dir, ich weife I Es schreit zum Him- 
mel! Man macht mir eine Rechnung, weifst du, wie hoch? 
Sechs Contos und achthundert mil-reis ^) in diesem Jahr. 
Aber wofür, gerechter Gott, wofür? Für die Speisekammer 
(ucharia) der Konigin, die es Gott gefallen hat zu sich zu 
rufen. So kostet mich die in Gott Selige nach ihrem Tode 

1) Ein Conto de reis ist ungefähr 1200 Thlr., and mil-reis =1 Thlr. 
ISy^ Silbergroschen. 

21* 



1 



316 ^'«i^<i. Wolf 

ebenso viel, oder noch mehr, als wahrend ihres theuren Le- 
bens .. . Fernäo de Sousa, wie lange ist es her, dafs die 
Königin, meine Herrin, starb?» 

«Am jfingstverfiossenen 4. August waren es sieben Jahre», 
antwortete ruhig der Haushofmeister. 

aFür wen ist dann die Speisekammer? Wer verzehrt 
mir dann so viele Gontos de reis, wer bringt mich um dies 
enorme Geld?» 

«Niemand, mein Gebieter.» 

«Niemand?» rief der Monarch, erstaunt über diese ab- 
surde Antwort; «Niemand, sagst du?» 

«Geruhen £w. Majestät^ sich zu informieren.» 

«Wird das Geflügel getödtet?» 

«Ja, gnadigster Herr.» 

«Schafft man die Lebensmittel an?» 

«Sie werden angeschafft, gnädigster Herr.» 

«Kurz, giebt man das Geld aus^ nahe an sieben Contos 
de reis?» 

«Ja, gnädigster Herr.» 

«Da seht mir 'mal den Dieb! Wer ist's, der mir so viel 
Geflügel, so viel Süfsigkeiten verschlingt?» 

«Den Dieb?» . . . stotterte erschrocken der Oberoffizier des 
k. Hauses (official mor da casa). «Der Dieb ist niemand an- 
ders, als die königliche Munificenz Ew. Majestät.» 

«Meine Munificenz?» schrie der Konig, indem er die 
Hände gen Himmel erhob, voll Ueberraschung. — «Du er- 
kühnst dich zu sagen , dafs ich der Dieb in meinem Hause bin. » 

«Ew. Majestät bestehlen sich nicht, Sie gestatten nur die 
Ausgaben. » 

«Ich gestatte die Ausgaben!» wiederholte der Fürst, und 
liefs die Hände wie gelähmt sinken. 

«Es ist die Wahrheit, gnädigster Herr. Jeden Tag ar- 
beitet man in den Küchen und werden die Tafeln gedeckt.» 

«Wie zu Lebzeiten Ihrer Majestät der Konigin?» fiel 
D. Pedro ironisch ein. 

«Genau so; und jeden Tag zur herkömmlichen Stunde 
tragen der Vorschneider und der Mundschenk die Gerichte 
auf und befehlen . . . .» 

«Dafs man sie dahin schleppe, wo sie sie gerne haben 
wollen?» sehne der Monarch. «Das erwartete ich.» 

«Um Verzeihung, Ew. Majestät, sie befehlen, dafs man 



Zur Gesch. der portug* Nationalliteratur in der neuesten Zeit. 317 

sie verzehre», erwiederte der Haushofmeister mit einer subli- 
men G^eberde. 

D. Pedro II. hielt sich den Kopf mit beiden Händen, 
ohne ein Wort zu sagen. 

aDas ist die Sitte des königlichen Hauses», fuhr der 
Oberoffizier ganz heiter fort. aSo lange der Konig nicht das 
Gegentheil befiehlt, geht alles seinen gewohnten Gang fort, 
die Besoldungen, die Kost und die übrigen Ausgaben.» 

Der Haushofmeister sprach mit der Seelengrolse eines 
Dieners, der Gott furchtet und sich seiner Pflichten bewufst 
ist Der Monarch zweifelte, ob er einen Schurken vor sich 
habe, oder blofs einen Idioten« 

«Und die Kostgelder?» frug der Souverain mit verstell- 
tem Lächeln. 

a Werden gegeben.» 

aUnd die Damen?» 

«Empfangen alle.» 

«Ohne Dienste zu leisten! Und die Diener des Hauses 
der Konigin?» 

«Empfangen alle.» 

«Sie thun in der That sehr wohl daran! Ist noch keiner 
gestorben ? » 

«Es starben drei. Ihr Lohn wurde zu Seelenmessen für 
sie verwendet.» 

«Und ich bezahle das Wachs für diese elenden Verstor- 
benen?» 

«Ew. Majestät bezahlen.» 

«Nun will ich aber auch den Grund davon erfahren. 
Herr Haushofmeister, wissen Sie, dais dies keinem wohlfeil 
soll zu stehen kommen, da es nur so theuer kommt.» 

«Der Gtrund ist: dafs kein Befehl vom Konig gekommen 
ist, den Haushalt der Konigin aufzulassen.» 

«Aber starb, oder starb Ihre Majestät nicht vor sieben 
Jahren?» 

«Wenigstens nicht für Ihren Haushalt. Dort ist nichts 
kundgegeben worden.» 

«Wo bist du unterrichtet worden, Fernäo de Sousa?» 
rief der Konig wüthend. 

«In dem CoUegium von Santo Antäo, geruhen Ew. Ma- 
jestät zu vernehmen», erwiederte der Haushofmeister in aller 
Unschuld. 



1 



318 Ferd. Wolf 

«Da haben sie dich was Sauberes gel ehrt I» 

«Den König zu ehren und zu lieben, über alles andere, 
nächst Gott.» 

«Woraus deine Weisheit folgerte, dafe du mich zu Grunde 
richten mufst?») 

«Gnädigster Herr, der üeberfluls des Königs ist die 
Freude des Armen.» 

«Eine grofse Maxime I Und dann?» — 

«Und dann, da diese sechs Contos und achthundert mil- 
reis zweihundert Familien ernähren, so folgerte ich, dafs Ew. 
Majestät vorsätzlich die Augen schlössen.» 

«Habe ich dich zum Haushofmeister oder zum Almosenier 
ernannt, Fernäo de Sousa?» 

«Zum Haushofmeister, geruhen Ew. Majestät zu wissen.» 

«Nun wohl, von heute an wirst du eingedenk sein, daik 
ich nicht die Augen schliefse, sondern sie öffne. Ich will, 
dafs durch diese königlichen Küchen ein Strich gemacht werde, 
und ein noch größerer, wo möglich, durch diese Tafeln und 
Kredenzen . . . Hast du mich verstanden?» 

Fernäo de Sousa rifs die Augen verwundert auf- und 
machte eine ganz verblüffte Miene. Man sah ihm an, dafs es 
ihm ungeheuerlich und unerhört schien, dafs der Souverain 
wegen sieben Contos de reis solchen Lärm schlage und so 
strenge Befehle gebe. 

D. Pedro war seinerseits in Zweifel, ob er lachen, oder 
sich erzürnen solle. Die lange und hagere Figur seines Haus- 
hofmeisters, in voller Selbstbefriedigung sich aufrichtend, die 
sinnloseste Verschwendung mit dem Aplomb eines Menschen 
vertheidigend , der sich bewufst ist, seiner Pflicht auf das ge- 
wissenhafteste nachgekommen zu sein, war ein so originelles, so 
ausgesuchtes und unverhofftes Schaustück, dafs der Monarch sich 
nicht mehr halten konnte, und sich in seinen Armstuhl zurück- 
lehnend, in schallenden Ausbrüchen lauten Gelächters sich Luft 
machte. Dieser Anfall von Heiterkeit liefs auf dem Gesichte 
des Oberoffiziers des k. Hauses nicht den mindesten Eindruck 
wahrnehmen, es blieb ganz unverändert. Fernäo de Sousa ver- 
harrte steif in seiner starren Gravität, unfähig zu gestatten, dafs 
eine einzige Muskel seiner Physionomie sich verziehe und dadurch 
die feierliche und strenge Gewichtigkeit der Etikette verletzt werde. 

«Warum werden diese Rechnungen erst nach- Ablauf von 
sieben Jahren mir vorgelegt?» frug der König. 



Zar Gesch. der portag. Nationalliteratur in der neuesten Zeit. 319 

«Das geschieht jedes Jahr; aber Ew. Majestät geruhten 
nur heute, sie Ihrer Prüfung zu würdigen.» 

« Ah I Und meine Gatheifsung ? » 

«Es wird angenommen, dafs Ew. Majestät sie giebt, wenn 
keine Censur erfolgt.» 

«Gat, aber ich bin von ihrer Vorlage nicht unterrichtet 
worden. » 

«Der König weifs alles.» 

aAlso der Eonig mnfs selbst errathen , Fernao de Sousa?» 

«Nein, gnadigster Herr. Aber es ist Sitte, Ew. Majestät 
von nichts eher zu sprechen, bevor Sie nicht geruht haben, 
darnach zu fragen.» 

«Genug davon I Was tragen die Zehentabgaben und die 
königlichen Gefalle von Cintra ein?» 

«Einen Conto ^ vierhundert mil-reis.» 

«Und die Fischerei und die Gebühren von Aveiro?» 

«Siebenhundert und fünfzehn mil-reis, in den letzten sie- 
ben Monaten.» 

«Nun, ihre Verwendung! .. . Was ist damit geschehen?» 

«Sie sind als Almosen an die armen Kloster vertheilt 
worden. » 

«Bewunderungswürdig! . . . Und dann?» rief der Fürst 
ärgerlich. 

«Dann, nichts weiter. Es waren die Befehle Ew. Maje- 
stät», erwiederte d«r Haushofmeister, schon ein wenig einge* 
schüchtert. 

«Ich gab nie solche Befehle I» 

«Es gab sie Ihre Majestät die Konigin, schmerzlichen 
Andenkens, und das ist dasselbe, wie der Konig weifs. Es 
waren Einkünfte ihres Hauses.» 

«Famos! In allen Angelegenheiten des Hofhaushaltes hast 
du vor allem meinen Secretär der Gnaden Diogo de Mendon9a 
zu boren und dich mit ihm ins Einvernehmen zu setzen. Ich 
werde ihm die Befehle zukommen lassen. Fernäo de Sousa, 
ich finde dich über alle Mausen freigebig; ich aber will mich 
nicht um der Etikette willen zu Grunde richten . . . Hast du 
verstanden?» 

«Ew. Majestät wollen erlauben?» 

« Sprich ! » 

«Darf ich wissen, ob ich mir die kSnigliche Ungnade 
zuzog?» 



1 



320 ^erd. Wolf 

«Warum?» 

«Um mich auf meine Güter zurückzuziehen.» 

«Nein! Aber ich will wissen , was mit dem geschieht, was 
mein ist, und du weiijst weder von Deinem, noch von Frem- 
dem Bescheid ; darum wird mein Secretär der Gnaden dir hel- 
fen .... Ah I Diogo de Mendon9a, weifst du eine Neuigkeit ? 
Ihre Majestät die Konigin starb nicht! Frag nur den Haus- 
hofmeister Fernäo de Sousa. » 

Diogo de Mendon9a war in diesem Augenblick eingetre- 
ten, und als er den Konig horte diese verfängliche Frage 
stellen, lächelte er mit der dem Könige zugekehrten HälfLe 
seines Gesichts, während er der anderen, dem alten Edel- 
manne sichtbaren einen betrübten Ausdruck gab. Um nicht 
gleich antworten zu müssen, näherte sich der schlaue Minister 
langsam dem Konige, vor dem er niederkniete und ihm die 
Hand küfste. 

«Befehlen Ew. Majestät, dafs ich mich zurückziehe?» firug 
der Haushofmeister, ganz roth werdend. 

«Nein, bleibet... Diogo de Mendon9a, wie ich dir sagte, 
Ihre Majestät die Konigin starb nicht.» 

«So sehr ich es auch wünschte, kann ich nicht das Glück 
haben ^ Ew. Majestät zu verstehen», entgegnete der Secretär, 
um sich aus der Schlinge zu ziehen. 

«Es ist die volle Wahrheit. So eben habe ich sieben 
Contos de reis für ihre Speisekammer in diesem Jahre bezahlt, 
laut den Rechnungen meines Haushofmeisters.» 

«Die Munificenz Ew. Majestät ist nnbegränzt. Was sind 
auch sieben Contos de reis? Ist nicht der König der Vater 
seiner Vasallen!» 

Der Haushofmeister athmete auf. Der Minister nahm seine 
Partei. D. Pedro lächelte. 

«Mir scheint, du bist der Ansicht meines Haushofmeisters; 
du lassest den Todten die Tafel bestellen, um die Lebenden 
fett zu machen.» 

«Ich, gnädigster Herr?! ich dachte, Ew. Majestät sprä- 
chen im Scherz. Es giebt also jemand, der Ew. Majestät be- 
stiehlt und noch nicht gezüchtiget wäre?» 

«Diogo de Mendon9a, niemand bestiehlt mich. Wisse, der 
Dieb bin ich. » 

«Nun verstehe ich erst vollends nicht; verzeihen Ew. Ma- 
jestät! Denn der König, der die Weisheit selbst ist . . . 



Zar Gesch. der portug. Nationalliteratur in der neuesten Zeit. 321 

«Ich will mich erklaren. Es wurde kein Befehl gegeben, 
den Haashalt der Königin, die in Gott ruht, aufzulassen, und 
Femäo de Sousa, mein Haushofmeister, entschied, daCs man 
in der Bestreitung desselben fortfahre, wie zu Lebzeiten Ihrer 
Majestät.» 

«Bei Gottt er entschied gut, verzeihen Ew. Majestät.» 

«Er entschied gut?» 

aGewifs. Der Gehorsam ist lobenswerth. Der Haushof- 
meister hatte keine Ordre ...» 

«Aber wer ist dann der Schuldige, denn es trägt doch 
ohne Zweifel jemand die Schuld?» 

«Wer die Ordre ihm nicht zukommen liefs; aber die 
Gnade Ew. Majestät wird ihm zu gute kommen.» 

«In Anbetracht dessen schuldet Roque Monteiro meinem 
Hause sieben Contos de reis für jedes Jahr?» . . . 

«Habe ich denn gesagt, dafs es Roque Monteiro war? 
Verzeihung, Ew. Majestät, das sagte ich nicht.» 

«Was in sieben Jahren macht?» fuhr der Konig fort, in- 
dem er sich anstellte, als habe er nicht gebort. 

«Neunundvierzig Contos genau», schlofs der Haushofmei- 
ster mit seiner unfehlbaren Sicherheit im Rechnen und dem 
fragenden Blicke des Königs gehorchend. 

Diogo de Mendon9a stellte sich wie niedergeschmettert. 
Sein Angesicht wurde zur tragischen Maske, von der Gewalt 
des Schmerzes überwältigt. Sich dem Konige zu Füfsen wer- 
fend, mit kaum zurückzuhaltenden Thränen in den Augen und 
mit einer meisterhaft erkünstelten Heiserkeit der Stimme rief 
der Secretär der Gnaden: 

«Ew. Majestät ist gnädig! Es war eine Fahrlässigkeit 
seinerseits, aber wer ist vollkommen, wer weifs sich davon 
frei? Er ist mein Feind, ich weifs es wohl; aber das thut 
nichts, er ist ein guter Minister. Sie sagen ihm Schlechtes 
nach? Aber auch mirl Gott weifs es. Schenken Ew. Maje- 
stät ihnen keinen Glauben. Sie wollen überreden, dals er 
sich mit den Lieferanten des königlichen Hauses einverstanden 
habe und von den Fremden Aufgeld empfange? . . . Bei Gottl 
ich lege die Hände ins Feuer ... es ist Verleumdung.» 

«Ahl» rief der Konig, der zum ersten male diese An- 
schuldigungen vernahm. 

«Schenken Ew. Majestät ihnen kein Gehör», fuhr der 
eifrige Vertheidiger fort; «ich weifs nicht, warum er mir übel 



1 



322 Ferd. Wolf 

wiU; ich habe ihm nie Uebles gewünscht; aber was that dies 
zur Sache? Die Wahrheit mufs gesagt weiden. Roqne Mon- 
teiro ist ein Ehrenmann yoU Frömmigkeit. Und doch bringen 
sie ihm auf, er gehe nicht in die Messe ... die Albernen I» 

«Ein schlechter Katholik, hm?» — fiel D. Pedro mit 
Strenge ein. 

«Glauben Sie es nicht, gnädigster Herr. Er hält einen 
Capellan ... für die Familie, und hört oft Messe. Er ist kein 
Ketzer, er hat nichts davon an sich! Ah, wie häfslich ist 
der Neid! Beschuldigten sie nicht auch mich der Erpressung 
eines Crucifixes von Elfenbein, in Indien verfertigt, und sag- 
ten, dafs es vom Fufsgestell bis zur Strahlenkrone ganz mit 
kostbaren Edelsteinen bedeckt war? ... Mich ärmsten!» 

«Nun?» 

«D^s war nicht der Fall!... Und die Schlingel wufisten 
es. Bei aller Ehrfurcht vor dem heiligen Bilde, es war ein 
Stuck Elfenbein von ganz roher Arbeit und von Würmern an- 
genagt . . . Ich forschte nach , wer der Vater dieses Gerüch- 
tes sei .. .» 

«Und hast deinen bösen Geist (o teu Anito) entdeckt», 
frug der König lachend. 

«Ja, ich war so glücklich! Aber ohne ausdrücklichen 
Befehl kann ich nicht bekannt geben ...» 

«Ei doch!» 

«Ew. Majestät befehlen?» 

«Ja, ich befehle es.» 

«Es war Koque Monteiro, der Beklagenswerthe ! Aber 
nicht aus Bosheit . . . nur aus Scherz. » 

«Und du vertheidigst ihn noch!? ... Was erfolgte?» 

«Ich lud ihn zum Frühstück ein und dazu die drei Per- 
sonen, die es von ihm gehört hatten.» 

«Das mufs unterhaltend gewesen sein .. . Sprachst da ihm 
von dem heiligen Christus?» 

«Ich machte ihn Wunder davon sagen! Auch konnte er 
sich nicht anders helfen, die andern waren ja zugegen.» 

«Das war nicht übel. Was weiter ?)> 

«Ich verkaufte ihm denselben. Ich wollte nicht, dafs ein 
so kostbares Werk in anderen Händen bleibe.» 

«Und er kaufte ihn?» rief der Fürst unter vielem Lachen. 

«Was blieb ihm übrig! Er selbst bestimmte den Preis 
da£ür.» 



Zur Gesch. der portag. Nationalliteratur in der nenesten Zeit. 323 

«üngeschaut?» 

«Der Lober ist der beste Zahler. Er kostete ihm drei» 
hundert mil-reis. Und mit aller Achtimg vor dem heiligea 
(gegenstände, das Ding ist keine zehn werth; ich zweifle, daCs 
man mir diese gegeben hätte.» 

«Das hat dir trefflich gerathen, Diogo de Mendonga!j> 

«Ich erbitte mir aber die Gnade von Ew. Majestät, zu 
bemerken, dafs ich nichts zu seinem Nachtheil sagte.» 

«Im Gegentheill und dir gereicht's zur Ehre. Fernäo dfe 
Sousa, die Rechnungen des Hofhaushaltes werden von Diogo 
de Mendon9a erledigt werden. Du kannst dich entfernen.» 

D. Pedro 11. war ein echter Sprofsling des Hauses Bra- 
ganza, was den Geschmack betriift, sich um pikante Hof- 
anekdoten zu klammern, und machte sich familiär mit Perso- 
nen, die ihn in dieser Hinsicht befriedigen konnten. Die 
Geschichte von dem Crucifixe ergötzte ihn ungeheuer, und es 
machte ihm Spafs, witzige Gommentare dazu zu liefern. Zu- 
gleich setzte sich in seinem Kopfe die ungünstige Ansicht fest, 
welche der listige Höfling ihm in Beziehung auf die Redlich- 
keit seines Nebenbuhlers einzuflofsen wufste. Von diesem 
Augenblick an verlor Roque Monteiro, welchen der Secretar 
der Gnaden durch dessen Uebermafs von Gläubigkeit zu recht- 
fertigen suchte, allen Credit in der Meinung des Fürsten, und 
Diogo de Mendon^a, den eine ordinäre Verleumdung erniedrigt 
hätte, der sich aber zum officiosen Beschützer seines Feindes 
aufwarf, erschien in den Augen des Monarchen als eine grols- 
müthige Seele und ein Taubenherz. Der Haushofmeister, der 
ein Freund des Roque Monteiro war, verliefs voll Bewunde- 
rung für den Adel der Gesinnung Diogo de Mendon9a^s und 
ganz gerührt das königliche Gemach, und wurde des letzte- 
ren Lobredner." 



Weniger gelungen scheint uns die Zeichnung des 
Charakters Johann's V.; denn wenn er auch hier nur 
noch als leidenschaftlich verliebter Jiingling erscheint, 
veenn es auch dem Dichter erlaubt war, diese Liebe ganz 
ideal aufzufassen, so stellt er diesen Konig, der in guten 
wie in schlimmen Eigenschaften eine Miniaturcopie Lud- 
wig*8 XIV. ward, den er sich in der That zum Vorbild 
wählte, doch gar zu sentimental dar und läfst ihn, wie 



324 Ferd. Wolf 

einen zweiten Amadis, sprechen und handeln. Mit der- 
selben, für jene Zeit wenig mehr passenden, verliebten 
Ueberschwänglichkeit und sentimentalen Ritterlichkeit ist 
auch der Capitän Jeronymo Guerreiro, der Bräutigam 
von Cecilia's Schwester, gezeichnet, durch dessen blinde 
Eifersucht die Katastrophe herbeigeführt wird. 

Die drei weiblichen Hauptcharaktere, Cecilia, deren 
Schwester Thereza und deren Freundin Catharina <Je 
Athayde, sind ebenfalls sehr ideal gehalten. Auch finden 
wir den Charakter Cecilia's nicht ganz glücklich angelegt, 
oder wenigstens nicht consequent durchgeführt; denn sie 
tritt anfangs als ein naives, mit kindlicher Unbefangenheit 
der Leidenschaft sich hingebendes, dabei heiteres, ja 
muthwilliges Mädchen auf, und sie ist es, die am Ende, 
als sie erfährt, dafs ihr Geliebter der Kong ist, mit der 
Resignation und der Standhaftigkeit einer Heroine den 
drängendsten Bitten des sie knieend beschworenden Königs 
widersteht, mit ihm den Thron zu theilen, ihn, der wie 
Amadis um die Oriane, um sie wirbt, mit den Gründen 
eines Staatsmannes überredet, ihr zu entsagen und sich 
standesgemäfs zum Wohle seines Volkes zu vermählen, 
sie aber im Kloster seinem Andenken leben, oder viel- 
mehr am gebrochenen Herzen sterben zu lassen. 

Besser und consequenter angelegt und durchgeführt 
ist der Charakter ihrer Schwester Thereza, die ihren Ju- 
gendgespielen und Bräutigam Jeronymo beinahe unglück- 
lich macht, weil sie glaubt, er entspreche nicht ganz ih- 
rem Ideale, weil sie dieses in dem Grafen von Aveiras, 
dem Bräutigam Catharina's, verwirklicht zu sehen wähnt: 
gut geschildert ist der Kampf des Hochmuths mit der 
Liebe, der Sieg der letzteren durch Ernüchterung und 
Mitleid in diesem stolzen weiblichen Herzen. Catharina 
aber ist die personificierte Verständigkeit, Ellarheit und 
Ruhe, die sicheren Schrittes ihrem Ziele entgegengeht 
und den beiden auf dem sturmbewegten Meere der Lei- 
denschaft sich umhertreibenden Freundinnen wie ein lei- 
tender Stern erscheint. 

Auch unter den vielen Nebenfiguren sind manche 
trefflich gezeichnet, und wenn man auch die komischen 



Zur Gresch. der portug. Nationalliteratur in der neuesten Zeit. 325 

Partien und Charaktere als zu burlesk gehalten und oft 
zu sehr an Carikatur streifend, wie der Verfasser selbst 
gefühlt, für unpassend und in zu grellem Contraste mit 
dem üebrigen stehend erklären mufs, so kann man ihnen 
doch eine wahre vis comica nicht absprechen. 

üeberhaupt sind es mehr die UeberfSille an Phan- 
tasie und Beredtsamkeit, der fast ermüdende Farbenreich- 
thum, das Ausmalen bis ins kleinste Detail, die manch- 
mal dem Werke Eintrag thun, besonders in den Augen 
des nüchterneren Nordländers. So z. B. werden wir uns 
kaum eines ungläubigen Lächelns enthalten können bei 
den pathologisch -physiognomischen Beschreibungen des 
Verfassers, wie bei der oben angeföhrten von Mendon^a^s 
Physiognomie, der jeder Hälf):e derselben einen anderen 
Ausdruck zu geben wufste; oder wenn Thereza's „grüne 
Augen" (olhos verdes) auf zwei vollen Blättern geschil- 
dert werden 1 *). — 

Doch wir wollen, um nicht unbillig zu scheinen, mit 
dem Urtheil eines Landsmanns des Verfassers schliefsen, 
der jedenfalls der competenteste Richter über dessen Spra- 
che und Stil ist. Lopes de Mendonga (1. c, p. 130 — 131) 
sagt nämlich davon: 

„Der Verfasser von den «Jugendjahren Johann'sV.» 
ist ein kräftiger und fruchtbarer Landschaftsmaler (e um 
paysagista vigoroso e fecundo). Diese Eigenschaft giebt 
seinem Stile all den Reichthum und die Farbenpracht der 
Malerei. Seine Sprache ist voll Prunk und Ueppigkeit, 
sein Pinsel erscheint uns mehr als einmal mit Farbe über- 
laden. Die Linien einer correcten Zeichnung werden uns 
oft plötzlich verdeckt durch diesen Ehrgeiz des Pinsels. 
Er nähert sich den brillanten Coloristen der venetiani- 
schen Schule; es ist ein künstlerischer Sensualismus in 
dieser Ueppigkeit der Beschreibung, ein Uebermafs und 
Luxus in diesen Ausschmückungen. 



^) Wie sehr übrigens die „grünen Augen** als eine Schönheit der 
Damen von jeher von den portugiesischen und spanischen Dichtern ge- 
feiert wurden, hat der verehrte Diez in seiner neuesten trefflichen 
Schrift: „lieber die erste portugiesische Kunst- und Hofpoesie** (Bonn 
1863, 12. S. 89) nachgewiesen. 



1 



326 Pe^* Wolf, Zar Gesch. d. port. Nationftlliteratar in d. neuesten Zeit. 

,, Seine orientalische Einbildungskraft verachtet die 
strenge und einfache Schönheit. Um die Weilse eines 
Halses hervorzuheben , umgiebt er ihn mit einem Schmuck 
von Smaragden und Rubinen; um uns die Feinheit und 
Weichheit schwarzer Locken recht lebendig zu schildern, 
sucht er sie mit Perlen zu durchflechten. Aus dieser 
Vorliebe entstehen gewifs wimderbare Effecte; aber ich 
möchte fast behaupten, dafs der Ausdruck des Ideellen 
und Philosophischen oft durch diese abenteuerlichen Züge 
seiner Phantasie verliert. 

„Hr. RebeUo da Silva hat einen Stil voll Eigenthüm- 
lichkeit (cheio de individualidade), und schon dies sichert 
seinen Einflufs, kennzeichnet (marca) seine Stellung in 
der modernen portugiesischen Literatur. 

„Er kann Nachahmer finden, die so gut wie er die 
Geheimnisse seiner Sprache anwenden (que manejem, täo 
bem como eile, os segredos da sua phrase); aber dies 
wird nicht im mindesten die Ansprache seines Ruhmes 
beeinträchtigen« '^ 

Ferdinand Wolf, 



Orion, Ein Motto Confetto von Franc, di Vannoszo. 327 



Ein Motto Confetto des veroneser Dichters 
Francesco di Yannozzo. 

Der Codex 59 aus dem 14. Jahrhandert der padaaner 
Seminars -Bibliothek enthält Gedichte von Francesco di Yan- 
nozzo aus Verona und 14 andern Trecentisti, die mit diesem 
in literarischer Correspondenz standen : Bartolammeo da Piove, 
Ghidino da Sommacampagna, Giovanni de' Dondi, Micolo de 
Schachis, Marsilio da Carrara, Nie. de Leone, Nie. del Bene, 
Antonio del Gaio, Nie. de Senechis, Pier della Rocca, Ye- 
retta, Pietro Montanaro ^ Belletto Gradenigo, Gaspare Lanza- 
rotto. Ueber die Handschrift; und den veroneser Dichter gab 
schon einige Nachricht der Pater Giovanni d'A.gostini S. 290 
seines Werkes über die venezianischen Schriftsteller, wo er 
völlig genau bemerkt, dafs in einer Canzone des Francesco 
das Jahr ihrer Abfassung 1374 versiücirt vorkommt, und dafs 
die letzten Sonette, indem sie Yerona und Yicenza, nicht aber 
Padua, als dem Giangaleazzo Yisconti unterworfen darstellen, 
auf das Ende des Jahres 1387 weisen. Früher als der Pater 
hatte der MarChese Scipione Maffei in seiner Yerona lUustrata 
(U, 2, 62) nach einer seiner Handschriften, die nun wahr- 
scheinlich, wie die meisten andern Handschriften Mafifei's, sich 
in der veroneser Capitular-Bibliothek befinden wird, den Fran- 
cesco di Yannozzo als Zeitgenossen des Mastino Scaligero 
(if 6. Juni 1351) bezeichnet. Ich zweifle nicht, dafs Maflfei 
dieses nicht ohne zureichenden Grupd, den er entweder den 
Gedichten seines Codex oder irgend anderswoher entlehnt, 
angeführt habe. Aus der paduaner Handschrift erhellt ferner, 
dafs der Dichter in den Jahren 1374 — 87 im vorgerückten 
Alter stand; dafs er früher in Yerona, Treviso, Yenedig und 
Padua gelebt; dafs er nach Padua vom Fürsten Francesco dem 
Aelteren und zwar aus l^rankreich berufen wurde, welcher 
Fürst selber zu den damaligen Poeten zählt; dafs er ein inti- 
mer Freund des Marsilio da Carrara, Francesco's Bruder, war; 
dafs er in literarischer Yerbindung mit Petrarca stand, dem 
er ein Sonett zueignet und überhaupt grofse Bewunderung 
zollt; und dafs er endlich am Hofe des Giangaleazzo Yisconti 
gastliche Aufnahme fand, der am 4. Aug. 1378 seinem Yater 



1 



328 Grion 

in der Regierung gefolgt war. Von Vannozzo's Gedichten gab 
zuerst Nicolö Tommaseo 1825 zu Padna zwei arg zugerichtete 
Canzone ^), dann 1829 zu Florenz vier Sonetti®) heraus; ein 
Sonett von ihm liest man in der Storia della Dominazione 
Carrarese in Padova scritta da Giov. Cittadella ') ; ein ande- 
res ^) veröffentlichte 1858 der fleifsige veroneser Literat padre 
Bartolammeo Sorio: sammtlich aus dem paduaner Codex. Nach 
den vorhandenen Proben würde es schwer halten, über den 
ästhetischen Werth von Vannozzo's Rdme ein besonders gün- 
stiges Urtheil zu fällen; denn wie sehr ist derselbe nicht mit 
der Correctheit, Feinheit nnd Durchsichtigkeit der sprachlichen 
Form verwachsen? und doch ist kaum eines der mir bekann- 
ten Gedichte unseres Autors von Provinzialismen frei, sodafs 
es wohl unmöglich ist, einige seiner Vocabeln in die gang- 
bare italienische oder, wie man sie selbst im 14. Jahrhundert 
nannte, toscanische Form umzuändern, solche mindestens nicht, 
die durch den Reim gebunden sind. Ungetrübt von solcher 
doppelten Färbung hingegen kann man das hier folgende Motto 
confetto geniefsen, welches zu seinem nicht geringen ästheti- 
schen Werthe auch den historischen gesellet, das älteste bis- 
her bekannte poetische Product in der Mundart der Stadt 
Venedig zu sein, wenn man billigerweise die Inschriften und 
die schon im vorigen Jahrhundert von Brunacci bekannt ge- 
machte paduaner Cantilena ausnimmt, die in einem mehr all- 
gemeinern venetischen als dem echt venezianischen Dialecte 
verfafst ist. Was ein Motto confetto sei, lehrt uns Dante's Zeitge- 
nosse, der Paduaner Antonio da Tempo in seinem 1332 heraus- 
gegebenen Werke ,,De rithimis vulgaribus " *) , wo es heifst: 



1) Rime dl Francesco Yannozzo tratte da un codice del secolo XIV 
in occaaione delle faustissime nozze Zacco-Yalvassori. Padova, Tip. 
del Seminario edit. 1825. 

^) Saggio di rime di quattro poeti del secolo XIV tratte da an 
codice inedito. Firenze, Pezzati 1829. 

») I, 404. Padova, Tip. del Seminario 1842. 

^) Ghidino da Sommacampagna poeta veronese del trecento , sonetti 
inediti. Verona, Merlo 1858. 

*) Das Buch erschien mit einzelnen Zuthaten, die alle folgenden 
Grammatiker nach dem Beispiele des Trissino dem da Tempo zaschrie- 
ben und daraus irrthümliche Folgerungen zogen, ^1509 in Venedig per 



Ein Motto Confetto von Franc, di Vannozzo. 329 

ideo appellatur motus confectos, qnia verba sunt confecta cum 
sententiis notabilibus et pulchris et cum verbis praegnantibus, 
et ideo dicitar motus, quia homo bene et sententiose move- 
tur (I) ad loquendum cum hniusmodi verbia duplicibus baben- 
tibus unumcunque iam bonum ac pulcherrimum intellectum. 
Quidam tarnen istos motus confectos vulgariter appeUant froto- 
las; et male dicunt iudicio meo, quia frotole possent dici verba 
rasticorum et aliarum personarum nullam perfectam sententiam 
continentia. Nam forte omnes non babent bene pro manibus 
bniusmodi motus. — Uud weiter: Scias etiam quod in huius- 
modi motibus ad bene esse oportet, quod aliqaa verba pulcbra 
et valde solaciosa ponantur, quae quasi nihil videantur facere 
ad praecedentia vel sequentia materiae praecedentis vel sequentis; 
et sie etiam 'quasi per totum sermonem cuiuslibet motus con- 
fecti verba et orationes videri debent extraneae una a reliqua 
in sententiis. — In dieser Frottola fuhrt uns der Dichter zwei 
Gastellani (Bewohner des der Pfarre S. Pietro di Castello 
nächsten Stadtqnartiers) vor, welche zur Zeit des Krieges 
von Chioggia, genauer um die Mitte des Jahres 1380, sich 
über die traurige Lage ihrer Vaterstadt besprechen: doch nur 
der eine ist ein Schwarzseher, der andere ist voller guter 
Hoffnung und geneigt, die Sorgen' im Weine zu ersticken; 
aber als die Flaschen leer und die Kopfe voll werden, binden 
sie mit den Kneipern und den Nachtwächtern an; woraus ein 
grofses Unglück geworden, wenn nicht zu rechter Zeit meh- 
rere blutsverwandte Frauen hinzugekommen wären, deren men- 
schenfreundlichen Bestrebungen es gelingt, die Helden auseinan- 
der zu halten. Durch den Ruf dieser heroischen Intervention 
gelangt aber eine derselben Damen zur Heirath, deren Vorsich- 
gehen uns der Dichter in seiner satirischen, den Venezianern 
ä la Boccaccio aufsässigen Weise des Breiteren schildert. — 
Ich füge dem Texte eine italienische Uebersetzung bei, zur 
sicherern Auffassung des Sinnes und der grammatischen Bedeu- 
tung einzelner minder bekannter Wörter und Wortformen. 



Simonem de Luere. Der Druck, der nach dem Scardeone 1540 uhü 
que circum/erebatur , ist gegenwärtig sehr rar; die Codices häufiger; 
auch Auszüge, ja sogar eine Uebersetzung in den paduaner Dialect aus 
dem 15. Jahrb, ist auf norditalischen Bibliotheken zu finden, da das 
Werkchen im 14. und 15. Jahrb. als Schulbuch gebraucht wurde. 
Jahrb. f. rom. u. engl. Lit. V. 3. 22 



330 



Grion 



— Se Die m* aide, a le vangiwelel 

compar, 
a dir cio che me par, 
i' e gran paura, 
8* el no n' deiven Ventura, 
no perderemo la 'mbaldara, 
e difiaremo fozea. 
Zenovesi x' a Clozza 
entro per quei Vignali; 
'li fase tutti li mali; 
lo xe nn peocado. 
Marco Storlado 
end' h pur mo vignudo 
e sier Zan Saniido 
con esso; 

et enghe stadi appressu 
a un trar di piera. 
'Li a yezndo 'na bandiera 
granda 

con una banda 

blanca e non se che vermeio: 
per sen Baseio 
se la rende splendorl 
xe r arme del signor 
da Oarrera, 

che nd' ä fatto sta nera 
con so traditi enganni. 
Ei fa gia plusor anni 
Chi ese questa bugada: 
esse si r a menada, 
e mo nde da panada 
senza pan. 

— Die I mo pur plan , 
per san Oasianl 

driedo ancüo vien doman; 

lassb pur andar; 

mo dis^me, conpar, 

che nde pnö-li £ar? 

I nde puö rubar; 

de che partido 

non saremo nu a lido? 

— E seu porti dol ') porto , 
xe sem Marco morto. 

— Vu 6^ gran desconforto 



-^ Se Dio m* aiuü » a le yangele ! 

compare , 
a dir cio che ml pare, 
io ho gran paura, 
s* ei non ci vien yentura, 
not perderemo la baldezza, 
e smetteremo V aria. 
I Genovesi sono a Chioggia 
entro per quei vignali; 
essi fanno tutti i mali; 
gli h an crepacuore. 
Marco Stordito 
n' h or ora venuto 
e ser Gian Sannto 
con esso; 

e sonci stati appresso 
a an trar di pietra. 
Essi hanno veduto una bandiera 
grande 

con una banda 

bianca e non so che vermiglio: 
per san Basilio 
quanto e splendente! 
e r arma del signor 
da Carrara, 

che n' ha fatto questa nera 
co' suoi felli inganni. 
Ei fa gia plu anni 
ch' esce questa risciacquata : 
egli si r ha menata, 
e or ne da panata 
senza pane. 
— ^ Dio! per6 adagio, 
per san Canziauo! 
dopo r oggi viene il domani; 
lasciate andare; 
or ditemi, compare, 
che ne ponno essi fare? 
Essi ne ponno mbare; 
di che partito 
non saremo not al lido? 

— E siete voi diviso dal porto, 
san Marco h morto. 

— Voi siete grande sconforto 



^) Der Codex: portidol; ol lautete und lautet noch der Artikel in 
mehreren lombardischen Dialecten. 



Ein Motto Confetto Ton Franc, di Vannozzo. 



331 



a la citade, 

che Die ve dm firmitade, 

lengua maledetta, 

tolle gioso la vetta 

(«se sta terra benedetta 

die andar a eacoomano*'; 

che s' an garson di mano >) 

v' avesse oldido , 

m saresse schemido 

e -vitupeifMio. 

Lo campo xe levado . . . 

— Diö '1 voia. 

— lo dico: deve bona roia, 
che nu ayeremo plazer e zoia 
avanti che conpla *1 mese; 
co' che xe 

le Bebe^ xe rescattade* 
qaesto xe veritade; 
ch' ie V h sapiido 
da sier Benvegnado 
e da mio cugnado, 
e vu sh smemorado 
tal co' bestia; 
no me de plu molestia, 
che Die v' aide. 

— Chi non pn6 planzer, ride. 

— A la buonazza, 

CO vol^ yn che se fazza, 

mov^mose de plazza, 

e tocheremo '1 gotto. 

Qame sier Marcotto, 

e andaremo de botto 

al Maratasso ^ ; 

o vol^ passo passo 

(ende xe nn tratto d'arco) 

dire a Marco, 

che vada oltra anenti 

e un de li oltri fenti, 

el vostro, el mio, 

81, a le plaghe de Diol *) 



alla citta, 

che Dio vi dia fermezza, 

lingua maledetta, 

ritirate qnelP infilata 

^<se questa terra beaedetta 

dee andar a saocomanno"; 

che se un garzon manesco 

v' avesse udito , 

voi sareste schernito 

e vituperato. 

II campo ^ levato . . . 

— Dio il voglia. 

— lo" dico: datevi buon tempo, 
che noi avremo pia^er e gioia 
avanti che compia il mese; 
come che h (al momento che siamo) 
le Bebbe sono riprese; 

qaesto h vero; 

ch' io r ho sapnto 

da ser Ciuto 

e da mio cognato, 

e voi siete uno smemorato 

tal come bestia; 

non mi date piü molestia, 

che Dio v' assista. 

— Chi non puo pianger, ride. 

— A la buon' ora , 
quando volete voi si faccia, 
muoviamoci di piazza, 

e toccheremo il gotto. 

Chiamate ser Marcotto, 

e andremo di botto 

al Materasso; 

o volete strada facendo 

(quinci h un tratto d'arco) 

dire a Marco, 

che vada avanti prima 

e un degli altri fknti, 

il vostro, il mio, 

si, a le piaghe di Dio! 



^) Der Codex: saccomanno — di manno. 

2) Das Fort delle Bebbe bei Chioggia, von den Venezianern ver- 
loren im März 1379, wieder erobert gegen Ende Juli 1380. 

8) Schild einer Schenke, glaub' ich, und Metathesis von materasso. 

*) Das von Dante (Vulg. El. I, 14) und Boccaccio (Dec. IV, 2) 
belächelte Intercalare. 

22* 



1 



332 C^rion 

Coletto Ao; 

vard^me dft olto, 

traggi nn gran solto 

faor de Riolto, 

£ corite 'nde a casa; 

e puo' dira' a Tomasa 

o Cattaruzza, che dia la clave 

a una de le sclave, 

e sia bona massera; 

parecla una anghestera 

con do gotti 

per missier 

e per Pier 

Vidotti; 

e se i smergoni h cotti , 

di che la manda gioso. 

Co' distu , Nafoso , 

de questa nostra paxe? 

— Mesier, ft co' ve plaze 

pur aponto. 

Vu ave a far conto, 
che CO misier fo zonto 

e la brigada, 

'li fese tal fracasada, 

che tutta la contrada 

fo a remor. 

Fuor 

ze *nde plusor, 

sier Michiel procolator . . . 

e fo nde li signor de notte. ^) 

Misier li se d^ tante botte, 

che Dio misericordia! 

Non dixe de concordia, 

ni per Dio ni per senti, 

homeni e fenti 

li scampaya danenti. 

Quel tristo abissado 

era emplagado, 

e r oltro a-via snodado 

el costolier. 

E puo* yeder mesier 

cola pertresso, 



il figlio Cola; 

guardatemi dall' alto, 

traete un gran salto 

fuor di Rialto, 

e indi correte a casa; 

e poi dirai a Tomasa 

o Catterina, che dia la chiave 

a una delle schiave, 

e sia buona massaia; 

apparecchia una guastada 

oon due bicchieri 

per messere 

e per *Pier 

Vidotti; 

e se i merghi son cotti, 

di che li'mandi giuso. 

Come dici, Piagnone, 

di questa nostra pace? 

— Messere, fate come vi place 

pure cosi. 

Dovete sapere, 
che quando (il detto) messere fu 

giunto 
e la brigata, 
fecero tale fracasso, 
che tutta la contrada 
fu a romore. 
Fuori 

ci sono parecchi, 
ser Michele procuratore . . . 
e vi fiirono i Signori di notte. 
Messere ivi si die tante botte, 
che Dio misericordia! 
Non parla di concordia, 
ne per Dio n^ per santi, 
uomini e fandulli 
▼i fuggivan davanti. 
Queir uomo d'abisso 
era ferito, 

e V altro avea snodato 
il costato. 

E poi a veder messere 
piegato il busto indietro e Tanca 
in fuori. 



1) Venezianische Magistratur. 



Ein Motto Confetto von Franc, di Vannozzo. 



333 



negan ghe steya presse | 

se no pno' adesso 

CO venne madonna Diodada, 

snor de so cognada, 

la cosa fo de botto atasentada; 

che CO 'lo la vete, 

*lo se restete, 

€ mese lo gladio en vagina. 

Agnesina' 

e Margarita 

senza flado e senza vita 

e qnella topina afflita 

da ca' Moro, 

bona CO* V oro , 

e col so cavo blondo, 

desfarse del mondo, 

baterse e afranger . . . 

la fe^a planger 

tntti en yeritade; 

si che per so bontade 

fese tanto, 

che la si pno dar vanto 

en qnesto stado 

d'aver paclficado 

do Moni; 

talcb^ '1 nevodo de sier Zan Gar- 

gioni 
CO Dio a plasesto 
s' e pareclado e presto 
de tnorla per moier. 
£ fin da r oltrier 
el pledo h comenzado, 
et enghe za invitado 
plnxor donne da Corner 
e li Znbler; 
e tutti xe apparecladi, 
li xe spalmadi 
de claro. 

(E se m' h ase de caro, 
che sia comprado el varo 
e le vamazzel) 
E s' el non deyien cosa che nd' em- 

pazze, 
co' xe tempesta o pluoba, 
io credo che zuoba 
la cosa sara spazada, 
e sera 'nghe brigada 
da barbuda. 



nessun TaTTicinava; 

se non poi allora 

che venne monna Teodora, 

suora di saa cognata, 

la cosa fu tosto assopita; 

ch^ quand' ei la vide, 

ristette , 

e rimise la spada. 

Agnesina • 

e Margarita 

senza fiato e senza vita 

e quella tapina afflitta 

di casa Moro, 

buona come l'oro, 

con qnella sua testina bionda, 

sfarsi del mondo, 

battersi e infrangersi . . . 

faceva piangere 

tutti da senno; 

si che per sna bonta 

fece tanto, 

ch' ella si puo dar vanto 

in questo stato 

d*aver pacificato 

due lioni; 

di modo che il nipote di ser Gian 

Gargioni 
quando a Dio piacque 
s' e apparecchiato e presto 
di torla in moglie. 
E fin da ieraltro 
il piato e cominciato, 
ed hannoci gia invitato 
piü signore Corner 
e gli Zahler; 
e tutti sono apparecchiati 
e spalmati 
di chiaro. 

(E se mi avete niente caro, 
siami comprato il vaio 
e le vernaccel) 
E 8* ei non avvien cosa che ne im- 

pedisca, 
come sarebbe tempesta o pioggia, 
io credo che giovedi 
la cosa sara spacciata, 
e saravvi anche brigata 
da barbuta. 



334 



Grion 



Misier, co zuoba fo regnada, 

la cosa fo compluda, 

et iera 'aghe BeuTegoada 

e sor Floretta, 

madonna 3enedetta 

e Madalnzza, 

Santina, Catarnzza 

e Flordelise, 

et &n\ si «o' se dixe, 

ende fo homeni assb; 

e puo' creder^ 

ch' el non se vette me 

tanti signor 

de le case mazor 

avantazadi 

tutti a^agadi 

en campo ^) de sem Polo, 

si come dise el Golo 

e Pier Zancani che nde iera. 

£ non xe cuor de piera 

che non fosse adolzido 

aver oldido 

el pruolego 

che fese '1 nostro struolego 

che fo flo del Besazza. 

En mille inela plazza: 

«Vedfe, 

«CO nu oldir^,» — 

si cominza parlar — 

«nu semo a questa plazza, 

«che Dio be' nde fazza, 

«nu per dir 

«e 7u per oldir 

«Dio loldar. 

«In nome de Dio par 

«e de la so dolce mar 

«madona santa Maria , 

«azo che Dio varenta la compagnia 

«e amplifica la nostra signoria, 

«sempre in mlor stado 

«al presente trattado 

«ende sara nomenado 

«lo vangelista beado 

«miser sem Marco 



Signor, quavtdo ü giovedi fu venuto, 

Taffare fu compiuto, 

e c' era aache BenyeniLta 

e suor Fioretta, 

madonna Benedetta 

e Lenuccia, 

Santina, Catina 

e Fiordalise, 

ed anche, a quanto si dioe, 

vi furono uomini assai; 

e crederete 

che non si \idex mai 

tanti signori 

delle maggiori case 

ostentati 

tutti convocati 

in campo san Paolo, 

a quanto dice il Golo 

e Pier Zancani che c' eira. 

E non ▼' h cuor di pietra 

che non fosse addolcito 

avendo udito 

lo sproloquio 

che fece il nostro astrologo 

che fu figlio del Bisaccia. 

Fra mille in piazza: 

« Vedete , 

«con noi udirete,» — 

cosi comincia a parlare — 

«noi siamo in questa piazza, 

«che Dio ben ci faccia, 

«noi per dire, 

«e voi per udire ♦ 

«lodare Iddio. 

«In nome di Dio padre 

«e della sua dolce madre 

«madonna santa Maria, 

«accio che Dio salvi la compagnia- 

«e amplifichi la nostra signoria, 

«sempre in migliore stato 

«dal presente trattato 

«poi sara nominato 

«il vange^sta beato 

«messer san Marco 



^) Campi heifsen in Venedig die kleinen Plätze, zum Unterschiede 
der vorzugsweise so genannten Piazza und Piazzetta. 



Ein Motto Confetto Yon Franc, di Vannozzo. 



335 



«con Dio aiMnti 
((6 tutti li altri senti. 
«— Xe qua cosi preseati 
<(lo sposo e la spoM.» 

— A vn, donna Bebosa 

da ca' Moro , ve plaxe per marido 

sier Afenido 

da ca* Malipier, 

e cosi cosente en esBO? — 

Le donne da presso 

vardava tutte tresso. 

Madonna Biodada •. 

con la ceglia arbassada, 

]a sposa vergognada 

non sope responder, 

e pur 86 Yuol aficonder, 

e ninte dize. 

Se no che Flordeüxe, 

suor de la dogaresfia, 

se fese la da esea: 

— di, fija, di — ; 

et allora essa respose: misser si. 

' Et a tiy Affenido da ca' Malipier, 

te plaxe per'moier 

e yaosta qua cosi per to sposa 

donna Bebosa, 

et en essa cons^nti? — 

El matto mostra i denti, 

e dixe : messer, co' ¥e plaxe. 

— Ande in bona paxe 
e mettb i V anello ; 

va doltra, donzello, 

in bon viaggio, 

da ca' SelTaggio , 

fa sonar li versi. — 

Piero Muersi 

i branoa la fozza, 

Zanni da Clozza 

i da sul cavo, 

e '1 Sclavo 

beretter , 

Nicoletto ostregber 

e Pier Galina 

fese una remesina 

eh' elli parea stornelli; 

talche do mantelli 

ne fon persi. 



«con Dio avanti 

«e tutti gli altri santi. 

« — Sono qui ecco preaenti 

«lo sposo e la sposa*» 

— A voi, donna Garosa 

da ca' Moro , vi place a marito 

ser Compito 

di casa Malipiet, 

e quindi assentite in lui? — 

Le donne yicine 

guardavan tntte sottecchi in cagne- 

sco. 
Madonna Diodata 
con le ciglla abbassate; 
la sposa vergognosa 
non Seppe rispondere,) 
e vuol pur anco celarsi, 
e nuUa dice. 
Sennoncbe Fiordilxgi, 
sorella della duchessa, 
si fece da lei: 

— di, figlia, di — ; 

e allora ella rispose: messer si, 

— E a te, Cktmpito di casa Malipier, 
ti place in mogUe 

e vuo' tu costei per taa sposa 

donna Gu'osa, 

e in esaa assenti? — 

II bambo fa una amorfia, 

e dice: messer, come tI place. 

— Andate in buona pace, 
6 mettetele 1' anello; 

va oltre, donaello, 
in buon' ora, 
da ca' Selvaggio , 
fa sttonar i versi. — 
Pietro Muersi 
gli abbranca la vesta, 
IGriannl da Chioggia 
gli da sul capo, 
e lo Schiavo 
berettaio , 
Nicoletto ostricaio 
e Pier Gallina 
fecero una barabuffa 
che parean trottole; 
sieche due mantelli 
ne furon perduti. 



336 



Grion 



C; con' li versi son», 

madona 

Semprebona 

da ca* Zustinian 

li prese tuttl do per man 

e feseli ballar 

im aye a rasonar, 

ch' el iera ben un* alegrezza vardar 

CO tanta bella zente co' ie *Dghe 

vitti. 
£ puo' quel Marco Gritti 
e Pier Grioni^), 
do co' garzoni 
vezadi 

e 'nmantelladi 
per entrar en danza, 
81 CO* ze usanza 
de la cittade; 
pno' de 80 yoliintade 
lo sposo fese artegnir 
81 CO '1 vette vegnir 
lo Marmora, che iera so compar, 
e disse i: dolce frar, 
io te Yoio caramente pregar 
ch' el te plaqua de cantar 
e de vegnir a tresca. — 
Lo Marmora con la sua ciera fresea : 
«Non Yoia Dio che me recresca, 
an diroio una canzon, 
diii ghe xe e io ghe 8on.» 
E dixe de lo bon 
bei Diridon. ^ 
£ CO la canzon fo riva, 
lo grida c' ogn' om l'oldiya 
yer lo sposado: 

«Se Die te varenta '1 novizado 
«e se Dio te varda da mal morir, 
«plaquaye de dir una canzon.» — 
Affenido co' castron 
prese a dir nn madrigai, 
e respose i Zanni da Oanal, 
e fo tal 
co' yu oldire. 



E mentre le danze suonano, 

madonna 

Semprebuona 

da ca' Giustinian 

li prese ambedae p«r mano 

e feceli ballare 

il recitar d'un aye, 

ch' era an gandio a gnardare 

con tanta bella gente come io yi 

yidi. 
£ poi quel Marco Gritti 
e Pier Grioni, 
due come garzoni 
attillati 
e immantellati 
per entrare in danza, 
81 com' h usanza 
della citta; 
poi di sua yolonl» 

10 sposo fece ritenere 
81 come il vide venire 

il Marmora, ch' era suo compare, 

e dissegli : dolce frate, 

io ti vo' caramente pregare 

che ti piaccia cantare 

e venire a tresca. — 

Lo Marmora giovialone: 

«Non voglia Dio che mi rincresca, 

dirö una canzone, 

dove ci son due, faccio io il terzo.» 

£ disse del buono 

e bei Diridon. 

£ quando la canzon fu finita, 

ei grida che ognun l'adiTa 

verso lo sposo: 

« Se Dio t' assecondi la sponsalizio 

« e se Dio ti guardi da mal morire, 

«piacciavi di dire una canzone.» — 

11 Compito come bestia 
prese a dire un madrigale, 

e gli rispose Gianni da Canal, 
e f u tal 
quäle udirete. 



1) Vielleicht der in der Leandreis erwähnte Dichter; darnach 
hätte er wenigstens bis zum August 1380 gelebt. 

*) Ein Lied, das zum Theil wenigstens noch fortlebt. 



Ein Motto Confetto ron Franc, di Vannozzo. 



337 



«Po che tu 9h gionta al partido, 

«fia mia, che tu s^ sposa, 

«Tarda ben de non far cosa 

«che desplaqua a to marido. 

«E qaando ch' el vien de notte, 

«che tu ve' ch' i' son irado, 

«non pensar ch' io te dia hotte, 

«fatte ardente^) ei mio costado, 

«ch^ CO ie son adonnentado, 

«da doman i h mendado.» 

Co la sposa lo yh oldido, 

stette forte vergognada, 

e puo' dixe: tase, brigada, 

ch'~io vo* dir nna ballada 

ardente mio marido: 

«Caro frar, dolze Affenido, 

«el ö yer ch' io son to sposa, 

«e Tardereme de far cosa 

«che me^) tu sepi, io te nd' afido. 

«E quando ch' el sera di notte, 

<(se tu vien apiornado^, 

«io te dar^ tante hotte 

«che tu non gavera del flado; 

«e se avesse a zo pensado, 

«no nd' averia tolto marido.» — 

Lo sier Affenido 

oldi qnesta reposta, 

'lo la varda de posta, 

e de i una goltada. 

Diodada , 

c' oldi el buffetto, 

e so frar Coletto 

se i fese davanti 

e pluxor mercatanti 

zentilhomini. £ cominzar 

a cridar 

per tramezar 

la briga; 

e nde fo gran fatiga 

e gran messedada. 

£ puo' venne so cugnada 

e donna Marta 

de Chi no nd' a affar si parta , 



«Poiche se' ginnta al partito, 

«figlia mia, che tu se' sposa, 

«guarda ben di non far cosa 

«che dispiaccia a tuo marito. 

«E quando ei viene di notte, 

«che tu vedi ch'io sono irato, 

«non pensar ch'io ti dia botte, 

«fatti presso il mio costato, 

«chö quando io sono addormentato, 

«rindomani vi h rimediato.» 

Quando la sposa lo ebbe udito , 

stette molto vergognata, 

e poi disse: tacete, brigata, 

ch' io Yo' dir una ballata 

accanto a mio marito: 

«Caro fratello, dolce Compito, 

«egli e ver ch'io son tua sposa, 

«e guarderai di farmi cosa 

«che sol tu sappia, io ti sfido. 

«E quando sara di notte, 

«se tu vieni annuvolato, 

«io ti daro tante botte 

«che non avrai fiato; 

«e se avessi a ciö pensato, 

«non avrei preso marito.» — « 

Ser Compito 

udi questa risposta, 

la guardo di posta, 

e dielle una guanciata. 

Diodata, 

che udi il buffetto, 

e suo fratel Coletto 

gli si fecero avanti 

e parecchi mercanti 

gentiluomini. £ cominciär 

a gridare 

per appaciare 

la briga; 

e ci fu gran fatica 

e gran rimescolamento. 

£ poi venne sua cQgnata 

e donna Marta 

Di - chi - non - ha - affarsi - parta , 



^) Die vollere Form des gebräuchlicheren arente. 
^ In ähnlicher Bedeutung häufiger das zusammengesetzte nome, 
noma; aus non magis. 

3) Dante's piorno (Purg. XXV, 91). 



n 



338 GrioDi Ein Motto Confetto von Franc, di Yannozzo. 



e fese ador ana qnarta 

de castron 

griguol 1) bon , 

la fese arostir, 

e fese vegnir 

Affenido e Robosa 

tppina dolorosa 

che planzea, 

et esso eon essa se 'xkLe dolea. 

Po digando: ((Beboaa, iononcredea, 

che tu te doyesse corzar; 

ma s' ie non m' aniga in mar » 

ie non fare 

plu cosa che 

te despiaqua. V) 

E si c' a dö ber de V acqua 

o del vin ben adaquado, 

Die Cristo ne sia loldado! 

£1 prövede fo clamado, 

e disse i la messa, 

e esso and^ da essa, 

e d^ i pase per bocca. 

Da pno' en navanti 

tanto i de^laque la rocca, 

che non a* oldi me dir che la filasse; 

sempre xe Stada con bagasse ^ 

a lavorar di vette 

bindoni e comette. 

E Tun CO Toltro si plasette 

con tanto amor ligadi 

ch' eli xe sempre stadi 

in pase e in tranqnilitade. 

St^! che Dio ve dia sanitade. 

üdine, 25. Oct. 1863. 



e fece recare un qoarto 
di castrato 
greggiaolo bwmo, 

10 fece arrostlre 
e fece venire 
Compito e Garosa 
tapina dolorosa 
che piangea, 

ed esso con essa se ne dolea. 

Fol dicendo : «Garosa, io non credea, 

che tu ti dovessi corrncciare; 

ma s'io non m*annieghi in mare, 

iü non farö 

piu cosa che 

ti dispiaccla.» 

£ sl Ie di^ a ber deir acqua 

o del Tino ben« adacquato, 

Dio Cristo ne sia lodato! 

11 prete fu chiamato, 
e disse lor la messa, 
ed esso and6 da lei, 

e dlelle pace in bocca. 

D'allora innanzi 

tanto Ie spiacque la rocca, 

che non s'udi mal dir ch' ella filasse ; 

sempre stette con fantesche 

a lavorar di vette 

bindoni e cornette. 

E a vicenda si placquero 

con tanto amor legati, 

ch' ei sono sempre stati 

in pace e in tranquilUta. 

State! che Dio vi salvi. 



Justus Grion. 



I) Delicat; im Küstenland heifst noch immer di greggia oder di 
mandria das im Stalle gesäagte Kalb. 

^ Im guten Sinne w\e im Altfranzosischen (z. B. M^on, Nouv. 
fabl. I, 104). 



Wallenfels, Eine neuentd. altfraox. Bearbeitung des Petr. Alfonsus. 339 

lieber eine neuentdeckte altfranzösische 
Bearbeitung des Petrus Alfonsus. 

Durch Vermittelang des Herrn Professor Hofinann dabier 
ist mir vor einiger Zeit ein altfranzosischer Codex zuganglich 
geworden, in welchem ich anter anderm eine zweite ganz neue, 
bis jetzt unedirte Bearbeitung der „Disciplina clericalis'^ des 
Petrus Alfonsus^ das sogenannte Castoiement gefunden habe. 
Die Handschrift dieses Gedichts ist ohne allen Zweifel picar- 
disch und stammt aus dem 13. Jahrhundert; sie enthalt bei- 
läufig 4650 Yerse. Ich habe das Gedicht abgeschrieben, und 
Herr Prof. Hofmami will, wie er mir sagte, es spater ediren. 

Sein Inhah ist bekanntlich der, daüs ein Vater sich be- 
muht, seinem Sohne gute Lehren und weise Lebensregeln zu 
geben, und diese zu erläutern und zu befestigen sucht durch 
Erzählungen der verschiedensten Art, die er jenen beifugt. 

Die Art und Weise, wie der Dichter des Ineditum den 
▼orliegenden Stoff behandelt hat, weicht zwar nicht wesentlich 
ab von der desjenigen Dichters , dessen Werk über denselben 
Gegenstand Meon in seinen „Fabliaux et Contes^' veröffent- 
lichte; und es ist dies schon aus dem einfachen Grunde nicht 
möglich, weil beide Texte sich ziemlich genau an den latei- 
nischen anschliefsen — wenn auch der eine bald mehr, bald 
weniger als der andere. — Doch sind die einzelnen Verse voll- 
standig voneinander verschieden und bei genauerer Betrachtung 
und Vergleichung bieten sich auch noch andere Unterschiede 
dar, die wohl wichtig genug erscheinen durften, näher be- 
sprochen zu werden. 

Ehe der Vater mit seinem Sohne auftritt, kommt vorerst 
in dem Ineditum eine weder im lateinischen, noch in dem von 
Meon herausgegebenen Texte enthaltene längere Einleitung, in 
welcher der Verfasser demjenigen^ „der auf dieser Welt zu 
Ehren kommen wilP', den Rath ertheilt, sich nur an das Gute 
zu halten und dem Bösen den Rücken zu kehren. Denn, sagt 
er am Schlüsse dieser Ermahnung: 

Car qui ie bien veh herbergier 
Del mal doit son ostel widier 
Car guerre a entre mal et bien 
Si tres grant que pour nule rien 
A an acord ne se terroient. 



340 Wallenfels 

Dann , nach einer Lobrede auf den Verstand , beweist der 
Dichter, dafs für den, der den eben ausgesprochenen Zweck 
erreichen wolle, das Gutesthun allein nicht genüge , sondern 
dafs er auch noch alle Lebensverhältnisse, in die er komme, 
eben mit dem klaren Verstände untersuchen müsse, und schliefst 
mit den Worten: 

Gar qui sens a si est montes 
Sor toutes les autres bont^s 
Pour chou que je Toi et sai bien 
Que avant sens ne passe rien, 

Die nun auf diese Verse unmittelbar folgende Stelle ist 
mir besonders merkwürdig vorgekommen, und zwar deswegen, 
weil sie den Namen des Autors des lateinischen Textes, ihn 
romanisirend , selbst mehrere Male nennt. Ich will die be- 
treffende Stelle mittheilen: 

Veit Pierre$ Au/ona translater 
Et si me puls de tant yanter 
Qae se diex me velt maintenir 
Tant qu'a chief en puisse venir 
Et del latin en romans traire, 
Nen est nus qni plus dole plaire. 
Gar Auf 0718 que le livre fist 
De nos boins anchisors le prist 
Qui en grant sens se delitoient 
Ne rien fors sens ne convoitoient 
Poor (chou) que plus se delitast 
Qni oist et qui escontast 
I mist deduis et blas fabliaus 
De gens de bestes et d'oiseaus: 
Mais sachies qu'il nl a deduit, 
Qui ne soit cangies en boin fruit 
Ne voii plus lonc prologue faire 
A l'euvre espondre voil retraire, 
Et diex m'otroit, que si m'aprengne 
Que nus en mal ne me reprengne 
Et que a dieu en puisse plaire 
Et je et chil qui T me fait faire 
Pierres Au/ons qui fist le livre 
Monstra qu*il devoit sens escri(v)re 
Gar tout avant dieu merchia 
Gom il son livre commencha 
Del bien et del entendement 
Que il a done a se gent, 
Apres moustra dont traiteroit 
Pour quoi et comment le feroit 



Eine neuentdeckte altfranzos. Bearbeitung des Petr. Alfonsus. 341 

Pnis fist envers diea s'orison 
Si com drois estoit et raison«, 
Et quant 11 ot fait sa proiere 
Si commencha en tel maniere: 
Ung sagee hons jadis estoit 
Qui a son fii sonvent disoit 
La crieme dieu et sa jnstise 
Soit biax fiez ta marcheandise etc. etc. 

So ist der Dichter bei dem Stoffe, den er behandeln will, 
angekommen, nnd nan ist auch in beiden Texten die Reihen- 
folge der Ermahnungen und Erzählungen dieselbe, wie im 
Petrus Alfonsus selbst, bis zu Conte XXVI bei Meon: Du 
roi Alexandre et du segretain. Diese fehlt in unserm Ineditum. 
Nr. XXXIY der Disciplina aber ist in beiden Texten nicht 
vorhanden. Nr. XXXYI hat Meon nicht; dagegen ist sie in 
unserm Ineditum enthalten, weswegen ich sie hier raittheije: 

Icist siecles vait sans menchoigne 

Tout autresi comme de senge 

Car maintes fois a on songie 

Qae on avoit son col cargie 

Et si grant avoir 7 avoit 

Que nis porter ne le pooit 

Et si tost com 11 s^esveilloit 

Et nnle cose ne trovoit 

Si ayolt sa joie perdue 

Que de noient avoit eüe. 

Uns yilalns songolt qu*il avoit 

Mil berbls et qa'ü les vendolt, 

Uns siens volsins o lui venoit 

Pour cascnne .II. sols offroit, 

Mals le vilains ne'l creantast 

Por rien se plus ne Pen donast, 

Ensl vont del pris estrivant 

Qul celui n'estoit agreant (M. acreant), 

Qui le songe songie avoit 

JX s'esveilla et quant 11 voit 

Que tout estoit songe et menchoigne 

Et que ce avoit este songe 

Les ex commencha a serrer 

Et a baute vois a crier: 

Tu qui bargueignas les berbls 

Por malus les auras que ne dis 

Maine les ent ne m*en lai une, 

Por .XX. deniers aras cascune. 

Fiex de cest siecle autresi vait 
Car quant U hom a tout atrait 



1 



342 WftUenfelB 

Et aime o grans paours 
O grans frois et o grans süours 
Et il cuide bien tout tenir 
Se li estuet tont deguerpir 
Car toat en pen de terme Tait 
Sans recoyrier qne puis y ait 
Tout antresi li ont muchi^ 
Comme a celui qui*s a songi^s. 

Als Probe und um eine Vergleichung zu ermöglichen, 
will ich zum Schlüsse noch einen Abschnitt aus dem Ineditum 
mittheilen , der in der Disciplina elericaiis Nr. XXY, bei Meon 
Nr. XXII bildet, und hier die Ueberschrifb trägt: „Du iarron 
qui enbra^a le rai de la lune.^^ 

Conter Ol ja d'un larrou 

Qui par nuit vint a la maison' 

D'un riebe bomme qne il savoit 

Qui grant plente d'avoir avoit 

Desus le maison s'en monta 

Et droit a la fenestre ala 

Par ou li fus s'en seut issir, 

Sa teste mist ens pour oir 

Et escouta se eil dormoient 

Qui dedens le maison gesoient. 

Li sires del ostel yeilloit 

Par la lune qui cler raioit 

Et luisoit dedens le maison 

Vit bien et connut le Iarron, 

Se femme belement esveille 
' Si li conseilla en Toreille 

Qu' a baute vois li demandast 

Et que gramment Ten eneberquast 

Que li desist dont li estoit 

Venus eil avoirs qu*il avoit. 

Cele fist son commandement; 

Sire, dist ele, estrangement 

Me merveil et si voll savoir 

Comment vous ay^s tel avoir. 
. Dame, dist il, et vous que caut 

La mercbi dien rien ne vous faut, 

Si gardes ebe que vous aves 

Et s*en faites vos Tolentes, 

Et si ne vous caut dont je Toie 

Car nus bons ne nous en plaidoie. 

Sire, dist el, ne monte rien, 

Je n'arai mais joie ne bien 

Desi que je saehe de voir 

Ou aves trovö tel avoir. 



Eine neuentdeckte altfranzös. Bearbeitung des Petr. Alfonsuö. 343 

Dame, dist il, vous \q sares, 
Mais gard^s bien que le ceUs, 
Je sui lierre si emblai tant 
Que je cn sui rieh« et maiiiant, 
Mais laissie Tai la dieu merchi. 
Chertes, dist ele, tel n'oi 
Merveille fu quant par embler 
Peüstes tel cose assambler 
Car onqnes nen fustes ret6s 
Que nous s^ussons ne tnes. 
Dame, dist il, car je savoie 
.1. bdn cam« que je disoie, 
Quant je venoie a le maison 
Isnelepas montoie en son 
Tout droit au louvier m'en aloie 
Ou rai de la lune enclinoie 
Qui par le lovier entroit ens 
Et puis disoie entre mes dens 
Saulem saulem qui tels estoit 
Li cames qui mostr^ m'avoit, 
Car quant .VII. fois Pavoie dit 
Ne m'estovoit puis nul oonduit 
A entrer dedens le maison 
Que tout me metoi« a bandon, 
Le rai de la lune embrachoie 
Et aval lui m'en avaloie, 
La vertus que 11 carne avoit 
Desor le rai me soustenoit; 
Quant je avole tout enquis 
Et quanque je voloie pris 
Ariere a mon rai revenoie 
Et mon carne autretant disoie 
[Par] .VII. fois comme au devaler, 
Puis pooie desus monter 
S eurem ent saus avoir mal 
Et aler amont et aval, 
Desus le rai m*en remontoie 
Et ensemble o moi emportoie 
Che que pris avoie en Tostel 
N'y laissoie ne un ne el 
Qui me peüst mestier avoir: 
Ensi conquis je cest avoir. 

Che dist la dame or sachies bien; 
Que cest carne aim sor toute rien, 
Mult par sui lie quant je T sai 
Car a mon fil l'enseignerai 
Quant il avera son a^ 
Pour sei garder de povrete. 



n 



344 Wallenfels, Eine neuentd. altfranz. Bearbeitung des Petr. Alfonsus. 

Dame, dist il, bien est raisons 
Desormais que nous nous dormons; 
Pour dien or me laissies dormir 
Car ne puis mais les ex ovrir 
Tant m*a sofnmels pris et plaissi^. 
Sire, dist ele, au dieu congie 
Dorm^s vous et je si ferai 
Car ensement gprant someil ai. 
Andui fönt de dormir samblant 
Mais ne dorment ne tant ne quant 
Li sire commenche a fronchier 
Pour le larron miex desvoier 
Et li lierres qui ot oi 
Le came mult s'en esjoi 
Mult i avoit bien entendu 
Et mult l'avoit bien retenu 
II le tenoit bon et verai 
Metre le volra a Tessai 
Quant ses carnes est defines 
Si est desor le rai montes 
Ne se tint decha ne dela 
Pour son came ou tant se fia 
Lait soi aler tout a bandon 
Et il cbiet en mi le maison 
Au caioir fist merveilleus quas 
Et si frainst le cuisse et le bras. 

Si sire del ostel s*escrie 
Comme se il ne 1' seüst mie. 
Qui es tu, Ta, qui cbeens es, 
As tu mestier d'^estre confes? 
Et li lierres li respondi 
Je sui li caitis qui creT 
A ton carne que tu disoies 
Pour coi decboivre me voloies 
Et bien sai que tu le disoies 
Pour moi trair que tu yeoies. 

Biax fiex, dist li peres, trais 
Fu li lierres et mal baillis 
' Pour ce que folement creoit 

Les paroles que il ooit, 
Ja Sans marement ne seroit 
Qui toutes paroles querroit. 

München, im Juli 1863. 

A. Wallenfels, stud. phil. 



Kritische Anzeigen: Irving, History of scottish poetry. 345 

Kritische Anzeigen. Sf 

Irving^ David, The history of scottish poetry. Edited by John Aitken 
Carlyle. With a memoir and glossary. Edinburgh, Edmonston and 
Douglas. 1861. 8. XXXI u. 619 S. 

Das Schottische der sogenannten Lowlands, obwohl nur 
ein Dialect des Englischen, hat seine eigene Literatur, so gut 
wie z. B. das Portugiesische und Catalanische, die beide kaum 
mehr als dialektisch von der Hauptsprache der pyrenaischen 
Halbinsel unterschieden sind, eine eigene aufweisen. Die schot- 
tische Nationalliteratur, ist sie auch nur wenig auf dem Con- 
tinent gekannt, wo man höchstens von den Balladen und Robert 
Bums weifs, hatte doch auch ihre Glanzperiode, in der sie 
der Englands, die damals nach Chaucer in einem hundert- 
jährigen Torpor sich befand, weit überlegen war; diese Periode 
ubfafst das ganze 15. und den Anfang des"^ 16. Jahrhunderts. 
Die Schotten haben während dieser Zeit Dichter, wie Barbour, 
König Jakob I., den blinden Harry, den Sänger des WaUace, 
Robert Henrison, William Dunbar, Gawin Douglas, den anony- 
men Verfasser des köstlichen Fabliau, „The Freirs of Berwick", 
John Bellenden uijd Sir David Lyndsay aufzuzeigen , während 
die Engländer ihnen nur Lydgate, Occleve, Steph. Hawes, 
John Skelton und einige andere noch untergeordnetere Dichter 
entgegensetzen können. Mit dem Emporblühen der englischen 
Literatur im 16. Jahrhundert unter der Elisabethischen Aera 
und mit der politischen Absorption Schottlands durch das 
mächtigere Nachbarland ist aber freilich diese kurze Blüthe 
der schottischen Dichtkunst verwelkt, und eine lange Periode 
gänzlicher Unfruchtbarkeit folgt, in der sich die wenigen etwas 
bedeutenderen Dichter, wie der Earl of Stirling und Drum- 
mond of Hawthornden, der englischen Sprache zu ihren poe- 
tischen Hervorbringungen bedienen, daher ihnen auch in einer 
Geschichte der schottischen Nationalliteratur kein Platz ge- 
bührt. Erst mit dem Anfang des 18. Jahrhunderts beginnt 
durch Allan Bamsay und seine Bemühungen um die Sammlung 
der alten Volkslieder und die Einführung derselben in die 
gebildeten Kreise ein Wiederaufleben der schottischen natio- 
nalen Dichtung, als deren bedeutendster, weit über die Gren- 
zen seines engeren Vaterlandes hinauswirkender Vertreter ein 
halbes Jahrhundert später Robert Bums auftrat, dem sich eine 
bis in die Gegenwart reichende Schule anschlofs. 

Jahrb. f. rom. ii. engl. Lit. V. 3. 23 



1 



346 Kritische Anzeigen: 

Schon Warton, der Vater der englischen Literatarge- 
schichte, hatte die Glanzperiode der schottischen National- 
literatur richtig erkannt und gewürdigt, und den bedeutendsten 
Koryphäen derselben in seinem grofsen Werke den gebühren- 
den Platz eingeräumt; es verstand sich aber von selbst, dafs 
sowohl er als die spätem Literaturhistoriker Englands die Lite- 
ratur Schottlands nur nebenbei und in ihrem Zusammenhange 
mit der Dichtkunst des Hauptlandes berücksichtigen konnten. 
Eine vollständige, auch das minder Bedeutende nicht vernach- 
lässigende Geschichte der schottischen Nationalliteratur existirte 
bis auf die neueste Zeit nicht, denn SibbalcTs Chronicle of 
Scottish poetry from the 13. Century to the union of the crowns 
(Edinburgh, 1802. 8. 4 Vols.) ist keine Geschichte, sondern eine 
umfangreiche Chrestomathie, die aber den Anforderungen des 
heutigen Standes der "Wissenschaft nicht mehr zu entsprechen 
vermag. Es war daher ein sehr danken swerthes Unternehmen, 
dafs Herr Irving vor mehr als dreiisig Jahren die Ausarbei- 
tung einer Geschichte der schottischen Dichtkunst begann, die 
vor länger als zwanzig Jahren, mindestens schon 1839, wie 
dies aus einer Ankündigung in desselben Verf. Lives of the 
scotish writers (Edinburgh 1839) hervorgeht, druckfertig war, 
und wenn sie damals der Oeffentlichkeit übergeben worden 
wäre, gewifs den allseitigsten und verdientesten Dank geerntet 
hätte; heut zu Tage ist man aber berechtigt, etwas strengere 
Anforderungen zu stellen, und vor allem zu verlangen, dafs 
die neueren Arbeiten der Schotten zur Herstellung kritischer 
Ausgaben ihrer älteren Dichter gehörig berücksichtigt worden 
seien; dies ist in dem vorliegenden Werke leider keineswegs 
der FaD; der Verf., der 1860 hochbejahrt starb, scheint seit 
den vielen Jahren, dafs seine Geschichte druckfertig in seinem 
Pulte ruhte, an derselben keine Aenderung mehr vorgenom- 
men zu haben, und der jetzige Herausgeber muls dies selbst 
in seinem Advertisement zugeben. David Irving war aber, 
wie nur wenige in damaliger Zeit, berufen, eine Geschichte 
der Literatur seines Vaterlandes-zu schreiben; seit seiner frühen 
Jugend literarisch thätig, dann durch lange Jahre an der reich- 
sten Büchersammlung Schottlands angestellt, konnte er wohl 
auf diesem Felde etwas Tüchtiges leisten. Ueber Irving's 
Lebensumstände und seine literarischen Arbeiten hat der be- 
rühmte schottische Gelehrte David Laing in dem Memoir of 
Dr. Irving, welches der History of scotish poetry vorangeht, 



Irying, Historj of scottish poetry. 347 

ausfohrliche Auskunft gegeben; wir begnügen uns hier anzu- 
fahren, dafs seine Hauptarbeiten Biographien berühmter Schot» 
ten waren; so sein bekanntestes Werk, die „Memoirs of the 
life and writings of George Buchanan^^ (Edinburgh 1807 > und 
wiederholt aufgelegt), seine „Lives of the Scotish poets*^ 
(Edinburgh 1804. 8. 2 Vols.), „Lives of the scotish writers" 
(Edinb. 1839. 8. 2 Yols.), zahlreiche Beiträge zu der Encyclo- 
paedia Britannica, und vieles andere. Viel mehr als eine Rei- 
henfolge von Biographien der schottischen Dichter, von denen 
viele mit geringen Veränderungen der Encyclopaedia Britannica 
wieder entnommen sind, haben wir aber auch in dieser Ge- 
schichte der schottischen Dichtkunst nicht gefunden. — Aus 
der Ankündigung in den Lives of the scotish writers 1839 
ersahen wir, dafs der Titel des damals angeblich schon unter 
der Presse befindlichen Werkes lauten sollte: „History of 
Scotish Poetry from the middle of the 13. to the commence- 
ment of the 18- Century ^S und wir glauben, dafs der Herans- 
geber des nunmehr erst nach so langer Zeit erschienenen 
Werkes Unrecht gethan habe, diesen Znsatz wegzulassen; mau 
wäre durch diesen richtigeren Titel von vom herein orientirt 
gewesen, was man in demselben erwarten dürfe, während man 
jetzt mit Unbehagen gewahr vdrd, dafs der Verfasser die Ge* 
schichte der Literatur im 18. Jahrhundert, welche die des Wie- 
deraufblühens der schottischen nationellen Dichtung ist, von 
dem Plane seines Werkes ausgeschlossen hat. Eine pragma- 
tisch entwickelte Geschichte des Entstehens, Emporblühens 
und des Verfalls der schottischen Dichtkunst haben wir in 
dieser Geschichte, wie schon bemerkt, nicht erhalten, sondern 
eine chronologische Aneinanderreihung mehr oder minder aus- 
führlicher und zuverlässiger Biographien der Dichter, und Be- 
sprechungen ihrer Werke^ aus denen ziemlich lange Auszüge 
mitgetheilt werden, die bei dem seltenen Vorkommen selbst 
ier modernen Ausgaben schottischer Dichter auf dem Conti- 
lent um so willkommener sein würden, wenn nicht der Ver- 
'asaer -wahrhaft unbegreiflicher Weise selbst die besten neue- 
en Ausgaben unberücksichtigt gelassen hätte und so seine 
Texte häufig unzuverlässig würden, wie vnr uns beispielsweise 
avon bei den Gedichten des William Dunbar, den die Schot- 
311 als ihren bedeutendsten Dichter vor Burns betrachten, selbst 
berzeugt haben; auch hier hat Irving die ausgezeichnete Ans- 
ähe der Werke desselben, die Laing. schon 1834 veranstal- 

23* 



348 Kritische Anzeigen: 

tet hat (The Poems of William Dunbar, now first coUected. 
With note«, aod a memoir of his life. By David Laing. Edin- 
burgh 1834. 8. 2 Vols.), und die für die Geschichte der schot- 
tischen Nationalliteratur überhaupt höchst wichtig ist, zum 
grofsen Schaden seines Werkes nicht benutzt. Der Heraus- 
geber, Herr Carlyle, hat auch die theilweise Unzulänglichkeit 
desselben vollkommen eingesehen und sagt selbst in dem Ad- 
vertisement: „The manuscript of this History of Scotish 
Poetry etc. was put into my hands in December last. After 
due consideration, 1 recommended the publication of it — both 
because there is no other work of the kind, and because it 
contains a great deal of accurate and solid Information, which, 
in addition to its present value, will be of essential nse to 
any one who may hereafter attempt to treat the subject more 
completely and in a more modern form." 

Im Zusammenhange mit dem bruchstückweise, nicht eigent- 
lich organischen Entstehen dieses Werkes steht auch die unver- 
haltnifsmäfsige Ausdehnung, die der Verfasser einzelnen Partien 
angedeihen läfst, während viel wichtigere ganz stiefmütterlich 
behandelt sind; so wird z. B. den poetischen (?) Producten 
König Jacobs VI (von England des I.), die kaum der Er- 
wähnung überhaupt würdig sind, ein Raum von 29 Seiten 
gewidmet; so wird überhaupt die traurige Epoche des Ver- 
falls der schottischen Dichtkunst von der zweiten Hälfte des 
16. Jahrhunderts an bis zur Union der Kronen Englands und 
Schottlands mit zu grofser Ausführlichkeit behandelt, wenn 
wir es gleich nicht für ungerechtfertigt halten können, dafs 
auch diese in den allgemeineren literaturhistorischen Werken 
meist ganz übergangene Periode mit eingehenderer Gründlich- 
keit dargestellt werde. Andererseits müssen wir es aber als 
eine empfindliche Lücke in diesem Werke ansehen, dafs die 
Geschichte des gerade für Schottland so bedeutenden und auf 
die Poesie, namentlich des 18. Jahrhunderts, so einfiufsreichen 
Volksliedes und der ' schönsten Hervorbringungen dieser Art, 
der Balladen, gänzlich bei Seite gelassen wird; denn was 
Herr Irving gelegentlich bei Besprechung des Ursprungs der 
schottischen Sprache über die Balladen und ihre Entstehung 
beibringt (S. 20 ff.), ist ganz unbedeutend und ungenügend; 
im ganzen übrigen Werke wird nur noch der Ballade von der 
Schlacht bei Harlaw Erwähnung gethan (S. 161 f.)? ^le ^^^ 
diesen Namen nur uneigentlich Anspruch machen darf; denn 



1 



Irving, History of scottish' poetry. 349 

dies sehr alte, wahrscheinlich gleichzeitige Gedicht auf diese 
Schlacht, die im Jahre 1411 vorfiel, ist in einem trockenen, 
reimchronikenartigen Stil gehalten; sonst wird nur noch am 
Schlüsse des Werkes der bekannten, für alt ausgegebenen, 
aber entschieden unächten Ballade von Hardyknute gedacht. 
Das schottische Volkslied aber, von dem seit dem 16. Jahr- 
hundert sich so viele echte Perlen erhalten haben, und das 
in so vielen umfangreichen Sammlungen seit anderthalb Jahr- 
hunderten aufbewahrt worden ist, wir erinnern nur an die von 
Ramsay, Herd, Johnson, Cunningham, Chambers und Whitelaw 
veranstalteten, wird ganz mit Stillschweigen übergangen. Da- 
für liebt es aber der Verfasser bei jeder, mitunter auch nicht 
ganz passender, Gelegenheit Proben von seiner umfassenden 
Gelehrsamkeit und ausgebreiteten Belesenheit zu geben; so 
gleich im ersten Kapitel eine Geschichte des Reimes bei den 
Romern und Griechen, eine lange, aber meist Veraltetes ent- 
haltende Digression über die Poesie der Troubadours u. s. w. 
Wollte man überhaupt ein Werk nach seinem Anfang beur- 
theilen, so würde man durch dieses erste Kapitel nur einen 
sehr unvortheilhaften Eindruck von demselben erhalten können ; 
weitschweifige Untersuchungen über Ossian und seine Gedichte, 
über den Ursprung der schottischen Sprache, den Einfluis der 
Araber auf die Literaturen des Mittelalters u. s. w. bringen 
fast nur langst Bekanntes und zum Theil schon lange als un- 
richtig Nachgewiesenes, und sehr wenig, was auf den eigent- 
lichen Gegenstand, die schottische Nationalliteratur, Bezug hat. 
Ein ähnliches unnöthiges, jetzt glücklicherweise mehr und mehr 
aufser Gebrauch kommendes Aaskramen von Gelehrsamkeit fin- 
det sich an vielen anderen Stellen, so bei Gelegenheit der 
Besprechung der metrical romance von Sir Tristrem, die lange 
Anmerkung über Marie de France und den ihr, wie jetzt längst 
feststeht, mit Unrecht zugeschriebenen Antheil an der Verfas- 
serschaft einer brauche des Renard (S. 55 f.); so eine längere 
Untersuchung über die so viel besprochenen Minstrels, die aber 
auch nicht viel neues darbietet (S. 176 ff.)» ^o die ausführ- 
lichen Anmerkungen über Aesop und seine Fabeln (S. 211) 
und über die griechischen Amazonen (S. 117); über das Flu- 
chen der alten Griechen (S. 249 f.) 9 über die makaronische 
Poesie (S. 250 ff.) u. s. w. 

Mit diesem Aufwände von Gelehrsamkeit steht der trockene, 
mitunter ermüdende Stil des Werkes im Zusammenhange, der 



1 



350 KritiBche Anseigen: 

die LectSre zu einer nicht gerade leichten macht, und doch 
glauben wir, wird ungeachtet dieser Mängel dasselbe einen 
bleibenden Platz in der Literaturgeschichte Schottlands einneh- 
men. «Vollständigkeit, so weit sie eben die damalige Kennte 
nifs der Literatur möglich machte, Gewissenhaftigkeit und ge- 
naueste, nur durch langjähriges Studium und innigste Vertraut- 
heit mögliche Kenntnüs der Greschichte und Literatur Schott- 
lands sind dem Werke Lrving^s nicht abzusprechen und werden 
es jedem, der in Zukunft eine Geschichte der Literatur Schott- 
lands schreiben wird, zum unerläfslichen Fuhrer machen. Der 
Herausgeber hat ein freilich ziemlich mageres Glossar dem 
Werke angehängt, und dadurch das Verständnifs der mitunter 
sehr schwer zu verstehenden Auszüge einigermafsen erleichtert. 
Wien. Adolf Wolf. 



The romance of Blonde of Oxford and Jehan of Danunartin by Phi- 
lippe de Reimes, a tronv^re of the 13. centary edited from the 
nnique ms. in the imperial library in Paris by M. Le Roux de 
Lincy. Printed for the Cambden society (Westminster, Nichols and 
Son«). 1858. 4. (XXVH u. 214 S., LXXII Publication der C. S.) 

Die erste Kunde über den Dichter Phüippe de Reimes, von 
dem zwei Romane in einer einzigen Handschrift der grolsen 
pariser Bibliothek — 7609* — vorhanden sind, brachte de la 
Rue in seinen Essais historiques 2,366 ff.; im Jahre 1840 gab 
Francisque Michel den einen, den Roman de Ja Manekine, 
zu Paris heraus, bei welcher Gelegenheit er die Bemerkungen 
seines Vorgängers wieder abdruckte, die Handschrift genauer 
beschrieb und Anfang und Ende des anderen Stuckes, des 
Romans de Jehan et de Blonde, mittheilte. In dem betreffen- 
den Artikel seiner Biographia britannica 2 (1846), 344 fuhrt 
Thomas Wright bereits unter den Editions der Werke Phi- 
lipp's neben der von Michel auch die, welche hier zur An- 
zeige gelangt und deren Druck also schon damals vollendet 
war. Später benutzte Littre die Aushängebogen dieses Wer- 
kes, um von demselben eine sehr genaue Inhaltsangabe im 
22. Bande der Hist. litt, mitzutheilen. Veröffentlicht ist es je- 
doch, nach dem Titelblatte zu urtheilen, erst im Jahre 1858. *) 
Ein Buch, das wenigstens zwölf Jahre zwischen dem Drucke 
und der Herausgabe verstreichen sah, mag auch erst fünf 
Jahre nach seinem Erscheinen angezeigt werden. 

*) Im Jahrbnchc, wohl aus Versehen, unter dem J. 1859 verzeichnet. 



The romance of Blonde of Oxford etc. by Ph. de Reims. 35X 

Den höchst dürftigen Inhalt der Dichtung noch einmal 
vorzufahren, ist durchaus unnothig; es genüge zu erwähnen, 
dais der Dichter dem Mangel an aller Handlung durch sehr 
breite Exposition abzuhelfen sucht. Schildert er nun innere 
Zustande, Seelenkämpfe u. s. w.^ so wird er langweilig; dort 
aber, wo er uns mit Sitten und Gebräuchen seiner Zeit bekannt 
macht, Geräthe, Kleidungen, Spiele umständlich beschreibt, 
regt er das Interesse des Lesers an. 

Ueber den Dichter bemerkt der Herausgeber nichts näheres. 
Dieser nennt sich bekanntlich seihet im Roman de la Manekine 

1 Phelippes de Rim ditier 
und im vorliegenden 

7138 Qtt« Phelippe de Reim gart. 
Beide Verse sind aber, wie von Littre richtig bemerkt, um 
eine Silbe zu kurz. 

In einer Recension des 22. Bandes der Hist litt., welche 
im Athenaeum fran^ais (1853) enthalten ist, stellte Henri Bor^ 
dier die Behauptung auf, der Dfchter der zwei Romane sei 
identisch mit dem berühmten Rechtsgelehrten ^, Philippe de 
Beaumanoir, dont le nom de famille etait Remi. Mais ce fait, 
resultat de nos etudes particulieres, demande pour ^tre etabli 
une demonstration speciale que nous ne pouvons donner ici.^' 
Dieser Ansicht scheint nun anch die Hist. litt, beizustimmen; 
vgl. 23, 680: „Philippe de Remi . . . appele jusqu'ä present 
Phelippe de Reim . . . parait etre le celebre jurisconsulte 
Philippe de Beaumanoir, seigneur de Remi.** Ob der von Bor- 
dier in Aussicht gestellte Beweis irgendwo durchgeführt worden 
sei, ist mir leider nicht bekannt; gewifs ist es, dals der Umstand, 
dafe die Gkdichte Beaumanoir's gerade in derselben Handschr. 
aufbewahrt sind, sehr zu Gunsten dieser Ansicht spricht. 

Die Ueberlieferung des Textes durch die Handschrift ist ziem- 
lich gut; der Abdrudc entspricht dem Rufe des durch zahlreiche 
Arbeiten rühmlichst bekannten Herausgebers. Die Geringfügig- 
keit der folgenden Bemerkungen wird dieses Lob nur bestätigen. 

1) Ungenaue Verse begegnen, aufser den vom Heraus- 
geber als solche bezeichneten, nur noch einige. Dazu sind 
nicht zu zählen: 



*) Ich eitlere nach dem Drucke. In der That sind es aber um 690 Verse 
weniger. Die Zählung springt nämlich von 6090 auf 7000, und 570 ist 
zweimal angegeben. 



352 Kritische Anzeigen: 

5 Pour aacune gens si pereceuse 

33 Est d'oneur aqaerre perecheas 

da perecheus unserem Dichter als zweisilbig gilt. Vgl. 
44 Si preceus estre ne vost pas 

2480 Bien poroit estre si preceus. 
Es wäre daher vielleicht auch besser gewesen, das e im Ab- 
druck zu tilgen. 

920 Qu^ele me dist cose voire 
923 Qu'ele de tant s'avillast 

2451 Qu'il est ä Londres venus 

3697 Qu'on apeloit Robinet. 
Lies überall que , nach welchem Worte unser Dichter mit eini- 
ger Vorliebe den Hiatus zuläfst. Ebenso 3931, 4179. 

1659 Malades ert, de ce vous di bien. 
De ist zu streichen. 

2199 Au conte du Senefore vint 
Senefort wie immer. 

2797 Jehans, qui les sentiers savoit, 
Quant du Senefort se voit 
Au conte erramment congie prent. 
Lies pres du Senefort, 

3041 II seront en mal semaine - male. 

3183 Je doute trop grans fains ne vous viegne-dou^. 

3708 Et pour que reconeus 

Ne soions. — Et p. q. notis rec. 

3903 Qui erent en grans ahans. 
Etwa free -grans. 

4020 Si qu'entour aus asses clere voient — der. 

4127 Quant ainsi courre Torroie — je Vor, 

5049 Sans arreste troussent lor sommiers. 
artest; vgl. 5071. 

5680 Mesmement la bele Blonde — meismement. 

7080 Ou li mauvaise corages tire. 
Michel hat richtig mauvais, 

2) Im Gebrauche der Accente verstofst der Abdruck hier 
und da gegen die erwünschte Genauigkeit und Gonsequenz. 
Nach dem allgemeinen Gebrauche betont der Herausgeber inlau- 
tendes e, wenn es eine Silbe für sich bildet. Man findet jedoch 

34 Et chaitis et maleureus 

87 Pour riens qu'il li seussent dire 



The romance of Blonde of Oxford etc. by Pb. de Reims. 353 

907 Car plas est gries li reftcheis 
1044 J'ai par moi meisme brasse 
und zahlreiche andere ähnliche Fälle. Bei Jehans macht das 
h den Accent nicht nothig; der Abdrack weist bald Jehans, 
bald Jehans auf. Ebenso jehir und jehir, 

Aufmerksamkeit verdienen die Adjectiva u. Participia auf -ie^ 
die bald Masculina («^ einsilbig), bald Feminina (ie^ zweisilbig) sind. 
Der Herausgeber hat sie nicht immer richtig unterschieden. 
657 Li quens et o li la contesse 
O'irent conter sa destrece 
Dont il ne furent mie lie 
Veoir le. vout (1. vont) mout courecie. 
Lies lie (laeti) und coureciL 

1439 Tuit eil qui Taiment mult lie sont — lii. 
Und an vielen andern Stellen (z. B. 1478, 3584-85, 3808-9) 
nahm der Herausg. für das Masculinum die nur im Femininum 
mögliche Form lie an. — Dagegen 

1023 Mais s'ele puet, vengie en ert -- vengie. 
3540 Puis en ont jonchie lear löge. 
Es sind nur sieben Silben. Lies jonchie. 

Die Formen podent 515, oes (opus) 3204, buSs 5972 mit 
dem Accent zu bezeichnen ist unrichtig; öe, iie drücken den 
Laut eu aus. Ebenso überflüssig ist der Accent bei eüt (habuit), 
privedment statt priviem. An einigen Stellen kommt ä (Präpos.) 
statt a (Verbum) vor, z. B. 642, 3554, 3686 u. ,s. w. ; dage- 
gen fehlt der Accent bei remesy grietes 365-66, bei monee^ 
coriree 5415-16 und anderswo. 

Li Bezug auf andere diacritische Zeichen bemerke ich 
1136 Qu'ele s'est co'iement levee. 
Ein neunsilbiger Vers; oi, das dem einfachen i von quietus 
entspricht, kann aber für zwei Silben nicht zählen; das Trema 
ist zu tilgen. 

Die Interpunction könnte oft zum Vortheile der Deutlich 
keit verändert werden. Ein Beispiel mag hier genügen: 
Das Antlitz Blonde's ist weifs und roth: 
288 Si soutilment entr' abatue 

S'est Pune couleurs dedens Fautre 
290 Qu'on ne set de l'une ä l'autre 
La quele a la millour partie 
A ingalment Dix departie, 
La face al blanc et al vermeil. 



354 Kritische Anzeigen: 

Dazu wird bemerkt, dafs die Handschrift A ing, a Dix dep. 
bietet. Ich fasse das a im Y. 291 als Verbum aaf und setze 
nach partie ein Schlufspunkt oder ein Semicolon; das Komma 
nach departie ist dann za streichen. Auch dürfte von den 
zwei a der Herausgabe eher das erste zu tilgen sein. 

3) An unrichtigen Verbindungen oder Trennungen wären 
zu bemerken: 

443 Car onqnes meis deservement 

Ne li convint faire commant — de serv. 
Der Herausg. druckt die in diesem Gedichte sehr häufig 
vorkommende fragende Partikel enne beständig en ne (z. B. 
547, 2579, 2930 u. s. w.) , was entschieden zu verwerfen ist. 

. 935 Aimil oel vous m'aves traf. 
Wohl besser Ai! mi oel, vous etc. 

Raison und Desraison kämpfen im Herzen Bionde's. 
1009 Mais Raisons 

Li a monstre tant de raisons, 
Qu' ades Eaison plus ne s^acorde 
Mais de tout a Raison s'acorde. 
Ainsi s'en fai Desraisons 
En son Heu s'est mise Raisons. 
Offenbar ä Desraison plus ne s^acorde. 

2008 Si sagement son euer navoie 
Que on ne puist apercevoir 
Que dolente est de son monvoir. 
Ich glaube, dafs man n'avoie (ans avoier) zu trennen hat: 
„sie benimmt sich nicht so klug^S 

Jehan behält bei sich seine Schwestern, denn er denkt, 
wenn er einmal Blonde heimfuhrt 

2130 Que les li tenront compaignie — Qu' eles. 
4599 kueus 

Qui avoient aguisie akeus 
Leur coutiaus. 
ä keus (ad cotes). 

5800 Si vous pri que vous nous portes 
Bon euer et del vous deport^s, 
d^ el (de alio) „und andere Qefnhle (Zorn, Hafs, Rachsucht) 
aufgebet ". 

7100 Ne pour Service ne Vau nus. 
Ice dont il est plus tenas, 
C'est a Dien cremir et amer. 



1 



The romance of Blonde of Oxford etc. by Pb. de Reims. 365 

lait, Conj. von laxare; der Schlnüspunkt nach nus ist au tilgen. 
Der HeraoBg. hat offenbar die Stelle nicht veratanden, was 
um 80 mehr Wunder nehmen mufe, als sie schon bei Michel, 
der übrigens die noch deutlfchere Form Imst hat, richtig ab- 
gedruckt steht. 

2047 diluecques st. cPiL; 2483 prist alarmer st ä lar,; 
2901 und 2902 poist men bien st. m^en; 4776 seure st. s'eure 
(suam horam); 7047 quainques st. qu'ainques (quod unquam). 
4)- Hier und da hat der Herausg. unnöthige Bedenken gegen 
einzelne Lesarten. So verändert er Vs. 387 das handschriftliche 
levent leurs mains zu lavent^ obwohl er selbst an anderen Stellen 
das auch in anderen Denkmälern (s. HenscheFs Glossar) vorkom- 
mende und grammatisch vollkommen berechtigte e (a vor einfacher 
Consonanz wird nämlich zu e) stehen liefs: z. B.^4437, 4439 
(reimend auf teve). Vs. 428 wird zur bekannten Form turne 
„sie instead of tumbe^ bemerkt. 

1022 Du desavenant et du lait 

Que ele avoit ä son serjant fait. 
Das a steht nicht in der Handschrift. Der Zusatz ist weder 
von der Syntax noch von der Metrik (da, wie oben gesagt, 
unser Dichter mit Vorliebe qtie vor Vocal unelidiert läfst) geboten. 
1191 tristre in triste zu verändern ist ebenfalls überflüssig, 
da Einschiebung von r nach t sehr häufig und bei diesem 
Worte auch anderweitig zu belegen ist. 

2255 Et ne me doit il venir querre. 
Die Hdschr. hat Enne, die fragende Partikel, welche, wie 
schon erwähnt, in diesem Gedichte ungemein häufig vor- 
kommt und die sonst nirgends vom Herausg. angezweifelt wird. 

3408 Esvillier fait ces Chevaliers. 
Auch hier fugt der Herausg. sie hinzu. Allerdings liefse sich 
ses lesen, da auch anderswo diese Handschrift an die Stelle 
des ^ ein c setzt; indessen ist der Gebrauch des Demonstra- 
tivums statt des einfachen Artikels ein ztt häufiger, als dafs 
man sich hier daran stoDsen sollte. 

3570 H ont leur doublier ploiie. 
Die Hdschr. hat reploiid, der Herausg. meint aber, dafs der 
'C'ers dann neun Silben zählen würde. Sowohl ploiie als dou- 
blier sind aber nur zweisilbig; man vergleiche für das zweite 
Wort, das allein einen Zweifel zulassen könnte: 

3550 Un blanc doublier d'nevre menue. 
Die Hdschr. war also nicht anzutasten. 



356 Kritische Anzeigen: 

Nachdem die picardische Form le statt la far das Femi- 
ninum des Artikels und Pronomens an zahlreichen Stellen 
ohne Bedenken vorgeführt wnrde, halt es der Herausg. für 
nöthig, gegen das Ende 

5134 Et Jehans de ses bras le lie 
beim Worte le ein „«ic" hinzuzufügen. 

5) Hier nun noch einige Emendationen und Conjecturen. 
1312 Trop avoire euer rn'es errant 

Se je plus vous en demandoie. 
Ich lese auroie und meserrant. 

1943 Or nous convient renendre ael 
wozu der Herausg. „stc" hinzufügt. Ich vermuthe entendre 
ä el. Vgl.: 2091 Qu'il leur convint ä el entendre 
4860 Puis leur convint a el entendre. 
2057 Ensement les vy damoiseles 

Ses sereurs, qui erent mout beles. 
Es sind derer nur ij; vgl. Vs. 58, 2081, 2125 u. s. w. 
2078 Apres 90U vesqui pau li peres, 
Du mortel siecle trespassa, 
Li Dex de lui Jehan lassa. 
Dex (Dens) giebt keinen befriedigenden Sinn. Es ist dex (dolor) 
gemeint. Vgl. 2186 li quens du grant duel se lassa. 
2260 Se eis chi a plus de monnoie 
Plus de rikeke et plus de terre 
Que eil qui venir me doit querre, 
Lairai-ge dont, pour sa desserte 
Morir mon ami par destrece? 
Wohl pour sa richesse, 

2270 Maves oam donques feroie 

Se plus bei et millor perdoie 
Et loial amour pour richese. 
Beim ersten Worte hat die Hdschr. Naves und die Emendation 
ist trefflich. Was bedeutet aber oamt Ich vermuthe cange. 
Vgl. 2274 Je ne cangerai mon affairel 

2405 Or gart Jehans qu'il ne demeure; 
Car on puet asses en peu d'eure. 
Jedenfalls pert. 

2793 Ains erra toute jor si fort 

Que jus la nuit vint Osenefort. 
Das Wort jus ist wahrscheinlich statt ver« oder ver verlesen. 
Auch an einer anderen Stelle findet sich 



The romance of Blonde of Oxford etc. by Ph. de Reims. 357 

5815 Ne le biaa semblant ne la eiere 

Qa'il s'entrefont jus la Roine. 
2950 Et Jehans le sentier esploite 
Qui moat rent grant penr eue 
Que s'amie n'eust perdae. 
Lies reut oder nach der Gewohnheit des Heranag. r*6ut aus r-avoir, 
Jeban und Blonde ergreifen die Flucht. 

2978 As cans vienent, leur ovre acuellent. 
Gewils oirre (iter); cLCcueillir^ rectteiUir la voie, Perre, le chemin 
ist ein stets wiederkehrender Ausdruck. 

2993 Casenn jour le bos sejornerent — eL 
Jehan sagt dem Graf von Glocester bildlich, dafs er nach 
dem Besitze Blonde^s trachtet, welcher er gerade vor einem 
Jahre die Rückkehr versprochen hatte. 

2809 Sire, dist il, ains que demonr 

Vous dirai pour coi je m^entour, 
Autant et auques pres de chi 
ün trop bei espervier coisi, 
Del avoir sui en tel bretesche 
Que je i tendi ma proueche. 
Darüber spottet der Graf in seinem schlechten Franzosischen: 
2820 Vostre tendre fu tout pouri, 
Ne puisse durer duskes chi 
Ne bretesche ne oiselete. 
Wie später der Vater Blonde's die Allegorie erklärt, so sagt er: 
Et pour 90U Yous dist il qu'antan 
Ot une bouresce tendue 
La boresche si senefie 
L'amour etc. 
Wir sehen daraus, dafs erstens V. 2811 nicht autant, sondern 
arUan (ante annum) zu lesen ist; dann müssen in den Versen 
2813 — 14 die zwei Endworter ihre Stelle wechseln: 
De l'avoir sui en tel proueche (?) 
Que je i tendi ma bretesche (oder boresche), 
3579 N'a mie hon euer qui desdaigne 

Amours, pour comment qu'on en ait. 
Ich lese tourment: „welcher die Liebe verschmäht wegen der 
Qualen, die sie verursacht"; oder: „so grols auch die Qualen 
sind, die sie verursacht (per tormenti che l'uom n'abbia)". 

Robin begibt sich nach Douvres, um zu erspähen, ob die 
Ueberfahrt nach Frankreich sicher sei. 



358 Miscellen. 

3612 Li contes dist qae tant ala 

Robins, puis quMl paiü de lä 
Oü ses maistres pali Tavoit, 
Que (Toutre vient d'ou la mer vienL 
Der Heraasg. nimmt keinen A^nstofs an dem fehlenden Reim. 
Ich vermnthe: Qu'ä Douvre vient d'oü la mer voit. 

8658 Dedui les mercie de boache. 
Ohne Zweifel De Diu (de Deo). 

3817 Le jour hors aler n'osa, 

Et quant ce vint a la feri 
Li quens etc. 
Lies ä Vaseri. Vgl. 3798 Quant ce venra ä Taserir. 

3838 ün barin de vin. 
Vielleicht nur Druckfehler für bariu = bariL 
4493 Tant ont a eater mise eure 
Qu'il revinrent ä leur pais. 
Wohl errer. 

5363 A sa chevalerie irai 

Ne la puis ne m'en partirai 
D'avoec eus. 
Lies ja. 

5860 Li Rois prist le conte u laver. 
Vielleicht nur Druckfehler statt ä, 

6) Die Verse 2815, 4592, 4847, 5238, 5455 entbehren 
des mit ihnen reimenden; der Herausg. bemerkt dies nur bei 
4592 und vermuthet, dieser Vers sei eingeschoben; wahrschein- 
licher ist überall durch Nachlässigkeit des Abschreibers ein 
Vers ausgefallen. 

Wien, im Juli 1863. Adolf Mussafia. 



Miscellen. 

Philipps von Thaun ^^Livre des Cr^atures''. 
Allgemein wird, meines Wissens, das ältere Werk Phi- 
lipps von Thaun, Liber de Creaturis oder Livre des CrSatures 
betitelt, welchen letztern Titel dasselbe auch in der einzigen 
von ihm erschienenen Ausgabe führt, der von Thomas Wright 
in dessen „Populär treatises on science written dtring the 
middle ages (London 1841)^' besorgten. Da der Inhalt des 
Werkes also vollkommen- bekannt ist, mufs man sich doppelt 
darüber verwundern, wie man bei jenem Titel, der za dem 



Philipps von Thaan „Livre des Creatures«^ 

Inhalt wie die Faust auf das Auge pafst, bislang sich hat 
beruhigen können, dergestalt selbst, dafs von keiner Seite je 
auch nur ein Bedenken darüber geäulsert worden ist Am 
auffallendsten erscheint freilich die Gedankenlosigkeit des Her- 
ausgebers in dieser Beziehung. Aber auch vor dem Drucke 
des Werks war der Inhalt stets richtig bezeichnet worden. 
Das Werk ist, um es kurz zu sagen, ein Computus, und 
gründet sich auf lateinische Werke derselben Art, an welchen 
das Mittelalter ja reich ist. Philipp von Thaun giebt selbst 
im Eingange seiner Dichtung eine genaue Inhaltsübersicht. 
Da die Wrighf sehe Ausgabe^ als eine Gesellschaftsschrift (der 
Historical Society of Science)^ selten genug ist, will ich die 
Stelle, Vers 86 ff., hier folgen lassen, indem ich mich aller- 
dings hierbei auf eine einfache Reproduction des Wright'schen 
Textes beschränken mufs, so sehr er auch mancher Besse- 
rung bedürftig erscheint: 

Kar ore voil comencer i^oe dum voil traiter, 

E capitles poser, 

— — — or les 1 poserai. 

Des ures, e del jor, des nuiz, de lur lungur; 

Des semaines, des nuns des jarz, des mois raisuns; 

Des calendes, des ides, des nones, e des signes; 

De Tan, e chi 1 trovat, e u ele comenchat; 

Del bisexte garder, e en Fevrer poser; 

Del bisexte a la lune, del salt e del embolisme; 

De la Inne qna hom yeit, ainz qu» nuvele seit; 

Des regiilers del jor, del concnrrent yalur; 

Del lunal reguler, des epactes truyer; 

Des termes et des clös, indactluns garder; 

Des equinoctiuns, e des jejnnesnns; 

De la table -raisun Philippe de Thaun; 

De la table -raisan, e de resurr ectiun; 

De la table -raisun Dionisie veium; 

De la table Gerlant, al prüde clerc yaillant. 

Ore finet 11 capitles, si cumencet 11 livres. 

Man sieht, wie der Titel Liber de Creaturis vollkommen un- 
gerechtfertigt, ja widersinnig ist. Aber wir können sofort auch 
zeigen, wie das Werk zu jenem absurden Titel gelangte. Un- 
mittelbar nach der eben citirten Stelle fährt unser Dichter 
nämlich also fort: 

En un livre divin, que apelum Genesim, 

Hoc lisant truvum qute Des fist par raisun 

Le soleil e la lune, e esteile chescune. 

Pur cel me piaist a dire, d'ipo est ma materie, 

Qu^ demusterai e a clers e a lai, 

Chi grant busuin en unt, e pur mei perierunt. 

Car unc ne fud loee escience ceUe: 

Pur 90 me piaist a dire, ore i seit li veir Sirel 



360 Miscellen. 

Incipit Liber de Greaiuris, 
Quant Des fist creatures de diverses mesures, 
Tutes ad num poset sulunc lur qualitet; 
Mais nnitas truvat, quae il tens apelat — — 

und nun geht der Dichter sofort zu den Stunden über, dem 
ersten Kapitel, ganz seiner Inhaltsangabe gemäfs. Die un- 
mittelbar nach der Einleitung eingeschaltete üeberschrift: In- 
cipit etc., ist offenbar das Werk eines unwissenden Abschrei- 
bers, der im Hinblick einerseits auf die vom Dichter eben 
erwähnte ,^ Genesis" und andererseits auf den zunächst fol- 
genden Vers: Quant Des fist creatures etc., flugs sein Incipit 
Liber de Oreaturis hinschrieb. — In einer andern Handschrift, 
auch aus dem 12. Jahrhundert, welche sich in der Bibliothek 
der Kathedrale Lincoln's, unter D. 4. 8., findet, trägt das Werk 
dagegen, und zwar sogleich ganz vorn, wie es sich gehorte, 
d. h. noch vor der Einleitung, die einzig richtige üeberschrift: 
Hie incipit computus secundum Philippum, (S. Wright's Pre- 
face, p. XII.) Wie es sich rücksichtlich des Titels in den 
andern Handschriften, deren Wright gedenkt, verhält, erfahren 
wir freilich nicht, da Herr Wright an jenem sonderbaren 
„Liber de Creaturis" ja gar keinen Anstofs genommen, üeber- 
haupt sind die Angaben des Herausgebers über die Hand- 
schriften sehr dürftig und unvollständig. Und dies ist noch 
aus einem besondern Grunde zu beklagen. Das Werk scheint 
nämlich, was Wright auch gar nicht bemerkt hat, in seiner 
Ausgabe, und wie nicht anders anzunehmen, auch in der ihr 
zu Grunde liegenden Handschrift offenbar unvollständig. Es 
endet da mit den CUs. Ganz abgesehen von der Frage, ob 
manche der nach den Cles in der Inhaltsübersicht Philipps 
aufgeführten Gegenstände, deren der Dichter im Vorausgehen- 
den nur gelegentlich gedacht hat, nicht hier noch einmal eine 
selbständige Behandlung zu finden hatten, — fehlt doch durch- 
aus ein Schlufs und ein Schlufswort, wie sich beides, im voll- 
kommenen Gegensatz zu unserm Computus, am Ende des Bestiari 
zeigt, wo der Dichter eine kurze Recapitulation des Inhalts giebt 
und darauf mit einem „Amen" abschliefst. — Beide Werke Phi- 
lipps von Thaun verdienten eine genauere , sorgfältigere literar- 
historische Untersuchung als ihnen bisher zu Theil geworden, 
der aber allerdings eine bessere Herstellung des Textes, wel- 
cher in der Wright'schen Ausgabe als eine blofse Copie einer 
einzelnen Handschrift erscheint, vorauszugehen hätte. Möchten 
diese Zeilen hierzu die Anregung geben. Ebert. 



1 



Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig. 



Volksthüml. Benennungen von Monaten u« Tagen bei d. Romanen. 361 

Volksthümliche Benennungen von Monaten 
und Tagen bei den Romanen. 

Wenn auch der romische Kalender allmählich fast in 
ganz Europa die heimischen Benennungen der Monate 
verdrängt hat, so findet man doch selbst bei den roma- 
nischen Völkern noch hier und da Monatsnamen vor, 
welche von den lateinischen abweichen und deutlich dar- 
auf hinweisen, dafs ursprünglich andere, grofstentheils 
sinnigere und charakteristischere Bezeichnungen üblich 
gewesen sind. 

Namentlich haben die Bewohner der Insel Sardinien 
fiir die meisten Monate des Jahres neben den von den 
Römern überkommenen Namen eigene volksthümliche Be- 
nennungen, und bei den Romanen werden beinahe alle 
Monate in der täglichen Redeweise nait Namen bezeich- 
net, welche nicht im Kalender stehen. 

Ebenso sind zwar die Tage und Festzeiten des Jah- 
res bei den Romanen den Benennungen der Earche ge- 
mäfs benannt, aber auch zugleich vom Volke nicht selten 
mit Beinamen versehen worden, welche nach und nach 
den Sieg über die Kalendemamen davongetragen haben. 

Da es nun nicht blofs für den Culturhistoriker, son- 
dern auch für den Sprachforscher von grofsem Interesse 
sein dürfte, diese Namen einer genauem Prüfung zu un- 
terwerfen, so wollen wir hier die volksthümlichen Benen- 
nungen von Monaten und Tagen mittheilen, welche wir 
bereits gesammelt haben. 

Unter den italienischen Dialekten zeichnet sich, wiö 
schon bemerkt, der sardinische durch seinen Reichthum 
an eigenthümlichen Monatsnamen aus, und die Bezeich- 
nung des Septembers Capidanni^ im dialetto meridionale 
Cabudanni, beweist, dafs ehemals das Jahr nicht wie bei 
den Römern mit der Frühlings - Tag- und Nachtgleiche 
oder dem März, sondern wie bei den alten Slawen und 
einigen griechischen Stämmen mit der Herbst -Tag- und 
Nacbtgleiche oder dem September begonnen hat, indem 
der Ausdruck gleichbedeutend mit Capuda/nnu (im dial, 

Jahrb. f. rom. u. engl. Liu V. 4. ^ 24 



1 



362 Heinsberg . Düringsfeld 

Logudarese Cahuannu)^ dem jetzigen Namen des ersten 
Januars oder NeujahrsUges, ist, welcher im dial. meri- 
dionale annu nou heifst. ^) 

Die Benennungen der ersten fünf Monate : 
(dial. Logudar.) Bennarzu ; Frearzu^frecUzu ; Martu^ maltu ; 
(dial. meridion.) Gennargiu ; Fiärgiu ; Mar zu ; 

(dial. settentrion.) Gennaggiu ; Friäggiu ; Martu; 

(dial. Logudar.) Abrüe; Maju; 
(dial. meridion.) Abrili; — 

(dial. settentrion.) Abbrili ; Maggiu ; 
entsprechen den Kalendemamen der Romer; ebenso die 
Bezeichnung des Augustes: austu oder su meae de austu. 

Der Juni dagegen wird lämpadas (im dial. settentrion. 
lämpata^ im dial. meridion. Tnesi de lämpadas) genannt, 
was entweder „BUtzmonat", oder „klarer, glänzender 
Monat ^^ bedeuten kann, und in diesem Sinne an den 
sbukra (hell) und shukhi (glänzend), die Sommermonate 
der Inder, erinnert. 

Die Namen des Juli: triulas^ im dial. settentrion. 
triula und im dial. meridion« treulos oder mesi de argiolas, 
beziehen sich sämmtlich auf das Dreschen, indem treulai, 
triulare^ dreschen, und argiöla (von arzoläre^ Korn mit 
Pferden austreten) Tenne heifst, und stimmen deshalb 
mit der albanesischen Bezeichnung des Juli: Xova<; oder 
aXova^, Dreschmonat, und der esthnischen des October: 
rehhe-rku (von rehhi, dreschen) oder rühhe-ku, Tenne- 
monat, überein. 

Auch die Benennung Cabidanni für September kehrt 
dem Sinne nach in andern Sprachen häufig wieder, in- 
dem nicht nur das romanische Cärindariu und albanesi- 
sche KaXev^ou^^ sondern auch das baskische Urtarilla, 

^) Ein ganz ähnlicher Fall findet hei den Albanesen statt, welche 
zwar den Januar KaXev5o\>^, Kalender- oder ersten Monat, nennen, 
aber in der Ri^a noch immer den ersten September als Jahresanfang 
betrachten, lUid wiederum den September als ersten Herbstmonat (ßj^örsy 
Herbst, September) bezeichnen, während die Sardinier sprichwörtlich 
sagen: 
Octo dies innantis, octo dies pustis de Sancta Maria ispezzat attimzu 
[Acht Tage Tor, acht Tage nach Maria Geburt (8. September) fkngt 
der Herbst an]. 



Volksthüml. Benennungen von Monaten n. Tagen bei d. Romanen. 363 

das leitische Jauna gadda mehnefs (von jauns, jung, neu, 
und gads, Jahr) und das esthnisohe Neäri-ku (von neäri, 
Neujahr) dieselbe Bedeutung haben und deshalb zur Be- 
Zeichnung des Januars, des jetzigen ,,Neigahrsmonats^S 
dienen. 

Der October heifst in der südlichen Mundart Sar- 
diniens mesi de ledaminisy DungermOnat, vom lat. laeta- 
men, iix der nördlichen und logudoreser ab^r Santuaini, 
in der gaUureser SantigcUni, ein Name, dessen wahre 
Ableitung noch zweifelhaft bleibt. Mahnt er uns auch 
auf den ersten Anschein an den Halegmunät oder No- 
vember der Dieutschen in Norditalien und den Häleg* 
monath der Angelsachsen, welcher bald den September, 
bald den October bezeichnete, so gebt doch auq den 
Benennungen der beiden folgenden Monate hervor, dals 
er christlichen Ursprungs ist. Es fragt ^ich nur, at^t 
welches Fest er sich bezieht Aus der wörtlichen Be- 
deutung von Santuaini (santu aiui, heiliger Esel) könnte 
man auf eine besondere Verehrung des Esels Christi 
schliefsen, wie solche z. B. einst in Mailand üblich war, 
indessen aller Wahrscheinlichkeit nach ist es da^ Schutz- 
engelfest (i santi Angeli Custodi, am 2. October), wel- 
chem der October seinen Namen in Sardinien verdankt, 
um so mehr, da dieser Monat in der katholischen Kirche 
bekaimtlich den heiligen Engeln geweiht ist. 

Der November wird im Süden von Sardinien Totua- 
santm^ AUerheiligenmonat , vom gleichnamige^ Feste 
(1. November), in den übrigen Theüen der Insel Santu 
Andria^ Sanct- Andreasmonat, vom Tage St.-Apdrea 
(30. November), genannt, und beide Benennungen %den. 
wir nicht nur in dem mindszent hava (AUerheiligen- 
monat) und szent Andras' hava (St. -Andreasmonat) 4er 
Magyaren als Bezeichnungen des October und Npvepaber^ 
sondern auch in dem mittelhochdeutschen alrehUge^maint 
und sant Andreismaint des Niederrheins als Bezeichnun-f 
gen des November und December wieder. ^) 



1) Die Albanesen verstehen unter öfiv Eydp^ oder ^t Ivöpe, Sapc^ 
Andreasmonat, ebenfalls 4ep Pecember, 

g4* 



364 Beinsberg -Dfiringsfeld 

Auch die volksthümlichen Namen des December: 
Nadäle (im dial. Logud.), Naddäli oder Natali (im dial. 
settent.) und Nadali oder mesi de paechiaedda (im dial. 
merid.), welche sich sämmtlich auf das Weihnachtsfest 
oder Christi Geburtsfest (nadale, natali) beziehen, haben 
zahlreiche Analogien in andern Sprachen. 

Die Deutschen haben ihren Christmonat (mittelhoch- 
deutsch Christmonet, plattdeutsch Eristmaand); die Hol- 
länder ihren Kers- oder Eerstmaand; die Magyaren ihren 
Karäcson' hava (von Ear^son, Weihnachten); die Esthen 
ihren talwiste- oder talwiste puhhä ku (von talwiste pfihha, 
Weihnachten); die Kroaten ihren Velikobo^iönjak (von 
boiiö, Weihnachtsfest) und die Polen Schlesiens ihren 
wanoönik (von wänoce, Weihnachten), während der angel- 
sächsische Giuli, der dänische juelmaaned, der schwedi- 
sche julmänad, der finnische joulukuu, der lappische jou- 
lomano und der esthnische joulo ku vom heidnischen 
Jul- oder Wintersonnenwendenfest herrühren, das dem 
christlichen Weihnachtsfest vorausging. 

Die Lombarden haben aus Gennajo (venetianisch 
Genaro) Genar (in Bergamo Zener)^ aus Febhrajo (vene- 
tianisch Febraro) Fehrar (in Bei^amo Febrer)^ aus Marzo 
Marz^ aus Maggie (venetianisch Magio) Mas und Mag^ 
aus Giugno Giogn und Giügn (in Bergamo Zögn)^ aus. 
Luglio (venetianisch Lugio) Löi^ Lui oder IjuI und aus 
ÄgoHo AgoBt gemacht, und Settembrey Ottobre und 2)i- 
cembre in Setember, Otober und Desember verwandelt. 

Auf der Insel Sicilien hat sich die Gewohnheit er- 
halten, den Juli Giugnlttu, kleinen Juni, zu nennen ^), 
die wir auch anderwärts häufig finden, und in Toscana^ 
sowie in Oberitalien herrscht der Brauch, von den Mo- 
natsnamen selbst Verkleinerungs - oder Yergrofserungs- 
worter zu bilden. So heifst es vom Februar im Tosca- 
nischen: 

Febbrajetto, 
Corto e maladetto! 

1) Die übrigen Monate führen im Siciliauischen die Namen : Innäru, 
Friväru, Märzu, Aprilu^ Maju, OiugnUy Agustu, Sitthnbri oder Sittemmiru, 
Ottubri, Nuvemmiru und Dicemmiru, 



Volksthüml. BenenniiDgen von Monaten u. Tagen bei d. Romanen. 3ßb 

im Venetianischen: 

FebraretOy 
Ogni erba buta fora '1 so becheto! 
und im Furlanischen: 

Febrarut^ 
Ogni erba buta fora U so becutl 
Femer vom März im Venetianischen: 
Marzo mwrzan, 
Ti me fa morir le piegore e anca 'I molton! 
und im Brescianischen: 

MarZy Marzöriy 
Tri cattiv e un bon! *) 
Vom April im Bergamaskischen: 

Aprily AprilUy 
Toc i de on sguazzet! 
oder im Venetianischen: 

Aprüe, AprüetOy 
Ogni giomo un gozzeto! 
und im Toscaniscben: 

Aprü^ Apriloney 
I Noii mi farai por giü il pelliccione! 

und endlich vom Mai in Mailand: 
Mag^ Magion^ 
A ti la to rosa, a mi el peliscioni 
oder auf venetianisch: 

MagiOj Magien^ 
A ti la to rosa, a mi '1 pelizzon. 
Auch lieben es die Italiener, von den Monatsnamen 
Zeitwörter abzuleiten, welche eigentlich die Witterung 
der betreffenden Monate bezeichnen sollen, mitunter aber 
auch in einem derselben entsprechenden geistigen Sinne 
angewandt werden. So bedeutet marzeggiare (sicilianisch 
marziäri) nicht blos das rasche Wechseln von Sonnen- 
schein und Regen^ wie im März , sondern auch veränder- 
lieh seiriy schwanken y und sprichwörtlich sagt man: 



1) Aehnlich vom April: 

Avril, Avnlettj 
u de cold, ü de frecc. 



806 Reinftberg - Duringsfeld 

(bergam.) Se '1 Zener nol zeneresa^ 

Fevrer fa ona gran scoresa, 
oder: 
(mail.) Se Gener no '1 genareza^ 

Se Febrar no 1 febrarlza, 

März el trk na gran Booreza; 

Se Fehrwt no '1 febrarlza^ marz el verdeza; 
(venet.) , Se Febrar o öo febriza^ Marzo mal pensa; 
(toscan.) Se Febbrajo non febbreggia^ Marzo campeggia; 
(sicilian.) Si Frivaru 'un frivia^ Marzu *un erburia, 

und: 
(venet.) Se Marzo no marteggia^ April mal pensa. 

Spottweis nennen die Venetianer den Januar: Genaro 
dal deute limgo; die Bergamasken aber: Zener, over, 
gleich dem toscanischen Gennaio^ (wada. Der Februar 
heifst auf der Insel Sardinien: Frea/rzu fades fades (Fe- 
bruar mit zwei Gesichtern), oder Frearzu traitore; der 
März im Venetianischen : Marzo dai nove colori; im Sici- 
lianischen: Marzu pazzu, und im Toscanischen: Marzo 
mala fede^ weil J^eide Monate sehr veränderliches Wetter 
haben. Den April netinen die Venetianer: April dal dolce 
dormir, und den Juli die Sardinier: TViulas triulado, 
Plagejuli, weil die Landleute dann angestrengter arbeiten 
müssen als in andern Monaten; oder: Triulaa depidore^ 
et au8tu pagadorey Juli Schuldner und August Bezahler, 
weil die armem Bauern in der Regel am Ende der Ernte 
die während des Jahres gemachten Schulden bezahlen. 

In der churwällischen Sprache haben nur die Mo- 
nate Juni und Juli die volksthümlichen Namen Zerdadur 
(Zao'dadur) und Fanadwr (Fenadur) behalten, welche 
geoau .den schweizerischen Brachmonat und Heumonat 
(mittelhochdeutsch brächot und houwot) entsprechen und 
ihnen nachgebildet zu sein seheinen. Dieselbe Analogie 
dürfte auch bei der Bildung des proven^alischen Geskerech 
(ghieskerec) von gaskiere, gMeskere, Brache, und Fenerec 
(vom lateinischen foenum), des altfranzosischen mois de 
resailhy mit welchem man sowol Juni wie Juli bezeich- 
nete, und des wallonischen foenal oder final und aom- 
mertras oder somairtras eingewirkt haben; denn somair^ 



I 



[ 



Volksthüml. Benennungen ton Monaten n. Tagen bei d. Romanen. 367 

Bommert oder somar bedeutet ,,Brächland^ Brache^S oder 
,yLand, das ruht", weshalb man somairtrtu nicht bloa für 
den Juni, sondern auch für den März anwendet; final 
aber ist die Zeit der Heuernte, das lateinische fenicula- 
rium des Mittelalters. 

Der Name seval oder sefal^ welcher im Wallonischen 
für Juli vorkommt, wird zwar von einigen ebenfalls von 
savarty savarz^ Brache, abgeleitet, konnte indessen mit 
mehr Wahrscheinlichkeit vom alten seif^ Trockenheit, 
herkommen, und so dem angelsächsischen searmönath 
(Juni), dem litauischen deggsis (August) und dem letti- 
schen papues mehnefs (Juni) entsprechen, Bezeichnungen, 
die sich sämmtlich auf die Hitze und Glut des Som- 
mers beziehen. 

Den Februar nennen die Wallonen |>'^V wew, kleinen 
Monat, weil er kürzet ist als die andern, und der Juli 
heifst in vielen Gegenden Frankreichs noch Juignet^ klei- 
ner Juni. Der Januar ward in den französischen Provin- 
zen ehemals häufig als onzieme mois, der Februar als 
douzieme mois bezeichnet, weil das Jahr „secundum sty- 
lum Franciae*' oder „more Galliöano" einst mit Ostern 
oder mit dem 25. März begann, und der Februar hieis 
nicht selten 7xio%9 du Purgatoire wahr^id das altfranzösi«^ 
sehe Deloir oder fnuns de Voir den December bedeutete, 
weil die Geburt Christi, des „Erben Gottes", in diese» 
Monat fällt. 

In den Patois der französischen Schi^eiz, welche 
reich an volksthümlichen Benennungen sind, haben dich 
zwar alle heimischen Monatsnamen vedören, aber einige 
ausdrucksvolle Bezeichnungen für Jahreszeiten erkalten^ 
die in keiner andern romanischen Muüdart üblich sind. 
So heifst der Sommer tzotirij warme Zeit, der Frühliüg 
fouri oder /wW, und der Herbst aderri, Anhatigsel (von 
adhaerere), was die Behauptung bestätigt, dafs mdn ur- 
sprunglich nur drei Jahreszeiten ahnshtn. 

Auch die Proven^alen geben dem Herbst, heben dem 
gebräuchlichem Ausdruck automs, den Namlen gahin^ S<^y^9 
going y 2ieit, wo man die Fruchte sammelt (gaina), uüd 
die Catalonier nennen ihn la tard^r. 



36g Beinsberg -Dimngsfeld 

Wie in den italienischen Dialekten, finden wir nicht 
minder in den nord- und südfranzosischen und spanischen 
Mundarten, sowie im Portugiesischen den Brauch, von 
den Monatsnamen Verkleinerungs- oder Vergrofserungs- 
worter und Zeitworter zu bilden. So 
(picard.) FSvrier^ Fhrioty 

Si tu geles, t' engfeleros mes t' chiots! 
oder: 

Fibruarioty 
Si tu giles, gele pas mes piots! 
(Patois der Schweiz.) Se fivrai ne fivrottej mar vein 

ke to debliotte! 
(andalus.) Febrerillo el loco 

No paso de veinte y ocho. 
Sacö SU Padre al sol 
Y despues lo apedreö. 
(portug.) Mar^o marcegäo^ 

Pela manhäo rosto de cäo a tarde Veräol . 
und: 
(andalus.) Cuando marzo mayBa, 

Mayo marzea. 
Die Romanen haben in der täglichen Redeweise des 
Volks blos für den Februar, März, April und August 
die den romischen Kalendemamen nachgebildeten Benen- 
nungen Fäurariü, Martisiorü, PW^f und ^w^t^^ö ange- 
nommen, för die übrigen Monate aber ihre alten heimi- 
schen Bezeichnungen beibehalten. Daher wird der Januar 
nicht Januariy sondern Cärindariü^ Kalender- oder Neu- 
jahrsmonat, ähnlich dem albanischen KoXsvSovc? der Mai 
von dem Florafeste, das noch immer am 1. Maisonntag 
gefeiert wird, Florariü^ und der Juni Ciresiariä^ Kir- 
schenmonat, genannt. 

Der Juli heifst CuptoriÜ, Brennmonat (wortlich Ofen- 
monat), von der Sommerglut, nach welcher die Deutschen 
in Südungarn und im Banat den Juli Wärmemond und den 
August Hitzemond, die Serben den Juli zar, und die lau- 
sitzer Wenden denselben Monat pra^nik (von prazi<^ dorren, 
schmoren) benennen. DerName-des September istRäpduney 
ein Ausdruck, der noch zu erklären bleibt, und der No- 



Volksthüml. Benennungen von Monaten u. Tagen bei d. Romanen. 369 

vember heifst Brumariüy Keifmonat, wovon man JSrwwÄ- 
rellu zur Bezeichnung des Octobers gebildet hat. Wir 
finden hier also das in den alten slawischen Dialekten 
geltende Gesetz wieder, bei der Verknüpfung zweier 
Monate durch einen Namen den zweiten oder gewisser- 
mafsen kleinern nicht, wie es jetzt geschieht, nach-, son- 
dern vorzusetzen. *) 

Die Benennung des December, Undrea, ist ebenso 
dunkel wie die des Septembers, wenn man nicht anneh- 
men darf, dafs sie aus dem „ Andreasmonat ^^ anderer 
Volker entstanden ist, mit welchem man, wie wir be- 
reits gesehen haben, bald den November, bald den De- 
cember bezeichnet. 

Die Namen der Wochentage sind mit wenigen Aus- 
nahmen in allen romanischen Sprachen und Dialekten 
aus den lateinischen abgeleitet. Nur die Portugiesen 
zählen, wie bekannt, die Tage vom Montag bis Freitag, 
als : aegunda — terga — quarta — quinta — seata feria. 
Die Bewohner Graubündt^ns haben zur Bezeichnung der 
Mittwoch das Wort mesjarrma dem Deutschen nachge- 
bildet, und die Sardinier gebrauchen im Norden der In- 
sel statt giohi häufig aa quinta die de sa chida, während 
sie den Freitag blos im dial. settent. v^nnari^ im diaL 
merid. aber cenabara^ im dial. Logud. chenabuo'ay vom 
lateinischen coena pura, Mahl aus trockenen Speisen, 
nennen, weil an ihm streng gefastet wird. *) 

Die Woche selbst heifst auf Sardinisch chida (im 
dial. settent. chedda, im dial. merid. cidd)^ was einige 
aus dem Griechischen (Arbeit), andere vom etruskischen 
iduare, trennen, ableiten, und die Fasttage werden in 
Florenz giorni neriy in Venedig zorni magri genannt, wo- 
gegeh die de magre im Catalonischen einen halben Fast* 



1) So bezeichnet z. B. Serwnec oder 6rVen menäi im Altezechischen 
den Juni, und 6r'wen oder SrVen welik;^ den Juli; mali srpan im 
Slowenischen den Juli und velki srpan den August, und mali traven 
im Altkrainerischen den April, velki traven den Mai. 

^) Parasceven, coenam puram Judaei latine usitatius apud nos 
vocant. Coena pura nempe quod ex aridis tantum cibis constabat. 
(S. Agust. tract. in Johan. 7. 6.) 



370 Reinsberg-Düringsfeld 

tag oder Fischtag (die de peia, castil. dia de viSmesJ 
bedeutet. 

Der Sonntag hat beim sicilianiscben Volke zweierlei 
Namen: duminicaria und duminichina^ indem man mit 
der letzten Benennung die Fastensonntage bezeichnet, 
an denen man sich nur mit Mafsen unterhalten darf. 
Der Donnerstag wird im Venetianischen und in der 
Lombardei eioba (in Como giohjiMa)^ bei Verona und 
Vicenza jedoch zobia^ und bei Bergamo abwechselnd 
ifobia und gioedij auf der Insel Sardinien im diaL Logud. 
jöbia oder giöja^ im dial. merid. gidbia und auf Sicilien 
jdvidi oder jovu^ genannt. 

Die Sitte der Handwerker, am Montag wenig oder 
nichts zu arbeiten, welche bei den romanischen Völkern 
ebeoso verbreitet ist, wie bei den germanischen, heifst in 
Bergamo fä 7 leunedij in Toscana fare la lunediana, in 
Parma lundiana, bei den Rumänen A serba Itmea oder 
luecia und in Frankreich la saint lundi oder faire le lundL 

Die Hauptfeste des Jahres werden in ganz Italien 
und auf der pyrenäischen Halbinsel noch immer Paequa 
(spSLTt. paBcuäy povixxg^ pascoa) genannt Und durch Zusätze 
unterschieden. Paaqua (sardin. Paaca^ Pascha) allein be- 
deutet Ostern oder Pasqua di remrfezione, waches die 
Venetianer Pasqua gYamda oder dei f>om , Eierostern (par- 
mesan. Pasqua dalV ohiv) , die Toscaner Pasqua maggiore, 
P. cPorOy P. d'uovo und P. d'agndlo nennen. Fällt Ostern 
früh, heifst es Pasqua bassa^ in Parma Pasqua col ceppo, 
weil man dann oft noch feuern mufs; fällt es spät, Pew- 
qua alta^ in Parma Pasqua ßorita. 

Unter den gleichbedeutenden Ausdrücken (sardin.) 
Pascha de ßores und (sicil.) Pasqua di ciuri dagegen ver- 
stehen die Sardinier und Sicilianer Pfingsten^ das die 
erstem im Süden der Insel mit dem Namen Pascha de 
SU Spiridu Santu und die letztem auch gleich den Ita- 
lienern Mittel- und Oberitaliens als Pasqua rosata oder 
Rosenostern (latein. Pasqua rosarum) bezeichnen. Die 
Toscaner nennen es nicht blos Pasqua rosata oder rugiada, 
sondern auch Pentecoste und festa dello Spirito Santo, die 
Parmesaner Pasqua rolvsa (P, rugiada)^ die Venetianer 



Volksthüml. Benennimgett vonMoaateti n. Tagen bei d. Romanen. 371 

PoBqua de mazo^ weil es itteistens in den Mai fällt 5 und 
und die Lombarden PmtecoBt. In Portugal heifst Ostern 
Pascöa oder Pascoa da Remrreifao^ wie in Spanien (castil. 
Pascua de Remrreceion^ catal« Pa$qua de Resurrecdö)^ 
und Pfingsten, das im^Casiiiliaüischen Pasctia oder ßesta 
de Pentecostes y im Catalonischen Sinchogesma oder festa de 
Pentecostes genannt wird, Paeeoa do Espirieo Santo. 

Die Franzosen gaben zwar früher ebenfaUs jedem 
hohen Feste den Namen Päque^ z. B. la Päque de rAscei^ 
sion^ Himmelfahrtstag; la Pdque de PEpiphanie^ Drei** 
königstag; la Paque de la NaPimUj Christtag; la grande 
Päque oder la Päque de la r^enrrection^ Ostern, und la 
Päque de la Pentecdte oder la Pdque dee rosea^ Pfingst^i, 
haben ihn aber blos noch zur Bezeichnung der Sonntage 
ihrer ^^quinziadne de Päquee'^ beibehalten, indem sie das 
Osterfest Päquee, den ihm vorangehenden Palmsonntag 
Päques fleurüs oder P. demand^e (vom lateinischen Pasqua 
floridum oder petitum s. competentium) *) und den darauf 
folgenden Sonntag Quasimodogeniti , welcher die eem&ine 
de Päquee schliefst, Päquee eloses (vom latein. Pasqua 
clausum) nennen. Für Pfingsten dagegen hat man all- 
gemein die Bezeichnung la PentecSte (vom latein. pente- 
coste) angenommen, unter welcher man ehemals in Frank* 
reich die ganze Zeit von Ostern bis Pfingsten verstand, 
und nur selten hört man noch la Pdque des fleura oder 
des roses. Auch der sonst übliche lateinische Ausdruck 
Pascha militum, welcher daher rührte, dafs in Frank* 
reich gewöhnlich die Ritterorden zur Pfingstzeit vertheilt 
wurden, ist ebenso aufser Brauch gekommen, wie die 
-Benennung Päques nhves^ Neuestem, welche das Osterfest 
führte, so lange es als Jahresanfeng diente.^) 

1) Der Name rührt von der Sitte her, die Catechumenen an die- 
sem Tage zu instruiren und zu examiniren. 

^ Bekanntlich gab König Karl IX. schon im Januar 1563 ein 
Edikt, in dessen 39. Artikel er befahl, in allen öffentlichen Urkun- 
den den 1. Januar als Jahresanfang ansunehmen, und TefAchärfte die- 
sen Befehl noch durch das £dikt von Boussillon vom 4. August 1Ö63. 
Gleichwol folgte das Parlament von Paris bis 1567, die Kirche von 
Beauvais sogar bis 1580 dem alten Herkommen, das Jahr mit der 
Weihe des Wassert oder der Osterkerze am Charsamstag zu beginnen. 



37 2 Reinsberg * Duringsfeld 

Der Palmsonntag wird abwechselnd jour des Rameaux 
(proyenpalisch jorn de Rams oder Rami)^ dimanche des 
Rameaux und dimanche des Bades, in der Picardie Paques 
Bo oder Paques a bouis genannt, weil man statt der Palmen 
Bachsbaumzweige oder andere Zweige mit Beeren weiht. 
Die Wallonen in der Umgegend von Ath bezeichnen ihn 
als petite Päque^ da mit ihm die Char- oder heil. Woche 
beginnt, und die Bewohner von Huy nennen ihn noch 
immer dimanche du grand Careme, weil an ihm ehemals 
eine Yertheilung von Häringen stattfand. ^) 

Die Woche, welche mit dem Pahnsonntag beginnt, 
heiät in Frankreich semaine sainte, semaine de la Croix^ 
semaine muette (weil die Glocken drei Tage lang stumm 
sind, 9)P0ur aller ä Bome^^, wie man sprichwortlich sagt), 
auch la grande semaine, in der Picardie semmne peneuse 
und in Italien settimana penosa (vom latein. septimana 
poenosa), oder wie in Spanien und Portugal seUim>ana 
Santa (ital., castil. und portug. semo/na santd). Während 
aber in den letztgenannten Ländern in der Regel nur der 
Gründonnerstag, der Charfreitag und Charsamstag als 
„heiligt' bezeichnet werden: 

catal. castil. portag. 

dijous sa/nt judves santo quinta feira santa; 

divindres sant viernes santo seata feira santa; 

dissapte sant sdbado santo sabbado santo; 

nennt man in Italien und Frankreich jeden Tag der Char- 
woche „ heilig ^^, und gibt in der Picardie dem Gründon- 
nerstag und Charfreitag die Namen blanc josdi oder jour 
du blanc Dieu, und aor4. Aori ist der Tag, wo man 
„va aorer (adorer) la croix", blanc josdi entweder dem 
viamischen witten donderdag nachgebildet, oder gleichen 
Ursprungs mit ihm. Die Benennung jour du blanc Dieu 
scheint jedoch der gewöhnlichen Erklärung, das Beiwort 
„weifs" beziehe sich auf die Farbe der Brote, welche 
man am Grründonnerstag zu vertheilen pflegte, oder auf 
die weifsen Grabtucher zur Decorirung der Kirchen am 
Charfreitag, zu widersprechen und entschieden auf vor- 



1) s. Calendrier beige (Brax. 1861), I. 208 -.9. 



Volksthüml. Benennungen von Monaten n. Tsgen bei d. Romanen. 373 

christliche Zeit zurückzuweisen. Da nun die Viamingen 
auch den Charfireitag witten Vrydag nennen und der 
Palmsonntag in der Picardie ebenfalls blanke Päque heifst, 
so liegt die Vermuthung nahe, die Bezeichnung sei 
dem heidnischen Frühlingsfeste, welches dem christlichen 
Auferstehungsfeste des Herrn voranging, eigen gewesen 
und nebst den vielen alten Gebräuchen, die wir an Ostern 
noch üblich finden, auf das letztere übertragen worden. 

Wie im Wallonischen der Palmsonntag, führt im 
Portugiesischen der Sonntag nach Ostern, welchen die 
Italiener Domenica in albü^ die Catalonier Cap de octava 
de Pascua und die Bewohner der Picardie dose paques 
nennen, den Namen „ Kleinostern *^ oder Paseoela^ wäh- 
rend der Palmsonntag im Portugiesischen Ramoa, im Casti- 
lianischen domingo de Ramos^ im Catalonischen Pascua 
ßorida oder diumenge de Rams und im Italienischen do^ 
menica delle palme oder degli uUvi (delV olivo) heifst, 
weü man besonders in der Lombardei statt der Palmen-, 
häufig Lorber- und Oelbaumzweige weihen läfst. Daher 
sagen auch die Venetianer sprichwortlich: 

Olivo suto e vovi bagnai, 
oder: 

Se no piove su T olivo, piove sui vovi, 
um auszudrücken, dafs, wenn es nicht am Palmsonntag 
regnet, der Regen oft zu Ostern fällt, und in Verona 
hört man umgekehrt: 

Se piove su V olivela, 
No piove SU la brassadela *), 
d. h. auf die Brezeln, die man am Osterfeste ifst. 

Die Romanen bezeichnen den Palmsonntag als dumi^ 
neka ßoriilor^ Blumensonntag, die Charwoche als septe- 
mena ma/re oder patimilory grofse oder Leidenswoohe, 
den Gründonnerstag und Charfreitag als Jovia mare und 
Vinerea mare^ den Ostertag als dumineka pastelor oder 
PaSte (Ostern) und Pfingsten mit dem Ausdruck Rosali 



1) 8. Das Wetter im Sprichwort (Leipz. 1864, S. 119), dem über- 
haupt die hier vorkommenden, auf das Wetter bezüglichen Sprich- 
wörter und Redensarten entnommen sind. 



374 Rdnsberg-Dwrii^ifeld 

oder Busalije^ der wabrscheinliob nicht vom lateiniacben 
pasqua rosarum, sondern von dem serbischen rusalje, dem 
Fest der Rusalky oder slawischen Nixen herrührt, indem 
namentlich die Gebräuche am Pfingstabend, dem aiunul 
Rosalilor, auf einen Zusammenhang des romanischen und 
slawischen Festes hinweisen. 

Der Net4Jahrstag ^ in Frankreich jotMr de Fan oder 
nouvel an, im Castilianispben principio d$ aho oder el 
dia de afio nuevo, im Portugiesischen o primeiro dia d ' 
Janeiro^ und im ßomänischen anu noü genannt, heifst in 
Italien meist capo d'anno (siciL cäpu d^annu^ parmes. 
cap d^ann)^ im Catalonischen cap düany oder ninou^ im 
Romansch Daniev^ Nur selten wird der Name des kirch- 
lichen Festes (franzos. fete de la dreoncmon de Jieu^- 
Christy ital. feeta di Circondaione^ span. la Circundaion 
del Senor) in der täglichen Redeweise angewandt. Wo 
es geschieht, ist er verändert worden, wie z. £. in Mont- 
didier^ wo man Tüagne daraus gemacht hat. 

Dasselbe Schicksal ist dem 6* Januar, dem Feste 
der Erscheinung des Herrn, oder Epiphania, zu Theil 
geworden. In Portugal, Spanien und Frankreich hat der 
Name „Konigstag" oder „Konigsfest" (portug. dia de 
ReiSy feeta dos Reis oder kurzweg oa Reia^ span. dia de 
Reyea oder la Adoraoion de iQß Santoa Reyea^^ catal. la 
feßta deh Reys.^ firanzos. le jour des rois oder les Roiay 
den Sieg davon getragen , indem die an diesem Tage üb- 
lichen Bräuche, wie z. B, das Umhertragen des Sternes 
in der Provence, das in ganz Frankreich und Wallonisch- 
Belgien verbreitete festin du Roi-boit, und der lärmende 
Umzug der Gallegos in Madrid, sich vorzugsweise auf 
die drei Könige bezieben. Bei den Romanen heifst es 
Bobotizä^ Taufe Christi, und in Italien ist zwar die Benen- 
nung giomo oder festa dß' tre re magi weniger häufig als 
JSpifania, aber dieses hat sich nur in wenigen Dialekten, 
wie in denen Sardiniens und Siciliens, ganz rein erhalten, 
und selbst die Sicilianer wenden oft tufknia (vom latein. 
theophania) statt epifania an. Die Parmesaner haben die 
alte Bezeichnung Pasqua de PEpifania gleich den Be- 
wohnern Qberitaliens in Pasquetta (lombard. und vene^ 



Volksthüml. Benennungen von Monaten n. Tagen bei d. Romanen. 375 

tianisch Pcuqueta) ') zusammengezogen, und £pifania in 
Piffan\a verkürzt; die Venetianer haben Pasqua Pecfänia^ 
die Toseaner Befama daraus gemacht, und die Bömer 
haben es gar in Beffana verwandelt und so Anlafs gege- 
ben, die Geschenke, welche man an Epiphania den Kin- 
dern gibt, um sie an die Gaben der drei Konige zu er« 
innern, einer Hexe zuzuschreiben, die des Nachts durch 
den Schornstein fährt, sich in Gestalt einel: riesengrofsep 
schwarzen Puppe zeigt und artigen Kindern die aufge- 
hangenen Strümpfe mit Zuckerwerk füllt. Denn befÄna 
heifst ursprünglich ein weibliches Gespenst, mit dem man 
die Kinder schreckt und das in Venedig auch dona bruta, 
in Brescia beröla und im Friaul Redodese oder Aredodese 
genannt wird. Wie daher die Bömer und Toseaner das 
Beschenken der Eander an Epiphania mit dem Ausdruck 
dar la befäna oder far ad alcuno la befäna bezeichnen, 
sagt man im Friaul dar oder pagär V aredodese^ und wie 
man in Rom Beftkna för Epifiiuia braucht, so gibt man 
in Venedig und Bergamo diesem Feste statt Befäna den 
Namen la vecda (bergam. la Eciä)^ die Alte, weshalb es 
sprichwortlich heisst: 

(venet.) Da Nadal, un fredo coral, 

Da la Veocia un fredo che se crepa, 
oder: 

(bergam.) A Nedal el fred fa mal, 

A la äcia V e 'n fred che sa or^pa. 
Die „Alte^^ ist nämlich gleich der Befäna ein böser 
Geist, welcher namentlich im Aberglauben der Bewohner 
der Ebene von Brescia eine grofse Rolle spielt. 

Die schmuzig gelben Kreideschichten, auf welche 
man bei Ausgrabungen stöfst und die von ehemaligen 
Sümpfen herrühren, werden das „Bett*' oder „Nest der 
Alten" genannt, und wenn bei grofser Hitze und Trocken- 
heit auf den Feldern Dünste au&teigen und sich zitternd 
hin- und herbewegen, sagt man in der Lombardei: el 

1) Daher die Sprichwörter: 

(mailändisch) A Pasqueta n'oreta. 

(yenetianisch) Da Pasqueta, ^a* oreta, in Bezug auf das 
Wachsen der Tage. 



376 Reinsberg - Duringsf eld 

bala la vecia, die Alte tanzt, weil man glaubt, sie drehe 
sich unter der Erde um, wenn Kälte eintritt, und in der 
Umgegend von Brescia räth man in solchem Falle: 
Quand el bala la ecia, 
Daghen a co la secia. 
(Quando balla la vecchia, yersane, o dagliene anche colla 
secchia). Auch ruft man wol ärgerlich aus: Bala por 
vecia putana che ta cacasero me la matana; lassem daquä 
che gho en cul el t6 balal und nennt das Tanzen selbst: 
la ridda, den Kreistanz der Alten, 

In den letzten Tagen des Carneval, besonders aber 
am Donnerstag der Mitfasten oder dem giovedi della 
mezza quaresima pflegt man in der Lombardei, wie im 
Venetianischen, Figuren zu verbrennen, die man le vecchie 
nennt oder, wie man im Friaul sagt, arder la veccia. In 
Venedig dagegen war es früher Sitte, eine Strohfigur ent- 
zweizusägen oder siegkr la veccia, was in Toscana auf 
dem Lande noch jetzt unter dem Namen segar la monaca 
geschieht, indem man die Puppe, welche man so halbirt, 
fiir die Figur der Quaresima oder Seca ausgibt, und fast 
dieselbe Gewohnheit herrschte bis vor wenigen Jahren in 
einigen Städten Spaniens; so z. B. in Barcelona, wo die 
Kinder „das älteste Weib in der Stadt suchten, um es 
entzweizusägen", und in Sevilla, wo man sich unter dem 
fortwährenden Geschrei: Aserrar la vieja, la plcara pelleja! 
den Tag über auf den Strafsen herumtrieb und um Mitter- 
nacht die Figur eines alten Weibes mitten voneinander- 
sägte, um so sinnbildlich Halbfasten darzustellen. 

Da es nun längst erwiesen ist, dafs diese Bräuche, 
wie so viele ähnliche bei andern Völkern, erst in späterer 
Zeit die ihnen jetzt beigelegte Bedeutung angenommen 
haben, ursprünglich aber die bildliche Darstellung der 
Vertreibung des Winters bezweckten, dem man die Ge- 
stalt eines häfslichen alten Weibes gab, so liefert uns der 
Name des 6. Januar bei den Venetianem und Lombarden 
einen neuen Beweis für die Richtigkeit der Behauptung 
Liebrecht's in seiner „Sagenforschung" ^), dafs unter der 

^) 8. des Gervasius von Tilbury „Otia Imperialia<< von F. Liebrecht, 
Hannover 1856, S. 184. 



Yolksthuml. Benennungen von Monaten a. Tagen bei d. Romanen. 377 

Figur des Winters eigentlich die der Holle, als Winter- 
gottin, gemeint sei. Denn wie au es ist, nach welcher 
der Dreikonigstag in Süddeutschland der Perch^ oder 
Precktag^ in Zürich Brechtentag heifst, so fuhrt auch 
Epiphania in Oberitalien die Namen la Veccia, la iJda 
von der „ Alten ^^, die man zu Mit&sten verbrennt oder 
entzweisägt. Dafs dies aber die Holle oder Perchtha, 
die Urmutter der Welt sei, geht deutlich aus den zahl- 
reichen Analogien hervor, die zwischen beiden Personen 
stattfinden. 

Frau Holle erscheint in den deutschen Märchen als 
ein häfsliches altes Weib, das zur Weihnachtszeit kommt, 
um nachzusehen, ob das Jahr über fleiisig gearbeitet wor-' 
den ist und ob die Kinder artig gewesen sind. Nament- 
lich am Dreikonigstage pflegt sie im südlichen Böhmen 
als Bertha^ in Oberosterreich als Frau Berch oder Perch^ 
in Mittelfranken als Eüenbertay bei den Slovenen in Kärn- 
ten als Perhta herumzugehen und artige Kinder zu be- 
schenken, unfolgsame zu bestrafen oder mitzimehmen. 
Dabei hat sie als Eisenberta einen halben Besen als 
Euthenbüschel in der Hand und trägt als Bertha einen 
Bohrer, als Perhta eine Ofengabel bei sich, um damit 
zu strafen, oder zieht, nach dem Glauben der Deutschen 
in Kirnten, gleich der Frick, der Frau Harke und Fru 
Gode der ükermark und Priegnitz, an der Spitze des 
wilden Heeres tobend durch die Lüfte. ^) 

Die Berchtel in Schwaben aber, welche am Nikolaus«- 
tag (6^ December) den heiL Nikolaus begleitet, pflegt die 
Kinder, die nicht fleifsig lernten, mit der Ruthe zu stra^ 
fen und die fleüsigen mit Backobst und NüsseiT zu be- 
schenken, und die Lucka der Czechen, welche am Vor- 
abend des Festes der heil. Lucia (d. h. am 12. December) 
auftritt und durch ihren Yogelschnäbel an die lange Nase 
der Perchta erinnert, trägt einige Spähne bei sich, mit 
denen sie die Kinder schlägt, die nicht beten wollen, 
während ihre Namensschwester im Bohmerwald, (PLudOf 



1) ß. „Das festliche Jahr", Leipz. 1863, S. 14 — 16. 
Jahrb. /. rom. a. eqgl. Lit. V. i. 25 



378 Heinsberg - Dürlngsf cid 

an giite Kinder Obst austheilt und üble Aufführung zn 
strafen droht. ^) 

In ähnlicher Weise fährt die italienische Veccia oder 
Redodese, wc^^che ihres entsetzlichen Aussehens wegen 
auch dona bruta, häfsliches Weib, genannt wird, aus der 
Luft durch die Schornsteine in die Häuser und füllt die 
Strümpfe, welche die Kinder zu diesem Zwedke am Ka- 
mine aufhängen, mit guten oder schlechten Dingen, je 
nachdem sie mit dem Betragen der Kinder zufrieden 
oder unzufrieden ist. 

Dasselbe thut in den Provinzen Bergamo und Brescia, 
sowie in den Städten der Küste Dalmatiens am Vorabend 
der heil. Lucia diese Heilige^), welche durch ihren Na- 
men an den der Perahta, der „prächtigen" oder „lichten" 
Göttin^ mahnt und darum im Volksglauben hier und dort 
die Stellvertreterin derselben geworden ist, und die Bef- 
fana trägt, wenn sie sich sehen läfst, in einer Hand eine 
Ruthe, in der andern zwei gefüllte Strümpfe. Oft jedoch 
stopft sie, ohne sich zu zeigen , den schlafenden Eiindem 
die Taschen voll, oder sitzt am Weihnachtsabend in ihrer 
schwarzen Kleidung, das Gesicht mit Rufs beschmuzt, 
unter dem Kaminsims, um die sich zitternd nahenden 
Kinder mit Naschwerk zu belohnen oder mit der Ruthe 
zu strafen. 

Der Glaube, dafs Kälte eintritt, wenn die Veccia sich 
unter der Erde bewegt, beweist nicht nur ihre Macht 
als Wintergottin, sondern deutet auch gleich dem Namen 
„Nest der Alten" auf ihren gewohnlichen Aufenthaltsort 
unter der Erde hin, alles Züge, die zum Mythus der 
Frau Holle stimmen. Selbst den schwarzen Anzug der 
Beffana finden wir bei der „schwarzgekleideten alten 
Frau" wieder, welche in einer holsteinischen Sage auf 
einem dreibeinigen Pferde reitet und so sich als Todes- 
gottin bekundet» Auch die Perhta der Slovenen ist ganz 
behaart und die Buzeberoht, welche früher in der Um- 
gegend von Augsburg am 7. December umherzog, war 



1) 8. Festkalender aus Böhmen. Prag 1861, S. 538 — 40, 579. 
») 8. „Aus Dalmatien«. Von I. v. Düringsfeld. Prag 1857, HI, 199. 



Volkstliüml. Benennungen von Monaten a. Tagen bei d. Romanen. 379 

in schwarze Launpen gehüllt und hielte das Gesicht ge- 
schwärzt 

Da nun die Beffana oder Veccia eins mit der Perchta 
oder Holle ist, kann man aus dem Brauehe der Lombar- 
den, die Veccia an Mittfasten zu verbrennen) leicht 
schliefsen, warum es bei d^oi sogenannten Austragen 
des Winters heifst: 

Den Tod haben wir hinausgetrieben , 
Den Sommer bringen wir wieder, 
oder auf Czechisch: 

Smrt' neseme ze vsl, 
Leto nesem do vsi. 
Den Tod tragen wir aus dem Dorf, 
Den Sommer bringen wir ins Dorf, 

und warum der Sonntag, an welchem die Ceremonien 
des Winterverbrennens oder Winterbegrabens gröfsten- 
theils stattfinden — bei den Deutschen an Lätare, bei den 
Czechen an Judica — der Todtenaonntag genannt wird* 
Denn Frau Holle gilt nicht nur als Wintergottin, son- 
dern ist auch identisch mit der Todesgöttin oder Hei, 
und wie sie, der thiiringischen Sage nach, an einem Drei- 
konigs- oder Perchtenabend als hohe verschleierte Ge- 
stalt, um welche sich viele weinende Kinder herdrangten, 
am ,Ufer der Saale erschien, um sich überfahren zu las-« 
sen, so fliegt in Böhmen die Melusine^ welche in einigen 
Gegenden, auch Halda heifst und als Wirbelwind einher- 
braust, in der Christnacht mit ihren Kindern, den Seelen, 
klagend und wimmernd in der Luft herum« Dazu kommt, 
dafs die alten Czechen sich den Winter ebenfalls gleich 
der Marena, Morana oder Mofena, ihrer Göttin des To- 
des, unter der Gestalt einer weifsen Frau vorstellten, and 
dafs in Eisfeld in Thüringen früher an jedem Epipha- 
niassonntag nach beendigtem Nachmittagsgottesdienst die 
„Frau HoUe'* verbrannt wurde. 

Andererseits wiederum k^nen « wir aus der germani- 
schen Gewohnheit, den 6. Janu^ zu Ehren der Holda 
oder Perchta zu begehen, weil si« an diesem Tage ihren 
Umzug beendete, mit Recht folgern, dafs auch in Mittel- 
und Oberitalien der Dreikönigstag ursprünglich der Bef- 
fana oder Veccia geweiht war, und dafs daher der Volks- 

25* 



3gO Reinsberg-Duringsfeld 

name des Epiphaniastages älter ist, als das. christliche Fest. 
Vielleicht rührt selbst das toskanische Sprichwort: ,,Be- 
fania, tutte le feste manda via^^, obgleich das gleichlau- 
tende venetianische: ,^^Epifania, tute le feste la scoa yia^^, 
auf christlichen Ursprung hinweist, aus derselben Zeit- 
epoche her, in welcher das dänische vom 7. Januar: 
„St Knud driver Julen ud (St Knud treibt Julfest aus)", 
und das englische yom 2. Februar: 
On Candlemas-day 
Throw candle and candlestick away, 
entstanden, indem mit diesen Tagen die Lustbarkeiten des 
alten Wintersonnenwendenfestes ein Ende hatten. Wie 
aber die althochdeutsche Uebersetzung von Epiphania 
AnlaTs gab, den Namen Perch- oder Brechentag als „Tag 
des brechenden (glänzenden) Sterns" zu erklären, so ver- 
leitete auch die Aehnlichkeit des Wortklanges zwischen 
Epiphania und Beffana zu der irrigen Ansicht, das letz- 
tere sei nichts als eine Verstümmelung des erstem, und 
la Veccia die Substituirung des Namens der Beffana durch 
den der in der Lombardei bekanntem, ihr gleichen Spuk- 
gestalt 

Der Montag nach Epiphania ist im nordlichen Frank- 
reich und Franzosisch -Belgien unter dem Namen lundi 
per du oder lu/ndi du parjuri^ in Ath unter der Bezeich- 
nung li roi brouzi, und in Namur als li d^jou d'lie (jour 
de Fan) bekannt, Benennungen,, die in dem schon ange- 
führten „Calendrier beige" (I, 36 — 48) ausfuhrlich be- 
sprochen und erklärt worden sind. 

Der 17. Januar, der Gedächtnüstag des heil. Anto- 
nius des Eremiten, wird, um ihn vom 13. Juni, dem. 
Fest des heil. Antonius, des „Bekenners von Padua", zu 
unterscheiden, in Venedig Sant^ Antonio de genwto^ in 
Bergamo S<mt Antone de Zener, oder auch kurzweg Scmt 
Antone de la harba bianca^ del porsel und del campanelj 
in Toskana il barbuto^ in Venedig el barbuto genannt, 
weil man diesen Heiligen auf Bildern meist mit einem 
langen weifsen Barte, einer Glocke und einem Schweine 
dargestellt sieht. In Mailand heifst er: Sant Antoni mer^ 
cant ^de nevy weil um diese Zeit in der Regel Schnee 



Volksthäml. Benennungen von Monaten u. Tagen bei d. Romanen. 381 

fällt, und auch in Toskana sagt man sprichwortlich: 
,,Sant^ Antonio dalla gran freddura^^, in Brescia: „Sant 
Antone de la gran fregiüra". 

In ähnlicher Weise bezeichnet der Toskaner den 
20. Januar mit dem Ausdruck il frecciato^ und den 
3. Februar mit dem Namen il pettinato^ weü bekannt- 
lich der heil. Sebastian mit Pfeilen und der heil. Blasius 
mit einem Kamme, als seinem Marterinstrumente, abge- 
bildet wird. Statt des in Bergamo üblichen Reimes: 
Sant Antone, San Bastiä e San Bias, 
£1 free r e andat a spass, 
spricht daher der Toskaner: 

II barbuto, il frecciato e il pettinato, 
II freddo fe andato, 
und der Venetianer: 

Dal barbuto al frezza 
L'inverno xe passä. 
Da man in Oberitalien am Sebastianstage schon blühende 
Veilchen zu haben pflegt, gibt man ihm in Venedig auch 
den Namen San Bastian co la viola in man^ setzt aber 
Vorsichts halber meist die Worte hinzu: Viola o no viola, 
da Vinvemo eemo fora. 

Das Fest Paul's Bekehrung (25. Januar) heifst in 
Italien, wie in Deutschland, ge wohnlich der PauUtag 
(giömo di s. Paolo), in Mailand aber: San Paol de h 
Calende^ weil das Wetter desselben entscheidet, ob man 
der sogenannten Ghirlanda oder dem Endegaro, d. h. 
den Witterungsbeobachtungen in den Calende oder Zomi 
endegari (giorni indicatori), Glauben schenken darf oder 
nicht. 

Wie nämlich die Germanen in den Zwölften oder 
den zwölf Nächten vom Weihnachtsabend bis zum Drei- 
konigstage, die Kelten der Bretagne in den Haupttagen 
(gour-desiou) oder den zwölf ersten Tagen des Jahres, 
und die Albanesen der Ri^a in den zwölf ersten Tagen 
des Augusts, so beobachten die Landleute in der Lom- 
bardei und im Venetianischen das Wetter der ersten vier- 
undzwanzig Tage, des Januars, um danach die Witterung 
des ganzen Jahres vorauszubestimmen. Sie fangen dabei 



382 Reinsberg - Duringsfeld 

mit dem 1. Januar an, den sie Zenaro oder Gennar nen- 
nen, und fahren bis zum 12. fort, indem sie jedem Tage 
den Namen des betreffenden Monats geben, dessen Wet- 
ter er verkünden soll. Mit dem 13. Januar gehen sie 
wieder rückwärts bis zum 24., den sie ebenfalls „Januar" 
nennen, wahrend der 13. gleich dem 12. Januar Decembre 
(Desember), der 14. gleich dem 11. Januar November etc. 
heifst. Sind nun z. B. der 3. und 22. Januar, die Reprä- 
sentanten des Märzes, regnerisch oder stürmisch, so soll 
der ganze Monat es sein; sind aber beide Tage heiter, 
so erwartet man auch den Märzmonat heiter und trocken, 
und ebenso bei den übrigen Monaten. Ist jedoch der 
25. Januar, der erste Tag nach den „anzeigenden Tagen", 
halb heiter, halb bewölkt oder regnerisch, so hält man 
die ganze Berechnung für unsicher, weshalb man zu 
sagen pflegt: 

(venet.) No me ne curo de V endegaro, 

Se '1 di de san Paolo no xe ne scuro, nh ciaro, 
oder: 

(mail.) Se '1 giorn de San Paol V e scüro. 
De la ghirlanda no me n'incüro. 
Die beiden letzten Tage im Januar und der erste Fe- 
bruar werden in den Provinzen von Bergamo und Brescia 
i ffiami della merla genannt, indem man erzählt, die 
Amsel, welche ursprünglich weifs gewesen, habe sich in 
diesen Tagen vor der zu grofsen Kälte in einen Rauch- 
fang geflüchtet, sei davon schwarz geworden und habe 
seitdem ihre frühere Farbe nicht wieder bekommen. 

In Mailand gibt man dem 29., 30. und 31. Januar 
diesen Namen, und als Grund eine Sage an, welche an 
die zu Dante's Zeit sehr verbreitete Erzählung erinnert, 
eine Amsel habe das schone Wetter am Ende Januar für 
das Frühjahr gehalten und sei mit den Worten: Or non 
ti curo, domine I ihrem Herrn davongeflogen. 

Das Fest Maria Reinigung (2. Februar) heifst von 
der bekannten Sitte der römischen ICirche, an diesem 
Tage die Kerzen zu weihen, im Franzosischen la Chan-* 
deUv/r (in der Picardie : CandeleuTy Notr^^-Dame oaaidelier, 
Candelüre oder jour de la oandelle)^ im Provenpalischen 



Volkstbüml. BenennuDgen von Monaten u. Tagen bei d. Romanen. 383 

Candeloaa oder festa ccmdeleira de NoHra Dona^ im Cata- 
lonisclien la Candelera^ im Castiliauischen la Candelaria, 
im Portugiesischen Candelaria oder festa das Candeaa, 
im Bomansch Nossaduna de eandelae mid im Italienischen 
Candelldja oder Canddlära (sardinisch Ctmdeüra oder 
feata de aas candelas, venetianisch Madona de le candele 
oder de la Ceriola und Ceriöla^ lombardisch Seriola [bei 
Como Cerioiulci]^ in Südtirol el dl della Zeriola^ parme- 
sanisch ZerioSula u. s. w.). 

Der Carneval, welcher bei den romanischen Stäm- 
men die Hauptbelustigungszeit des Volks geblieben und 
deshalb noch immer von solcher Bedeutung ist, dafs die 
Lombarden häufig ihre Jahre nach ihm berechnen, indem 
sie sprichwortlich sagen: 

Con sessanta camevai 
Se po metes i stivai, 
d. h. mit 60 Jahren kann man sich zur ewigen Reise an- 
schicken, hat Veranlassung zu vielen eigenthümlichen 
Namen gegeben, die sich gröfstentheils nur durch locale 
Sitten erklären fassen. So heifst der vorletzte Faschings- 
donnerstag, el penultimq zioba der Venetianer, in Neapel 
giovedi de' parenti (in Sicilien jövidi di li parlnti)^ in 
Südtirol la sorella della Zobia graeea^ während der letzte 
Donnerstag vor Fastnacht, Vultimo Zioba de Carneval oder 
el zioba graaso der Venetianer, in Südtirol Zobia grasaa, 
auf Sicilien jövidi grassu , in Neapel giovedi morzillo (von 
morzillo, Bissen, guter Bissen), und auf Sardinien larda- 
jölu oder lardagiölu (vom alten Brauch, Bohnen mit Speck 
zu essen) ^) genannt wird. Die Toskaner und Romagnuolen 
nennen ihn giovedi grosso (in Parma giovedi graes^ in Bo- 
logna Giovedi grase oder Zobia iötta^ d. h. ghiotta) und 
berlingaccio ^) , und haben von dem letztgenannten Worte 
das Diminutiv berlingaccino oder berlingacciuölo zur Be- 
zeichnung des ihm vorangehenden Donnerstags gebildet. 

Der Freitag vor Fastnacht heifst in Parma ebenfalls 
grosso (Venerdi gross) , in Verona Venerdi gnoccolare^ von 

1) Aehnlich das catalonische dijou8 Härder, 

^ Von berlinga/re^ viel schwätzen, namentlich bei Schmauserden 
und Gelagen. 



384 Reinsberg - Dari agsf eld 

den Klofsen (den Nockerln der Oesterr eicher), die man 
an ihm zu essen pflegt, auf Sicilien Zuppiddu^ und in 
Frankreich wird die ganze Woche vor dem dimancTie 
gras oder dem Sonntag Quinquagesima semaine gras^e^ 
fette Woche, genannt, während sie bei den Romanen ?on 
den Easen, die man vorzugsweise in derselben ifst, slpt^ 
mdna branzi heifst. 

Die letzten drei Tage des Faschings werden in Spa- 
nien mit dem Namen antruejo^ in Portugal als dias de 
Intrudo oder Entrudo^ in der Provence als Carmantran 
(aus Caresm' entrant) und in Frankreich als Careme-pre- 
nant bezeichnet. Die Franzosen geben ihnen jedoch gleich 
dem Donnerstag vor Fastnacht, dem Jeudi graa^ auch den 
Beinamen „fett", und die Picarden nennen sie lea cari- 
mietuc (karesmiaux) oder les carnavieux. Der Dienstag, 
der mar di gras oder eigentliche Careme prenant ^ heifst bei 
den Provenpalen scherzhaft aaint Grivaz^ weU an ihm bis 
zum „Platzen" gegessen wird, in der Picardie aus dem- 
selben Grunde aaint Panchard oder Panaart (von panche^ 
Bauch) und bei den Wallonen aaint Chardlampe. Die 
Romanen nennen ihn lässatu de secu oder de came, Fast- 
nacht, die Toskaner martedi grosso oder Camasciale, die 
Sardinier Carrasciäli^ Carrasegare oder Segarepezza (von 
segärey brechen, schneiden, und pezza, Fleisch), die Sici- 
lianer Carniliväri und die Neapolitaner Carnovalaro. Diese 
letzten Benennungen dehnt man zugleich auf die ganze 
Faschingszeit aus, welche in Italien bereits am St. -Ste- 
phanstage (26. December) beginnt, anderwärts von Epi- 
phania bis Aschermittwoch währt, und in Toskana Car- 
novale oder Carneväle^ in Frankreich Camaval ^ in der 
Provence Camalj in Catalonien Carnestoltas^ in Castilien 
Carnestolendas ^ in Portugal Carnaval und bei den Roma- 
nen Cameval heifst. 

Das Wort Carneväle selbst ist übrigens nicht, wie 
man gewohnlich annimmt, aus ca/rne valel Fleisch leb^ 
wohl! zusammengesetzt, sondern aus dem niederlateini- 
schen carnelevamen (camis levamen) zusammengezogen, 
und hat also fast dieselbe Bedeutung wie camicapiumj 
ital. carnelascia, woraus carnasciale geworden ist. 



Volksthümi. Benennungen von Monaten n. Tagen bei d. Romanen. 385 

Mit der Aschermittwoch, welche im Franzosischen 
jour des Cendrea^ im Italienischen dl delle ceneri (in Parma 
Mercordi sguroti) ^) heilst, fängt die Fastenzeit vor Ostern 
an, deren Sonntage sich die Venetianer mit dem Reim- 
verse merken: 

Uta, Muta, Cananea, Pane pesce, Lazarea, Uliva e Pasqua fiorita. 
Der erste Fastensonntag verdankt in Frankreich den Spie- 
len und Gebräuchen, die sonst an ihm stattfanden, die 
Namen jour du behourdiz oder bourdich, jour des bran- 
donSy Bourdalenney dimanche de la Quintaine und jour du 
grand feu. 

Wie man nämlich in Süddeutschland und der deut- 
schen Schweiz an diesem Tage Feuer anzuzünden pflegt, 
müssen auch in der franzosischen, sowie in den Ardennen 
und an der Maas grofse Feuer brennen, um die man 
herumtanzen und über die man springen kann. Im Can- 
ton de Vaud werden diese Feuer schaffairöu und im nord- 
lichen Frankreich die Fackeln (brandons), mit denen die 
Kinder herumziehen, bourdees oder bouhours genannt, 
weshalb der Sonntag in Bethune Bourdalenne heilst. 

Die in Ponthieu übliche Benennung dimanche de la 
Quintaine rührt von einer Art Puppe her, die, mit einem 
Stock bewaffiiet, auf einem beweglichen Pfahle stand, und 
welche die Spieler an die Stirn oder auf die Brust treffen 
mufsten, sollte sie sich nicht drehen und ihrerseits mit 
dem Stocke schlagen. Aehnliche Spiele und Kämpfe mit 
Stocken oder Lanzen veranlafsten den Namen behourdiz 
in- der Provence, während die in Franzosisch-Belgien ge- 
bräuchliche Bezeichnung le grand carnaval dem vlämi- 
schen „groote Vastenavond" nachgebildet ist»^) 

Der Festtag des heil. Vaast (6. Februar), an wel- 
chem man anfängt, eine Art Pfannkuchen, ratons ge- 
nannt, zu backen, heifst in der Picardie allgemein Raton 
St' Vaast. 

St.-Petri Stuhlfest (22. Februar) wird vom spani- 
schen Volke San Pedro de catedra, und Maria Verkün- 



^) Von sgurott^ kleines Beil, kleine Axt. 
^ 8. Calendrier beige, I, 141 — 146. 



386 Reinsberg • Duringsf eld 

digimg (25. März) von den KomaDeB Bunavestire (gute 
Nachricht), in Frankreich Bonne Dame de Mars und in 
Mailand Maddna de Marzy in Parma aber la Madonna di 
fanCi genannt, weil dort die Familien an diesem Tage 
ihre Wohnimgen und Dienstboten wechseln. 

Die Apriltage bezeichnen die Italiener mit dem Worte 
aprilantiy und die Venetianer sagen sprichwortlich: 

Tre aprilanti, quaranta somiglianti, 
oder: Primo, secondo e terzo aprilante, 

Quaranta di durante. 
Wie der Sonntag Laetare in Frankreich als la Mi-Carime 
oder Halbfasten, wird auch der 15. jeden Monats als 
Hälfte desselben angenommen, und z. B. der 15. März 
la Mi' Mars ^ der 15. Mai la Mi-Mai, der 15. August la 
Mi-Aoüt genannt. 

Der fünfte Fastensonntag (dominica Judica oder Pas- 
sionis) heifst in Sicilien duminica di paadoniy in Mailand 
und Venedig aber domenica di Lazaro. Ebenso wird in 
Mailand der zweite Fastensonntag nicht wie anderswo 
ßeminiscere, sondern domenica della Samaritana; der 
dritte, statt Oculi, domenica di Abramo und der vierte, 
statt Laetare, domenica del deco genannt. 

Der Georgstag (23. oder 24. April), welchen die 
Venetianer kurzweg San Zorzi (in Bergamo San Zorz) 
nennen, weil sie überhaupt die Heüigenfeste gewöhnlich 
blos mit dem Namen der Heiligen bezeichnen, führt im 
Munde des französischen Volks den Namen Georgety und 
in derselben Weise pflegt man auch dem 25. April, dem 
1. und dem 3. Mai die Namen Marquet, Jaoquet und 
Croisset (von St- Marc ^ St. -Jacques et St.- Philippe und 
fete de VInvention de la sie Croix^ dem Feste Kreuz- 
Erfindung) zu geben. 

Ebenso heifst der 9. Mai (la translation de St.-Nico- 
las) bei den franzosischen Winzern Colinet, und die trübe 
Zeit ohne Kegen, welche meist drei Wochen vor Johanni 
anfängt und drei Wochen nachher endigt, ist in Beauvais 
unter dem Ausdruck hernu oder harnu bekannt. 

Der fimfte Sonntag nach Ostern, mit welchem die 
semaine des Rogations beginnt, hat* in der Umgegend 



Volksthüml. Benennungen von Monaten a. Tagen bei d. Romanen. 387 

Ton Chartres nach einem Feste, welohea in Mittainvilliera 
an diesem Tage begangen wird, die volkstbümlicbe Be- 
nennung la SainUMittainmlliers erhalten, und der PjSngst- 
montag wird von den Landleuten bei Laon nach einem 
Brauche, welcher bis zur Revolution alljährlich in Couoy- 
le-Chäteau stattfand, noch immer als fite des Ruines be- 
zeichnet. 

Das Fest der Himmelfahrt Christi, in Spanien wie 
in Italien auch „Tag der Galiläer" (ital. giorno dei Galilei^ 
span. los Galileos) genannt, weil die Messe mit den Wor- 
ten beginnt: „Viri Galilei, quid admiramini?" trägt in 
Venedig die Bezeichnung el dl de la Sensa oder la Sensa. 
In Parma nennt man es Ass^nsia^ in Bologna AssMnsa 
und in der Lombardei PAssenza (brescianisch rAssenziii)^ 
indem man sprichwortlich sagt: 

Pü se viv, pü se ghe pensa, 
Ma in giovedi ven TAssenza. *) 

Der Gedächtnifstag des heil. Antonius von Padua 
(13. Juni) heifst zum Unterschied von dem des heiligen 
Anton des Eremiten (17. Januar) in Bergamo «. Antone 
de zeugn oder s. Antone serezeul, weil man spricht: 
A s. Antone de zeugn, 
Sereze a peugn. 

(A» St. -Anton im Juni Kirschen in der Hand.) 
Das Fest der Heiligen Vitus und Modestus (15. Juni) 
wird auch in Oberitalien, wie in Deutschland, nach dem 
ersten der beiden Heiligen ü giorno di aan Vito (venet. 
el zorno de san Vio^ mailänd. el di de san Vit) benannt, 
und der Geburtstag Johannis des Täufers (24. Juni) ist 
bei allen Romanen der „Johannistag" kurzweg (franz. 
la Saint Jea/n^ span. el dia de san Juan oder san Juan, 
port. sao Joao^ catal. san Jocm^ venet. san Zuan u. s. w.). 
Aus dem Namen des heiligen Bischofs Irenee, wel- 
chem der 27. Juni geweiht ist, haben die Landleute der 
Umgegend von Lyon sain Tirenez gemacht^ und darin wie- 
der Veranlassung gefunden, an diesem Tage keine Kirche 



^) In Venedig heifst es: 

Pia se yive, piü se pensa, 
Ma de zloba yien la Sensa. 



388 Reinsberg - Dnringsf eld 

dieses Heiligen zu betreten, ohne sich an die Nase zu 
fassen oder zu zupfen. 

Der 1. August heifst in ganz Mittel- und Oberitalien 
FerragostOy von der Sitte, diesen Tag nach Art der alten 
ferie Augustali durch Schmausereien und Gelage zu be- 
gehen, bei welchen namentlich der Entenbraten eine so 
grofse Rolle spielt, dafs man sprichwortlich sagt: 
(venetianisch) Dal primo d'agosto 

Le änare se mete a rosto, 
oder: 
(bergamaskisch) Ai prim d'agost, 

I nadröt se m^t a rost. 

Der 2. August, an welchem man ü. L. F. Engelfest 
oder das Portiunculafest feiert, verdankt dem bekannten 
Ablafs, der an ihm ertheilt wird, in Italien den Namen 
il perdono (VAssisi oder auf Venetianisch el Pardon (ber- 
gamask. el Perdu)^ und die Himmelfahrt Maria (15. August) 
wird in der Romagna VAssönta^ auf Sardinien Segnora de 
s'aMentu oder de mem Austu , in Sicilien Madonna di menzu 
agustu^ und in Toskana und Oberitalien Madonna grande 
oder auch blos la Madonna (in Venedig Madond) genannt, 
indem man Maria Geburt (8. September) Madonna piccola 
nennt und beide Marienfeste in der Lombardei unter der 
Bezeichnung i dö Madonn (venetianisch le do Madone^ 
zusammenfafst. 

Auch die Portugiesen pflegen statt Assumpc oder dia 
da Asaumpgao de nossa Senhora häufiger santa Maria de 
Agosto zu sagen, gleich den Spaniern, und letztere be- 
nutzen diesen Ausdruck, um Leute, welche schwer be- 
greifen und langsam denken, mit der Frage zu necken: 
„En que mes cae santa Maria de Agosto?" i) Auf der 
Insel Sicilien wird das Geburtsfest Maria Madonna di 
Fottu di settembru und in Neapel Madonna della GroUa 
genannt, da das unter diesem Namen bekannte Volksfest 
bei den Landleuten in solchem Ansehen steht, dafs die 
Frauen es oft selbst in ihren Ehecontrakt setzen liefsen, 
an diesem Tage das Fest besuchen zu dürfen. 

^) Die Franzosen haben hierfür die ähnliche Frage: „Comment 
s*appelait le p^re des quatre fils d*Aymon?« 



Yolksthoml. Benennungen von Monaten n. Tagen bei d. Romanen. 389 

Wie der St. -Antonstag im Januar in Italien: S(mf 
Antonio dalla gran fredduray so heilst der St-Lauren- 
tiustag (10. August) in Toskana: S. Lorenzo dalla gran 
calura^ in Bergamo: San Lorenz de la gran caldma^ weil 
es ge wohnlich um diese Zeit sehr heifs ist, weshalb man 
auch sprichwortlich sagt: 

(bergamask.) Sant Antone de la gran fregiüra, 

San Lorenz de la gran caldüra, 

Fortünat che poch i dura, 
oder: 

A sant Yisenz (22. Januar) la gran fredüra, 

A sant Lorenz la gran caldüra. i) 
Der 26. August, welchen man in Bergamo för Regen 
oder Gewitter bringend hält, wird spottweise Sa/n lAsaan- 
der daquaröl genannt, indem man behauptet: „San Lis- 
Sander daquaröl, o che '1 piov o che '1 se döl", und der 
29. September, welcher dem heil. Erzengel Michael ge- 
weiht ist, wird in der Lombardei nicht selten mit dem 
Namen FArca/ngiol (venetianisch VAnzolo) bezeichnet, wäh- 
rend die Franzosen la St-Michel in St.-Michaut verwan- 
delt haben. 

Der 7. October, der Gedächtnifstag der heil. Justina, 
heifst im Yenetianischen von den Wiesenlerchen (alauda 
pratensis), welche um jene Zeit am zahlreichsten ziehen, 
und zwiscden Verona und Brescia BcimkU^ bei Padua und 



^) Aehnjich ^skanisoh: 

Sant' Antonio dalla gran freddara, 
San Lorenzo dalla gran calura, 
L'una e Taltra poco dara; 



venetianisch: 



sicilianisch : 



und spanisch: 



San Vicenzo gran fredura, 
San Lorenzo gran caldora, 
L'nno e 1' altro poco dura ; 

San Lorenzu la gran calura, 
Sant' Antoniu la gran friddara, 
L'una e T antra pocu dura, 

San Lorenzp calura, 
San Vincente frinra, 
Lo nno y lo otro poco dura. 



390 Reinsberg - Düringsf eld 

Vicenza fixte und anderwärts aguizzete (in Toskana pispoZ«) 
genannt werden, Santa Oitistina da la scmsetina^ und das 
Fest der beiden Apostel Simon und Juda (28. October) 
wird bei den Romanen, wie in Deutschland, als St.-Si- 
meonstag bezeichnet. Nur in Spanien hat man beide Na- 
men beibehalten, weshalb man in Andalusien sagt: 
Por San Simon y san Judas 
Mata tu puerco y atesta tres cubas. 
Die letzte warme Witterung, welche je nach der Lage 
der Länder früher oder später eintritt und in Deutsch- 
land als Altweibersommer bekannt ist, wird von den Fran- 
zosen r eti de la saint Denis ^ nach dem Feste des heil. 
Dionysius, des ersten Bischofs von Paris (9. October), 
in der Lombardei Peatd de santa Teresa^ vom 15. Octo- 
ber, dem Gedächtnifstag der heil. Theresia, und in ganz 
Italien, wie in Frankreich „der Martinssommer ^^ ge- 
nannt, von dem man jedoch in Ober- und Mittelitalien 
behauptet: 

(toskanisch) L^estate di san Martine 

Dura tre giorni e un pocohno; 
(venetian.) L'istä de san Martin 

Dura tre zomi e un pochetin, 
oder: 
(bergamask.) L^estat de san Marü 

El dura tri de e'n ponini (pocheti). 
Das Fest Allerheiligen (1. November) , in Frankreich 
la tou88aint^ in der Provence totz sants, totsanct ©der mart- 
rory in Catalonien die de töta Santa ^ in Castilien dia de 
todos los SantoSy in Portugal todos os SantoSy im Romansch 
tut ils Sogns und im Romanischen zioa totoru Santüoru 
genannt, heifst in Venedig und der Lombardei gewohn- 
lich i Santi (lombardisch i Sant\ in Bologna el d4 di sant 
oder tütt al sante diy und das Fest Allerseelen (2. No- 
vember), welches die Bewohner des Engadin di dellas 
olmasy die Franzosen jour des trepassisy die Sicilianer/?«^a 
di li mortiy die Catalonier die dels mortSy die Spanier dia 
de difuntos und die Portugiesen dia de finados nennen, 
i Morti (lombardisch i mort)^ weshalb man Sprichwort-» 
Uch sagt: 



Volksthüml. Benennungen von Monaten n. Tagen bei d. Romanen. 391 

(venetianisch) Fin ai Santi, la semeiisia se porta sui campi: 
Dai Santi in lä, la se porta in ca, 
A San Martin, la se porta al molin*), 
und: 

Dai Morti, se veste i porchi, 
Da san Martin, se veste '1 grando e '1 pichinin; 
Da la Salute le bele pute , 
Da Santa Catarina, ogni parigina. 2) 
Das Fest Maria Opferung (21. November) fuhrt, wie 
schon aus dem zuletzt angefiihrten Sprichwort hervor- 
geht, in Venedig den Namen la Salute ^ weil es zugleich 
die sagra oder das Gedächtnifsfest der Einweihung der 
schönen Kirche Sta Maria della Salute ist, welche im 
Jahre 1631 als Gelöbnifs für das Aufhören der Pest er- 
baut wurde. 

Während übrigens sagra in ganz Oberitalien als Be- 
zeichnung des Kirch weihfestes dient, finden wir in Frank- 
reich dafür fast in jeder Provinz einen andern Namen. 
So heifsen die Kirchweihen in der Touraine assemblieSy 
in der Bretagne pardons, in den nördlichen Departements 
bald kermesaesy bald, wie im Wallonenland, ducasses (von 
dedicatio), im Dauphine voffues, in der Franche-Comt^, wie 
in der französischen Schweiz benessons oder b^nechon (von 
b^nediction), im Langued'oc la böto oder Roumeirage^ 
und in der Provence Roumavagi oder Romer age^ weil es 
ehemals Sitte war, Wallfahrten nach Rom damit zu ver- 
binden, weshalb auch in Spanien die Feste der Dörfer 
romeriasy in Portugal romarias genannt werden. 

Für Weihnachten haben alle Romanen den kirch- 
lichen Ausdruck „Geburtsfest des Herrn" angenommen, 
wobei sie theils die Benennung unverändert beibehalten, 
wie romanisch Nascerea Domnulü, spanisch Natividad oder 
Pascua de Navidad, portugiesisch Pa^coa da Natividade^ 



1) (mailändisch) Fina ai Sant, la somenza la va süi camp, 
Dai Sant in la , la somenza se porta in ca , 
Per el di de san Martin , la se porta po' al mälin. 

*) (bergamaskisch) Ai Mort, se vestess i porch, 

A san Marti, i grand e i pissini, 

Per Santa Caterina se vestess ogne damina. 



' ' ehe D»talis (dies) in das ita.£siii«che 
theils daa ^^^^Natalh sardinisch Natali, Nadale, 
p^ila^L^cb'Taäa/, venetianisch Nadal, bergamaskisch 
N d D das spanisclie und portugiesische Natal (dia de 
NcUal) ' dsLS aJtspanische und catalonische Nadal, das pro- 
ven^uilisclie Nadal, Nadau oder Nadalor^ das churwälsche 
NadcU und das französische iVo67, statt Nael (in der 
Picardie Notii oder Nouel^ im Wallonischen Nouee) ver- 
wandelt haben. 

Nur die Proven9alen nennen Weihnachten auch noch 
^aün oder calendoa (im Dauphine und der franzosischen 
Schweiz tzallandS)^ weil ehedem das Jahr mit Weihnach- 
ten anüng, die Romagnuolen sagen häufig Pasqua di 
ceppOy von dem JEQotze, der am heil. Abend dem Her- 
kommen gemäfs auf dem Herde brennen mufs, und ^ie 
Spanier bezeichnen den heiligen Abend als noche buena, 
während er bei den Romanen meist azunul Cräcitmulü^ 
£j:ippenabend, heilst, da bei ihnen, wie bei allen Roma- 
nen, die Sitte herrscht, am Weihnachtsabend Krippen 
aufzustellen, welche die Geburt des Herrn darstellen. 

O. Freiherr von Reinsberg-Düringsfeld. 



^"^^^ Meyer, Bribea d'hwtoire Htteraire. 393 



r 



Bribea d'histoire Ktt6raire. 

L 

X7n nouveau texte de Parlabeoca. 

M. le Dr Bartsch a public dand ses Denkmäler der 
Proven^cd. Literatur (p. 75—79) une piöce d'un rhTthme 
triste et lent^), toute pleine de miditations surla puis- 
sance de la mort, la vanit^ du monde et le jugement 
dernter. L^auteür ineontm de cette pö^elie djsigne s'on 
oeuvre eous le nom ^arläbeoca : 

Et entendes una arlabecca . . . '. 

leüs ai feiiida Tarlabecca. 

Ces deui exemples sont les ^euls que cite Rayuouard 
du mot arlabecca (Lex. Rom. II, 121); U le traduit par 
,,compIaiate, chant lugubre^'; la pi^pe elle-meme a sans 
doute un caract^re peu rejoui^sant, mais uue apprecia- 
tion n^est pas une traduction, et d^autre part comjplmnts 
a dejä eu proyen^al son äquivalent qui est planh. Le 
rapprochement que Raynouard ätablit entjre arlabecca et 
Fancien portugais arrabeca^ rebec, Tiolon, semble mieux 
fond^« On peut en conclure que la po^sie aiusi denom- 
mee se chantait avec accompagnement de rebec. CVst 
ainsi que V.Hugo a intitule deux de ses pi&ces guitare; 
le rhytbme de l'une d'elles a meme quelque ressemblance 
avec celiu de notre arlaheecai 

Qastibeka, Phomme ä la carabine, 
Chantait ainsi: 

Qoelqu^un a-t-il connn dofia Si^bine, 
Qaelqo^ua d*ici? etc. 
M. Bartsch n^a connu et ne pouvatt connattre qüW 
seul texte de F arlabecca ^ celui que contient lie ms. Bibl. 

^) Ce inSme rhythme, qui ne parait paB fort ancien, se retrouve 
dans V Essenhamen del guarso de Lanel de Monteg, pi^ce dat^e de 1326 
(Bartsch, Denkmäler , p. 114), et en fran^ais dans le Dit des Traverseä 
(Ach. Jabinal, Lettre» ä M. le conUe de Salvandy sur quelques uns de» 
manuscrits de la Bibliotheqtie de La Baye, 1846, p. 249), ainsi que dans 
les Resveries du ms. Bibl. Imp. fr. 837, fol. 174, publ. par Jubinal, 
Jangl. et Trouv., p. 34. 

Jahrb. f. rom. n. engl. Lit. V. 4. 26 



394 Meyer 

Imp. Fonds franpais 1745 (olim 7693). Une publication 
recente m^en a iait d^couvrir an second, incomplet de la 
fin ä la y^rite, mais pr^sentant quelques bonnes varian- 
tes. M. Delisle', de Tlnstitut, a public dans la Biblio- 
tMque de FEoöle des Chartes *) Plnventaire des manuscrita 
conservis ä la Bibl. Imp. aous les n^* 8823 — 11503 dnfonds 
latin. Or, sous le n° 10869 se trouye un article aiusi 
con^u: „Vies des saints dont les noms suiveut: aSatur- 
«ninus, Sergius et Bachus, Thomas arcbiepiscopus. — 
« Sermon pour la dedicace — XIP s. — A la fin du XIII® 8. 
«on a ajoute une pi^ce en provenpal (fol. 30 v°), et une 
« lettre sur les affaires de Rome (42 v°). » " Cette pi^ce 
en proven9al n'est autre que Tarlahecca; Fecriture en est 
fort negligee ; les vers, et parfois meme les mots, n'y sont 
pas separes. Je reproduis ce texte avec une scrupuleuse 
exactitude, me bomant ä retablir entre [] les lettres qui 
manquent et ä renfermer . entre ( ) Celles qui surabon- 
dent. Je donne en note les variantes du ms. qu^a suivi 
M, Bartsch. *) • v 

Dios vos sar, senhor, totz esemfs] fol. 30 v* 

8is fkra lo . . . 

. s'ien Tosno pecca 

si Tolet auzir l'arlabeca • 



1) V« Serie j tomes III et IV, p. 98 du tirage a »art. (Paris, 
A. Durjmd 1863.^ ' / , 

^ Quelques faiiies de lectäVe oü 'dMiäpressibn se sont glis&ees 
dans le texte de M. Bartsch, d'ailleurs ^tabß'ivec oritiqoe comme 
tous ceux qu'a publi^s le mSme savant. P. 76i, v. 20 piagcu 1. planes; 
V. 26 almozcu 1. cUmomcu; v. 28 esser 1. aver; p. 77, v. 5 ipoteearis 
1. ipoticaris; v. 26 jutjamen 1. jutzamen; v. 27 Non 1. Hon; p. 79, 
y. 13 Jens 1. /m«, contraetion de ieu i^os^ oo Jens, contraction de ja 
vos (voy. Flamencaj vers 1554 et note. sur le v. 1|33). 

Aom. 1 Ms, eseiasM; c^est une econofnie,, Vs ^rtponr d^nx. — 
2^-3 Que 918 /arß verayamens — Sieuos nom pecca; le9on ^videmment 
mein eure pour le v. 2' qui, dans 'mon texte, est incomplet; quant au 
▼. 3, sieuos fait difficult^; M. Bartsch uorrige si tis, mais en presence 
de la lefon s'ieu vos donnee par le nouveau texte , je ne pense pas 
que cette correction soit admissible; pecca est employe activement, ce 
qol n'est point surprenant puisque la forme reflechie sepeccarj se trom- 
per, est d'un emploi fr^quent (se pequecy Leys d^fimora, II, 56; sepecco 
Ibid., 396; nos pecguet, Gavaudan, Parn. OccJ, p. 46; no in*i pecquera 
Flamenca, v. 4313). — 4 Et entendes una a. 



Bribes dliUtoire Utteraire. 395 

5 quMo TOS velb dire, 

Sapchatz non fmeac euitar »i m^ 

ni dar conort, 
tan veg en perielh de 1» B»ri 

tota la gen; 
10 c*om non pot garir per argen 

ni per amiz, 
ni n'escapa paubre« ni rix, 

savis ni fols, 
car egalsmen estrenh los oola 
15 als laix, als «lercz, 

e no col festa ni digfnercx 

ni gorn de feri, 
don so besät li semiteri, 

qui it 6*en dona, i 

20 e negnn ome no perdona 

per can que Talha. •< ' 
bome ric no presni meala fol. 91 

per gran que sia^ 
ni no faria per elereia 
25 lo yal d'un alh, 

ans lo va segan am soii dalh 

c'oras quelh plasa.^ 
Sapehatz cmelmen lot estrasa, 

que no i fa fendia, 
30 ni troba plages que la renta ' 

am tot soneodi/ -^ ' 
pueih que Ta levat en 8on odii • 

que be lor est, 
e pnei va levant sos test 
35 e me[n]t sas glozäs, 1 

que a la mort remano las novM 

eis parlariaa , 
de tot que negun o sentria. 

Bona mainada, ( 

40 beus Yolri' aver ensenbada • 

a mon lati, ' 

que nos calgues ser ai mM 

ayer temenss 
de la mort, que ai paor ques vensa 



6 Sttbes» — 8 .«1» poder, — 10 N<m p^t hom gandir, — 
12 Np te. --* 13 Jüvean, -^ 18 bossatz. ^ 19 Quiiutnh. — 90 Sapjas 

gue ad ho. — 22 Rom r. n, p*una m 23 P. rieg, — 25 Valen d*. — 

30 qp hmvenmi. ' — 31 Per negun e. ^^ 32 Dejmeif» q* fa ine» e a.' — 
33 ßtie he noi r^stz, ^ 34 ifalon Un paiue s, > — 36 Daf>ctn l. in: van 
loa Abnomcu, *- 37 — 38 mänqnent«.- ^-^ 39-^^0 bonos maynadas . 
essenhadas, — 41 Dem, — 44 que oert ek quens 9. 

26* 



396 Meyer 

45 com ffd los Mitres; 

qae no i pot pro tener empiftstres 

ni medicina, 
nil regardamen de la nrina, 
ni los espesis, 
50 ans es tot fezioias neois 

qae a Ihies contrasta, 
quar atresi mezeih los tasta, 

qae letaaris j 

no i te pro, ni apoticaris 
55 am sas semensas; 

ni a sels qae fan penedensas 

no porta amor« 
menoret ni (a) prezicador 
ni (a) ome d'orde. 
60 Per qae hyo tenh tot ome nesi 

qa*el mon se fia, v** 

car egalmen 8*en van. li dia 
als rix e als paabres; 
adone re[m]embre te qae langes 
65 don bes te Tena. 

aagas de Dayit qaen[s] ensenha 
de salvamen: 
decltna a fnalo ei /ae bomum, inquire paoe^m] et persequere eam 
pro 8*en passa leagieramen 
al mea Tegare; 
70 fai be e gardat del mal fiare, 
re no i tk plns; 
en aqnes .ii. motz es enclos 

tota la lei. 
no i a enpefäre(i) al rei 
75 qae also no fasa, 

qae sos servizi a Dio plasa. 

en vas trebala; 
dont es obs qae marse nos vala 
al jatgamen, 
80 can Dios vendra sartanamen 
am gran compana 
e non peset qae gan(t) remana* 



Anm. 46 Q. non hur tenon pro e. — 48 At fe$gardamen. — 49 A«& 

bo8 e, *~ 50 Per jim «./. es a. — 54 Non hur. ^ 56 N^u las $tM q 

57 No y an a. ,^ 58 MenudeU. ^ 59 Ni[io$]preiats. ^ SO Pergueue 
die que totg howu es fats. -^ 62 — 63 manqaent, eomme aassi le Terset 
de la Bible (Psalm. 33, 15) qoi sait le v. 67. ^ 72 «e conclus, -^ 
75 Si 41. n. jiarda (la coireetion de ^arda en fassOj proposte par 
M. Bartscb, se tronve jostiAie). ^^ 78 Bobs es q^ sa m. -^ 80 Bon 
tugz venrem certanamen, -~> 82 n. erextUe* 



Bribes d*hi»tom litt^raire. 397 



homs qae anc loanat, 
que squi no sia jutgatz 
d5 en aquel dia. 

nes si om ars e ventat Favia ' 

aqui vendra, 
e soD logoi^r plenier prendra 

Segon sa carta 
90 cassquus enans que d'aqu! parta, 

Segon SOS fags. 
mot er doloiros aquel plag; 

on g^rentia 
uon er dat ni alonc de dia, 
95 mas la sentensa 

dara sei que non a temensa 

e'um li apel, 
nt no i calra formar Übel 

qnels esturmens .... 

Le r^ste du feuiUet est blaue* 



Anm. 83 ff. q, /. n. — 84 «. afomatz, — 85 Ad a. -^ 86 <kr« ^ 
omis. — 91 De totz ». — di Et er ben dL $98 p, ^ 93 Que g, — 
94 iVb y er preza ni jom ni d. 



n. 

Portrait de fexnme. 

La pi^ce ci-apr^s a iÜ ^crite au XIV* si^cle aur le 
dernier feuiUet de garde du ms. H'249 de la Biblioth^ 
qcte de la Faoultä de M^decine de Montpellier coatouuit 
le Percenal de Chresti^i de Trojes. Le Catalogue ginirtal 
des manmcrite des biblioth^ques publiqties des Dipartamewte 
en fait mention en ces termes: ^^A la fin, sur les gardes:, 
il y a une chanson adressee k une feüime dont on c^l^bre 
la beaute en vers fran^ais" (t. I, p. 380). Ce n'est point 
une chanson, ce seriut, plutöt une epitre, si cette d4no- 
mination classiquc pouvait etre de mise ici. De quelque 
nom (jtf on veuille Tappeler, la piece que je public actuel- 
lement nous donne un ciuieuz speeimen des idees uu peu 
sensuelles avec lesquelles les poetes de la langue d^oil 
appreciaient la beaute. La dame inconnue ä qui s'adres- 
sent ces vers y est decrite de la tete aux pieds, et il ne 



398 Meyer 

nous est fait grace d^aucune de ses perfections. II 7 a 
du reste des traits gracieux dans cette description; j^aimc 
ces ^^yeux riants et bien fendus qui reluisent comme une 
^toile, la nuit, dans un ruisseau'^ et ^^la belle petite 
oreille" gentiment "assise sous la tresse"; et cette gor^e 
blanche k travers laquelle, comme par un cristal, on yoit 
descendre, le vin vermeil. 

Aucun indice ne nous pennet de rien conjecturer ni 
sur l'objet ni sur Pauteur du portrait; sans doute ils 
vivaient Fun et Tautre au XIIP siecle, car les vers parais- 
sent bien de cette epoque. On y remarque quelques par- 
ticularites orthographiques interessantes: pareiul^ eiuly 
vermeiul (pareil, oeil, vermeil, qui maintenant ne pour- 
raient point rimer ensemble), potent (point) , etele^ ce qui 
prouve que des le XIII* sie(5le au mbins la" pronuncia- 
tioa supprimait Va ^tymologique dans les mots qui en 
latin commencent par sty sp ou sc. ^) On remärquera aussi 
que le c usurpe souvent la place de Vs (jpenceTy cenf^ 
aud etc.). 

U est ä remarquer que cette description elogieuse 
d^une beaute inconnue, presente les plus grands rapports 
avec une piece que renferm^Ue manuscrit fran^ais 837 de 
la Bibliotheque ImperiMe (glim 7218 avf folios 217 et 218), 
et qui a ete publice par M. Achille Jubinal dans ses 
Jowgleuta et T7*ouvhre8y p; 182 sous oe titre: L$ aort des 
Damee. Beaucoup de vers sdit identiques dans lesdeux 
ieacAes, mais celui de M. Jubinal a au commencemeat 
pr&8 de 60 vers qui manquent au notre; dans tout le 
reste et surtout 'It la fin, les variantes sont tres nom- 
breiues. 



. ^ Ceitte tendanoe est de^ m$xque%,dwa.VEpitre/areiepour lejmar 
de Saint EUenne publiee ici meme par M. G. Piu-is (t. IV, p. 313); 
on y remontre en effet cetui ponr cestui, deptUer (disputare)^ ecrierent 
pour escrierent. Cette Observation me met snr la yoie d'une correction. 
Au troisi^me verset, M. G. Paris imprlme Jocun, mot qui lui semble 
douteux, et k moi aiissl; \ne serait-ce pas jaiun pourjostumf le sens 
Bereit excellent; «reanissons noi^s.pour disputer avec lui'*. 



.. Bribes d'hiatoire litt^aire. 399 

Dame qm o'»ye» iwl pareiul, 

je ne pais saouler moa eial 

de regarder ¥0«tre fa^n; 

qui r«iitaiUa fu bon ma^s; 
5 ne pourroie pencer ne dire 

de vo grant biaat^ la matir«» 

grant sen^ a eo bleu ayUer 

6e qa'oQ peat «n youa deviser: 

vostre biaa cbef blondet et «or 
10 qui reluit pliu qoe oiü fll d'or, 

menaeraent reeeieeie; 

si ne doit pa« es<7e cele 

vostre pleia front , poU «an« fronee , 

qui Cent comme esglentier oa ron<)e, 
15 et vos sonrci« plesan«» brun^s, 

qui 8ont et plus gena e^ plu« nes 

qne safir ae argeot pendo. 

vos eius rian«, a poient fendu« 

qai reluigent oomme ',u etele 
20 par noit ea une fontenale, 

et regardent «ant vUenie. 

Du regarder ans ae c*enniue 

vostre biau ne« a potent mole, 

qai a'e«t ae irop lono ne trop le; 
25 vostre sayotureose bouchete 

vermeiUe^ riaot petitete 

blan« den«, oien««ment {asai«««] 

le« levtetas eenblent cerises; 

manton votis, fet a compa[6] 
30 si ne doit Ten oublier pa«. 

Le viaire qui bien i'esgarde 
. , ü'e^ pas mestier que Ten le farde. 

pouif deviser sui demoure 

comment est a poient coulourö: 
36 conlenr de lis assiae a lai 

aveqnes le rubi balai 

pert emmi la face vermeille; 

et la bele petite orellie, 

qui est assise soo« la trece, 
40 eortoisement «on chef adresse; 

et le redouble du colet col. 11 

blanc et poli, cras et molet. 

Je ne vi onqaes fleur en brauche, 

ma dame, qui fust anci blanche 

Anm. 17 Jub. en a ce qui est plus clair. — 27 le mot qui ter- 
mine ce vers est efface. Je complete le vers d'apres Jubinal. 



400 Meyer, BHbea d'bistolre litt^raire. 

45 com est voetfe bele gorgete; 

moat fu a nete forge fete, 

clere et deliee est com taie. 

L*en saorait bien se je mentale: 

qui bien i regarde de Teial, 
50 qant roui baves le vin Termeiul 

et la coaleur dessent a yal, 

parmi relnit com par oristal 

et descent jneqa'^n la coaraille. 

Or ilke doient Diea que-je ne faille 
55 a TOB espaales tres bien fetes 

omiies et a poient baoetes; 

ies bras bien fes, Ions et teitis, 

pour aooler ami fetfs, 

la mein petite, potelee, 
60 blanche com nef amoteUe; 

par la seintore grele a polen [t], 

le co«t6 si poli et goient. 

Le nonbrillet e Tatttre chose 

que Coortoisie nommer n'ose 
65 fut si bien fet k sa nature 

comme il est reson et droiture; 

Ies cuissetes et Ies jambetes 

roonde[s], blanches et crassettes; 

Ies pies petis, ortens menns 
70 doivent estre pour bians tenus. 

MoQt fa natfire an fere sage 

qant de votts fit si bei ymage. 

Anm. 57 Jub. Ies doU tretis. 

Paul Meyer. 



Mussafia, Zam Breviari d'amor. 401 

Zum Breviari d'amor. 

Der Druck dieses umfangreichen Denkmales der pro-*> 
venzaliscben Poesie schreitet ziemlich rasch vorwärts^ und 
so eben ist die dritte Lieferung herausgegeben worden. ^) 
Ich habe die zwei ersten mit den wiener Handschriften 
2563 und 2583 (ich bet^eichne die erste mit F, die zweite 
mit G) verglichen und hoffe das Resultat meiner Arbeit 
seinerzeit zu veröffentlichen. Indessen können diese Hand- 
schriften , welche manche dunkle Stellen des gedruckten 
Theiles aufhellen, auch dem ungedruckten zu statten kom- 
men. In der Vorrede, S. XI, klagt der Herausgeber, dafis 
der letzte Abschnitt — le perilhos tractat d^amor — in A 
sehr verderbt sei, und erklärt, es wurde L nach Mahn^s 
Abdrucke zu Eathe gezogen werden, um dieses Hülfs- 
mittel noch nutzbringender zu machen, theile ich hier eine 
Beihe von Bemerkungen zu Mahn nach beiden Wiener 
Handschriften mit. Die meisten sollen den Text verbes- 
sern; nur selten gebe ich gute Varianten zu sonst halt- 
baren Lesarten. Leider lassen sich viele Citate aus den 
Troubadours auch durch Fg nicht befriedigend emendi- 
ren; für diese aber bleibt das Zurückgehen auf die Ori- 
ginallieder, mit Berücksichtigung der von Matfre befolg- 
ten Varianten, das beste Hülfsmittel. 

Hier nun mein Verzeichnifs: 

181, vorletzte Zeile 'iV Aimerics. 

182, 15 en tan de folor 17 Dieus! quan pauc de con- 
oichensa D'amor a«, qui ben o pensa, Gel que repren- 
don aymador 19 ni loi (le lui) comton 20 nos evia 
24 — 25 que pros 8i noi ehten... Quel ^ois d'amors 
25 non es mos benen 27 e de valor 33, 35', 36 statt 
le immer li 39 ni loi comta 47 Cum savis. 

183, 14 — 15 desplassa S'ieusfau... Quez es... Quar grans 
razos 18 e *' antra 19 ges qv£ cortes 2Ö ieu en sui 
21 pres de lui 29 non es mos plazers 41 qui pel par- 



*) Vgl. über die erste die gründliche Recension von Bartsch im 
Jahrb. Bd. 4. 



402 MuMafla 

lar de croja gent 43 Ni so 45 Escoutatz 46 Der Vers 
Nesci de malft razisst geht nach Quel mal parlan evejos. 

184, 1 A prezen 7 lejaltat 8 la vai desvian 13 sofre 
19 a pu8 fort de sß tensa 20 nim noz^esta 31 qnUeulh 
vei per un be cen mals far. Bartsch (Lesebuch 153^ 27) 
gibt vielleicht nach dem Originalliede: Que la rei per 
un cen mal far. Die Lesart von Fg scheint mir deut- 
licher. Der Dativ Ih wegen videre mit folgendem In- 
finitive. 

185, 5 Pus donex amors 13 €8 ne clamec 24 d^argen AI 
vila qu'era peliciers 27 tot dar 37 en cela, Bartsch 
vermuthete esta; vgl. aber Leseb. 153,45. 

186, 8— 9 envejos 9 los amoros 13 In G blofs escoutatz, 
'' dann abgesetzt; in F steht das Wort am Rande, sodafs 

Que amors . . • und Quan vos unmittelbar aufeinander 
folgen. Auch an anderen Orten findet sich ein xmnothi- 
ges Escoutatz. 16 non ac par De mal dire per que nom 
par .Quez el sia dignes de{^ 31 ^ en fag 38 blasman 
39 quex «'avia 40 se fenhian 41 sai be que non es 
42 vos die que n^es dÜ amor 43 aissi tot a pr. 

187, 10 amava Lo quäl dan ges nolh donava 15 crezatz 
18 enjoing „befahl", vgl. 186, 45 enjoys, wo G enjoinc 
hat; F an beiden Stellen enjos 23 E pueis 25 Alqun 
28 D^En Marcabrun 29 ni en lunh deu cantar 33 el 
fons d'ifem 41 O a pream o a sotz man 42 Per dig e 
razo natural G; F wie L. Gehort der Vers Matfre oder 
Aimeric de Pegulban? 

188, 3 es fols quiei (= qui i, qui Ihi, franz. qui lui) vol 
contendre ^ ~ 9 que devon far 10 E dient mal per 
vilain maltalent 12 E s'il s^en part 13 G uuou ge, 
F uuotige 16 e ^1* (si-l) a fag 18 — 19 Quorqu* ieu 
eh. dez. Nim — plai[n]ches d'amor Nin diches... Enuegz 

^ ni viltatz 26 Qui fassa Vergolhoa gauzir E cel que 
domnef ,ab engan 30 Mais a d'amor 36 de lieis maia 
de plazers 

189, 15 cochos do dezavinen 21 so qu^a demandat e vol- 
gut 22 pus quez om n^a so sadolh pres D^autra part 
maia creis e dura 39 hom mover 44 de plazer viu 
45 per que val mais 



Zam Breviari d'amor. 408 

190, 4 Enquer dizon 6 azaut De so quez er plus mal 
azaut quar non garda 20 s^e» sab ameznrar 21 sab 
S&mcT tot 35 868 pezar Ni ses maltrag gran onransa 
37 Tafan 38 o an dig 39 escrig 43 senatz. 

191, 2 maldizen o trobador 5 sec sa folor 8 qui 
nWova be 13 O iCt% a tort 14 falha : valha 15 Et 
enaichi 26 Bo% Aimeric 27 qu^a la lebre cassada 30 en 
90an 42 dorfen calque gma 44 Bo% Aim. 47 e to^ dao. 

192, 3 Pero qui fort se volia 13 non avem membransa 
20 Boe Aim. 31 c^aysais tanh 32 nos morfina 33 elam 
ten 43 don digs Bemartz 45 quar ieu lom tuelh 

193, 8 recemblara eniga 9 Maie de merav. 12 rir e jogar 
28 e de sospir en planh, de planh en plor 29 — 30 non 
coTe tomar 31 per la faa correns 34—35 per la l^cca, 
per la cara 35 non acsetz 36 que merceus toquera don 
crem f. 37 camjera 39 appar a la color 40 pltie des- 
coloratz 40—41 escoutatz doncs oossi 43 falbezis m& 
color 44 esdevengutz cum es 46 pen^^ dolor 

194, 2 em tjei 7 nons en podem ges 8 nos i en va 
11 quel liam fo d'un embra» solamen 12 quim deali ni 
alhor Enliamatz sui tan que sim Tolia Desliamar ges 
far non o podia (F poiria) 13 lai me lia Em ten pres 
m'en liama 15 E nou (F non) fai ges 16 que fiem 
forssat 24 atras o avan 26 non ai jai 29 puesc mover 

. 31 nxCaisains dessena Ens fai Tiure 34 que non o fassa 
• ' derenan („von nun an^') 36 sin poesem penre 38 nos 

plagra 39 nons (F. nom) sembla nins (F nim) par 
1969 14 pres plus que folia 23 si raut[z] ram[s] 24 Amor 

ni la met en cassa 25 a ma guia 30 cum de ser 

88 Yous me^dites 39 que n^a li rois de France 41 do<- 

leurer 42 guia 51 quos tanh Tamoros 

196, 1 Tafans 20 no mi val del enojos romieu 26 so 
qu^a dezirat 30 hom enriquir 

197, 4 a ma parvensa 10 si beu (be-1) queretz 15 l'en- 
menda be 28 Per los fis amans 

198, 6 En als an facha 7 el an encolpad' Skmor 11 mens 
en val 

199, 7 so an. merit 8 quar qui aut pueja 16 N^Ucs 
Brunencs 15 se m^vt rancuran 16 nos fan 17 ab 



404 

gen pwrlar G ab bei portar F 29 Nob &a non apaon 
tan 30 no9 an 

^00) 7 tener amoros 10 qiiar »i Ibsson 22 Fis aunans 
lo do que tendre F 23 se deligs (deletur) 33—34 E 
pus la bc»:s^es Yugada (vojada F) 44 — 45 pessa Hu* 
tat F p^8 fezeutait 6 45 — 46 en jatz cani (Lex* Rom. 
5, 133) 46 al mila F (Lex. ßom/ 4, 233) 

201) 2 engan o mcdfseatat 3 dexnanteneii 4 los sanhs 
5—6 en mar dedins un sac 28 ün taüs fa ja que ocs 
dames amaient 30 bacb, ^ar^^ ^W tont 44 qnez ieu 
n'auzia 

202, 5 m^aTenha ni guerrejar 8 Ieu entendre 17 an agut 
Quar ta mal i son ayengut 20 en Folq. 22 Mi fan 

26 Jäi pot 27 daus quäl part 31 tener nom poiria 

39 quV^en vos 41 Et W antra 46 cum $1 o saup 

203, 6 — 7 cauzid^« la melhor 10 re no pot 12 que pogues 
hom blasmar 17 no fos plu9 granda 27 dels sieus bes 

40 e sobransa 

204, 10 Antrat^ en dirai 17 ni mos cans 20 Pros Aim, 

27 Rendet de si dons 33 von dirai 38 que meue fos 
(P. Vidal, ed. Bartsch 23, 47) 

205, 17 bona e tant 39 re melhorar 40—41 «'ieu pogues 
42 n't auria 

206, 2 en una aua canso . lo cavaliers 4 parsoniers 

207, 3 Et er me mout mal e greu 17 que vos nos detz 
20 Ni nos 21 Cazer 31 devers, wie Bartsch Jahrb. 
3, 401 richtig vermuthete 37 Mas no sian 42 — 43 ges 
d^anta (Damach wäre auch die Uebersetzung Bartsch's 
a. jA. O. zu verändern.) 

208, 31 per gäbe 32-^33 en cui pretz entiers 33 en cui 
es aunitz (kein hom\ der Vers ist achtsilbig) 36 comen- 
Samen 45 corteja 

209, 10 m'an emblat 13 solas amoros 15 en lo solas 
qu^om noy puesca 17 ni sa valor 19 mal semenan 
23 ben aculhen 32 venon de grat *) 34 que parletz 
ges prim. 37 d'ome que no Vescai 

^) Im folgenden Verse liest Bartsch a. a. O. perjtensaty und setzt 
in der Anmerkang als Lesart der Handschr. peu pensat Aber lAahn 
drackt ben p, und so haben auch F€r. 



J 



Zum Breviari d*amor. 405 

2IO9 12 de dezonor 16 lo sap be ffazardonar 23—24 diffs 
que domneis 39 U pro» - 44 dechai 45 ob p. a& p. 

211, 28 domnejadors 29 ayolezas 35 — 36 nou8 en sen 
(Choix 3, 425) 

212, 2 Bon es doncs 14 £m tral cor de jotz (F jos) 
Faichela (P. V. ed. Bartsch 14, 28) 21 trair volontos 
24 — 25 be captenir 27 Enquers 34 quar no mi rix 

213, 22 Tysbe non amet Priamus (Choix 3, 258) 24 lar- 
gu'w (ibid.) 35 desmen. 38 — ^39 nim poiria per re dar 

214, 5 Mas dratz y a e donas 16 que nos fenhß 
17 — 18 qu'ea devengut 28 ieu no vei 30--31 Quem 
destrenh tan perqu^ieus die mon coratge 

215, 20 No far (Prov. Leseb. 64, 8) 31 A quascun 

216, 12 pot hom maui acabar 13 I08 fan refodar 19 E 
s^ilh Yolgues esgardar mon semblan 23 non aus querre 
42 Vei» m'a vostre (Choix 3, 46) 

217, 8 senatz 28 o plus que la «ta 31 qui ben o coBsira 
32 ramicitatz en «r« E deu mais. 

Wien, 23. März 1864. 

A. Mussafia. 



406 Kritigehe Anzeig«n: 



Kritische Anzeigen. 



l^tude 8ur le role de Taccent latin dans la langue fran^aise, par Gaston 
Paris. Paris u. Leipzig, Franck. 1862. 132 S. 

Es war ein glücklicher Gedanke, die Rolle ^ welche der 
Accent, dieser wichtige Factor, in der gesammten romani- 
schen Sprachbildung, speciell im Franzosischen spielt, zum 
Gegenstande einer Untersuchung zu machen, das in ihoa. lie- 
gende Princip in dieser Richtung zu bestimmen und dessen 
Wirkungen auf das genaueste nachzuweisen. Solche Mono- 
grdiphien können für die Linguistik höchst ersprieislich sein, 
da es in ihrem Zwecke liegt, auch anscheinend geringere Er- 
eignisse auf diesem Gebiete , worauf die Lehrbücher der Gram- 
matik einzugehen nicht immer Anlafs haben, anfzüsBchen und 
in daa System ein2utragen. Die vorliegende Abhandlang ist 
eine von Hrn. Paris vor der Urkundenstshule zur Srwerbttng 
des Diplomes aL^ Archiviste. paleo^raphe aufgestelte und be- 
hauptete These. In dem/ Y^rwoct beklagt der Verfasser, dafs 
die Freunde der franzosischen Philologie in Frankreich selbst 
noch immer sehr selten seien und dafs selbst die Mehrzahl 
derer ^ die sich^ init,der altfranzosischen Sprache beschäftigen, 
sie eben nur als eine Cnriosität behandeln, als ob dies Fach 
nicht eben sowol eine Wissenschaft sei wie die klassische oder 
orientalische Philologie. Es hat sich also im allgemeinen dort 
noch wenig geändert seit 1850, wo Hr. Paulin Paris (in der 
Bibliotheque des chartes) aussprechen konnte: L^etude de la 
grande litterature fran9aise pendant le moyen age n'est pas 
repandue en France autant qu'en Allemagne, en Belgique, et 
meme en Angleterre; peu de personnes sont au courant des 
travaux executes, des publications entreprises etc. Aber nicht 
allein war die Zahl der Freunde jener Literatur gering und 
ist es noch; auch den Leistungen der Herausgeber alter Texte 
fehlte es häufig an derjenigen Sorgfalt, ohne welche eine Aas- 
gabe weder der Grammatik noch selbst der Literaturgeschichte 
genügt. In der That hat die neue Aera der franzosischen 
Philologie vieles gut zu machen, was die frühere vernach- 
lässigt hat. 

Herr Paris war, als er seine These unternahm, mit allem 
ausgerüstet, was zu ihrer Losung erforderlich war. Ich be- 
merke nur, dafs ihm auch Deutschlands grammatische Litera- 



Paris, i^tade snr le role de Fftceeiit latin dans la langae fran^lse. 407 

tor sfthr wolil bekaant ist. Daza zeugt seine Arbeit von Be- 
obaehtang^geist imd vnabbaDgigeixi Urtheih jeder, der sieb mit 
der fraasosischen Grammatik in ¥ri8S«i8chaftlicher Weise be- 
schäftigt, sei er Sdiükr oder Meister, wird aas ihr lernen 
können. Sie macht der neuen Schule Ehre. 

In der Einleitung zeichnet der Yerfasser jenes viel be^ 
sprochene Ereignifs, die Herkunft und EntstehnngsarC des 
romanischen Sprachzweiges, in geistvoller Weise, and nach- 
dem er den Satz anerkannt hat, dafs der lateinlschiB Accent 
in den Tochtersprachen im ganzen seinen Ptatz behauptet und 
mit Schöpferkraft, zumal im Französischen, tief eindringende, 
aber regelmafsige Veränderungen in den Wortformen, Um* 
Wandlungen in der Natur der Yocale, Modificationen in dem 
System der Zusammensetzung und Ableitung hervorgerufen hat, 
mui^tert er zu seinem Zwecke alle Theile der Grammatik mit 
Ipbenswertber, nach Vollständigkeit strebender Sorgfalt Zo-^ 
erst das Substantiv in seinen einzelnen Declinationen , die be-» 
kanntüch im Ahfranzosischen von Seiten der Betonung einige 
merkwürdige ZSge darbieten, dann das Adjectiv, den Artifc^, 
das Pronomen, das Zahlwort u. s. w. Es wäre überflüssig, 
den Gang, den seine Untersuchung gfeht, und die Beobachtun- 
gon, womit er die Grammatik bereichert, in einer etwas <v«r-> 
späteten Anzeige auseinanderzusetzen/ da sich das Wefkchen 
bereits in Aller Händen befindet. Besser wird ea s^n^ einige 
durch die Leeture desselben angeregte Bemerknagen, worunter 
einige Zweifel, die aber das Verdienst des Gänzen nicht schmä* 
lern sollen, hier anzuknüpfen. * 

Seite 83 bemerkt Hr. Paris' mitBeoht, dals die provenza** 
lia^e Mundart dieselben Gesetze : der Betonung anerkenne wie 
die franzosische, Aak also der Hochton atich hier nicht übei^ 
die voiietzte Silbe hinaufsteige. Das sagen schcMi ^ie Ley«t 
d^amors (I, 90). Sie tireten zugleich denen entgegen, welche 
behaupten, in percegua^ padena, sabeza liege der Hauptton 
(accent principal) auf der ersten Sähe; auch in dieser Mundali; 
schreitet er häufig von der drittletzten auf die vorletzte fort, 
wie in ancora, vergina, pistola, welche gegen die neufranzösi- 
sehen ancre, vierge, ^pitre übel abstechen. Man kann über* 
baupt der nordlichen Mundart das Lob nicht versagen, däfs 
sie in manchen Fallen dem ursprünglichen Accent fester an- 
hängt als die südliche , und ihm gern mnen tonlosen Vocal anf^ 
ofpert Zuweilen scheint in letzterer die Betonung zu schwan-^ 



1 



408 Kritische Anseigen. 

ken: so in apöstol neben apostöl (Papfil)^ wenn das zweite 
i^idifallB ans apostolus^ nicht etwa ans dem im Mittellatein 
dieselbe Bedeutung zeigenden apostolicas stammt^ eoftsefaiedes 
ist diese Abkürzung ans apostolicas in der Foräi apostoli = 
altfranz. apostoile anzunehmen, welches in Beziehong aof das 
letztere auch Hr. Paris glaubt. Capitol hat den Ton auf der 
vorletzten Silbe; Guillem y. Tudela 2816 scheint aber auch 
capitol zu sprechen: indessen wird für qti^era de capitol zu 
lesen sein que eta de capitol. Sollten jedoch nicht einzelne 
Falle der betonten drittletzte|i vorkommen? Das Beispiel der 
italienischen oder catalanischen Mundart lag ja so nahe. Gram-- 
mdtica bei Izarn Choix Y, 229 ist unleugbar: wie aber auch 
hatte man sich erdreisten sollen , grammatica zu sprechen, das 
heifst, das wichtigste Wort der Schule so zu entstellen? Die 
Leys freilich lehren, man müsse Worter, wie grammatica, wenn 
man sie ins Romanische herüber nehme ^ möglichst (al mays 
que podem) nach dem romanischen Tongesetz aussprechen, 
also gramatica. Um indessen diesen Conflict zu beseitigen, 
adiuf man ein neues Wort, grammaticaria (vielleicht aus gram- 
maticalia), zusammengezogen gramüria, graraidra; wo gram»* 
tica vorkommt, ist ein Latinismus anzunehmen. So ist viel- 
leicht auch müsica als Latinismus geduldet worden ;; doch lafst 
sich aber dies Wort nicht entscheiden , da es wenig vorkommt. 
Cölera konnte man scfaliefsen ans odlra ; allein der Schlufs wäre 
bedenklich, denn neben colra konnte ceAera bestehen. Lägremas 
spricht Peire v. Corlnae vs. 888: e de plors e de lägremas. 
Bartsch (Jahrb. IV, 284) streicht das erste e, sodafs lagrema 
herauskommt, und dem entspricht das neuprov. lacrima; Jean 
de Möung braucht einmal laerime für das wohllautende lärme. 
Das Wort war im Provenzalischen wenig üblich, indem, wo es 
anging, plor seine Stelle einnahm. Mu&te aber das unbestreit- 
bare oathöHe (bei Izarn und .häufig bei G. v. Tudelaj ni<^t im 
Feminin catholica lauten, mit betonter Antepenultima, also: 
elh es catholic, elha es catholica? Oder sprach man hier 
catholica? Der Widerspruch wäre zu grell gewesen. Man 
föhrte ein neues, bequemeres Wort ein, catholical, das weder 
der Spanier noch der Italiener kennt, und sagte z. B. sest fo 
catholicals (der war katholisch), 6. v. Tud. vs. 847, la fe 
catholical, Brev. d'am. I, p. 87. Vielleicht danken noch andere 
Adjectiva dieses Schlages, die nur der Provenzale kemut, z. B. , 
evangeHeedj demselben Motiv ihr Dasein, doch kann ich evao- 



Paris, £tade snr le rule de Tacrent latin dans la languc frafi^aise. 4fjQ 

gelic nicht nachweisen. Aber es erklart sich uns ans diesein 
prosodischen Motiv auch eine besondere, beim Adjectiv yor- 
kommende Anomalie. Die weibliche Endung a lateinischer 
Adjectiva wird nämlich im Provensalisehen schlechthin beibe- 
halten. Eine Ausnahme macht nur /r4vol von irivolus, dessen 
Feminin fr^vola lauten mn&te. Da dies aber gegen das Ton- 
gesetz gewesen ware^ so verwies man das Wort zu den Ad- 
jectiven einer Endung, im Widerspruch mit dem italien. und 
span. frivolo, fnvola. So erging es auch dem nnlateinischen 
düol, welches gleichfalls einer Endung ist, wiewol Neubildun- 
gen fast durchaus zweier Endungen sind. Die spatern sjnco- 
pierten Formen beider Adjectiva, freul und aul, bei welchen 
das Tongesetz freula und aula erlaubt haben wurde, richteten 
sich natürlich nach den Altern Formen. 

S. 38 wundert sich Hr. Paris, dals ich in den Eidschwu- 
reu deo aecentuire, weil es (in der Form den, was hier das-, 
selbe ist) zur Assonanz e gebore ^ wogegen er in der Endung 
eo oder eu bereits den nenfranzos. Mischlaut eu (6) annimmt. 
Allerdings, sagt er, assonierte deu mit e, aber dasselbe thne 
auch breu, von bref (?), und sicher habe man nicht br^u ge- 
sprochen. Nach meiner Ansicht liegt in deu ein echter Diph- 
thong, kein Mischlaut. Schon die romische Volkssprache be- 
handelte deus als ein einsilbiges Wort (vgl. Corssen, latein. 
Ausspr. I, 176), worin nur e den Accent haben konnte, nicht 
der Fle3Üonsvocal «, und diese Aussprache ist der alten pro^ 
venzalischen und zum Theil noch der neuern, sowie der por- 
tugiesischen Mundart verblieben. Dafs auch im Franzosischen 
des 9. Jahrhunderts und später der Accent auf «-haftete, das 
ergibt sich daraus, dals e durch vorgesetztes % diphthongirt 
oder, wie andere sich ausdrucken, gesteigert werden konnte 
(dieu), denn tonlose Vocale pflesrt man nicht zu diphthongi- 
ren. Es ergibt sich femer daraus , dafs das am Ende stehende 
u ganz abfallen konnte, wie in der Form de, welches, wenn 
man deu wie do gesprochen hatte, unmöglich gewesen wäre, 
denn von diesem dö konnte man nichts abziehen. Dafs aber 
ein solches do tauglich gewesen wäre, mit e zu assoniren, 
läfist sich schwerlich annehmen, da das feine Gefühl des Ro- 
manen für die Reinheit des Reimes widerspricht. 

S. 44 kommen die Formen aus dem Genitiv Plur. der 
zweiten Declination» wie paienor^ Francor, da in ihnen eine 
Versetzung des Accents stattgefunden, in sorgfaltige Erwägung. 

Jahrb. f. rom. u. engl. L«t. V. 4. 27 



410 Kritisclie Anzeigen: 

Es kam hier auf VollBtandigkeit der Belege an. In der Tbat 
vermifst man nur quartenor = quatuor annorum. B^ der Deu- 
tung von müaoldor schwankt der Verf. zwischen millc solido- 
mm und mil sols d'or, letzteres von Raynonard angenommen; 
allein cheval mil sols d^or läfst sich nicht constmiren, auch 
steht ihm kein provenzalisches milsoldaur bestätigend zur Seite, 
denn auch hier heifst es nur milsoldor. In mehreren Fällen 
fuhrt Hr. Paris die Endung or auch auf die des latemischen 
Genitivs der ersten Declination arvm zurück, und dagegen ist 
im Frincip nichts einzuwenden; doch scheinen nicht alle Bei- 
spiele sicher zu stehen. Chanddeur aus dem litnrgischen dies 
candelarum ist nicht zu bezweifeln. Bei tenebrur, das an das 
gleichfalls liturgische hora tenebramm erinnert, ist dem Verf. 
wenigstens so viel gewifs, dafs in der Endung nicht das be- 
kannte AbleitungssnfBx enthalten sei , da dies nie an Substan- 
tiva gefugt werde. Diese letztere Behauptung geht etwas za 
weit. Richtig ist, dafs die mit or abgeleiteten Substantiva in 
der Regel aus Verben oder Adjectiven hervorgehen. Aber die 
Sprache hat zuweilen Motive, in ihren Wortbildungen von der 
strengen Regel abzugehen. Eins dieser Motive ist das der 
Anbildung, vermöge dessen sie solche Wörter, welche ver- 
wandte oder entgegengesetzte Begriffe ausdrucken, gern aaf 
ein und dasselbe Suffix ausgehen lafst. Die italienische Mund- 
art besitzt das dem franzosischen tenebmr ganz entsjprechende 
ienebrore, und es ist wenig glaublich, dafs sie dies aus tene- 
brarum sollte geformt haben, da sie sich der Endung ore ans 
dem Genitiv artm ganz enthält und z. B. das kirchliche dies 
candelarum durch oandelara, nicht candelore, ausdruckt. Wie 
leicht aber konnte ein Wort, wie bujore und dessen Gegen^ 
sätze chiaroie, splendore, lucore ein tenebrore nach sich zie- 
hen. Auch aus dem provenz. bruma (Dunst) flofs ein zweites 
Substantiv brumor, sowie aus ira iror, jenes vielleicht nach 
vappr, dieses Bach furor gemodelt Pasoor aus päscharum 
ist gewifs möglich. Daneben stellt sich freilidi nadaler, des- 
sen Endung schwerlich als Genitivzeichea aufzufassen ist, denn 
was wäre tefmpus nataJium statt natale? Was das männliche 
Geschlecht von pascor betrifft, so erklärt es sich leicht ans 
einer Gleichstellung mit dem Genus der meisten und abiich- 
sten Namen der Jahreszeiten, die der Provenzale Matfre Er- 
mengaud I, 220 in einen Vers gebracht hat: Autora, yvern, 
primver, estieu. 



Paris, Etüde snr le role de Taceent latin däVis la langue fran^aise. '41 1 

Von gröfserem Belang für die altfi^nzosische Orammatik 
ist eine andere, die er^te und zweite Declination betreffende 
Behauptung des Verfassers, S. 45 fg. Die Endung ain in Evain, 
nonnain u. dgl. sei nicht aus dem latein. Accnsativ am, denn 
sie würde in diesem Falle nicht auf den Plural, wie in non- 
naine, übertragen worden sein; es liege vielmehr eine Diminu- 
tivform darin. Dies werde z. B. in einem unserer Texte da- 
durch bestätigt, dais gleichbedeutend Porrete und Porrain ge- 
braucht werden. Auch finde sich diese Form besonders in 
Eigennamen, die ja die Diminution liebten. Sie komme fer- 
ner noch nicht in den ältesten Texten vor. Was die Endung 
on in Charlon von Curolos v. a. betreffe, so habe sie ihren 
Grund nicht im latein. fim, sondern ifi einer Verwechselung 
mit der Endung on de;r dritten Declination (Hues Huon). Un- 
möglich habe die im Latein kaum hörbare Endung am oder urh 
den Ton annehmen können. — ^ Hr. Paris hat diese Lehre mit 
aller Umsicht und Geschicklichkeit ausgeführt; gleichwol habe 
ich mich bis jetzt von ihrer Richtigkeit nicht überzeugen kön- 
nen, doch ist hier nicht der Ort zu einer erschöpfenden Prü^- 
fung; ich erlaube mir nur, einige Punkte zu berühren. Dafs 
man die Form ain nicht auf den Plural übertragen haben 
würde, ist mir nicht wahrscheinlich. Wenn man eitimal von 
nonne zu nonnain forrgeschritten war, so konnte man im Plu- 
ral nicht wohl zu nonne zurückkehren; vielleicht hatte man 
auch das Beispiel von suer, seror, serors und ähnlichen vor 
Augen. Hr. Paris selbst gibt eine Vermischung der Numeri 
zu, wenn er sich den Singular tenebror aus 'lern Plural te- 
nebrarum, wie eben bemerkt, entstandeji denkt. Welches for- 
melle Kennzeichen diminutiver Kraft trägt aber die Endung 
ain? Wollte man verkleinern, so boten sich andere unzwei- 
deutige Suffixe dar. Dafs ein Dichter eine Person bald Por- 
rain, bald Porrete nennt, kann für den Diminntivsinn von 
Porrain nichts beweisen, da er dieselbe Person auch Porre 
nennt. So wechseln denn auch Eve und Evain, und hier 
möchte man fragen: wäre es nicht unpassend gewesen, die 
Mutter des Menschengeschlechts Evchen zu nennen, wenn Evain 
in der That diesen Sinn ausdrückte ? Bekanntlich flectierte man 
in den ältesten romanischen Predigten oder Uebersetzungen 
geistlicher Schriften die casus obliqui von Eigennamen, ^umal 
den Accusativ, oft nach lateinischem Muster, wie Oza Ozam, 
Juda Judam (selbst Genit. Judo), Satanas Satanan, Jonathas 

27* 



412 Kritische Anzeigen: 

Jonathan. Die Schwäche der lateinischen Flexion am, worin 
m verstummt sein soll, lafst sich gegen die franzosische Be- 
tonung dieser Silbe nicht einwenden, da die alte Volkssprache, 
worin jene Yerstummung stattgefunden, nicht mehr vorhanden 
war, und man jetzt sprach wie man schrieb. Eväm zu spre- 
chen war der erste Schritt, Evain mufste noth wendig daraus 
erfolgen. Es ist etwas Aehnliches, wenn man im Altdeutschen 
zuerst Accus. Evam, nachher Even sprach. So gut nun Eve 
Evain seinen Grund hatte in Eva Evam (sofern man dieser 
Auffassung beipflichtet), so konnte auch Pieres Pieron (wofor 
die alte Passion noch Petdms.Petdrun setzt) seinen Grand 
haben in Petrus Petrum^ indem man diesen Formenwechsel 
nachahmte und z. B. die Stelle „cum esset Petrus in atrio... 
et cum vidisset Petrum^^ übersetzte: „qnant Pieres estoit en la 
cort ... et quant ele ot veut Pieron ". Entsprechend flectirte 
man Lazares Lazaron, und selbst einmal Jesus Jeson. Im 
Grunde that man hiermit nur etwas ^ das die Sprache bei ei- 
nem ihrer Pronomina gethan hatte: Nomin. mes, Accus, mon 
aus mens meüm. Aber die hier in Rede stehende Flexion der 
Eigennamen erster und zweiter Dedination war nur ein Ver- 
such der Sprache, den sie bald wieder fallen liels, wogegen 
sie die der dritten festhielt, die eine bessere Basis hatten: 
Evain und Pierron verschwanden, Huon, Ganelon und ihres 
Gleichen sind geblieben. 

Bekannt sind die organischen Comparative. Ihre Zahl 
hat neulich Littre mit ampleis vermehrt, das er aus ampliadus 
für amplius entspringen läfst. Von bei besafs man bellezour,* 
für welches aber als Etymon bellatior aufgestellt werden mofste. 
Hr. Paris weist S. 57 nun auch das einfachere belior nach, um 
so schätzbarer, als dieser Comparativ im Lateinischen selbst 
kaum nachweislich ist. Ich fürchte indessen, dafs in dem da- 
für angeführten Verse „ne convenoit belior querre*' zu lesen 
ist belisor, da belior nur zweisilbig sein konnte wie melior, 
nicht dreisilbig. 

Zu den oben berührten Genitivformen rechnet man, als 
von amborum stammend, auch das normannische ambure, am- 
bore, z. B. „ambur en terre et en mer'^, d. i. sowol zu Land 
wie zur See. Allein noch hat kein Grammatiker dargethan, 
was der Genitiv hier soll; denn die Stelle wäre lateinisch: 
„amborum in terra et in mari (terra marique).^^ Amb ist klar, 
ore kann weder eine Flexion noch eine Ableitung sein, es 



Paris, iltude sur le role de Taccent latin dans la langue fran^aise. 413 

mufs in einer Zusammensetzung seinen Grund haben. Die 
Partikel or, die sich allerdings häufig anhängt, würde hier 
keinen Sinn gewähren. Ich vermuthete daher auf uter, utrum; 
abör ich gestehe, indem ich mich den Zweifeln des Hrn. Paris, 
der S. 62 amborum als Etymon annimmt, anschliefse, dafs 
amb-utrum von Seiten der Bedeutung etwas Mangelhaftes hat. 
Nur die Einwendung, dafs sich die franzosische Sprache des 
Pronomens uter nie bedient habe, kann ich nicht gelten lassen, 
denn es ist ein Erfahrungssatz der Etymologie, dafs ein als 
Individuum erstorbenes Wort in einer Zusammensetzung noch 
fortleben kann: das geschah z. B. in ne-ant, dessen zweites 
Glied kein selbständiges Dasein hat. Ich versuche eine andere 
Deutung. Schon in meiner Note über das franzosische Wort 
hatte ich auf das entsprechende ital. amburo aufmerksam ge- 
macht. Da nun unser Wort nur in Italien und in der Nor- 
mandie, nicht zwischen beiden Gebieten heimisch ist, so scheint 
es von dem einen auf das andere Gebiet verpflanzt zu sein, 
was bei dem Verkehr zwischen Normandie und Süditalien sehr 
möglich ist. Nimmt man an, es sei in letzterem Lande ent- 
standen und schlägt man den daselbst fühlbaren griechischen 
Einflufs an, so scheint d|i96TSpov ein berechtigtes Etymon, 
um so mehr, als d(Ji96T6pov — xat, ganz wie ambure — et, 
engl, both — and, auch conjunctional gebraucht wird. Das 
richtige Product des griechischen Wortes wäre allerdings am- 
foro oder amfuro gewesen; es war aber ganz natürlich, dafs 
man es dem latein. ambo anbildete. 

Auch mehrere wohlbegründete etymologische Deutungen 
bringt das Buch. Wenn aber vrai, provenz. verai, auf verax 
zurückgeführt wird, so findet diese Deutung in dem Buchsta- 
ben ein unüberwindliches Hindernifs. Aus verax würde der 
Provenzale veratz geformt haben, wie aus vivax viatz. Auch 
Guessard's Deutung aus veraceus ist gegen alle Analogie. Es 
bleibt nur übrig, veraous anzunehmen, mag man nun darin 
ein an verus gefugtes Suffix acus erblicken, herbeigeführt 
durch das Beispiel des begriifsverwandten merus meracus, 
oder eine Umprägung von verax in ein Adjectiv zweier En- 
dungen, die aber eher veratz verassa ergeben haben würde. — 
Den Schlnfs macht eine Untersucbnng über das Metrische in 
den Versen auf die heilige Eulalia. VieDeicht ist es mir 
vergönnt, bei einer andern Gelegenheit darauf zurückzu- 
kommen. 



414 Kritische Anzeigen.: 

leb schlielse dieate Anzeige mit dem Wunsche, Hr. Paris 
möge fortfahren, die romanische Sprachwissenschaft mit sei- 
nen schätzbaren Beobachtungen zu bereichern. 

Friedr. Diez. 



Altfranzösische Gedichte aus venezianischen Handschriften, herausge- 
geben Ton Adolf Musaafia, aufserordentl. Professor der romanischen 
Philologie an der wiener Universität und Amanuensis der k. k: Bi.. 
bliothek. Wien, C. Gerold u. Sohn 1864. (XVI, 178 u. XVI, 116 S.) 
gr. 8. 

Die beiden hier zum ersten mal herausgegebenen Dichtun- 
gen geboren dem Kreise der kärüngischen Sage an und sind 
durch ihren Inhalt wol geeignet, das Interesse der Freunde 
mittelalterlicher Literatur zu fesseln. Die erste, der franzosi- 
schen Handschrift Nr. V in Venedig (Pergam. des XIV. Jahr- 
hunderts,. 101 Bl. in 4.) entlehnt, bat vom Herausgeber den 
Titel „La prise de Pampelune" erhalten; nicht ganz zutreffend, 
indem da, wo das Gedicht beginnt, Pampelona bereits einge- 
nommen ist. Da jedoch die Handschrift offenbar vorn und 
ebenso hinten, wiewol der Schreiber mit einem „deo gratias 
amen" schliefst, unvollständig ist, so darf angenommen wer- 
den, daXs das vollständige Gedicht auch Pampelonas Erobe- 
rung erzählte- In seiner jetzigen Gestalt 6113 Verse umfas- 
send, berichtet es von den Thaten Karls und seiner Pairs, 
nachdem Pampelona gefallen, von der Schlacht bei Moni Gar- 
zim, von der auch Turpin und andere Quellen wissen, der 
Einnahme von Estella und Logrono, der Eroberung von Cor- 
dova und Ästorga. Dafs letztere Stadt gewonnen worden, 
können wir nur nach der Anlage des letzten Theiles schliefsen; 
die Handschrift bricht ab, ehe es wirklich erzählt wird, nur 
die vorbereitenden Schritte sind geschehen. Es ist anzuneh- 
men , dafs das Gedicht den ganzen Feldzug Karls in Spanien 
umfafste, bis zur Eroberung von Saragossa, d. h. bis dahiu, 
wo die Chanson de Roland anhebt. Ereignisse also werden 
uns vorgeführt, die sonst in französischen Dichtungen von Elarl 
nicht behandelt werden, die im wesentlichen mit dem achten 
noch unedierteii Buche der Reali di Francia und dem daraus 
geflossenen italienischen Gedichte „La Spagna'^ zusammen- 
stimmen. Daus, wir hier alte Sage, wenn auch in jüngerer 
Bearbeitung vor ujas haben, scheint zweifellos; als Beweis 



Mussafia, Altfranzos. Gedichte ms veoeeiauischen Handschriften. 415 

kafin ein einziger Zag gelten. Als Genelun, so berichtet die 
Chanson de Roland, zum Bpten an Marsiüe bestimmt, sich 
weigert, in Furcht sein Leben su verlieren, sagt er unter 
anderm, 290 Müller: 

Jo i pnis aler; mais n^i avrai guarant; 
Nul out Basilies ne sis freres Basant; 
und bei Konrad 52, 18: 

Pi^anzi unde Basilie 
dine choment noc)i niht widere, 
den hiez er diu houbet abei slahen. 
Diese frühere Gesandtschaft Karls an Marsiüe erzählt das 
vorliegende Gedicht, welches sie als „dous civalers de Langles, 
ond Vun d^eus.ae noma Ba^in, PatUre Basel ^' (2547) bezeichnet 
(2545 — 2704)- Freilich kann die jüngere Bearbeitung, in einer 
Zeit abgefärbt, wo die lebendige Sage im Absterben war, man- 
chen Zug verändert, manches erweitert und ausgeschmückt ha- 
ben ; im ganzen aber werden wir den Inbaplt als alt bezeichnen 
dürfen. Die Abfassung reicht über die Zeit der Handschrift, 
. das 14. Jahrhundert, nicht zurück; darauf weisen die mancher- 
lei Beziehungen auf antike Stoffe, die der Herausgeber S. VI 
zusammengestellt hat. Die^ Darstellung ist nicht ohne Kunst 
und Geschick; die Schilderung der Charaktere trägt noch den 
alten einfachen Typus, was ich indessen weniger der Kunst 
des Bearbeiters als der Beschaffenheit seiner Vorlage beiniessen 
mochte, die noch im wesentlichen den Stil der alten Sage trug, 
wie wir ihn am schönsten im Rolandsliede bewahrt finden. 

Nicht weniger als durch den In^olt zieht Äese Dichtung 
durch die Sprache an. Dieselbe enthält eine eigen thümliche 
Mischung französischer ,und italienischer Elemente, die sich 
durch die Heimat des Gedichts leicht erklären lassen. In 
Norditalien war die Pflege nordfranzösischer und provenzali- 
scher Poesie im 13. und 14. Jahrhundert sehr begünstigt. 
Dürfen wir auch annehmen, dafs französische Dichtungen im 
Norden Italiens zu jener Zeit verstanden wurden, wo die ro- 
manischen Dialekte sich noch nicht so weit voneinander ent- 
fernten wie heute, so ist es doch erklärlich, wenn italienische 
Abschreiber französische Originale ihrer eigenen Mundart näher 
brachten, etwa wie wenn ein niederdeutscher Schreiber ein 
hochdeutsches Gedicht copierte oder umgekehrt. Einen Ab- 
schreiber freilich haben wir in demjenigen nicht vor uns, der 
die Prise de Pampelune aufzeichnete; einer solcheii Annahme 



n 



416 KritUohe Anzeigen: 

wid^spricht die Conseqoens, mit welcher in Sprache and Me* 
tram gewisse Eigenthnmlichkeiten, die durchaus nicht r^n fran- 
zösisch sind, durchgeführt erscheinen. Namentlich sind einige 
metrische Züge zu beachten. Die Endung - ent der dritten 
Pers. Plural, verwendet der Dichter als eine betonte Silbe; er 
braucht sie demnach als stumpfe Cäsnr, wie 3185: 

la nuit sejoumerenty e quand jour fu eiclarii, 
ja sogar als stumpfen Reim, furent reimt auf ^gient n. s. w. 
Wenngleich dieser Fall auch in altfranzosischen Dichtungen, 
wovon Mussafia S. VII Beispiele anfuhrt, gefunden wird, so 
darf er doch in diesem Falle als ein Zeichen nichtfranzosi- 
sehen Ursprungs betrachtet werden. Eine zweite metrische 
Eigenthümlichkeit, auf die der Heransgeber S. VI fg. -anfmerk- 
sam macht, ist die Art der Elision, die auch zwei betonte 
Vocale miteinander zu einer Silbe verschlingt; z« B. Peecu e 
Vaters U fause 6> wo Vescu e zwei Silben bilden müssen. 
Das ist entschieden italienische Einwirkung. Dafs daneben 
(S. VI) der Hiatus geduldet wird, selbst in Fällen, wo man 
Elision erwartet, darf nicht Wunder nehmen. Wären solche 
Fälle vereinzelt, so konnte man sie als Nachlässigkeit des 
Schreibers bezeichnen; weil aber, diese Eigenthümlich ketten 
zugegeben, der Versbau durchaus regelrecht ist, so werden 
wir nicht einen blofsen Abschreiber annehmen dürfen, der eine 
Mundart in eine andere übertrug. Die sprachlichen Eigenheilen 
hat der Herausgeber S. YIII fg. mit Sorgfalt zusammengestellt 
Gleichwol sind wir der Ansicht, daSs dem Bearbeiter ein 
französisches Original vorgelegen habe, das er jedoch frei 
umgestaltete. Und zwar ein nicht wenig älteres Gedicht, wie 
ich hauptsächlich aus der Art und Weise, wie manche Cha- 
raktere aufgefafst sind, schliefsen zu dürfen glaube. Nament- 
lich die Gestalt Karls erinnert in ihrer Auffassung an die 
altern Dichtungen dieses Sagenkreises, und würde im 14. Jahr- 
hundert einem wenn auch nicht unbegabten Dichter in dieser 
Einfachheit und ruhigen Hoheit kaum noch gelungen sein. Wie 
sich aber zu seiner Vorlage der Dichter stellte, ob frei den In- 
halt benutzend oder sich treu anschliefsend und nur in Sprache 
und Metrik selbständig verfahrend, darüber werden wir, wenn 
sich nicht neue Quellen ünden, sicheres nicht sagen können. ^) 

^) Die Handschrift war nicht unbekannt; theils kleinere, theils 
gröfsere Proben waren durch Lacroix und Keller gegeben, die meisten 
Mittheilungen durch Immanuel Bekker, allein n^mientlich das, was der 



Mu8safia, Altfranzof. Gedichte aus renezianischen Handflchriften. 417 

Nicht minder anziehend als das eben besprochene ist das 
die zweite Hälfte des Bandes bildende Gedicht: „Macaire^S 
Aach es ist einer marcianischen Handschrift (Oall. Nr. XHI. 
Pergam. des XIV. Jahrhunderts, 99 BL in Folio) entnommen 
nnd gehört ebenfalls dem karlingischen Sagenkreise an. Die 
Handschrift enthalt ein grolses cjclisches Gedicht, dem der 
Anfang fehlt und das in seiner gegenwartigen Gestalt mitten im 
Beuve d'Hantonne beginnt. Dazwischen wird die Geschichte 
von Bertba mit dem grofsen Fnfse erzählt, nachher die Er- 
zählung von Beuve wieder aufgenommen, bis Bl. 31 neu an- 
gehoben wird: 

Segnur, ^la vos oir une noble cangon 
(Keller's Romvart, S. 57) und die weitere Geschichte von 
Pipin und Bertha beginnt Hieran schliefst sich Karls Ju- 
gend, seine Verdrängung durch Lanfroi und Landris, sein 
Aufenthalt in Spanien bei dem Konige Galafre (Romvart, 
S. 62 fg.); ein neuer Abschnitt beginnt Romvart, S. 71: Qui 
commengo la changon coment li danois alo a marmore, und 
S. 73 (Bl. 76") die letzte von Mussafia herausgegebene £pisode. 
Das Ganze ist offenbar eine Compilation in der Art des deut- 
schen Kitrlmainet, für welchen ich bei meinem Buche (Nürn- 
berg 1861) wenigstens die Kapitelüberschriften in Keller's 
Romvart hätte benutzen können, wenn die irreleitende Ueber- 
schrift Dodo de Mayance^ die Keller nach Lacroix* Vorgange 
dem Ganzen mit Unrecht gegeben, auf einen solchen Inhalt 
hätte schliefsen lassen. 

Der Inhalt der ausgehobenen Episode ist die Geschichte 
der Konigin Blanchefleur, der Gemahlin Karls des Grolsen, 
die Macaire zu verfuhren sucht; abgewiesen, veranlafst er ei- 
nen Zwerg, sich zu ihr ins Bett zu legen. Sie wird zum 
Tode verurtheilt, dies ürtheil aber in Verbannung gemildert. 
Aubry de Montdidier soll sie bis an die Grenze bringen, wird 
aber von Macaire ermordet. Aubry 's Hund entdeckt den Mord 
und bringt im Zweikampfe Macaire um. Nach mannigfachen 
Irrfahrten Blanchefteur's , die sie zu ihrem Vater nach Kon- 
stantinopel bringen, nach einem infolge ihrer Verstofsung aus- 
gebrochenen Kriege schliefst das Ganze mit Versöhnung. 



letztere abdrucken liefs, mit ziemlicher Flüchtigkeit und Nachlässig- 
keit abgeschrieben, wie Mussafia im zweiten Hefte seiner handschrift- 
liehen Studien (Wien 1862) S. 16 (ig. im einzelnen nachgewiesen hat. 



418 Kritische Anzeigen: 

Ets ist derselbe Stoff, den das spanische und niederländi- 
sche Volksbuch von der Königin Sibille, den, das deutsche 
Gedicht von der anschuldigen Königin von Frankreich bebaa> 
delt. Von einer französischen poetischen Bearbeitung, auf 
welche schon früher F. Wolf geschlossen hatte, haben sich 
Bruchstücke gefunden (vgl. Mussafia, S. III), die aber mit der 
hier herausgegebenen einzigen vollständigen Darstellung nicht 
stimmen. In sprachlicher Hinsicht zeigt sich hier derselbe 
Charakter wie bei dem ersten Gedichte; französische Grund- 
lage, gemischt mit italienischen Sprachformen, daneben For- 
men, die niemals einer Mundart angehört haben, sondern nur 
als armselige Reilnbehelfe anzusehen sind. Das Sprachliche hat 
auch hier der Herausgeber mi^ grofser Sorgfalt (S. VI — XVI) 
zusammengestellt. t 

Verderbt wie die sprachlichen erscheinen auch die metri- 
schen Verhältnisse; hierin bemerken wir einen wesentlichen 
Unterschied zwischen dem Macaire und der Prise de Pampe- 
lune. Zwar finden wir dort zum Theil dieselben Eigenthüm- 
lichkeiten, z. B. die Verwendung der dritten Pers. Plural, in 
ent zum stumpfen Reime; aber der Versbau, in dem ersten 
Gedichte sorgfältig und genau, ist bei dem Macaire verwildert 
und regellos. Dieselbe Regellosigkeit zeigen die übrigen Theile 
der Compilation, wie man aus den von Keller mitgetheilten 
Bruchstücken sehen kann. Sie ist aber Eigenthümlichkeit des 
Gompilators, der, des reineren Versbaues i^ur in geringem 
Mafse kundig, die Vorlagen in jeder Weise entstellte. 

Wie haben wir uns das Verhältnüs des Gompilators zu 
den von ihm benutzten Gedichten zu denken? Denn das steht 
aufser Frage und wird selbst durch die deutlich erkennbaren 
Abschnitte bewiesen, dafs mehrere selbständige Dichtungen ihm 
vorlagen. Französische waren es ohne Zweifel. Anziehend 
ist hier der Vergleich mit dem deutschen Karlmeinet: Auch 
hier ist die Zusammenfügung leicht erkennbar, die Nähte ge- 
wissermafsen noch zu sehen. Wir können wenigstens an einem 
der benutzten Originale das Verhältnifs anschaulich machen, in 
welchem der Compilator des Ganzen zu denselben steht, und 
dürfen daraus den Schlufs ziehen, dafs er bei den übrigen 
ebenso verfahren habe. Sprache und Metrum zeigen Verschie- 
denheiten , die uns belehren , dafs eine wirkliche. Umarbeitung 
nicht stattgefunden. Nach Mussafia ist dagegen die vorlie- 
gende Compilation (d. h. die ganze Handschrift) keine blofse 



Mussafia, Altfranzös. Gedichte aus Tenezianischen Handschriften. 419 

Ueberarbeitang aus einer Mundart in die andere, dondem eine 
selbständige Umarbeitung der verschiedensten. Vorlagen. Es 
ist riqbtig, dafs die einzelnen Theile defr Compilation nach 
Sprache und Metram keine solchen Verschiedenheiten zu zei- 
gen scheinen, wie dies beim Karlmeinet der Fall ist; ich sage 
scheinen, weil eine umfassendere Kenntniss der übrigen Theile 
der Handschrift nothwendig wäre, um mit Sicherheit darüber 
zu entscheiden. Allein wenn auch die verscliiedenen Vorlagen 
die gleichen Entstellungen in sprachlicher und metrischer Hin- 
sicht erfahren haben, so folgt daraus noch nichts dais wirk- 
liche Umarbeitungen uns vorliegen. Mir scheint esT, als wäre 
das Verhältnils zu den Vorlagen ein ähnliches wie bei der 
Venezianer Handschrift der Ghgnson de Roland, im Vergleich 
mit der Oxforder. Die Mischung französischer und, italieni- 
scher Elemente, die Keller'n (Romvart, S. 12) zu der Ver- 
muthung veranlafste, es sei das Gedicht aus dem Provenzali- 
schen übertragen, findet sich in dem Bojand der marcianischen 
Handschrift (Nr. IV) ebenfalls. Auch die Entstellung des Vers- 
baues hat sie mit der Hdschr. XHI gemeinsam, und manche 
Reime sind ebenfalls zerstört und schlecht. Darum kann jedoch 
die Venezianer Handschrift nicht als eine Umarbeitung bezeich- 
net werden. Sollte nun auch der Compilator von Nr. XIII 
etwas freier verfahren sein, so wird doch vielleicht auch ihm 
noch nicht der Name eines Ueberarbeiters zukommen dürfen. 
Gelänge es, wie beim Karlmeinet, von dem einen oder andern 
Stücke die Vorlage nachzuweisen, so würden wir über das 
Verhältnifs b^ld im :klaren sein. Wie man aber auch über 
. dasselbe denken möge , der Versuch einer Herstellung der . bis- 
jetzt verlorenen Vorlage durch Berichtigung der Sprache und 
des Metrums durfte nicht gewagt werden, und der Heraus- 
geber hat den einzig richtigen Weg eingeschlagen, indem er 
einen diplomatischen Abdruck der Handschrift gab und nur 
offenbare Sehreibfehler berichtigte. Der vielfach verderbte 
Text gestattete nicht überall radicale Heilung. Ein Wort- 
verzeichnifs enthält alle nichtfranzösisohen Wortformen, von 
denen nur die dem Reim zu Liebe erfundenen ausgeschlossen 
wurden. Darunter sind manche schwierige, die der Heraus- 
geber durch Herbeiziehung der venezianischen Mundart zum 
Theil deuten konnte; andere haben sich bisjetzt der Deutung 
entzogen. Auch dem ersten Gedichte ist ein, wenn auch be- 
schränkteres, Wortverzeichnifs beigegeben. Demselben ge- 



420 Kritische Anzeigen: 

hen Anmerkungen zu einigen schwierigeren Stellen voran 
(S. 170—173). 

1083 ist ch^autir (in dw^ Hdschr. mit einem Abkürzungs- 
zeichen über dem u geschrieben), wofür M. cKaversir schreibt, 
was er selbst wegen der noth wendigen Zweisilbigkeit von 
ahoit bedenklich findet, vielleicht als cJCautir^ und autir als 
eine dem Reim zu Liebe gemachte Entstellung von autre auf- 
zufassen. — 2207 scheint mir die von dem Herausgeber zu- 
erst vorgeschlagene Auffassung von afors che als Präposition 
vorzuziehen. — 2803, wo die Hdschr. liest: Despagne vous 
saues tout lalier pour plains e pour eostal (in zwei Zeilen), 
der Herausgeber schreibt: Valier savea cTEspagne pour plains 
e pour costal, scheint mir dev Fehler schon in der Hdschr. 
der Vorlage gelegen zu haben; ohne die ganze Zeile ergän- 
zen zu wollen, mochte ich vermuthen: 

jyEepagne vous savSs tout Valier pour cabal 

pour plains e pour costaL 

pour cabal, adv., ausgezeichnet. Der Schreiber der Vorlage 
sprang von einem pour auf das andere über; der Schreiber 
der Venezianer Handschrift merkte den Fehler, theilte aber 
falsch ab. — 3412. Ayquin se redrega, che n'estoit mie trou 
leit^ trou leit ist nach des Herausgebers Ansicht verderbt; 
ich glaube, leit ist so viel wie leid^ laid, häfslich, und die 
Ausdrucksweise ne trou leid, nicht zu häfslich, deckt sich mit 
der mhd. niht ze guot^ nicht zu gut == sehr schlecht, also 
ne trou leid, sehr schon. — 5008. de ce respond Sanson: ne 
soies esbats; man konnte auch schreiben: 'de ce% respond San- 
son, ^ne soies esbats* 

Der anziehende Inhalt und die sorgfältige Ausführung der 
vorliegenden Fublication macht den Wunsch rege, dafs der 
Herausgeber vielleicht noch ein oder das andere Stüdc der 
Hdschr. XIII veröffentlichen möge. Dem Referenten person- 
lich würden die Jugendschicksale Karls des Orolsen am fes- 
selndsten erscheinen; wir kämen damit vielleicht auf eine Quelle, 
die dem Berichte der Real! di Francia oder der Gran con- 
quista d'ultramar zu Grunde liegt. Dafs Girard von Amiens 
in diesem Theile der Compilatiou benutzt sei, ist mir nicht 
glaublich; die Dichtung Girard^s ist in Alexandrinern, die 
Compilatiou in zehnsilbigen Versen abgefafst. Auch der Inhalt 
weicht, so weit nach den Kapitelüberschriften zu schliefsen, 
in manchen Funkten ab. 



Mussafia, Ueber die Quelle der altopao. Vida de S. Maria egipciaca. 421 

Schlieislich sei bemerkt, dab wir der Wiener Akademie 
die eben besprochene Edition verdanken, die, wie alles was 
▼on. der genannten Akademie aasgeht, durch Sauberkeit sich 
auszeichnet 

Rostock, December 1863. Karl Bartsch. 



Ueber die Quelle der altspanischen „Vida de S. Maria egipciaca <* toii 
Adolf Mutsafia, Wien 1863, G. Gerold's Sohn in Comm. 24 S. gr. S. 

Dals die altspanische metrische Bearbeitung des Lebens 
der Maria Egyptiaca, die zuerst 1789 yon Rodriguez de Castro 
in einer Handschrift des Escurial entdeckt und 1840 durch 
den Marquis von Pidal (Revista de Madrid 2, 4, 302 fg.) 
herausgegeben wurde, auf einem franzosischen Vorbilde be- 
ruhe, hatten sowol Ticknor als Ferd. Wolf schon vermuthet. 
£s führten darauf eine Reihe unspanischer Ausdrucke, vor 
allem aber die metrische Form, die der bekannte acht- und 
neunsilbige paarweis gereimte Vers ist. Mussafia hat nun in 
obigem, aus den Sitzungsberichten der philos. histor. Klasse 
der k. k. Akademie der Wissenschaften zu Wien (43, 153 fg.) 
besonders abgedruckten Schriftchen das bis dahin nur vermnthete 
franzosische Original in zwei Handschriften nachgewiesen; der 
eine Text, einer Handschrift des Corpus Christi College in 
Oxford entnommen, ist in „B. GrossetHe carmina anglo^nor" 
mannica, ed. hy M. Cooke^^ (London 1852) gedruckt; der an- 
dere findet sich in einer andern Oxforder Handschrift (Bodlej. 
canon. misc. 74. Perg. des 14. Jahrh.) und ist bis auf wenige 
Verse noch ungedruckt Das Yerhältnifs der drei Texte ist 
nicht so , dafs sie sich genau deckten ; jeder von ihnen reprä- 
sentirt eine selbständige Recension, doch so, dals die gemein- 
same Grundlage aller deutlidi zu erkennen ist Vielleicht gibt 
es sogar noch eine dritte franzosische Handschrift; wenigstens 
weist Mussafia S. 5 eine metrische Maria Egyptiaca in fran- 
zosischer Sprache nach, von der er aber nichts näheres zu 
sagen weifs. Es wäre eine Vergleichung der bodlejanischen 
und eventuell jener dritten Handschrift erwünscht, damit da- 
durch festgestellt würde, welchem Texte sich die [spanische 
Bearbeitung am nächsten anschliefst. In Ermangelung des voll- 
ständigen Apparates hat der Verfasser die ersten 500 Verse 
des gedruckten, aber sehr fehlerhaft gedruckten, franzosischen 



422 Kritische Anzeigen: 

Textes mit den nöthigsten Verbesserungen dem spanischen 
gegenübergestellt, und nur da, wo beide Texte weiter aus- 
einandergehen, den Inhalt des dazwischen liegenden in lyeni- 
gen Worten mitgetheilt. Zum Schlufs wird die Bearbeitung 
der Legende von Rutebeuf besprochen und ihre Ueberejn Stim- 
mung mit dem französischen Gedichte durch eine bedeutende 
Anzahl einander gegenübergesetzter Stellen bewiesen. Nach dem 
chronologischen Verhältnifs ist es daher nicht anders möglich, 
als dafs Rutebeuf das ältere anonyme Gedicht benutzt hat. 

Wir wollen hier in kurzem der von Mila y Fontanals 
(Trovadores en Espana, S. 511) aufgestellten Ansicht geden- 
ken, die nur insofern von Wolf und Tioknor abweicKt, als sie 
nicht ein nordfranzösisches, sondern ein provenzalisches Ori- 
ginal für das spanische Gedicht annimmt. Nach Mussafia (S. 6) 
würde selbst dann, wenn man nachweisen könnte, dafs der 
Spanier einer provenzalischen Quelle gefolgt sei, diese doch 
als eine Umschreibung aus dem Französischen betrachtet wer- 
den müssen. Dies ist insofern nicht ganz richtig, als eine 
provenzalische Quelle mit Bestimmtheit nur dann nachgewie- 
sen werden könnte, wenn zugleich damit die Annahme einer 
französischen ausgeschlossen würde; denn Reime, die zugleich 
provenzalisch und französisch sind, liefern keinen Beweis. 
Wenn dagegen in dem spanischen Texte sich Spuren von 
Reimen zeigen, die nur provenzalisch, aber nicht französisch 
sind^ so wird man den dadurch gewonnenen provenzalischen 
Text nicht als eine „Umschreibung^^ aus dem Französischen 
ansehen dürfen. Umgekehrt dürfen wir aber auch die fran^- 
zösischen Texte nicht als eine Umsdireibung aus dem Pro- 
venzalischen betrachten, wenn sie in den Reimen Forn»en 
zeigen, die nur französisch, nicht zugleich provenzalisch 
sind. Gelingt dieser doppelte Nachweis, so werden wir die 
Unabhängigkeit des französischen und des zu vermutbenden 
provenzalischen Textes voneinander behaupten dürfen. Die 
Wahrsciheinlichkeit und das übrige Yerhältnüs beider Litera- 
tui*en spricht allerdings dafür, dafs das Französische, das zu- 
dem in zwei, vielleicht drei Mss. und voneinander abwei- 
chenden Texten sich erhalten hat, das Originy sei; dann 
aJber würde ein provenzalisch er Dichter nicht blofs umgeschrie- 
ben haben in der Weise , . wie man in französischen Lieder- 
handschriften provenzalische Lieder umgeschriebein findet, son* 
dern er hätte wirklich eine Umarbeitung geliefeii, die dem 



Mussafia, lieber die Quelle der altspan. Vida de S. Maria egipciaca. 423 

provenzalischen Idiom entspräche nnd alles entfernt hätte, 
was ihm entgegenstand. Eine solche uns verlorene Umarbei- 
tung würde der spanische Dichter vor sich gehabt haben; sie 
würde zugleich erklären, warum der spanische Text in vieler 
Beziehung von dem französichen abweicht. ' 

Es handelt sich also darum , zuerst die Berechtigung von 
Mila's Behauptung zu prüfen. So viel ergibt der Augenschein, 
dafs der spanische Bearbeiter wirklich kunstgerechte Verse zu 
machen kaum beabsichtigt hat; er übersetzt getreu mit Bei- 
behaltung vieler unspanischer Wendungen, oft sogar unter Nicht- 
berücksichtigung des Reims. Diejenige Sprache wird also das 
nächste Anrecht darauf haben, die originale zu sein, deren 
Sprachformen dem Reime und Verse genügen. Nehmen wir z. B. 
Vers 7 des spanischen Textes: 

todös aquellos que ä Bios amaran, 
der zehnsilbig gelesen werden müfste; im provenzalischen 

totz aquels que dieu amaran 
erhält er das richtige Mafs, das er auch im franzosischen 
nicht haben würde; ebenso verhält es sich mit dem der 
39. Zeile des französischen Textes entsprechenden Verse: 

quien en su8 pecados duerme tan fuerte, 
der provenzalisch lauten würde: 

qu'en sos pecatz dorme tan fort. 
Der französische Text weicht hier ab: en ses orz pechiez il se 
dort^ und es sieht nicht so aus, als ob dies eine Entstellung 
aus dem provenzalischen Texte sei. Vielmehr ist das utnge- 
kehrte glaublich, dafs der nichtprovenzalische Reim dort : mort 
vermieden werden sollte , und deshalb ein anderes ReimwoFt 
für den ersten Vers gesucht wurde, während dort in der proi- 
venzalischen Form dornte ins Innere des Verses kam. Aehn- 
lich ist es bei Vs. 90: par suf reite de nostre aie (: periej; der 
spanische Text hat pisr mengua de akxer en .nuestra vida. Mus- 
saüa vermuthet per mengua de nuestra dida. Schriebe man 
dafür proven9alisch etwa |9ör mancar de la nostr^ atda^ so 
würde damit gleichfalls die Originalität des französischen be- 
wiesen; denn atda (statt ajuda) ist keine rein provenzalische 
Form. Aber vielleicht lautete der Vers mit noch näherem 
Anschlnfs an die Ueberlieferung: per manc d^aver en nos dida; 
per manc kann ich allerdings in diesem substant Gebrauche 
im Provenzalischen nicht nachweisen, aber sprachwidrig ist es 
durchaus nicht. — Der französische Reim luxure : eure wird 



^24 Miscellen. 

dorch luxtiria : curia wiedergegeben, was weder fipanisch noch 
provenzalisch ist; Vs. 127, wo das Reimpaar wiederkehrt, ist 
es darch eine Veränderung (follia : dia) beseitigt. Man wird 
zugeben, dafs auch hier das Franzosische das ursprüngliche ist. 
Und so lassen sich aus dem franzosischen Texte eine Menge 
Reime anfuhren, die, wenn als die ursprünglichen betrachtet, leicht 
erklaren, warum der provenzalisch- spanische Text abweicht, 
während man bei umgekehrter Annahme es unbegreiflich findet. 
Andererseits aber gibt es auch Reime, die eben nur provenza- 
lisch sind, wie palabra : fabla , provv 'parauLa: favla^ franzos. 
parole: fable ^ und mehrere der von Milä gesammelten Reime, 
die, wenn^ wie wir glauben, das Franzosische das Original ist, 
doch eine vollständige Umarbeitung bezeugen, die jedoch die 
Eigenschaft fast aller solcher Umarbeitungen zeigt, dafs sie 
nicht consequent ist. Auch der spanische Text, dem sicher- 
lich eine provenzalische Redaction vorgelegen, versucht an jnan- 
chen Stellen wirklich umzuarbeiten, wie Vs. 245 des franzos. 
Textes, wo aler : demorer^ prov. anar : demorar reimt, der spa- 
nische Text durch Veränderung hir : aallir, 

Rostock, December 1863* Karl Bartsch. 



Miscellen. 

Nachwort über die waldensische Sprache. 

Der kürzlich erschienene 17- Band von Herzoges prote- 
stantischer Real-Encyklopädie berichtet in dem Artikel „Wal- 
denser^' von einer interessanten Bereicherung der uns erhal- 
tenen waldensischen Literatur. Es sind nämlich in Cambridge 
die sechs daselbst befindlichen Morland'schen Manuscripte, 
welche Leger (s. meine Abhandl. in Herrig's Archiv, Bd. XVI, 
Einl.) beschrieben, spätere Gelehrte aber nicht mehr gesehen 
haben, wieder aufgefunden worden. Genauere Nachricht dar- 
über gibt der Entdecker, Henry Bradshaw, in Nr. XVIII der 
mir leider nicht erreichbaren „Publications of the Cambridge 
Antiquarian Society^' vom 10. März 1862. Wenn dieser Fund 
auch für den Theologen von weit grofserer Wichtigkeit sein 
mag, so verdient doch namentlich eine Notiz, welche Herzog 
gibt , auch von unserer Seite ein lebhaftes Interesse. Es hatte 
sich nämlich bei Untersuchung der Bibelübersetzung (s. meinen 



Misccllen, 425 

Aufsatz in Bd. IV dieser Zeitschrift) ergeben , dafs dieses älte^ 
ste waldensische Sprachdenkmal^ und somit die ganze Litera- 
tur, nicht über die letzten Zeiten des Mittelalters binausreicfaen 
könne. Den Beweis dafür hatte die Sprache selbst geliefert, 
welche sich durch die Abgeschliffenheit ihrer Formen als eine 
bedeutend hinter der Blüthezeit der provenzalischen liegende 
verrieth, sich dagegen der Sprache der in der Hussitenzcit 
entstandenen Tractate so nahe anschlofs, dafs nur ein wenig 
höheres Alter fiir dieselbe in Anspruch genommen werden 
konnte. Es folgte daraus weiter, dafs nicht nur diese Ueber* 
Setzung von der Zeit des Petrus Waldus vollständig zu tren- 
nen, sondern mit ihr (wie schon in dem ersten Aufsatze auS" 
gesprochen) die ganze übrige, poetische wie prosaische, Lite- 
ratur dem 15» und angehenden 16. Jahrhundert zuzuweisen sei. 
Diese Behauptung hat nun eine eben so unverhoffte als glän- 
zende Bestätigung erfahren. Die gewöhnliche Ansicht über das 
Alter der waldensischen Sprache stützte sich nämlich haupt- 
sächlich auf die Stelle am Anfange der Nobia Ley czon : „Ben 
ha mil e cent an compli entieramen Que fo scripta l'ora quo 
sen al derrier temp", aus deren wohl unzweifelhafter Bezie- 
hung auf eine Stelle der Apocalypse sich allerdings das Ende 
des 12. Jahrhunderts als Entstehungszeit der Gedichte ergeben 
würde, wie denn die Bibelübersetzung in Verbindung mit der 
Thatsache, dafs Petrus Waldus die Bibel übersetzen lassen, 
auf dieselbe Zeit zu weisen schien. Das letztere konnte wi- 
derlegt werden; das andere mufste vor der Hand noch als 
ein ungelöstes Räthsel stehen bleiben. Nun theilt Herzog mit, 
im Bande B jener Cambridger Manuscripte stehe die NobIa 
Leyczon zwar mit der genannten Jahrzahl Ben ha njil e cent 
an compli entieramen, aber vor dem Worte „cent'' sei etwas 
ausradirt, und bei Anwendung eines Qlases zeige sich die 
arabische Ziffer 4, von derselben Gestalt, wie sie öfter in 
demselben Bande vorkomme. Man könne daran um so weni- 
ger zweifeln, als im Bande C derselben Sammlung in einem 
.Fragment aus demselben Gedichte zu lesen sei: Ben ha mil 
e CCCC anz compli entierament. Was von metrischer Seite 
dagegen eingewendet werden könnte, widerlegt sich durch das 
am Schlufs meiner ersten Abhandlung Gesagte, und es ist nun 
kein Zweifel mehr, dals das Gedicht am Ende des 15. Jahrb. 
geschrieben, aber, vm den darin niedergelegten Lehren den 
Schein eines höheren Alters zu geben, um drei Jahrhunderte 

. Jahrb. f. rom. u. engl. Lit. V. 4. 28 



426 Miscellen. 

zuriickdatirt worden ist, wie denn die Waldenser dergleichen 
sehr vielfach, besonders spater, gethan haben. 

Damit ist nun anch der letzte Zweifel geschwnnden, dafis 
die ganze Literatur über das 15. Jahrhundert zurückreiche, 
und ihr Werth für uns dadurch naturlich bedeutend vermin- 
dert. Wichtig ist uns aber dieser neue Beweis, wie unver- 
brüchlichen Gesetzen, selbst in solcher Verwilderung und Ver- 
mischung, die Entwickelung der Sprachen folgt, und interes- 
sant bleibt es, wie die Vergleichung derselben in einer Zeit, 
die uns so nahe liegt und bei einem Gegenstände, der uns 
so bekannt ist, das Mittel werden kann, einen Irrthum um 
nicht weniger als drei Jahrhunderte zu berichtigen. 
Berlin. W. Grüzmacber. 



Eine Emendation 
zu Palermo, Ms. Palat 2, 346. 

Im Mirakelspiele (Tun monaco che andb a aervizio di Dio 
(vgl. Jahrb. 6, p. 76) liest man: 

L'anima sesnsitiya, che 8*inchina 
Nel mondo a 4atto qael che la diletta, 
Apprezza poco la legge diyina 
E tien civile questa vita perfetta, 
E cosi stolta nella gran raina 
Del baratro infernal cader s'affretta. 

Dazu die Anmerkung: *^ Civile y qui da riferire all' anima, 
e in opposizione con gentile attribuitale dopo. Änima civile^ 
data al mondo; anima gentile , nel suo esser Celeste". Ueber- 
aus spitzfindig, aber kaum wahr; vielmehr ist ci statt a ver- 
schrieben oder vom Herausgeber verlesen worden. Man emen- 
dire daher: 

E tien a vile ^) questa vita perfetta. 

A. M. 



^) Das End-e, das auch Palermo in seinem Drncke unterpunctirte« 
wird nicht gelesen. 



Zur französischen Literaturgoschichte. 427 



Bibliographie des Jahres 1862. 



I. Zur französischen Literaturgeschichte. 

A. 

1. Annuaire da bibliophile^ dn bibliothecaire et de Tarebi- 
viste, pour Tannee 1862, public par L, Lacour, 3® aniiee. 12^ 
VIII, 304 p. 3 Fr. 

S. darüber Joum. des Sav», Mars^ das über das Annuaire, und 
insbesondere diesen Jahrgang u. a. bemerkt: „II est tout rempli de 
renseignements curieox« — II ne se confiue pas en France, et 11 yous 
fera connaitre les richesses des bibliotheques d*Autriche et de Florence, 
aussi bien que Celles de nos bibliotheques nationales. II ne se borne 
pas a s'enqnerir des docnments cooserves dans les d^pots publics, il 
fouille les arehives particulieres etc.<* 

2. La France litteraire, oa Dictionnaire bibliographi- 
que etc. par J, M. Quirard [s. J. 59, Nr. 1]. Tome XII. 
(Corrections, additions Tome II.) 3^ livr. ( — Robbe de Beaa- 
veset) p, 289—480. 8 Fr, 

3. La Litteratare moderne 1850 — 60, ou Dictionnaire 
eomplet de toos les livres fran^ais publies depuis 1850 jusqu'ä 
1860 inciusivement, redige soua la direction de M* Ä, Morin. 
Livr. 1—3 (A— C). Gr. 8^ 

Die Liefr. 4 Fr. 

4. Nouveau Dictionnaire des ouvrages anonymes et Pseu- 
donymes, la plupart contemporaii|S, avec les noms des auteurs 
ou editeurs, accompagne de notes historiques et eritiques, par 
E. de Manney Conservateur-adjoint ä la bibliotheque imperiale. 
Nouv. 4d.y revue, corrigee et augmentee. Lyon. 8^. VIII, 406 p. 
8 Fr. 

Die erste Ausgabe erschien 1834 und bot der Kritik nicht wenige 
Blöfsen dar. Die neue, von dem Sohn des Verf. besorgt, zeigt viele 
Aenderungen und ist bedeutend vermehrt; während die erste Ausgabe 
nur 1871 franzos. Werke anzeigte, führt die neue 3510 vor. Dafs aber 
auch diese noch zahlreiche Irrthümer enthält, zeigt die folgende Schrift 
Querard' 8, die nicht blofs viele Verbesserungen, sondern auch eine 
„Table alphabetique des auteurs Pseudonymes devoiles« bietet. Bullet, 
du biblioph. beige, Nov, 

5. Betoucbes au nouveau Dictionnaire des ouvrages ano- 
nymes et Pseudonymes de M. E. de Manne, par Tauteur des 
Supercberies litteraires devoilees. 8°. XIII, 46 p. ä 2 col. 4 Fr. 

*6. Bibliotheca Belgica. Trente annees de la litterature 
beige. Catalogue general des principales publications beiges 
depuis 1830 jusqu'ä 1860. Bruxelles. 1861. 8^. VII, 97 p. 

28* 



428 Bibliographie. 

7. Bibliographie Gantoise. Recherches etc. par F. Van 
der Haeghen. [s. J. 61, Nr. 2.] Partie IV. 417 p. 8 Fr. 

Dieser Theil umfafst mit dem vorhergehenden das 18. Jahrh. 
Vgl. Bullet, du biölioph. beige, Nov, 

8. Essai d^un Dictionnaire des ouvrages anonymes et 
Pseudonymes parus en Belgique au XIX® siecle et principale- 
ment depuis 1830, par un membre de la societe des biblio- 
philes beiges. 

In: Bullet, du biblioph. beige., p. 434 ff. 
8*. Essai de bibliographie Limousine comprenant : 1° ori- 
gines de Timprimerie ä Limoges, 2° liste des premiers impri- 
meurs, libraires et relieurs du Limousin; appendice: debuts de 
la papeterie dans cette province, 3** biographie des Barbou de 
Lyon, de Limogete et de Paris, par P. Poyet. Limoges. 8^- 

9. Notice bibliographique sur les editions connues des 
Oeuvres de P. Goudelin. 12°. lYa Fr. 

10. Marques typographiques, ou Recueil des monogram- 
mes etc. [s. J. 61, Nr. 5.] 12® livr. 5 Fr. 

11. Histoire du liyre en France etc. par E, Werdet, 
[s. J. 61, Nr. 6.] 4® Partie. Propagation, marche et progres 
de rimprimerie et de la librairie dans les provinces, de 1470 
ä 1700; imprimeries clandestines , particulieres et de fantaisie, 
de 1470 a 1792. XXXI, 446 p. 5 Fr. 

12. Catalogue general des manuscrits des bibliotheques 
publiques des departements , public sous les auspices du mi- 
nistre d'Etat. Tome IIL 4°. 732 p. 12 Fr. 

Theil der Documenta ined. sur l'histoire de France. Die beiden 
ersten Bände des Catalogs erschienen 1849 u. 1855. — Umfafst Cata- 
löge der Mss. der Bibliotheken von St.-Omer, Epinal, St.-Mihiel, St.- 
Die und Schlestadt. Die Cataloge sind redigirt von Michelant, und 
revidirt von Taranne und Cocheris. Das Ganze dieser Publicationen 
leitet V. Le Clerc, der auch manche Notizen hinzugefügt hat. 

13. Catalogue descriptif et raisonne des manuscrits de 
la bibliotheque de Carpentras, par G. G. Ä. Lambert^ biblio- 
thecaire. Carpentras. 8°. 3 Vol. XXXIV, 1382 p. 

Eine kurze Geschichte der Bibliothek ist vorausgeschickt. Unter 
den französ. Dichtungen finden sich dort handschriftlich die Poesien 
des Herzogs v. Orleans, Le livre de Mathiolus, Dichtungen von Char- 
tier und Christine von Pisa; von provenzalischen 2 Bände Poesien 
der Troubadours, darunter aufser dem Breviari d'amor der Boman 
von den sieben Weisen. 

14. Description raisonnee d'une collection choisie d'an- 
ciens manuscrits, de documents historiques et de chartes reunis 
par les soins de M. Techener^ et avec les prix de chacun d'eux« 
Premiere Partie. 8°. VI, 320 p. 5 Fr. 

Die Sammlung besteht aus 204 Mss., und enthält u. a. französ. 
Ritterromane, Chroniken und eine Reihe von livres d'heures, die mit 
Miniaturen geziert sind. Hervorgehoben sei eine ganz autographische 



Zur französischen Literaturgeschichte. 429 

Handschr. der Historiettes von Tallemant des Reattx, und ein Ms. des 
Roman de Troie von Benoit de Ste-More. Die Beschreibungen der Mss., 
die oft von beträchtlicher Ausdehnung und wahrem literarhistorischen 
Interesse sind, haben Gelehrte, wie Paulin Paris, Le Roux de Lincy, 
Lacroix etc. zu Verfassern. Jottrn, des Sav,, Mars. Vgl. auch Bullet, 
du bibl. beige. 

.' *15. Notes sur les livres et les bibliotheqaes au moyen- 
age en Bretagne, par A, de la Borderie, 

In: Bibl. de l'Ec. des Charles 1861, Nov. et Dec. 
Kurze Nachrichten von den Bibliotheken der Kapitel von Quimper, 
Dol und Treguier, sowie von der der Margarethe von Bretagne, Ge- 
mahlin Franz II., mit einigen Urkunden. 

16. La Bibliotheque de Charles d^Orleans, comte d^An- 
gouleme, an chäteau de Cognac, en 1496, publiee pour la 
premiere fois par E, Senemaud. Angouleme. 8°. 93 p. 

Abdruck aus dem Bulletin de la Societe archeologique et histori- 
que de la Charente (3e et 4e trim. 1860). 

17. Quelques listes en vers de livres rares, par Ed. T, 
In: Bullet, du biblioph. et da biblioth. p. 900 ff. 

Ans in Versen verfafsten Farcen, Komödien und andern komi- 
schen und satirischen Werken des 16. u. 17. Jahrh., die grofsenthcils 
mehr oder weniger selten sind. — Einen Nachtrag zn diesem interes- 
santen Artikel des Hrn. Techener liefert p, 972 ff. E. Turquetij, 



18. Histoire litteraire de la France; ouvrage commence 
par des religieux Benedictins de la congregation de Saint-Maur, 
et continue par des membres de l'Institut. Tome XXIV. Qua- 
torzieme siecle. 4°. LXIII, 781 p. 

Bildet die Einleitung zum 14. Jahrh. uud zerfallt in den : Discours 
sur l'etat des lettres en France au 14* s., verf. von Le Clerc , und den 
Djscours sur Tetat des beaux-arts, verf. von Renan. 

19. Origines litteraires de la France, par L. Moland. 
8^. III, 424 p. 7 Fr. 

Enthält Studien über einzelne Partien der altfranzös. Literatur, den 
Prosaroman sammt der Legende, das Drama und die Predigt, indem 
namentlich der Uebergaug vom Lateinischen ins Franzosische den Aus- 
gangspunkt der Untersuchungen bildet, die u. a. das von Luzarche un- 
ter dem Titel Adam herausgeg. Mystere, die Predigten des Bischofs 
von Paris, Maurice de Sully, aus dem 12. Jahrh., und die Gralsagc 
betreffen. Journ. des Sav., Dec. 

20. Etudes litteraires, aper^us historiques et critiques sur 
les origines des litteratures modernes et les ecrivains qui les 
Premiers userent de la langue fran9aise, y compris les poetes 
du XVI« siecle, par Pk. de Montenon. 12^. 272 p. 3 Fr. 

21. Poetes du siecle de Louis XIV. ifetudes sur la litte- 
rature fran^aise par A. Vinet. 8°. 578 p. 6 Fr. 

22. La litterature independante et les ecrivains oublies, 
essais de critique et d'erudition sur le XVIP siecle, par 
V. FourneL 12°. VIH, 484 p. Sy^ Fr. 



430 Bibliographie. 

23. Charles Nodier et le romitntiqae. Lettres, fragments 
et vers inedits. Par P. L, Jacob, bibliophile. 

In: Bullet, du biblioph. et du biblioth. p. 1123 ff. 
Beitrag zar Geschichte der romantischen Schule. 

24. L^Annee litteraire et dramatique etc., par G. Vapereau 
[fi. J. 61, Nr. lö]. Quatrieme annec, 1861. 18°. 535 p. 3 V« Fr. 



25. Des Troubadours aux fölibres; etudes snr la poesie 
proven^ale, par L. de Laincel. Aix, 8**. 414 p. 3*/^ Fr. 

„Tracer an tableaa de la litteratiure proven^ale depnis son origine 
jasqn'a notre temps, en faire Thistoire critique, distinguer le caractere 
g^neral de ses productions en le comparant a celui des litteratnres 
fran^aise, espagnole et italienne ; tel est le plan de cet ouvrage. Toute- 
fois le but special de Tauteur a ^te de combattre certaines tendances 
d'ane ecole recente des poetes xneridionaux qai ont pris le nom de 
felibrea, Le poeme de Mireio par M. Mistral peut etre regarde, avec 
les oeaTres de M. M. BoumanlUe, Aubanel et Jasmin, comme Texpres- 
sion la plus heureuse des oeuvres de ces partisans de la Renaissance 
meridioiiale. <' So äufsert sich das Joum. de» Savtmts, Avril^ welches 
noch hinzufügt, dafs das Bach manche Originalstacke und werthvolle 
bibliographische Angaben enthalte. 

26. La Bourgogne ä rAcademie fran^aise, de 1665 ä 
1727, par Ch. Muteau. Dijon. 8°. 183 jp. 2% Fr. 

Bussy-Rabutin, Bossuet, Valon de Mineure, de la Monnoyey Languet 
de Gergy, 

27. üeber franzosische Volkspoesie, von J. Wollenberg, 
In: Herrig's Archiv f. d. Stud. d. neuern Spr., XXXI. 



28. La Gomedie en Franco au XVP siecle, par E, ChasleB. 
8^ 2ia p. 6 Fr. 

29. Note sur Benoet du Lac, ou le theatre et la Bazoche 
a Aix ä la fin du XVI® siecle, par A. Joly. Lyon. 8®. 105 p. 
6 Fr. 

30. Le Theatre contemporain en 1862, par E, Montegut. 
In: Revue des deux Mond., Janvier. 

Vgl. damit einen kurzern Artikel: Le theatre et ses pieces uou- 
velles, par A. de Pontmartin, im ersten Maiheft derselben Rerue. Jn 
dem oben genannten Aufsatz werden vornehmlich Rolland's Les Vacan- 
ces du Docteur und Sardou's Nos Intimes kritisch beleuchtet. 

31. Le Roman en France depuis VÄstree jusqu'ä Rene; 
par M*"® Du Parquet. 

In: Revue des deux Mond., Juillet. 
Diese kurze Abhandlung (23 p.) wurde von der Academio fran- 
9aise gekrönt. 

32. La litterature romanesque. — Le Roman soas 
Louis XIII, par Z/, de Lomdnie. - 

In: Revue des deux Mond., Fevrier. 
Dieser interessan e Aufsatz schliefst sich au einen altern desselben 
Verf. 8, über D'ürfe's Astree [s. J. 58, Nr. 53], an; er bezeichnet selbst 



Zur französischen Literaturgeschichte; 431 

als seine Aufgabe: ,,tracer un aper^^u des prineipaux caracteres et des 
innoYations que nous präsente la litteratnre romanesqne en France dii- 
rant la periode qni suit immediatement la publication de Fouvrage de 
d'Urfe.<< Es wird zunächst der „Roman familier et moral'* (so die 
Werke des Bischofs von Belley, •/. P. Camus) , dann der „Roman mari- 
time et pittoresque *< und der „Roman politiqde<< (namentlich Gomber- 
vilie^s Polexandre und die bekannte Argenis) behandelt. 

33. Des F^s et de leur litteratare en France, par 
K Montigut. 

In: Revue des deuxMond., Aviil. 
Der Aufsatz ist zwar nicht bedeutend, und berücksichtigt nament- 
lich nicht die Verschiedenheit des Ursprungs der Feenerzählungen, 
aber er hebt einige specifisch französische. Eigenthümlichkeiten dersel- 
ben richtig hervor. 



34. Essais historiques et litteraires, par L» Vitet, 18^. 
405 p. 3 Fr. 

Enthält u. a. eine Etüde über die Chanson de Roland, sowie einen 
in der Academie fran^ise, als Antwort auf eine Rede Laprade*s, über 
Alfred de Musset gesprochenen Discours. 

35. Les Femmes dans la soeiete et dans la litteratare. 
M"»« deSevigne, M°>« de Stael, M*^® Swetchine. Par Ca. de Mazade. 

In: Revue des deax Mond., Mars. 
Vornehmlich wird nur die erste und letzte der drei Schriftstellerin- 
nen in Betrachtung gezogen, auf Grund ihrer Correspondenzen. 

36. Nouvelles etudes critiques et bibliographiques, par 
/. Lemoinne. 12°. VH, 374 p. 3 Fr. 

Erschienen einzeln im Journ. des Debats. 

37. Poetes et artistes contemporains , par A, Nettement. 
8°. Xn, 515 p. öVa Fr. 

38. Publicistes modernes, par H. BaudrillarU 8°. 7 Fr. 
39* Nouveaux essais de politique et de litteratare, par 

Prevost-Paradol 8"^. IV, 414 p. 7% Fr. 
Vgl. Jahrg. 59, Nr. 37. 



40. Chrestiens de Troyes. — Ueber Chrlstian's von Troies 
und Hartmann^s von Aue Erec und Enide, von K. Bartsch, 

In: Pfeiffer's Germania, p. 141 ff. 
Eine sehr sorgfältige, interessante Vergleichung. Am Schlufs gibt 
der Verf. eine Anzahl Berichtigungen des Bekker*schen Textes (be- 
kanntlich in der Zeitschr. für deutsches Alterthum, Bd. X, publicirt). 

41. Corneille -Blessebois. — Notice sur la vie et les 
ouvrages de P. Corneille-Blessebois, par Ed. Cleder. 8°. 3 Fr. 

Besonderer Abdruck der einer neuen Ausg. von Zmnbi du grand 
Peron (eines Werks des Corneille-Blessebois) vorausgesandten Notice, — 
Eine kürzere Lebensnachricht findet sich in dem, auch 1862 von einem 
Andern neu herausgeg. Lion d* Angelte, desselben schmutzigen Literaten 
des 17. Jahrh. — Vgl. BuUet. du biblioph. beige, Avril 1863. 



432 Bibliographie. 

42. Corneille, Pierre. — Notes aar la vie de Corneille 

d'apres des docuineflts nouveaux, par Ed. Fournier. 

In desselben: Corneille ä la butte Saiot-Roch, Come- 
die en un acte et en vers, als Einleitung. 

Enthält nach Vapereau, Vamu litter. p, 284 ff., manches Nene 
und Interessante. 

43. Hugo. — Etades philosophiques et litteraires sor le» 
Miserables de Victor Hugo, par P. Voituron. Gand. 18°. 2 Fr. 

44. Hngo. — Les Miserables de M. Victor Hugo, par 
/. Barbey (TÄurevilles. 12°. 1 Fr. 

45< Lacordaire. — Le pere Lacordaire, par le comte 
de Montalembert. 18°. 291 p. 3 Fr. 

46. Le Petit, Claude. — ■ Claude le Petit, par Ed. Tricotel. 
In: Bullet, du biblioph. et du biblioth. p. 1367 flf. 

Der Verf. beabsichtigt hauptsächlich das Datum und die Ursache 
der Hinrichtung dieses Schriftstellers zu constatiren, indem er nach 
einer kurzen Biographie desselben das Urtheil des Parlaments, das 
Vom 31. Aug. 1662 ist, abdruckt, in welchem Le Petit auf Grund sei- 
lies Buchs: Le Bordel des Muses , ou les neu/ pucelles putains (einer 
Sammlung einzelner Gedichte), und üwar nicht wegen der darin ent- 
haltenen Obscönitäten , sondern des gegen die „Ehre Gottes und der 
Heiligen" gerichteten Spottes verurtheilt wird. Eine Bibliographie seiner 
Schriften hat der Herausg. beigefügt. Vgl. über Le Petit Jahrg. 59, 
Nr. 56 u. 82, und Jahrg. 60, Nr. 50. 

47. Magnin. — Disco urs de M. Paulin Paris, prononce 
aux funerailles de M. Magnin. 

In: Bullet, du biblioph. et du biblioth., p. 1286 ff. 
Hr. Paris hielt in seiner Eigenschaft als Vicepräsident der Acad. 
des inscr. diese Rede am 11. Oct. dem verschiedenen CoUegen. Char- 
les Magnin, der zuerst durch seine Origines du thedtre moderne (von 
welchem sehr gründlichen Werke leider nur der erste. Band, der noch 
ganz dem Drama des Alterthums gewidmet ist, erschienen) sich aus- 
zeichnete , hat sich später durch eine grofse Zahl vorzüglicher Beiträge 
^.u dem Journal des Savants um die franzöa. Literaturgeschichte des 
Mittelalters, namentlich des Dramas sehr verdient gemacht. Er war 
in Paris am 4. Nov. 1793 geboren und bekleidete die Stelle eines 
conservateur-administiateur des livres imprimes an der kais. Bibliothek. 

48. Malebranche. — Etüde sur Malebranche, d'apres des 
documents manuscrits, suivie d'une correspondance inedite; par 
Pabbe E. A, Blampignon. 8°. 5 Fr. 

Dieses manches Neue bietende Werk ist Gegenstand einer interes- 
santen Abhandlung J^. Saisaefs in der Rev. des deux Mondes, Avril, 
geworden. Blampignon war so glücklich, beträchtliche Fragmente der 
lange vermifsteu Biographie Malebranche's von dem Jesuiten Andre 
auf der Bibliothek von Troyes zu entdecken, sowie eine andere bio- 
graphische Arbeit von dem Pater Adry , dem letzten Bibliothekar des 
Oratoire, kurz vor der Revolution auf Grund der Memoiren dreier 
Freunde des Malebranche verfafst, endlich eine ganze Correspondenz 
des Philosophen aufzufinden, von welchen Documenten er in seinem 
Werke Mittheilang macht. — Vgl. auch über dieses Buch den Artikel 
von Bouillier im Journ. des Savants , 1863, Acut u. Sept. 

49. Marguerite d'Angouleme. — Marguerite d'Angou- 
lerne, soeur de Fran9ois I. Son livre de depenses (1540 — 49). 



Zur französischen Literlitiirgeschichte. 438 

, t 

Etades sar ses derni^res annees, par le comte Henri de La 
Ferrüre-Percy. 8°. Vin, 236 p. (Mit Portr.) 8 Fr. 

50. Marg^erite d*Angoul6me. — La litteratare romanes- 
qoe. — La reine de Navarre et l*Heptameron d^apres de 
noaveaux documents. Par L, de Lomenie, 

In: Heyne des deux Mond., Aont. 
Der Verf. bespricht im ersten Abschnitt Margarethens Verhältnifs 
za ihrem Bruder Franz I. , und weist in ausführlicher und gründlicher 
Weise die von Gönin auf Grund eines räthselhaften* Briefes Margare- 
thens gegen diese erhobene Beschuldigung zurück. Ein zweiter Ab- 
schnitt ist dann dem Heptameron gewidmet; namentlich in wiefern der 
Charakter des Werks mit dem seiner Verfasserin sich vereinbaren lasse, 
wird ganz geschickt untersucht. 

51. Moli^re.^ — Cabale contre le Tartofe au XVIP siecle, 
par G, BouvarL Epinal. 8^ 60 C. 

52. Moli^re. — Les medecins au temps de Moliere. 
These pour le doctorat, par M, Raynaud. 8°. 468 p. 7 Fr 

53. Montaigne. — Recherches sur Michel Montaigne. 
Correspondance relative a sa mort. Par J. F. Payen. 

In: Bullet, du biblioph. et du biblioth., p. 1290 ff. 
Das wichtigste Stück ist ein sehr interessanter J5rief von P. de 
Brach , einem intimen Freunde Montaigne's, über dessen Tod an J. Lip- 
sius. Ein paar Briefe der MUe. de Gouniay an denselben beziehen 
sich auf ihre Ausgabe der Essais und sind auch von Interesse. Die 
Originale befinden sich auf der Bibliothek von Leyden. 

54. Montaigne. — Recherches sur l'auteur des epita- 
phes de Montaigne; lettres ä M. le docteur J. F. Payen, par 
B. Dezeimerü. Bordeaux» 8°. (Mit Facsimile.) 83 p. 5 Fr. 

55. Mürger. — Histoire de Mürger, pour servir a 
rhistoire de la vraie boheme, par trois buveurs d'eau, conte- 
nant des correspondances priviSes de Mürger. 18°. 396 p. 3 Fr. 

„Trois amis, trois compagnons de jeunesse, de misere et de labeur, 
ont recueilli leurs notes, leurs Souvenirs sur Mürger, avec un certain 
nombre de lettres et quelques vers intimes et inedits. II n'est pas 
resulte de ce travail commemoratif une etude d'ensemble sur l'auteur 
de la Yie de boheme, mais seulement trois series de materiaiix et 
de rensei gnements pour ceux qui voudront etudier la societe litteraire 
dont Mürger fut le centre et la plus complete expression." Vapereau, 
L'annee litter.^ p. 262. 

56. Masset. — Alfred de Musset, Thomme et le poete, 
par A, Perreau, 12*^. 1 Fr. 

Nodier. — S. oben Nr. 23. 

57. Sismondi. — Confidences d'une Arne liberale. — 
Lettres inedites et Journal intime de Sismondi, par Saint- 
Bene Taillandier, 

In: Revue des deux Mond., Janvier. 

Diese interessante Abhandlung, welche über den Charakter Sismon- 

di's neue Aufschlüsse gew^ährt, namentlich sein reiches Gemüthsleben 

enthüllt, gründet sich theils auf das bisher wenig beachtete, 1Ö57 in 

Genf erschienene Buch: J, C. L. de Sismondi^ Fragments de san Jour- 



434 Biblic^raphie. 

nal et Corregpondance, theils aber auf noch uoedirta Briefe Siamondi's, 
die die Bibliothek des Musee-Fabre zu Montpellier bewahrt, von wel- 
chen einzelne in dem Artikel anch mitgetheilt werden. 

58. Stael, M™* de. — • Coppet et Weimar. Madame de 
Stael et la grande dachesse Louise, par Tauteur des Souvenirs 
de Mad. Recamier. 8°. XXXH, 348 p. 7Va Fr. 

59. Voltaire. — Un dernier mot sur Voltaire^ par Bomie 
d'Avirey. 8°. 2% Fr, 



60* Les Poetes fraa^ais, recueil etc. publ. p. E. Crepet, 
[s. J. 61, Nr. 61.] Tom. HI— IV (dernier). 641, 767 p. 

61. Les Anciens Poetes de la France [s. J. 61, Nr. 64]. 
Gaydon, chanson de geste, publiee pour la premiere fois 
d'apres les trois manuscrits de Paris, par F. Guessard et 
S. Ltbce, 5 Fr. 

Ueber dies epische Gedicht s. Jahrb. III, p. 206. 

62. Messire Gauvain, ou la Vengeance de RaguideJ, 
poeme de la table ronde, da trouvere RaoaJ, publie et precede 
d'une introdaction par (7. Hippeau, Caeo. 8°. XXXIV, 216 p. 
6 Fr. 

Ein für verloren gehaltenes Werk, aus derselben Handschr. als der 
X860 von Hrn. Hippeaa publicirte Giglain (s. darüber Jahrb. IV, p.4:l 1 ff.). 
Es ist dies Gedicht das Original des von Jonckbloet herausgeg. nieder- 
länd. Walewein , wie Hr. Muasafi^ in seiner gründlichen Kritik des obi- 
gen Werks in P/eiffer's Germania, p. 217 ff., nachweist, worin anch 
Textverbesserungen gegeben werden, und die Vermuthung aufgestellt 
wird, der Verfasser sei Raoul de Houdenc. 

63. Renaus de Montaaban, oder die Haimonskinder. 
Altfranzosisches Gedicht nach den Handschriften zum ersten 
Male herausgegeben von H. Michelant. Stuttgart 8^. 542 p. 

Nr. 67 der Pnblicat. des Literar. Vereins. 

64. Garin le Loherain. Chanson de geste, composee au 
XIP siecle, par Jean de Flagy, mise en nouveau langage par 
Paulin Paris. 12°. 404 p. 3 Fr. 

65. Chroniques des croisades. La Chanson d^Antioche, 
composee au XII® siecle par Richard le Pelerin, renouvelee par 
Graindor de Douai au XIII^ siecle, publiee par Paulin Paris, 
traduite par la marquise de Sainte-Aulaire. 12°. XVII, 452 p. 
3% Fr. 

Das Journ, des Savants, Juin, nrtheilt darüber: „La traduction, 
d'une exactitude rigoureuse, laisse a Toriginal sa forme premiere et 
naive, en faisant disparaitre tonte difficulte d'interpretation. <* 



66. Cantinella proven^ale du onzieme siecle en l'honneur 
de la Madeleine, chantee annuellemeut a Marseille, le jour de 
Päques jusques en 1712. Introduction, traduction, commen- 



Zur französischen Literaturgeschichte. 435 

taires et recherches historiqaes par /. T. Boty. Marseille. 8^. 
64 p. (Mit einer Tafel). 
In 100 Exemplaren. 

67. Bericht an die Oesellschaft for das Stadiam der 
neaem Sprachen in Berlin über die in Italien befindlichen 
prOYen9ali8chen Liederhandschriften, von Orüzmacher. 

In: Archiv f. d. Stad. d. neaem Spr., XXXU, p. 387 ff. 
Dieser Bericht erstreckt sich zunächst nur auf die zwei Handschr. 
der Ambrosiana: B 71 sup. (d. i. sala superiore), Pergam. in 4« aus 
dem 14. Jabrh., und D 465 inf. (s. inferiore), Pap. in Fol. aus dem 
18. Jahrh. Die letztere ist ein Miscellanband Ton 39 Nummern. Von 
der erstem wird ein genauer Bericht gegeben, indem die Anfiuigsyerse 
sämmtlicher Gedichte mitgetheilt werden; 47 sind daTon noch unedirt, 
von welchen der Verf. 17 hier publicirt (theils Cansos, theils Tenzonen), 
bei den bereits edirten aber wird auf die Werke, worin sie sich finden, 
hingewiesen. — Nach diesen Mittheilungen schon läfst sich von den Re- 
sultaten der Reise des Hrn. Grüzmacker manches Belangreiche erwarten. 



68. Le Mistere da siege d^Orleans, publik pour la pre- 
miere fois d'apres le manuscrit nnique conserve k la biblio- 
theque du Vatican, par F, Guessard et E. de Certain. 4?. 
LXVI, 809 p. 12 Fr. 

Bildet einen Theil der Collect, de documents inedits sur Thist. de 
France, publ. par les soins du ministre de Tinstruction publique. 1* s^rie. 
Hist. politique. — Das Myst^re, bis dahin nur durch Auszage bekannt, 
umfafst nicht weniger als 20,529 Verse. Wir werden später im Jahrb. 
auf diese so interessante Pnblication zurückkommen. 



69. Recueil de poesies fran9oises des XV et XVI sie- 
cles etc., renn, par A, de Montaiglon, [s. J. 58, Nr. 72.] 
T. Vm. 5 Fr. 

70. La Recreation et passe-temps des tristes, recaeil d^epi- 
grammes et de petits contes en vers. 18°. XII, 192 p. 15 Fr. 

Als Verf. dieser leichtfertigen Gedichte wurde mit Unrecht früher, 
wie der anonyme Herausgeber nachweist, Guillaume des Autels ange- 
sehen; die Gedichte geboren vielmehr Verschiedenen an, namentlich 
Maroty St'GfilaiSf Deaper ierSy in deren Werken sich auch einzelne wie- 
derfinden. Nur zwei Ausgaben, Paris 1573 und Lyon 1593, kennt man, 
und Ton beiden hat sich nur je ein Exemplar, wie es scheint, erhalten. 
Vgl. Bullet du biblioph. beige, Nov, 

71. Les Mvses incognves, ov la Seille avx Bovrriers 
plaine de desirs et imaginations d'amovr, recueil de poesies 
satyriques de Beroalde de Verville, de Guy de Tours, de 
Gauchet de Berthelot, de Motin etc.; reimprime textuellement 
et collationne sur Texemplaire existant ä la bibliotheqne de 
l'Arsenal a Paris. 18°. 10 Fr. 

72. Poesies d'Anne de Rohan-Soubise et lettres d'Eleo- 
nore de Rohan-Montbazon, abbesse de Caen et de Malnoue, 
ä divers membres de la Societe precieuse, publiees pour la 
premiere fois avec notes et introduction. 12°. 165 p. 5 Fr. 



436 * Bibliographie. 

73. Les Jenx d'esprit ou la Promenade de la Princesse 
de Conti ä Eo, par Mlle de La Force ^ publies pour la pre* 
miere fois avec une introdaction par M. le marqüis de La 
Orange. 8°. XXXVI, 159 p- 6 Fr. 

Tome XX des Tresor des pieces rares ou inedites. — Der 
Herausgeber hat in der Einleitung die unterscheidenden Charakter- 
züge des genre precieux, zu welchem das Werk gehört, das kultur- 
geschichtlich ohne Frage interessant ist, dargelegt, sowie die Ein- 
flüsse der Gesellschaft defl Hotel Rambouillet und derjenigen, die es 
fortsetzte und von welcher die Verfasserin die glänzendste Repräsen- 
tantin war. Das Buch ist 1701 verfafst. Die Spiele sind: le pottr et 
le contre, le jeu du songe, le jeu du Courier y le Jeu des metamorpkoses, 
le jeu de la perisee, le jeu du roman. BibL beige, p. 389. 

74. Lo libre de Testoria e de la vida de Tobias, bon 
home e iust. Herausgeg. von /. Wollenberg, 

In: Archiv f. d. Stud. d. neuern Spr. XXXII. 
Aus demselben Msc. des 14. Jahrb., aus welchem der Herausg. 
schon andere Stücke publicirte (s. J. 60, Nr. 63 und J. 61, Nr. 68). 

75. Les quinze Joyes Nostre-Dame et autres devotes 
oraisons, tirees de deux manuscrits da 15® siecle; pubLpour la 
premiere fois par un bibliophile. Tours. 18°. XXXVI p. l%Fr. 



76. B^ranger. — Beranger et Lamennais. Correspon- 
dance, entretiens et Souvenirs. 12*^. 3 Fr. 

77. Bernard. — Oeuvres completes de Charles de Bernard. 
12^ 12 Vol. 36 Fr. 

78. Beroalde de Verville. — Le moyen de parvenir par 
Beroalde de Verville. Revu, corrige et mis en meilleur ordre; 
public pour la premiere fois avec un commentaire historique et 
pbilologique, ^2iX P.L.Jacob, biblioph. 12°. XXIX, 508 p. 3V2Fr. 

79. Blondel de N^elle. — Les Oeuvres de Blondel de 
Neelle. Reims. 8°. LV, 238 p. 6 Fr. 

XIX. Bd. der Collect, des poetes de Champagne, anter. au XVI^ s., 
herausgeg. von Tarbe. 

Es ist dies der durch seine Anhänglichkeit an Konig Richard von 
England bekannte Trouvere. 34 Chansons desselben werden hier nach 
den Handschriften edirt, denen noch die Richard Löwenherz beige- 
legten Gedichte zugefügt sind. Zahlreiche Noten begleiten den Text. 
Auch eine Abhandlung über das Leben und die Werke Blondel's gibt 
der Herausg., der auf Grund der 1837 zuerst veröffentlichten Chronik 
von Reims die Erzählung von Blondel's Bemühungen um die Befreiung 
des Königs für authentisch hält. Journ. des Savants, Oct. 

80. Bossaet. — Oeuvres completes de Bossuet, publiees 
d'apres les imprimes et les manuscrits originaux, purgees des 
interpolations et rendues ä leur integrite, par F. Lachat. Ed. 
renfermant tous les ouvrages edites et plusieurs inedits. 8°. 
Tom. I, IV — IX. . 

Die Ausgabe wird ungefähr 30 Bde. bilden und 150 Fr. kosten. 
Die „Oeuvres inedites" publicirte der Herausg. zugleich auch beson- 
ders, sowol in 8«, als in 4P\ beide Ausg. 6 Fr. 



Zar französischen Literatnrgaschichte. 437 

81. Ch^nier^ Andrä. — Poesies d' Andre Chenier. Ed. 
critique; etude sur la vie et les oeuvres d'A. Chenier; varian 
tes, notes et commentaires; lexique et index; par L, Becq 
de Fouquieres. 8°. LXIII, 493 p. (Mit Portr.) 10 Fr. 

Der Herausg. reprodncirt den Text der Ausgabe von 1819, indem 
er alles seitdem Pablicirte, sowie einige unedirte Verse hinsafügt. 
Die Commcntare scheinen etwas weitläufiger Natur. Das itude ist von 
Interesse. Ein Anhang gibt bibliographische Nachweisungen. Journ, 
des Savants, Dtic, 

82. Chänier, Marie-Joseph. — Tablean historiqae de Fetat 
et des progres de la Htteratnre fran9ai8e depnis 1789, precede 
d'une notice sur l'auteur par DaunoUy et accompagne de notes. 
8"^. 413 p. (Mit Portr.) 5 Fr. 

83. Chrestien» de Troyes. — Li Romans du Chevalier an 
lyon von Crestien von Troies, herausgeg. von W, L, Holland. 
Hannover. 8°. VI, 251 p. 2 Thlr. 

Ueber diese mit vielem Fleifs und Sorgfalt, hauptsächlich auf Grund 
der pariser Haudschr. Nr. 73 Gange veranstaltete Ausgabe, deren Wcrth 
noch manche schätzbare Anmerkungen erhöheni s. Liter, Centralbl, Nr. 6. 

84. Brachstuck aus dem Chevalier au lyon nach der 
vaticanischen Handschrift mitgetheilt u, erläutert von A. Tobleu 
(Beilage zum Programm der Kantonschule und des Lehrer- 
seminars von Solothurn für das Schuljahr IS^Vß^O 4°. 21 p. 

Dies Bruchstuck, das sich an das von Keller, Momvart, aus der- 
selben Handschrift gegebene anreiht, nmfafst nur 292 Verse, von Vers 
2774 — 3081 der HoUand*schen Ausgabe. Dieser Abschnitt ist benutzt, 
um daran die wichtigsten Unterschiede des Altfranzösischen vom Neufran- 
zosischen in Schreibung, Lauten und Flexion in der Kürze unter stetem 
Bezug auf den gegebenen Text darzulegen. Auch ein Verzeichnifs der 
nicht mehr gebräuchlichen oder anders als heute gebrauchten Worter 
wird am Schlüsse dieser sehr fleifsigen Arbeit gegeben. 

85. Corneille. — Oeuvres de Pierre Corneille. Nouv. dd,, 
revue sur les plus anciennes impressions et les autographes, 
et augmentee de morceaux inedits, de variantes, de notices, 
de notes, d^un lexique des mots et locutious remarquables, 
d'un Portrait, d*un fac-simile etc., par Ch, Marty-Laveatuc, 
8°. Tome L 7Va Fr. 

Theil der Coli, des Grands ecrivains de la France, publ. sous la 
direction d'A, JRegnier. Die erste wahrhaft kritische Ausgabe, die 
eine genauere Besprechung im Jahrb. verdient. 

86. Corneille. — L'Occasion perdue recouverte, de P. Cor- 
neille. Nouv. ed., accompagnee de notes et de commentaires, 
avec les sources et les imitations qui ont ete faites de ce 
poeme celebre non recueilli dans les oeuvres de Tauteur. 16°. 
3 Fr. (8°. 5 Fr.) 

87. Diderot. — Le Neveu de Rameau de Diderot. 
Nouv. ed.^ revue et corrigee sur les diflferents textes, avec une 
introduction par Ch. Asselineau. 12°. lYa Fr. 

„M. Ch. A. a suivi le texte de Tedition Briere (1821), mais en lui 
faisant subir d'importantes rectifications. L'edition de 1821 renfermait 



338 BiWiogri^liie. 

des inexactitndes, des contre^sens, meine des non-sens, invariablement 
reprodoits dans toutes celles qui Tont suivie; M. A. a defaut da ma- 
nuscrit original, par la comparaison munitieuse et patiente de toates 
les ^ditions fran^aises avec 1a Version allemande de Goethe, laqnelle 
est aussi remarqnable par sa fidelite que par Telegance dn style, est 
par venu ä restituer d*ane mani^re irr^fragable le vrai texte de Diderot. '' 
ßullei. du hiblioph. et du biblioth,, p. 1413. 

88. iSUain. ~r- Oevvres puetiqves fran^oises de Nicolas 
Ellain, Parisien (1561 — 1570), publiees par Ä. Genty. 16*^. 
97 p. IV» Fr. 

Jean de Flagy. — S. oben Nr. 64. 

89. Orevin. Sonnets inedits de Grevin 8ar ßome, publ. 
par E, TricoteL 

In: Bullet, du biblioph. et du biblioth. p. 1044 ff. 
Es sind ^4 Sonette. Der Herausg. fand sie in einem merkwürdi- 
gen Mscpt. Lestoille's auf der kais. Bibliothek, welches Mscpt. den Titel 
führt: „Kecueils divers bigarres du grave et du facetieux, du bon et 
du mauvais selon le temps <' (237 feuill. in 4*^). Die Sonette sind schon 
als Pendant zu denen des Du Bellay, des Zeitgenossen 6revin*s, interes- 
sant. Auch einige Notizen über den Dichter hat der Herausg. beigefügt. 

*90. La Fontaine, Jehan de. — La Fontaine des amou- 
reux de science, composee par Jehan de la Fontaine, de 
Valenciennes, en la comte de Hainault, poeme hermetique da 
quinzieme siecle, publie par A. Genty, 1861* 16°. 93 p. 

Dieses Gedicht alchimistischen Inhalts fand namentlich im 16.Jahrh. 
einen solchen Beifall, dafs vor der vorliegenden fast ein Dutzend Aus- 
gaben davon im Druck (erschienen. Es ist in achtsilbigen Reimpaaren 
verfafst. S. ßibl. de tEc. d. CL, 1861 Nov. et Dec, 

91. La Fontaine. — Une fable inedite de La Fontaine, 
publice par P. L, Jacob^ bibliophile. 

In: Bullet, du biblioph. et du biblioth. p. 829 ff. 
Entdeckt von dem Herausg. im XI. Bd. der Mss. Conrart (in Fol.) 
auf der Bibliothek des Arsenal, unter andern Fabeln La Fontaine's. 
Sie führt die Ueberschrift: Le Renard ei t^cureuil, und erscheint aller- 
dings La Fontaine 's nicht unwürdig. 

92. Le Honx. — Les Noels virois de Jean le Hoax, 
publies pour la premiere fois d'apres le mscr. de la biblio- 
theqne de Caen, avec une introduction et des notes par Arm, 
GasU. Caen. 8°. XVm, 73 p. 3V« Fr, 

Es ist der durch seine Vaux-de-vire bekannte Volksdichter, geb. 
zu Vire um 1540, gest. 1616. Seine Noels waren bisher unbekannt 
geblieben. — In der Einleitung spricht der Herausg. die Ansicht aus, 
dafs Le Honx der wahre Verfasser auch aller dem Basselin beigeleg- 
ten Vaux-de-vire sei. (Vgl. J. 58, Nr. 96.) -^ Joum. des Aar., Oct 

93. Malherbe. — Oeuvres compl^tes de Malherbe, re- 
cueillies et annotees par L, Laianne* Nouv. ed.^ revue sur leg 
autographes, les copies les plus authentiques et les plus an- 
ciennes impressions, et augmentee de notices, de varianteai, 



Zur französischen liiteratnrgeschichte. 439 

de notes, d'un lexiqae des mota et locntions remarqaables etc. 
8"*. Tome I«'. CXXVm, 494 p. 7Va Fr. 

Theil von R6gnier*s Grands ^criv. de la France. 
Die erste Aasg., welche einen wahrhaft kritischen Text, and mit 
Erfolg, zu geben sich bemüht; es ist auch die erste, welche alle Werke 
Malherbe*8 in Prosa und in Versen umfafst. — Die Varianten sind mit 
Sorgfalt gesammelt. Einem jeden Stuck geht eine Notice voraus, welche 
mictheilt, wo das Stück zuerst erschienen, bei welcher Gelegenheit und 
zu welcher Zeit es verfafst worden ist. Kurze pracise Anmerkungen 
erklären die dunkeln Stellen und die veralteten Ausdrucke. — Joum. 
des Savants, Oct, 

94. Haiherbe. — Les Foesies de messire Fran^oiB de 
Malberbe, preccdees de sa vie, par le marqnis de Aacan. 
Texte reva sur les editions originales et aonote par L. La- 
lanne. 6r. 8^ XXVUI, 383 p. 50 Fr. 

Nur in 60 nnmerirten Exempl., in der Orthographie der Zeit des 
Dichters. 

95. Marie de France. — Marie de Franee. Poetische 
Erzählungen nach altbretonischen Liebessagen, übersetzt von 
W. Hertz. Stuttgart. Kl. 8^ XXVIH, 258 p. VU Tblr. 

S. darüber die Anzeige von Liebrecht im vor. Bde. d. Jahrb., p. 227 flf. 

96. Matfre Ermengand« — Le Breviari d^amor de Matfre 
Ermengaud, suivi de sa lettre a sa soeur, publie par la societe 
archeologique^ sdentifique et litt^raire de Beziers; introduction 
et glossaire par G, Azäis^ secretaire. Beziers. Gr. 8. Tome I, 
livr. 1. XX, 176 p. 4 Fr. 

S. die „Anzeige^* von Bartsch im vorigen Bde. des Jahrb., p. 421 ff. 

97. Monstrelet. — Chronique [s. J. 61, Nr. 73]. Tome VI; 
saivi de: Extrait d'une Chronique anonyme pour le rfegne de 
Charles VI (1400 — 1422). 9 Fr. 

98. Baeinei Jean et Louis. — Lettres in^dites de Jean 
Racine et Louis Racine, precedees de la vie de Jean Radne 
et d^une notice sur Louis Racine etc., par leur petit-fils Tabbe 
Adrien de la Boque. 8°. 458 p. 7Va Fr. 

„Les lettres parmi lesquelles celles de Lonis dominent, n'occupent 
pas la moitie du volume, consacri, en grande partie, k nne Yie de 
Jean Racine, a une notice sur Lonis Racine, a des notes biographiqaes, 
sommaires sur leurs divers pareuts et a la gönealogie de l'illustre fa- 
mille jusqn'au temps present.« Vapereau, Vann, litt., p. 292. Die un- 
edirten Briefe zeigen J. Racine hauptsächlich als Menschen und Fa- 
milienvater. 

99. B^gnier. Oeuvres de Mathurin Regnier; augmentees 
de trente-deux pi^ces inedites, avec des notes et une intro- 
duction par Ed. de Barthäemy. 12°. XLIII, 412 p. 3Va Fr. 

Richard le Feierin. — S. oben Nr. 65. 

100. Bonsard. — Choix de po^sies de P. de Ronsard, 
prec^de de sa vie et accompagne de notes explicatives, par 
A. Noel. , 2 Vol. 12^ 482, 540 p. 8 Fr. 

Die Auswahl, sowie eine die Sammlung einleitende Biographie 
Ronsard's von dem Heransg,, findet den Beifall des Joum. des Sav. 



440 Bibliographie. 

I 
AvriL Der erste Band nmfafst die Amours,^ Sonneta y, Ödes and die 
Franciade; der zweite den Bocage royal^ die Eglogues^ Elegies, Hirnes, 
den Discours des miseres de ce temps, die Vers au roi Charles IX, und 
Poesies diverses. 

101. Sävign6, M»® de. — Lettres de M°*® de Sevigne, 
de sa famille et de ses amis, rec. par Monmerque, [s. J. 61, 
Nr. 79.] Tom. IH— IV. 548, 566 p. Der Bd. 7% Fr. 

102. S^vign^, M™*^ de. — Lettres de Marie de Rabutin 
Chantal, marqoise de Sevigne etc., publ. par ü. Silv. de Sacy. 
[s. J. 61, Nr. 80.] Tomes V— VII. 

103. Thöophile. — La tragedie de Pasiphae par le sieor 
Theophile, prec^dee d'une notice öur le sujet de la piece et 
suivie d'un appendice contenant plusieurs poesies da meme 
auteur. Kl. 12°. 6 Fr. 

104. Vauqnelin de la Fresnaie. — L'art poetique de 
Jean Vavqvelin, sievr de la Fresnaye (1536 — 1607), public 
par A. Genty. 16°. XXIH, 153 p. 3 Fr. 



IL Zur englischen Literaturgeschichte. 

105. The Bibliographer's Mannal of English Literature etc. 
By W..Th.Lowndes, New, ed. [s. J. 61, Nr. 85.] Vol. V. 

106. Collectanea Anglo-Poetica etc., by Th, Corser. 
[s. J. 61, Nr, -87.] Part. IL 

Bei aller Anerkennung der Verdienstlichkeit des Werkes, sowie 
des Fleifses und der Genauigkeit des Verfassers, wird auch diesem 
zweiten Bande, wie dem ersten, der Vorwurf unnöthiger Weitschweifig- 
keit von der englischen Kritik gemacht. S. Athenaeum, Apr, (Lemcke). 



107. A Manual of English Literature, historical and 
critical. With an appendix on English metres. By Tk, Arnold, 
8°. 430 p. 

Der Verf. ist Katholik und war Professor an einer katholischen 
Universität. Man darf sich daher nicht wundern, dafs seine ürtheile 
sowohl über den Entwickelungsgang der englischen Literatur im All- 
gemeinen, wie über einzelne Erscheinungen derselben (beispielsweise 
über Milton) in hohem Grade einseitig und befangen sind. Das Athe- 
naeum, Dec,, nrtheilt sehr ungünstig über das Buch. (L.) 

108. Geschichte der englischen Literatur u. s. w., von 
St, Gatschenherger. [s. J. 59, Nr. 124.] Bd. II. (Geschichte 
des Englischen Dramas). Wien. 8°. VIII, 263 p. 2 Thlr. 

109. The Origin and History of the English Langaage 



Zar englischen Literaturgeschichte. 441 

and of the Early Literatur, it embodies; hj^^G* P. Marsh. 
Gr. 8^ XV, 574 p. 

Von der engl. Kritik sehr anerkannt. S. a. a. Athenaeum^ Sept 

110. English Poetry from Dryden to Cowper. 
In: Quart. Review, July. 



111. Stadien über das englische Theater^ von M. Bapp. 
AbtheU. 1—2. Tübingen. XXI, 285 p. 1 TUr. 10 Sgr. 

Die erste Abtheilung erschien zuerst im Archiv f. d. Stnd. der 
neuem Spr. 1854; eine dritte ist noch in Aussicht gestellt. Die Stu- 
dien enthalten übrigens nur Analysen oder Inhaltsangaben verschiede- 
ner, allerdings sehr vieler englischer Stücke von der ältesten bis auf 
die neueste Zeit. Das Werk gleicht einem Repertorium, dem aber ein 
Haupt Vorzug, der der Vollständigkeit mangelt. 

112. Litterature anglaise. — Degenerescence da roman. 
Par E. D. Forgues. 

In: Revue des deox Mondes, Aoüt. 
Verschiedene der neuesten Romane besprechend, warnt der Verf. 
namentlich vor den schädlichen Einflüssen der franzos. Demi-monde- 
Literatur. 

113. English Women of letters. Biograpbical Sketches 
by Julia Kavanagh. 2 Vol. 8^. 660 p. 21 s. 

Die Verl ist die bekannte Romanschreiberin , und 'das Buch ent- 
hält Lebensbeschreibungen und Charakteristiken von zehn englischen 
Schriftstellerinnen, nämlich Aphra Behn, Sarah Fielding (Schwester 
des berühmten Fielding und Freundin Richardson's ) , Mrs. d'Arblay, 
Mrs. Charl. Smith, Mrs. Radcliffe, Mrs. Inchbald, Miss Edgeworth, 
Mrs. Opie, Miss Austin und Lady Morgan. „ On the whole«, sagt das 
Athenaeum, Oct, „tbis work of Miss Kavanagh^s will be a pleasant 
contribution to the literature of the times, and in raising a shrine to 
the merits of some of the leading English women of literature, Miss K. 
bas also associated her own name with theirs.<< (L.) 

114. Lives of Wits and Hamorists. Swift, Steele^ Foote, 
Goldsmitb, the tvfo Colmans, Sheridan, Porson, Rev. Sydney 
Smith, Theodore Hook, James and Horace Smith. By /. Timbs, 
2 Vol. 8^ 780 p. 18 s. 



115. Baxter. — Richard Baxter, bis life and times; by 
W. a Magee, Dublin. 8*». 3 d. 

116. Byron. — Lord Byron. Eine Biographie, von 
F. Eberty. Leipzig. 2 Thle. 8°. XII, 599 p. 2V4 Thlr. 

Eine mit Sorgfalt verfafste und ansprechend geschriebene Biogra- 
phie, die nur etwas zu gern moralisirt, obschon dies keineswegs von 
einem engherzigen Standpunkte aus geschieht. Vergl. auch Literar, 
CentralbL, Nr. 18. 

117. Goldsmith. — Oliver Goldsmith, bis friends and 
bis critics, a lecture by F. Whüeside. Dublin. 8^. 6 d. 

118. Hallam. — Arthur H. Hallam, by /. Brown. Edin- 
burgh. 8^ 2 s. 

Jahrb. f. rom. u. engl. Lit V. 4. . 29 



442 Bibliographie. 

119. Inring^. — Life and letters of Wasbington Irving. 
Edited by bis nepbew P. M. Irving, 3 Vol. 8**. ä 7 s. 6 d. 

120. Haoanlay. — Macaulay. A Lectnre by TT. Morley 
Punshon, 8°. 3 d. 

121. Macaulay. — Tbe public life of Lord Macaulay; 
by F. Arnold. 8^ 14 s. 

122. Milton. -^ Jobn Milton; a vindication, specially 
from tbe cbarge of Arianism ; by J, W. Morris. 8**. 2 s. 6 d. 

123. Milton. — Examination - Questions on tbe first two 
books of Milton's „Paradise lost'% and Sbakspeare's „Mercbant 
of Venice". Preceded by a copious variety of critical Obser- 
vations on tbe „Paradise lost". By /. Hunter. 12*^. 1 s. 

124. Shaftesbury. — Sbaftesbury, par Ch. de Eemusat. 
In: Revue des deux Mondes, Nov. 

125. Shakespeare. — History of William Shakespeare, 
Player and Poet; with new facts and traditions. By S. W.Fullom. 
8^ 12 s. 

126. Shakespeare. — The Shakespeare Cyclopaedia. 
Part I. Containing Shakespeare's Natural History of Man, 
with curious illustrations from numerous ancient writers. By 
/. H. Fennel. 1 s. 

127. Shakespeftre. — Notes on Shakespeare, by J. Nichols. 
Nr. 2. 8^ 1 s. 

Vergl. Jahrg. 61, Nr. 120. 

128. Shakespeare. — On tbe received text of Shake- 
speare^s dramatic writings and its improvement; by S, Bailey. 
8 8. 6 d. 

129. Shakespeare. — Shakespeare's Tenures. Tenure 
in Villenage. By W. L. Rushton. [vgl. J. 61, Nr. 124.] 

In: Archiv f. d. Stud. d. neuern Spr. XXXI, p. 161 ff. 
und p. 312 fr. 

130. Shakespeare. — Shakespeare illustrated by theLex 
Script^.. By W. L. Rushton, 

In: Archiv f. d. Stud. d. neuern Spr. XXXII, p. 61 ff., 
177 ff., 353 ff. 
Der Verf. leitet diese sehr werthvollen Artikel, welche eine Fort- 
setzung der unter dem Titel „Shakespeare's Tenures" (s. oben) gege- 
benen sind, mit den folgenden Worten ein: „I think, I shall be able 
to illustrate several obscure passages, and words, and expressions of 
doubtful meaning, in the works of Sh., by the ancient English Statutes. 
Many words and expressions which in Sh. are of doubtful meaning, 
are often used in the ancient Statutes and accompanied by other words 
and expressions of a similar sense, which explain their meaning.« 

131. Shakespeare. — Notes and emendations to Shake- 
speare's „Merchant of Venice", by W. Ihne. 

* In: Archiv f. d. Stud. d. neuern Spr. XXXI, p. 423 ff. 
Shakespeare. — S. oben Nr. 123. 



Zur englischen Literstargeschichte. . ^3 

132. Shakespeare. — Alter Ego. Eine Studie za Shake- 
speare^s Kaufmann von Venedig. Hamburg. 

Der anonyme Verf. dieser kleinen Schrift will dem Schauspiele 
Shakespeare's eine Art von autohiograpb. Charakter beilegen, indem er 
nachzuweisen sucht, dals der Dichter in dem Verhältnisse zwischen 
Antonio und Bassanio sein eigenes zu dem Grafen von Southamptoa 
habe darstellen wollen. Geht der Verf. hierin auch zu weit, so kann 
man doch, mit Rücksicht auf die Abfassungszeit des Stücks, kaum um- 
hin , in der Wahl des Stoffes eine gewisse Beziehung auf Shakespeare's 
Freundschaftsverhältnifs zu erkennen, wie dies unter andern auch von 
Gervinus angedeutet worden ist> und insofern ist die durchaus weg- 
werfende Art und Weise, mit welcher obige Schrift im Athenaeum, Sept,, 
besprochen wird, nicht vollkommen gerechtfertigt. (L.) 

133. Shakespeare. — Shakespeare's Sonnets. — Hints for 
the elacidation of Shakespeare's Sonnets by PhUarete Chasles. 

In: Athenaeum, Jan. 
Der bekannte franzosische Literatarhistoriker und Kritiker führt 
vermittelst einer von der bisher angenommenen verschiedenen Inter- 
punktion und folgeweise Satzconstruction der der Originalausgabe der 
Sonette vorausgeschickten Widmung den Nachweis, (hsifs der daselbst 
genannte räthselhafte „Mr. W. H.<< nicht, wie bisher geschehen, als 
derjenige, welchem die Sonette zugeeignet sind, sondern vielmehr als der 
Zueigner verstanden werden müsse und dafs folglich jene Initialen sehr 
wohl auf William Herbert, Grafen von Pembroke, bezogen werden 
können, für welche Annahme Ph. Gh. denn auch verschiedene Gründe 
anführt. Dafs die Person, welcher die Sonette gewidmet sind, keine 
andere ist als der Graf von Southampton, hält auch er für unzweifel- 
haft. Durch diese Entdeckung scheint eine lange Streitfrage, welche 
schon zu den wunderlichsten Combinationen Veranlassung gegeben hat, 
nunmehr wirklich gelöst zu sein und sie wird daher auch von der 
englischen Kritik in ihrer Wichtigkeit erkannt. Die wenigen Beden- 
ken, welche ein „the Author of the Sonnets rearranged** unterzeich, 
neter Artikel im Athenaeum, Febr.y gegen Oh. 's Ansicht beibringt, fal- 
len so gut wie gar nicht ins Gewicht. Mit Entschiedenheit adoptirt 
und zu weiteren Schlufsfolgerungen benutzt wird dagegen die Ent^ 
deckung des französischen Kritikers in dem unter der folgenden Num- 
mer angezeigten Buche. (L.) 

134. Shakespeare. — The Sonnets of William Shak- 
spere: a critical disquisition suggested by a recent discoveiy. 
By Bolton Corney, (Private Impression). 

Aus dieser durch Ph. Chasle's Entdeckung veranlaTsten , nicht in 
den Buchhandel gekommenen interessanten Schrift gibt das Athencteum^ 
Aug.f einen Auszug. Interessant ist darin namentlich die vollständige 
Uebersicht über die verschiedenen, seit 1780 (wo Shakespeare's Sonette 
zuerst die Aufmerksamkeit der Literatoren zu erregen anfingen) bis auf 
die neueste Zeit aufgestellten Ansichten über diese Dichtungen. Des 
Verf. 's eigene Meinung geht dahin: 1) dafs die Sonette bald nach 
1594, und zwar in Erfüllung eines dem Grafen von Southampton ge- 
gebenen Versprechens geschrieben wurden; 2) dafs sie mit sehr gerin- 
gen Ausnahmen nichts als poetische Uebungen sind; and 3) dafs sie 
ohne Erlaubnifs des Dichters und seines Protectors publicirt wurden. 
Schliefslich bekennt sich der Verf. vollständig zu der Ansicht, dafs 
mit „Mr. W. H.»* niemand anders als der Graf von Pembroke gemeint 
sein könne, indem er Chasles* Andentungen über die Gründe, weshalb 
derselbe als Zueigner erscheint, weiter ausführt. (L.) 

29» 



444 Bibliographie. 

135. Sidnay, — The Life of Sir Philip Sidney; by 
J, Lloyd. 8°. 

Nach dem Athenaeum^ Äug-.^ bietet diese neae Lebensbeschreibung 
Sidney*s wenig oder nichts neues dar. (L.) 

136. Sidney. — A Memoir of Sir Philip Sidney; by 
E, B, Fox Boume, 8°. 15 s. 

Das Athenaeum, ^P^'t urtheilt darüber nicht sehr gunstig. (L.) 



137. Gloucester Fragments: 1. Fac-simile of Leaves in 
Saxon handwriting on S. Swithin , copied by photozincography, 
and pnblished with an Essay by J. Earle; 2. Saxon Leaves 
on S. Maria Aegyptiaca with Fac-simile. 4°. 21 s. 

138. English metrical Homilies from Manuscripts of the 
fourteenth Century, with an Introduction and Notes by /. Small. 
Edinburg. 4^ 12 s. 

139. Early english poems and lives of Saints. Copied 
and edited from Mss. in the library of the British Moseum, 
by Fr. J, Fumivall Berlin. 8°. XXXI, 180 p. 2 Thlr. 

Eine Inhaltsangabe ist von San- Af arte in Pfeiffer' s Germania, p. 120 ff. 
gegeben. 

140. Liber eure cocorum. Copied and edited from the 
Sloone Ms. 1986 by B. Morris, Berlin. 8°. IV, 61 p. 20Sgr. 

Das hier zum ersten Male edirte Werkchen bildet einen Anhang zu 
dem Codex: „Boke of Curtasye" (von Halliwell für die Percy- Society 
herausgegeben), ist in einem nördlichen Dialekt (wahrscheinlich von 
Lancashire) des 15. Jahrh. geschrieben und wahrscheinlich nicht viel 
älter als die Zeit Heinrich's VI. Der Verf. nennt es auch neben dem 
latein. Titel: The slightes of Cure (art of Cookery). 127 Recepte zu 
den verschiedensten Gerichten werden hier in kurzen Reimpaaren ge- 
geben. -^ Ein kleines Glossar ist beigefügt. Pfeiffer' % Germania, p. 117 f. 

141. The Play of the Sacrament. A middle- english 
drama, edited from a mscr. in the library of Trinity College, 
Dublin, with a Preface and Glossary, by W, S. Berlin. 8^. 
54 p. 20 Sgr. 

Der Heraasg. ist Hr. Whitley Stokes. — Die Handschr. des Stücks 
ist wahrscheinlich bald nach dem Jahre 1461 vollendet, das Stück 
selbst aber älter. Es war zu Croxton aufgeführt; es gibt aber der 
Orte dieses Namens mehrere in England , und der Herausg. wagt selbst 
keine Entscheidung zu treffen. Der Inhalf ist das auch in einem fran- 
zösischen Myst^re behandelte Mirakel einer von einem Juden gemarter- 
ten Hostie, das in unserem Stück aber, abweichend von jenem, statt 
mit der Bestrafung, vielmehr mit der Bekehrung des Juden endigt. 
Wir gedenken auf das interessante Spiel an einer andern Stelle aus- 
führlicher zurückzukommen. Die Ausgabe ist mit grofser Sorgfalt ge- 
macht und auch ein Glossarial Index beigefügt. 

142. The Shoemaker's Holiday or the Gentle Graft. 
Nach. einem Drucke aus dem Jahre 1618 neu herausgegeben 



Zur englischen Literaturgeschichte. 445 

von H, Fritscke. Thorn. 8^. 67 p. (Beilage zu dem Pro- 
gramm des evangel. Gymnas. zu Thorn). 

Dies Stück, von dem der Heransg. 1859 in Herrig's Archiv aus" 
führliche Nachricht, Inhaltsangabe und Auszüge gab, wovon wir Jahr 
gang 59, Nr. 133 Mittheilung machten, ist nun unserm dort ausge* 
spro ebenen und motivirten Wunsche gemäfs hier vollständig veröffent" 
licht, wofür alle Freunde des altenglischen Theaters dem Hm. Herausg- 
Dank wissen werden. Am Schlufs sind schätzbare „Bemerkungen" über 
das Stück und zur Erklärung einzelner Stellen beigefugt. 



143. Bacon. — The Leiters and the Life of Francis 
Bacon, including all bis Occasional Works, namelj Letters, 
Speeches, Tracts, State Papers, Memorials, Devices, and all 
autbentic Writings not already printed among his philosophi- 
cal, literary or professional Works. Newly coUected and sent 
forth in chronological order, with a Commentary biographi- 
cal and historical by /. Spedding. 2 Vol. 8*^. 800 p. 24 s. 

Diese beiden Bände bilden den 8. u. 9. der „Works of Fr. Bacon** ; 
s. darüber Athenaeum^ July. (L.) 

144. Bnrns. — The principal Songs of Robert Bums, 
translated iilto mediseval latin verse, with the Scottish Version 
coUated, by A, Leighton. Edinburg. 8°. 5 s. 

145. Byron. — Childe Harold, poeme de Lord Byron; 
traduit en vers fran^ais par Luden Davdsies de Pontes. Paris. 
2 Vol. 18^ LI, 568 p. 6 Fr. 

„II est difficile qu'une traduction soit plus correcte que celle-ci; 
il est impossible d*en imaginer une plus exacte. Non seulement les 
stances anglaises de neuf vers sont traduites par des stances fran^aises 
de meme etendue, mais chaque vers du texte original est rendu dans 
le vers meme qui lui est parallele; souvent meme l'hemistiche repond 
a rhemistiche.** So Vapereau, Dann, litt, p. 36; aber er fügt hinzu, 
dafs vorzüglich nur in den beschreibenden Stellen die XJebersetzung 
den Geist des Originals athme. Die XJebersetzung ist übrigens erst 
nach dem Tode ihres Verfassers durch dessen Frau, eine geborene 
Engländerin, herausgegeben, und zwar, wovon der Titel nichtö sagt, 
in Begleitung des Originals. Vgl. auch Bookaeüer^ June, und das gun- 
stige -TJrtheil des Ldterar. Gentralbl.^ Nr. 36. 

146. Byron. — ^OHt-äKyaH'B. CoqHHeme JopÄa Bafipona. 
TiBBa nepsaa. nepesOÄT» H. A. MapRCBH^a. Leipzig. 16**. 
164 p. 1 Thlr. 

Don Juan. 1. Tbl. übers, von Markewicz, 

147. Hallam. — Remains in Verse and Prose of Arthur 
Henry Hallam; with a Preface and Memoir. 8^. 7 s. 6 d. 

148. Hood. — The Works of Thomas Hood, comic 
and serious, in prose and verse. Edited with Notes by his 

son. 7 Vol. 8^ 42 s. 

Die Werke sind in dieser Ausg. soweit als möglich chronologisch 
geordnet. Bisher unveröffentlichte Stücke finden sich hier auch mit- 
getheilt, sowie solche, die in Journalen erschienen und noch nicht wie- 



446 Bibliographie. 

der gedruckt worden. So sind hier alle Schriften Hpod's zam ersten 
Mal vereinigt — mit der einen Ausnahme der kurz vorher publicirten 
zwei Serien von „Hood's Own". 

149. Horgan. — Memoire, Autobiography and Corre- 
epondance of Lady Morgan. 2 Vol. 8°. 1096 p. 

150. Shakespeare. — A Reprint of the first edition, the 
Folio of 1623. Part I. The Comedies.' 4^. 10 s. 6 d. 

151. Shakespeare. — Works. Edit. by B, Grant White. 
[s. J. 60, Nr. 165.] Vol. X— Xn. 

152. Shakespeare. — Oeuvres compl., traduites par 
Fr. V. Hugo. [s. J. 61, Nr. 147.] Vol. IX— XI. ä 3V2 Fr. 

T. X. „La 8oci^te« (Mafs für Mafs, Timon, Cäsar); T. XI. „La 
Patrie« (Richard H., Heinrich IV., 1. u. 2. Thl.). 

153. Shakespeare. — Shakespeare's Sonnets reproduced 
in Fac-simile by the new process of photozincography from 
the nnrivalled Original in the library of Bridgewater Honse, 
by permission of the Earl of Ellesmere. 8°. 10 s. 6 d. 

154. Shakespeare. — W. Shakespeare's Sonette in deat- 
scher Nachbildung von jP. BodenstedU Berlin. 8^. VII, 246 p. 
2 Thln 

Eine Ausgabe in 16°. 15 Sgr. 

155. Shelley. — Relics of Shelley. Edited by R. Gametu 
12^ 210 p. 5 8. 

Enthält aufser einzelnen und zum Theil schönen Gedichten und 
prosaischen Fragmenten auch Briefe von dem Dichter und seiner Frau, 
die manche neue Beiträge zu Shelley's Leben, namentlich l-ücksichtlich 
seiner ehelichen Verhältnisse, bringen. Vgl. Atkenaeum, July, 

156. Spenser« — The Works of Edmund Spenser, edited 
by J. Payne Collier. 5 Vol. 8°. 75 s. 

Biese neue, auch äufserlich sehr hübsch ausgestattete Ausgabe 
Spenser's ist die erste kritische seit der von Todd, welche 1805 er- 
schien, aber längst vergriffen ist. Der Text ist durch .Vergleichuog 
alier alten Ausgaben festgestellt, und die sebr sorgfältige Biographie 
enthält verschiedene bisher unbekannte Thatsachen, welche auf ein- 
zelne Punkte in des Dichters Leben ein neues Licht werfen, Vergl. 
Athenaeum. Jan. 



IIL Zur italienischen Literaturgeschichte. 

A. 

157. Bibliografia d«! Friuli, saggio dell' abb. G, Valen- 
tinelli. Venezia. 8°. VIII, 540 p. 

Führt 3655 Titel von Werken auf — worunter allerdings viele 
Gelegenheitsschriften — hin und wieder mit Anmerkungen über die 
Verfasser u. s. w. Vgl. darüber u. a. Si/bel*8 histor. Zeitschr., IV, 4. Hft. 

158. Inventario della libreria Urbinate. compilato nel 



Zar italienisdiea Literaturgeschichte. 447 

8ec Xy da Federigo Veterano^ bibliotecario di Federigo I da 
Montefeltro , duca d'ürbino. 

In: Giorn. 8tor. degli Archivi tose. Vol. VI. 

159. Gatalogo di manoscritti ora possednti da Baidas- 
sare Boncompagni compilato da Enrico Narduccu Roma. 8°. 
XXII, 219 p. 

160. Annali di tipografia di Francesco Marcolini, per 
Scipione CasalL Puntata prima. Forii. 8^. XVII, 128 p. 

161. Les chants populaires de Fltalie, par /. B, Bathery, 
In: Beyue des deox Mondes, Mars. 



162. Äriosto. — Annali delle edizioni e delle versioni 
deli' Orlando Furioso e d'altri lavori al poema relativi, di 
Ulisse Guidi. Bologna. 8**. XII, 224 p. (Mit Portr.) 

163. Balbo. — Cesare Balbo, von A. v, Beumont, 
In dessen Zeitgenossen. Berlin. Bd. I. 

S. darüber SybePa histor, Zeitschr., V, 1. Hft. 

164. Dante. — Dante und die gottliche Comodie, von 
K. Justi. Stuttgart. 8**. 40 p. 

165. Dante« — Saggio di osservazioni sopra gli stadi 
biblici di Dante AUighieri, di C. Caoedoni. [s. J. 61, Nr. 161.] 

In: Opuscoli religiosi, letterarj e morali di Mpdena, 
XI, 1 — 21, 321—338; XII, 161 — 184. 

166. Dante. — Intorno all' epoca della Vita Nuova dl 
Dante Alligbieri dissertazione con una appendice sulF epoche 
dei trattati del Convito di Antonio Lubin. Gratz, Kienreicb. 
8^ .48 p. 

167. Dante. — II vero concetto cattolico della Divina 
Oommedia di Dante, ragionamento di Bartölommeo Sorio, 
Verona (Merlo). 4**. 23 p. 

168. Dante. — Commento di Fr. da Buti [s. J. 60, 
Nr. 190]. Tomo III. X, 902 p. 

169. Dante. — Studj Dantescbi. I. Un problema Dan- 
tesco astronomico. IL Ün solenne sproposito di cronologia 
faisamente attribuito a Dante Alligbieri. III. Alcune lezioni 
Dantescbe errate; di Bartölommeo Sorio, 

In: Opuscoli ecc. di Modena, XII, 266 — 279. 

170. Dante. — Saggio di emendazioni al Convito di 
Dante, di Matteo Bomani, 

In: Opuscoli ecc. di Modena, XI, 276 — 281. 

171. Foscolo. — ' Ugo Foscolo's Aufenthalt in Zürich, 
von A. Tobler. Bern. 8^. 32 p. (Abdruck aus der „Scbweiz«'). 

172. Goicciardini. — Guicbardin, bistorien et boname 
d'etat au 16® siecle; etude sur sa vie et ses oeuvres, accom- 



448 Bibliographie. 

pagn^ de lettres et de documents inedks; par E. Benaist, 
MarseiUe. 8^. 438 p. 5 Fr. 

173. Ouiociardini. — Studio storico-politico solla vita 
e sulle opere di Francesco Gnicciardini, per Ferd. RanallL 

In: Arch. stör., Disp. 1. 

174. Petrarca. — Saggio di alcane varianti tratte dai 
migliori codici a penna delle rime di Francesco Petrarca, 
esistenti neue biblioteche Mediceo -Laurenziana e Biccardiana 
di Firenze, per Crist Pasqualigo, Savona. 8^. 20 p. 

175. Bomanin. — Elogio del prof. Samuele Romanin 
letto neir adananza del 5 diceinbre 1861 del Veneto Ateneo 
da Michelangelo Asson, Venezia. 32°. 79 p. (Mit Portr.) 

176. Tasse. — Processo fatto in Bologna Tanno 1564 
a Torquato Tasso, pubblicato da Michelangelo GitalandL Bo- 
logna, fol. 24 p. 

Im Anfange des J. 1563 circalirte in Bologna und namentlich in 
den Schalen eine „poetica pasquinata" von 50 bis 60 Versen, worin 
einige Schüler und Doctoren heftig mitgenommen worden. Tasso wurde 
der Abfassung beschuldigt und deshalb gegen ihn ein Procefs erhoben. 
Er floh, erklärte sich aber in einem stolzen und beredten Briefe an 
seinen Beschützer, den Cardinal Cesi (Castelvedro den letzten Februar 
1564), für unschuldig. Durch den Einflufs des Cardinais wurde dann 
auch der Procefs niedergeschlagen, dessen Acten hier im Original 
publicirt erscheinen. 

B. 

177. Scelta di curiosita letterarie inedite o rare dal se- 
colo XIII al XIX. Bologna, Romagnoli. Dispensa VI — ^XXVb. 

Einen Bericht über alle bisher erschienene Lieferungen wird Mus- 
Sofia in einem der nächsten Hefte dels Jahrbuches geben. 

•178. Vita e martirio di S. Pietro Martire delP ordine 
dei Predicatori. Leggenda scritta nell' aureo secolo della lingua 
(pubbl. da Roberto Visiani^ Verona (Vicentini e Franchini). 4**. 

Altitalienische Uebersetzung ans der Legenda aurea. 



179. Ariosto. — Lettere di Lodovico Ariosto tratte 
dagli autografi dell' Archivio palatino di Modena, per cura 
di AnU Capelli. Modena. 16^. CXI, 141 p. 

180. Ariosto. — Lettere di Lodovico Ariosto agli anziani 
della repubblica di Lucca. 

In: Giorn» stör, degli Arch. tose. Vol. VI. 
56 Briefe. Sie sind zu der Zeit, wo Ariost die Garfagnana ver- 
waltete, geschrieben und werfen daher auf diese Periode seines Lebens 
einiges Licht, indem sie ihn als Geschäftsmann kennen lehren. 

181. Bisticci. — Commentario della vita di Messer Gian- 
nozzo Manetti scritto da Vespasiano Bisticci, aggiuhtevi altre 
vite inedite del medesimo e certe cose volgari di esso Gian- 
nozzo. Torino. 16^ XI, 236 p. (Collez.diopereined.etc.Vol.il) 

S. über die Collezione J. 61, Nr. 186 und vgl. J. 59, Nr. 244. 



Zar italienisehen Literaturgeschichte. 449 

182; Cino da Pistoja. — Rime di Messer Cino da Pistoja 
e d'altri del secolo XIV ordinale da Giosue Carducci, Firenze 
(Barbera). 16^ (C. D.) LXXXIX, 615 p. 

Sehr geschickt zusammengestellte Sammlang; hübsche Vorrede. 
(Mussafia.) 

183. Dante. — Dante Allighieri. La Divina Commedia. 
Ricorretta sopra qnattro dei piü autorevoli testi a penna da 
Carlo Witte. Berlin. 4°. LXXXVIH, 727 p. (Mit Photogr.) 
12 Thlr. (8^ 2 Thlr.). 

Ueber diese wichtige Ausgabe, die eine besondere Besprechung 
im Jahrbache yerdiente, verweisen wir vorläufig auf unsere Anzeige 
derselben im Litterar, Centralbl., Nr. 17. Zwei italienische Kritiken 
sind 1862 in Venedig selbständig erschienen, nämlich: Sulla nuova 
edizione della Divina Commedia pubbl. a Berlino da C. Witte, lettera 
di Franc, Gregoretti (8®. 39 p.), und: Intorno al merito da dover esser 
riferito alla splendida edizione della Divina commedia di Dante Alli- 
ghieri or procurata da C. Witte, lettera critica (von Filippo Scolari) 
8«. 29 p. 

184. Dante. — L*Enfer du Dante, traduction nouvelle 
en vers fran9ais. Preface critique sur Dante et la poesie an 
19® siecle, et poemes divers etc. par F. de Perrodil, Paris. 
8^ XV, 416 p. 

185. Dante. — Dante's Divine Comedy; Hell, Purga- 
tory, Paradise; translated by C. B. Cayley. 3 Vol. 8°. 15 s. 

186. Dante. — The Trilogy or Dante's three Visions. 
Paxt IL Purgatorio or the vision of pargatory, translated into 
English in the metre and triple rhyme of the original, with 
Dotes and illustrations by J, Wesley Thomas, London. 8**. 6 s. 

Vgl. J. 59, Nr. 249. 

187. Latini. — Seguito del Tesoro di ser Branetto La- 
tin! [s. J. 61, Nr. 216], pubbl. da Bartolommeo Sorio. 

In: Opuscoli ecc. di Modena; XI, 65 — 80, 339 — 355, 
Xn, 35—50, 350—363. 

188. Marino. — Opere di Giambattista Marino con 
giunta di nuovi componimenti inediti. Gon un discorso pre- 
liminario di Gius. Zirardini, Napoli. 8^. 554 p. 

189. Medici, Lorenzino de'. — Lorenzino de' Medici. 
Scritti e documenti ora per la prima volta raccolti. Milano. 
8°. XV, 153 p. (Theil der Biblioteca rara pubbl. da G, Daelli), 

*190. Nicolini. — Prose di Giuseppe Nicolini, nuova- 
mente Ordinate da D. Pallaveri. Firenze 1861. 8**. VIII, 479 p. 
Vgl. J. 60, Nr. 231. 

191. Petrarca. — Francisci Petrarcae Epistolae [s. J. 59, 
Nr. 260]. Vol. IL 

192. Piccolomini. — La Raffaella ovvero della bella 
creanza delle donne, dialogo di Alessandro Piccolomini. Mi- 
lano. 8°. X, 96 p. (Theil der Bibl. rara pubbl. da G. Daelli). 



450 Bibliographie. 

193. Pindemonte« — Sette lettere d'Ippolito Pindemoote 
ad Angelo Zendrini. Rovigo (Minelli). 4^ 13 p. 

194. Savonarola, — Poesie di fra Girolamo Savonarola 
tratte dalP autografo. Firenze. 8**. 64 p. (Mit Facsimile). 

In 250 Exempl. 

195. Tassoni. — Lettere inedite di Alessandro Tassoni 
al canonico Annibale Sassi pubbl. da Ferdinando Calori-CeM. 

In : Opuscoli ecc. di Modena, XI, 458 — - 466. 

196. Vioo. — Scritti inediti di Giambattista Vico tratti 
üa un autografo deir autore e pubblicati da Gim, del Giudice. 
Napoli. 8**. 



IV. Zur spanischen Literaturgeschichte. 

/ A. 

197. Historia critica de la literatura espanola , por 
/. Amador de los Bios. [s. J. 61, Nr. 227.] Tomo 11. 645 p. 

S. oben p. 80 ff. die Anzeige von Ferd, Wolf. 

198. Diccionario de esritores gallegos, por Man. Mar- 
guia, Con un Apendice que contiene la Antologia gallega 6 
sea coleccion de escritos escogidos en prosa y verso de los 
mejores autores del pais. Vigo. 4°. 

199. Ensayos biograficos y de critica literaria sobre los 
principales poetas y literatos hispano-americanos, por J. M. 
Torres Caicedo. 1* Serie. Tom. I — IL Paris. 8^ 646 p. 

200. L'Espagne religieuse et litteraire. Pages detachees 
par Antoine de Latour. Paris. 12®. VII, 364 p. 3 Fr. 

Fünf Kapitel des Buchs sind der Literatur gewidmet, nämlich: 
VInfcunt Don Garlos — behandelt das Stuck des Diego de Jimenez 
Enciso (geb. 1585), worin D. Carlos der Geschichte getreu charakte- 
risirt wird; ferner Pierre Corneille et Diamante^ Romeo et Juliette en 
Espagne — bezieht sich auf Rojas' Facciones de Verona und Lope's 
Castelvin und Montes — üne tertulia litteraire- ä SeviUe und Un petiu 
neveu de Gongora — mit dem letzten ist der Marquis von Cabriilana 
gemeint, Verf. eines epischen Gedichts auf die Einnahme Ton Cordoba 
und einer Abhandlung über Gongora. 

201. De algunas representaciones catalanas antigaas y 
vulgares, por Manuel Mild y Fontanals. 

In: Revista de Cataluna. Tomo II, Nr. 9 — 11, 14, 
Wir werden auf diese interessante Arbeit gelegentlich ausführ- 
licher zurückkommen. In 4 Kapiteln werden die Representaciones reli- 
giosas, die Representaciones cortesanas, die Entremeses und die Danzaa 
behandelt. 



Zur spanischen n. portugiesischen Literaturgeschichte. 451 

202. Cervantes. — El Quijote y la Estafeta de Urgenda, 
por Franc. Maria Tubino, Sevilla y Madrid. 8°. 

203. CastiUejo. — Ueber Cristobal de Castillejo's Todes- 
jahr, von Ferd, Wolf. 

In : Sitzungsber. d. k. Akad. der Wissensch. in Wien. 

B. 

204. Cervantes. — Histoire de Tadmirable don Qui- 
chotte de la Manche par Miguel de Cervantes. Tradnction 
nouvelle, illustree de 28 grandes lithographies. Paris. Gr. 8^. 
10 Fr. 

205. Teresa, Santa. — Escritos de Santa Teresa, afia- 
didos etc. [s. J. 61, Nr. 242.] por V, de la Fuente. Tomo II. 
LVI, 538 p. 50 r. 

206. Tirso de Molina. ■— Theatre de Tirso de Molina, 
traduit par Alph, Royer. Paris. 18°. 463 p. 3 Fr. 



V. Zur portugiesischen Literaturgeschichte. 



207. Diccionario bibliographico portugaez. Estudos de 
J. F. da Silva, [s. J. 61, Nr. 243.] Tomo VI. 474 p. 

208. Curso elementar de litteratura nacional pelo doutor 
Joaquim Caetano Fernandes Pinheiro, Rio de Janeirb. 8**. 

B. 

209. CoUec^ao de monumentos ineditos para a historia 
das conquistas etc. [s. J. 61, Nr. 245.] Lendas da India, por 
G. Correa. Tomo III, Parte I. 438 p. 

210. Camöes. — Obras etc. [s. J. 60, Nr. 257.] peTo 
Vizconde de Juromenha. Vol. II. 

211. Camdes. — Les Lusiades ou les Portugais, poeme 
en dix chants de Camoens; traduction de J. B. J. Millie, 
revue, corrigee et annetee par Dubeux, Precedee d'une notice 
sur la vie et les ouvrages de Camoens par C. Magnin, Paris. 
8«. LX, 372 p. 3V2 Fr. 

212. Pereira da Silva. — Obras litterarias e politicas 
de J. M. Pereira da Silva. Tomo I. Variedades litterarias. 
Tomo U. Escriptos politicos e diseursos parlementares. Paris. 
8^ 412 p. 



452 Bibliographie. 

VI. Zur allgemeinen Literaturgeschichte, 

nebst Werken, die mehrere Literataren zugleich betreffen. 

213. Tresor des livres rares et precieux etc., par J. G. 
Th. Grässe. [s. J. 61, Nr. 247.] Livrais. 16 — 20. 

214. Manuel du libraire et de Tamatear de livres, par 
Joe. Brunei. 5® ed. [s. J. 61, Nr. 248.] Tome HI. 

215. Bibliotheca historica medii aevi: Wegweiser durch 
die Geschichtswerke des europ. Mittelalters von 375 — 1500. 
Von Aug. Potthast. Bd. I — IL Berlin. Gr. 8«. Vm, 822 p. 
5 Thlr. 

Enthält auch ein vollständiges InhaltsTerzeichnifs zu den Acta 
Sanctorum. 

216. Aldus Manutius und seine Zeitgenossen in Italien 
und Deutschland, von Jul. Schuck. Im Anh.: Die Familie 
Aldus bis zu ihrem Ende. Berlin. 8^ X, 151 p. 1 Thlr. 

217. Les Elzevir de la bibliotheque imperiale de St.-Pe- 
tersbourg. St. - Petersburg. l2«. XIV, 223 p. 

Die Petersburger Bibliothek besitzt 1200 Elzevirs, welche zum 
gröfsten Theil aus den Fonds Zeluski und Suchtelen stammen. Die 
Arbeit ist von dem Grafen Andreas Rastoptchine verfafst, eingeleitet 
und herausgegeben aber von dem Bibliothekar Minzloff. Bullet, d« 
biblioph. et du biblioth., p. 1001. 

218. Essai bibüographique sur le Speculum humanae sal- 
vationis, par /. Berjeau. London. 4°. 



219. Etudes sur quelques points d'archeologie et d'histoire 
litteraire, par Edä. du Meril Paris. 8°. 514 p. 8 Fr. 

Enthält aufser dem im Jahrbuch selbst zuerst veröffentlichten Auf- 
satz über Wace, und den in der Bibliographie J. 58 u. 60 bereits auf- 
geführten über die span. Romanzen und die französ. Tragödie, noch 
unter andern: La legende de Robert le Diable, De la Tapisserie de 
Bayettx et de son importance historique und Les Contes de bonfies femmes, 
auch schon früher publicirte durch Fülle der Gelehrsamkeit ausgezeich- 
nete Arbeiten. 

220. Notices et Extraits des manuscrits de la bibliothe- 
que imperiale et autres bibliotheques , publies par Tlnstitut 
imperial de France. Tome XX. Seconde Partie. Paris. 4^ 
482 p. Der Bd. 15 Fr. 

Enthält: Commentaire de Jean Scot Erigene sur Martianus Capella, 
par Haureau; Des Commeutaires inedits de Guillaume de Gonches et 
de Nicolas de Triveth sur la Consolation de la philosopbie de Bo^ce, 
par Ch. Jourdain; Notices et extraits de documents inedits relatifis a 
l'histoire de France sous Philippe le Bei, par Boutaric; Jugements de 
l'echiquier de Normandie au XIII® sifecle, par L. Delisle. 



Zur allgemeinen Literaturgeschichte. 453 

221. Etnde sur Gregoire de Tours, on de la civilisa- 
tion en France au 6® siecle, par L, B, Des Francs, Cham- 
bery. 8^ 3% ^r. 

222. Alcuin und Arno, von H. Zeifsberg, 

In: Zeitschr. f, d. Österreich. Gymnas., p. 85 ff. 

223. Pierre le Venerable, abbe de Cluny; sa Tie, ses 
Oeuvres et la societe monastique au 12® siecle, par B, Duparay. 
ChaJon. 4^ 176 p. 6 Fr. 

224. Giraldi Cambrensis opera. [s. J. 61, Nr. 258.] 
Vol. n. LXXII, 364 p. 

Enthält das Werk: Gemma ecclesiastica in 2 Bachern, eine aus- 
führliche Ansprache des Archidiaconns an seinen Klerus in Wales , um 
ihm durch Lehre und Beispiel alle kanonischen Anforderungen des 
Pfarramts der Reihe nach einzuschärfen. Mancherlei Anekdoten und 
Märchen finden sich hier eingestreut. S. SybeCs Biston Zeitschr. , 4. B/t, 

225. Rhytbmi veteres de vita monastica, corriges et com- 
pletes d'apres un manuscrit de la bibliotheque publique de 
Bruges par L, JRoersch, 

In: Bullet, du biblioph. beige, p. 161 fF. 
£& sind die am Ende des 3. Bandes Yon Fabricius' Bibl. med. et 
inf. latinitatis abgedruckten, dem heil. Bernhard beigelegten Verse, 
-welche auch Migne in seiner Ausg. der Werke desselben reproducirt 
hat. Die obige Edition gibt manche Varianten und mehrere ganz neue 
Strophen. 

226. Eine Handschrift des Physiologus Theobaldi. Be- 
schrieben und mit einer literargeschichtlichen Abhandlung über 
die sogen. Physiologen und die Bestiarien überhaupt begleitet 
von Dr. med. /. G, Thier/elder. 

In: Serapeum, Nr. 15. 
Die Handschrift ist aus dem Ende des 14. oder dem Anfang des 
15. Jahrhunderts. Der Text stimmt im Wesentlichen mit dem gedruck- 
ten überein, nur weichen bisweilen die Lesarten ab, und zum Vortheil 
der Handschrift, die auch zwei Verse mehr hat und die Verszeilen in 
der Sapphischen Strophe richtiger absetzt. Der Gommentar ist von 
dem in den Ausgaben enthaltenen verschieden , auch viel ausführlicher 
und an Citaten reicher. — Die literargeschichtliche Abhandlung, die 
recht interessant ist, gibt u. a. eine vergleichende Uebersicht der in 
den verschiedenen Physiologen (der Verf. führt nicht weniger als 13 auf) 
vorkommenden Thiere. 

227. Ueber Reinbardus Vulpes ed. Knorr. Ein Beitrag 
zur Reinhardssage von E. Schulze, (Progr. des Padagog. zu 
Züllichau). 

Der Verf. behandelt den Versbau, die Namen und Epitheta der 
im Gedicht auftretenden Thiere, gibt kritische und erklärende Anmer- 
kungen und schliefst mit einer Uebersicht über den Gebrauch einzelner 
Verbalformen und die Bezeichnung untergeordneter Sätze, welche über- 
haupt für das Latein des Mittelalters nicht unwichtig ist. Berrig's 
Archiv f. d. St. d. neuem Spr. XXXI. — S. über das W^rk selbst 
J. 60, Nr. 273. 



454 Bibliographie. 

228. Gesta regum Britanniae. A. metrical history of the 
Xni*^ Century, now first printed from three Manoscripts by 
Fr. Michel London. 8^. XIX, 235 p. 

229. Enea Silvio de' Piccolomini, als Papst Pius 11., 
und sein Zeitalter; von G. Voigt. Bd. 11. Berlin. XII, 377 p. 

1% Thlr. 

Der erste Band erschien 1856, ein dritter, letzter 1863; der vor- 
liegende betrachtet Silvio insbesondere auch als Schriftsteller. 

• 230. Laurentius Valla, hans Liv og Skrifiter. Et Bidrag 
til Belysning af Humanismen ; af /. ClatLsen, Kopenhagen. 1861. 
8^ 302 p. iVa Thlr. 

231. De Marci Hieronymi Vidae poeticorum libris IQ. 
Auct. Vissac. Paris. 8^. iVa ^r. 

232. De la poesie latine en France au siecle de Louis XIV. 
(These pres. etc.) Par Tabbe Vissac. Paris. 8^. 312 p. 4 Fr. 

Bei der mannichfachen Pflege, welche die lateinische Dichtung da- 
mals noch in Frankreich fand, bildet das Bnch eine nicht unwichtige 
Ergänzung der französ. Literaturgeschichte jener Epoche. 



233. Ueber ein neuentdecktes mittelniederländisches Bruch- 
stuck des Garijn; von C. Ho/mann. 

In: Sitzungsber. d. bair. Akad. in München 1861, ü. 

Dies Fragment gehört einem viel späteren Theile des Gedichts an, 
als die bis jetzt bekannten der mittelniederländ. Bearbeitung der noch 
verlorenen franzos. Fortsetzimg des Garin von Lothringen. 



234. The Dean of Lismore's Book, a selection of an- 
cient Gaelic poetry, from a manuscript collection made by 
Sir James Mac Gregor, dean of Lismore, in the beginning 
of the 16. Century. Edited with a translafion and notes by 
Th. Mac Lauchlan^ and an introduction and additional notes 
by W. F. Skene. 8«. 12 s. 

235. A treatise on the language, poetry and music of 
the Highland Clans; with illustrative traditions and aneedotes 
and numerous ancient Highland airs, by Donald Campbell. 
Edinburg. 8^ 290 p. 9 s. 



236. Populär tales of the West-Higblands, orally col- 
lected, with a translation by J. F. Camphell, [s. J. 60, Nr. 267.] 
Vol. HI— IV. 

237. Gamle danske Minder i Folkemunde, af Svend 
Grundtvig. Tredje Sämling. Kopenhagen. 8**. VI, 244 p. 24 Sgr. 

Die beiden ersten ßändchen erschienen 1854 und 1857. Es sind 
üeberlieferungen aus dem Munde des Volks, Märchen, Sagen, Lieder, 
Rathsel, Spiele, Gebräuche, Sprichwörter ans allen Theilen Dane- 
marks. Anmerkungen weisen auf Verwandtes, namentlich aus schwe- 
discher Volksüberlieferung. Literar. Centralbl.y Nr. 14, 



Philologie. 455 

238. Contes populaires de la Norvege, de la Finlande 
et de la Bourgogne, suivis de poeeies norvegiennes imitees en 
vers, avec des introductions, por E, Beauvois, Paris. 8**. 
XXXV, 288 p. 3 Fr. 

S. oben pag. 1 ff., den Aufsatz von R. Kohler, 

239. Ueber die Sage vom heil. Georg, als Beitrag zur 
iranischen Mythengeschichte, von t?. Gutschmid. 

In: Berichte über d. Yerhandl. der k. sächs. Gesell- 
schaft d. Wissensch. 
Der Verf. weist in sehr gelehrter und scharfsinniger Weise die 
Identität des heil. Georg mit dem Mithra nach. 

240. Der Werwolf, Beitrag zur Sagengeschichte von 
TT. Hertz. Stuttgart. Gr. 8°. 134 p. 1 Thlr. 

Der Verf. verfolgt die Sage bei allen Volkern und bringt ein rei- 
ches Material zur Kenntnifs derselben zusammen. Liter. CentraibL, Nr. 4. 



241. Analyse der indischen Märchensammlung des So- 
madeva, von Brockhaus, 

In: Berichte über d. Verhandl. der k. sachs. Gesell- 
schaft d. Wissensch. 



Vn. Philologie. 



242. An Essay on the origin and formation of the 
romance languages, containing an examination of Kaynouard^s 
theory on the relation of the italian, spanish, proven^al and 
frencb to the latin, by G. Cornewall Lewis, 2^ ed. London. 
8^ 302 p. 9 s. 

243. Beiträge zur Geschichte der romanischen Sprachen 
von A. Mussafia, Wien. 8°. 31 p. 5 Sgr. (Abdruck aus den 
Sitzungsber. der phil.-hist. Klasse der wiener Akad.). 

Enthält zwei interessante Abhandlungen: 1) Die Präsensbildung im 
Italienischen j worin die namentlich von Fuchs ausgeführte Theorie, 
welche die Veränderungen des Präsensstammes als Verstärkungen des- 
selben auffällst, zurückgewiesen wird; 2) Ueber Bonvesin dalla Riva 
und eine altframoaische Handschrift der k, k, Ho/bibltothek : einige wich- 
tige sprachliche Eigenthümlichkeiten des alten lombardischen Dichters 
hebt hier der Verf. hervor^ namentlich auch den Gebrauch von esse 
für habere zur Bildung der Tempora der Vergangenheit; über die fran- 
zösische Handschrift, welche hier in sprachlicher Beziehung in Betracht 
gezogen wird, s. die indessen (1864) erschienene akadem. Schrift 
Ferd. Wolfs „üeber emige altfranzosische Doetrinen und Allegorien 
von der Minne.^< 



456 Bibliographie. 

244. Histoire de la langae fran^aide. IStudes sur leg 
origines, Tetymologie, la grammaire, les dialectes, la versifi- 
cation et les lettres du möyen &ge; par E. Littre, 2 Vol. Paris. 
8^ 14 Fr. 

Eine Sammlung einer Reihe von Aufsätzen, die im Journ. des 
Savants, der Revue des deux Mondes etc. zuerst erschienen. 

245. Etüde sur le role de Taccent latin dans la langue 
fran9ai8e, par G. Paris, Paris u. Leipzig. 8^ 131 p. 4 Fr. 

S. oben die Anzeige von Diez. 

246. La Farce de Patbelin in literarischer, grammati- 
scher und sprachlicher Hinsicht, von W, Stähle. (Dissertat) 
Marburg. 4°. 20 p. 

Enthält eine fleifsige Zusammenstellung der sprachlichen Eigen- 
thümllchkeiten. 

247. Quelques mots sur les premieres inscriptions lie- 
geoises ecrites en langue romane, par ü. C. 

In: Bullet, de la Societe liegeoise, Ann. IV, livr. 4. 

248. Dialecte bordelais, essai grammatical, par Tabbe 
Cauderan. Paris. 8°. 2 Fr. 

249. Dictionnaire etymologique de la langue franpaise etc., 
par Morand. [s. J. 61, Nr. 288.] Livr. 4 — 26. 

250. Errata du dictionnaire de Tacademie fran^aise, ou 
remarques critiques sur les irregularites qu'il presente, avec 
Findication de certaines r^gles ä etablir; par B, Pautex, 2® ed. 
Paris. 8°. XXXH, 356 p. 6 Fr. 

S. darüber Ret r de Vlnstruct, pubL 1863, Fevr. u, Avril. 

251. Dictionnaire analogique de la langue fran9aise, 
repertoire complet des mots par les idces et des idees par 
les mots; par P. Boissiere. Paris 1860— -62. Gr. 8^. 1440 p. 
20 Fr. 

Um ein Wort sind immer alle die welche verwandte Ideen aus- 
drücken, gruppirt. 

252. Lexique compare de la langae de Corneille et de 
la langue du 17® siecle en general, par Fr, Godefroy, 2 Vol. 
Paris. 8°. CXXHI, 880 p. 15 Fr. 

Dieses Werk wurde nach dem von Marty-Laveaux (vgl. J. 61, 
Nr. 281) mit dem zweiten Preis von der Acad^mie francaise gekrönt. 
Nach der Revue de Vlnstr, pubL, 1863, Mars, welche dem Werke viel 
Anerkennung zollt, ist des Verf. Ziel, alle schwierigen Wendungen 
(locuHons) und namentlich solche zu erklären, welche auTser Gebranch 
gekommen sind, deren Zahl groTser ist, als man denkt. 

253. Histoire et glossaire du normand, de Tanglais et 
de la langue fran9aise, d'apres la methode historique, naturelle 
et etymologique; par E, Le Hacker, 3 Vol. Avranches. 8**. 
1286 p. 18 Fr. 

Ausführung eines von der Akademie von Rouen gekrönten Memoire. 



Philologie. 457 

254. Petit dictionnaire du patois normand en usage dans 
rarrondissement de Pont-Audemer, par L. F, Vasvier. Rouen. 
8^ IV, 76 p. 

256. Glossaire vaodois, par P. M. Callet. Lausanne. 
12^ 4 Fr. 

256. Proverbes bearnais, recueillis par J. Hatoulet et 
E. Picot, accompagnes d'un vocabulaire et de quelques pro- 
verbes dans les autres dialectes du midi de la France. Paris. 

8^ Vm, 143 p. 6 Fr. 

Wird im Jahrbuch noch besonders angezeigt werden. 

257. Poesies narbonnaises en ffan9ais et en patois, sui- 
vies d'entretiens sur Thistoire, les traditions, les legendes, les 
moeurs etc. du pays narbonnais, par //. Berat, 2 /Vol. Nar- 
bonne. 8^ XLVm, 1544 p. 

258. Studii etimologici ; Futuri italiani spiegati colla 
lingua Sarda; Monumente linguistico 'Genovese del 1191. 

In; Strenna filologica Modenese per Fan. 1863. 
Der Verfasser dieser Artikel ist Gahani. 

259. Traite de la prosodie de la langue italienne, base 
sur Vanalyse etymologique des mots, par Ed. Kurzweil. Paris. 
12^ IV4 Fr. 

260. Dizionario della lingua italiana etc. dai sign. 
N. Tommaseo e B. Bellini. [s. J. 61, Nr. 298.]|I>Jsp. 5—11. 

261. Secondo saggio del parlare degli artigiani in 
Firenze etc. [s. J. 61, Nr. 299]. 

262. Neues Spanisch-Deutsches und Deutsch- Spanisches 
Wörterbuch,' von C. F. Franceson. Dritte, sehr vermehrte und 
verbesserte Auflage. 2 Bde. Leipzig. 8°. XIII, 1495 p. 3 Thlr. 

Dies bekannte Handwörterbuch hat hier nach dem Tode des Verf. 
durch einen neuen Herausgeber eine theilweise Umarbeitung erfahren, 
manche Lücken sind ergänzt, manche Zusätze gemacht, manche Irr- 
thümer berichtigt worden. Laut der Vorrede ist die Zahl der neu 
aufgenommenen Wörter im spanisch-deutschen Theile mehr als 10,000, 
im andern über 6000. Auch die Sprichwörter und Idiotismen sind 
vermehrt worden. So ist das Buch sehr wesentlich verbessert. 

263. üeber Ursprung und Geschichte der rhätoromani- 
schen Sprache von P. /. Ändeer. Chur. 8°. 138 p. 16 Sgr. 

Enthält manches nicht uninteressante Material, namentlich in Be- 
treff der Geschichte und Literatur der rhätoromanischen Sprache, so 
unter andern ein Verzeichnifs aller nur einigermafsen bemerkenswerthen 
rhätoromanischen Bücher seit der ältesten bis auf die neueste Zeit, 
eine Liste von 176 Nummern , in der freilich Kirche und Schule durch- 
aus dominiren; auch manche Sprachproben gibt der Verfasser. 

264. Grammaire de la langue roumaine par F. Mircesco^ 
precedee d'un aper^u historique sur la langue roumaine par 
A. Ubicini. Paris. 12°. 3V2 Fr. 



Jahrb. f. rom. u. engl. Lit. V. 4. 30 



458 Bibliographie. 

265. On the theory of ihe English Hexameter and its 
applicability to the translation of Homer, by Lord Lindsat/. 
London. 8®. 5 s. 

266. The Proverbs of Scotland coUected and arranged 
by Alex. Hislop, with Notes explanatory and illustrative, and 
a Glossary. Glasgow. 8^. 6 s. 



VIIL Kulturgeschichte. 

267. Kostümkunde. Geschiebte der Tracht und des Ge- 
räthes im Mittelalter vom 4. bis zum 14. Jahrhundert, von 
H, Weiss. Mit ^60 Einzeldarstellungen in Holzschnitt gez. 
von F, Weiss. 1. Abschnitt. Byzanz und der Osten. Stutt- 
gart. 8^. Xn, 304 p. 2 Thlr. 8 Sgr. 

268. Die ritterliche Gesellschaft im Zeitalter des Frauen- 
cultus, von J. Falke. Berlin. 8*». XXXIV, 172 p. (Mit 
Portr.) 18 Sgr. 

Theil von Ferd. Schmidt's deutscher Nationalbibliothek; daher ist 
denn auch in obiger Schrift,, über die das Literar. Centralö/., Nr. 32, 
sich sehr günstig ausspricht , Deutschland zunächst ins Auge gefafst. 

269. Die Gastlichkeit im Mittelalter, von J. Falke. 
In: Raumer's his'tor. Taschenbuch. 

Hauptsächlich auf Grund der deutschen höfischen Dichter des 12. 
und 13. Jahrb. 



270. Index chronologicus chartarum pertinentium ad 
historiam Universitatis Parisiensis ab ejus originibns ad finem 
decimi sexti saeculi, adjectis insuper pluribus instnimentis qaae 
nondum ia lucem edita erant, studio et cura Caroli Jourdain. 
Liefr. 1. Paris, fol. VIII, 68 p. 

Eine wesentliche Ergänzung des Werks von du Boulay. Die erste 
Lieferung ist dem 13. Jahrh. gewidmet und umfafst 343 Nummern, 
in cbronolog. Folge seit 12(30. Die schon veröffentlichten Urkunden 
sind nur dann wiederholt, wenn sich wichtige Varianten ergaben, oder 
wenn sie selbst sich in schwer zugänglichen Werken fanden; alle un- 
edirten Stücke sind ganz mitgetheilt. Die handschriftlichen and ge- 
druckten Quellen sind bei jeder Urkunde angemerkt, sowie anch kurze 
Noten, geographische, chronologische und biographische Erklärungen 
enthaltend, unter dem Texte gegeben. Die Vorrede gibt überdem eine 
kurze Uebereicht der Geschichte der Universität während des 13. Jahrb. 
Bibl. de Vijc. des Charles. 



Knlturgeschicbte. 459 

271. Histoire de Taiiiversite de Paris au 17® et au 
18® siecle; par Ch. Jourdain. Livr. 1—2. Paris, fol. VIII, 222 p. 
Die Liefr. 18 Fr. 

Der Verf. unternimmt es hier, du Boulay's Werk fortzusetzen, 
welches bekanntlich nur bis 1600 reicht. Eine grofse Zahl von Urkun- 
den und Belegen werden zugleich mitgetheilt. S. ßibl. de tEc, des Ghartes, 

272. Histoire de Sainte-Barbe, College etc. par Quicker at, 
[s. J. 60, Nr. 315.'] Vol. IL 419 p. 5 Fr. 

273. Les origines da palais de Tlnstitut. Recherches 
historiques sar le coUege des Quatre-Nations, d'apres des 
docaments entierement inedits, par Alfr» Franklin, Paris. 12°. 
IX, 205 p. 6 Fr. 

Ueber dies Colleg war noch nichts verö^flfentlicht. Die Hauptquelle 
des Verf. waren die Register der Procureurs des Collegs, die sich in 
dem kaiserl. Archiv befinden. Der Verf. gibt «uerst von den testa- 
mentarischen Stiftungen Nachricht und eine genaue Beschreibung der 
Maisou Richeliea und des benachbarten Quartiers, und handelt dann 
von der Art des Unterrichts, den Privilegien und Freiheiten des Col- 
legs, seinen Beziehungen zu der Universität, endlich von den Lehrern 
und Schülern, wobei interessante Einzelheiten zur Geschichte der Pä- 
dagogie und des öffentlichen Unterrichts mitgetheilt werden. S. Joum, 
des Sav., Janv. 1863. 

274. Histoire de I'universite de Valence, par Pabbe 
NadaL Valence. 8**. 451 p. 



275. Descartes et la princesse Palatine, ou de Pinfluence 
du cartesianisme sur les femmes au 17® siecle, par Foucher 
de Careil. 

In: Seances et trav. de PAcad. des sciences mor. et 
pol. T. LXII— LXIIL 

276. Histoire politique, religieuse et litteraire du Quercy 
a partir des temps celtiques jusqu'en 89; par R. Perie. Tome I. 
Gabors. 8^ 660 p. 7Va Fr. 

Wird 3 Bände bilden. 

277. Histoire de la censure theatrale en France, par 
V. Hallays-Dabot. Paris. 18^ 340 p. 3 Fr. 

Der Verf. fafst die verschiedenen literarischen Epochen ins Auge 
und geht selbst bis auf das Mittelalter zurück; vorzugsweise aber be- 
schäftigt ihn das 18. Jahrb. und die Gegenwart. S. über dies interes- 
sante Buch Vapereau, L'ann, litter. ^ p. 280 ff. 

278. History of the Opera from its origin in Italy to 
the present time, with Anecdotes of the most celebrated Com- 
posers and Vocalists of Europe; by Sutherland Edwards. 
London. 2 Vol. 8*^. 620 p. 21 s. / 



30^ 



460 Bibliographie. 

279. Die Kalendarien und Martyrologien der Angel- 
sachsen, sowie das Martyrologiam und der Computus der 
Herrad von Landsperg. Von E. Piper. Berlin. 8°. XII, 180 p. 
1 Thlr. 

280. History of the University of Edinburgh from its 
foundation, by A, DalzeL With a naemoir of the author. 
Edinburg. 2 Vol. 8^ 21 s. 

281. Munimenta Gildhallae Londoniensis , edited by 
H, T. Eiley. Vol. III. [s. J. 61, Nr. 323.] 8 s. 6 d. 

Knthält eine Uebersetzung der anglonormannischen Stellen im 
Liber Albus, Glossaries, Appendices und Indexe. 

282. Calendar of State Papers. Domestic Series of the 
Reign of Charles 1. 1631 — 1633. Preserved in H. M. Record 
Office. Edited by J. Bruce. London. 8^. 15 s. 

283. Calendar of State Papers. Domestic Series. Char- 
les II. 1663 — 1664. Edited by M. E. Green. London. 8**. 
15 8. 



Register- 



Agostini, Giov. d', 327. 

Albelda 95. 104. 

Alfons X. 119 f. 

Allegorische Poesie 88. 100. 181 f. 

Alvares deAzevedo, Man. Apt., 238. 

Alvares de Cordoba 94. 103. 

Alves Branco, Man., 230. 

Anacreon 229. 

Andrade Corvo, JoSo de, 307. 

Antichrist and the Signs before the 
doom, ined. 191 ff., Ms. u. Sprache 
191 fT, mitgetheilt 194 ff. 

Arcadia, ital. Akad., 226. 229. 

Argensola 85 f. 

Arlabecca, prov. 6ed., neue Version 
393 ff., Sinn des Worts 393. 

Averso, Luis de, 146 f. 

Barden, wälsche, 251. 

Bartsch 393 f. 

Bastle, Pentameron 13. 15. 20. 

Basset, Frare, 168. 

Beauvais, Contes popuL 1. 17 ff. 

Beda 258. 261 f. * 

Bellviare, Pau de, 166 f. 176. 

Bernart de Ventadorn 167. 

Batran de Born 159. 

Bibel, waldens., 424 f. 

Bocage, Jose, 265. 

Bonifacio, Jose, 230.' 

Botelho de Oliveira 226. 

Brasilische Nationalliteratur 222 ff., 
Eigenthümlichkelt ihrer Entwick- 
lung 223; Perioden, ältere Zeit 
225 f.; 1750—1800 Epik 227 ff., 
Lyrik (Schule von Minas) 229; 
1800 — 1840 230 ff. (polit. Ged. 
230); seit 1840 232 ff., Ro- 
mantism. 232., Drama 233. 237, 
Balladen 238 , Roman 237 f. 

Breviari d'amor, neue Lesarten aus 
wiener Mss. 401 ff. 

Brut y Tysylio 251 ff., Abfassungs- 
zeit 252, Verhältnifs zu Gottfr. 
V. Monmouth 252 ff. 

Burns, Robert, 345. 

Byron 236. 238. 



Camoens 228. 
Carpentras, Ms. von, 162 f. 
Castello Branco, Cam., 307. 
Castilho, A. F. de, 265. 267. 

279 f. 299. 
Catalanische Münzen, alte, 181. 
Catalanische Poesie : Dichter, biogr. 

literar. Nachrichten 137 ff.; Dich- 

tungsformen 138 ff., Octava 138 f., 

(Geleit 139 f.), Reimpaare 140 f. 

(Codoladas ib.), Danza 140. 142, 

Goig 143. 
Catalanische Sprache 147. 
Cato 105. 

gavall, Ramon, 188 f. 
Cenac-Moncaut, Contes popul, 1 ff. 
Champfleury, De la litter. pop. 23 f. 
Chanson de Roland 415. 419. 
Chateaubriand 236. 
Chretien de Troyes 26, Perceval 27, 

ein neues Kapitel nach einem Ms. 

V. Mons mitgetheilt 28 ff.— 263 f. 
Coelho Lousada, Anton., 307. 
Colin de Renaut 219. 
Costa, Cl. Man. da, 229. 
Couto Monteiro 266. 
Cunha Barboza, Jan. da, 231. 

Dias, Ant. Gon^., 235 f. 
Dirceu s. Gonzaga. 
Dunbar, William, 347. 
Duräo, S. R., 227. 
Dozy 92. 94. 

£nglische Dialecte 191, Flexion des 

Verb. 192, der Pronom. 193. 
Erill, Arnau de, 170 f. 

Fahrer, Andreu, 189 f. 
Farrer 139. 166. 167. 181. 
Französische Märchen, aus Gascogne 

1 ff., Burgund 17 ff., Norman- 

die 22 f. 
Französische Poesie : Altfranz. Ined. 

aus dem 13. Jahrh. mitgetheilt 

397 ff., verwandt mit einem Ged. 

bei Jubinal 398. — Altfranzös. 

Gedichte aus venezian. Uandschr. 



462 



Register. 



herauBgeg. v. Mussafia, angez.: 
La Prise de Pampelune 414, 
Sprache u. Metrik 415 f.; Ma- 
cair e 417 ff., Art der Abfassung 
418 f., Textverbesserung 420. 

Franzosische Sprache , Betonung 
406 ff., Gen. Plur. in or 409 f., 
Endung ain u. on 411 f., organ. 
Compar. 412, ambure 412 f. 

Freire de Serpa, Jose, 265 f. 

Salvany, Pere, 187 f. 

Gama, J. B. da, Uruguay 227. 

Garrett, Almeida, 233. 265 f. 279. 
307. 

Gerbert 101. 

Gesta Roderici Campid. 96. 104. 

Gildas 250. 258. 

Goethe 236. 

Gongora 85. 

Gonzaga, Tom. Ant., 229. 

Gottfried v. Monmouth, Bist reg. 
Brit'24dff,, Wichtigkeit für die 
Artussage 249, Quellen u. Ver- 
bal tnifs dazu 250, Brut y Gruffud 
u. BrutyTysylio 251, Verhältnifs 
Gottfried's zu denselben 252 ff., 
Prophetia Merlini 256 f. 

Gran Conquista d'ultramar 420. 

Grimaldus 96 f. 

Hercalano, A., 222. 265. 267. 307. 

Herzog 424 f. 

Hofmann, C, 339. 

Hugo, Victor, 236 f. 302. 393. 

Hymnen, latein., in Spanien 89 ff., 
Prototyp der Volksromanzen 89, 
Toledan. Ms. 90 f., Alter und 
Verf. 91. — 97. 

Jehan deBatery, Li dis des 8 blasons 
mitgetheilt 211 ff.. Ms. 218. 

Ildefonsus 88. 95. 

Jordi 139. 175 ff. 

Irving, David, History of scottisk 
poetry, angez. 345 ff., Werke 347. 

Isidor 87, Synonyma 88; 93. 95. 

Juan Manuel , Conde Lucanor , 100. 
120; 211. 

Jubinal 398. 

Junqueira Freire, L. J., 238. 

Karlmeinet 417 f. 

Kleist 236. 

Konrad, Rolandslied 415. 

Laing, David, 346 f. 
Lamartine 232 f. 236. 



Latini, Brunetto, Tesoro spanische 
Uebers. 125; 136. 

Lays 166. 

Lemos, Joäo de, 266. 

Le Roux de Lincy 350. 

Leys d'amors 145. 

Liebrecbt 376 f. 

Lopes de Mendon^a, A. P., 265. 
274. 308. 325. 

Lncan 85 f. 

Lull, Ramon, 159. 

Lunel de Monteg 393. 

Mabinogion 263 f. 

Macedo, J. Agost., 279. 

Macedo, J. Man. de, 236. 

Maffei, Scipione, 327. 

Magalhäes, D. J. Gon^., 232 f. 

Mallol, Lorenz, 158 f. 

Manriqne, J., 141. 

March, Aman, 168 ff. 

March, Anzias, 146. 153. 166. 

March, Jaeme, 139. 145 ff. 152. 158. 

March, Pere, 146. 153 ff. 176. 185. 

Märchen, v. dankbaren Todten 2; 
drei Fragen 4 n. ff. 

Maria Egyptiaca 421 ff. 

Martial 85 f. 

Masco, Domingo, 159 f. 

Meon 339 ff. 

Meril, Ed. du, 22. 

Mila y Fontanals 422 ff. 

Miraval, R., 141. 

Mogoda, B., 142. 

Monlau 106 f. 

Montaudon, Mönch v., 185. 

Motto confetto, Bedeutung 329 f. 

Muntaner, Ramon, 142. 

Mussafia 414 ff. ; — Ueber die Quelle 
der altspan. Vida de S. Maria 
egipciaca, angez. 421 ff., franz. 
Versionen 421, ob das Original 
franz. oder provenzalisch 422 ft\ 

Mysterien, italien., älteste Nach- 
richten 51 f.. Auffuhrung durch 
Gompagnie 52 f. 56, durch den 
Klerus 53 f., von den Klostern 56; 
— ältestes Myster, Analyse 57 ff., 
liturg. Charakter 66 f. 69 ff., scen. 
Einrichtung 68 f., Mimik 69, Stil, 
Vers, Idee 71, Abfassungszeit 72; 
ältestes Mirakelspiel , Analyse 
73 ff. , von Mönchen gespielt 74, 
Tendenz 78. 

lüTascimento, Franc. Man. do, 266. 
Nebrija, Arte de la ieng, cast 124. 



Register. 



463 



Nennius 250. 253. 258 ff. 
Nobia Leyczon, Alter 425. 

Oliveira Marca, Ant. d', 307. 
V Ossian 135. 349. 

Palermo , Manoscr. Falat. 56 ff. ; 
Emendation dazu 428. 

Palmeirim, Luis Aag., 265 ff., Poe- 
Sias 268 ff., Poes.popuL 27b ff. 312. 

Paris, GastQn, 398; — ;^tude sur 
le role de Taccent lat. dans la 
lang. fran^. angezeigt 406 ff. 

Paris, PauliD, 406. 

Pedro, Inf. v. Aragon, catal. Dich- 
ter 142 f. 

Pedro IV. v. Aragon, catal. Dich- 
ter 144. 153. 

Pelletan 280. 

Pereira da Cunha 266. 

Petrarca 159. 175. 183 f. 236. 327 ;— 
Carmina incogn., Ausg. v. Tho- 
mas angezeigt 240 ff., Echtheit 
bestritten 241 ff., Abfas.9nngszeit 
244 f. 

Petrus Alfons 100; — ined. altfranz. 
Bearbeit. seiner Disciplina 339 ff. 

Petrus Compostelanus 100. 

Philippe de Reimes, Roman deJehan 
et de Blonde, Ausg. v. Le Roux 
de Lincy angezeigt 350 ff. 
* Philipp V. Thaun, Liher de Greaturis 
359 f. 

Pigault- Lebrun 237. 

Portugiesische Nationalliteratur 223 ; 
neueste 265 ff., Dichterschulen v. 
Lissabon und Coimbra 266; Ro- 
man 307. 

Porto -Alegre 235. 

Provenzalische Poesie s. Arlabecca. 

Provenzal. Sprache, Betonung 407 f. 

Proxida 167. 

Prudentius 86. 

Queralt, Pere de, 165 f. 

Ramsay, Allan, 345. 

Reali di Francia 414. 420. 

Rebello da Silva, Luis Aug., Leben 
u. Werke 308ff. ; A mocidade de 
D. Joao V. 310 ff., Auszug über- 
setzt 315 ff. 

Ribeiro, Thomaz, 279 ff. , Leben 
281 f.; sein D. Jayme 282 ff., 
Analyse 283 ff., Kritik 297 ff. 

Rios, Amad. de los, Historia critica 



de la literatura espaTiola T. I — IF. 
angezeigt 80 ff. 

Rocaberti 145. 151 f. 

Roig, J., 139. 

Romanische Sprachen , der Aus- 
druck: ,ich bin gehabt* für ,ich 
bin gewesen* 247 f.; — Volks- 
thüml. Benennungen von Monaten : 
in Italien. Dialekten 361 ff., Di- 
minntive v. dens. 364 f., Verbal- 
bildungen V. dens. 365 f. ; im 
Churwälschen 361 f., in französ. 
Dialecten 367 , im Wallachischen 
368 f.; — von Tagen: Wochen- 
tage 369; Festtage 370 ff., Ostern 
und Pfingsten 370 ff., Neujahr u. 
Epiphan. 374 ff^ andere Feste im 
Januar 380, Lichtmefs 382 f., 
Karneval 383 f., andere Feste im 
Februar 385 f., April u. Mai 386 
(Himmelfahrt 387), Juni 387, 
August 388 f. , Septbr. u. Octbr. 
389 f., Novbr. u. Decbr. (Weih- 
nachten) 390 ff. 

Romanzen, spanische, Vers 121 ff., 
Gattungen 129 ff. 

Rudel, J., 190. 

Rutebeuf 422. 

Sagen, die Beffana (Fr. Holle) 375 ff. 

San Harte 251 ff. 

Santillaaa 176. 189. 

Säo Carlos 231. 

Schiller 236. 

Schottische Nationalliteratur 345 ff. 

Scott, Walter 312. 

Sebastianus v. Salamanca 95. 

Serradell 141. 186 f. 

Sequenzen 105, 

Shakespeare, Kaufmann v. Venedig 
135; 236. 

Sibbald 346. 

Silva Mendes Leal, Jose da, 265. 

Silva Mendes Leal jun. 267. 

Souvestre, Emil, 1. 

Souza Silva, J. Norb., 237 f. 

SpanischeLiteratur, /afemtscAeChro- 
nisten 95 ff., kirchl. Poesie 96 f., 
heroische u.histor. Poesie 98 f.; — 
Nationaldichtung, Entwicklung d. 
rythm. Formen 112 ff., paragog. e 
126 f.; s. auch Romanzen. 

Spanische Sprache, frühere Ausspr. 
der Kehlaspiraten 107 ff.; Einflufs 
des Arabischen 110; Herrschaft 
des Castil. in Aragon 111. 



644 



Register. 



Teixeira de Macedo, Alv., 231. 
Teixeira e Souza, Ant. Gonp., 238. 
Tempo, Ant. da, 328. 
Thomas 240 ff. 
Torroella 190. 
Trueba 279. 
Tiirmeda 142. 163 f. 
Turpin 414. 

Vanuozzo, Fianc. di, 327 1, ined. 

Motto confetto Ms. 327, Inhalt 

329, mitgetheiit 330 ff. 
Vidal, C, 189. 



Vilaragut, Berenguer de, 167. 
Vilella Barbosa 230. 
Vill, s. Erill. 
Yiilemarque 251 f. 
Virgil 105. 166. 

Waldensischer Dialekt 424 f. 
Warton 346. 

Wolf, Ferd., Bresil litteraire ange- 
zeigt 222 ff.; — 418. 421 f. 
Wright, Thomas, 358 ff. 

Zorrilla 282. 



Verzeichnifs 
der Mitarbeiter und ihrer Beiträge 

zu den ersten fünf Banden. 
(Die römische Ziffer bezeichnet den Band, die arabische die Seite.) 

Bartsch, Karl, Prof. in Rostock I, 171. II, 280. III, 399. 

IV, 229. 331. 421. V, 414. 421. 
Bergmann, F. G.,*Prof. in Strafsburg IV, 176. 
Beta, H., Dr. in Berlin I, 400. II, 369. III, 361. 
Boehmer, Eduard, Custos der Bibliothek in Halle IV, 158. 
Bolza, J. B., Dr. in Wien IV, 16. 

Brunet, Gustave, Präsident der Akademie in Bordeaux III, 

89. 355. 
Cambouliu, F. R., Prof. in Strafsburg III, 125. 359. IV, 403. 
Chassang, A., Prof. in Paris III, 297. 353. 
Cornet, Enrico, II, 293. 
Delius, Nicolaus, Prof. in Bonn I, 350. 
Dietrich, Franz, Prof. in Marburg I, 241. 
Diez, Friedrich, Prof. in Bonn I, 363. III, 108. V, 406. 
Ebert, Adolf, Prof. in Leipzig I, 44. 101. 131. 230. 434. 

II, 241. 436. III, 411. IV, 46. 85. 433. V, 51. 222. 358. 427. 
Grein, C. W. M., Archivsecretar in Kassel IV, 260. 
Grion, Justus, Gymnasialdirector in üdine I, 367. H, 404. 

V, 327. 

Grüzmacher, Dr. in Berlin IV, 372. V, 424. 

Gutierrez, Juan Maria, Dr. jur. in Buenos-Aires III, 177. 245. 

Helfferich, Adolf, Dr. in Berlin I, 426. 

Heller, H. ^J., Dr. in Berlin II, 183. V, 135. 

Heyse, Paul, Dr. in München III, 172. 291. 

Holland, W. L., Prof. in Tübingen II, 225. 365. 

Keller, A. v., Prof. in Tübingen II, 221. 

Köhler, Reinhold, Bibliothekar in Weimar III, 56. 338. V, 1. 

Lemcke, Ludwig, Prof. in Marburg I, 298. III, 340. 351. 

IV, 1. 70. 142. 297. 346. 
Le Roy, Alphonse, Prof. in Ltittich III, 32. 
Liebrecht, FeHx, Prof. in Lüttich I, 432. II, 119. 121. 314. 

III, 74. 146. IV, 106. 118. 227. 238. 239. V, 135. 



466 Verzeichnifs der Mitarbeiter und ihrer Beiträge. 

Mahn, C. A. F., Dr. in Berlin I, 83. 

March, F. A., Prof. in Easton U. St. II, 393. IV, 318. 

du M^ril, fid^lestand, in Paris 1,1. III, 196. 

Meyer, Paul, in Paris III, 206. 207. IV, 78. V, 393. 

Mil4 y Fontanals, Manuel, Prof. in Barcelona III, 163. 
IV, 180. V, 137. 350. 

Mommsen, Tycho, Gymnasialdirect. in Frankfurt a. M. 11,115. 

Morris, Richard, in London V, 191. 

Müller, Theodor, Prof. in Göttingen III, 92. 

Münch-Bellinghausen, Freiherr, erster Cnstos der Hof- 
bibliothek in Wien II, 139. 

Mussafia, Adolf, Prof. in Wien I, 112. III, 409. IV, 166. 
411. V, 136. 247. 401. 426. 

Nagel, S., Dr. in Mühlheim IV, 238. 

Orlandini, Prof. in Florenz IV, 286. 

Paris, Gaston, in Paris I, 388. III, 1. 3§5. IV, 311. 353. 

Paris, Paulin, Mitglied des Instituts in Paris I, 198. 

Pey, Alexandre, Prof. in Paris I, 226. 320. II, 1. 358. 

Potvin, Gh., in Brüssel V, 26. 

Reinsberg-Düringsfeld, 0. Freiherr, V, 361. 

Rios, Jos6 Amador de los, Prof. in Madrid II, 46. 412. 

III, 268. 

Ruth, E., Dr. in Heidelberg III, 114. IV, 241. 

Sachs, Dr. in Brandenburg H, 335. 

Sc he 1er, August, königl. Bibliothekar in Brüssel V, 26. 

Talbot^ Eugene, Prof. in Paris II, 227. 

Tobler, Adolf, Dr. in Solothurn I, 212. II, 82. III, 121. 

IV, 113. V, 211. 
Wallenfels, August, V, 339. 

Witte, Karl, Geheime Justizrath in Halle V, 24§. 

Wolf, Adolf, Scriptor an der k. k. Hofbibliothek in Wien 

n, 105. 204. IV, 209. V, 345. 
Wolf, Ferdinand, Gustos an der k. k. Hofbibliothek in Wien 

I, 120. 215. 247. II, 164. III, 63. 209. IV, 35. 121. 350 

V, 80. 265. 

Zarncke, Friedrich, Prof. in Leipzig V, 249. 



Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig. 



Verbesserungen. 

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